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Nahju-l-Balagha

Die gesammelten Ansprachen von Imam Ali (a.s.)

Eine Rede, in welcher es um die Schöpfung des Himmels und der Erde sowie die Erschaffung von Adam geht

Gepriesen sei Gott, dessen Lob auch der beste Redner nicht in Worte zu fassen vermag, dessen Wohltaten kein Rechner der Welt zählen kann; selbst die Eifrigsten sind nicht in der Lage, Ihm Seinen Ihm rechtmäßig zustehenden Anteil zukommen zu lassen. Er ist es, zu dessen Erkenntnis selbst der kühnste Denker nicht fähig wäre und in dessen Tiefen selbst der weitsichtigste Weise nicht vordringen könnte. Er, dessen Wesen keine endliche Grenze, keine fertige Definition, keine messbare Zeit und kein erkennbares Ende kennt. Mit Seiner Allmacht schuf Er die Geschöpfe, setzte im Antlitz Seiner Güte die Winde in Bewegung und gab der Erde mit Hilfe gewaltiger Berge die nötige Standfestigkeit. Anfang und Fundament der Religion liegen in der Erkenntnis Gottes. Die vollendete Erkenntnis ist der Glaube an Ihn, der höchste Glaube ist der Tauhid10, der Höhepunkt des Tauhid ist die Ergebenheit in Ihn und die höchste Ergebenheit liegt darin, auf die Zuweisung jeglicher Attribute für Ihn zu verzichten, denn Eigenschaftswörter führen zu einer Entfremdung und bringen eine Kluft zwischen dem Bezeichneten und der jeweiligen Bezeichnung mit sich. Wer Gott den Glorreichen mit Eigenschaften versieht, versucht damit unwillkürlich, Ihm etwas Ebenbürtiges zur Seite zu stellen, was Seine Zweiteilung, die Abkehr vom Tauhid und schließlich Seine Zerstückelung zur Folge hat. Eine solche Sichtweise kann nur der Unwissenheit entspringen und hat Abweichungen im Verhalten zur Folge, beispielsweise wenn auf Ihn gezeigt und Er so innerhalb bestimmter Grenzen eingeengt wird, wodurch Seine Ganzheit durch Aufgliederung in Einzelteile zerfällt.11 Wer die Frage stellt, wo Gott ist, der stellt Ihn an einen bestimmten Ort. Wer fragt, worüber Er steht, der hält alles andere für bar Seiner Existenz. Sein Dasein hat keine Schöpfungsgeschichte wie auch Seine Existenz kein Nicht-Sein kennt. Ohne an etwas angefügt zu sein, ist Er in allem inbegriffen und trotz Seines Andersseins ist Er doch nicht getrennt von allem anderen. Er ist ein Erbauer, der ohne Bewegung und ohne Werkzeuge auskommt, ein Sehender, der zum Sehen nicht auf den Anblick Seiner Geschöpfe angewiesen ist. Seine Einzigartigkeit ist so unerreicht, dass es keiner Erscheinung gelingt, durch ihr Dasein Vertrautheit zu schaffen oder durch deren Nichtsein Bekümmernisse entstünden. Er hat Seine Geschöpfe auf eine Weise erschaffen, die nicht erklärbar ist, Seine Schöpfung hat Er auf eine Art begonnen, die unaussprechlich ist, ohne bestimmte Gedanken darauf zu verwenden, Erfahrungen zu nutzen, physische Anstrengungen zu vollbringen oder in Verwirrung und Unruhe zu verfallen. Er ordnete alles in einen bestimmten Zeitlauf ein, brachte die unterschiedlichen Erscheinungen miteinander in Einklang, verlieh jeder seine ganz bestimmte Wesensform und brachte sie in einem für sie geeigneten Körper unter. Noch bevor sie erschaffen waren, war Er sich ihrer Identität bewusst und kannte jedes Detail ihrer Grenzen und ihrer Endlichkeit, wobei sich nicht eine einzige Erscheinung in ihrer begrenzten Dimension Seinem Erkenntnisbereich entzog. Alsdann ließ Gott der Glorreiche die Atmosphäre spalten und begann mit der Teilung der Luftwege12. Daraufhin sammelte Er Wasser13 an, brachte es zum Tosen und ließ es im Auf und Ab der Wellen - die Er auf einen wolkenspaltenden Wirbelsturm und ohrenbetäubenden Donner lud - in das Innere dieser wirbelnden Luftmassen fließen, wobei Er gleichzeitig den Befehl gab, die Richtung des Wassers nach allen Seiten hin auszudehnen. Auf diese Weise ließ Er Wasser und Wind aneinander grenzen, wobei die freien Luftmassen sich unterhalb und die wirbelnden Wassermassen sich oberhalb befanden. Danach schuf Gott einen weiteren Wind14, dessen Lufthauch fast steril wirkte und der in ferner Weite entsprang, und verewigte ihn in seiner Anwesenheit. Dabei befahl Er ihm, die angesammelten Wassermassen in wogende Bewegung zu versetzen und die Wellen der Meere anzuregen. Aufgrund des göttlichen Befehls schüttelte dieser die Meere durch, ließ die Gischt des Wassers bis in die Atmosphä

10 Glaube an einen einzigen Gott, Monotheismus.
11 d.h., Er besitzt verschiedene Körperteile – einen zum Sehen, einen zum Hören, einen zum Fühlen, usw.
12 Beschreibung des „Urknalls“ (d.Üb.).
13 Arab. auch „Flüssigkeit“.
14 Lt. Anmerkung in der engl. Übers. ist hier die Schwerkraft gemeint, die der Ausdehnungsgeschwindigkei
t
entgegenwirkte.

re aufsteigen (wie heftiges Schütteln von Milch erst Buttermilch und schließlich Butterklümpchen entstehen lässt15), wobei die oberste schäumende Gischt jeweils mit den unteren ruhigen Schichten zusammenprallte. Zuletzt ließ er die Wassermassen sich aufbäumen und eine Art Schaum bilden. Auf diese Weise ließ die göttliche Kraft diesen Schaum bis in die Atmosphäre entweichen, setzte ihn frei, verteilte ihn und formte daraus die Sieben Himmel. Die untersten Bereiche versah Er mit feststehenden Wogen, aus den obersten Schichten des Universums errichtete Er ein stabiles Himmelsgewölbe, ohne dabei Pfeiler zum Stützen oder Taue zum Fixieren zu verwenden. Dann schmückte Er das Himmelszelt mit hell funkelnden Sternen und leuchtenden Kometen und sandte eine glühende Sonne und einen strahlenden Mond in dieses kreisende Firmament unter der schwimmenden Himmelskuppel, dessen Weiten die Sterne zierten. In einer weiteren Phase der Weltenschöpfung riss Gott die obersten Himmel auseinander und füllte diesen Raum mit der ganzen Vielfalt Seiner Engel, von denen ein Teil sich in Ehrfurcht vor Ihm kniend bis zur Erde verneigt und ohne Verbeugungen in dieser Position verharrt; eine weitere Gruppe von Engeln wiederum verbeugt sich ohne Unterlass vor Ihm, die dritte Gruppe steht unerschütterlich und unbewegt nebeneinander in einer Reihe16, die vierte sind diejenigen, die unermüdlich Lobpreisungen auf Ihn ausbringen, ohne dabei je vom Schleier der Müdigkeit überwältigt zu werden oder dem Schlaf der Gerechten Zutritt zur Festung ihrer Körper zu gewähren und ohne sich je davon ablenken zu lassen oder an etwas anderes zu denken. Noch eine weitere Gruppe sind die Treuhänder der Offenbarungen Gottes, die zwischen Gott und Seinen Gesandten als Sendboten des Wortes Gottes fungieren, indem sie den göttlichen Willen und Seine Anordnungen hinunter zur Erde bringen.17 Noch ein weiterer Teil der Engel sind die Beschützer der Menschen und Pförtner zu den Toren des göttlichen Paradieses. Eine weitere Gruppe der Engel sind diejenigen, die mit den Füßen in den untersten Schichten der Erde verwurzelt sind und deren Hälse sich bis in die obersten Himmelssphären recken. Ihre Körpergröße übersteigt die Durchmesser unserer Welt und ihre Schultern sind die ruhenden Säulen des göttlichen Thrones. Im Antlitz Gottes halten sie ihren Blick demütig gesenkt und vor lauter Schamgefühl ob Seiner Größe haben sie ihre Flügel um sich gehüllt, wobei zwischen ihnen und den tiefer stehenden Engel die unterschiedlichsten Schranken von höheren und niederen Rängen und Schleier der Macht hängen. Sie versuchen sich den Schöpfer weder in ihrer Gedankenwelt vorzustellen oder sich ein Bild von Ihm zu machen - wie dies ein Künstler tun würde, wenn er seine Phantasiegebilde auf Leinwand bannen will - noch schmücken sie Ihn mit Eigenschaften Seiner Geschöpfe. Sie grenzen Ihn weder räumlich ein noch machen sie Ihn durch Vergleiche zum Ziel ihrer Anspielungen.

Die Beschreibung der Erschaffung Adams

Danach häufte Gott der Glorreiche Erde aus Ebenen und Gebirgen, aus fruchtbaren und salzhaltigen Gebieten zusammen und versetzte sie mit Wasser18, bis die Masse klar und rein wurde und die Beschaffenheit von klebrigem Ton annahm. Dann schuf er daraus eine Gestalt mit einzelnen Körperteilen, Gliedern und speziellen Gelenken. Er trocknete und verdichtete diese Gestalt solange, bis sie hart und fest wie Keramik war, dann ließ Er sie für eine festgelegte und vorherbestimmte Zeitspanne ruhen. Daraufhin hauchte Er dem Gebilde Seinen Geist ein19, dass es die Gestalt Adams annahm, eines Menschen mit Verstand, der ihn leitete und trieb, mit geistigen Fähigkeiten, die ihm als Mittel zu seiner Weiterentwicklung dienten und Gliedmaßen, die ihm zu seiner freien Verfügung standen. Er gab ihm diese Werkzeuge, damit er sie sich nutzbar mache, ebenso wie die Kraft zum Unterscheiden von Recht und Unrecht, von Wahrheit und Unwahrheit, und versetzte ihn auch in die Lage, verschiedene

15 Der Imam erklärt diese Schöpfungsphase mit dem Gleichnis von der Herstellung von Butter durch Zentrifugalkräfte; (Klümpchen = Sterne, dünnflüssige Restmolke = interstellare Masse) 16 Beim islamischen, gemeinsamen Ritualgebet beginnt man in Gebetsreihen im aufrechten Stehen, beugt sich dann mit dem Oberkörper nach vorn und wirft sich schließlich derart vor Gott nieder, dass man kniend und mit nach vorn aufgestützten Armen mit der Stirn den Boden berührt. Diese letztbeschriebene Position bringt die besondere Demut und tiefe Ehrfurcht vor dem Schöpfer zum Ausdruck. Von Ali erfahren wir hier nun, dass es verschiedene Kategorien von Engeln gibt, die sich u. a. durch den Grad ihrer Verehrung Gottes unterscheiden. 17 Der Engel Gabriel war der Bote Gottes, der dem Propheten Mohammed(S) die koranische Offenbarung überbrachte. 18 Dass Gott dieser Erdmasse Wasser beifügte, zeigt, dass das Leben aus dem Wasser entstand („...Wir haben alles Leben aus dem Wasser erschaffen.“ Heiliger Koran, Sure 21, Vers 30). 19 „.. und Er blies in ihn von Seinem Geist ein ..“ Heiliger Koran, 32. Sure, 8. Vers.

Geschmacksrichtungen, Gerüche, Farben und Materialien auseinander zu halten. Auf diese Weise entstand aus unterschiedlichen Substanzen und miteinander im Widerstreit liegenden Elementen widersprüchlicher aber auch übereinstimmender Eigenschaften ein wundersames Gemisch gegensätzlicher Merkmale, wie Wärme und Kälte, Trockenheit und Nässe, Trauer und Freude! Daraufhin verlangte Gott der Glorreiche von den Engeln, nach ihrem Gelübde zu handeln und dem göttlichen Vermächtnis Gehorsam zu leisten. Als Zeichen der Ergebenheit und des Gehorsams vor dessen Größe sollten sie vor dem Menschen auf die Knie fallen und sich vor ihm verbeugen. Da sprach Er zu ihnen: „Werft euch vor Adam nieder...“20 Alle Engel fielen ehrfürchtig auf die Knie, mit Ausnahme von Iblis21, der seine eigene Daseinsform für überlegen hielt. Seine Bösartigkeit gewann die Oberhand über ihn, denn er hielt seine auserlesene Schöpfungsform aus Feuer für Grund genug, sich dem aus Tonerde geschaffenen Menschen gegenüber überheblich zu zeigen und ihn abschätzig zu behandeln. Daraufhin setzte ihm Gott eine Frist, innerhalb derer er das göttliche Versprechen zu erfüllen habe, wolle er sich nicht Seinen Zorn zuziehen und das Maß zum überlaufen bringen. Dann sprach Er “Du gehörst fürwahr zu denen, denen Aufschub bis zum Tag des festgesetzten Zeitpunktes gewährt wurde.“22 Dann brachte Gott Adam an einem Ort unter, an dem Er für dessen Lebensunterhalt reichlich vorgesorgt und ihn in jeder Hinsicht abgesichert hatte. Gleichzeitig warnte Er ihn vor Iblis und dessen tiefen Feindseligkeit. Doch letztlich gelingt es Iblis doch, Adam in den Maschen seines Blendwerkes zu verfangen, denn dieser hegte Neid gegen Adam wegen dessen Leben am Ewigen Ort23 und dessen vertrauten Umgang mit den Tugendhaften. So verwandelte sich bestimmte Gewissheit in Zweifel und feste Entschlossenheit in Wankelmut, aus Frohsinn wurde Angst und Verführung brachte Reue. Später eröffnete Gott der Glorreiche Adam die Möglichkeit, Buße zu tun, lehrte ihn, was Seine Barmherzigkeit bedeutet und verhieß ihm die Rückkehr ins Paradies. Dann aber wies Er ihn an die Stätte irdischer Heimsuchungen und Prüfungen, an der er auch seine Nachkommen zeugen sollte.

Die Sendung der Propheten

Gott erwählte aus Adams Nachkommen Propheten, die Er Seiner Offenbarung gemäß mit der Verpflichtung betraute, Seine göttliche Botschaft als ihnen anvertrautes Gut treuhänderisch zu behandeln und zu verbreiten. Als die meisten Menschen schließlich das göttliche Bündnis eigenmächtig abgewandelt hatten, Ihn hintergingen und sich Götzen an Seiner statt zuwandten, war dies eine willkommene Gelegenheit für den Satan, die Menschen vom Wissen um Gott fernzuhalten und ihren Bund des Gehorsams zu Gott zu brechen. So kam es, dass Gott Boten unter den Menschen einsetzte und ihnen in gewissen Zeitabständen Propheten sandte, um sie auf die Erfüllung des göttlichen Versprechens anzusprechen, ihnen die vergessenen Wohltaten Gottes ins Gedächtnis zu rufen, über die Verbreitung der göttlichen Wahrheiten mit den Menschen zu argumentieren und ins Gespräch zu kommen, und dem in ihren Köpfen schlummernden Verstand zu neuem Aufschwung zu verhelfen. Auch sollten sie den Menschen exakte und wohlbedachte Zeichen des Gottverständnisses aufzeigen, wie das Himmelszelt, das sich über ihren Köpfen erstreckt, dem Teppich der Erde, der sich unter ihren Füßen ausbreitet, den Mitteln des Unterhaltes, derer sie zum Überleben bedürfen; des Todes, der auf verschiedenste Art darauf lauert, sie dem Ende der Vergänglichkeit einzuverleiben, all die verschiedenartigsten Unglücksfälle, die das Altern und den Verschleiß des Menschen mit sich bringen sowie die alltäglichen Ereignisse, die ständig auf ihn einstürmen. Auf diese Weise hat Gott der Glorreiche niemals Sein Volk sich selbst überlassen. Er hat sie weder ohne Propheten mit einer Mission, noch ohne offenbartes Buch und auch nicht ohne überzeugende Argumente oder klaren, eindeutigen Weg gelassen. Die Propheten haben sich trotz der geringen Anzahl ihrer Mitstreiter und der überwältigenden Übermacht ihrer Gegner nie von der Verwirklichung ihrer Mission abhalten lassen. Nachfolgende Gesandte wurden vorab von ihren Vorgängern angekündigt wie auch vorausgehende Gesandte von ihren jeweiligen Nachfolgern bestätigt wurden.

20 Heiliger Koran, 2. Sure, Vers 34.
21 einer der Namen des Satans.
22 Heiliger Koran, 15. Sure, Vers 37 und 38. Der Tag des festgesetzten Zeitpunktes ist der Tag des Jüngste
n
Gerichts, dessen Termin Gott festgesetzt hat und der nur Ihm bekannt ist.
23 Paradies.

Die Sendung des Propheten Mohammed (S)

So verflossen die Jahrhunderte, Epochen vergingen und Söhne traten an die Stelle ihrer Väter. Nachdem Gott der Glorreiche ihn durch frühere Propheten hatte ankündigen lassen, erwählte Er schließlich Mohammed – Gottes Segen sei mit ihm und den Seinen – zu Seinem letzten Gesandten, auf dass Seine göttlichen Verheißungen umgesetzt werden und die Reihe der Propheten ihren Abschluss finde. Mohammed (S) war ein Mann mit ausgezeichneten Charakterzügen und edel von Geburt. Zu jener Zeit lebten die Erdbewohner in Völkerschaften, die untereinander zersplittert waren, gegensätzliche Auffassungen und sehr unterschiedliche Traditionen hatten. Einerseits gab es Menschen, die Gott in ihrem Verständnis mit Vergleichen aus Seiner Schöpfung belegten, andere Stämme waren in ketzerischer Weise vom Namen Gottes abgefallen und eine weitere Gruppe hatte sich der Götzenverehrung verschrieben. Also hat Er sie durch den Propheten (S) von ihrer Verirrung auf den rechten Weg leiten und sie durch sein Wirken von der Unwissenheit befreien lassen. Schließlich bestimmte Gott der Glorreiche Mohammed - Gottes Segen sei mit ihm und den Seinen – dazu, vor Sein Antlitz zu treten. Er bestimmte Werte für ihn, die sich dem göttlichen Range ziemen, denn Er hielt ihn für zu edel und wollte ihn fürderhin nicht an diesem Ort der Versuchung lassen. Aus diesem Grunde nahm er ihn gnädig und in allen Ehren zu sich. Er hinterließ euch jedoch etwas, was bereits frühere Propheten (S) ihren Gemeinden hinterlassen haben, denn diese hatten ihre Jünger nie sich selbst überlassen, ohne ihre Wege zu erleuchten und die Fahne des Propheten über ihren Häuptern wehen zu lassen.

Der Koran und die islamische Rechtsprechung

Dieses Buch ist das Buch Eures Schöpfers, ein Buch, das genau zwischen Erlaubtem und Verbotenem, religiösen Vorschriften und empfohlenen, freiwilligen guten Taten unterscheidet, das widerrufende und abgeschaffte Verse enthält und in dem Dinge vorgeschrieben sind, die Ausnahmevergünstigungen zulassen und andere, die unbedingt eingehalten werden müssen. Er behandelt alle Angelegenheiten sowohl im Besonderen als auch im Allgemeinen; er erteilt Ratschläge und gibt Beispiele, erwähnt Richtlinien, Maximen und Konditionen. Die kürzeren Verse darin sind kommentiert und die schwierigeren Stellen werden gedeutet. Aufgrund des Vertrages, den Gott in Seinem ewigen Ratschluss mit jedermann geschlossen hat, ist ein Teil der Wahrheiten für ihn in der Ausübung verbindlich, ein anderer Teil davon ist wiederum dergestalt, dass die Diener Gottes freie Hand haben. Es kann vorkommen, dass der Koran die Verbindlichkeit eines Teils der Gesetze betont, die Überlieferung sie aber klar abgeschafft hat, und andererseits gibt es umgekehrt Fälle, wo die Überlieferung die Verbindlichkeit hervorhebt, der Koran die Handhabung dagegen ganz dem Gläubigen überlässt. Die Verbindlichkeit mancher Pflichten ist an bestimmte Zeiten gebunden und ist diese Zeitspanne vorüber, ist auch die Verbindlichkeit dieser Pflicht bzw. Pflichten hinfällig. Auf der anderen Seite wird auch unter dem, was nicht erlaubt ist, differenziert, von den ganz großen Sünden, auf die die Strafe des Höllenfeuers steht, bis zu den kleineren Sünden, für die Gott die Möglichkeit der Vergebung in Aussicht stellt. Schließlich sind da noch die Pflichten, bei deren Ausübung auch ein Mindestmaß annehmbar ist für Gott, Er es dem Gläubigen aber anheim stellt, sie darüber hinaus auf ein Höchstmaß auszudehnen.

Über die Pilgerfahrt

Gott hat euch die Pilgerfahrt zu Seinem Heiligen Haus als Pflicht auferlegt, zu einem Haus, das Er dazu bestimmt hat, allen Gläubigen als Gebetsrichtung zu dienen, auf dass ihr euch dort frei und ungezwungen versammelt, wie Tiere sich um eine Wasserstelle zusammenfinden und ihr euch hineinbegebt oder dort Zuflucht sucht und findet, wie Tauben in ihrem Schlag. Gott der Glorreiche hat die Pilgerfahrt zu einem Zeichen der Demut und der Unterwerfung der Menschen vor Seiner Größe und Allmacht erkoren. Aus Seinen Geschöpfen hat er diejenigen Menschen ausgewählt, die Seinen Ruf hören, ihm folgen und Sein Wort bezeugen. Sie treten im Range Seiner Propheten auf und werden Seinen Engeln ähnlich, die Seinen Thron umkreisen24. Aus Seiner Anbetung ziehen sie großen Gewinn und um das Ziel der Verheißung zu erreichen, versuchen sie sich gegenseitig zu übertrumpfen.

24 so wie es zum religiösen Ritual gehört, dass der Mekka-Pilger die Kaaba siebenmal umschreitet. (d. Üb.).

Gott der Glorreiche hat die Kaaba zum Symbol des Islam und zu einem sicheren Ort für alle Zuflucht Suchenden gemacht. Die Pilgerfahrt dorthin ist eine bindende Pflicht, denn Er schrieb euch den Be-such Seines Hauses vor, als Er sprach: „...Und der Menschen Pflicht gegen Allah ist die Pilgerfahrt zum Hause, wer da den Weg zu ihm machen kann. Wer aber ungläubig ist, fürwahr, Allah bedarf der Welt nicht!“25

2

Reden des Imam (S) gehalten nach der Heimkehr aus Siffin26

Ich preise Gott, auf dass Seine Barmherzigkeit wachse, meine Lobpreisung ist Zeichen der Ergebenheit gegenüber Seiner Größe, möge Er mich vor dem Ungehorsam bewahren; ich ersuche Seine Hilfe, denn ich bedarf Seiner und glaube an Seine Allmacht; wer in den Genuss des Lichtes Seiner Führung gelangt, wird sich nicht verirren, und wer zur Zielscheibe Seines Zorns wird, für den wird es kein Entrinnen geben; wen Er in den Schutz Seiner Allmacht nimmt, dem wird es an nichts mangeln, denn von den Werten her ist Er der Wertvollste und von allen Reichtümern ist Er der Reichste. Ich lege Zeugnis ab von der Wahrheit, dass es keinen Gott außer Allah gibt und Er einzig und ohnegleichen ist; die Richtigkeit dieses Bekenntnisses ist erprobt, seine Reinheit ist erwiesen. Solange wir leben, halten wir daran fest und bewahren es auf für die Zeit nach dem Tod und der Konfrontation mit furchterregenden Ereignissen, denn es ist die Manifestierung des Glaubens, der Schlüssel für jede Gunst, ein Mittel, um den Erbarmer zufrieden zu stellen und ein Werkzeug zur Abwehr des Satans. Ich lege ebenfalls Zeugnis ab von der Wahrheit, dass Mohammed (S) Sein Diener und Gesandter ist, den Gott mit einer hoch geachteten Religion, einer angesehenen Fahne, einem schriftlich überlieferten Buch, einer leuchtenden Fackel, einer strahlenden Aura und einem klaren, unstreitbaren Befehl ausgestattet und gesandt hat, auf dass er jedweden Zweifel aus dem Wege räume, den Menschen verständliche und gute Argumente an die Hand gebe, mit den Versen ihr Bewusstsein erweitere und sie durch die Erwähnung der Katastrophen der Geschichte abschrecke. Diese historische Sendung wurde ihm zu einem Zeitpunkt zuteil, als die Menschen sich in einem tiefen Sumpf von Verwirrung und Zwietracht befanden, die Religion sich in Auflösung befand und die Glaubensgewissheit in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Die Auseinandersetzungen hatten sich auf grundsätzliche Belange ausgedehnt und die Ordnung des öffentlichen Lebens steuerte dem Untergang entgegen. Anfangs vorhandene Glaubensrichtungen scheiterten am Ende in einer Sackgasse; als Folge dieser Umstände war die Fackel der Orientierung im Erlöschen begriffen, Finsternis breitete sich aus. Dem gütigen Herrn wurde kein Gehorsam gezollt, jedermann stand Satan, dem Listenreichen zur Seite. Indes der Glaube blieb auf der Strecke, seine Säulen begannen zu bröckeln, seine Symbole verstaubten, seine Wege wurden zerstört und seine Straßen waren ohne Leben! Inmitten dieser Verwirrung waren die Menschen zu Anhängern des Satans geworden, folgten ihm in dessen teuflischen Absichten, tranken von dessen Quellen, ergriffen dessen Standarte und hielten sie hoch. All dies geschah in einer solchen Atmosphäre des Zwistes und der Unwissenheit, dass der Satan die Möglichkeit bekam, die Menschen zu vernichten, über ihre toten Körper hinweg zu fegen und die gesamte Menschheit unter seinen Hufen zu zermalmen! Der Satan - aufrecht und triumphierend – und der Mensch - unwissend und in sich selbst verhaftet - hatten sich in Zwistigkeiten verstrickt. Am besten Ort und mit den schlimmsten Nachbarn27 war aus ihren Träumen Schlaflosigkeit geworden, Tränen ersetzten das Antimon ihrer Augen und Gelehrte erhielten Mundverbot, während Ignoranten hochgeschätzt wurden und zu Ehren gelangten.

Ein weiterer Teil dieser Rede, in dem die Prophetenfamilie beschrieben wird

Sie sind Träger des göttlichen Geheimnisses, Zufluchtsort des Gottesbefehls, Schatztruhe Seines Wissens, Deuter Seiner Weisheit, sicherer Hort für Seine Bücher und eine mächtige Stütze der Religion

25 Heiliger Koran, 3. Sure, Vers 97.
26 Eine Stadt am Euphrat im Grenzgebiet zwischen Syrien und Irak, in der Imam Ali während der fünf Jahre
seines Kalifats (656-661) im Jahre 657 die Schlacht von Siffin gegen das Heer des Omajjaden Mo’awiye schlug.
27 Anm. in der engl. Übers.: Gutes Haus bedeutet Mekka, die schlimmsten Nachbarn sind die „Ungläubigen der
Quraischiten.

Gottes. Mit ihrer Hilfe gelang es, das Rückrat der Religion aufzurichten und sie von ihrem krampfgeschüttelten Dasein zu befreien.

In einem weiteren Teil dieser Rede spricht er über die Feinde wie folgt:

Jene anderen streuten die Saat der Missetat, bewässerten ihr Feld mit List und Tücke und ernteten schließlich zwangsläufig das Verderben. In deren Gemeinde gibt es niemanden, der es mit der Familie von Mohammed - Gottes Segen sei mit ihm und den Seinen – aufnehmen kann. All die, die stets nur die Brosamen von der Tafel ihrer Gunst picken, können sie nie erreichen, denn die Prophetenfamilie ist Stütze und Unterbau der Religion und Hort der Gewissheit. Diejenigen, die zu schnell vorgeprescht sind, werden zu ihnen zurückkehren und diejenigen, die zu langsam waren und zurückgeblieben sind, werden notgedrungen aufrücken müssen, denn das Recht auf die Nachfolge liegt bei Mohammed (S) und dessen Familie, wobei Treuhänderschaft und Erbfolge ausschließlich innerhalb dieser Familie besteht. Der große historische Augenblick ist nunmehr erreicht, wo das Recht zu dem zurückkehrt, dem es gebührt. Es hat seinen Rang wieder gefunden.

3

Eine Rede, die als „Rede mit der Kamel-Metapher“ bekannt wurde

Ich möchte euch darauf hinweisen, dass als jener sich damals daranmachte, die Kalifenrobe anzulegen, genau über meine Nachfolge als nächster Kalif im Bilde war, da diese festgefügt war wie zwei Mühlsteine durch eine Achse. Jawohl, der hohe Berggipfel, über dessen Hänge hinab sich die Wellen der Wissenschaft ins Tal ergießen, bin ich und kein Wolkenstürmer könnte die Höhen dieses Gipfels erobern! So zog ich also den Vorhang zwischen mir und dem Kalifenamt28 zu und zog mich aus allem zurück. Ich begann darüber nachzudenken, ob ich den Angriff wagen sollte - obgleich ich eher einem Rumpf ohne Arme ähnelte - oder ob ich das Unglück versuchen sollte zu ertragen, ein Unterfangen, bei dem ein Kind zum Greis wird und mit dem ein Gläubiger sich abmüht bis zum Tage des Herrn. Dann hielt ich es für weiser, mich mit diesem Splitter im Auge und trotz zugeschnürter Kehle in Geduld zu üben. Dies tat ich also, wobei ich mit ansehen musste, wie mein Erbe geplündert wird. Dies dauerte an, bis der erste seinen Lebensweg zu Ende gegangen war und er die Dinge an den nächsten weiterreichte. (Um seine Befindlichkeit zu verdeutlichen, führt Ali (S) hier einen Vers aus einem Gedicht von A’sha29 an:

„Meine Tage vergehen nun auf dem Kamelrücken (in Schwierigkeiten), wogegen es einst Tage (der Leichtigkeit) gegeben hat, als ich mich der Gesellschaft von Dshabirs30 Bruder Hayan erfreuen konnte.“)

Es ist sonderbar, dass er das Kalifat auf einmal, obwohl er es zeit seines Lebens mehrfach abgeben wollte, für die Zeit nach ihm einem anderen übertragen hatte. In Wirklichkeit hatten diese beiden Politikaster die beiden Amtsperioden des islamischen Kalifats unter sich aufgeteilt wie Zwillinge die Muttermilch und klammerten hartnäckig daran fest. Omar hat das islamische Kalifat zu einem Klima roher Gewalt ausgebaut. Es herrschte allgemein ein rauer Ton im Lande, harsche Sitten waren an der Tagesordnung, damit einher ging ein ständiges Hin und Her von Verfehlungen und Entschuldigungen. Der oberste Herrscher des Staatswesens glich so einem Reiter auf einem störrischen, ungefügigen Kamel, der seinem Tier entweder die Nüstern perforiert, weil er die Zügel übermäßig fest anzieht, oder aber zu locker lässt und ihm so seinen Eigensinn und seine Sturheit durchgehen lässt. So kam es, dass die Menschen sich in Verfehlungen, Missmut und

28 gemeint ist, er verzichtete auf das Amt.
29 sein richtiger Name war Maimoon bin Qais, er war ein enger Freund von Hayan bin Samin von Yamama, de
s
Stammesführers der Bani Hanifa und Gebieter über deren Fort und Armee.
30 der jüngere Bruder von Hayan.

Heuchelei ergingen, ohne den geringsten Fortschritt zu machen. Trotz größter Schwierigkeiten und Härten fasste ich mich also in Geduld und wartete viele Jahre.31 Auch dieser Kalif ging seines Weges und überließ das Kalifat einem Gremium, das mich seiner Meinung nach als einen von ihnen ansah. An meiner Überlegenheit gegenüber deren ersten Wahl32 bestand nicht der geringste Zweifel, Trotzdem habe ich mich (um der Interessen der Gemeinde willen) im Auf und Ab der Ereignisse mit ihnen arrangiert. Für den einen waren dann schließlich Neid und Hass das Motiv, von dem er sich lenken ließ, der andere hing seiner Vetternwirtschaft nach, und andere Probleme spielten eine Rolle33, die hier zu weit führen würden. Bis schließlich der dritte im Bunde34 auftrat, bis auch ihn sein Schicksal ereilte und er seinen eigenen Machenschaften zum Opfer fiel. Das Einzige schließlich, was mir dann Sorge bereitete, war der Ansturm der Menschen auf mich, die dicht gedrängt wie Haare einer Hyänenmähne von allen Seiten her auf mich einstürmten, Hassan und Hossein dabei fast unter sich begraben hätten und mir die Aba35 an beiden Schultern herunterrissen. Sie versammelten sich um mich wie eine Herde um ihren Hirten, doch als ich als Antwort auf ihre Beharrlichkeit mit dem Ansinnen einer ganz anderen Idee auftrat, schlug mir von allen Seiten eine feindlich gesinnte Haltung entgegen, die Treuebrüchigen36, die Tyrannen37 und die Kolporteure38 traten auf den Plan. Es schien, als ob sie nie vom Wort Gottes gehört hätten, das besagt: „Jene zukünftige Wohnung, wir haben sie für diejenigen bestimmt, welche nicht hoffärtig auf Erden sein oder Verderben anrichten wollen. Und der Ausgang ist für die Gottesfürchtigen.“39 Ja doch, bei Gott, sie alle hat-ten dieses Wort vernommen und verstanden, doch hatte der Reichtum der Welt sie verblendet. Bei Gott dem Schöpfer allen Lebens auf Erden, wäre es nicht um der Achtung gegenüber diesen Volksmassen gewesen, wären da nicht die Freunde gewesen, zu denen ich fest in Treu und Glauben stand und wären die Gelehrten nicht vor Gott mit der Verpflichtung betraut gewesen, sich der Maßlosigkeit der Unterdrücker und dem Hunger der Unterdrückten gegenüber nicht gleichgültig zu verhalten, ich hätte das Kalifat Kalifat sein lassen, und dem letzten wäre es wie dem ersten ergangen, damit ihr deutlich hättet sehen können, dass ich für eure Welt keinen Heller übrig habe. Als die überraschende Rede von Imam Ali (S), die von seinem ganzen Schmerz kündete, hier angelangt war, erhob sich einer der Wüstenbewohner Iraks und steckte dem Imam (S) eine auf einen Zettel geschriebene Nachricht zu. Der Imam (S) betrachtete diesen aufmerksam und verstummte augenblicklich, so dass der Sturm verebbte und sein Redefluss abbrach. Ibn Al-Abbas sprach zu ihm, er möge seine Rede doch dort fortsetzen wo er aufgehört hatte. Der Imam (S) antwortete ihm: “Oh nein, Ibn Al-Abbas, niemals! Meine Rede war spontan und heftig wie der Kehlsack eines Kamelhengstes40, der urplötzlich erscheint und wieder eingezogen wird!“ Ibn Al-Abbas sagt, er habe es in seinem ganzen Leben nicht so bedauert, eine Rede nicht zu Ende gehört zu haben, wie bei diesen Worten des Imams (S), der über das, was er auf dem Herzen hatte, nicht bis zum Schluss sprechen wollte (oder konnte).

4

Über seine Weitsichtigkeit und seine Standhaftigkeit im Glauben

Durch unser Licht fandet ihr den Weg durch die Finsternis und aus der Tiefe der Nacht kamt ihr zum Morgen. Möge das Ohr dessen, der sich die unüberhörbare Botschaft der Sendung des Propheten nicht

31 Ali wartete insgesamt 24 Jahre darauf, das Amt anzutreten.
32 Osman (Kalif von 644-656).
33bei der Wahl des Kalifen (d.Üb.).
34 Kalif Osman.
35 langes Schultergewand der Orientalen.
36 arab. Nakesin, eine Gruppe, die Ay‘sha in Basra zur sog. „Kamelschlacht“ gegen Ali angestiftet hat.
37 arab. Ghasetin, eine Gruppe, die 657 die Schlacht von Siffin zur Rächung von Osman angezettelt hat.
38 „Gerüchteverbreiter“, arab. Mareqin, zettelten im Jahre 658 die Schlacht von Nahrawan an.
39 Heiliger Koran, 28. Sure, Vers 83.
40 auch Brüllsack genannt, wird bei Erregung aus dem Schlund ausgestülpt, ist der Erscheinung nach leuchten
d
rot und wird von einem blubbernden, lauten Geräusch begleitet.

zu Herzen nimmt, taub werden. Wie kann ich erwarten, dass jemand meine Botschaft vernimmt, wenn ihn der Aufschrei der prophetischen Sendung um sein Gehör gebracht hat? Möge ein jedes Herz standhaft bleiben, das stets im Gedenken Gottes schlägt! Ich habe immer die Folgen eures Verrats vorausgesehen und euer wahres Gesicht hinter euren Larven erkannt. Einerseits haben religiöse Regeln eine Barriere zwischen euch und mich aufgebaut, doch andererseits hat mir die Richtigkeit meines Antriebsmotivs die rechte Sicht zuteil werden lassen, um euch zu durchschauen. Dort, wo ihr im Kampf führerlos gegeneinander gestanden und im Boden erfolglos nach Wasser gegraben habt, habe ich die Fahne der Führung durch Seine Rechtleitung auf eurem Irrweg gepflanzt. Heute mache ich euch bildhaft klar und verständlich: wer mein Gebot missachtet, dessen Meinung solle keinen Bestand haben! Denn ich bin seit dem Tag, da ich die Wahrheit gefunden habe, nicht einen einzigen Moment vom Zweifel befallen gewesen. Moses – der Segen sei mit ihm – fürchtete nicht im Geringsten um sein eigenes Leben41, sondern er befürchtete den Sieg der Unwissenden und die Übermacht der Irregeleiteten. Heute stehen wir am Scheideweg von Wahrheit und Unwahrheit; wer zur Gewissheit findet, auf Wasser zu stoßen, der wird keinen Durst zu leiden haben.

