35. Predigt – Nach dem Schiedsspruch

(Diese Predigt wurde gehalten) nach dem Schiedsgericht, und was er über die Rechtsprechenden erfuhr. Darin pries er Allah für sein Unheil, dann erklärte er die Gründe für die Heimsuchung.

Die Lobpreisung für das Unheil

Alle Lobpreisung gebührt Allah, auch wenn Er mir schwere Zeiten und Ereignisse gegeben hat. Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah, Dem Einen, gibt, Er hat keinen Teilhaber, es gibt keinen Gott außer Ihm, und (ich bezeuge) dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist, Allah segne ihn und schenke ihm Heil.

Die Gründe für die Heimsuchung

Was Folgendes (betrifft)[1]: Der Ungehorsam bringt gegenüber dem gütigen, wissenden und erfahrenen Ratgeber Kummer mit sich, und darauf folgt Reue. Ich habe euch in diesem Schiedsgericht meinen Befehl gegeben. Ich hätte euch meinen Hintergedanken vorgestellt, wenn auf Qasir gehört worden wäre, doch ihr weigertet euch wie grobe Gegner und Gehorsamsverweigerer, bis der Ratgeber seinen (eigenen) Rat anzweifelt, und das Feuerholz nicht an den Feuerstein herankommt[2].

So ist meine und eure Lage derart, wie es der Dichter Hawazin beschrieben hat: „Ich habe euch meine Befehle in (dem Ort) Munaridsch al-Liwa gegeben, doch ihr habt die Ratschläge (zur Rechtleitung) erst am Mittag des nächsten Tages erkannt.“ [3]

Erläuterung

Als der Kampfgeist der Syrer auf Seiten Muawiyas durch die Schwerter der Iraker auf Seiten Imam Alis (a.) gebrochen war und die unaufhörlichen Attacken in der Nacht des Gewinsels [al-harir] ihre Moral beschädigten und ihren Bestrebungen ein Ende gesetzt hatten, schlug Amr ibn Aas in der Not Muawiya die List vor, Verse des Qur´an auf Speere zu befestigen und dass laut verkündet werden soll, den Qur´an zum Richter zu machen. Das würde zum Ergebnis haben, dass einige Leute auf Imam Alis (a.) Seite aufhören würden zu kämpfen und andere ungern weiterkämpfen. Sie würden die Anhänger Imam Alis (a.) damit spalten und erreichen, dass der Krieg vor der Niederlage Muawiyas aufgeschoben werden würde. Also wurden Qur´an-Verse an den Speeren befestigt und hochgehalten. Das Resultat war, dass einige ignorante Leute ein Wehgeschrei erhoben und in der Armee Spaltung schafften, und die Anstrengungen der einfachen Muslime erlahmten, als sie kurz vor dem Sieg standen. Ohne irgendetwas zu verstehen, begannen sie zu schreien, dass sie das Schiedsgericht des Qur´an dem Krieg vorzögen.

Als der Befehlshaber der Gläubigen (a.) sah, dass der Qur´an zum missbrauchten Werkzeug Muawiyas wurde, sagte er: „Oh Leute, tappt nicht in diese Falle von Täuschung und Trickserei. Sie greifen zu diesem Mittel, um die schmähliche Niederlage zu vermeiden. Ich kenne den Charakter jedes Einzelnen von ihnen. Sie sind weder Anhänger des Qur´an, noch haben sie irgendetwas mit Glauben oder Religion zu tun. Der Sinn unseres Kampfes bestand darin, dass sie dem Qur´an folgen und gemäß dessen Befehlen handeln sollten. Um Allahs Willen, fallt nicht auf ihr Täuschungsmanöver herein. Schreitet voran mit Entschlossenheit und Mut und lasst erst ab, wenn ihr den untergehenden Gegner besiegt habt.“