5

Reden, die der Imam (S) kurz nach dem Ableben des Propheten (S) gehalten hat als Antwort auf den Vorschlag von Abbas42 und Abu Sofjan43, sie wollten den Treueid auf ihn leisten44

Oh, durchtrennt die Wogen der Feindschaft mit der Kraft der Boote der Erlösung, steigt herauf von der niederen Stufe der Rachsüchtigkeit und zertretet die Kronen des Dünkels unter euren Füßen. Siegreich kann nur derjenige sein, der den Flug mit ausreichend mächtigen Kräften wagt, oder der, der durch Befriedung seinen Kräften die Chance zum Ausruhen gibt. Es (das Streben nach dem Kalifat) gleicht trübem, verschwommenem Wasser oder dem Bissen im Halse, an dem man ersticken kann. Wer die Früchte erntet, bevor sie reif sind, ähnelt einem Landsmann, der seine Saat in einem Boden ausbringt, der ihm nicht gehört. Protestiere ich dagegen, wird man sagen, es giert ihn nach dem Führungsanspruch, doch bleibe ich still und sage nichts, wird es heißen, er hat Angst vor dem Tod. Oh weh, nach allem, was ich durchgemacht habe, schwöre ich - der Sohn von Abi Taleb - bei Gott, dass mir der Tod vertrauter erscheint als einem Neugeborenen die Mutterbrust. Die Wahrheit ist, ich trage Wissen in mir und würde ich darüber zu euch sprechen, ihr würdet erzittern und erschüttert sein wie entfesselte Seilenden in einem tiefen Brunnen.

6

Was Ali (S) sprach, als man ihn aufforderte, Talhah und Zubayr45 nicht weiter zu behelligen und von einer Auseinandersetzung mit ihnen abzusehen

Ich schwöre bei Gott, man möge mich nicht mit einem Dachs verwechseln, der sich vom eintönigen, ununterbrochenen Klopfen der Jäger einwickeln lässt, damit diese leichtes Spiel haben, ihn zu über

41 als sein Glauben auf die Probe gestellt wurde (d. Üb.). 42 Abbas bin Abdul Mutalib. 43 Omajjade, Anführer der Mekkaner Karawane in den Kämpfen gegen Mohammed (S), im Jahre 630 Verhandlungsführer über die Kapitulationsbedingungen in Mekka und Moslem geworden. 44 Abu Bakr war gerade Kalif geworden, als Abu Sofjan, der zum Zeitpunkt des Todes des Propheten (S) nicht in Medina weilte, unterwegs die Nachricht vernahm und in aufrührerischer Absicht den Vorschlag machte, Ali gegen dessen Widersacher (Abu Bakr) zu verteidigen, wenn er den Kampf aufnahm. Dies war ein heikler Moment für Ali, denn ein Funken genügte, um kriegerische Stammesfehden zu entfesseln. Ali lehnte das trügerische Angebot, den Treueschwur entgegenzunehmen, ab, was ein Beweis seiner politischen Weitsicht war. Unter den damaligen Umständen hätte sich ein Krieg in Medina verheerend für ganz Arabien und den Islam ausgewirkt. 45 Waren zuerst Verbündete von Ali, wurden aber später zu Gegnern

wältigen! Vielmehr bin ich derjenige, der gemeinsam mit rechtgeleiteten Kräften all die niederschlägt, die von der Wahrheit abweichen und der mit einsatzbereiten und gehorsamen Soldaten die aufrührerischen Zweifler vernichtet. Seid versichert, dass ich bis zu meinem letzten Atemzug nicht davon abgehen werde! Ich schwöre bei Gott, dass ich seit dem Tode des Propheten – Gottes Segen sei mit ihm und den Seinen – bis zum heutigen Tag ununterbrochen eine Zielscheibe der Ungerechtigkeiten der Ungerechten und des Despotismus der Despoten gewesen bin.46

7

Über jene, die Satan Gefolgschaft leisten

Sie47 haben den Satan zum Kriterium ihres Handelns gemacht; im Gegenzug hat der Satan auch sie zu Teilhabern erkoren, deren Herzen er zu Brutstätten seiner Saat und seiner Sprösslinge gemacht hat und in deren Schoß er leise und heimlich wachsen kann (bis er ihr ganzes Wesen ausfüllt). Das bewirkt, dass der Teufel ihre Augen nutzt, um zu sehen und ihre Zungen, um zu sprechen! Er führt sie zu sündhaften Verfehlungen und stellt diese in ihren Augen auch noch als Zierde hin, als wenn sie die Herrschaft des Bösen teilten, und ihre Zungen macht er zu Werkzeugen teuflischen Geschwätzes!

8

Eine Rede des Imams über Zubayr, gehalten zu einem Zeitpunkt, da die Umstände dies erforderten48

Er behauptet, den Treueid nur mit einem Handschlag, nicht aber mit seinem Herzen geleistet zu haben! Also gesteht er ein, diesen Schwur abgegeben zu haben, doch behauptet er, dafür ein ganz anderes Motiv gehabt zu haben. Für diese Behauptung sollte er einleuchtende Argumente darbringen, ansonsten hat er sich dem zu beugen, dessen Ablehnung er sich auf die Fahnen geschrieben hat.49

9

Über die Feigheit der Menschen von Dschamal

Sie50 dröhnten wie Donner und sandten die Blitze ihrer tosenden Lügen über uns, die ihre Angst verdecken sollten; wir dagegen stoßen kein Kampfgeschrei aus, bevor wir nicht auch auf den Feind losgehen, wie wir ohne die Flut in der Rückendeckung auch keinen Sturm entfesseln.

46 Ali will folgendes ausdrücken: „Wie lange noch kann ich ein bloßer Zuschauer sein, wenn mir mein Recht vorenthalten wird? Solange ich lebe, werde ich gegen sie kämpfen und sie die Folgen ihres Handelns spüren lassen. Sie sollen nicht denken, ich wäre so leicht zu überwältigen wie ein Dachs in seinem Bau.“ (Anm. in der engl. Übers.) 47 d.h. die Heuchler. Anm. in der engl. Übers.: „Die, deren Herzen vom Glanze des Glaubens erstrahlen, bieten keinen Ansatzpunkt für böse Ideen, doch einige sind dazu bereit, das Böse in sich aufzunehmen. Dies sind diejenigen, die im Gewand des Islam stets dazu bereit sind, dem Unglauben Vorschub zu leisten.“ 48 Den Treueid leisten die Untertaten als Zeichen der Bestätigung der Ernennung ihres Herrschers und als Beweis der Unterwerfung und des Gehorsams. Zubayr brach diesen Eid, führte als Entschuldigung jedoch an, ihn nur gezwungenermaßen geleistet zu haben. Ein erzwungener Treueid sei kein wahrer Treueid. 49 Ali (S) weist die Behauptung in kurzer Form zurück: Wenn er zugibt, den Eid per Handschlag geleistet zu haben, dann müsse auch daran festgehalten werden, es sei denn, es gäbe eine Rechtfertigung dafür, den Untertaneneid zu brechen. Doch da Zubayrs Herz, wie er selbst sagt, damit nicht übereinstimmte, müsse er einen anderen Beweis erbringen. Doch da ein Beweis darüber nicht zu erbringen sei, ist dies nicht möglich. Eine Behauptung ohne Beweis ist für Ali (S) jedoch unannehmbar. 50 d. h. der Feind in der Schlacht von Jamal (der „Kamelschlacht“), bei der Alis (S) langjährige Feindin Ayesha gefangen genommen und in großzügiger Weise wiederum befreit wurde. Ali (S) sagt über sie, vor der Schlacht

10

Über Talhah und az-Zubayr

Gebt Acht, nun hat der Satan51 seine Anhänger um sich geschart, seine Reiter und sein Fußvolk zusammengezogen. Nun, ich für meinen Teil habe zweifellos meinen Scharfsinn beisammen. Nie habe ich mein eigenes Ich derart betrogen, dass ich mir die Verschleierung der Wahrheit selbst zuzuschreiben hätte. Bei Gott, ich schwöre, ich werde sie in einen solchen Wirbel versetzen, dass niemand außer mir ihn aufhalten kann. Es wird ihnen unmöglich sein, ihm zu entkommen oder je wieder einen Fuß hinein zu setzen.

11

Diese Rede beinhaltet, was der Imam (S) zu seinem Sohn Mohammed Bin Hanafiah52 sprach, als er das Banner vor der Kamelschlacht an ihn übergab

Bleibe fest in deinen Fußstapfen, sollten gar die Gebirge erzittern, beiß die Zähne zusammen, säume nicht, dein Haupt dem Weltengott zu leihen53 und schlage deine Schritte - zwei eisernen Säulen gleich

- fest auf den Erdboden, erfasse mit deinem Blick den äußersten Punkt des feindlichen Heeres als Ziel, schließe die Augen54 und wisse, dass Gott der Glorreiche der Einzige ist, der den wahren Sieg55 gibt.

12

Was der Imam (S) weiter äußerte, nachdem Gott ihm gegen die Verschwörer von Jamal zum Sieg verholfen hatte und einer seiner Gefährten sagte: „Ich wünschte, mein Bruder könnte jetzt hier sein und mit eigenen Augen miterleben, was für einen Sieg dein Gott Dir beschert hat!“ (Dieser Wunsch war der Anlass für das folgende Zwiegespräch zwischen ihm und dem Imam

Der Imam (S) sagte: „Ist dein Bruder einer der unseren?
Er erwiderte: “Ja, das ist er.
Daraufhin sagte der Imam (S): “ Dann ist er in diesem Moment zweifellos auch unter uns, denn unser
Lager vereint sogar all die, die noch ungeboren in den Lenden ihrer Väter und den Bäuchen ihrer Müt-
ter verborgen sind, die die Geschichte in nicht allzu ferner Zukunft zum Vorschein bringen wird und
die mit ihrem Dasein den Glauben festigen werden.

hätten sie laut geprotzt, doch seien sie vor Feigheit wie Strohhalme auseinander gestoben, als es tatsächlich zum
Kampf kam. Ali (S) sagt über sich selbst, dass sie dem Feind weder vor dem Kampf drohten oder sich oder ihm
grosstun, noch würden sie ihn mit überflüssigem Geschrei terrorisieren, denn es sei nicht die Art der Mutigen,
die Zunge anstelle der Hand zu benutzen. Deshalb soll er einst zu seinen Gefährten gesagt haben: „Hütet euch
vor überflüssigem Gerede, denn es ist Feigheit.
51 Als Talha und Zubayr durch den Bruch ihres Treueides abtrünnig geworden waren und mit Ayesha nach Basra
aufbrachen, sprach Ali (S) diese Worte als Teil einer längeren Rede (Anm. in der engl. Übers.)
52 der 3. Sohn von Imam Ali, geboren während der Herrschaft des zweiten Kalifen; genannt Bin Hanafiah nach
dessen Mutter, Khoola Binte Jafar vom Stamm der Hanifa. Sie war als Sklavin nach Medina gekommen, nach-
dem die Menschen von Yamama zu Abtrünnigen erklärt wurden, weil sie die religiöse Zakat-Steuer ablehnten.
Zur Ehrenrettung ihres Stammes und der Familie machte Imam Ali sie durch Heirat wieder zu einer Freien.
53 so dass er das ewige Leben gewinnt, denn für entliehene Dinge bestehe das Recht auf Rückgabe.
54 vor der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes und dem Anblick seines waffenstarrenden Heeres, auf das
s
er sich davon nicht beeindrucken lasse.
55 Wem Gott beisteht, der ist unbezwingbar.

13

Eine kritische Rede über Basra und seine Bewohner56

Oh, ihr Einwohner Basras, ihr bildet das Heer jener Frau und seid Anhänger jenes Tieres, ihr seid ihrem Rufe gefolgt und habt euch um sie geschart, doch sobald sie floh, habt auch ihr die Flucht ergriffen! Was euch ganz offensichtlich auszeichnet ist Kurzsichtigkeit; mit der Feindseligkeit habt ihr einen Pakt geschlossen; Falschheit ist eure Religion und auch das Wasser eurer Stadt ist verseucht. Wer unter euch lebt, ist Geisel seiner eigenen Schuld, und wer das Glück hat, euch den Rücken kehren zu können, erfährt die Barmherzigkeit seines Schöpfers. Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich eure Moschee schon wie den Bug eines versinkenden Schiffes, welches - heimgesucht vom göttlichen Zorn - mit sämtlichen Insassen im Wasser versinken wird. (In einer anderen Überlieferung heißt es: Ich schwöre zu Gott, dass eure Stadt im Wasser versinken wird und schon jetzt sehe ich eine Moschee vor meinem bildlichen Auge, die einem Schiffsbug im Untergang oder dem Kniefall des Vogel Strauß ähnelt.) (In einer anderen Überlieferung erscheint der letzte Satz der vorigen Überlieferung folgendermaßen: ... wie die Brust eines Vogels in den Wellen der hohen See).

14

Eine weitere Rede im gleichen Zusammenhang

Euer Boden ist zu nahe am Wasser gelegen und dem Himmel zu fern; eure Hirne sind hohl und eure Gedanken sind nichtig. Dies ist der Grund, warum ihr jedem Schützen als Ziel, jedem Schmarotzer als fetter Bissen und jedem Jäger als Freiwild dient.

15

Über die Rückgabe der von Osman beliebig verschenkten Ländereien sagte der Imam (S) das Folgende:

Ich schwöre bei Gott, dass ich diese Ländereien, wenn ich sie zurückbekommen sollte - selbst für den Fall, dass sie bereits zu Brautgeld geworden sind oder für den Kauf von Sklavinnen verwandt wurden

-mit ganzer Entschlossenheit in die Staatskasse57 zurückführen werde, weil Gerechtigkeit sich auf breiter Basis erstreckt und wer nicht die Fähigkeit besitzt, Gerechtigkeit zu üben, der verdient zweifellos selbst nichts anderes als Unterdrückung.

16

Diese programmatische Rede hielt der Imam (S) nach der Annahme des Treueides von den Medinensern zu Beginn seines Kalifats

Meine Rede ist Unterpfand meines Versprechens, in dessen Glauben ich stehe. Sehen wir die Geschichte mit den wachen Augen eines Lernenden an, ist fromme Demut das Resultat, welche es uns im Ergebnis erspart, uns mit Zweifeln zu plagen. Lasst euch gesagt sein, dass eure heutigen Probleme die gleichen sind wie zu Zeiten der Sendung des Propheten Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und den Seinen – und die letzten Momente der Un

56 Gehalten in Basra am dritten Tag nach dem Sieg in der Kamelschlacht nach dem Morgengebet. 57 Beyt-ol-mal (Arab.).

wissenheit58 zurückgekehrt sind. Ich schwöre bei Gott, der ihn zu Recht erwählt hat, ihr alle werdet zusammengewürfelt werden, um daraufhin noch einmal das Sieb zu passieren. Ihr werdet wie das Gemisch im Innern eines siedenden Kessels durcheinander gewirbelt, Emporkömmlinge werden abstürzen, Heruntergekommene werden aufsteigen, Avantgardisten in innerer Emigration werden den Vormarsch antreten und aufgestiegene Opportunisten werden in die Defensive gedrängt. Ich schwöre bei Gott, keine Wahrheit wird von mir verborgen und ich spreche keine unwahren Worte, von denen ich nicht bereits früher – vor diesem Tag – Kenntnis gehabt hätte. Lasst euch gesagt sein, dass Fehltritte wie zügellose, unbändige Pferde sind, die ihre Reiter direkt an den Abgrund galoppieren, um sie schließlich im Höllenfeuer abzuwerfen, und wisset auch, dass Frömmigkeit dem gehorsamen Reittier ähnelt, das seinem Reiter die Zügel selbst überlässt und ihn langsam, aber sicher, dem Paradies und der absoluten Glückseligkeit entgegen steuert. Das ist der immerwährende Lauf von Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit, die jede für sich ihre Jünger hat. Gelangen Unrecht und Unwahrheit zu Macht und Herrschaft, so ist das nichts Neues, das hat es immer gegeben. Bleiben dagegen das Recht und die Wahrheit ohne große Anhängerschaft allein auf der Strecke, bleibt immer noch Hoffnung, obgleich es nur selten vorkommt, dass sich ein im Abschwung befindlicher Prozess in einen Aufschwung umkehrt. Wer das Paradies bzw. die Hölle vor sich sieht, wird sich zwangsläufig um mehr Aktivität bemühen, wobei an das Ziel seiner Wünsche gelangt, wer dabei ein größeres Tempo an den Tag legt. Ein Suchender, der sich Zeit dabei lässt, kann immerhin noch hoffen, doch denjenigen, der sich absichtlich davon abwendet, erwartet nichts anderes als das Fegefeuer. Linke und rechte Abweichungen führen nur in die Irre. Der rechte Weg, der sich auf die überlieferte Schrift und die Überlieferungen des Propheten stützt, verläuft genau dazwischen. Die Sunna des Propheten nimmt von diesem Weg ihren Ausgang und Strömungen entwickeln sich letztlich alle dorthin, wohin sie sich einst ausrichten. Wer das Gegenteil behauptet, wird vernichtet, und wer Verleumdungen ausstößt, wird scheitern. Eine Konfrontation mit dem Recht zeitigt im Ergebnis nur einen Absturz. Für die Unwissenheit des Menschen reicht es aus, wenn er seinen eigenen Wert nicht kennt. Einer Strömung, die auf Gottesfurcht basiert, wird die Wurzel nie vertrocknen und das Feld eines Stammes, der sich dies zur Grundlage macht, wird nie an Wassermangel zu leiden haben. Zieht euch nun eine Zeitlang in eure häusliche Ruhe zurück, bemüht euch um Selbstbesinnung und darum, eure inneren Differenzen zu klären, denn trotz all des Verderbens der Vergangenheit habt ihr Gelegenheit zur Reue. Keiner sollte andere loben außer seinem Schöpfer und andere tadeln außer sich selbst.

17

Eine Rede über diejenigen, die für Gerechtigkeit im Volke sorgen sollen, dem aber nicht gerecht werden

Vor Gott gibt es zweierlei Typen von Mensch, die vor Seinen Geschöpfen am verachtenswertesten sind. Das ist zum einen derjenige, den Gott seinem eigenen Ego überlassen hat. Er hat die Balance des rechten Weges verlassen, führt nur allzu gern innovativ-ketzerische Reden im Munde und fordert noch andere dazu auf, ebenfalls diesen Weg zu verlassen. Jemand wie er stellt eine Versuchung für diejenigen dar, die ihm verbunden sind, denn er selbst ist von der klaren Linie seiner Vorgänger abgewichen und führt die auf den falschen Weg, die ihm zu Lebzeiten oder nach dem Tod nachfolgen. Er lädt sich so nicht nur die eigenen Fehler auf, sondern auch die Last der Fehltritte anderer. Zum zweiten derjenige, der die Unwissenden um sich schart und sich inmitten dieser ungebildeten Masse selber in Positur setzt, sich auf den Wellen der Intrigen treiben lässt und völlig blind für die Geheimnisse des Friedens ist. Populistische Ignoranten nennen ihn einen Gelehrten, obwohl er jeder Gelehrsamkeit entbehrt. Seine Zeit und Fähigkeiten widmet er ganz der Anhäufung von Dingen, von denen man am besten so wenig wie möglich besitzt. Hat er seinen Durst am brackigen Schlammwasser gestillt und hat er genügend nutzlose Dinge angehäuft, setzt er sich zu Unrecht auf den Posten eines Richters und übernimmt die Verantwortung, Probleme zu erhellen, die anderen verworren erscheinen.

5858 vorislamische Zeit, vorislamisches Heidentum, Zustand der Barbarei (Arab.: jahiliya).

Wird er mit nicht eindeutigen Streitfragen konfrontiert, hat er eine Handvoll abgedroschener, wertloser Phrasen parat, auf denen er dann entschieden beharrt, obgleich das Zurechtgelegte eher dem empfindlichen Gewebe eines Spinnennetzes ähnelt, zu dem er selbst kein Vertrauen hat und er die Richtigkeit seiner Entscheidung bezweifelt. Ist sie zu Recht, ergangen, hat er Angst, er könne sich geirrt haben, und ist er bei seiner Entscheidung dem Unrecht verfallen, hofft er, doch Recht gesprochen zu haben. Er ist ein Unwissender, der einen Ozean der Unwissenheit durchsucht und ein Blinder, der in der Dunkelheit einen Weg zu finden versucht. Nie kann er sich dabei auf Erfahrungen verlassen oder auf profundes Wissen stützen. Die Überlieferungen zerstreut er in alle Winde als ob es Strohhalme wären. Bei Gott, er ist von solcher innerer Leere durchdrungen, dass er mit seinem Wissen weder die Probleme anderer lösen kann noch den ihm übertragenen Posten verdient. Er kann sich gar keine Vorstellung von dem machen, was er alles nicht weiß und nie würde ihm je einfallen, dass es außer seinem eigenen gedanklichen Horizont auch noch andere Ansätze und Denkweisen geben kann. Da er genau über die eigene Ignoranz Bescheid weiß, versucht er all das zu verschleiern und möglichst nicht anzusprechen, wovon er keine Kenntnis hat. Unschuldig vergossenes Blut und geplünderte, zu unrecht verteilte Nachlässe führen Wehklage ob seiner falsch gefällten Urteile. Vor Gott beklage ich all die, die in Unwissenheit leben und irregeleitet sterben. Nichts ist in ihren Augen schädlicher als der Koran, so er richtig vorgetragen wird und keine Ware ist ihnen wertvoller und einträglicher, als der Koran, wenn er verdreht und verfälscht wird. Ihre Wertvorstellungen sind samt und sonders diametral entgegengesetzt.

18

Eine Rede, in der er die unterschiedlichen Auffassungen unter den Theologen rügt

Wird dem einen eine strittige Frage zur Entscheidung vorgelegt, wird er sein Urteil nach eigenem Ermessen treffen. Wird dieselbe Frage jemand anders vorgelegt, kommt dieser zu einem ganz anderen Urteil. Wenden sich nun beide der übergeordneten Instanz zu, die ihnen die Aufgabe übertragen hat, so wird ihnen diese bestätigen, dass beide entgegengesetzten Urteile richtig sind, obwohl sie ein und denselben Gott, ein und denselben Propheten und ein und dasselbe Buch ihr eigen nennen. Hat Gott ihnen die Unterschiede befohlen und sie gehorchten seinem Befehl damit nur? Hat ihnen Gott diese Unterschiede verboten und sie widersetzten sich Seinem Befehl? Oder hat Gott der Glorreiche ihnen eine unvollständige Religion gesandt, auf dass diese Theologen Ihm bei deren Vollendung behilflich seien? Oder aber sie sind Seine Partner und es ist an ihnen, ein widersprüchliches Urteil zu sprechen und an Ihm, dieses anzunehmen? Oder Gott der Glorreiche hat zwar einen vollständigen Glauben gesandt, aber der Prophet - Gott segne ihn und die Seinen - hat es versäumt, diesen vollständig zu übermitteln? Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Widersprüche mit Gott nichts zu tun haben, denn Er hat nichts vernachlässigt und nichts ausgelassen. Er selbst sagt klar und deutlich: “Nichts haben wir in der Schrift übergangen.“59 und Er sagt auch: „In diesem Buch ist eine Erklärung für alle Dinge.“60 Er erinnert ebenfalls daran, dass jeder Teil des Korans die Bestätigung für andere Teile darin liefert, und wenn Er sagt: „Und so er von einem andern als Allah wäre, wahrlich, sie fänden in ihm viele Widersprüche.“61 so sind darin Gegensätze und Widersprüche auch nicht zu finden. Vom Äußeren her ist der Koran wahrlich wunderschön und inhaltlich hat er eine tiefe Bedeutung, die sich nicht leicht erschließt. Seine Wunder sind so endlos wie seine noch unerschlossenen Stellen; Finsternis und Unwissenheit lassen sich nur mit der Fackel des Korans beseitigen.

59 Heiliger Koran, 6. Sure, Vers 38. 60 Heiliger Koran; 16. Sure, Vers 89. 61 Heiliger Koran, 4. Sure, Vers 82.

19

In dieser Rede setzt sich der Imam (S) mit Ash’as Ebne Qheis62 auseinander

Es heißt, der Imam (S) habe einst in Kufa63 auf der Kanzel gestanden und eine Rede gehalten, wobei er dabei ein Thema berührte, gegen das Ash‘as Protest einlegte und sagte:“ Oh, Fürst der Gläubigen, diese Rede wird dir noch zum Nachteil und zum Schaden gereichen!“, worauf der Imam (S) ihn abschätzig ansah und sprach: Du Produkt eines Webers, du heuchlerischer Ketzer, woher willst du wissen, was mir zum Nutzen oder Schaden gereichen wird! Möge dich der Fluch Gottes und der aller Fluchenden dieser Welt treffen!

(Ash’as war bekannt als ein gewalttätiger und machthungriger Mann der unter dem Mantel des Islam zur Erreichung seiner persönlichen Ziele Zwietracht und Feindschaft unter der Bevölkerung säte.)

Bei Gott, einst bist du vom Unglauben in Gefangenschaft genommen worden, ein anderes Mal vom Islam, doch weder dein Reichtum noch deine Herkunft konnten dich davon freikaufen! Jawohl, ein Mann, der seine eigenen Leute mit dem Schwerte führte und sie in Richtung des Todes treibt, hat bis ans Ende seiner Tage nichts anderes verdient als den Hass seiner Nächsten und das Misstrauen der Fremden!

20

Der Tod und welche Lehren daraus zu ziehen sind

Hättet ihr die verborgenen Wahrheiten in Form der Erfahrungen der Verstorbenen verstanden, ihr wäret unwillkürlich in Klagen ausgebrochen, aber euch wären auch die Ohren geöffnet worden und ihr hättet euch gefügt. Was sie sehen liegt für euch jedoch hinter einem Vorhang verborgen, aber dieser wird sich in nicht allzu ferner Zukunft heben. Wahrhaftig, öffnet ihr die Augen, werdet ihr sehen, dass die Wahrheit sich schon in eurem Blickfeld befindet; hört ihr zu, werdet ihr erkennen, dass die nötigen Wahrheiten bereits in euren Ohren erklingen und wenn ihr die Führung annehmt, werdet ihr entdecken, dass man euch den Weg schon früher aufgezeigt hat. Ich sage euch ganz aufrichtig, jedes warnende Beispiel zeigt sich ganz offen und unverhüllt und dient eurer Information und Wachsamkeit. Keine Mahnung ist euch vorenthalten worden. Nach den Engeln hat außer dem Menschen niemand die Botschaft Gottes gebracht.

21

Ratschlag, die Last dieser Welt gering zu halten

Das Ende des Weges64 liegt vor euch und die Auferstehung treibt euch unmittelbar im Anschluss nach vorn. Erleichtert eure Last65 und schließt zu denen auf, die euch bereits überholt haben, denn das erste Glied dieser Karawane erwartet bereits das letzte von euch.

62 Sein ursprünglicher Name war Abu Mohammed Ma’di Karb, doch wegen seines zerzausten Haares wurde er als „Ash‘as“ bekannt. Nach der Verkündung des Propheten kam er mit seinem Stamm nach Mekka, wo er von ihm zur Annahme des Islam aufgefordert wurde. Er lehnte dies jedoch samt seinem ganzen Stamm (Bani Kinda) ab. Nach der Hijrat kam er zur Audienz des Propheten nach Medina und nahm den Islam an. Nach Mohammeds Ableben wurde er wieder zum Ungläubigen, worauf er während des Kalifats von Abu Bakr als Gefangener nach Medina gelangte und dort wiederum zum Islam übertrat. Er soll einäugig gewesen und mit Abu Bakrs Schwesterverheiratet gewesen sein. Über die Ermordung Alis ist er eingeweiht gewesen.63 Stadt im Irak, erbaut zu Zeiten der Herrschaft Omars, Ali (S) machte sie nach seinem Rückzug aus Basra notgedrungen zur Hauptstadt seines Kalifenreiches und wurde dort auch zum Märtyrer. 64 Gemeint ist das Ziel, Paradies oder Höllenfeuer – je nach den Taten oder Verdiensten jedes einzelnen 65 der Sünden

22

Eine Rede des Imam (S), in der er die Verschwörer von Jamal66 verurteilt

Gebt Acht! Der Satan hat nun seine Partei mobilisiert und seine Anhänger um sich geschart, um der Tyrannei wieder auf ihren angestammten Platz und der Unwahrheit auf den Thron der Macht zu verhelfen. Bei Gott, sie haben in meiner Laufbahn nichts Verwerfliches finden können und nie sind sie im Verhältnis zwischen sich und mir je zu einer gerechten Beurteilung gelangt. Von mir fordern sie das Recht ein, das sie selbst aufgegeben haben; sie dürsten nach Rache für das Blut, das sie selbst vergossen haben. Selbst wenn ich an der Bluttat beteiligt gewesen sein sollte, dann hätten sie genauso Anteil daran wie ich. Haben sie das Blut ohne meine Hilfe vergossen, dann haben sie die Verantwortung dafür auch ganz allein zu übernehmen, wobei sich ihr Hauptargument gegen mich in Wirklichkeit gegen sie selbst richtet. Es ist, als ob sie damit quasi nach Milch an den Brüsten einer Mutter suchten, deren Milchfluss bereits versiegt ist. Sie wollen Neuerungen zum Leben erwecken, die längst tot sind. Ihr anmaßenden Unglückseligen, seht euch gut an, welchem Munde diese Worte entstammen und wer meine Antwort erhören soll! Die Antwort an sie überlasse ich Gott, der zudem genau weiß, was sich wirklich ereignet hat, und ich sehe Seinem Urteil schon freudig entgegen. Wenn sie sich jedoch widersetzen, werde ich ihnen mit der Klinge des Schwertes antworten, denn eine messerscharfe Klinge reicht als ein Mittel, um Unrecht zu beheben und dem Recht beizustehen. Es ist schon verwunderlich, dass sie mir ausrichten lassen, ich solle mich dem Kampf gegen die Lanzen stellen und auf die Hiebe ihrer Schwerter gefasst sein! Verflucht sollen sie sein und mögen ihre Mütter ihren Verlust beklagen! Die lange Geschichte meiner Kämpfe hat eindeutig gezeigt, dass der Ruf aufs Schlachtfeld weder eine Bedrohung für mich darstellt noch dass mir Verletzungen durch Schwerter und Lanzen Angst und Schrecken einflößen können, denn in meinem Glauben stütze ich mich auf meinen Schöpfer und kein Zweifel haftet meiner Religion an.

23

Rat, sich des Neids zu enthalten und den Nächsten mit gutem Verhalten zu begegnen

Doch dann werden die göttlichen Verfügungen wie Regentropfen vom Himmel regnen und jeder Mensch erhält gezielt und überlegt seinen ihm zustehenden und vorausbestimmten Anteil. Wer von euch einen Glaubensbruder in mehr Wohlstand oder in besserer körperlicher und persönlicher Verfassung vorfindet, sollte sich davon nicht täuschen lassen, denn ein Moslem, der sich keines Vergehens schuldig gemacht hat, gleicht solange einem Schützen, der sich mit dem allerersten Schuss den großen Erfolg erhofft, damit er bedeutsame Beute mache und Verluste und Niederlagen der Vergangenheit wettmache, wie seine Persönlichkeit nicht von Niedertracht zerstört ist und er nicht ständig befürchten muss, dass seine schwachen Seiten zum Vorschein kommen könnten (womit er Leute niederen Charakters gegen sich aufstacheln würde). Dementsprechend erwarten den reinen und von Verfehlungen freien Moslem eine der beiden segensreichen Entschädigungen: er wird entweder vor Gott berufen – was vor Gott das Wesentliche ist und wozu er so Zugang erhält – oder er kommt auf Erden in den Genuss der göttlichen Gaben. In diesem Fall bekommen seine Familie und er ein gutes Leben in Wohlstand gewährt wie sie auch ihre Religion und ihre Persönlichkeit wahren können. Kinder und Besitz sind zweifellos die Saat dieser Welt, wie gute Taten die Saat der künftigen Welt sind. Gott gewährt manchen bisweilen beides. So nehmt also die Warnungen, die Gott euch gibt, ernst und fürchtet euch vor Seinem Zorn, ohne dabei nach irgendwelchen Vorwänden oder Ausflüchten zu suchen. Übt eure Tätigkeiten frei von falschem Ehrgeiz und Heuchelei aus; wer für jemand anders als für Gott handelt, den überlässt Gott auch demselben.

66 Als Ali (S) im Jahre 656 der Ermordung seines Vorgängers im Kalifenamt, Osmans, beschuldigt wird, hält er diese Rede, um die Anschuldigungen zu entkräften.

Wir erbitten von Gott, dass Er uns in den Rang der Märtyrer erhebe, uns das Zusammenleben mit den Rechtschaffenen und den vertrauten Umgang mit den Guten gebe. Oh ihr Menschen, niemand - und sei er noch so reich und vermögend – kommt ohne seine Angehörigen und deren Schutz und Unterstützung - ob tatkräftig oder verbal – aus, denn Verwandte sind – weil sie ihm ja viel näher stehen - im Falle von Schicksalsschlägen oder Unglücksfällen besser um Hilfeleistung und Ausgleich bemüht. Demzufolge ist jemand, dem sein Gott einen guten Ruf gegeben hat und den die Menschen ehrlich loben, viel besser als jemand, der ein großes Vermögen hinterlässt und es einem anderen vererbt.

In derselben Rede heißt es weiter:

Lasst euch gesagt sein: Sollte jemand von euch im Leben eines Verwandten Anzeichen einer Notlage erkennen, darf er auf keinen Fall versäumen, einzuspringen, noch dazu, wenn es Dinge betrifft, mit denen er sich nichts vergibt, weil sie seine eigene Situation nicht schmälern. Wer die Not eines bedürftigen Angehörigen unbeachtet lässt und diesem die helfende Hand verweigert, wird im Gegenzug eine Menge Hände davon abhalten, auch ihm bei Bedarf zu helfen. Wer mit seiner Umgebung freundlich, gütig und gnädig umgeht, wird sich auf lange Sicht auch ihrer Zuneigung gewiss sein können.

24

Einladung zum Gottesgehorsam

Bei meinem Leben, im Kampf und bei der Vernichtung derer, die mit Recht und Wahrheit im Widerstreit liegen und auf ihrem Irrweg beharren, werde ich nicht die geringste Nachsicht und keinerlei Versöhnung walten lassen. Machet euch deshalb, ihr Diener Gottes, die Gottesfürchtigkeit zu Eigen, suchet auch vor Gott Zuflucht bei Gott und nehmet den Weg, den Er erhellt und vorgegeben hat. Gründet eure Lebensordnungen auf die Beziehungen und Verbindungen, die die göttlichen Gesetze hervorgebracht haben. Im Ergebnis dessen garantiert Ali euch auf lange Sicht den Erfolg67, selbst wenn sich dieser nicht kurzfristig einstellen sollte.68

25

Im Hinblick auf die Niederlage gegen Busr ibn abi Artat69

Nun ist vom Territorium des islamischen Kalifats nichts außer Kufa übrig geblieben, die Stadt, die mich mit all ihren unbedeutenden Problemen in ihrem Banne gehalten hat! Oh Kufa! Bei allen leidvollen Stürmen, die du erlebt hast, wenn sich das Territorium des islamischen Kalifats einzig auf dich bemisst, so möge Gott dir den Untergang bescheren! (An dieser Stelle stellt der Imam (S) unter Verweis auf eine Verszeile eines Dichters die Geschichte vom islamischen Kalifat und dem Erbe des Propheten (S) so dar:)

„Oh ‘Amr! Schau an, wie edel und tapfer die Gefährten!
Vom großen Schmaus entfällt auf uns, was klebt am schmutzigen Service.

(Dann fuhr er fort:) Mir wird berichtet, dass Bosr Jemen überwältigt hat. Bei Gott, angesichts solcher Umstände glaube ich die Zukunft wohl so sehen zu müssen, dass sie unter Ausnutzung eurer Schwachpunkte den Staat wohl

67 das Seelenheil, die Erlösung.
68 d.h. nicht in dieser Welt.
69 Bosr und sein Heer waren von Mo’awiyeh nach Arabien entsandt, um sich mit brutalster Gewalt die Städte z
u
unterwerfen. Bosr vergoß das Blut tausender unschuldiger Menschen von Arabien bis Jemen, setzte Stamm für
Stamm lebendig in Flammen und schreckte auch vor Kindern nicht zurück. Die beiden kleinen Söhne von Obei-
dollah, dem damaligen Gouverneur von Jemen, wurden vor den Augen ihrer Mutter niedergemetzelt.

an sich reißen werden, weil sie sich mit geballter Kraft dem Unrecht verschrieben haben, während ihr euch im Kampf für das Recht uneins seid! Während sie gehorsame Diener ihrer Führer auf diesem unrechten Weg sind, widersetzt ihr euch auf eurem gerechten Wege noch eurem Führer! Sie haben in ihren Gebieten mit dem Aufbau ihrer Städte begonnen und ihr lasst euer Herrschaftsgebiet nur der Zerstörung anheim fallen! Darüber hinaus stehen sie ihren Befehlshabern und ihrer eigenen Verantwortung loyal gegenüber, ihr dagegen übt Verrat, und ihr habt es damit schon so weit gebracht, dass ich sogar um den Griff eines hölzernen Gefäßes Angst haben müsste, wenn ich einem von euch ein solches anvertrauen würde! Oh, mein Gott! Meine Getreuen und ich, wir haben uns gegenseitig schwer enttäuscht und sind einander überdrüssig. Oh Gott, gib mir an ihrer Stelle bessere Gefährten und ernenne an meiner statt einen schlechteren Führer! Gott, lasse ihre Herzen in Kummer zergehen wie Salz in Wasser! Ich wünschte, ich hätte an eurer Stelle eintausend berittene Kämpfer von der Art des tapferen Bani Feras Sohn des Ghanm:70 Rufst du sie zum Kampfe bei Gefahr,eilen sie aufs Schlachtfeld geschwind wie ein Komet.71 (Daraufhin stieg der Imam (S) von der Kanzel herab.)

26

Eine Rede des Imams (S) über die Situation der Araber vor der Sendung des Propheten (S) sowie seine eigene Lage vor der Annahme des Treueides72

In der Tat hat Gott Mohammad – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – als Warnenden zu den Erdenbewohnern und als Treuhänder Seiner Offenbarungen und Seines Korans entsandt, zu einer Zeit, als ihr Araber der schlechtesten aller Weltreligionen gefolgt seid, in der schlimmsten aller Weltregionen gelebt habt und in Steinwüsten voller Giftschlangen herum gekrochen seid. Euer Trunk war stinkendes Wasser und eure Nahrung steinhartes Brot. Ihr habt gegenseitig euer Blut vergossen und Verwandtschaftsverhältnisse gebrochen. Götzen standen aufrecht unter euch und euer Leben war von jeder Art von Sünde befleckt.

Ein weiterer Teil dieser Rede

So blickte ich also um mich, um meine Kräfte abzuschätzen und musste plötzlich feststellen, dass mir außer meiner Familie keine Freunde geblieben waren. Es widerstrebte mir, sie dem Tode auszusetzen. So schloss ich die Augen trotz Sand und Dornen, schluckte den Speichel trotz meiner abgeschnürten Kehle hinunter und schwieg und geduldete mich in Anbetracht einer Realität, die bitterer war als wilder Kürbis73, wobei Kummer und Gram mich fast erstickten.

Ein weiterer Teil dieser Rede, in dem er auf die Epoche der Unwissenheit und die politischen Komplotte nach der Sendung des Propheten (S) verweist

Er hat den Treueid nur unter der Bedingung geleistet, dass er dafür einen Preis gezahlt bekomme74. Möge jemand, der sich selbst so schändlich verkauft, nie an das Ziel seiner Wünsche gelangen! Schimpf und Schande demjenigen, der seinen Anstand auf diese Art und Weise zu Markte trägt!

70 Indem der Imam in dieser Predigt seinen Getreuen ihre Fehler vorhielt, erweckte er ihren Enthusiasmus und ihre Selbstachtung zu neuem Leben. Daraufhin griff Jaria bin Qadama diesen Ruf zum Jihad auf, versammelte 2000 Kämpfer um sich und zog erfolgreich gegen Bosr zu Felde, indem er ihn aus dem Hoheitsgebiet des ImamAli vertrieb. (Anm. i.d. engl. Übers.). 71 im arab. Urtext erscheint der Vergleich mit einer leichten Sommerwolke (d.Üb.). 72 Diese Rede hielt der Imam vor seinem Abzug nach Nahrawan (ca. 658 n.Chr.), wo er gegen die Kharijiten kämpfte und siegreich war. 73 eigtl. Koloquinten (Colocynthis vulgaris), einer der markantesten Vertreter der Kürbisgewächse, die in afrikanischen und asiatischen Wüsten vorkommen. Von Kultursorten abgesehen enthalten die Früchte oft große Mengen an bitterschmeckenden Triterpenverbindungen. 74 Zwischen Mo’awiyeh und ‘Amr bin ‘Aas bestand eine Abmachung, derzufolge ‘Amr gegen den Posten desGouverneurs von Ägypten bereit war, den Eid auf Mo’awiyeh zu schwören und Osmans Blut zu rächen, indem man Ali (S) für dessen Ermordung verantwortlich machte.

Nun ist es an euch, zum Kampfe zu rüsten und die nötigen, geeigneten Waffen dafür zu besorgen!
Bereitet euch auf jede denkbar geeignete Weise darauf vor, denn die Flammen züngeln bereits und der
Feind zeigt uns schon seine Zähne.
Schreibt euch Geduld auf eure Fahnen und wisset, dass sie der letztlich bestimmende Faktor für den
Sieg ist.

27

Aufruf der Menschen zur Anstrengung auf dem Wege Gottes

Habt Acht! Ich habe euch Tag für Tag, verdeckt und offen, zum Kampf gegen diesen Stamm aufgerufen und euch deutlich darauf hingewiesen, dass ihr in den Kampfhandlungen gegen sie die Initiative ergreifen müsst. Greift sie an, bevor sie euch angreifen können, weil – bei Gott – ausnahmslos jedes Volk, das im Herzen seines eigenen Landes angegriffen wird, gedemütigt und bezwungen wird. Ihr aber habt es abgelehnt, diese Verantwortung zu übernehmen und habt sie anderen überlassen. Ihr habt euch gegenseitig im Stich gelassen, bis der Feind den Angriff schließlich wagte und einfiel und eure Stellungen einer nach der anderen in seinen Besitz brachte. Jetzt sind es die Unholde der Ghamid75, die mit ihren Reitern Anbar eingenommen haben und indem sie Hassan bin Hassan Al-Bakri76 töteten, haben sie euch und eure Heere aus den Grenzregionen vertreiben können. Nach bestätigten Berichten, die mir zugetragen wurden, haben die Angreifer Übergriffe auf Frauen dieses Gebietes verübt, unter denen sich einige Muslima wie auch ein paar Angehörige anderer offizieller, tributpflichtiger Minderheiten befunden haben. Man raubte den Frauen von den Füßen, den Armen, den Hälsen und Ohren all ihren Schmuck und ihnen blieb, da niemand sie verteidigte oder ihnen Schutz gewährte, nur übrig, zu weinen, zu klagen und um Gnade zu flehen. Nach diesem Geschehen konnte der angreifende Feind heil und ohne die geringste Verletzung – keinem einzigen war auch nur ein Blutstropfen aus der Nase geflossen – mit vollen Händen in seine Stützpunkte zurückkehren. Dieser Bericht ist bei Gott so bitter und unerträglich, dass keinem Moslem ein Vorwurf zu machen wäre, wenn er von dieser Katastrophe hörte und vor Gram daran zugrunde ginge, denn aus meiner Sicht wäre dies nur eine angemessene Reaktion. Wie höchst seltsam! Ich schwöre bei Gott, es bricht einem das Herz und schürt Kummer und Gram, wenn man mit ansehen muss, wie einig und geschlossen sich dieser Stamm im Unrecht gibt und wie uneins und zersplittert ihr dagegen in eurer gerechten Sache seid! Wehe euch! Mag euer Name zuschanden kommen! Ihr habt euch selbst im Schussfeld der feindlichen Aggression befunden, man greift euch an und ihr lasst zu, dass sie euch ausplündern, ohne dass ihr zurückschlagt? Habt ihr keine Ehre im Leib? Vor euren Augen widersetzen sie sich dem Befehl Gottes und machen sich schuldig, und ihr stimmt ihnen mit eurem Schweigen darin noch zu? Ordne ich die Mobilisierung in sommerlicher Hitze an, dann sagt ihr, jetzt ist gerade die heißeste Zeit des Jahres, lass uns abwarten, bis sie vorbei ist. Gebe ich im Winter den Marschbefehl, dann höre ich, jetzt ist gerade die kälteste Zeit des Jahres, lass uns abwarten, bis die Kälte abgeklungen ist. Auf der Flucht vor Hitze und Kälte sind alle Chancen an uns vorbeigezogen. Wenn ihr sogar vor heißem und kaltem Wetter Reißaus nehmt, wahrlich, wie solltet ihr euch da in der Hitze des Gefechtes blitzender Schwerter zum Beistand anderer als fähig erweisen? Möge Gott euch dafür zugrunde richten, dass ihr mir so tiefe Gram ins Herz gepflanzt und meine Brust von Zorn und Hass erfüllt habt! Mit jedem Atemzug habt ihr mir ein Giftmaß voll von Schmerz und Kummer eingeflößt. Euer Ungehorsam und eure Missachtung waren so schädlich für mich und meine Politik, dass sich die Qoraishiten erdreisten zu behaupten: „Der Sohn von Abi Taleb ist zweifellos ein tapferer Mann, doch von Kriegstaktik hat er keine Ahnung“. Möge Gott ihnen und ihren Vätern verzeihen! Hat auch nur einer dieser Angeber die gleiche harte Kriegserfahrung wie ich sie habe? Oder ist es jemand im Kampfe gelungen, mich zu übertreffen? Ich

75 Ein Stamm aus dem Jemen (ca. 6000 Kämpfer), den Mo’awiye unter der Leitung von Sufian bin Auf Ghamidi gegen die Städte Madaen, Anbar und Hait sandte. Als sie Mada’en erreichten und es verlassen vorfanden, zogen sie gen Anbar weiter, wo sich ein Kontingent von 500 Soldaten des Imams aufhielt. Von der Stadt blieb nachdem Sieg der Bani Ghamid und der Plünderung nichts mehr übrig. (Anm. in der engl. Übers.). 76 Der Anführer von Alis Truppen in Anbar, der dort mit 30 weiteren Soldaten ums Leben kam.

war noch keine zwanzig Jahre alt, als ich schon auf dem Schlachtfeld stand, bis heute, wo ich die sechzig überschritten habe! Doch leider Gottes, keiner kann etwas ausrichten, wenn ihm seine Gefolgsleute den Gehorsam verwehren.

28

Über die Vergänglichkeit dieser Welt

Die Welt hat sich nun abgewandt und sagt Lebewohl, doch die Zeichen des Jenseits werden immer besser wahrnehmbar. Lasst euch gesagt sein, dass heute noch trainiert und geübt wird, morgen jedoch der Wettstreit stattfindet, ein Wettstreit, bei dem der Sieg das Paradies und das Höllenfeuer die Niederlage bedeutet. Gibt es trotzdem keinen unter euch, der vor dem Tode noch für seine Sünden Buße tun will? Gibt es keinen aktiven Streiter unter euch, der noch etwas leisten will, bevor es mit ihm aus ist? Nun, ich mache euch darauf aufmerksam, dass jetzt die Zeit der Hoffnung ist, der Tod euch jedoch bevorsteht. Wer die Gelegenheit ergreift und handelt, dessen Tun wird ihm zum Nutzen gereichen und der Tod kann ihm nicht das Geringste anhaben. Wer die Zeit der Hoffnung und der Gelegenheit vor dem Tod jedoch untätig verstreichen lässt, wird nichts als Nachteile davon haben, weil der Tod ihm heftig zu schaffen machen wird. Ich sage euch: handelt in Zeiten des Erfolgs genauso wie ihr mit fliegenden Herzen in Zeiten der Angst handeln würdet! Mir ist außer dem Paradies kein stärkerer Quell der Hoffnung begegnet, der etwa jene seelenruhig schlafen ließe, die danach strebten, und ebenso habe ich außer der Hölle keinen größeren Quell der Angst gefunden, der jene etwa in Ahnungslosigkeit wiegen würde, die ihr zu entfliehen suchten! Ich sage euch: wer dem Recht nicht nützt, dem wird das Unrecht schaden. Wen die (göttliche) Führung nicht auf den rechten Weg leitet, den wird der Irrweg ins Verderben stürzen. Seid gewahr, euch allen ist der Befehl des Umzugs aus dieser Welt erteilt worden und ihr habt Hinweise bekommen, welche Vorräte am besten für diesen Weg geeignet sind. Meine größte Angst ist, dass ihr Leidenschaften und kurzlebigen Neigungen frönt. Nehmt aus dieser Welt so viele Vorräte mit, wie ihr morgen braucht, um eure Bedürfnisse zu decken.

29

Über die Zauderer

Oh ihr Menschen,77 deren Leiber zwar eine einheitliche Masse bilden, deren Bestrebungen und Tendenzen aber in völlig unterschiedliche Richtungen auseinander laufen! Eure Worte und Parolen bringen einen Stein zum Erweichen und erst eure Taten wecken die Begierde des Feindes! Bei euren politischen Versammlungen führt ihr die wildesten Parolen im Munde, doch wenn es zum Kampfe geht, kennt ihr nur eine Losung: Fahnenflucht! Wer sich mit Leuten wie euch abgeben muss, dessen aufrüttelnde Worte bleiben vollkommen bedeutungslos; wessen Herz für eure Kümmernisse schlägt, der wird nie ein Ruhekissen finden. Eure Vorwände sind hohl und unbegründet und sie ähneln Ausflüchten, wie sie unverbesserliche Schuldner immer wieder machen! Eine niedrige Kreatur kann Unterdrückung weder verhindern noch abwenden und Recht lässt sich nun mal nicht anders als durch harte Anstrengungen erwirken. Wenn ihr heute nicht einmal euer eigenes Haus verteidigt, wie wollt ihr dann morgen die Grenzen eines Landes beschützen? Wenn ihr an meiner Seite dem Kampfe abschwört, mit welchem Führer wollt ihr dann Schulterschluss üben und in den Kampf ziehen?

77 Diese Rede hielt Ali (S) vor seinen Landsleuten nach der Schlacht von Nahrawan (658 n.Chr.), als er erfuhr, daß das von Mo’awiyeh in Richtung Kufa entsandte 4000 Mann starke Heer unter Führung von Zahhak bin Qais Fehri mordend und brandschatzend durch sein Gebiet zog. Er beabsichtigte sie aus ihrer Lethargie zu reißen und zur Verteidigung des Landes aufzurütteln, was ihm schließlich gelang, als Hajr bin Adl mit 4000 Mann gegen den Feind zog und ihn bei Tademmur in die Flucht schlug. Dabei starben zwei von Alis Männern.

Wer sich von euch täuschen lässt, der muss wahrlich ein leichtgläubiger Dummkopf sein! Wer denkt, er könne mit euch den Sieg erringen, der zieht mit allem anderen als mit schnellen Pfeilen ins Feld und wer glaubt, mit euch den Feind ins Visier nehmen zu können, der kämpft mit stumpfen Waffen! Ich kann euch kein einziges Wort mehr abnehmen; ich habe auch keine Hoffnung mehr auf Hilfe von eurer Seite und auf Rückendeckung von euch kann ich bei der Abschreckung des Feindes erst recht nicht mehr zählen! Was ist nur los mit euch? Was mag euch nur fehlen? Wie kann man euch davon heilen? Der Feind hat auch keine anderen Männer, wie ihr es seid! Hört endlich auf mit all diesem billigen Geschwätz, dieser Gleichgültigkeit vor Gott und dieser unangebrachten Gier!

30

Eine Rede über den Hergang der Ermordung von Osman78

Wäre der Befehl zu dieser Tat von mir gekommen, wäre ich auch der Mörder, hätte ich die Umsetzung der Tat dagegen verhindert, würde ich als Anhänger von Osman gelten. Trotz allem darf man nicht außer acht lassen, dass weder seine Anhänger behaupten könnten, sie wären besser als die anderen, die sich von ihm abgewandt haben, noch dürften andersherum die, die sich abgewendet haben, ihrerseits behaupten, auch sie seien besser als seine Anhänger. Lasst mich den Hergang der Geschichte folgendermaßen zusammenfassen: Er hatte eine schlechte Politik gewählt, indem er sich dem Despotismus verschrieb und nach der Monopolstellung trachtete. Ihr habt mit Unduldsamkeit darauf reagiert, was auch keine gute Reaktion war. Doch Gott hatte ja bereits sein Urteil gefällt, das auf Despotismus und Unduldsamkeit steht, und dieses wird ohnehin vollstreckt werden.

31

Eine Rede, mit der Ali (S) Ibn Abbas vor dem Ausbruch der Kamelschlacht ansprach, als er ihn zu Zubayr sandte, damit er mit diesem spreche und ihn zum Gehorsam auffordere

Versuche möglichst nicht auf Talhah zu treffen, denn du wirst ihn im Umgang mit anderen wie einen wilden Stier mit gespitzten Hörnern vorfinden! Talhah ist so eingebildet und überheblich, dass er so-gar beim ungestümsten Reittier so tut, als ob er auf dem Zahmsten der ganzen Welt säße. Bemühe dich stattdessen um ein Treffen mit Zubayr, denn er ist von Natur aus viel ausgeglichener. Sage ihm, sein Cousin79 lässt ihm ausrichten, wie er sich das Geheimnis dieses Widerspruchs erklärt, dass er mich erst gestern in Arabien offiziell anerkennt und er mir dann heute im Irak feindlich gesinnt ist? (Nach Angaben des Verfassers des Nahju-l-balagha ist der oben genannte Ausdruck im letzten Satz dort erstmalig in der arabischen Literatur verwendet worden).

32

Eine Rede von Ali (S), die einen Einblick in die islamische Gesellschaft nach dem Propheten vermittelt

O Leute, mittlerweile leben wir in einer Zeit voller Willkür und Undankbarkeit, in der jemand, der Gutes tut, schlecht angesehen ist, und in der ein Despot seine Anmaßungen noch verstärkt. Was wir

78 Osman war der erste islamische Kalif vom Stamme der Omajjaden. Er bestieg den Thron mit siebzig am 1.
Moharram 24 n.H. (ca. 644 n.Chr.) Unter seiner tyrannischen Herrschaft litt der Friede im Lande, die Staatsge-
schäfte und Verwaltung befanden sich in Chaos und die islamischen Werte zerfielen, was ihm den Hass der
großen Mehrheit des Volkes eintrug. (Anm. in der engl. Übers.)
79 Zubayr ist der Neffe von Ali (S) mütterlicherseits. Die Mütter von ihm und Zubayr waren Schwestern.

wissen, nutzen wir nicht und was wir nicht wissen, erfragen wir auch nicht. Keine Katastrophe kann uns schrecken, bevor sie uns nicht tatsächlich ereilt. In diesem Umfeld lassen sich die Menschen in vier verschiedene Gruppen einteilen: die eine Gruppe sind die widerwärtigen Politbonzen, die die Welt nur deshalb nicht in lasterhafte Verderbtheit stürzen, weil sie zu schwächlich sind, von Gefühlen der Minderwertigkeit geplagt sind, es ihnen an Selbstwertgefühl mangelt, ihre Waffen zu stumpf sind und die materiellen Gegebenheiten dafür nicht ausreichen. Denen gegenüber stehen die politischen Missetäter, die Gräueltaten für jedermann sichtbar mit gezückten Schwertern begehen und deren Reiterscharen und Fußtruppen tätlich gegen das Volk vorgehen. Sie haben ihr eigenes Ich für den Bruchteil an irdischen Gütern, den sie dabei erbeuten, für diese oder jene Gruppe, über die sie die Befehlsgewalt erringen oder für die mehr oder minder hochgestellte Kanzel, die sie besteigen können, verkauft und dabei die Religion kaputtgemacht. Welch widerwärtiges Geschäft ist es, wenn der Mensch die Welt als Preis seines eigenen Egos handelt und göttliche Belohnung und göttliche Werte mit irdischen Werten gegen rechnet! Eine weitere Gruppe sind diejenigen Heuchler, die vorgeben, mit ihrem Tun in dieser Welt nach dem Jenseits zu streben und mit ihrem gleisnerischem, religiös scheinbar reinen Kult doch nur auf die Annehmlichkeiten dieser Welt bedacht sind. Mit wichtigtuerischem Gehabe setzen sie bedächtig ihre Schritte, drapieren ehrwürdig ihre Gewänder und schmücken sich mit vermeintlicher Vertrauenswürdigkeit, dabei benutzen sie die Religion Gottes lediglich als Hilfsmittel zum Sündigen. Die vierte Gruppe schließlich sind diejenigen, die in Ermangelung besserer Chancen und Umstände ohne Posten und ohne Macht geblieben und so ins Abseits geraten sind. Während sie sich wie fromme Asketen geben, bezeichnen sie ihr eigenes Zurückbleiben als Genügsamkeit, doch in Wirklichkeit wissen sie nicht einmal, was Askese und Genügsamkeit überhaupt sind. Unterdessen gibt es noch eine verschwindend kleine Gruppe, die im Gedenken an die jenseitige Welt und den Zeitpunkt der Rückkehr (zu Ihm) den Blick vor allem anderen verschließt, während die Schrecken des Jüngsten Gerichts ihren Tränenfluss beständig anschwellen lassen. Einige sind heimatlos und ausgewandert, andere sind sorgenvoll, unterdrückt und vom Druck eingeschüchtert, wieder andere versuchen aufrichtig und mitfühlend, ihre Mitmenschen für die Sache zu gewinnen und auf die Probleme aufmerksam zu machen. Ja, sie sind das Feuer, das sich unter der Asche der aus Furcht verborgen gehaltenen religiösen Bekenntnisse befindet; namenlos geworden und mit Ohnmacht geschlagen gleichen sie Unglücklichen, die halb verdurstet und mit zerrissenen Herzen in einem Salzmeer untergegangen sind; sie haben solange gemahnt und gepredigt, bis sie dessen überdrüssig waren; sie sind so stark unterdrückt worden, bis nichts von ihrer alten Größe übrig war und sie haben so viele Opfer gebracht, bis ihre Zahl auf nicht mehr als eine Handvoll geschrumpft war. So versucht die Welt in euren Augen als geringer und unbedeutender als Lederreste der Gerberzunft oder Fussel bei der Schafschur erscheinen zu lassen! Lasst euch eure Vorgänger als Beispiel dienen, bevor sich eure Nachfolger an euch ein Beispiel nehmen. Übt so gut es geht Zurückhaltung vor der Welt, denn sie hat schon Leute von sich zurückgehalten, die ihr noch weit mehr zugetan waren als ihr.

33

Als Ali (S) gerade zum Kampf gegen die Bewohner von Basra aufbrechen wollte, erzählte Ibn Al-Abbas die folgende Begebenheit: „In Zi-Qhar traf ich auf den Imam, der gerade dabei war, seinen Schuh zu flicken. Er fragte mich, wie viel denn so ein kaputter Schuh wert sei. Ich antwortete, er sei nicht viel wert. Da sprach der Imam, er schwöre vor Gott, dieser wertlose Schuh wäre für ihn mehr wert als die Herrschaft über uns, wenn er nicht dem Recht Geltung zu verschaffen und das Unrecht abzuwehren hätte.“ Danach sei er aus seinem Zelt ins Freie getreten und habe zu den Menschen gesprochen:

Fürwahr, Gott hat Mohammad - der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie - zu einer Zeit erwählt, da kein Araber auch nur ein einziges Buch las oder den Anspruch erhob, ein Prophet zu sein. Dann hat Er das Volk nach vorn geführt, bis es seinen gebührenden Platz eingenommen hatte. Er hat es auf den Höhepunkt von Freiheit und Erlösung gebracht, was dazu führte, dass ihre Lanzenspitzen auf die richtige Art und Weise benutzt wurden und das Fundament ihrer Gesellschaft sich verfestigte. Bei Gott, ohne je Schwäche oder Angst zu zeigen habe ich einst zu den Vorkämpfern dieser Bewegung gehört, bis die feindliche Front ganz und gar zerschmettert war. Noch heute verfolge ich diesen Weg mit der Entschlossenheit, Unrecht zu bekämpfen und durch Recht zu ersetzen.

34

Eine Rede zur Mobilmachung der Kräfte zum Kampf gegen die Syrer

Wehe euch! Ich bin es leid, euch immer nur zurechtzuweisen! Ziemt es sich denn für euch, dass ihr euch anstelle von Jenseits und Würde nur des weltlichen Lebens und dessen Nichtigkeit erfreut? Rufe ich euch zum Jihad gegen eure Feinde auf, reißt ihr eure Augen auf, als ob ihr geradewegs in den Höllenschlund schauen würdet und ihr euch vor lauter (weltlicher) Trunkenheit selber fremd geworden wärt! Die Pforte des Verständnisses für meine Worte ist euch verschlossen. Deswegen seid ihr so durcheinander, als wenn eure Herzen so stark in Mitleidenschaft gezogen wären, dass ihr nicht mal zum Denken mehr in der Lage seid. Ihr könnt weder meine Vertrauten bei vertraulichen Gelegenheiten sein noch kann ich mich bei der Verwaltung des Landes auf eure Kräfte verlassen. Erst recht bildet ihr keine starke, verlässliche Heerestruppe auf dem Schlachtfeld. Ihr gleicht einzig und allein einer wilden Kamelherde, die – egal von welcher Seite man sie zusammentreiben will – an anderer Stelle prompt auseinander stiebt! Bei Gott, ihr seid denkbar ungeeignet, auch nur einen Funken zu entfachen, der den Krieg zum Ausbruch bringt! Ständig wird gegen euch Konspiration betrieben, ihr aber habt dem nichts entgegenzusetzen. Eure Grenzen sind ständig im Schwinden begriffen, doch kein einziger von euch lehnt sich dagegen auf. Der Feind schläft nicht einen Augenblick, ihr aber verbringt eure Tage weiter ahnungslos und selbstvergessen! Ich schwöre bei Gott: wer sich gleichgültig der Verantwortung entzieht, wird zum Scheitern verurteilt sein. Bei Gott, unter diesen Umständen muss der Sohn von Abi Taleb wohl fest damit rechnen von euch wie ein vom Rumpf getrenntes Haupt endgültig allein gelassen zu werden, wenn die Schlacht auf dem Höhepunkt tobt und der Hauch des Todes weht. Bei Gott, wer dem Feind die Gelegenheit lässt, sein Fleisch zu kauen80, seine Knochen zu brechen und ihn zu skalpieren, der muss ja völlig am Ende seiner Kräfte sein. Am Ende muss er dann auch mit dem sein, was er (an Geist und Verstand) im Leib hat! Mache dies mit, wer will, ich aber werde – bevor ich dem Feind die Gelegenheit überlasse, so etwas zu tun – ihn mit so Aufsehen erregenden Schwerthieben attackieren, dass seine Schädelsplitter in alle vier Himmelsrichtungen fliegen und seine Gliedmaßen abgetrennt werden. Mag danach passieren, was in Gottes Willen steht. O, ihr Leute, zweifellos stehen euch Ansprüche von mir zu, wie auch ich Ansprüche euch gegenüber habe. Meine Verpflichtung euch gegenüber besteht darin, euch Wohlwollen und aufrichtige Anteilnahme zu zeigen, die Möglichkeiten für euch zu schaffen, in den vollständigen Genuss eures wiedergewonnenen Eigentums zu kommen, euch zu unterweisen, damit ihr von Unwissenheit befreit werdet, Erziehung genießt und Bildung erfahrt. Eure Verpflichtung mir gegenüber besteht dagegen in der Wahrung des Treueides und in meiner Beratung, ob persönlich oder in Abwesenheit! Rufe ich euch zur Mobilmachung auf, solltet ihr diesen Ruf unverzüglich positiv beantworten und erteile ich einen Befehl, habt ihr ihm nachzukommen.

35

Eine Rede des Imams (S) nach dem Schiedsspruch

Gelobt sei Gott, wenn das Schicksal uns auch große Schwierigkeiten und viel Unheil gebracht hat, und ich lege Zeugnis ab, dass es keinen Gott außer dem einen und einzigen Gott gibt, Er allein der Verehrung würdig ist und dass Mohammad – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – Sein Diener und Prophet ist.

80 Anspielung auf Hind, die Frau Abu Sofjans, die nach dem Sieg der Qoreishiten in der Schlacht von Ohod 625 n.Chr. die Leber des im Kampf getöteten Hamsa herausschneiden ließ und aufgegessen haben soll.

Ohne Zweifel kann das Ergebnis des Ungehorsams gegenüber dem Ratschlag eines einfühlsamen, klugen und erfahrenen Ratgebers nichts anderes als Enttäuschung sein und nichts als Reue nach sich ziehen. Ich habe euch im Verlaufe dieses Schiedsspruches81 meine Meinung wissen lassen und habe sogar meine innersten Gedanken offen vor euch geäußert. Hätte man bloß auf Ghasseer gehört!82 Ihr dagegen habt meine Auffassungen verworfen und abgelehnt, als ob ihr erbitterte Gegner oder aufständische Rebellen wärt, bis dieser wohlmeinende Ratgeber an seinem eigenen Wohlwollen zu zweifeln begann und dieses vage Fünkchen des Feuersteins wieder erlosch! Mit mir und euch verhält es sich so, wie es der Bruder von Hawazin83 beschreibt:

Da sie meinen Rat in Muna’rejj nicht erhört, mussten sie tags drauf die Strafe ihres Ungehorsams erfahren.

36

Eine Rede über das den Kharijiten84 gesetzte Ultimatum

Ich warne euch, dass von euch nichts als leblose Körper inmitten der morastigen Flussniederung rund um den Nahrawan85 übrig bleiben wird, wenn ihr ohne klaren Rechtfertigungsgrund eures Schöpfers und ohne ausreichend starke Argumente vorgeht! Die Welt zieht euch da in den Strudel der Verderbtheit hinein und die göttliche Vorsehung breitet ihre Netze auf den Pfaden aus, auf denen ihr für gewöhnlich wandelt. Als ob ich euch dieses Schiedsgericht nicht untersagt hätte, habt ihr euch dreist über meine Auffassung hinweggesetzt und genau die entgegengesetzte Position bezogen. Das ging soweit, dass ich gezwungen war, meine Anschauungen eurer Begehrlichkeit anzupassen. Ihr seid hirnlose Hohlköpfe! Doch letztlich war nicht ich es, der dieses Unglück angezettelt hat, und nie habe ich je gewollt, dass euch Schaden widerfährt.

37

Eine Rede des Imams (S), die im Range einer Predigt steht

Als sich die anderen zurückgezogen hatten, habe ich mich erhoben. An dem Tage, da sie ihre Köpfe eingezogen hatten, bin ich in die Arena hinausgetreten und als alle ins Stottern verfallen und zum

81 Kurz bevor der Sieg von Alis Truppen über die Syrer bei Al-Harir tatsächlich errungen werden konnte, schlug Amr bin Aas Mo’awiye vor, die bevorstehende Niederlage durch einen Trick abzuwenden. Dazu wurden heilige Korane auf Lanzen aufgespießt und so Uneinigkeit über die Fortsetzung der Kampfhandlungen im Lager des Gegners gesät. Ali durchschaute diese teuflische Falle und warnte seine Anhänger, doch der Betrug verfehlte sein Ziel nicht. Bei dem danach eingesetzten Schiedsgericht sollte die Frage des Kalifats nach dem Koran entschieden werden. Amr bin Aas wurde der Schlichter von Mo’awiyeh und auf Alis Seite schlug man Abu Musa Ash’ari vor. Ali warnte auch davor und stellte Abdullah bin Abbas oder Malik bin Ashtar zur Auswahl, doch auch darin hörte man nicht auf ihn. 82 Dieses Sprichwort findet Anwendung, wenn jemand einen Rat missachtet und dies später bereut. Ghasseer war der Name des Sklaven von Juzamia Abrash, Herrscher von Heera, der den Herrscher von Jazeera, Amr bin Tarab, umbringen ließ. Dessen Tochter Zuba, die ihrem Vater auf den Thron folgte, wollte ihren Vater rächen, indem sie Juzamia vorschlug, ihr als ihr Ehemann beim Regieren zur Seite zu stehen. Dieser fühlte sich so geschmeichelt, dass er mehrere Warnungen seines Sklaven in den Wind schlug und auch kurz nach seinem Eintreffen in Jazeera getötet wurde.83 Der Bruder von Hawazin ist Duraid bin Samma, der diese und andere Reime nach dem Tode seines Bruders Abdullah schrieb. Beide führten den Angriff auf Bani Bakr bin Hawazin. Auf dem Rückzug wollte Abdullah bei Muna’rejj-ullawa Rast machen, aber Duraid riet ihm davon ab. Abdullah schenkte dem keinen Glauben und da der Feind gleich nach Einbruch der Nacht hinterrücks angriff, wurde er auf der Stelle getötet. Duraid wurde verwundet, doch gelang ihm noch die Flucht. 84 Eine nach der Schlacht von Siffin vom Imam abgespaltene Gruppe, die Ali vorwarf, sich einem „menschlichen“ Schiedsgericht unterworfen und somit Verrat am Legitimitätsprinzip und an ihnen, seinen Anhängern, begangen zu haben, denn niemand außer Allah dürfe Schlichter sein. 85 20 km von Bagdad entfernt in der Tiefebene gelegen, wo 658 n.Chr. die gleichnamige Schlacht stattfand, bei der die Kharijiten entscheidend geschlagen wurden. Diese Rede war als Warnung und Mahnung gedacht.

Sprechen nicht mehr in der Lage waren, habe ich den Mund aufgemacht. Als alle anderen durch die Stagnation wie gelähmt waren, habe ich mich im Lichte der Führung Gottes als erster auf den Weg begeben. Ja, beim Worte machen und Parolen reißen war meine Stimme stets die leiseste, doch beim Handeln stand ich mit meiner Tat stets zuvorderst und in erster Reihe. So habe ich mich auf den Flügeln der prophetischen Sendung bis in die höchsten Höhen aufgeschwungen und habe - indem ich allen anderen davonflog – ihnen die Führung abgenommen! Einem massigen, mächtigen Berge gleich habe ich den Wirbelstürmen des Schreckens und der Zerstörung getrotzt und ausgeharrt. In meinem Leben lässt sich kein einziger dunkler Punkt ausmachen, mit dem ein Kritiker die Möglichkeit hätte, mir selbst mit Mimik oder Gestik zu spotten, oder mit dem ein Schwätzer irgendwelche verbale Anspielungen machen könnte. In meinen Augen sind selbst die Ärmsten der Gesellschaft ehrenwert und dessen würdig, ihr Recht von mir zurückzubekommen, während die Mächtigsten ohnmächtig sind, wenn ich ihnen das Recht wieder abnehme. Demzufolge bin ich mit dem göttlichen Ratschluss aus tiefster Seele zufrieden und Seinem Befehl voll und ganz ergeben. Wäre es denn zu glauben, dass ich den Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – irgendwelcher Lügen bezichtige, obwohl ich damals einer der ersten war, der ihn bestätigt hat? Mit einem Blick um mich herum musste ich nun plötzlich feststellen, dass ich vor dem Treueid bereits durch das Befolgen an ein anderes Versprechen gebunden war.86

38

Über Zweifler

Zweifel werden deshalb Zweifel genannt, weil sie die Wahrheit zweifelhaft erscheinen lassen. Wer Gott nahe steht, überwindet dank des Lichtes seines festen Glaubens jede Atmosphäre des Zweifels und sucht den Weg des Seelenheils. Wer Gott hingegen feindlich gesinnt ist, dem dienen sie als Gelegenheit, das Volk vom rechten Weg in die Irre zu leiten, wobei Blindheit deren einziger Wegführer ist. Schließlich gelingt es niemandem, der sich vor dem Tode fürchtet, davon erlöst zu werden wie auch die Unsterblichkeit niemandem gegeben wird, der das ewige Leben liebt.