Dennoch hatte das täuschende Instrument der Falschheit gewirkt. Die Leute verfielen in Ungehorsam und Rebellion. Mis´ar ibn Fadaki al-Tamimi und Zaid ibn Hussain al-Ta´i kamen jeder mit zwanzigtausend Männern hervor und sagten zum Befehlshaber der Gläubigen (a.): „Oh Ali, wenn du nicht auf den Ruf des Qur´an hörst, dann werden wir mit dir so verfahren, wie wir mit Uthman verfahren sind. Beende die Schlacht und beuge dich dem Richtspruch des Qur´an!“ Der Befehlshaber der Gläubigen versuchte sein Bestes, um es ihnen zu erklären, aber Satan stand vor ihnen im täuschenden Gewand. Sie zwangen den Befehlshaber der Gläubigen (a.) dazu, jemanden zu entsenden, der Malik ibn al-Harith al-Aschtar vom Schlachtfeld herbeirufen sollte, obwohl jener treue Kommandeur kurz vor dem Durchbruch zu Muawiya stand. Gezwungenerweise schickte der Befehlshaber der Gläubigen (a.) Yazid ibn Hani, um Malik zurückzurufen. Als Malik diesen Befehl hörte, war er verwirrt und sagte: „Bitte sag ihm, dass jetzt nicht der Moment ist, um die Position zu verlassen. Er soll ein wenig warten, dann werde ich zu ihm kommen, um ihm den Sieg zu verkünden.“ Hani übermittelte diese Botschaft im Gegenzug, doch die Leute schrieen, dass der Befehlshaber der Gläubigen (a.) ihm noch heimlich andere Worte gesagt haben muss, doch der Befehlshaber der Gläubigen (a.) sagte, dass er nie eine Gelegenheit gehabt habe, ihm irgendeine Geheimbotschaft schicken zu können, und was immer er gesagt hätte, er hätte es vorher gesagt. Die Leute meinten, dass er erneut geschickt werden solle, und wenn Malik seine Rückkehr verzögern würde, dann sollte der Befehlshaber der Gläubigen (a.) Maliks Namen vergessen. Der Befehlshaber der Gläubigen (a.) schickte erneut Yazid ibn Hani mit der Meldung, dass da eine Rebellion entstanden sei und, er zurückkehren sollte, in welchem Zustand auch immer. Also ging Hani los und sagte zu Malik „Du musst dich entscheiden, ob dir der Sieg oder das Leben des Befehlshaber der Gläubigen lieber ist. Wenn dir sein Leben lieber ist, dann solltest du von der Schlacht ablassen und zu ihm gehen.“ Die Siegeschancen beiseite lassend stand Malik auf und kam bekümmert und enttäuscht zum Befehlshaber der Gläubigen (a.). Dort wütete das Chaos. Er ermahnte die Leute sehr scharf, doch die Dinge hatten so eine Wendung genommen, dass sie nicht mehr korrigiert werden konnten.

Es wurde dann festgesetzt, dass jede Partei einen Schiedsrichter ernennen sollte, so dass sie die Angelegenheit des Kalifats nach dem Qur´an regeln sollten. Von Muawiyas Seite wurde Amr ibn Aas bestimmt, und von der Seite des Befehlshabers der Gläubigen (a.) schlugen die Leute Abu Musa al-Asch´ari vor, obwohl Imam Ali lieber Malik al-Aschtar geschickt hätte. Imam Ali (a.) sagte, als er ihre falsche Wahl sah: „Da ihr meinen Befehl über das Schiedsgericht nicht akzeptiert habt, dann seht jetzt wenigstens ein, dass ihr Abu Musa nicht zum Schiedsrichter machen sollt. Er ist kein vertrauenswürdiger Mann. Hier ist Abdullah ibn Abbas und dort ist Malik al-Aschtar. Wählt einen von ihnen.“ Aber sie hörten ihm überhaupt nicht zu und hielten am Namen Abu Musa fest. „Gut“, sagte der Befehlshaber der Gläubigen, „so tut, was ihr wollt. Der Tag, an dem ihr eure eigenen Hände durch eure Missetaten abschneiden werdet, ist nicht fern.“