39

Über jene, die vor dem Kampf flüchten

Ich sehe mich Gefolgsleuten gegenüber, die mir weder gehorchen, wenn ich einen Befehl erteile, noch reagieren, wenn ich sie rufe. Wehe euch! Was erwartet ihr vom Beistand eures Schöpfers? Ist nicht ein und dieselbe Religion das Bindeglied zwischen euch? Habt ihr kein Ehrgefühl im Leib, das euch aufrüttelt? Ich stehe hier in eurer Mitte, euch verzweifelt um Hilfe anrufend, doch ihr schenkt mir nicht einmal Gehör und verweigert euch solange meinem Befehl, bis ihr die unheildrohenden Konsequenzen am eigenen Leib erfahrt! Aus diesem Grunde kann man mit eurer Hilfe weder Blutrache üben noch irgendein anderes Ziel angehen. Ich rufe euch euren Glaubensbrüdern zur Hilfe87, doch als Antwort höre ich nur ein klagendes

86 Der Überlieferung zufolge hatte der Prophet Ali aufgefordert, bei seinem Anspruch auf das Kalifenamt Zurückhaltung und Nachsicht zu üben. Ali (S) stellte die Erfüllung dieses Versprechens höher als seinen Rechtsanspruch auf den Treueid von den Bürgern und verhielt sich drei Kalifen gegenüber loyal, bis er selbst zum Kalifen ernannt wurde. 87 Der Imam (S) hielt diese Rede, als Mo’awiyeh mit 2000 Soldaten unter dem Oberbefehl von Noman bin Basheer im Anmarsch auf Ainut Tamar war, einer Verteidigungsbasis des Imams (S) westlich von Kufa nahe Am-bar. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Malik bin Ka’b Arhabi, der Anführer von Alis Truppen, nur über ca. 100 Männer vor Ort. Er forderte von Ali (S) weitere Kräfte an, doch Alis Aufruf folgten nur 300 Leute, was ihn zu diesen anklagenden Worten veranlasste. Dem Angriff von Noman wurde dennoch standgehalten, da parallel dazu, wenn auch mit Verspätung, auch Hilfe aus anderen Teilen eintraf.

Murren, wie es kranke, altersschwache Kamele ausstoßen und eure lahme, schwerfällige Reaktion ähnelt dem Verhalten von Kamelen, deren Höcker wund sind. Am Ende erscheint dann – zaghaft und schwach - eine verschwindend kleine Truppe vor mir, aus deren Blicken mir schon die Angst entgegenspringt, als ob sie eben mit ansehen müssten, wie sie geradewegs in den Tod geschickt würden!

40

Eine Rede als Antwort auf das Argument der Kharijiten, dass die Befehlsgewalt allein bei Gott liege

Der Satz ist wahr, doch sie meinen damit etwas Unrechtes. Ja, es stimmt, es gibt keine Befehlsgewalt außer der Gottes. Was sie aber meinen, ist Regierungsgewalt und die Umsetzung des göttlichen Befehls. Das Volk braucht einen Herrscher, egal, ob er gut oder weniger gut ist, damit die Gläubigen im Schutze seiner Herrschaft tätig werden können, auch die Ungläubigen ihr Leben fristen können und Gott alles zu seinem vorausbestimmten Ausgang führt. Auf diesem Wege kommen Güter für die Allgemeinheit zusammen, der Feind wird zerschlagen, Straßen und Wege werden sicherer und den Schwachen wird gegenüber den Mächtigen zu ihrem Recht verholfen, damit die Rechtschaffenen in Ruhe leben können und Missetäter keine Möglichkeit finden, andere zu behelligen. In einer anderen Überlieferung heißt es: Als Imam Ali – Gott segne ihn – das Argument der Kharijiten hörte, sprach er: „Euch überlasse ich dem Befehl Gottes“, um dann fortzufahren: “Unter einem guten und würdigen Herrscher werden fromme Menschen sich um würdige Taten bemühen, unter der schlechten Regierung eines schlechten Herrschers erhalten gottlose Menschen dagegen die Möglichkeit, das irdische Leben weidlich auszunutzen, bis ihrer aller Lebensuhr abgelaufen ist und der Tod sie ereilt.“

41

Über die Schlechtigkeit von Verrat

Treue und Ehrlichkeit sind gewiss einander ebenbürtig und ich kenne kein Schutzschild, das unverwundbarer machte. Niemals wird Verrat üben, wer sich im Klaren darüber ist, wie sich der Kreis immer wieder schließt! Doch leben wir heutzutage in einer Welt, in der die Mehrzahl der Menschen Verrat als Cleverness ansieht. Manche lassen sich von ungebildeten Menschen noch als Politiker beleumunden. Wehe einer solchen Geisteshaltung! Wie viele erprobte und erfahrene Menschen wissen und sehen einen Weg, wie man den Problemen Abhilfe schaffen könnte, doch halten sie die göttlichen Gebote davon ab, willkürlich alles mögliche dagegen zu unternehmen! Aus diesem Grund verzichten sie lieber darauf, wohingegen ihre Gegenspieler in ihrer religiösen Zügellosigkeit jede sich nur bietende Gelegenheit beim Schopfe ergreifen.

42

Über die Begehren und Hoffnungen der Herzen

Oh, ihr Leute, am meisten fürchte ich für euch, dass ihr den folgenden beiden Dingen verfallt: dass ihr den Leidenschaften nachgebt und dass ihr ausschweifende Wunschträume hegt! Jedoch die Gefahr, der Leidenschaft zu verfallen, ist ein hinderlicher Schleier, der Recht und Wahrheit abhält, und ausschweifende Wünsche lassen das Jenseits in Vergessenheit geraten. Lasst euch gesagt sein, dass die Welt ihr Antlitz abgewandt hat und sich im schnellen Abgang befindet. Es wird nicht mehr von ihr übrig bleiben als vom Inhalt eines umgestülpten Gefäßes! Das Jenseits dagegen kommt beständig näher, aber beide Welten haben ihre Kinder! Bemüht euch, zu Kindern des Jenseits zu werden, nicht Kinder dieser Welt, denn am Tage des Jüngsten Gerichts wird jedes Kind wieder mit seiner Mutter vereint sein. Heute gilt es nur zu Handeln, abgerechnet wird noch nicht. Morgen dagegen findet die Abrechnung statt und für Taten wird dann keine Gelegenheit mehr sein.

43

Der Imam (S) hatte Jareer bin Abdallah Bajali zu Verhandlungen zu Mo’awiyeh entsandt, währenddessen seine Gefolgsleute ihm vorschlugen, Kriegsvorbereitungen gegen Mo’awiyeh zu treffen. Der Imam (S) antwortete darauf folgendermaßen:

Würde ich Vorbereitungen auf einen Krieg mit den Syrern treffen, solange Jareer noch bei ihnen ist, so würde Syrien dies in eine Sackgasse geraten lassen und die Syrer von ihrem guten Willen abbringen, falls sie doch Frieden wollten. Jareer wurde ein Zeitlimit gesetzt. Überzieht er es, so ist dies ein Zeichen dafür, dass er sich entweder hat hinters Licht führen lassen oder aber dass er Ungehorsam und Verrat selbst aufgesessen ist.88 In dem Falle bleibt fern jeder Übereile die Initiative zum Handeln in unseren Händen. So fasst euch noch etwas in Geduld, obschon ich nichts dagegen habe, wenn ihr eure Vorbereitungen trefft. Ich habe alle Seiten der Sache eingehend betrachtet und mich schließlich an einem Scheideweg wieder gefunden: Unglaube oder Krieg. Die Sache ist die, dass unser ganzes Volk einst einen Herrscher zu ertragen hatte89, der laufend (unislamische) Neuerungen einführte und das Volk zur Verzweiflung trieb. Erst protestierten die Leute dagegen, dann gerieten sie in Wut und schließlich begehrten sie auf und stürzten ihn.

44

Während der Schlacht von Siffin hatte Masqala Sohn des Hubaira Al-Shaibani90 Gefangene vom Stamme Bani Najiya91 von einem Beauftragten des Imams (S) freigekauft. Als man nach deren Freilassung die vereinbarte Summe von ihm einforderte, flüchtete er sich nach Syrien92 . Der Imam (S) sprach dazu folgendes:

Möge Gott Schande über Masqala bringen! Zuerst bediente er sich des Verhaltens edler, großer Männer, dann hatte er nichts Eiligeres zu tun, als wie ein Sklave selbst die Flucht zu ergreifen! Noch bevor die Menschen ihre Lippen zu seiner Huldigung öffnen konnten, hatte er ihnen bereits wieder die Münder verschlossen und sie stattdessen zum Tadeln gezwungen. Wäre er nicht geflohen, hätten wir ihm nur soviel abgenommen, wie er hätte geben können und wir hätten mit dem Begleichen der Restschuld gewartet, bis er wieder mehr Geld zur Verfügung gehabt hätte.

45

Über die Erhabenheit Gottes

Gepriesen sei Gott! Niemand braucht Seine Barmherzigkeit zu entbehren und kein Ort ist ohne Seine Gnade; von Seiner Vergebung bleibt niemand ohne Hoffnung und kein Rang wäre zu hoch, nicht de

88 Mo‘awiyeh behielt Jareer unter den verschiedensten Vorwänden fast sechs Monate bei sich, währenddessen er
Syrien zum Kampf gegen Ali (S) rüstete.
89 Anspielung auf den Kalifen Osman.
90 Gouverneur von Ardeshir Khorra, einer Stadt im Iran, durch die die Gefangenen auf dem Marsch von Ahwa
z
nach Kufa durchgeführt wurden.
91 Bani Najiya, ein Stamm ehemaliger Christen, die an einer Revolte der Kharijiten bei Ahwaz teilgenommen
und in Gefangenschaft geraten waren.
92 Der Kaufpreis betrug insgesamt 500.000 Dirham, von dem Masgala nur einen Teil bezahlte. Nach längerem
Schweigen beorderte Ali den Gouverneur zu sich nach Kufa. Um der Restforderung zu entgehen, suchte dieser
jedoch Zuflucht bei Mo’awiyeh, der ihn zum Gouverneur von Tabaristan ernannte.

mütig in Seine Knechtschaft zu treten. Seine Barmherzigkeit ist uneigennützig und Seine Gunst endlos. Diese Welt ist eine Stätte, deren Untergang vorherbestimmt ist; für deren Bewohner ist der Auszug unabwendbar. Nichtsdestotrotz eilt sie mit ihr eigener Süße und Frische demjenigen entgegen, der sich auf sie einlässt und die Herzen ihrer Betrachter verzückt sie geradezu. So strebt danach, mit dem bestmöglichen Rüstzeug von dieser Erde zu gehen! Verlangt ihr nicht mehr ab, als ihr wirklich benötigt. Fordert nicht mehr, als ihr dafür braucht, um an euer Ziel zu gelangen.

46

Ein Gebet des Imams (S), gehalten vor der Abreise nach Syrien

Allmächtiger Gott, bei Dir suche ich Schutz vor den Widrigkeiten der Reise, vor einer missglückten oder schmachvollen Rückkehr und einem Untergang der Familie! Allmächtiger Gott, einzig und allein Du bist bei mir und gleichzeitig auch zum Schutze meiner zu Hause zurückgelassenen Angehörigen bereit, denn allein Du besitzt diese Universalität. Niemand außer Dir kann einem Reisenden Geleit geben, wenn er ihn zu Hause vertreten will, wie er keine Vertreterrolle übernehmen kann, begibt er sich mit jemandem auf Reisen.

47

Eine Rede darüber, wie die Zukunft Kufas aussehen wird

Oh Kufa, deine Zukunft sehe ich ganz deutlich vor meinem geistigen Auge; du wirst wie eine Tierhaut auf dem Markte Okaz93 von einer Hand in die andere wechseln, dich ausdehnen, Schauplatz von Kämpfen und furchterregenden Katastrophen sein und die verschiedensten Krisen zu bewältigen haben. Trotz alledem bin ich mir ganz sicher, dass ein jeder Tyrann, der Schlechtes für dich im Schilde führt, von Gott auf die unterschiedlichste Art und Weise vom Unglück heimgesucht und letztlich von Ihm zur Strecke gebracht werden wird.94

48

Eine Rede, gehalten unmittelbar vor dem Abmarsch in Richtung Syrien95

Gepriesen sei Gott für jede Nacht, die Er sendet und ausbreitet; gelobt sei Er für jeden Stern, den Er aufgehen und wieder verlöschen lässt; gedankt sei Gott, dessen Großmut allumfassend ist und dessen Freigebigkeit sich durch nichts aufwiegen lässt! So habe ich also eine Vorhut entsandt96 und ihr befohlen, sich an den Ufern des Euphrat in Bereitschaft zu halten, bis weitere Anweisungen folgen. Nun beabsichtige ich, mich zu den übrigen Kämpfern zu gesellen, indem ich den Flusslauf überquere und euch97 ihnen zuführe, um mit vereinten Kräften gegen den Feind anzugehen und sie zu diesem Behufe als Hilfstruppen für euch einzusetzen.

93 ein in vorislamischer Zeit alljährlich in der Nähe von Mekka stattfindender Markt, auf dem vornehmlich Häute
und Felle gehandelt wurden.
94 Diese Prophezeiung trat buchstäblich ein: spätere despotische Herrscher kamen auf tragische Weise ums Le-
ben, die sich an ihren eigenen mörderischen und blutrünstigen Taten messen lassen mussten.
95 Diese Rede hielt Ali (S) im Jahre 658 im Heerlager im Tal von Nakheela, als er sich mit seinen Truppen auf
dem Anmarsch auf Siffin befand.
96 d.h. 12.000 Soldaten unter dem Befehl von Ziad bin Nazr und Shurain bin Hani, die vorab nach Siffin gesandt
wurden.
97 ein kleines Kontingent von 1.200 Männern, die dem Aufruf des Imam (S) vor Ort gefolgt sind.

49

Über die Großartigkeit Gottes

Gepriesen sei Gott, der den verborgenen Tiefen der Geheimnisse aller Abläufe innewohnt; obgleich kein Auge Ihn zu sehen vermag, zeugen sämtliche Erscheinungen auf Erden unverkennbar von Seiner Existenz. Die Augen, die Ihn nicht sehen können, werden Ihn genauso wenig zu leugnen imstande sein, wie ein Herz einen Weg finden kann, Ihn zu sehen, wenn es sich zu Ihm auf die Suche begibt. Er ist so erhaben, dass ihr niemanden findet werdet, der erhabener wäre. Dem Volke steht Er so nahe, dass ihr niemanden erleben werdet, der ihm näher stünde. Jawohl, genau wie Seine Erhabenheit nicht dazu führt, dass er sich vom Volk entfernt, so bewirkt Seine Nähe wiederum nicht, dass Er Seinen Geschöpfen ebenbürtig wird. Unser Begriffsvermögen hat Er nicht in den Stand versetzt, die Grenzen Seiner Eigenschaften auszuloten, doch hindert Er es auch nicht, zu Seiner Erkenntnis zu gelangen. Daraus folgt, dass sämtliche Phänomene des menschlichen Seins von Seiner Existenz zeugen. Den Apostaten sind sie ein Dorn im Auge. Die göttliche Arena ist und bleibt auf ewig erhabener als alle Worte, mit denen man Ihn gleichzusetzen oder zu leugnen sucht.

50

Über das Wahre und das Falsche

Der Ursprung allen Übels liegt ausschließlich in der Lasterhaftigkeit der Führungsschicht und den sogenannten Neuerungen, die diese einzuführen versuchen, begründet. Dies betrifft solche Neuerungen, die lediglich als Vorwand für den Kampf gegen das Buch Gottes dienen sollen. Auf diese Art erlangen solche Männer die Führung über andere, die den Grundsätzen der Religion Gottes zuwiderhandeln. Würde das Unrecht keine Verbindung mit dem Recht eingehen, um sich damit noch zu schmücken trachten, so würde dies den Rechtsuchenden sicher nicht lange verborgen bleiben. Wäre das Recht andersherum frei von den Verunreinigungen des Unrechts, so würden auch die Hasstiraden der Feinde bald im Schweigen verhallen. Beides wird jedoch zu gleichen Teilen aufgenommen und miteinander vermischt, womit der Satan die Gelegenheit bekommt, seine Freunde und Anhänger zu überwältigen! Dabei gelingt die Erlösung nur denjenigen, deren Namen von Anbeginn an im Buch der Märtyrer des Rechts verewigt ist.

51

Diese Rede wurde zu einem Zeitpunkt gehalten, als die Wasserstellen des Euphrat vor Siffin durch eine List Mo‘awiyes und die Leichtgläubigkeit von Alis Gefährten vom Gegner besetzt und ihnen die Nutzung des Wassers verwehrt wurde98

Nun hat der Gegner Köderbissen für seinen Krieg vor euch hingeworfen und stellt euch vor zwei Alternativen: entweder nehmt ihr die Schmach an und tretet den Rückzug an oder aber ihr nehmt eure Schwerter und löscht deren Durst nach Blut wie euren eigenen Durst nach Wasser! Ja, ein Leben, über das jemand anderes als man selbst herrscht, ist der Tod; und der Tod, den der Mensch selbst erwählt und beherrscht, ist die Krone des Lebens.

98 Mo’awiyeh hatte 40,000 Mann so an den Ufern des Euphrat postiert, dass die zugänglichen Wasserstellen nur noch den Syrern offen standen. Da Mo’awiyeh es ablehnte, Alis Armee den Zugang zu gewähren, hatte diese ganz erheblich unter dem Wassermangel zu leiden. Mit dieser Rede fordert Ali (S) seine Anhänger auf, sich die Kontrolle mit Gewalt zu verschaffen. Nachdem dieses Ziel erreicht war, verlangten Alis Männer ihrerseits, es den Syrern zu verbieten, vom Wasser des Flusses zu nehmen, damit der Feind durch den Durst umkomme und vernichtet würde. Doch Ali (S) lehnte es ab, jemanden auf diese brutale Weise ums Leben kommen zu lassen. Gleiches solle nicht mit gleichem vergolten werden. Wasser dürfe niemandem vorenthalten werden!

Lasst es euch gesagt sein: Als Führer über eine Handvoll irregeleiteter Aufrührer hält Mo’awiyeh sie in derartiger Ahnungslosigkeit, dass sie damit unwissentlich ihren Hals riskieren.

52

Eine zuvor bereits behandelte Rede, die jedoch aufgrund von auffällig unterschiedlichen Überlieferungen hier erneut behandelt wird

Seht euch vor, die Welt befindet sich langsam und allmählich im Untergang und sie hat ihren eigenen Abgesang bereits angestimmt. Die Treulosigkeit der Welt ist ungemein und bist du gerade mit ihr vertraut geworden, verfinstert sie ihr Angesicht und wendet sich rücksichtslos von dir ab, als ob sie dich gar nicht kennen würde. Sie ähnelt einem Schiff, das seine Insassen geradewegs in den Strudel des Untergangs hineinsteuert; sie mutet wie eine imaginäre Festung an, die in ihr Zuflucht Suchende direkt dem Tode ausliefert. Alles was eigentlich süß sein sollte, schmeckt bitter; dunkel und finster ist all das, was sonst rein und klar wäre. Von ihr bleibt nichts übrig als das, was auch den Rest eines umgestülpten Wasserbehälters ausmacht. Sie gleicht einem mit Wasser besprengten Kiesel, an dem sich der Durstende in der Wüste zwar seine Lippen benetzen, doch niemals seinen Durst stillen kann. So macht euch, ihr Diener Gottes, bereit für den Auszug aus diesem Haus, für dessen Bewohner das festgefügte Schicksal Vernichtung heißt! Verfallt in dieser Welt ja nicht euren Begierden und denkt bloß nicht, dass euch ein langfristiges Los beschieden ist! Bei Gott, selbst wenn ihr in der Hoffnung auf eine Aufwertung vor Gott oder auf der Suche nach Vergebung von nur einer der in den göttlichen Büchern aufgezählten Sünden - die durch Seine Propheten aufbewahrt worden sind - euer ganzes Leben lang wie gepeinigte Kamele oder verirrte Täubchen stets und ständig nur wehklagen würdet, euer Leben in der Litanei weltabgewandter Einsiedelei verbringen würdet oder gar euer ganzes Hab und Gut und eure Kinder für Gott hergäbet, so wäre dies noch immer verschwindend wenig gemessen an der göttlichen Belohnung, die ich für euch erhoffe, oder aber der göttlichen Strafe, die für euch zu befürchten steht. Setzt ihr auch euer ganzes Streben daran, selbst wenn eure Herzen aus Liebe oder Furcht vor Ihm schmelzen und sich blutige Tränen aus euren Augen ergießen würden oder ihr Gelegenheit für ein Leben bis ins hohe Alter hättet, ihr könntet euch -bei Gott - mit nichts vollends für die göttlichen Wohltaten erkenntlich zeigen, besonders nicht für die Gnade, dass Er euch zum Glauben geführt hat.

53

Über das Opferfest und das Opfertier

Das als Schlachtopfer auserwählte Tier muss sorgfältig ausgesucht und untersucht werden, ob es für den Zweck auch hundertprozentig geeignet ist. Augen und Ohren des Tieres sind besonders wichtig, zeugen sie doch von dessen einwandfreien, gesunden Zustand; bei einem versehrten Tier wäre es ein leichtes, es zum Opferaltar zu schleppen und es als Opfer darzubringen.

54

Eine Erinnerung des Imams (S): Als das Volk ihm den Treueid leistete

Um den Treueid zu leisten bestürmte mich das Volk derartig, dass man es hätte vergleichen können mit dem Anblick durstiger Kamele, die einer Tränke ansichtig werden und durch nichts in der Welt mehr zu bremsen sind. Man hätte glauben müssen, sie werden entweder mir kurzerhand den Garaus machen oder aber sich gegenseitig etwas antun! Aus dem Grund habe ich die Angelegenheit sehr gründlich überdacht, bis ich gar um den Schlaf gebracht war. Schließlich fand ich mich an einem Scheideweg wieder, an dem ich mich für eines zu entscheiden hatte: entweder gegen die Omajjaden99 zu kämpfen oder aber die Errungenschaften der Sendung des Propheten Mohammed – gesegnet seien er und seine Familie – zu leugnen. Für mich war es jedoch wesentlich einfacher, die Auswirkungen eines Kampfes zu lindern als den Schaden einer göttlichen Strafe wettzumachen und es schien mir um ein Vielfaches leichter, die Unbill dieser Welt zu ertragen als die Unbill der anderen Welt.

55

Eine Rede des Imams (S), in der er sein Zaudern erklärt, warum er seinen Männern in der Schlacht von Siffin nicht sofort das Signal zum Kampf gegeben hat

In Erwiderung auf das, was ihr sagt und glaubt, nämlich, dass ihr mein Zögern als Widerwillen gegen den Tod auslegt, schwöre ich euch, dass dem keineswegs so ist, denn mir ist es nämlich gleich, ob der Tod mir entgegeneilt oder ob ich ihn in die Arme schließe. Als Antwort darauf, dass ihr behauptet, ich hätte meine Zweifel an den Syrern, schwöre ich euch, dass ich den Kampf unter Vorwänden von einem Tag auf den anderen nur deshalb herauszögere, weil ich nichts sehnlicher erhoffe, als dass sich ein paar von ihnen besinnen und zu sich kommen, sich mir anschließen, sich von mir führen lassen und von der Fackel der Wahrheit aus der Finsternis befreit werden! Dies wäre mir wesentlich angenehmer, als sie im irregeleiteten Zustand ins Reich des Todes zu befördern, obgleich sie die Last ihrer Sünden in jedem Fall selber zu tragen haben werden.

56

Über Standhaftigkeit

Bisweilen ist es vorgekommen, dass einer unserer Männer und einer der Männer aus dem feindlichen Lager wie zwei wutentbrannte Kamelhengste übereinander herfielen, um dem jeweiligen Gegner bei diesem Kampf auf Leben und Tod das Gift des Todes zu verpassen. Bei einem solchen Wettstreit gehörte der Sieg so manches Mal uns, manchmal auch dem Gegner. Als dann Gott unsere Aufrichtigkeit sah, schickte Er uns den Sieg, die schmachvolle Niederlage jedoch unseren Feinden, bis der Islam gefestigt war, seine Säulen fest im Boden verankert waren und er einen festen Platz eingenommen hatte. Ich schwöre bei meinem Leben, hätten wir denselben Werdegang genommen wie ihr, hätte sich weder die Religion behaupten noch der Baum des Glaubens sprießen und erblühen können. (Mit einem derartigen Hintergrund) hättet ihr - bei Gott - dem Gefüge dieser Ordnung Blut statt Milch entlockt! Dann hättet ihr bereuen müssen, was ihr getan habt!

57

Ein Wort an die Mitstreiter

Seid gewahr, dass in naher Zukunft ein gefräßiger Dickwanst auf der Bildfläche erscheinen wird, der alles verschlingen wird, was ihm in die Klauen kommt, und er wird nach mehr und immer mehr verlangen!100 Gebt ihm keine gesicherte Existenz in diesem Leben, obschon ich nur zu gut weiß, dass euch dies nicht leicht fällt!

99 neben den Bani Machsum und den Bani Haschim einer der Hauptzweige des großen arabischen Stammes der Qoraishiten in Mekka im 6. Jh.n.Chr. 100 Die meisten Kommentatoren nehmen an, daß Ali hier auf Mo’awiyeh anspielt, welcher ja nach der Ermordung des Imam Ali im Jahre 661 tatsächlich auf den Kalifenthron gelangte. Übermäßige Esslust und Völlerei waren über Mo‘awiyeh historisch verbürgte Fakten, ebenso wie die Tatsache, dass er dem Ruf des Imams durch

Seid gewarnt: er wird euch anweisen, mich mit Verwünschungen zu überhäufen und mich zu verabscheuen. Doch verbale Schmähungen sind in meinen Augen etwas, was einem nicht allzu schwer fällt; für mich bedeutet es eine Aufwertung der Person und für euch ist es ein Weg zu eurer Ehrenrettung. Doch wäre es nie angebracht, jemanden wie mich auch mit dem Herzen zu verfluchen, denn von Geburt an stehe ich im Glauben an die Einheit Gottes und bin führend gewesen im Glauben und bei der Hijra.

58

Ein Wort an die Mitstreiter

Möge der Typhus euch hinwegraffen und euch kein einziger gesunder Nachkomme überleben! Sollte ich bei meinem Glauben an Gott und dem Schulter an Schulter mit dem Propheten Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – geführten Jihad etwa Zeugnis des Unglaubens ablegen können? Ginge ich auf ein derartiges Begehren ein, hieße das, mich ins Labyrinth der Verderbnis zu stürzen und meinen Platz inmitten der Rechtgeleiteten aufzugeben! So kehrt dann - indem ihr eure eigenen Fußstapfen zurückverfolgt - an euren Ausgangspunkt zurück.101 Seid euch gewärtig, dass euch nach mir großes Unglück bevorstehen wird, das alle ergreifen wird; ihr werdet - wie dies bei Unterdrückern althergebracht und üblich ist - den schneidenden Schwertern und der Willkür der Tyrannen ausgesetzt sein.102

59

Über die bevorstehende Niederlage der Charidschiten

Noch bevor sie den Wasserlauf erreichen, werde ich ihre Gräber schon ausgehoben haben! Ich schwöre euch: keine zehn von ihnen werden dem Tode entrinnen! Die Verluste unter euch werden sich auf weniger als insgesamt zehn belaufen.103

60

Nach der vernichtenden Niederschlagung der Kharijiten meldete man dem Imam (S), dass sie komplett zerschlagen worden wären. Der Imam (S) antwortete wie folgt:

Nein, bei weitem noch nicht! Ich schwöre bei Gott, der Keim der Kharijiten ist noch immer in den Lenden der Männer und im Uterus der Frauen vorhanden; wird ein Spross von ihnen abgebrochen, wachsen sie wieder nach und tauchen in Form von räuberischen, marodierenden Banden schließlich irgendwo wieder auf.

dessen Beauftragte mehrfach nicht folgte mit der Begründung, er würde gerade essen müssen. Dies erzürnte Ali derart, dass er diese ungewöhnlich harten Worte wählte. (Anm. i.d. engl. Übers.) 101 Ali fordert sie auf, auf den rechten Weg zurückzukehren 102 Der Überlieferung nach haben spätere Herrscher nichts unversucht gelassen, um die Kharijiten von der Erdoberfläche zu vernichten. Besonders Mohlib bin Abu Sufra verfolgte sie erbittert ganze 19 Jahre lang, bis sie ausgerottet bzw. in die Wüsten vertrieben waren. 103 Diese Voraussage trat tatsächlich ein: die Kharijiten wurden bis auf neun Kämpfer, die sich an verschiedene Orte flüchteten, sämtlich vernichtet. Von Alis Streitmacht wurden acht oder neun Männer zu Märtyrern (unterschiedliche Quellenangaben)

61

Eine weitere Rede über die Kharijiten

Tötet nach mir keine Kharijiten mehr104, denn wer bei der Suche nach Gerechtigkeit den falschen Weg geht, ist noch lange nicht gleichzusetzen mit jemandem, der ein unrechtes Ziel verfolgt und dieses Ziel auch erreicht.105

62

Die Worte des Imams (S) als Antwort auf eine Warnung vor einem Attentat

Ohne Zweifel schützt mich ein undurchdringlicher Schild, von Gottes Hand geführt. Geht meine Zeit zu Ende, wird es beiseite gehen und mich dem Tod überlassen. Nur dann kann ein feindlicher Pfeil ins Schwarze treffen und die so entstandene Wunde wird nicht mehr verheilen.

63

Über die Vergänglichkeit des Diesseits

Lasst es euch gesagt sein: die diesseitige Welt ist so angelegt, dass es solange keine Erlösung von ihr gibt, wie man sich in ihr aufhält. Durch keinen einzigen Wert, an den wir unser Herz hängen, wird die Befreiung von ihr möglich. In dieser Heimstätte werden alle Menschen einer besonderen Bewährungsprobe ausgesetzt, die sie zu bestehen haben. Jedes Stückchen, dessen sie habhaft werden, wird ihnen unweigerlich wieder genommen und sie werden darüber Rechenschaft ablegen müssen. Den einzigen Rückhalt verschafft ihnen das, was sie auf dem Weg Gottes stiften, und nur dies gereicht ihnen zu einem ewigen Platz. Jawohl, in den Augen der Weisen erscheint die Welt wie ein Spiel flackernder Schatten: gerade sieht man noch mit an, wie sich der Schatten dehnt und länger wird, da entschwindet er schon wieder. Hast du ihn eben noch wachsen sehen, ist er einen Moment später bereits verblichen.

64

Über den Niedergang dieser Welt

Oh, ihr Diener Gottes! Fürchtet Gott und kommt eurer letzten Stunde durch strebsame Arbeit vorausschauend zuvor. Tauscht das, was euch nur leihweise überlassen ist, im Gegenzug für ewige Werte ein. Seid darauf vorbereitet, dass eine furchterregende Stimme den Umzug in die andere Welt ankündigen wird und lasst euch vom Tod - der ja seine Schatten bereits über euch gebreitet hat - dann nicht überraschen. Nehmt euch ein Beispiel an dem Stamm, der sich mit einem Aufschrei erhob106 und sein Diesseits im Bewusstsein dessen, dass diese Welt dem Menschen keine geeignete Bleibe bieten kann, gegen das Jenseits eintauschte. Nein, Gott der Glorreiche hat euch ganz sicher weder grundlos erschaffen noch hat Er euch umsonst hierher gestellt. Einzig der Tod stellt die Abgrenzung zwischen euch und dem Paradies bzw. der Hölle dar und das Leben sollte einem besser flüchtig vorkommen, da es von Stunde zu Stunde kürzer wird

104 Der Imam erkannte bereits deutlich, dass die Machthaber nach ihm das Schwert nur für ihren Machterhalt erheben und die Gelegenheit für den Jihad verkennen würden. 105 Hiermit macht Ali klar, dass die Kharijiten nicht vorsätzlich den falschen Weg gingen, sondern vom Satan irregeleitet waren. Sie nahmen das Unrecht als Recht an und hielten daran fest, während Mo’awiyeh und seine Anhänger absichtlich dem Recht zuwiderhandelten, obwohl sie Recht für Recht erkannt hatten und in vollem Bewusstsein dessen handelten, dass dies falsch und unrecht war.106 Der Stamm der Qoraishiten.

und in der allerletzten Stunde urplötzlich ausgehaucht wird. Jenes Unsichtbare, dem man sich Tag für Tag ein Stück annähert, ist es wert, schnell heranzureifen und der Bote, der dann das absolute Glück oder Unglück verkündet, hat wahrlich die bestmögliche Vorbereitung verdient! So nehmt von dieser Welt soviel Proviant mit, wie ihr für morgen braucht, denn nur wer sich dem eigenen Seelenheil verschrieben hat, seine Leidenschaften bezwingt und es keinen Moment versäumt, Buße zu tun, wird die Gottesfürchtigkeit seines Schöpfers erlangen, denn die Sterbestunde des Menschen ist ihm verborgen, seine Gelüste und Begierden gaukeln ihm nur etwas vor und er ist vom Satan besessen. Dieser will ihm einreden, seine Sünden seien etwas Begehrenswertes, auf dass er sie ständig neu begehe. Das lässt das Bedürfnis nach Abbitte so stark in ihm auflodern, dass er es stets aufs Neue hinausschiebt, diesem Bedürfnis auch nachzukommen, bis die Gelegenheit schließlich dahin ist. Seine Todesstunde schlägt dann, wenn er völlig unvorbereitet ist und regelrecht davon überrascht wird! Weh und ach dem so Überraschten! Sein Leben hat die besten Argumente wider ihn selber geliefert und sein Los hat ihn letztlich ins eigene Unglück gestürzt. Bitten wir Gott, uns zu Menschen zu machen, die von Seinen Wohltaten nicht übermütig werden. Gebe es kein Ziel, das uns vom Gehorsam des Schöpfers abbringe. Mögen wir nach unserem Tode von Reue und Kummer verschont bleiben!

65

Beschreibung der Eigenschaften Gottes

Gepriesen sei Gott, dessen Eigenschaften weder Rang noch Rangfolge kennen, sind sie doch weder vorrangig noch nachgeordnet, weder sichtbar noch verborgen. 107 Außer Ihm ist jeder andere, der als einzig108 bezeichnet wird, nicht wirklich einzigartig, jedes andere geliebte Wesen ist ungeliebt, jeder Mächtige machtlos, jeder Herr ein Sklave und jeder Gelehrte ein Schüler. Jeder Mächtige dieser Welt ist – mit Ausnahme Seiner – einerseits zwar stark, andererseits aber auch anfällig und schwach. Keiner außer Ihm, der Ohren hat zum Hören, ist imstande, so außerordentlich feine Geräusche wahrzunehmen wie Er, der Klang sehr lauter Töne lässt jeden anderen außer Ihm taub werden und Laute aus weiter Entfernung vermögen andere nicht zu hören, wie außer Ihm auch Sehende unsichtbare Farben und winzig kleine Teilchen mit ihren Augen zu erkennen nicht in der Lage sind. Außer Ihm kann nichts, was offenkundig wahrnehmbar ist, gleichsam auch verborgen und unsichtbar sein und nichts Unsichtbares vermag sich in gleichem Maße so offenbar kundzutun wie Er es vermag. Bei Seiner Schöpfung ging es nicht um die Festigung der Säulen Seiner Herrschaft. Es spielte weder Angst vor den Folgen der Zeit eine Rolle noch wurde damit beabsichtigt, im Falle eines Angriffs des Gegners mit ihr um Beistand zu ersuchen. Es ging auch nicht darum, mit ihr mehr Mitstreiter zu gewinnen oder Rachsucht gegen den Feind zu üben, denn in Seinem Angesicht sind alle gleichermaßen Kreaturen der Schöpfung und demütige Diener. Er verkörpert sich weder in gegenständlichen Dingen, dass man behaupten könnte, er befinde sich in ihnen, noch hat Er genügend Abstand zu ihnen, dass man sagen könnte, Er befinde sich außerhalb. Er wird es nie müde, in der Schöpfung fortzufahren und sich stets aufs Neue auf das zu besinnen, was er erschaffen hat. Keine Unwägbarkeit hält Ihn davon ab, immer wieder Neues zu schaffen. An Seiner Vorherbestimmung besteht nicht der geringste Zweifel, stattdessen ist Sein Urteil endgültig, Sein Wissen beständig und Sein Gebot unumkehrbar. In Seinem Zorn wie auch in Seiner Güte liegt Hoffnung zugleich, so wie Seine Gunst genau wie Sein Zorn auch Anlass zur Furcht bietet.

107 Eigenschaften sind stets zeit- und raumbezogen, doch da Gott unabhängig von Zeit und Raum existiert, ist
diese Relativität aufgehoben.
108 Das kleinste Zahlwort „eins“ bedeutet auch „einzig, einzigartig, alleinig“. Das „Einssein“ oder die Einheit
Gottes ist zwar eine Wortassimilation, ist semantisch aber weitaus umfassender.

66

Epische Worte in der Nacht vor dem Beginn der Schlacht von Siffin

Oh, Moslemvolk! Macht Gottesfurcht zur Losung eures Alltags und hüllt euch in das Gewand von Standfestigkeit und Gelassenheit! Presst eure Zähne fest aufeinander, dadurch verstärkt ihr den Wider-stand eurer Schädeldecken gegen die Schwerthiebe des Feindes. Vervollkommnet eure Rüstungen zu eurer Verteidigung. Lockert eure Schwerter in den Futteralen bevor ihr sie zückt. Richtet zornerfüllte Blicke gegen den Feind und fixiert ihn mit eurem Blick. Greift das feindliche Heer von rechts und links mit Lanzen an und macht, indem ihr Schritt für Schritt nach vorn setzt, den Gegner flink und behände zum Ziel eurer Schwertschläge. Vergesst nicht einen einzigen Augenblick lang, dass Gott über euch wacht und ihr Weggefährten und Kampfgenossen des Cousins des Propheten Gottes seid! Scheut euch, durch Flucht dem Kampfe auszuweichen, denn dies würde Schande und Demütigung für eure Nachwelt bedeuten und loderndes Feuer für euch am Tage des Jüngsten Gerichts. Gebt willig euer irdisches Ego für das göttliche Ego her und eilt frei und leichten Fußes dem Märtyrertum entgegen. Ihr seid es, die den Angriff auf jene riesige Masse des Gegners und sein mit Zeltleinen befestigtes Lager wagen müsst. Nehmt die Festen dieses Feldlagers aufs Korn! In einer Ecke dieses Lagers hat sich der Satan unserer Zeit109 verschanzt, der einerseits mit dem Arm sicher schon zum Angriffsschlag ausgeholt hat, dessen Beine aber andererseits bereits zum Rückzug angesetzt haben. Widersteht ihm solange, bis (nach der Vernichtung jener schwarzer Festen) das Licht der Wahrheit zu Tage kommt und seine Strahlen wirft, denn „... während ihr die Oberhand habt, ist Allah mit euch, und nimmer betrügt Er euch um eure Werke.“110

67

Ein Gespräch am Rande der Ereignisse von Saqifa 111

Der Überlieferung nach berichtete man dem Imam (S) nach dem Tode des Propheten (S) von den Vorfällen in Saqifa. Er fragte: „Was meinten die Ansar112 dazu?“ Man sagte ihm, die Ansar hätten vorgeschlagen, zwei Führer zu bestimmen, aus jeder Gruppe einen. Der Imam (S) sprach darauf: “Weshalb habt ihr nicht mit den Worten des Propheten Gottes (S) dagegen argumentiert, als dieser empfahl, mit den Guten unter den Ansar gut umzugehen und mit den Schlechten unter ihnen Nachsicht zu üben?“ Er wurde gefragt, was für ein Argument in diesem Hadith denn gegen sie spräche. Der Imam (S) sagte: „Wenn die Führung durch sie beschlossene Sache gewesen wäre, dann würde diese Empfehlung des Propheten (S) gar keinen Sinn mehr machen.“ Dann fragte er weiter: „Und was haben die Qoraishiten dazu gesagt?“ Man antwortete ihm: „Sie haben argumentiert, sie seien ja ein Ast vom Stammbaum des Propheten (S).“ Der Imam (S) sagte darauf: „In ihrer Argumentation haben sie sich auf einen Baum gestützt, dessen Früchte sie mit Füßen treten.“

109 gemeint ist Mo’awiyeh. 110 Heiliger Koran, 47. Sure, Vers 35. 111 Bei der Auseinandersetzung zwischen den Qoreishiten (oder Muhajireen aus Mekka) und den Ansar (aus Medina) um die Nachfolge des Kalifats, die bei einer Ansammlung von Vertretern beider Gruppen in Saqifa Bani Saeda stattfand, waren auch Abu Bakr und Omar anwesend. Imam Ali indes war mit der Beisetzungszeremonie für den Propheten befaßt. Als er erfuhr, daß die Qoreishiten mit dem Argument, sie stammten vom Propheten Mohamed ab, obsiegt hatten, fragte er, wie es dann möglich sei, die Früchte dieses (Stamm-) Baumes zu ignorieren. Abu Bakr stamme in 7. Generation und Omar in 9. Generation von der Prophetenfamilie ab. Wie könne es sein, daß sie diesem Stamm und der Familie zugerechnet würden, während ihm als erster Cousin von Mohamed sogar der Status eines Bruders abgesprochen wurde. 112 Die Moslems von Medina, die dem Propheten Beistand gewährten und denen dieser nach der Hijra seine Sicherheit verdankte.

68

Als der Imam (S) erfuhr, dass Mohammad Sohn von Abu Bakr113, den er als Statthalter nach Ägypten entsandt hatte, im Feld getötet worden war, sprach er die folgenden Worte:

Ohne Mohammad Sohn von Abu Bakr, den ich wie meinen eigenen Sohn liebte, auf irgendeine Weise tadeln zu wollen, aber ich muss es ganz deutlich sagen: ich hatte ursprünglich vor, die Statthalterschaft von Ägypten auf Hashem Sohn von Atebe zu übertragen. Hätte ich dies getan, er hätte dem Gegner nicht das Feld überlassen und hätte ihnen keine Gelegenheit gegeben, dieses Land zu besetzen.114

69

Worte der Ermahnung an die Gefährten

Wie lange soll ich mich mit euch nur noch abfinden, euch wie last- und reituntaugliche Kamele hinnehmen, oder wie abgetragene Kleidung, die man an der einen Stelle flickt und die an der nächsten gleich wieder reißt!? Wann immer sich ein Voraustrupp der Syrer eurem Land auch nur annähert, besteht eure Kunst der Tapferkeit nur darin, die Türen eurer Häuser zu schließen und euch wie Eidechsen in ihren Löchern zu verkriechen oder wie Dachse einen Fluchtweg aufzuspüren und in ihrer sicheren Höhle Zuflucht zu suchen! Ich schwöre, wer solche Gefährten hat wie ihr es seid, der ist bald erledigt; wer den Feind zusammen mit euch ins Visier nehmen will, der zielt zweifellos wie ein Bogenschütze mit abgebrochenen Speerspitzen! Wenn es um Worte und Parolen geht, seid ihr viele, aber wenn es zum Kampf geht, seid ihr nur verschwindend wenige. Ich weiß nur allzu gut, wie ihr zur Räson zu bringen seid, aber ich schwöre, dass ich keine Lust habe, euch zu ändern und mich dabei selber zu ruinieren. Möge Gott Schande über euch und eure Nachkommen bringen, denn ihr versteht nicht einmal, was Recht und Wahrheit ist im Vergleich zu Unrecht und Unwahrheit, und beides bekämpft ihr nicht so, wie ihr gegen Recht und Wahrheit angeht!

70

Worte des Imams (S) am Morgen des Attentates

Nun hatte mich im Sitzen der Schlaf überwältigt. Da ist mir das Gesicht des Propheten Gottes (S) erschienen und ich sagte unvermittelt: „O Prophet Gottes (S), welche Verworfenheit und Feindseligkeit habe ich in Deiner Gemeinde nicht miterleben müssen!“ Er sagte: “Verfluche sie!“, doch ich sagte: “Oh Gott, gib mir an ihrer Stelle bessere Gefährten und schicke ihnen an meiner statt einen schlechteren Herrscher!“

113 War der leibliche Sohn von Asma binte A’mees, die Ali nach dem Tode von Abu Bakr heiratete und der unter der Obhut des Imam aufwuchs. Er starb als Märtyrer mit 28 Jahren. 114 Mo’awiyeh hatte Amr bin Aas in Erfüllung seines im Zusammenhang mit dem Schiedsspruch gemachtenVersprechens (Rede 35), ihn auf den Posten des Statthalters von Ägypten zu setzen, mit einer Streitmacht von 6000 Kämpfern ausgestattet, um die damals unruhige Provinz anzugreifen. Mohammed Abi Bakr forderte Verstärkung an, stellte sich aber mit seinen 4000 Männern tapfer dem ungleichen Kampf und starb schließlich den Märtyrertod. Als die Verstärkung aus Kufa eintraf, war Ägypten bereits besetzt.

71

Worte der Rüge an die Iraker

Oh, ihr Iraker, ihr gleicht einer schwangeren Frau, die nach langer Schwangerschaft ihren Säugling genau am Tage der Entbindung abstößt, dann ihren Ehemann verliert, lange Zeit als Witwe leben muss und deren Erbe schließlich doch dem entferntesten aller Verwandten zufällt. Ich schwöre bei Gott: ich bin nicht aus freien Stücken zu euch gekommen, sondern das Spiel des Schicksals hat mich in dieses Land verschlagen. Mir ist zu Ohren gekommen, ihr seid der Meinung, dass Ali lüge! Wen in aller Welt soll ich belogen haben? Etwa Gott? Ich war doch der erste, der zum Glauben an ihn gefunden hatte. Oder etwa den Propheten (S)? Auch bei seiner Bestätigung war ich führend gewesen! Nein, ich schwöre, das sind niemals Lügen gewesen! Das, was ihr für Lügen haltet, ist die Sprache einer anderen Kultur, in die ihr keinen Einblick habt und die euch fremd ist! Mögen eure Mütter euren Verlust zu beklagen haben, dass ihr so unüberlegte Maßstäbe anlegt, wenn man überhaupt davon sprechen kann, dass ihr über Maßstäbe verfügt! „Und wahrlich, erkennen werdet ihr Seine Kunde nach einer Weile“115 und aus eurer Ahnungslosigkeit heraustreten.

72

Worte des Imams (S)las er die Menschen lehrte, den göttlichen Segen für den Propheten (S) zu erflehen

Oh Gott, der Du die Erdoberfläche vor uns ausbreitest, die Himmel über uns schützt und bewahrst, Oh Du Schöpfer von Wesenseigenschaften beglückter wie böswilliger Herzen, sende Mohammed (S) – Deinem Diener und Propheten und letztem Glied in der Kette der Propheten - Deine auserwählten Gunstbezeigungen zusammen mit Deinen wachsenden Segnungen. Indem er alle Sackgassen durchbrach, eröffnete er neue Wege, verkündete die Wahrheit mit dem Ziel der Wahrheitsfindung, schlug die Heerscharen der Kräfte der Unwahrheit zurück, beseitigte das Durcheinander von Lug und Trug und übernahm auf würdige Art und Weise die schwere Last der prophetischen Mission. In Ausübung Deiner Gebote stand er unerschütterlich fest und strebte willig danach, alles für Deine Zufriedenheit zu tun, ohne in seiner Entschlossenheit nachzulassen oder den geringsten Zweifel an seinem eisernen Willen zuzulassen. Deine Offenbarung traf auf sein offenes Ohr, sein Streben galt allein der Wahrung des Versprechens und bei der Erfüllung Deiner Gebote war er beispielgebend. Für die nach Wärme Durstenden und Erschöpften hat er letztendlich ein Feuer entfacht und verirrten Wanderern den Weg gewiesen. Herzen, die ein Leben lang in Feindseligkeit und Sünde verharrt hat-ten, erfuhren durch seine Rechtleitung eine Führung. Er hisste die Flaggen der Erleuchtung und festigte die hehren, göttlichen Gebote. Auf diese Art war er für Dich zum Vertrauten und Treuhänder, zum Träger vertraulichen Wissens, zum Zeugen am Tag des Jüngsten Gerichts116, zum Sendboten der Wahrheit und Gesandter im Volk geworden. O Gott, gewähre ihm weiten Raum im Lichtrund Deines Schattens und schenke ihm von Deiner Huld das doppelte Maß an Wohltaten zu seinem Lohn. Oh Gott, verleihe seiner Ordnung Überlegenheit über alle anderen Ordnungen und erhöhe seinen Rang vor Dir! Lass seinen Glanz vollkommen werden und lohne es ihm angemessen, Deine Sendung angenommen zu haben, indem sein Zeugnis Akzeptanz findet, er gefällige Worte erntet, gerechte Logik erheischt und differenzierte Schritte tut. Oh Gott, bringe ihn mit uns in einer Atmosphäre zusammen, in der das Leben angenehm ist und die Gunst ewig währt, dort, wo der Mensch all seine Wünsche erfüllt findet, alle erdenklichen Annehmlichkeiten vorfindet, zu Überfluss und Seelenfrieden gelangt und sich höchster Behaglichkeit und großmütiger Gaben erfreuen kann.

115 Heiliger Koran, 38. Sure, Vers 88. 116 Verweis auf 4. Sure („Die Frauen“), Vers 41.

73

Wie berichtet wird, geriet Marwan Sohn des Hakam117 während der Kamelschlacht in die Gefangenschaft des Heeres des Imams. Er flehte Hassan und Hossein an und erbat ihre Fürsprache beim Imam (S). Die beiden willigten ein und er wurde freigelassen. Da sagten sie zu ihrem Vater: „Oh, Fürst der Gläubigen, er will dir den Treueid leisten.“ Der Imam (S) sprach:

Hat er mir nicht schon nach der Ermordung von Osman den Treueid geschworen? Ich brauche seinen Eid nicht, denn die Hand, mit der er ihn geschworen hat, gleicht der Hand eines Vertragsbrüchigen. Hat er einerseits die Hand auch zum Treueschwur ausgestreckt, hat er auf der anderen Seite List und Verrat geschürt! Seid gewahr: ihm wird nur eine sehr kurze Gelegenheit zum Regieren gegeben sein; sie wird nur solange dauern, wie das Naselecken eines Hundes.118 Er ist der Vater von vier Anführern119 und der islamischen Gemeinde stehen unter seiner Herrschaft und der seiner Söhne blutige Zeiten bevor.

74

Was der Imam (S) sagte, als das Volk den Treueid auf Osman leisten wollte

Ihr wisst ganz genau, dass ich im Vergleich zu den anderen weitaus prädestinierter bin, den Kalifenthron zu besetzen. Nichtsdestotrotz schwöre ich bei Gott: ich werde solange friedfertig verharren, wie die Belange der Moslems gewahrt bleiben und sollte ich auch als einziger zur Zielscheibe der Angriffe von Despoten und Rechtsbrechern werden, denn mir geht es um den Lohn und die Vorteile, die ein solches Herangehen mit sich bringt und ich liebäugle nicht mit dem Prunk und Glamour des Herrschertitels, um den es euch doch eigentlich nur geht.

75

Was der Imam (S) über die Anfeindungen des Feindes sagte und deren Verdächtigungen, er sei an der Ermordung von Osman beteiligt gewesen

Müssten denn die Omajjaden nicht genug über mich wissen und müsste sie dies nicht davon abhalten, solche Stimmungen gegen mich zu verbreiten? Hält mein bisheriger Werdegang denn nicht einmal die Ungebildetsten davon ab, mich mit einem solchen Tatverdacht in Zusammenhang zu bringen? Was muss man noch tun, damit Gottes Rat – der an sich ja weitaus beredter ist als alle meine Worte – endlich auf fruchtbaren Boden bei ihnen stößt? Dies ist der Grund, warum ich mich mit den Mareqin120 im verbalen Widerstreit befinde und mit den zögerlichen Nakesin121 verfeindet bin! Bei jedem Zweifel wende man sich an das Buch Gottes, wie man den Menschen nach dem messe, wovon er sich in seinem Innern leiten lässt.

117 War der Neffe (Sohn des Bruders) und Schwiegersohn von Osman, Der Prophet hatte seinen Vater Hakam wegen seiner ständigen Intrigen aus Medina verbannt und Marwan ging mit ihm fort. Sie durften Medina für den Rest ihres Lebens nie wieder betreten. Abu Bakr und Omar verboten dies ebenfalls, nur Osman gab Marwan während seiner Regierungszeit später einen hohen Posten, was sogar dazu führte, daß er nach Mo’awiyehs Tod den Kalifenthron besteigen konnte. 118 Sein Schicksal wurde schon nach neun Monaten und 18 Tagen Regierungszeit durch seine eigene Frau besiegelt. Er starb den Erstickungstod durch ihre Hand. 119 Einige Kommentatoren beziehen dies auf Marwans Söhne Abdul Malik, Abdul Aziz, Bashar und Mohammad, von denen Abdul Malik Kalif des Islams und die anderen Statthalter von Ägypten, Irak und Jazira wurden. Andere beziehen dies auf die vier Söhne von Abdul Malik Sohn von Marwan (Walid, Sulaiman, Yazid und Has-ham), die alle nacheinander den Kalifenthron bestiegen. 120 siehe Fußnote 38. 121 siehe Fußnote 36.

76

Wie man sich gegenseitig beraten sollte

Möge Gott barmherzig sein gegenüber jedermann, der Seine Weisheiten erhört und zunehmend Erleuchtung findet, jedem Aufruf Seiner Führung folgt und einen Schritt nach vorn tut, sich selbständig dem wegweisenden Führer zuwendet und Erlösung findet, und auch jener, der vor Seinem Schöpfer auf sich selbst achtet und vor der eigenen Sünde zurückschreckt. Alles was er für sein eigenes Ego vorausschickt, ist klar und rein, sein gesamtes Verhalten ohne Makel. Alles was sich an Gutem akkumulieren lässt, sollte er zusammentragen und all das, was wahrhaft furchteinflößend ist, vermeiden. Mit jedem einzelnen Moment seines Lebens sollte er wie mit dem letzten Pfeil seines Köchers umgehen! Steuert er das Ziel mit großer Genauigkeit an, wird ihm auch ein entsprechend angemessener Wert dafür zuteil werden. Ziehe er gegen seine Laster zu Felde und fasse er trügerische Gelüste als Verlogenheit auf. Im Leben sollte er Gelassenheit zum Mittel der Erlösung machen und für seinen Tod sollte er mit Gottesfurcht vorbauen. Auf die Art möge er mit eindeutig klaren Argumenten nach einem ebenso klaren Weg suchen. Die ihm zur Verfügung stehende Lebenszeit möge er gut nutzen, seiner Sterbestunde zuvorkommen und sich durch strebsame Arbeit ausreichend Wegzehrung (für die letzte Reise) erarbeiten.

77

Über die Umayyaden

Die Bani Omajja versuchen beim Erbe von Mohammed – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – die Überlegenheit über mich zu erringen.122 Ich schwöre bei Gott, sollte ich in diesem Leben bleiben, um gegen sie anzukämpfen, werde ich sie aus der islamischen Gesellschaft entfernen (so wie Metzger sich im Straßenstaub gewälzter Gedärme entledigen würden).

78

Ein Bittgebet des Imams (S)

Oh Allah, vergib mir bei dem, worin Du Dich selbst viel besser auskennst als ich! Sollte ich erneut der
Sünde frönen, so erneuere auch Du Deine Vergebung.
Oh Allah, vergib mir in dem, was ich mir erst selbst versprochen hatte, worin Du mich dann aber doch
wortbrüchig vorgefunden hast!
Oh Allah, vergib mir im Zusammenhang mit dem, womit ich verbal Deine Nähe suchte, mein Herz
aber mit meiner Zunge darin nicht im Übereinklang stand.
Oh Allah, vergib mir all die unziemlichen Blicke und müßigen Worte, die Begierde des Herzens und
Versprecher der Zunge!

122 Der Hintergrund für diese Worte ist folgender: Said Sohn von A’as regierte in Osmans Auftrag in Kufa undließ Imam Ali ein Geschenk senden, wobei er dem Überbringer auftrug: „Sag Ali, mehr hätte ich bisher noch niemandem zugestanden, nur dem Amir-ol-Mo‘meneen von Osman.“ Als er die Botschaft vernahm, sprach der Imam diese Worte. (Said bin A’as wurde im 1.Jahr nach der Hijra geboren und starb im Jahre 59 der Hijra. Sein Vater war in der Schlacht bei Badr (624 n.Chr.) durch Ali getötet worden.) Der arab. Urtext bringt hier einen Vergleich mit einer Kamelstute, die ihr Junges säugt und gleichzeitig dem Menschen Milch liefert. Dies ist nur Zug um Zug durch „kleine Rationen“ möglich. Ali empfindet den Empfang des ihm zustehenden Prophetenerbes in gleicher Weise.

79

Als der Imam (S) sich entschlossen hatte, den Kampf gegen die Kharijiten aufzunehmen123 , sprach Afif, der Bruder von Ash’as und Sohn von Qais, einer seiner Gefährten, der in der Astrologie bewandert war: „Willst du zu dieser Stunde aufbrechen, so steht zu befürchten, dass du dein Ziel nicht erreichst!“ Der Imam (S) antwortete daraufhin:

Glaubst du etwa, die genaue Uhrzeit zu kennen, wann ein Reisender vom Ungemach verschont bleibt, nur weil du diese Stunde für gut befindest und ihn aufbrechen lässt, oder Härten und Probleme unterwegs nur deshalb auftreten, weil du vor einer bestimmten Tageszeit oder Stunde gewarnt hast? Wer eine solche Behauptung von dir bestätigt, der straft den Koran Lügen124 und kehrt sein Antlitz davon ab, Hilfe und Unterstützung von Gott zu erbitten, um zu seinem ersehnten Ziel zu gelangen bzw. Unerwünschtes von sich abzuwenden. Vertraut jemand auf dein Wort und handelt er danach, somüsste er dich auch anstelle seines eigenen Schöpfers preisen, denn er hätte ja von deinen Überzeugungen profitiert oder wäre durch sie vor Schaden bewahrt worden. Dann wandte sich der Imam (S) dem Volk zu und sprach zu ihm: Oh ihr Menschen, hütet euch davor, euch außer für (den wissenschaftlichen Umgang und) die Verwendung zu Land und zur See mit Sternenkunde zu befassen, denn dies ließe euch in die Wahrsagerei abdriften. Astrologen sind wie Wahrsager, Wahrsager sind wie Magier, Magier gelten als Ungläubige und Ungläubige enden im Höllenfeuer! Vorwärts in Gottes Namen!

80

Ein Wort der Mahnung des Imams (S) vor den Frauen nach der Zerschlagung des Aufruhrs

81

Beschreibende Worte zur Frömmigkeit

Oh ihr Menschen! Wahre Frömmigkeit bedeutet, Begehrlichkeiten kurz zu halten, für Gunstbezeigungen dankbar zu sein und zurückhaltend, wenn es um verbotene Handlungen geht. Gelingt es euch nicht, so weit zu gelangen, dann sollte das Verbotene zumindest nicht die Oberhand über euch erlangen. Seid ihr mit Gunst reich gesegnet, vergesst nicht, dankbar dafür zu sein, denn Gott hat allen möglichen Ausflüchten und Missdeutungen mit Argumenten und Büchern klar und eindeutig den Weg versperrt!

82

Worte des Imam (S) zur Beschreibung der Welt

Mit welchen Worten soll ich diese Welt beschreiben, die mit Schmerz und Kummer beginnt und mit Vernichtung zu Ende geht? Bei dem, was erlaubt ist, wird man Rechenschaft ablegen müssen und auf das, was verboten ist, steht die Bestrafung. Wer in ihr zu Macht und Größe gelangt, wird sich in der Falle der Sünde verstricken und wer in Armut gerät, der verfällt der Trauer und Sorge. Diejenigen, die

123 Zu Beginn der Schlacht von Nahrawan (siehe Rede 36), die mit einem überwältigenden Sieg von Ali und
dessen Armee endete.
124 Ein Astrologe behauptet, die Zukunft richtig voraussagen zu können, während im Koran geschrieben steht:
“Keiner in den Himmeln und auf Erden kennt das Verborgene außer Allah.“ (27. Sure, Vers 65)..

ununterbrochen streben und schaffen, die verlieren sie urplötzlich und solche, die nur gleichmütig
herumsitzen, die begegnen ihrem Glück.
Wer sie deshalb durchschaut, wird sehend, doch wer seine Augen nicht von ihr lassen kann, dem wird
die Sicht genommen werden.

83

Eine tiefgründige Rede, die den Namen „Die Leuchtende“ trägt

Ich preise Gott, der einerseits allem überlegen ist, und andererseits mit seinem Schenken und Geben allem und jedem nahe steht. Er schenkt jeden Erfolg und jeden Vorzug und vertreibt großes Unglück und unerträgliche Härten. Ich preise Seine unentwegte Freigebigkeit und allumfassende Huld. Ich glaube an Ihn, der Er der Erschaffer der Welt ist und suche bei Ihm, der Führung gibt und mir nahe ist, Rechtleitung. Von Ihm, der mächtig ist und erhaben, erwarte ich mir Beistand, und nur in Ihn setze ich meine Zuversicht. Rechtmäßig lege ich Zeugnis ab, dass Mohammed – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – Diener eben dieses Gottes und dessen Gesandter ist, dem Er die Sendung übertragen hat, damit er Seine Gebote erfülle, den Willen Gottes propagiere und Seine Warnungen vorbringe. O ihr Diener Gottes, ich lege euch Furcht vor Gott ans Herz, der euch Beispiele vor Augen geführt, eure Zukunft vorherbestimmt, euch mit einem passenden Gewand (des menschlichen Körpers) ausgestattet, euer Leben in geordnete Bahnen gelenkt und neuen Aufschwung verliehen hat. Er führt genauestens Buch über eure Taten und hält angemessene Bestrafungen für euch bereit. Mit Seinen umfassenden Gunstbezeigungen und Seiner Huld, die sich auf jedermann gleichermaßen erstreckt, hat Er euch mit vielen Vorzügen ausgestattet. Mit starken, gut wahrnehmbaren Argumenten hat Er euch gewarnt. Dann hat Er alle eure Taten erfasst und für jeden von euch ein bestimmtes Maß an Lebenszeit am Ort eurer Bewährungsprobe und im Hause eurer Vorwarnung - der als Stätte eurer Beurteilung und als Grundlage für eure künftige Abrechnung gilt – festgesetzt! Das Wasser dieser Welt ist zweifellos trübe und ihre Quellen sind vom Schlamm verschmutzt. Ihr Äußeres ist betörend schön, doch bringt es den Untergang mit sich, stellt man sie auf die Probe. Sie ist ein veränderliches Trugbild, eine dahinschwindende Reflexion, ein vergänglicher Schatten und ein im Absturz begriffener Rastpunkt. Diejenigen, die aus ihr flüchten wollen, lässt sie sich in ihrem Netz verfangen, sobald sie sich nur kurz mit ihr vertraut gemacht haben, und diejenigen, die noch nicht mit ihr vertraut sind, wirft sie zu Boden, sobald sie nur damit angefangen haben, auf sie zu bauen. Mit vergifteten Pfeilen nimmt sie sie dann ins Visier, um sie schließlich am Galgen des Todes aufzuknüpfen. Anschließend treibt sie sie in die Enge ihrer Gräber, dem furchterregenden Ort der Rückkehr, an dem der Mensch seinen ewigen Platz und den Lohn für seine Taten zu erwarten hat. Auf diese Art folgen spätere Generationen beständig dem Wege ihrer Vorfahren, ohne dass die Sense des Todes auch nur einen Augenblick innehielte oder die Lebenden nur einmal zu sündigen aufhörten. Sie alle nehmen sich der Reihe nach ein Beispiel an denen, die bereits das Zeitliche gesegnet hat und machen bis zum allerletzten Augenblick – dem Abtauchen im Schlund der Todesmühle – weiter, bis zu einem Punkt, da der Lauf der Ereignisse abbricht, das Schicksal ausläuft und das Jüngste Gericht anbricht, und sie aus den Tiefen der Gräber, den Nestern der Vögel, den Höhlen der Raubtiere und den Abgründen des Verfalls emporgehoben und herausbefördert werden. Während dann alle dem göttlichen Befehl nacheifern und dem Jenseits entgegeneilen, haben sie sich gruppenweise, schweigend und in der Reihe stehend dem göttlichen Blickfeld auszusetzen. In dieser Atmosphäre wird weithin Seine einladende Botschaft erklingen. Die vor einem solchen Gericht stehenden Beschuldigten sind so bekleidet, dass ihre ganze Hilflosigkeit, ihre Verlorenheit und Niedrigkeit darin zum Ausdruck kommt; einen Ausweg gibt es für sie nicht mehr, das Band ihrer Wünsche ist entzwei, die Herzen vor Angst starr, die Stimmen erstickt und leise, die Leiber über und über schweißbedeckt, die Seelen verfangen in übergroßer Angst und in den Ohren der zitternde Widerhall der dröhnenden Donnerstimme des Gerichtssprechers, der die Urteile verkündet und hohe Strafen auf böse Taten oder aber große Belohnungen auf gute Taten aussetzen wird. Die von göttlicher Kraft erschaffenen und der Macht des Schöpfers ergebenen Diener, die erst dem Würgegriff des Todes ausgesetzt und dann im Grabesinnern der Vergänglichkeit preisgegeben, vergangen und verloren sind, werden schließlich mutterseelenallein aufgerichtet und vor das göttliche Gericht zitiert, werden dann den ihnen gehörigen Lohn bekommen und das Sieb der göttlichen Abrechnung zu passieren haben. Zuvor hatten sie ja die Möglichkeit gehabt, einen Ausweg ausfindig zu machen; sie waren auf einen klaren, lichten Weg geleitet worden und hatten ausreichend Gelegenheit dazu gehabt, die Freude Gottes auf sich zu lenken. In heller, freundlicher und von Zweifeln reinen Atmosphäre war ihnen Lebenszeit und Raum gegeben worden, ihre Pferde so gut wie irgend möglich auf das Große Rennen vorzubereiten, um sie flink und behende allen anderen überlegen zu machen, ohne etwas zu überstürzen, und sich auf die gedankliche Suche nach der Fackel der Wahrheit zu begeben. Es gäbe so unendlich viele anschauliche Beispiele und heilsame Ratschläge, wenn diese bloß auf reine Herzen, offene Ohren, entschlossene Gedanken und weit blickende Hirne stießen! So verschreibt euch der Gottesfurcht und übt Frömmigkeit gleich dessen, der die Wahrheit findet und zur Demut gelangt; der bekennt, wenn er sich versündigt, dessen Strebsamkeit von Gottesfurcht und dessen Dienstbeflissenheit von der Liebe zu Ihm motiviert ist; sein Glaube zwingt ihn förmlich dazu, gut zu handeln, Ratschläge nimmt er an und Warnungen nimmt er sich zu Herzen. Hat er eine Warnung vernommen, lässt er ab von dem, was ihm verboten wurde. Er folgt den Aufforderungen Gottes, ist ständig im Gebet begriffen und beim Fürbitten, leistet ununterbrochen Abbitte, folgt den Fährten der Führer, eifert ihnen nach und behält stets seine Augen offen, um den rechten Weg auch zu sehen, den sie ihm aufzeigen. So beschleunigt er die Suche nach Gott und befreit sich noch schneller von der Gefahr des Unwissens und der Fehlleitung. Indem er einer wertvollen Rücklage habhaft wird, bereinigt er sein Innerstes von jedweder Verunreinigung, sorgt für sein Jenseits vor und kann sich bei seiner Reise aus dieser in die kommende Welt als der Stätte des ewig währenden Aufenthaltes und auch in Notzeiten auf eine reichliche Wegzehrung verlassen, die er so schon im voraus auf den Weg gebracht hat. So verschreibt euch, ihr Diener Gottes, in Übereinklang mit dem Wissen um die Schöpfung des Menschen der Gottesfurcht und fürchtet euch vor euch selbst - dort, wo Er euch durch sein eigenes Wesen an sich gemahnt - indem ihr die Tiefgründigkeit der göttlichen Warnungen begreift. Erweist euch der Verheißungen des Schöpfers, die Er euch bereits im Voraus verbindlich gegeben hat, für würdig, indem ihr an deren Richtigkeit glaubt und das Jenseits fürchtet. Er hat euch Ohren verliehen, auf dass ihr die euch genehme Bedeutung heraushöret, und Augen, auf dass ihr die schwarzen Sündenschleier zerreißet, Glieder, die das Ensemble eurer Körper bilden und nach Form und Lebensdauer angepasst und aufeinander abgestimmt sind, Leiber, die sich auf innere Geschlossenheit gründen, Herzen, die den Lebenssaft an alle Stellen des Körpers pumpen, Seine großartige Gunst nutzend, Seiner nie endenden Gnade verpflichtet und Zuflucht findend in Seinen heilbringenden Festungen! Jedem von euch hat Er ein bestimmtes Lebensalter vorausbestimmt, das Er vor euch verborgen hält. Aus dem Andenken vergangener Generationen hat Er euch Warnungen hinterlassen, welchen Nutzen sie der Welt abgerungen haben und welchem geruhsamen Wohlleben sie gefrönt hatten, bevor sie in ihre Grabesgruft entschwanden. Noch bevor sie am Ziel ihrer Wünsche angekommen waren, hatte der Tod sie schon zu sich genommen; ohne es zu Lebzeiten vorausgesehen oder sich bei passender Gelegenheit ein warnendes Beispiel genommen zu haben, waren sie in seine alles zermalmenden Mühlräder geraten. Haben etwa die heute in der Blüte ihrer Jugend Stehenden etwas anderes als die Runzeln des Alters zu erwarten? Sind die heute vor Gesundheit Strotzenden gefeit gegen Krankheiten oder erwartete die Lebenden etwas anderes als den sicheren Tod? Wem dann der Abschied der Todesstunde und der Übergang ins Jenseits kurz bevorsteht, wendet sich, von Krämpfen geschüttelt, von Höllenschmerzen gepeinigt und erfüllt vom Gram, der ihm die Kehle zuschnürt, mit hilfesuchendem Blick flehend an seine Freunde, Angehörigen und Ehepartner! Können ihm die Verwandten denn dann noch beistehen? Oder kann ihr Weinen noch irgendetwas bewirken, wenn er schon völlig ausgeliefert und allein in der engen Gruft liegt? Nie und nimmer, denn seine Haut wird von Reptilien zerfressen und aus der Blüte (seines Leibes) wird durch Ungeziefer Verwesung! Stürme werden alle Spuren von ihm verwischen und der Wechsel von Tag und Nacht nichts von ihm übriglassen. Sind pralle Körper vergangen, haben bruchfeste Knochen sich zersetzt und sind Seelen Gefangene ihrer eigenen schweren Bürde, dann erst werden sie den Nachrichten aus der anderen Welt sicheren Glauben schenken! Doch lässt sich dann weder seinen guten Taten etwas hinzufügen noch ist es dann noch möglich, begangene Fehler wieder gutmachen. Seid ihr denn nicht die Kinder, Väter, Brüder und engsten Angehörigen dieses Stammes? Werdet ihr nicht ihrem Beispiel nachfolgen und werdet ihr nicht denselben Weg einschlagen, den sie schon gegangen sind; werdet ihr nicht dieselben Straßen befahren, die sie euch schon geebnet haben? Nur schade, dass die Herzen zu hart sind und nicht angemessen zum Einsatz kommen. Anstatt zu gedeihen, gleiten sie ab in die Leere und fegen über eine Stätte, die ihrer nicht würdig ist, gleichsam, als ob derartige Hinweise sie gar nicht beträfen und ihren eigenen Fortschritt verbinden sie mit dem, was sie dieser Welt anhäufen können. Vergesst nicht, dass ihr einst die „Serat“-Brücke125 passieren müsst, die gähnende Abgründe und furchterregende Klüfte mit all ihren pausenlos andauernden Schrecken überspannt! So verschreibt euch, ihr Diener Gottes, der göttlichen Frömmigkeit, der frommen Gottesfürchtigkeit des weitsichtigen Weisen, dessen Herz vom Verstand und dessen Körper von Furcht geleitet wird, dessen nächtliches Beten ihn um seine wohlige Nachtruhe bringt, dessen Alltag die Hoffnung mit Durst (nach Gott) erfüllt, dessen Enthaltsamkeit seine Leidenschaften bezwingt, der stets vom Gedenken an Gott spricht, der zu seiner künftigen Absicherung die Gottesfurcht vorab auf den Weg gebracht hat, sich von Zweifeln jeder Art distanziert, den bestmöglichen Weg auf das erstrebte Ziel hin ansteuert - ohne sich unterwegs im Strudel des Dünkels zu verlieren oder sich von Zweifeln den Blick trüben zu lassen. All dies führt dazu, dass er im tiefsten Schlaf (dem Tod) und den sichersten Tagen den Erfolg für sich verbuchen kann, indem er eine Freudenbotschaft erhalten und zu ewiger Ruhe und den Segnungen des Jenseits gelangen wird, denn er hat die irdische Zwischenstation auf lobenswerte Weise hinter sich gebracht und die künftige Wegzehrung zu seinem großen Glück bereits vorausgeschickt. Seine Eile leitet sich aus seiner Gottesfurcht her und er verschenkt keinen einzigen Moment der Zeit, die ihm eine Chance bietet; den Weg seiner Suche beschreitet er aus tiefstem Herzen. Furchtsam, doch wachsam, überspringt er die Abgründe; den Blick zukunftsgerichtet erwartet er im heute bereits sein morgen, denn das Paradies als Belohnung und die Hölle als Strafe sind für den Menschen mehr als genug. Auch Gott als einziger Richter und Rächer sowie der Koran vor dem Gericht der Geschichte genügen uns, um zu Gerechtigkeit und Verteidigung zu finden. Ich rate euch zu Gottesfurcht, denn mit seinen wiederholten Warnungen hat Gott keine Möglichkeit für auslegende Deutungen gelassen und indem Er eine klare Linie vorgegeben hat, gab er euch seine Verheißung. Er warnte euch vor Feindseligkeit, die sich voller List und Tücke erst in die Herzen einschleicht, flüsternd in den Ohren säuselt, dazu aufruft, vom rechten Weg abzuweichen und dann schließlich zum Absturz führt. Mit irreführenden Versprechungen suggeriert sie teuflische Begierden, verziert das hässliche Antlitz der Schuld und stellt Todsünden als simpel hin, bis sie ihrem Opfer nach und nach die Schlinge umlegt und es unter ihr Joch zwingt. In diesem Moment verleugnet sie auf einmal allen früheren Zierrat urplötzlich, verleiht Gefahren, die erst unerheblich schienen, vermeintlich riesenhafte Auswüchse und erfüllt die Atmosphäre scheinbarer Sicherheit mit Herzrasen und Angst.