Nach der Ernennung der Schiedsrichter und als der Verhandlungsgegenstand niedergeschrieben wurde, wurde zusammen mit „Ali ibn Abi Talib“ der Titel „Befehlshaber der Gläubigen“ aufgeschrieben. Amr ibn Aas sagte: „Das soll ausradiert werden. Wenn wir ihn als Befehlshaber der Gläubigen ansehen würden, warum sollte (dann) diese Schlacht ausgetragen werden?“ Zuerst weigerte sich der Befehlshaber der Gläubigen (a.), es auszuradieren, aber als sie in keiner Weise zu einer Einigung kamen, radierte er es aus und sagte: „Dieses Ereignis ist ähnlich dem von al-Hudaibiyya, als die Ungläubigen darauf bestanden, dass die Worte „Prophet Allahs“ neben dem Namen des Propheten entfernt werden sollten und der Prophet sie entfernte.“ Daraufhin wurde Amr ibn Aas ärgerlich und sagte: „Behandelst du uns als Ungläubige?“, und der Befehlshaber der Gläubigen erwiderte: „An welchem Tag hattet ihr irgendetwas mit den Gläubigen zu tun, und wann habt ihr sie unterstützt?“ Nach dieser Regelung jedoch zerstreuten sich die Leute, und nach gegenseitigem Beratschlagen entschlossen sich die beiden Schiedsrichter dazu, dass die Leute die Möglichkeit haben sollten, denjenigen zu wählen, den sie wollten, indem sie sowohl Ali als auch Muawiya vom Kalifat ausschlossen.

Als es Zeit für die Verkündung wurde, wurde ein Treffen in Dumat-ul-Dschandal abgehalten, ein Ort zwischen Irak und Syrien. Die beiden Schiedsrichter kamen dorthin, um das Urteil über das Schicksal der Muslime zu verkünden. Mit listigem Hintergedanken sagte Amr ibn Aas zu Abu Musa: „Ich halte es für unhöflich, dir voranzugehen. Du bist der Ältere, so verkünde du zuerst.“ Abu Musa fiel auf diese Schmeichelei herein, trat stolz hervor und stand vor der Versammlung. Er sagte zu ihnen: „Ihr Muslime, wir haben einvernehmlich bestimmt, dass Ali ibn Abi Talib und Muawiya vom Kalifat ausgeschlossen werden sollen und dass die Muslime das Recht haben sollten, eine Kalifen zu wählen. Sie sollen wählen, wen immer sie wünschen.“ Dann setzte er sich nieder. Nun war die Reihe an Amr ibn Aas: „Ihr Muslime“, sagte er, „jetzt habt ihr gehört, dass Abu Musa Ali ibn Abi Talib vom Kalifat ausgeschlossen hat. Ich stimme dem ebenfalls zu. Was Muawiya angeht, so steht es nicht zur Debatte, ihn auszuschließen. Ich stelle ihn an diese Position.“ Kaum hatte er das gesagt, erhob sich ein Aufschrei. Abu Musa schrie auf, dass das ein Trick sei, eine Täuschung und sagte zu Amr ibn Aas „Du hast mich getäuscht, und du bist wie ein Hund, wenn man ihm etwas auflädt, lechzt er, und wenn man ihn lässt, lechzt er.“„Du bist wie ein Esel, der Bücher trägt“, erwiderte Amr ibn Aas. Doch war Amr ibn Aas’ List erfolgreich, und Muawiyas wacklige Machtposition wurde gestärkt.

Das ist die kurze Geschichte des Schiedsgerichts, dessen Basis angeblich Qur´an und die Verfahrensweise [sunna] des Propheten (s.) waren. Aber war es ein Richtspruch des Qur´an oder das Resultat jener Intrigen, die Leute, die am Diesseits hängen, stets anwenden, um ihre Macht zu erhalten? Können denn diese Seiten der Geschichte zu einer Leuchte der Rechtleitung für die Zukunft gemacht werden, wenn Qur´an und Verfahrensweise [sunna] des Propheten (s.) zu einem Mittel der Machtsicherung oder zu einem Instrument für weltliche Vorteilnahme missbraucht wurden?