Ein weiterer Teil dieser Rede Über die Schöpfung des Menschen

Kehren wir zur Geschichte des Menschen zurück, die voller Fragen steckt: Gott hat ihn sich im dunklen Schoß einer Mutter entwickeln lassen, erst als pulsierender Keim, dann als vitaler Klumpen Blutes, dann als Embryo, als Säugling, schließlich als Kind und als Jugendlicher. Er schenkte ihm ein wachsames Herz, eine beredte Zunge und Augen zum Sehen, damit er zum Verständnis der Wahrheiten dieser Welt finde, lerne, analysiere und sich vor Sünden hüte, indem er den Warnungen Gehör schenke. Doch sobald sich der Mensch zu einem aufrechten, selbstbewussten jungen Wesen entwickelt hat, verzichtet er anmaßend darauf, Gott Gehorsam zu erweisen, und begibt sich unverfroren auf Abwege, wobei er ständig aus der Untugend schöpft, die einem Fass ohne Boden gleicht. Sein ganzes Streben weiht er seiner eigenen Welt, gibt seine Seele schließlich auf in einem Meer oberflächlicher, unbedachter Genüsse, betrogen von der Versuchung, ohne auch nur an ein Unglück zu denken oder Angst vor irgendwelchen schrecklichen Ereignissen zu haben. So hat er dann - ohne etwas von seinem Leben gehabt zu haben oder Verantwortung darin übernommen zu haben - auch nur ganz kurz in dieser Welt gelebt, die für ihn nicht mehr war als ein Ort der Verfehlung. Genau auf dem Gipfel des Ungehorsams, wenn die (irdischen) Freuden in vollem Gange sind, schlägt zur vorbestimmten Zeit dann der Tod zu. In Wellen von Schmerz und niederschmetternden Krankheiten verliert er überraschend das Bewusstsein; umgeben von einem ihn liebenden Bruder und einem mitleidsvollen Vater – der eine rastlos vor sich hinwimmernd, der andere sich aufgeregt vor die Brust schlagend – muss er – das Schiff seines Lebens von einem schweren Orkan gezeichnet – den Kampf gegen tödliche Ohnmacht, wirbelndes Leiden und quälende Klagen aufnehmen.

125 Eine vermeintliche Brücke über die Hölle, die alle Auferstandenen passieren müssen. Sie soll dünner als ein Haar und schärfer als ein Schwertblatt sein. Wem der Zutritt ins Paradies gewährt wurde, gelangt glücklich hinüber, die Sünder jedoch straucheln und fallen in den Höllenschlund, bevor sie das Ende der Brücke erreicht haben.

Danach bekommt er resigniert sein Leichenhemd übergezogen; ohne den geringsten Widerstand zu leisten, lässt er alles über sich ergehen. Dann legt man seinen gepeinigten und von Krankheit ausgezehrten Körper auf eine Bahre und Kinder und Brüder befördern ihn damit auf ihren Schultern eilig zum Totenacker, der Stätte, deren Besuch den Endpunkt markiert. Bevor die Trauergemeinde sich schließlich abwendet und klagend heimkehrt, wird er murmelnd in seine Grube gelegt, auf dass er sich wundersamen Fragen und heiklen Bewährungsproben unterziehe. Die größte Unannehmlichkeit im Jenseits besteht darin, dass sich dort siedend heißes Wasser ergießt und man in eine Hölle lodernden Feuers und laut zischender Flammen hinabstürzt. Inmitten der körperlichen Züchtigungen bleibt dem Menschen weder Gelegenheit zum Atemschöpfen noch ein einziger Augenblick, um sich von den Strapazen zu erholen. Er hat keine Kraft, um dem Widerstand entgegenzusetzen und es erlöst ihn auch kein Tod, ja nicht einmal ein Moment besänftigenden Schlafes ist ihm vergönnt. Vor all diesen Härten und Züchtigungen suchen wir Zuflucht bei Gott! Ihr Diener Gottes, wo sind denn all diejenigen jetzt, die ein Leben in Überfluss und Wonne gehabt haben, die gelernt und verstanden, aber ihre Frist ungenutzt haben verstreichen lassen und die vergessen haben, von ihrer Unversehrtheit auch Gebrauch zu machen? Diejenigen, die lange genug Zeit und Gelegenheit hatten und sich gar der unterschiedlichsten Gunstbeweise erfreuen konnten? Die vor schmerzhafter Pein gewarnt worden waren und denen große Belohnungen versprochen wurden? O ihr, die ihr Augen und Ohren habt, die ihr bei guter Gesundheit und in Wohlstand lebt! Hütet euch vor den Abgründen der Laster und vor Fehltritten, die den Zorn Gottes auf sich ziehen! Gibt es für euch denn keinen anderen Weg, um davon loszukommen, euch zu befreien, Zuflucht zu finden, den rechten Rückhalt wiederzufinden und euch abzukehren? Warum begebt ihr euch denn auf Abwege und in welche Richtung kehrt ihr um? Welche Ausflüchte habt ihr für euren Dünkel und euren Selbstbetrug? Der Anteil jedes einzelnen von euch am Grundstück Erde ist doch nur so groß wie eure Körper lang mal breit sind, wenn ihr erst mit der Wange zur Erde ruht... Ihr Diener Gottes: beginnt eure Anstrengungen jetzt und macht euch ans Werk! Jetzt besteht noch die Gelegenheit, jetzt, wo eure Kehlen noch frei atmen, die Seelen frei sind, eure Rechtleitung noch nicht verloren ist, ihr euch des Lebens und eures Wohlergehens erfreut, ihr noch auf dem Gipfel eurer Fähigkeit zu entscheiden seid und die Möglichkeit zur Abbitte noch besteht; ihr seid zwar sündig, doch steht ihr weder unter Druck noch steckt ihr im Dilemma, denn der unbekannte Zeitpunkt des Ablebens ist noch nicht heran und vorerst bleibt ihr vom unbezwingbaren Mächtigen (= dem Tod) noch verschont.

84

Worte des Imams, um die Verleumdungen von Amr ‘Aas zu kontern

Ich bin verwundert über diesen Sohn einer übel beleumdeten Frau126, der mich vor den Syrern zu einem Narren gemacht und verspottet hat und meint, ich würde mein Leben nur zum Schabernack und in reiner Müßigkeit verbringen! Es besteht kein Zweifel daran, dass er unnützes und sündiges Zeug schwatzt. Lasst euch gesagt sein, dass von allen Reden Lügen die schlimmsten sind! Er besudelt seine Lippen mit Lügen, bricht ständig seine Versprechungen, stellt seine eigenen Belange unverhältnismäßig in den Vordergrund und schert sich nicht im Geringsten um die Belange anderer. Er steht nicht zu seinen einmal eingegangenen Verpflichtungen und hat den Kontakt zu seinen eigenen Familienangehörigen abgebrochen. Auf dem Schlachtfeld - noch bevor der eigentliche Kampf beginnt, die Schwertscheiden sich leeren und die Säbel aufeinandertreffen - ist er in einem unübertroffen, nämlich im Parolen austeilen und beim Herumkommandieren der Leute! Doch sobald der Kampf beginnt und das Rasseln von Stahl und gezückten Schwertern ertönt, besteht seine Meisterleistung allein darin, seine eigene Schamlosigkeit und das Schamgefühl der tapferen Kämpfer auszunutzen, die Hüllen fallen zu lassen und sich zu entblößen!127

126 Leyla, genannt Nabeghe, die Mutter von Amr ‘Aas, die einen fraglichen Ruf besaß. 127 Bezug auf einen Vorfall während der Schlacht von Siffin, bei der es zu einem Zweikampf zwischen dem„Eroberer von Ägypten“, Amr ‘Aas, und dem Imam gekommen war. Um Alis Schwerthieb abzuwenden, hatte sich Amr ‘Aas ihm blitzschnell nackt dargeboten, woraufhin der Imam sein Gesicht abwandte und ihm sein Leben ließ.

Lasst euch gesagt sein, bei Gott dem Allmächtigen: der Gedanke an den Tod lässt mir sogar das Scherzen vergehen, während ihn das Vergessen des Jenseits sogar noch davon abrücken lässt, die Wahrheit zu sagen. Jawohl, er hatte Mo’awiyeh nur unter der Bedingung den Treueid geleistet, dass der ihm dafür seine Gunst erweise und ihn für seine verhökerte Religion mit einer Gegenleistung besteche.

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Über die Vollkommenheit Gottes

Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt, der der Eine und Einzige ist. Er ist sowohl der erste Unendliche, vor dem nichts anderes existiert hat, als auch der letzte Unendliche, dem nichts mehr nachfolgen wird; die Vorstellungskraft reicht nicht aus, um sich ein Bild von Seinen Eigenschaften zu machen, kein Herz gelangt über Sein Wesen auf den Grund des Verständnisses. Er lässt sich nicht analysieren und keine Seiner Eigenschaften lässt sich einer anderen vorziehen. Kein Auge und kein Herz vermag Ihn ganz zu erfassen. O ihr Geschöpfe Gottes, so lasst euch die nützlichen Warnungen zur Lehre gereichen und nehmt euch die leuchtenden Zeichen zum Vorbild. Haltet inne unter dem Einfluss eindeutiger Voraussagen und bemüht euch darum, aus dem Gedenken an Gott und dessen Warnungen einen möglichst großen Nutzen zu ziehen, gleichsam als ob Gevatter Tod euch schon jetzt im Nacken säße, das Band eurer Wünsche entzwei gerissen wäre, ihr euch im düsteren Umfeld schaudererregender Ereignisse befändet getrieben auf den Endpunkt euer aller Geschicke hin, wobei jeder einzelne von euch ein anderes Motiv für den Vormarsch auf seine Auferstehung hat und einen Zeugen, der seine Taten bezeugt.

Ein weiterer Teil: Die Beschreibung des Paradieses

Es gibt verschiedene Stufen, die voneinander abgeteilt sind, sowie ganz unterschiedliche Aufenthaltsorte, an denen die Wonnen nie zu Ende gehen und deren Bewohner nie mehr fort zu gehen haben. Das Altern bedroht die in die Ewigkeit Eingegangenen nicht, so wie auch keiner der dort Weilenden je davon enttäuscht wird.

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Vorbereitung auf die kommende Welt

Ohne jeden Zweifel weiß Er um alle Geheimnisse, kennt das ihnen innewohnende Verborgene, Er umschließt alles und beherrscht alles. So sollte ein jeder von euch - noch bevor der Tod euch ereilt, die harten Auseinandersetzungen noch nicht begonnen haben und noch nicht den Klauen des Todes ausgesetzt seid - versuchen, sich nützlich zu machen und zu gegebener Zeit selbst bemüht zu sein, die Vorbereitungen für seine Aufnahme in der nächsten Welt zu treffen und aus der vergänglichen Welt Wegzehrung für die Ewigkeit aufzunehmen. O Leute, seid euch gewärtig, dass Gott die Verantwortung euch auferlegt hat, Sorge für Sein Buch zu tragen und dass Er euch Seine Wahrheiten zu treuen Händen übertragen hat. Nein, Gott der Glorreiche hat euch nicht ohne Grund erschaffen noch hat Er euch ohne Ziel in die Welt gesetzt. Er hat euch auch nicht blind und unwissend nur ganz euch selbst überlassen. Alle Spuren eures Wesens hat Er genauestens festgeschrieben, Er kennt eure Taten und hat eure jeweilige Sterbestunde bereits vorherbestimmt. Er hat euch ein Buch herabgesandt, das alle Dinge aufzuklären vermag; Seinen Propheten ließ Er eine Weile unter euch leben, auf dass dieser durch seine Sunna vervollkommne, was Er für euch und ihn gutgeheißen und durch Sein Buch offenbart hatte, damit sich die Religion gebührend festige. Dementsprechend hat Er gute und schlechte Taten, Dinge, die verboten sind oder erlaubt, in Seiner eigenen Sprache verdeutlicht, hat jeglichen Ausflüchten den Weg verbaut und seine Versprechen vollendet.

Noch bevor Er euch straft, stößt Er Drohungen aus und versucht euch so von der Höllenpein abzuschrecken, die euch bevorsteht. So nehmt denn den Rest eures Lebens und fasst euch in Beharrlichkeit, denn er ist kurz im Vergleich zu der langen Zeit, die ihr bereits achtlos, selbstvergessen und unbekümmert der Warnungen zugebracht habt. Erlaubt eurem Ego keinesfalls Gelegenheit zu finden, euch auf den Pfad der Tyrannen zu drängen. Seid zu Kompromissen mit eurem Ego bereit, denn urplötzlich werdet ihr euch mitten im Chaos wiederfinden... O ihr Diener Gottes, zweifellos ist derjenige der größte Wohltäter vor sich selbst, der seinem Schöpfer am gehorsamsten folgt, und wer sich seinem Schöpfer am meisten widersetzt, der betrügt sich selbst gewiss auch am meisten. Wahrlich verderbt ist, wer sich selbst Schaden zufügt, und durchaus zu beneiden ist ein Mensch, dessen Religion frei von Fehl und Tadel ist. Glücklich ist zu nennen, wer aus dem Geschick anderer lernt, und arm und unglücklich ist, wer sich von seinen eigenen Trieben und seinem eigenen Dünkel hintergehen lässt. Seid euch klar darüber, dass selbst die geringste Scheinheiligkeit bedeutet, Allah einen anderen Gott beizugesellen. Der Umgang mit Leuten, die nur ihrer eigenen Lust und Leidenschaft folgen, ist der Ausgangspunkt dafür, den Glauben in Vergessenheit geraten zu lassen und Satan heraufzubeschwören. Haltet euch von Lügen fern, denn sie vertragen sich mit dem Glauben nicht. Wer ehrlich ist und die Wahrheit spricht, dem gebührt der Gipfel des Seelenheils und höchstes Ansehen, wohingegen bereits am Rande des Abgrunds steht, wer unehrlich ist und lügt. Seid nicht neidisch aufeinander, denn Neid verzehrt den Glauben wie Flammen trockenes Reisig verzehren! Hegt in euren Herzen keinen Hass gegeneinander, denn Hass ist zerstörerisch. Wisset, dass Begierde den Verstand in die falschen Bahnen lenkt und das Gedenken an Gott in Vergessenheit geraten lässt. Seht Begierden deshalb als Lügen an, die von sich aus trügerisch sind; wer ihrer frönt, ist der Betrogene.

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Die Eigenschaften der Gläubigen

O ihr Diener Gottes! Im Angesicht Gottes ist gewiss derjenige der beliebteste Diener, dem Gott im Kampf gegen sein Ego zur Seite steht, wer sich in ein Gewand von Kummer und Furcht (vor Gott) kleidet, in dessen Herzen – einer Gebetszelle gleich – der Schein der Rechtleitung leuchtet und der für die Wegzehrung sorgt für den Tag, vor dem es kein Entrinnen gibt, so dass seinem Ego näher rückt, was ihm fern war und Schweres leichter erträglich wird. Durch Tiefgang in der Betrachtung gewinnt er an Einsichten hinzu und durch sein Gedenken an Gott handelt er zunehmend tugendhaft. Er trinkt heilsames, süßes Wasser aus einer Quelle, deren Wasserlauf sich für jemanden wie ihn ergießt; schon der allererste Schluck stillt seinen Durst und lässt ihn auf einem lichten Weg ausschreiten. All dies geschieht, wenn er sich von allem lasterhaften Tand tatsächlich befreit und aller Kümmernisse entledigt hat, mit Ausnahme des einzigen Kummers – der Sorge um Ihn. Dem Zustand von Taubheit und Blindheit ist er entkommen, dem Umgang mit sündigen Frevlern hat er entsagt, er selbst ist ganz allein zum Schlüssel geworden, der die Tore zur Rechtleitung aufschließt und zum Riegel, der die Tore zu Vernichtung und Verderb versperrt. Mit dem richtigen Blick hat er seinen Weg erwählt, forsch schreitet er darauf aus, den Blick auf die leuchtenden Minarette gerichtet, wundersam strebend nach einer Lösung der Schwierigkeiten, gestützt auf die stärksten Argumente und das robusteste Seil128. So kommt es, dass er zum Nutznießer eines Glaubens so licht wie die Sonne wird, weil er - in engster Verbindung mit den erhabensten Dingen auf Erden - sein eigenes Ich tatsächlich aufrichtig und ergeben vor Gott dem Glorreichen dargeboten hat, damit er Ihn aus dieser Situation heraus so sieht und kennen lernt, wie Er wirklich ist und alle Nebensächlichkeiten auf die Hauptsache zurückführen kann. In dunkler Nacht gleicht er einer Laterne, einem Führer aus der Finsternis bei schweren Krisen; er ist der Geheimnisträger, der alle Unklarheiten beseitigt, er analysiert und löst auf und führt die Verirrten aus jeder Wüste heraus. Spricht er, hat er etwas mitzuteilen und zieht er Schweigen vor, so tut er dies wohlweislich. Er befreit sein eigenes Ich vor Gott von allen Künsteleien und Gott gewährt ihm Unterstützung in seinem Streben nach Ergebenheit. So wird er zu einem Stützpfeiler der Religion und einem

128 Der Islam wird im Koran mit einem starken Seil oder Tau verglichen („habl-ol-matin“).

irdisch fest verwurzelten Berg. Er hat sich der Gerechtigkeit verschrieben und der erste Schritt auf diesem Weg ist die Reinigung seines Innersten von jeglicher Begierde. In Worten legt er die Wahrheit mit Güte aus, wie er sich auch in der Praxis daran hält. Jedes gute Ziel steht in seiner Absicht und keinem positiven Schritt verwehrt er sich. Sein Führer ist der Koran, dem er seine Zügel anvertraut hat. Wo immer der Koran Station macht, da macht auch er Station und überall dort, wo der Koran sesshaft wird, da macht auch er sich sesshaft. Und dann gibt es noch denjenigen, den man zwar Gelehrten nennt, dem es allerdings an Gelehrsamkeit gänzlich fehlt und der diese Bezeichnung deshalb nicht verdient. Er hat sich lediglich von irgendwelchen Ignoranten manch irreführende, dumme Ausdrücke angenommen, mit denen er die ungebildete Masse verblendet, was allein seinem Dünkel und Machtstreben entspringt. Den Koran interpretiert er nach eigenem Gutdünken und die Wahrheit legt er mit Untugend aus. Die Menschen wiegt er im falschen Glauben, stiftet sie so zu schweren Sünden an und stellt schwere Vergehen dann als gering hin. Unter dem Anspruch, sich vor jeglichen Zweifeln zu hüten, ist er ganz in ihnen befangen. Er behauptet, sich von unlauteren Neuerungen fernzuhalten und steckt doch bis über beide Ohren in ihnen fest. Dementsprechend erscheint sein Antlitz zwar als menschlich, aber in seiner Brust schlägt das Herz eines Tieres. Ihm ist weder der Weg der Rechtleitung vertraut, den er einschlagen könnte, noch ist er sich bewusst, dass er eigentlich mit Blindheit geschlagen ist, die ihn gar keinen Ausweg finden lässt. In Wirklichkeit ist er nicht mehr als eine wandelnde Leiche! Wohin geht ihr also? Wie kann man euch bloß auf euren Weg zurückbringen, wo Er ihn doch schon so deutlich abgesteckt hat, alle Wegweiser gut erkennbar sind und Er euch alle Leuchttürme errichtet hat? Wie kommt es, dass ihr vom Wege abkommt? Und weshalb müsst ihr herumirren, wo doch die Familie des Propheten unter euch weilt? Stimmte es etwa nicht, dass sie die Zügel der Wahrheit, das Banner der Religion und die Zunge der Redlichkeit ist? Ihr müsst sie deshalb in den höchsten Stufen des Koran unterbringen und an ihren Quellen euren Durst nach religiösem Wissen und Bildung wie nach Wasser lechzende Kamele stillen. Oh ihr Leute, nehmt euch (nicht meines, sondern) des Wortes des letzten Propheten an, das besagt: „Wer von unserer Familie stirbt, der ist nicht wirklich gestorben und trotz der Vergänglichkeit unserer Leiber sind wir nicht vergänglich.“ Sprecht deshalb nicht über etwas, was sich außerhalb eures fassbaren Bewusstseins befindet, denn der größte Teil aller Wahrheiten rangiert außerhalb dessen! Bringt nur anerkannte Vorwände gegenüber demjenigen, vor dem ihr mit Argumenten nicht aufwarten könnt, nämlich vor mir. Habe ich unter euch denn nicht entsprechend dem Koran gehandelt und euch nicht die Nachfolge nach mir übertragen? Habe ich in eurem Lande denn nicht das Banner des Glaubens gehisst, euch nicht die Grenzen von Verbotenem und Erlaubtem verdeutlicht und mit meiner Gerechtigkeit eurer Gesellschaft nicht zur Wohlfahrt verholfen? Habe ich mit Wort und Tat kein Fundament an anerkannten Werten für euch geschaffen und habe ich euch die Moralwerte denn nicht veranschaulicht? So verzichtet also auf eigenes Gutdünken, wo der Blick zu tieferen Gründen keinen Zugang finden und wohin das Denken nicht vordringen kann.

Ein weiterer Teil dieser Rede

Die Herrschaft der Omajjaden zieht sich schon so lange hin, dass jeder denkt, die Welt wäre für den Stamm der Omajjaden ein ewig währendes Reich, demütig wie ein Lasttier; man könnte fast glauben, die Welt würde sie mit ihren irdischen Reichtümern nur so überhäufen und sie sich an ihren sprudelnden Quellen laben lassen und unsere Gemeinde würde niemals Ruhe finden vor ihren Peitschen und Schwertern! Doch ist dem Irrglauben verfallen, wer so etwas annimmt, denn dies ist lediglich ein einziger Schluck aus dem riesigen Süßwassermeer des Lebens, von dem sie im Intermezzo der Zeit nur eine Kostprobe nehmen; später werden sie alle zusammen vom Rachen der Geschichte verschluckt.

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Über die Aufspaltung der Gemeinschaft

Doch hat Gott die Tyrannen ihrer Zeit gewiss nie hinweggefegt, ohne sie eine zeitlang in Wohlstand gewiegt und ihnen eine Frist gewährt zu haben, genau wie er die zerschundenen Leiber der Gläubigengemeinde erst salbt, nachdem sie Härten und Druck ausgesetzt gewesen sind. O ja, den Vorfällen, die im Vergleich zu künftigen Schwierigkeiten oder Katastrophen, die ihr in der Vergangenheit erlebt habt, noch ganz unbedeutend sind, kann man eine Menge entnehmen und sich zum Vorbild gereichen lassen. Doch leider ist nicht jeder, der ein Herz hat, auch wissend, nicht jeder, der Ohren hat, kann hören, und nicht jeder, dem Augen gegeben sind, ist sehend. Es ist schon höchst verwunderlich, wie diese Leute fehlgehen, denn trotz aller Gegensätze und Widersprüche in der religiösen Argumentation folgen sie weder den Spuren des Propheten nach noch nehmen sie sich ein Beispiel an der Handlungsweise seines Stellvertreters; sie glauben weder an verborgene Geheimnisse noch enthalten sie sich der Sünden. Sie handeln in einer Atmosphäre der Unwissenheit und trotten einen Pfad der ungezügelten Lasterhaftigkeit. Werte sind für sie das, was sie selbst als Werte anerkennen, Gegenwerte sind für sie diejenigen Werte, die sie selber ablehnen. Werden sie mit komplizierten Fragestellungen konfrontiert, kennen sie nur einen einzigen Rückhalt – ihr eigenes Ego, und bei ihnen unerklärlichen Fragen verlassen sie sich allein auf ihre eigenen Anschauungen, gerade so, als ob jeder sein eigener Führer wäre und er sich nur auf die eigene Meinung verlassen könne und an keinen stärkeren Rückhalt als an sich selbst glauben würde.

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Über den heiligen Propheten

Gott hat dem Propheten die Sendung zu einem Zeitpunkt erteilt, da die Abfolge der prophetischen Sendungen fast vollständig zum Erliegen gekommen war und die einzelnen Gemeinden der Gläubigen in tiefem Schlaf versunken waren; Feindschaften brachen erneut aus, der Rhythmus der Ereignisse war unterbrochen, allerorts züngelte das Feuer des Krieges. Die Welt war untergegangen im Schlund der Finsternis und Täuschung und Betrug führten öffentlich das Zepter. Mit dem Einbruch des Herbstes waren die Blätter des Lebensbaumes verblichen, zu neuerlicher Fruchtbarkeit bestand keinerlei Hoffnung; die Quellen waren versiegt, die leuchtenden Minarette der Rechtleitung zerstört und allerorts prangten die schwarzen Flaggen des Niedergangs. Die Welt sah ihre Bewohner mit Abscheu an; wer sich zu ihr bekennen wollte, wurde abgewiesen. Ihre Früchte waren Verwirrung und Feindseligkeit, ihre Speise Aas, unter der Oberfläche saß Angst und über der Oberfläche sprachen die Schwerter. So nehmt, ihr Diener Gottes, euch ein Beispiel und lasst die Umstände, in deren Banne sich eure Väter und Brüder noch befinden und denen sie noch eine Antwort schulden, nicht in Vergessenheit geraten, denn ich schwöre bei meinem Leben, zwischen ihnen und euch ist wahrlich noch keine Zeit verstrichen, die Jahrhunderte und Jahrtausende haben noch keinen Abstand zwischen beiden Generationen geschaffen, denn ihr seid dem Tage noch nicht weit entrückt, da ihr euch noch in ihren Lenden befandet. Ich schwöre bei Gott: das, was der Prophet ihnen nahegelegt hat, genau das lege ich euch jetzt nahe; weder unterscheiden sich eure Ohren von den ihrigen damals, noch hätten sie Augen und Herzen gehabt, ohne die ihr heute auskommen müsstet. Ich schwöre auch, wenn ihr glaubt, heute zu neuen Einsichten gelangt zu sein, die euch Vorteile verschafften und über die die derzeitige Generation der Propheten nicht verfügen würde, so befindet ihr euch auch mit diesem Glauben im Irrtum. Nunmehr bedrohen euch zweifellos furchtbare Wirren, für die Zügellosigkeit und Zerrüttung untrügliche Zeichen sind. Sie sind bereits im Anmarsch. Mögen euch nie die Umstände verblenden, die schon die Snobs der Geschichte in die Irre geführt haben, denn sie sind kaum mehr als ein vorübergehender Schatten und von kurzer Dauer nur.

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Über die Eigenschaften Gottes

Dank sei Gott, welcher erkennbar ist ohne sichtbar zu sein, und der in der Schöpfung begriffen ist ohne nachzudenken, der stets da ist und ewig währt, von dem Zeitpunkt an, als es weder eine Spur von der Feste des Himmels gab noch Zeichen von herabgelassenen Schleiern; weder von dunkler Nacht noch vom stillen Meer, nicht von Gebirgen, nicht von Tälern, nicht von verschlungenen Pfaden, als die Erde sich weder erstreckte noch Geschöpfe darauf wandelten. Ein solcher Gott, der die Geschöpfe sowohl erschafft als auch beerbt, der angebetet wird und für das tägliche Brot sorgt, Sonne und Mond zu dessen Genugtuung ihre Bahnen ziehen, lässt alles Neue al-tern und alles Ferne nah sein. Er verteilt den Lebensunterhalt an seine Diener und weiß um alle Dinge genauestens Bescheid, was davon bleibt, kennt die Anzahl der Atemzüge und der verstohlenen Blicke, weiß um die im Innern der Brust verborgenen Motive und durchschaut sämtliche Abläufe – von der vorübergehenden Station in den Bäuchen der Mütter und den Lenden der Väter - bis hin zum endgültigen Schlusspunkt aller Bewegung. Er ist der Gott, dessen zornigste Rache sich in Form von umfangreichen Gunstbeweisen Seinen Fein-den gegenüber niederschlägt und dessen unendlicher Großmut sich Seiner Freunde in der Gestalt von Mühsal und Pein bemächtigt. Wer zum Kampf gegen Seine absolute Größe aufbegehrt, den lässt Er in den Flammen Seines Zorns aufgehen; jede Kraft, die Ihm feindlich gesinnt ist, schlägt Er vernichtend. Wer auf Distanz zu Ihm geht, den erniedrigt Er; alle, die Ihm feindlich gegenübertreten, überwältigt Er und denen, die ihre Zuflucht bei Ihm suchen, ist Er genug. Wer etwas von Ihm erbittet, den lässt Er in den Genuss Seiner grenzenlosen Gaben kommen, wer Ihm Kredit zollt, dem gewährt auch Er Kredit und wer sich Ihm dankbar erweist, dem dankt Er es mit Seinem Lohn. O ihr Diener Gottes, messt euch selber, bevor euch selbst die Meßlatte angelegt wird und rechnet ab, bevor euch die Abrechnung präsentiert wird. Lobt Gott, bevor euch die Kehle zugeschnürt wird und ihr um Atem ringen müsst, brecht auf, bevor ihr zwangsläufig getrieben werdet. Bedenkt immer die Tatsache, dass es niemanden gibt, der einem von außerhalb des eigenen Egos mit Rat und Tat zur Seite stehen und Zurückhaltung geben kann, wenn wir dieses nicht innerhalb des eigenen Ichs finden.

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Eine unter dem Namen „Phantomrede“ bekannt gewordene Rede, die zu den großartigsten des Imams (S) gehört und die dessen Gefühle widerspiegelt, die sich seiner angesichts einer Bitte bemächtigten, er möge doch Gott so beschreiben, wie er ihn sehe. In der Überlieferung von Mos’ad Sohn von Sadaqa heißt es beim Imam Sadeq, der Fürst der Gläubigen habe die-se Rede auf der Kanzel von Kufa gehalten, weil ein Mann aus Kufa auf ihn zugekommen sei und ihn gefragt habe: „O du Fürst der Gläubigen, beschreibe uns unseren Schöpfer, damit sich unsere Liebe zu Ihm und unser Wissen um Ihn mehre!“ Aufgeregt berief Ali (S) eine große Versammlung in die Moschee zu Kufa ein und sehr viele folgten diesem Aufruf. Dann betrat er die Kanzel und hielt - während sein Gesicht von Emotionen gezeichnet war - nach dem Lobpreis von Gott dem Glorreichen und dem Segen für dessen Propheten (S) die folgende Rede:

Gedankt sei Gott, dessen Vermögen nicht davon bestimmt wird, ob Er gibt oder nicht; teilt Er großzügig aus, so schmälert dies Seinen Reichtum in keiner Weise. Bei anders wem – außer bei Ihm – verringert sich sein Hab und Gut, sofern er davon abgibt, und behält er es für sich, verdient anders wer dafür eine Rüge. Nur Er allein ist es, der durch Seine hilfreichen Schenkungen, sich mehrende Gewinne und durch die Aufteilung des täglichen Brotes alle zu großem Dank verpflichtet. Er nährt alle Geschöpfe, sichert ihren Lebensunterhalt und bestimmt dessen Maß. Er ebnet den Weg für diejenigen, die sich zu ihm hingezogen fühlen und nach höheren Werten in Ihm suchen. Er erfüllt die wahren Bedürfnisse der Bedürftigen, ohne sich beim Geben von irgendwelchen Wünschen beeinflussen zu lassen. Er ist derjenige unendliche Erste, dem nichts vorausging und vor dem es nichts gegeben hat, und auch der unendliche Letzte, dem nichts nachfolgen wird und nach dem nichts mehr kommen wird. Er hindert die Augäpfel (der Menschen) daran, Ihn zu finden und zu begreifen. Für Ihn vergeht die Zeit nicht und führt auch keine Veränderungen herbei, die Ihm verschiedenartige Form und Gestalt verliehen. Für Ihn existiert auch kein Raum, womit die Idee von einer Ortsveränderung auf Ihn zuträfe. Jawohl, wenn Er auch alle irdischen Schätze schenkt, die bisweilen vom Puls der Berge zutage befördert werden, Perlen, die sich mit einem Lächeln der Muscheln offenbaren, Gold und Silber, Riffe von Korallen und sämtliche Reichtümer der Erde und der Meerestiefen, so übt dies doch nicht den geringsten Einfluss auf Seine Großzügigkeit und Seinen Großmut aus und tut auch der endlos weiten Tafel, die Er deckt, keinen Abbruch, denn Seine Reichtümer sind unermesslich und gehen nie zu Ende. Die Sphäre Seiner Wohltaten und Reichtümer erstreckt sich so weit ins Unendliche, dass kein Quäntchen davon fehlte, würde Er auch die Wünsche aller wunschbegierigen Herzen dieser Welt erfüllen. Er ist der einzige Geber, der auch durch anspruchsvolle Forderungen nicht von seinem mildtätigen Wesen abgebracht wird und den auch ständige Beharrlichkeit nicht zum Geiz zwingt. Übe dich im Tiefgang der Betrachtung, du Fragesteller! Suche bei der Erkenntnis Gottes und von Gott jene Eigenschaften, die dir die Offenbarung aufgezeigt hat und strebe in die Richtung, die vom Lichte der Rechtleitung des Korans erhellt wird. Kümmere dich nicht um die Erkenntnis von Dingen, über die weder im Koran etwas steht noch in der Sunna des Propheten – gesegnet seien er und seine Familie

– und von denen es auch im Leben und Wirken der führenden Imame keine Anzeichen gibt, sondern überlasse sie dem glorreichen Gott, denn diese markieren dir den Eichstrich der göttlichen Wahrheit. Wisse auch, dass die in der Religionswissenschaft Bewanderten die einzigen sind, die sich mit dem Eingeständnis begnügen, dass den Dingen etwas Verborgenes innewohnt, die darauf verzichten, unbedacht gegen die verschlossenen Pforten der verborgenen Welt anzurennen und die ihre Machtlosigkeit zugeben. So rühmt Gott das Eingeständnis dieser Ohnmacht und bezeichnet es als tiefgehende Betrachtungsweise, wenn man aufhört, der Sphäre außerhalb des eigenen Verantwortungsbereiches nachzuspüren. So solltest auch du dich mit dem zufrieden geben, was im Rahmen deines Verständnisses liegt. Versuche nicht, Gott mit den Maßstäben zu messen, die dir dein eigener Verstand an die Hand gibt, sonst wirst du scheitern. Er ist der einzigartige Mächtige, der dem Denken einen so schweren Rückschlag versetzt, dass es in den furchterregenden Wellen der Tiefe versinkt, hilflos zappelt und den Glorreichen um Erlösung bittet, wenn es Seine Macht in ihren äußersten Grenzen auszuloten sucht, wenn die von jeglicher Versuchung befreiten Gedanken anfangen, Ihn in den unermesslichen Gründen Seines Himmelsreiches ausfindig zu machen, wenn entrückte Herzen darauf aus sind, Seine Eigenschaften auszukundschaften und wenn Gedanken mit äußerster Kraft daran arbeiten, zur außerhalb jedweder Definierbarkeit liegenden Wissenschaft von Seinem Wesen vorzudringen. Wenn sie dann davon abrücken sind sie Gestrauchelte, die sich die Wahrheit eingestehen müssen, dass sie abgewichen waren, sich auf Abwege begeben hatten und dass es für sie nicht nur keinen Weg zu den Tiefen Seiner Erkenntnis gibt, sondern dass Er auch von all Seiner Größe, Erhabenheit und Allmacht nicht ein Jota auf ihren Geist hat übertragen. Er war es, der die Schöpfung ohne jegliches Vorbild erschuf und ohne einen anderen Schöpfer vor sich nachzuahmen; Seine Himmelsmacht und die erstaunlichen Wunder, von denen die Werke Seiner Weisheit zeugen, und das Eingeständnis aller Geschöpfe, dass sie Seiner Allmacht bedürfen, hat Er uns so klar vor Augen geführt, dass Seine Erkenntnis einer Sonne gleicht, die keine weiteren Argumente nötig hat, und Er selbst zeigt Sein Antlitz in immer neuen Erscheinungen (die sich in allen Seinen Werken offenbaren) und in den stets stolz gehissten Bannern Seiner Weisheit. So ist all das von Ihm Erschaffene – selbst dort, wo die Geschöpfe stumm sind – das beste Argument für Ihn und Seine Existenz, legen beredtes Zeugnis ab von Seiner Umsicht und begründen Seinen ununterbrochenen Schöpfergeist. Ich lege weiterhin Zeugnis ab von der Wahrheit, dass die Tiefe der Seele dessen, der Dich mit Deinen Geschöpfen (in ihren verschiedenartigen Körpern mit den empfindlichen Gelenken, die Er weise und umsichtig mit ihrem Fleische bedeckt hat) gleichsetzt, in keinem Verhältnis zu Deiner Erkenntnis steht, und dass dessen Herz die Wahrheit, dass niemand Dir je gleichkommt, nicht sicher erfasst hat. Es scheint, als wüsste er nicht, wie sich die Jünger anderer Propheten von ihren Wegbereitern abwandten, als sie sprachen: „Bei Allah, siehe, wir waren wahrlich in offenkundigem Irrtum, als wir euch mit dem Herrn der Welten gleichsetzten“.129 Ja, wer bei Deiner Erkenntnis von Verfehlungen heimgesucht wird, der verfängt sich in einem Netz von Lügen, indem er Dich mit seinen selbsterschaffenen Götzen gleichsetzt, indem er die Eigenschaften der Geschöpfe gedanklich auf Dich überträgt, Dich mit seinem Geist und Glauben wie einen physikalischen Körper in einzelne Teile zerlegt und - gestützt auf seinen eigenen unvollkommenen Geist und lückenhaften Verstand - Dein heiliges Wesen mit den gleichen Maßstäben misst wie jedes andere von ihm eigenhändig erschaffene Objekt auch. Doch ich bezeuge aus meinem tiefsten Innern die Wahrheit, dass sich auf Abwege begibt, wer immer Dich mit Deinen Geschöpfen auf eine Stufe stellt, und wer abweicht, der straft unweigerlich die in Deinen heiligen Versen herabgesandten Wahrheiten ebenso Lügen wie all das, was Deine eindeutigen Argumente und Zeugen belegen; Du bist zweifellos jener Gott, der weder durch die Betätigung von Intelligenz zu erobern ist und damit in Gedanken keine Form annehmen kann, noch in die Windungen der Hirne oder die Tiefen der Gedankenwelt hineinpasst und damit nicht mit dem Verstand zu fassen ist.

129 Heiliger Koran, 26. Sure, Vers 97 und 98.

Ein weiterer Teil dieser Rede

Er hat alle Seine Geschöpfe auf unerschütterliche Weise an das feste Gefüge des Schicksals aufgereiht, hat ihnen in Seiner vollkommenen Güte eine Ordnung verliehen und die Richtung zu gebührender Vollkommenheit gewiesen. Ihnen wird nichts schwer fallen, solange sie gewisse Grenzen nicht überschreiten, sich bis zum Ende kein Vergehen zuschulden kommen lassen und sich von Seinem Willen und Seinem Befehl leiten lassen. Was könnte man darüber hinaus erwarten, da doch alle Abläufe des Lebens nur von Seinem Willen ausgehen und Er die verschiedenartigsten Dinge hat entstehen lassen, ohne auf gedanklichintellektuelle Anstrengungen zurückgreifen zu müssen, auf instinktmäßige Anwandlungen im Innern angewiesen zu sein, aus Erfahrungen alltäglicher Routine schöpfen zu müssen oder sich bei der Schöpfung neuer, wundersamer Dinge auf einen Mitstreiter verlassen zu müssen. So nahm die Schöpfung ganz allein mit Seinem Gebot ihren Anfang und Verlauf, unterwarf sich Seinem Gehorsam und folgte Seiner Aufforderung, ohne dass Sein Schöpfungsakt in irgendeiner Weise verlangsamt, behindert, verzögert oder mit sonstigen Ausflüchten konfrontiert wurde. Auf diese Art begradigte Er ungerade Gegenstände und steckte ihre Grenzen ab; bei gegensätzlichen Erscheinungen führte Er einen Zusammenhalt herbei und veranlasste, dass sie sich annäherten. Unterschiedliche Stoffe grenzte er in ihrer Verschiedenheit nach Ausmaß, Menge, Beschaffenheit und Form voneinander ab und schuf so stets neue Geschöpfe, deren Struktur Er fest fügte und denen Er nach Seinem Willen Gestalt verlieh.

Ein Teil der Rede in Beschreibung des Himmels

Ohne jegliche Hilfsmittel ordnete Er die freien, auf- und absteigenden Luftmassen der einzelnen Himmel an, türmte ihre luftleeren Räume übereinander, paarte jeden mit seinesgleichen und erleichterte so den Übermittlern Seiner Gebote und Überbringern der Taten Seiner Geschöpfe (d.h. den Engeln, d.Üb.) ihre Himmelfahrt. Er rief die Himmel, die noch wie Rauch beschaffen waren, zusammen, damit sich ihre Bruchstücke aneinander fügten; dann öffnete Er ihre verschlossenen Pforten und setzte je einen Kometen als Wächter davor. Mit Seiner Macht bewahrte Er sie davor, dass sie der Anziehungskraft der atmosphärischen Wellen erliegen und gebot ihnen, Ihm zu Diensten zu stehen. Den Tag kennzeichnete Er mit den Strahlen der Sonne, die Nacht mit dem fahlen Lichte des Mondes und beide brachte Er auf eine bestimmte Bahn, deren Umlauf Er so vorhergesehen hatte, dass sich Tag und Nacht voneinander abgrenzten und es so möglich wurde, die Jahre zu zählen und die Geschichte zu berechnen. Dann hängte Er das Firmament an den Weiten des Himmels auf und verschönerte es mit weithin sichtbaren oder unsichtbaren Sternen, die Perlen glichen, und mit strahlendhellen Sternen, die stetig leuchteten. Mit den Lichtblitzen der Sternschnuppen nahm Er den stets auf der Lauer liegenden Unseligen130 ins Visier und machte sich den gesamten Komplex dieser dynamischen Ordnung - von den Fixsternen über den Lauf der Gestirne bis hin zu den Höhen und Tiefen in den guten und schlechten Vorzeichen der Sterne - gefügig.

Ein weiterer Teil dieser Rede in Beschreibung der Engel

Dann erschuf Gott der Glorreiche in den Engeln neue Geschöpfe, auf dass sie die Himmel bewohnten und die obersten Schichten Seines Reiches bevölkerten: mit ihnen füllte Er die unteren Bereiche des Himmels wie auch die Lücken der Atmosphäre, aus denen die lieblichen Weisen der lobpreisenden Engel von den Heiligen Orten und durch die Schleier Seiner göttlichen Größe hindurch ertönten. Zu diesen lieblich klingenden, schwindelerregenden Melodien erstrahlt zusätzlich noch ein grelles und sehr mächtiges Licht, das die Augäpfel so stark blendet, dass sie sich hinter die Lider zurückziehen und unweigerlich in ihre Schranken verwiesen werden, was sie davon abhält, weiter vorzugehen. Gott hat die Engel in unterschiedlicher Gestalt und Größe erschaffen: geflügelte Wesen, die ununterbrochen Seine Erhabenheit und Größe lobpreisen, ohne sich dabei selbst des Gotteswerkes zu rühmen, das sich in der gesamten Schöpfung äußert, oder für sich in Anspruch nehmen zu wollen, an der göttlichen Schöpfung - die einzig und allein Gottes Werk ist - beteiligt gewesen zu sein:„... denn die Engel sind nur geehrte Diener, die vor Ihm kein Wort sprechen und ständig nach Seinem Geheiß tun.“131

130 d.h. Satan.
131 Heiliger Koran, 21. Sure, Vers 26 und 27.

Als Treuhänder Seiner Offenbarung hat Gott sie in dieser ganz besonderen Stellung eingesetzt und über sie die Gebote und Verbote der göttlichen Gesetze an die von Ihm entsandten Propheten übermitteln lassen. Er reinigte sie von zweiflerischem Wankelmut, damit sie nie vom Pfad des Gottgefallens abwichen und ständig in den Genuss der Hilfe und des Beistandes von Gott kämen. Mit der Beherrschtheit und Ruhe, die Er ihnen verlieh, pflanzte Er andererseits erhabene Demut in ihre Herzen. Er eröffnete ihnen die Tore zu den glorreichen Rängen göttlicher Nähe, hisste die Banner Seines Einsseins und verkündete ihnen die Suren des Korans, ohne dass sie von Schuldgefühlen geplagt würden oder sie der Wechsel von Tag und Nacht zu einem Ortswechsel veranlassen würde. Es kommt nie vor, dass ihr Glauben von Zweifeln geplagt wird oder das feste Gefüge ihrer Überzeugungen von einem Sammelsurium zwiespältiger Gedanken untergraben wird; nie können ihre Beziehungen untereinander von Hassgefühlen angesteckt werden und ihre von göttlichem Wissen erfüllten Herzen, die ihre Brust mit göttlicher Erhabenheit ausfüllen, werden niemals durch Verzweiflung und Verwirrung in Leere verfallen oder Gelüsten der Versuchung erliegen und so ihr Denken überschatten. Eine Gruppe von Engeln sind in den Wogen schwerer Regenwolken verstreut, andere halten sich in Berghöhen oder auf Berggipfeln auf. Einige befinden sich in der verworrenen Finsternis abgrundtiefer Labyrinthe, andere wiederum sind so riesig, dass (sie das gesamte Sein durch ihre Anwesenheit ausfüllen) ihr Schrittmaß über die Erdoberfläche hinausgeht und bis in die tiefsten Tiefen der Erde reicht, in die sie ihre Füße gesteckt haben.Diese Engel gleichen weißen Bannern, die sämtliche Öffnungen der Atmosphäre durchdringen; unter ihren Füßen befinden sich wirbelnde Luftmassen, die an ihren äußeren Grenzen halt machen. Ihre Zeit verbringen sie mit der unentwegten Anbetung Gottes und die Wahrheiten des Glaubens sind zu Bindegliedern zwischen ihnen und Gott geworden. Der feste Glauben an Ihn hat sie von allem anderen getrennt, hat sie Ihm mit Haut und Haar verfallen lassen. Nie würde man annehmen, dass sie ihren Blick auf etwas anderes als auf Ihn richten würden oder auf andere und deren Habe, denn sie haben die vollkommene Süße Seiner Erkenntnis geschmeckt und ihren Durst an der Quelle Seiner Liebe aus vollen Zügen gestillt. Trotzdem hat sich im tiefsten Innern ihrer Herzen die Ehrfurcht vor Gott ausgebreitet. Das lange Beten hat ihre aufrechte Gestalt gebeugt und trotz ihres schon sehr lange bestehenden Interesses an Gott ist der Quell des Wehklagens in ihren Herzen nicht versiegt. Ungeachtet ihrer überaus großen Nähe zur göttlichen Institution hat der Gehorsam in den Fasern ihrer Gliedmaßen nicht nachgelassen. Weder kann Selbstgefälligkeit so die Oberhand über ihr Wesen gewinnen, dass sie ihr früheres Verhalten für etwas Außergewöhnliches ansehen, noch halten sie es im Angesicht des göttlichen Ruhmes für angebracht, ihre Tugenden besonders hervorzuheben. Trotz all ihrer Bewegung und ihrem Streben macht sich keine Schwäche in ihren Leibern breit. Der Quell ihrer göttlichen Zuneigung kann niemals versiegen, was sie etwa vom Weg der Hoffnung zu ihrem Schöpfer abkommen lassen würde. Trotz ihrer ausgiebigen Gebete bekommen sie nie einen trockenen Mund und sie stecken auch nicht in der Mühle alltäglicher Querelen, so dass ihre murmelnden Beschwörungen nicht einen einzigen Moment verstummen. An Ihren Schultern ist nicht eine Bewegung wahrzunehmen, sie wirken wie erstarrt in den jeweiligen Stellungen ihrer Gebete. Nie lassen sie das Geringste nach, wenn es um die Ausführung Seiner Gebote geht und nie verfallen sie einem Drang nach Bequemlichkeit. Es ist undenkbar, dass Trägheit und Nachlässigkeit ihren eisernen Willen überlagern oder dass sich Lasterhaftigkeit wie ein Pfeil in ihre unverrückbare Entschlossenheit bohrt, denn sie haben den Inhaber des göttlichen Thrones zweifellos zu ihrer Rücklage gemacht für Zeiten der Not. Selbst dann, wenn andere Gottesgeschöpfe sich zu ihresgleichen hinwenden, streben sie nur zu Ihm. Trotzdem erreichen sie nie das Ende dieses Weges oder stoßen an die äußersten Grenzen der Knechtschaft zu Ihm. Als Erwiderung auf ihre Passion und ihr Begehren (nach Gott) sprudeln im Innersten ihrer Herzen Quellen aus dem unendlichen Quell der Hoffnung und der Gottesfurcht. Die Motivation der Gottesfurcht wurzelt so tief in ihren Herzen, dass sie sich nie daraus verbannen lässt, und sie verschleißt auch nicht, wenn sie stark beansprucht wird. Sie erliegen in keinem Fall der Versuchung, eine unbedeutende Sache ihren harten Anstrengungen vorzuziehen; sie halten ihre vergangenen Taten unter keinen Umständen für etwas Großes, sonst würde ihren Herzen die furchteinflößende Angst vor Gott als die kraftvolle Wurzel ihres Strebens und ihrer Bemühungen entrissen. In Bezug auf ihren Schöpfer fallen sie nie auf Satan herein und Differenzen untereinander gibt es keine. Sie lassen nicht zu, von unreinen, Neid gegenüber anderen entspringenden Verhältnissen überwältigt zu werden; ihre Reihen werden nicht von diversen Zwiespältigkeiten aufgerieben; keine Geheimniskrämerei hinter irgendwelchen Kulissen lässt sie in Grüppchen zerfallen. So sind Engel Gefangene ihres Glaubens; keine Irreführung, keine Ablenkung, keine Schwäche und keine Stagnation kann sie aus dieser reinen, heiligen Knechtschaft befreien. In sämtlichen Schichten des Himmels gibt es kein einziges Fleckchen, auf dem sich kein Engel oder ein anderer Beflissener beim Gebet oder bei anderen Aktivitäten fände. Die unentwegte Verehrung mehrt stetig ihr Wissen um den Schöpfer und in ihren Herzen gewinnen Ruhm und Größe des Schöpfers kontinuierlich an Raum.

Ein weiterer Teil in Beschreibung der Ausbreitung der Erde über das Wasser

Er senkte die Erde in tosende, rauschende Wellen inmitten der Wasserberge der Meere herab, wobei furchterregende Wellen wütend gegeneinander schlugen, sich brachen und eine nach der anderen in einem gewaltigen Zusammenprall zurückgeschlagen wurde, brüllend und schäumend wie brünstige Kamelhengste. Die Widerspenstigkeit des Wassers brach unter dem Druck der Erde; der Tumult legte sich sowie die Erde ihren Leib darauf ausbreitete und als sie mit ihren schweren Schultern eine ruckartige Drehung vollzog, wurde es besiegt, gezähmt und still. Nach all dem Toben und Brüllen ergab sich so das Meer notgedrungen den Fesseln, es fügte und beruhigte sich. Die Erde nahm inmitten der schäumenden Wellen Platz und breitete sich darauf aus. Sie zerschlug den Dünkel, die Einbildung, die Selbstüberschätzung und die Prahlerei des Meeres und zügelte dessen rasendschnellen Lauf. Die Niederlage anerkennend kroch das Meer zurück und nach ein paar weiteren Versuchen des Aufbäumens umschloss es die Erde schließlich von allen Seiten. Und da sich die Aufregung des Wassers unter den schweren Schultern der Erde legte und diese stolze, hochaufragende Gebirge auf ihre Oberfläche gesellte, ließ sie von den Berggipfeln herab von allen Seiten Quellen sprudeln und Wüsten und Steppen bewässern. Auf der anderen Seite wurden die Bewegungen der Erde von tiefwurzelnden Felsgesteinen, gewaltigen Gebirgen und hohen Gipfeln einer Ordnung unterworfen. Die Erde kam zur Ruhe als die Berge auf ihr Fuß fassten, die in tiefen Tälern ankerten, und sie sich über Wüsten und Ebenen legten. Dies alles geschah, als Er den Raum zwischen Erde und der sie umgebenden Atmosphäre öffnete und zum At-men geeignete Luft für ihre Bewohner bereitstellte. Dann brachte Er aus dem Innersten der Erde die Erdbewohner mit allen ihren Bedürfnissen hervor. Indes überließ Gott der Erhabene auch die ausgedörrten, vegetationslosen Gebiete - auf deren Höhen und Tiefen kein Quellwasser gelangte und über die weder Flüsse noch Bäche ihren Weg fanden – auch nicht sich selbst, sondern schuf Wolken zu ihrer Bewässerung, damit sie die unproduktiven Landstriche mit Leben erfüllten und Grün hervorbrächten. So führte Gott luftige Wolkenfetzen, die am Anfang noch vereinzelte Dampfwölkchen waren, zusammen und verband sie miteinander, damit sie in Form von gewaltigen, regenschwangeren Wolkenmassen in Bewegung gerieten und von einem Blitz in unmittelbarer Nähe erleuchtet würden, ohne inmitten der weißen, aufgetürmten Massen sichtbar zu werden. Auf diese Weise sendet Gott eine nie abreißende Karawane von Wolken aus, auf dass sie die Natur umschließen wie eine gütige Mutter ihr Kind in die Arme schließt, und die kalten Südwinde ihrer Rolle gerecht werden und die Regentropfen wie Milch aus den Wolken melken, gleichsam als ob sie den Busen der Natur anzapften und mit ihren Wolkenschauern die durstende Erde stillten. Und so kommt es, dass nun, da die Wolken die Erde unter ihre regenschweren Fittiche nimmt und die in ihrem Schoße entstandene Regenlast auf sie herabschickt, der göttliche Wille bewirkt, dass Vegetation aus der vertrockneten Erde und das verschiedenste Grün aus den kahlen Bergen sprießen. Dann ist es die Erde, welche sich ihres Schmuckgewandes aus Blumen und Grün freut und - sich eines sanften, prachtvollen Blütenkleides brüstend - mit dem mannigfaltigen Schmuck, den sie sich mit bezaubernd schönen Blumen und Pflanzen angelegt hat, prahlt. Andersherum hat Gott die unterschiedlichen Pflanzensorten als Futter für die Tiere und als Lebensunterhalt für den Menschen vorgesehen; die Gebirge und Ebenen hat Er zur Fortbewegung des Menschen überall von „Furchen“ durchzogen und leuchtende Minarette für die Nutzer dieser Wege aufgebaut. Da Gott nun die Erde fertiggestellt hatte und Seine Gebote zu verwirklichen begann, machte Er Adam

– der Segen Gottes sei mit ihm – zu seinem Auserwählten und wählte ihn zum Stammvater Seiner Schöpfung auf Erden. Er brachte ihn im Paradies unter, wo es Annehmlichkeiten zur Genüge gab, und sorgte für seinen ausreichenden Unterhalt. In Bezug auf die Frucht, die ihm verboten worden war, warnte Er ihn: sie zu missachten bedeute Sünde, gefährde seinen Aufenthalt im Paradies und schade ihm nur. Doch Adam tat, was ihm verboten worden war, genau wie Gott dies in seinem ewigen Ratschluss vorhergesehen hatte. Nachdem Adam Abbitte geleistet hatte, sandte Gott ihn auf die Erde herunter, damit er sie mit seinem Geschlecht bevölkere und ein Mittel zur Wahrung des göttlichen Versprechens gegenüber Seinen Dienern sei. Auch nachdem Er ihn zu sich geholt hatte, ließ er das Volk Adams nicht allein. Er wollte es in den Genuss der Argumente Seiner Schöpfung in Verbindung mit Seinem göttlichen Wissen bringen und kümmerte sich im Verlaufe der Jahrhunderte mit Sprache und Sein um die auserwählten Propheten und diejenigen, die die Bürde Seiner Mission auf sich nahmen. Seine Weisheit endete schließlich bei unserem Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – wodurch Seine Verheißungen und warnende Voraussagen zur Blüte gelangten. Er ist es auch, der das Auskommen der Schöpfung vorherbestimmte und es unter Wahrung der Gerechtigkeit mal mit mehr, mal mit weniger bemaß. Er brachte Wohlstand und Not hervor, um die Menschen mal durch Schwierigkeiten, mal durch Annehmlichkeiten - ganz wie es Ihm beliebte - einer Prüfung zu unterziehen, und so die Dankbarkeit und Gelassenheit von arm und reich auszuloten. Daraufhin paarte Er die Annehmlichkeiten dieser Welt mit den Härten der Armut, Gesundheit mit verheerenden Krankheiten und tödlichen Epidemien, Freude und Frohsinn mit betrüblichen Kümmernissen; andererseits erschuf Er unterschiedlich lange Lebenszeiten und für jeden eine bestimmte Stunde des Todes, die Er auf kurz oder lang, früher oder später, ansetzte. Die Fäden des Lebens legte Er dem Tod in die Hände und beauftragte ihn, jeden einzelnen Faden zu seiner Zeit zu ziehen und die Knoten zu einem bestimmten Zeitpunkt zu lösen. Er kennt die inneren Geheimnisse von denen, die sie in sich bergen, weiß um die Bedeutung der geflüsterten Worte derer, die sie vor sich hinmurmeln, kennt die Pfeile der Illusionen derjenigen, die vor sich hinträumen und weiß ebenso um die Festigkeit des Glaubens, die das Herz mit Gewissheit erfüllt; Er weiß, was davon durch heimliches Augenzwinkern abhanden kommt, kennt die Geheimnisse, die sich in die verborgenen Winkel der Herzen flüchten, all das Ungesehene, das sich in den Tiefen des Verborgenen verbirgt und all die Stimmen und Worte, die die Ohren heimlich verstecken; Er kennt die Hügel der Ameisen im Sommer und weiß, wo sich die Reptilien im Winter aufhalten; Er kennt den Klang des Wehklagens der Mütter und den der Fußtritte vorübergehender Passanten. Er weiß, wann die Blumen blühen und Obst Früchte trägt, in welchen Höhlen und in welchen Steppen wilde Tiere ihre Nachtruhe halten, zwischen welchen Baumrinden und Ästen sich Insekten verkriechen, wo genau Blätter und Zweige sich voneinander trennen, kennt den Punkt, an dem der männliche Samen den Lenden der Väter entspringt, und das als Regen in die Luft aufgestiegene Wasser, weiß, wie sich die Wolken vereinen und daraus Tropfen regnen, was Wirbelwinde aufnehmen und forttragen und was heftige Regenfälle alles wegschwemmen. Er weiß, wo in Sanddünen Zuflucht suchende Kleinstlebewesen ab- und wieder auftauchen, wo Vögel in den Berggipfeln ihren Sitzplatz haben, kennt das Lied der Singvögel im Dämmerlicht ihrer Nistplätze, was Perlmuscheln in ihrem Innern bergen und Meereswellen in ihrem Schosse hervorbringen; Er kennt alles, was die Nacht mit einem schwarzen Schleier bedeckt und was der helle Tag beleuchtet, den Ausgang sämtlicher Erscheinungen, die ständig entweder im Abtauchen in die Finsternis begriffen sind oder aber sich in einem Lichtermeer tummeln, den Klang jedes Fußtrittes, den Laut jeder Bewegung, den Widerhall jedes Wortes, die Regung jedes Mundes, den Lebensraum jedes Geschöpfes, das Gewicht jedes Teilchens, den Ton jedes Lebewesens, das Geräusch des Abfallens von Laub und reifen Früchten, den Ort des Keimens von Zellen und Embryonen sowie die Entstehung eines jeden Geschöpfes oder Phänomens. Ohne bei all dem die geringste Anstrengung auf sich zu nehmen oder bei der Erhaltung Seiner stets neuen Schöpfungen auf die geringste Schwierigkeit zu stoßen, verfällt Er bei der Ausübung Seiner Tätigkeit und der Koordinierung des Wirkens Seiner Geschöpfe niemals in Trägheit oder Verdruss. Man kann hier nur anfügen, dass Er sie mit Seinem Wissen durchdrungen und ihre Zahl gezählt hat; Er trägt sie auf den Wogen Seiner Gerechtigkeit und seiner Gunst, obgleich sie der Trägheit verfallen sind und ihrer Pflicht Ihm gegenüber nicht so nachkommen können, wie sie es eigentlich müssten. Lieber Gott, nur Du verdienst es, hoch und oft gepriesen zu werden. Wann immer sich jemand etwas von Dir wünscht, bist Du das Beste, was man sich wünschen kann und dort, wo sich Hoffnungen an Dich knüpfen, bist Du das Teuerste, was man sich erhoffen kann. Lieber Gott, Du hast mir zu Deinem Preise ein so großes, uneingeschränktes Feld eingeräumt, dass ich nichts außer Dir lobe und nichts anderem huldige als Dir. Ein solches Lob richte ich nicht auf Dinge, in denen sich Enttäuschung und Zweifel spiegeln. Auf diese Weise hast Du meine Zunge davon abgehalten, den Menschen und dessen Schöpfungen zu lobpreisen. Lieber Gott, jeder Lobredner kann von dem, auf den er seine Lobrede ausbringt, eine Belohnung, eine Gabe oder eine Entschädigung erwarten: an Dich als das einzige Objekt meiner Huldigung knüpfe ich die Hoffnung, Du mögest mich an alle Quellen der Barmherzigkeit und zu den Schätzen der Verge-bung führen. Lieber Gott, hier steht jemand, der Dich in Deiner ganzen Einzigartigkeit, die nur Dir zueigen ist, anerkennt und keinen Würdigeren außer Dir findet, der all dieses Lob und diesen Dank verdiente. Ich brauche Dich so sehr, dass nur Deine Huld mich aus meiner hilflosen Lage befreien kann und mir das Aufstehen und Aufrechtstehen ermöglicht. Dem Gewicht dieses Bedürfnisses werden nur Deine Freigebigkeit und Deine Großmut gerecht! Mögest Du mir in dieser Lage Deine Zufriedenheit zukommen lassen und bewahre mich davor, dass ich mich anderen um Hilfe zuwende als Dir, denn Du bist mächtiger als alle.

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Eine Rede des Imams (S), gehalten zu einem Zeitpunkt, als das Volk nach dem Mord an Os-man den Treueid auf ihn leisten wollte

Lasst ab von mir und begebt euch auf die Suche nach jemand anderem, denn uns steht ein facettenreicher, vielgestaltiger Prozess bevor, in dessen Auseinandersetzungen die Herzen dem nichts zu entgegnen haben werden und die Vernunft keine Möglichkeit hat, zu bestehen.132 So sind die Horizonte düster und die Wege unerforscht. Wisset, dass ich – wenn ich eurem Vorschlag folge – euch nach meinem Wissen und Gewissen voranbringen werde und Tadel, Jammern und Wehklagen - egal von wem - keine Beachtung schenken werde! Überlasst ihr mich mir selbst, werde ich einer von euch sein. Noch folgsamer und rechtschaffender als ihr alle werde ich demjenigen gegenüber sein, dem ihr eure Angelegenheiten anvertraut. Deshalb wird es besser sein, euch heute zur Seite zu stehen, anstelle das Zepter über euch zu schwingen.

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Über die Charidschiten und die Umayyaden

Doch dann, ihr Leute, war es einzig mir zu verdanken, dass diese Verschwörung aufgedeckt wurde. Als die Düsternis sich verdichtete und ihr Wahnsinn anschwoll, hatte außer mir niemand sonst den Mut, sich dem zu stellen. So stellt mir all eure Fragen, die ihr habt, solange ihr mich noch nicht zu entbehren braucht133! Bei der Wahrheit dessen, der mein Leben in der Hand hält, wenn ihr mich etwas von heute bis zum Tag des Jüngsten Gerichts fragt - sei es über jene Gruppen, die Hunderte Menschen leiten oder aber irreleiten werden - so werde ich euch alles bis in die letzte Einzelheit erzählen, wer beispielsweise der Initiator sein wird, wer der Anführer und wer die Triebkräfte, wohin die Reiter zielen und wo sie sich sammeln, wer gewaltsam sterben oder wer eines natürlichen Todes sterben wird. Doch wenn ihr mich verliert, so werden euch manche unangenehme Ereignisse und schreckliche Schwierigkeiten heimsuchen und viele der Fragenden werden in die Enge getrieben werden und viele derjenigen, die eine Antwort wissen, werden keine mehr geben können. Dies wird zu einer Zeit sein, da Krieg und feindliche Auseinandersetzungen unter euch an Schärfe zunehmen und blutige Kämpfe aus ihnen erwachsen. Die Welt wird euch so große Härten auferlegen und euch so lange leiden lassen, bis Gott schließlich den letzten Tugendhaften unter euch zu Sieg und Triumph verhelfen wird. Jawohl, mit dem Unglück verhält es sich folgendermaßen: Ist es im Anzug, vergiftet es die Atmosphäre mit Zweifeln, und ist es im Abklingen, so macht es uns ein großes Stück klüger. Es ist uns fremd und unbekannt, wenn es uns ereilt, aber wenn es uns wieder verlässt, wissen wir genau, was es damit auf sich hatte. Es greift an wie eine Windhose, die blind irgendeine Stadt heimsucht, die nächste aber verschont. Lasst euch gesagt sein: das schrecklichste Unheil eurer Geschichte wird meiner Ansicht

132 Trotz aller Beharrlichkeit des Volkes, Imam Ali möge das vakante Kalifat übernehmen, lehnte er dieses mit der Begründung ab, die er in dieser Rede zum Ausdruck bringt: „Wenn ihr mich zur Erfüllung eurer weltlichen Ziele braucht, so bin ich nicht bereit, euch als Instrument zu dienen. An meinem bisherigen Leben habt ihr sehen können, dass ich nichts anderem als dem Koran und der Sunna zu folgen beabsichtige. Diesen Grundsatz werde ich auch nicht aufgeben, um an die Macht zu gelangen. Erwählt ihr jemand anders, so werde ich den Gesetzen dieses Staates und dessen Prinzipien folgen, wie jeder andere friedvolle Bürger auch. Lasst ihr mich sein, was ich jetzt bin, so wäre es euren weltlichen Zielen dienlicher, denn ich hätte keine Macht, mich eurem Begehren in den Weg zu stellen und euch Hindernisse aufzutürmen. Solltet ihr dennoch entschlossen sein, den Treueid auf mich zu leisten, müsst ihr gewahr sein, dass ich euch ohne Ansehen der Person auf den rechten Weg zwingen würde, wenn ihr gegen mich auftreten würdet.“ 133 Ali (S) gilt als Tor zum Wissen des Propheten, da er in der Lage war, sämtliche Fragen zum Universum und über die Zukunft korrekt zu beantworten.

nach das Unheil der Omajjaden sein, denn es ist blindwütig und gebärt Finsternis, es wird alle Bereiche erfassen und seine ganz besonderen Merkmale aufzuweisen haben. In dieser Atmosphäre wird sich jeder verstricken, der seine eigenen Ansichten hat, und möglicherweise werden nur diejenigen unbehelligt bleiben, die keine eigene Meinung vorzuweisen haben. Ich schwöre bei Gott, ihr werdet nach mir den Stamm der Omajjaden als äußerst schlechte Herrscher vorfinden, die sich gebärden wie eine ungezügelte, wilde Kamelstute, die um sich beißt, mit den Vorderläufen ausschlägt, mit den Hinterläufen alles niedertrampelt und dabei nicht einen einzigen Tropfen Milch gibt. Ihre Herrschaft über euch wird so lange währen, dass nur diejenigen von euch auch ihr Ende miterleben werden, die ihnen von Nutzen waren oder Ihnen zumindest keinen Schaden zufügten; und ihr werdet unter ihrer Herrschaft solange zu leiden haben, bis auch der letzte von euch sie nicht mehr um Hilfe anfleht wie ein Sklave seinen Herrn und sich nicht mehr unterwirft wie ein Untergebener der Obrigkeit. Das Unheil der Omajjaden mit seiner furchterregenden Fratze wird euch demzufolge überkommen wie ein düsterer, aus dem Morast der (Zeit der) Unwissenheit aufgezogener Wolkenfetzen, in dem weder das Blinken eines Leuchtturms noch das Flattern eines Banners zu sehen sein wird. Einzig und allein wir – die Angehörigen der Prophetenfamilie – werden frei davon sein und nicht ihrer Propaganda verfallen. All dem zum Trotz wird Gott letztlich eine Gelegenheit herbeiführen und eine solche Regierung mit Hilfe von Menschen stürzen lassen, die ihnen das Fell (wie Schafen) über die Ohren ziehen, sie gewaltsam von der Bühne des Geschehens vertreiben und in die Gosse befördern und ihr eine Niederlage nach der anderen beibringen werden (wie man einen Schierlingsbecher nach dem anderen verabreicht!). Diese Menschen werden Schwerthiebe statt Speisen austeilen und die Leiber (der Gestürzten) werden mit Angst statt mit Gewändern bekleidet sein! An jenem Tage wird es der sehnlichste Wunsch der Qoraishiten sein, mich für einen kurzen Moment – und sei es nur solange, wie es dauert, ein Kamel zu opfern – ausfindig zu machen und zu treffen, damit ich ihnen nicht nur den Bruchteil abnehme, um den ich sie jetzt und heute vergeblich bitte, sondern ausnahmslos alles!134

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Lobrede auf den Propheten

Erhaben sei Gott, zu dem selbst die kühnsten Bestrebungen nicht vordringen und den selbst die mächtigsten Ideen nicht zu finden imstande sind. Er ist der Erste, der keine Endlichkeit kennt, in der Er nicht ewig wäre und der ultimativ Letzte, dem nichts mehr nachfolgt, was Ihm ein Ende setzte.

Ein weiterer Teil dieser Rede in Beschreibung der Propheten (S)

Gott hat ihnen treuhänderisch die besten Plätze zugewiesen, sie in den edelsten Stellungen untergebracht. Von würdigen Vätern beständig auf keusche Mütter übertragen folgte einer dem anderen nach, sobald einer verschieden war, um den Weg fortzusetzen und die Religion Gottes aufrechtzuerhalten, bis der göttliche Großmut schließlich (im Laufe der Evolution) bei Mohammed – Gott segne ihn und dessen Familie – seinen Abschluss fand. Er brachte ihn aus dem ergiebigsten Quell des Schosses der Geschichte hervor und ließ ihn einer Ahnenreihe entstammen, deren Ursprung auf Ruhm und Ehre, Edelmut und Hochherzigkeit zurückgeht. Sie entstammen einem Geschlecht, dem Gott stets ganz besonderes Augenmerk geschenkt hat, als Er die Auswahl Seiner Propheten und Statthalter traf. Die Familie des Propheten ist die beste wie auch sein Geschlecht das beste von allen ist; sein Stammbaum ist der beste Stammbaum der Geschichte, der Seiner Obhut entsprossen und im Klima Seines Großmutes herangereift ist. Seine Äste wie auch seine Früchte und Ableger sind hoch und unerreicht. Er ist hell wie das Licht, strahlt wie ein Komet und ist der Funken, der die Finsternis erhellt. Sein Wesen ist ausgewogen, seine Traditionen sind vollendet, seine Worte distinguiert und sein Urteil aus

134 Diese Rede hielt Ali (S) nach der Schlacht von Nahrawan (658 n.Chr.), darin bezieht.
sich „Unheil“ auf die Schlachten von Basra, Siffin und Nahrawan, denn deren Charakter unterschied sich grund-
sätzlich von denen des Propheten. Damals ging es um den Sieg gegen die Ungläubigen, während hier eine krie-
gerische Auseinandersetzung unter Moslems stattgefunden hatte.

nahmslos gerecht. Gott hat ihn zu einem Zeitpunkt mit der Sendung betraut, da die Bewegung der Propheten vor einer Zäsur stand, menschliches Leben dem Frevel anheim gefallen war und den Gemeinden der Gläubigen die Versenkung in geistiger Umnachtung drohte. So strebt ihr - denen ich Gottes Barmherzigkeit wünsche – in Richtung auf die gesteckten Wegweiser hin, denn der Weg ist deutlich und führt euch an einen würdigen Ort; ihr haltet euch ja derzeit an einem Ort auf, an dem ihr Gottes Gunst erweben könnt, indem ihr eure Zeit und Möglichkeit nutzt: noch ist das Buch Eurer Taten aufgeschlagen, die Bleistifte (der Engel) sind gespitzt, die Leiber gesund, die Zungen frei, Reue wird erhört und eure Taten finden noch Anerkennung.