Als der Befehlshaber der Gläubigen (a.) die Nachricht über das beklagenswerte Resultat des Schiedsgerichts erfuhr, bestieg er die Kanzel und hielt obige Predigt, von der jedes Wort seinen Kummer und seine Sorge ausdrückt und gleichzeitig sein vernünftiges Denken, seine korrekte Ansicht und seine weitsichtige Weisheit erhellt.

Der Ausspruch „wenn auf Qasir gehört worden wäre“ ist ein Sprichwort, das dann angewandt wird, wenn der Rat eines Beraters abgelehnt und es anschließend bereut wird. Das Gedicht bezieht sich darauf, dass der Herrscher von al-Hira, Dschadhima al-Abrasch den Herrscher von al-Dschazira, Amr ibn Zarib, getötet hatte. Daraufhin wurde dessen Tochter al-Zabba zur Herrscherin al-Dschaziras gekürt. Kurze Zeit, nachdem sie den Thron bestiegen hatte, ersann sie einen Plan, das Blut ihres Vaters zu vergelten. Sie schickte eine Botschaft zu Dschadhima, dass sie die Staatsgeschäfte nicht allein führen könne und wenn er ihr Beschützer sein würde, indem er sie zur Frau nehme, würde sie ihm Dankbarkeit erweisen. Dschadhima war mehr als geschmeichelt über diesen Vorschlag, und er bereitete den Aufbruch zur Reise mit tausend Reitern vor. Sein Sklave Qasir gab ihm Ratschläge und warnte ihn, dass das nur eine List und ein Trick sei, und dass er sich nicht in Gefahr begeben sollte. Aber sein Verstand war so geblendet worden, dass er gar nicht darüber nachdachte, warum al-Zabba ausgerechnet den Mörder ihres Vaters für die Partnerschaft wählen sollte. Wie auch immer, er brach auf, und als er die Grenze von al-Dschazira erreicht hatte, hieß ihn al-Zabba weder besonders willkommen, noch bereitete sie ihm einen freundlichen Empfang, obgleich ihre Armee für seinen Empfang bereit stand. Als er das sah, war Qasir wieder misstrauisch und riet Dschadhima, wieder umzukehren, aber dass er seinem Ziel so nahe war, fachte seine Leidenschaft weiter an. Er schenkte Qasirs Ratschlägen keinerlei Beachtung, schritt voran und betrat die Stadt. Bald nachdem er dort angekommen war, wurde er getötet. Als Qasir das sah, sagte er: „Wäre er doch Qasirs Rat gefolgt.“ Von dieser Zeit an kam dieses Sprichwort in Umlauf.

Beim zitierten Gedicht am Ende der Predigt spielt der Dichter aus Hawazin auf Duraid ibn al-Simmah an. Er schrieb diesen Zweizeiler nach dem Tod seines Bruders Abdullah ibn al-Simmah. Dessen Geschichte war, dass Abdullah zusammen mit seinem Bruder einen Angriff auf zwei Gruppen der Banu Dschu´scham und der Bani Nasr ausführte, die beide aus Hawazin waren, und sie vertrieben viele Kamele. Auf dem Rückweg, als sie an dem Ort Munaridsch al-Liwa Rast machen wollten, sagte Duraid, dass es nicht ratsam sei, dort zu bleiben, da der Gegner von hinten angreifen könnte, aber Abdullah war anderer Meinung und blieb dort. Als Ergebnis griff der Gegner an, sobald die Dämmerung heraufgezogen war, und Abdullah wurde auf der Stelle getötet. Duraid wurde ebenfalls verletzt, aber er konnte entkommen, und nach diesem Ereignis schrieb er einige Zweizeiler, von denen einer dieser ist, in dem er sich auf den Schaden bezog, der durch die Missachtung seines Ratschlags entstand.

 [1] Die Redeformel „was Folgendes (betrifft)“ [amma bad] ist eine typische arabisch-islamische Redewendung um nach einer Lobpreisung Allahs zum eigentlichen Thema einer Predigt zu wechseln.

 [2] D.h., dass er es durch den starken Widerwillen nicht schafft, die Menschen für den Widerstand zu begeistern.

 [3] D.h., als es zu spät war.

 

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