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Über die Mission des Propheten

Zu einer Zeit, da die Menschen in ihrem Irrglauben feststeckten, sie in Feindschaften und Krisen befangen waren, Laster und Emotionen die Oberhand über ihren Verstand gewonnen hatten, die eigene Selbstüberschätzung ihnen andauernde Verfehlungen auferlegte, Ignoranz und Unwissenheit sie hatten leer, hohl und nichtig werden lassen, sie politisch ungefestigt leicht zu übertölpeln waren und sie in jeder Hinsicht von Unverstand geschlagen waren, hat ihn Gott - Gott segne ihn und seine Familie - auf den Plan gerufen und ihnen auf äußerst einfühlsame Art Führung gewährt, Rat und Weisheit zukommen lassen und sie in klarer Richtung nach vorn gebracht.

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Weitere Lobrede auf Prophet Mohammad

Lob gebührt Gott als dem unendlichen Ersten, dem nichts vorhergegangen ist, als auch dem unendlichen Letzten, dem nichts nachfolgen wird. Er ist so offenbar, dass darüber hinaus nichts anderes Be-stand haben kann und so tiefverwurzelt, dass sich darunter nichts verbergen kann.

Ein weiterer Teil dieser Rede, der der Erkenntnis des Propheten Gottes - Segen sei mit Ihm und seiner Familie - dient

Seine Stellung ist allen anderen überlegen, seine Entwicklung vollzog sich am edelsten Platz der Weltgeschichte, am Ort der Großmut und der Sicherheit. So kam es, dass sich ihm die Herzen der Tugendhaften zuwandten und alle Augen sich auf ihn richteten. Gott begrub durch ihn den Hass, ließ das Feuer verlöschen, machte Fremde zu Brüdern und Blutsverwandte zu Fremden. Durch ihn verwandelte Er (unrechte) Ehre in Schmach und (unangebrachte) Schmach in Ehre. Seine Worte klären auf und sein Schweigen gleicht einer anderen Sprache.

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Über die Familie des Propheten

Obgleich Gott jedem Tyrannen eine Frist der Bewährung gewährt, gibt es vor dem machtvollen Zugriff göttlicher Gerechtigkeit doch für niemanden ein Entrinnen. Er beobachtet sein Tun unentwegt, liegt ihm wie ein Fremdkörper in der Gurgel und lässt ihn nicht ungeschmälert in den Genuss reinen Wassers kommen. Lasst euch bei der Wahrheit Gottes – der über mein Leben gebietet – gesagt sein, dieser Stamm135 wird euch besiegen, nicht etwa, weil er Recht und Wahrheit näher stünde als ihr, sondern weil er die Befehle seiner Führer – die sich auf Unrecht gründen – schneller ausführt als ihr, die ihr meinen auf Recht basierenden Anordnungen nur zögerlich folgt.

135 d.h. die Syrer unter Mo’awiyeh.

Es steht außer Frage, dass sich die Völker in der Geschichte stets vor der Tyrannei ihrer Regenten gefürchtet haben, bis auf heute, da ich es bin, der Angst vor der Tyrannei seiner eigenen Untertanen hat! Ich rufe euch zum Jihad auf, doch ihr lasst euch nicht mobilisieren; ich bemühe mich, euch Wahrheiten nahe zu bringen, doch stoßen sie bei euch nur auf taube Ohren; ich werbe direkt und indirekt um euch, doch erteilt ihr mir nichts als Absagen; ich gebe euch ständig gute Ratschläge, doch schlagt ihr sie nur in den Wind. Wozu seid ihr präsent hier, wenn es letztlich auf dasselbe hinausläuft, als wenn ihr nicht präsent wäret und wozu gebt ihr euch herrisch, wenn es dem Wesen nach nichts als Sklaverei ist? Ich trage euch die verschiedensten Weisheiten vor, doch ihr zeigt nur Abneigung; ich predige euch die elementarsten Ratschläge, doch ihr zieht euch nur noch mehr zurück; mit Worten versuche ich euch zum Jihad mit den Abtrünnigen zu motivieren, doch noch bevor ich die Worte zu Ende gesprochen habe, sehe ich euch in alle vier Himmelsrichtungen zerstreuen wie die von der Flut Heimgesuchten des Stammes von Saba136 und wieder in eure eigenen Kreise zurückkehren. Dort haltet ihr euch voller Hintergedanken schadlos an gegenseitigen Schmähungen, wobei ihr euch dessen bedient, wozu ich euch geraten hatte. Jeden Morgen muss ich richten, was nicht glatt und eben an euch ist, und kehrt ihr am Abend zu mir zurück, sehe ich euch ‚schlangenförmig’ wieder. Diese Auswüchse an euch werden von Tag zu Tag schlimmer und meine Fähigkeit, sie wieder zu glätten, lässt immer mehr nach. Zu euch spreche ich, ihr - die ihr ohne Verstand und mit widersprüchlichen, unausgeglichenen Auffassungen nur physisch anwesend seid – eure Befehlshaber stellt ihr wahrlich auf eine harte Probe! Euer Führer gehorcht Gott und ihr widersetzt euch seinen Anweisungen, während die Syrer ihrem Anführer Gehorsam leisten, obwohl dieser Gott nicht treu ergeben ist: das geht soweit, dass ich mir wünsche, Mo’awiyeh würde mir seine Gefolgsleute gegen euch eintauschen, wie man beim Geldwechsler Dirham gegen Dinar umtauscht, und mir für zehn von euch nur einen seiner Syrer hergeben! O, Leute aus Kufa! Mein Kummer mit euch lässt sich kurz so zusammenfassen: ihr habt Ohren und seid doch taub, ihr habt eine Zunge und seid doch stumm und ihr habt Augen und doch seid ihr blind! Weder seid ihr im Umgang frei und aufrichtig noch seid ihr verlässlich wie Brüder, wenn es zu Schwierigkeiten kommt. Ihr seid hoffnungslose Fälle! Mit euch ist es im wesentlichen wie mit einer herrenlosen Kamelherde, die sich auf der einen Seite zusammenführen lässt, doch auf der anderen gleich wieder auseinanderstiebt. Ich schwöre bei Gott, in meiner Vorstellung sehe ich euch vor mir, wie ihr mich, den Sohn von Abitaleb, schamlos auf dem Höhepunkt des Kampfes inmitten des Kriegsgetümmels allein vor dem Feind zurücklasst! Trotz allem verlasse ich mich ohne die geringsten Zweifel auf die klaren Argumente meines Schöpfers und folge der klaren Richtung der Linie meines Propheten. Ich eile auf einem klar kenntlichen Weg voraus, den ich wie einen lieben, verschollenen Angehörigen wiedergefunden habe. Vertieft euch in die Betrachtung eures Prophetengeschlechts und erlegt es euch als Grundregel auf, im Einklang mit ihnen zu leben. Folgt ihren Spuren, denn sie werden euch nie vom Wege der Rechtleitung abkommen und nie mehr im Sumpf der Unwissenheit untergehen lassen. Stimmt deshalb euren Lebensrhythmus mit ihnen ab und schließt euch ihrer Bewegung an. Versucht nicht, sie zu überholen, damit ihr euch nicht verlauft, aber bleibt auch nicht zurück, damit ihr nicht umkommt. Ich habe alle Gefährten Mohammads – Gott segne ihn und seine Familie – erlebt, aber unter euch fin-de ich keinen einzigen, der ihnen gleichkäme. Nächtelang hindurch mit Hinknien und Aufstehen im Gebet vertieft, verbrachten sie – die Haare zerzaust und von Staub bedeckt – die ganze Nacht damit, bis der Morgen anbrach; mit Stirn und Wange berührten sie abwechselnd den Erdboden und von der Erinnerung an die Heimkehr (ins Jenseits) wurden sie wie von heißer Lava aufgerüttelt und auf die Beine getrieben. Auf der Stirn hatten sich deshalb zwischen den Brauen richtige Schwielen gebildet, dass ihre Stirn eher aussah wie Schwielen am Knie einer Ziege. Immer wenn sie Gottes gedachten, brachen sie aus Angst vor Strafe und auf Belohnung hoffend, derart in Tränen aus, dass ihr Kragen regelrecht davon gebadet war, und zitterten am ganzen Körper wie Pappeln im Wind.

136 die Nachkommen von Saba bin Yashjab bin Yarab bin Qahtan sind als Stamm von Saba bekannt geworden. Als sie die Propheten zu fälschen begannen, sandte Allah Fluten, die ihr Land überschwemmten und es unbewohnbar machten. Sie wurden in verschiedene Landstriche zerstreut und damit sprichwörtlich für eine Gruppe von Menschen, die sich so weit aufsplittert, dass hernach keine Hoffnung mehr auf Wiedervereinigung besteht.

98

Über die Unterdrückung durch die Umayyaden

Ich schwöre bei Gott, die Herrschaft der Omajjaden wird solange andauern, bis man auch das letzte göttliche Verbot aufgehoben und in sein Gegenteil verkehrt hat, kein Versprechen länger Bestand hat, weil es nicht gebrochen wurde, kein Zelt und keine Hütte mehr existiert, in die ihre Tyrannei nicht eingedrungen ist und ihre Bosheit keinen der Gefährten mehr verschont. Ihre unmenschliche, schlechte Politik wird so weit reichen, dass die Gesellschaft mit einem Auge ihre Religion beweinen wird und mit dem anderen ihre Welt. Euer Dienst an beiden gleicht dem Dienste des Sklaven an seinem Herrn: solange der Herr anwesend ist, gehorcht er ihm, dreht er ihm aber seinen Rücken zu, lässt er die Arbeit Arbeit sein und beginnt, schlecht über ihn zu reden. Und schließlich kommt es soweit, dass unter solchen Umständen derjenige am härtesten zu leiden hat, der Gott am freundlichsten und ehrfürchtigsten gesinnt ist. Wenn Gott euch also Frömmigkeit gegeben hat, so nehmt sie mit ganzer Seele an, und stoßt ihr dann auf egal wie große, scheinbar unüberbrückbare Schwierigkeiten, so haltet ihnen stand, denn den Frommen wird ein gutes Ende beschert sein.

99

Im Hinblick auf die Vergänglichkeit der Zeit

Wir danken Gott für all das, was sich in der Vergangenheit zugetragen hat, und ersuchen Ihn um Hilfe bei dem, was uns noch bevorsteht. Wir erbitten vor Ihm eine rundum gesunde Religion wie wir uns einen rundum gesunden Körper wünschen. Ihr Diener Gottes, euch allen empfehle ich, euch nicht an die irdische Welt zu klammern, denn auch sie wird euch in jedem Fall und gegen euren Willen loslassen und eure Leiber, die ihr jung und frisch erhalten wollt, vergehen lassen. Die Geschichte von euch und dieser Welt gleicht genau der von der Karawane, deren Weg schon zu Ende ist, wenn sie sich gerade in Bewegung setzen will; macht sie sich auf den Weg zum Ziel, dann ist sie unversehens da! Wie viele in dieser irdischen Arena sind bereits am Ende des Weges angelangt, noch bevor sie recht in Fahrt geraten sind? Welche Hoffnung verbleibt dem, der übrigbleibt, wenn ihn nichts als sein unvermeidbares Schicksal erwartet und ein unerbittlicher Gläubiger137 ihn verfolgt und antreibt bis zum Moment seiner Trennung von der Welt? Nein, Ehre und Ansehen im Diesseits sind es nicht wert, darum zu wetteifern; irdische Ausschmückungen und Annehmlichkeiten dürfen euch nicht ins Staunen versetzen, genau wie ihre Härte und Unbill euch nicht aus dem Lot bringen darf, denn irdischer Stolz und Dünkel gehen zu Ende; irdische Zierde, schmückendes Beiwerk und Annehmlichkeiten dieser Welt fallen der Vergänglichkeit anheim und Härte und Unbill werden dereinst auch ein Ende haben. Jeder ihrer Zeitepochen ist einmal ein Ende beschert und jedes lebendige Wesen schreitet dem Tod entgegen. Wenn ihr euren Verstand einmal einsetzt, dann seht: gibt es in den Werken eurer Vorfahren nicht genügend Vorwarnungen und im Leben eurer Väter nicht genügend Vorbilder, die euch als Anschauung dienen? Seht ihr denn nicht, dass es für eure Vorgänger keine Wiederkehr gibt und diejenigen, die sie überlebt haben, nicht für immer da sein können? Seht ihr die irdischen Wesen nicht, auf welch unterschiedliche Art und Weise sie von morgens bis abends und von abends bis morgens ihre Tage und Nächte zubringen? Hier stirbt einer, den man beweint; ein anderer hat einen Nahestehenden verloren, man spendet ihm Trost; einer ist vor Entbehrung am Ende seiner Kräfte, und wieder einer eilt zu einem Krankenbesuch; dieser liegt in den letzten Zügen und jener irrt umher auf der Suche nach der Welt, wobei der Tod ihm auf den Fersen folgt; einer lebt in tiefer (geistlicher) Sorglosigkeit, obwohl ihm selber eine solche Sorglosigkeit nie angediehen ist. Dies ist der Weg der Vergangenen, den die Kommenden gleichfalls beschreiten. Lasst euch gesagt sein: bringt euch - wenn ihr im Begriff seid, etwas Schlechtes zu tun - den Tod in Erinnerung, der alle Freuden und Genüsse zerstört, Passion und Leidenschaft auslöscht und das Band der Wünsche und Sehnsüchte zerreißt, und sucht Beistand vor Gott, er möge euch helfen, Seine Gebote zu erfüllen und die zahllosen Beweise Seiner Gunst und Güte zu erwidern.

137 der Tod (d.Üb.).

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Über den Propheten und seine Nachkommen

Dank gebührt Gott, dessen Freigebigkeit sich auf alle seine Geschöpfe erstreckt und unter denen Er Seine freigiebige Barmherzigkeit ausübt. Wir loben Ihn bei allem was Er tut und ersuchen Seine helfende Hand bei der Wahrung Seiner Rechte. Von ganzem Herzen legen wir Zeugnis von der Wahrheit ab, dass es keinen Gott gibt außer Ihm und Mohammed (S) Sein Diener und Gesandter ist. Ihn hat Er herabgesandt, damit er Seine Gebote verkünde und das Gedenken an Ihn aufrechterhalte. So hat er seine prophetische Sendung auf äußerst verlässliche Art und Weise erfüllt und hat den Weg stolz zu Ende geführt. Nach seinem Ableben hat er uns das Banner der Wahrheit hinterlassen, damit es weiter im Wind wehe; wer daran vorbeipresche - um ihm zuvorzukommen - würde aus dem Rahmen der Sendung herausfallen, und wer zurückbleibe, würde untergehen. Nur diejenigen wären seine wahren Jünger, die den engen Schulterschluss mit diesem Banner übten. Der Bannerträger selbst sei behutsam beim Sprechen und erhebe sich nicht ohne weiteres von seinem Platz, und wenn er es doch tue, dann blitzartig. Doch sobald ihr euch seinem Gebot beugt und euch ihm im Handumdrehen anschließt, tritt der Tod ein und reißt ihn aus eurer Mitte. Nach seinem Tode durchlebt ihr dann auf göttliches Geheiß eine unbekannte Zwischenzeit138 voller Not und Elend, bis Gott euch schließlich Sein Antlitz so deutlich zeigt, dass Er euch zusammenbringt und eure Uneinigkeit in Einheit und Geschlossenheit umwandelt. Setzt niemals zu hohe Erwartungen in etwas, was noch nicht eingetreten ist, und gebt nie die Hoffnung ganz auf bei etwas, was sich im Niedergang befindet. Es kann durchaus sein, dass quasi nur ein Fuß ausgeglitten ist, doch der andere standfest bleibt, bis beide an ihren Platz zurückkehren und sie wieder festen Halt nebeneinander finden. Lasst euch gesagt sein, die Familie Mohammeds – Gott segne ihn und seine Familie – gleicht Himmelsgestirnen: mit dem Erlöschen eines jeden Sterns geht ein neuer Stern auf. Auf diese Weise kommt ihr in den Genuss ihrer anhaltenden Führung, die von keiner Unterbrechung getrübt wird, und es scheint, als ob Gott Seine Schöpfungskraft in euch vervollkommnet hat und eure Wünsche alle in Erfüllung gehen ließ.

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Über die Unbeständigkeit der Zeit

Er ist der Erste, der allem Anfang vorausging und der Letzte nach allem, wenn es seinen Abschluss nimmt; indem Er der Allererste war, bedeutet dies ein Dasein ohne Anfang, und indem Er der Allerletzte sein wird, dessen Endlosigkeit. Von ganzem Herzen lege ich Zeugnis ab von der Wahrheit, dass es keinen Gott außer Allah gibt, ein Bekenntnis, bei dem mein Innerstes und mein Äußeres, mein Herz und meine Zunge übereinstimmen. O Leute, möget ihr euch nie durch eure feindliche Haltung mir gegenüber zum Verbrechen anstiften lassen oder euer Ungehorsam zu mir euch auf irrige Abwege führen! Möge es auch nie vorkommen, dass eure Ohren zwar meinen Worten zuhören, ihr euch aber mit den Augen gegenseitig ungläubige Blicke zuwerft ... beim Schöpfer allen Lebens schwöre ich, dass all das, was ihr von mir erfahrt, keine verlogene Propaganda ist oder den Zuhörer mit Unwissenheit schlägt; sondern von einem Propheten – Gott segne ihn und seine Familie – stammt, der keine Bildung genossen hat (und auch keine braucht, um gebildet zu sein). Nun, es scheint, als ob ich derzeit gerade den Ruf eines Irregeleiteten139 vernehme, der sich aus Syrien bemerkbar macht und seine Standarte in der Umgebung von Kufa in den Boden gerammt hat. Sperrt er selber seinen Rachen auf, um andere zu verschlingen, so wird er anderen einen Maulkorb verpassen und seine schweren Schritte werden den Boden erzittern lassen; dann wird sich Zwist wie eine Viper mit ihrem giftigen Biss in den Leibern der eigenen Jungen verbeißen, werden die Wogen des Krieges sich mit zunehmender Wucht aufbäumen, die Gunst des Schicksals sich abwenden und nur die Nacht

138 eine Zäsur zwischen dem dahingeschiedenen und dem kommenden Propheten.
139 Ist lt. Anm. in der engl. Übersetzung bisweilen sowohl auf Mo’awiye als auch auf Abdul Malik bin Marwa
n
bezogen worden.

wird die Wunden abdecken, bis zu dem Zeitpunkt, da die Saat der Feindseligkeit aufgeht und deren Keime aus dem Boden schießen. In dieser Krisensituation wird es hoch hergehen, wie wutschnaubende Kamele wird man aufeinander losgehen und die Luft wird von den Funken der Schwerter und Speere nur so knistern. Der Wirrwarr der schwarzen Banner der Feindseligkeiten wird nicht mehr aufzulösen sein, Finsternis wird herrschen und eine Sturmflut wird das Meer zum Überkochen bringen! Ja, so wird es sein, die Luft in Kufa wird von gewaltigem Getöse gespalten werden; zahllose Stürme werden über sie hinwegfegen und es wird nicht lange dauern, dass die Hörner sich ineinander verzacken und derjenige, der aufrecht stehen bleibt, gewinnt die Ernte, aber die Ernte zerrinnt.

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Eine weitere Rede im selben Zusammenhang über den Tag des Jüngsten Gerichts

Die Wiederauferstehung wird sich an dem Tage begeben, da Gott alle unsere Vorfahren und die Nachwelt versammelt, damit ihre Taten einer sorgfältigen Prüfung unterzogen und ihre Untaten gesühnt werden. Dies ist der Zeitpunkt, wo ein jeder demutsvoll und schweißgebadet dastehen wird, unter seinen Füßen den schwankenden Boden. Glücklich wird sich dann schätzen können, wer Platz für die Füße und etwas Freiraum zum Stehen finden kann. (Ich sehe) Wogen feindlicher Auseinandersetzungen, die schwarzen Fetzen der Nacht ähneln, denen keine Kraft zu widerstehen vermag und die kein Banner verteidigen kann; ihr werdet überrannt werden wie beim Ansturm aufgezäumter, kampfbereiter Kamele; erbarmungslos werden sie von ihrem Heerführer angetrieben und unerbittlich wird die Hatz der Reiter sein... Die Anstifter sind ein Trupp von Leuten, deren Tollheit zwar rasend ist, die aber nur wenig auf Beute aus sind. Ihnen wird sich eine Gruppe zum Jihad entgegenstellen, die von den Dünkelhaften verachtet werden: auf Erden verkannt, doch im Himmel hochangesehen. Wehe also dir, Basra, vor jenem Tage und vor den Heerscharen, die

– lautlos und ohne ein Stäubchen aufzuwirbeln - durch den Zorn Gottes in Erscheinung treten werden und die deine Bewohner in nicht allzu ferner Zukunft mit einer furchtbaren Hungersnot einerseits und einem blutigen Gemetzel andererseits konfrontieren werden.

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Zur Bedeutung der Gottesfurcht

Betrachtet die Welt mit den Augen frommer Einsiedler, die sich der Welt enthalten und ihr Antlitz von ihr abwenden, denn es wird nicht lange dauern, bis Er die darauf Ansässigen aus dem Weltenrund vertreibt und die der Lustbarkeit Verfallenen und sich in Sicherheit Wiegenden mit einem großen Unglück konfrontiert. Weder kehrt die irdische Vergangenheit - hat sie sich erst abgewandt – zurück, noch ist die Zukunft derart absehbar, dass man das Leben auf eine Erwartung bauen könnte. Die irdische Freude ist mit Gram vermischt und das menschliche Streben neigt zum Nachlassen. Möge euch deshalb nicht all das, was euch in Staunen versetzt, auch zu Stolz und Hochmut verleiten, denn die Zeit der Vertrautheit mit diesen Dingen ist nur sehr kurz. Möge Gott denjenigen segnen, der nachsinnt, sich ein Beispiel nimmt und im Lichte dieser Lehren zu der Anschauung findet, dass die Existenzformen dieser Welt gewissermaßen keinen langen Bestand haben; schon bald werden sich jedoch die Erscheinungsformen der anderen Welt so darstellen, dass sie Ausdruck der Ewigkeit sind. Alles, was zählbar ist140 geht einmal zu Ende; alles, was zu erwarten steht141, findet dereinst seinen Abschluss und alles, was irgendwann bevorsteht – und sollte es noch so fern erscheinen – liegt so nahe. Klug ist, wer seinen eigenen Wert kennt und schätzt; es reicht aus, den eigenen Wert nicht anzuerkennen, um als Mensch ungebildet zu bleiben. Vor Gott ist zweifellos derjenige am meisten zu verabscheuen, den Gott sich selbst überlassen hat, der deshalb aus der Balance gerät und ohne Führung dahintreibt. Gilt es für ihn, an der Kultivierung dieser Welt mitzuwirken, dann tut er dieses mit Inbrunst,

140 Das Alter, gemeint sind hier die Lebensjahre. 141 der Tod als Abschluss des Lebens.

wird er aber aufgefordert, für sein Jenseits zu sorgen, so erschlafft sein Elan. Es scheint, als ob die für ihn verbindliche Pflicht nur das wäre, wozu er sich förmlich aufopfert, andererseits aber das, was er wesentlich nachlässiger handhabt, gar nicht von ihm verlangt würde! Dies ist ein ferner Tag, da es einen Weg der Erlösung nur für den echten, aufrichtigen und namenlosen Rechtgläubigen geben wird, für denjenigen, den niemand kennt, selbst wenn er in Erscheinung tritt, nach dem aber auch niemand fragt, wenn er nicht anwesend ist. Diese Menschen sind für die Wanderer der Nacht und die Bezwinger der Finsternis die Fackeln der Rechtleitung und die Wegweiser zur Orientierung. Sie frönen weder dem Geschwätz noch der Nörgelei. Sie sind es, denen Gott die Tore Seiner Barmherzigkeit öffnet und die Er von den Widrigkeiten Seines Zorns fernhält. Oh Volk, in nicht ferner Zukunft sehe ich euch ein böses Schicksal ereilen, wobei der Islam kentern wird wie ein Boot142 samt allem, was sich darin befindet. Oh Leute, Gott hat euch zwar vor der eigenen Unterdrückung bewahrt, doch hat Er keine Garantie dahingehend gegeben, dass Er euch nicht auf die Probe stellen würde, indem Er euch vor Probleme stellt. Der Erhabene hat das Wort geprägt, das da lautet: „Siehe, hierin sind wahrlich Zeichen, und siehe, wahrlich, wir stellen auf die Probe.“143

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Über den Zustand der Menschen vor der Berufung des Propheten

Doch hatte Gott der Glorreiche Mohammad – gesegnet seien er und seine Familie – zweifelsohne zu einer Zeit entsandt, da weder ein Araber ein Buch in die Hand nahm noch die Offenbarung für sich beanspruchte oder als Prophet auftrat. In dieser Situation erhob sich der Prophet mit Hilfe seiner Gefolgsleute zum Kampf gegen die Aufrührer und indem er sie vor der sicheren, vernichtenden Katastrophe bewahrte, trieb er alle dem rettenden Ufer entgegen. Das Tempo seiner Aktionen passte er dem Tempo derer an, die nicht so schnell folgen konnten; er hielt inne, damit auch die Letzten ans Ziel gelangten, mit Ausnahme der Frevler, für deren Besserung es keine Hoffnung gab; allen zeigte er schließlich den Weg der Errettung und wies dem Menschen einen gebührlichen Platz zu. So kam es, dass die Mühlsteine ihrer Gesellschaft zu mahlen begannen und ihre Speere sich auf den rechten Weg ausrichteten. Bei Gott, zu jedem Zeitpunkt des Freiheitskampfes des Propheten bin ich stets an seinem erfolgreichen Fortgang beteiligt gewesen, bis der Gegner ganz und gar zerschlagen und die prophetische Sendung gefestigt war. Auf diesem Wege des Kampfes konnten mich weder Angst noch Schwäche überwältigen, nie übte ich Verrat. Hiermit schwöre ich bei Gott: ich werde das Unrecht solange in seinem Innersten erschüttern, bis ich dem Recht zu neuem Leben verholfen habe!

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Lobrede auf den Propheten

Bis Gott Mohammad – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – schließlich zum Zeugen, zum Überbringer hoffnungsfroher Botschaften und zum Verkünder von Vorwarnungen berief – ihn, der bereits als Kind das Beste der Schöpfung Gottes verkörperte, in seinen Mannesjahren als der Reinste unter den Reinen dieser Welt galt und dessen Gnade für alle unerwartet ergiebig war. Ihr144 habt doch erst richtig Gefallen an den süßen, irdischen Genüssen gefunden und Honig daraus saugen können, als ihr die Welt vorfandet wie ein Kamel mit losem Zaumzeug und nicht festgezurrter Staffage! Einige (von euch) finden am Verbotenen (dieser Welt) Geschmack als ob es die honigsüßen Früchte des von Dornen freien Lotosbaumes145 wären, während ihnen das Erlaubte (dieser Welt) wie

142 wörtl.: wie ein Topf.
143 Heiliger Koran, 23. Sure, Vers 30.
144 Omayaden (in der pers. Übers.).
145 Auch Zizyphusbaum (Zizyphus lotos) oder Sidrabaum, der in Kulturform keine Dornen mehr aufweist; An
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spielung auf die Himmelsreise Mohammeds. Der Lotosbaum befindet sich demnach in siebenten, also dem o-

unerreichbar vorkommt. Trotz alledem schwöre ich bei Gott, so wie ihr an die Welt herangeht ähnelt euer Verhalten einem riesenhaften Schatten, dem doch nur begrenzte Zeit beschieden ist und nicht lange währt. In der heutigen Zeit seid ihr die konkurrenzlosen Beherrscher dieser Arena, die bei allem uneingeschränkt freie Hand haben. Demgegenüber findet ihr die Hände der wahren Führer der Gemeinde jedoch quasi geknebelt vor, sie sind machtlos dagegen. Eure gezückten Schwerter herrschen über sie, während sie die ihren zwangsläufig stecken lassen müssen. Doch lasst euch gesagt sein: für jeden Tropfen Blut gibt es jemanden, der es rächt, und für jedes Recht gibt es einen, der nach ihm verlangt... Derjenige, welcher unser Blut (das Blut des Prophetengeschlechts) rächt, wird ganz sicher einer sein, der in seinem ureigensten Interesse zu urteilen haben wird. Jawohl, Er ist der Gott, der nie nachlässt, einen jeden Frevler zu verfolgen; für niemanden gibt es ein Entrinnen vor dem ehernen Griff Seiner Gerechtigkeit. Bei ebendiesem Gott schwöre ich: ihr Omajjaden werdet in naher Zukunft erleben, dass die Herrschaft über die Welt in die Gewalt von Fremden übergehen und von euren Gegnern ausgeübt wird. Seid euch gewahr! Die schärfsten Augen sind diejenigen; die stets nur Gutes sehen und das Ohr hört am besten, welches auf Rat hört und diesen annimmt. O ihr Menschen, entzündet das Feuer eurer Herzen an der Flamme eines Ratgebers, der den eigenen Ratschlägen selbst Folge leistet und entnehmt Wasser einem reinen Quell, der durch nichts verschmutzt ist. Ihr Diener Gottes, stützt euch nicht auf eure Unwissenheit und gebt euch nicht der Untugend hin, denn wer sich davon nicht lossagt, der steht unmittelbar am Rande eines heimtückischen Abgrundes, schwer beladen mit der Last von Verderbtheit, die er nach eigenem Gutdünken von einer Schulter auf die andere verlagert, um festzuhalten, woran er nicht festhalten sollte und um unübliche Auffassungen zu gängiger Praxis zu machen. Möget ihr - um Himmelswillen - bloß nicht eure Leiden und Kümmernisse jemandem anvertrauen, der sich keinen Deut um euch schert und der alle schwer errungenen Leistungen von euch nach seinem eigenen, lasterhaften Gutdünken ohne weiteres zunichte macht. Der Imam hat zweifellos keine andere Verantwortung außer der, die ihm der Schöpfer auferlegt hat: Rat zu erteilen, sich zu bemühen, Hinweise zu geben, die Tradition der Sunna zu beleben und lebendig zu erhalten, göttliche Strafen an Menschen zu vollziehen, die diese auf sich geladen haben und Mittel aus der Staatskasse zu verteilen an Menschen, die derer bedürfen. So findet das Wissen und macht es euch zueigen, bevor dessen Wurzel verdorrt und ihr nur noch mit euch selbst befasst seid, anstatt euch der Quellen des Wissens anerkannter Gelehrter zu bedienen. Hindert die anderen am Freveln und haltet euch auch selbst davon fern, denn ihr werdet erst dann Schlechtes verwehren können, wenn ihr selbst dem Schlechten entsagt habt.

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Über den Islam

Gedankt sei Gott, der den Islam zu einem gewaltigen Quell hat werden lassen, aus dem Er für die hörenden und suchenden Durstigen weitere Quellen zugänglich gemacht hat und der ihn zu einem soli-den, unüberwindbaren Bollwerk gegenüber jenen gemacht hat, die es darauf abgesehen haben, ihn zu bezwingen. So hat Er den Islam zum Schlüssel für die Sicherheit seiner Jünger gemacht, zum Zeichen des Friedens derjenigen Seelen, die sich auf den Weg dieser Ordnung begeben, zum stichhaltigen Argument für diejenigen Redner, die mit der Logik des Islam argumentieren, zum Zeugnis für diejenigen, die ihn verteidigen, zu Helligkeit und Licht für diejenigen, die nach ihm suchen, zum Verständnis für die Weisen, zum Hirn und zum Kern der Wahrheiten für Denker, zum Signal für kluge Streiter, zur Anschauung für Männer mit Willenskraft, zum Vorbild für diejenigen, die Rat annehmen, zur Erlösung für diejenigen, die Ihn bestätigen, zur Stütze für den, der sich auf ihn verlässt, zum Seelenheil derjenigen, die Ihm ihre Angelegenheiten übertragen und zu einem Schild für diejenigen, die sich in Geduld fassen. Deshalb stellt der Islam den hellsten aller Wege und die eindeutigste aller Religionen dar. Seine leuchtenden Verse stehen ganz oben, seine Wege sind hell, seine Leuchten schenken Licht

bersten Himmel, neben dem Thron Allahs, über den kein Engel oder menschliches Wissen hinauskommt. Symbol der himmlischen Glückseligkeit (Heiliger Koran, 53. Sure, „An-Najm“, „Der Stern“).

und sein Platz ist eine Arena für den Wettstreit der Werte, der mit der Eroberung des Gipfels der Menschlichkeit sein Ende findet; in dieser Arena kommen die Streiter zusammen und es geht um einen Preis, der so kostbar ist, dass er für alle erstrebenswert ist. Die dort wetteifernden Streiter sind Edelmütige, sein Weg ist der feste Glauben und seine leuchtenden Türme sind gute Taten. Dieser Wettkampf ist erst mit dem Tod beendet, das Spielfeld erstreckt sich über die gesamte Erde, die Auferstehung ist der Ort seines Aufzuges und das Paradies ist der Ball im Wettstreit dieser Arena.

Ein weiterer Teil: Zum Gedenken des Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie

Letztlich hat er ein Feuer für die Frierenden in der Geschichte entfacht und eine Fackel für die Umherirrenden, die auf der Strecke geblieben waren, denn in dieser Welt ist er ein sicherer Hort für dich und am Tage des Jüngsten Gerichts ein aufrichtiger Zeuge, den du wie einen Boten zu deinem eigenen Wohl entsendest und dem du - einem Strahl deiner Güte ähnlich - die Sendung zur Wahrheit erteilst. Lieber Gott, schenke ihm einen Großteil Deiner Gerechtigkeit und belohne ihn mit der doppelten Gefälligkeit Deiner Gunst. Lieber Gott, mache das von ihm gelegte Fundament allen von anderen errichteten Bauten überlegen, bewahre und liebe ihn vor Dir selbst, schenke ihm eine respektable Position vor Deinem Thron, stelle ihm das Werkzeug zur Fürbitte zur Seite, auf dass er darüber verfüge, bestätige seinen überlegenen und bevorzugten Rang, und nimm uns in den Reigen Seiner Freunde und Gefährten auf, ohne Schmach, ohne Reue, ohne Niederlagen zu erleiden, ohne abtrünnig zu werden, irregeleitet zu werden, andere irrezuführen oder in Versuchung zu verfallen!

Ein weiterer Teil - An seine Gefährten gewandt

Dank des Großmutes, den Gott euch erwiesen hat, habt ihr es zweifelsohne so weit gebracht, dass man sogar euren Bediensteten Achtung entgegenbringt und auch eure Nachbarn können von dieser Gunst profitieren. Es zollen euch Leute Respekt, denen ihr nichts voraushabt und die auch nicht in eurer Schuld stehen. Ihr gewinnt auch an Ansehen in den Augen der Menschen, über die ihr keine Macht habt oder die euren Zorn zu fürchten hätten. Und trotzdem wird das göttliche Vermächtnis vor euren Augen gebrochen, und es berührt euch nicht, während ihr es sogar als Schande empfindet, wenn das Vermächtnis eurer Väter gebrochen wird. Oh ja, es hat eine Zeit gegeben, da ihr die göttliche Sache maßgeblich vorangetrieben habt; die Welle (des Islam) hat von hier aus die ganze Welt erfasst und die Resonanz, die er auslöste, wurde hier wieder besprochen. Ihr aber habt den Tyrannen euren angesehenen Platz eingeräumt, habt ihre Herrschaft angenommen, habt ihnen die Zügel überlassen, über euer Leben und eure Angelegenheiten zu bestimmen und habt ihnen auch die göttlichen Obliegenheiten übertragen. Sie wiederum begründeten die Ordnung der Gesellschaft auf Argwohn und verfolgen eine Politik der Laster.

107

Eine Rede, gehalten an einem Tag in Siffin

Zu Beginn der Schlacht musste ich (bedauerlicherweise) mit ansehen, wie ziellos ihr vorgingt und wie ungeschlossen eure Reihen waren, als ihr – die ihr die Vorhut der Araber und deren ruhmreiche Spitze bildet und dem Range nach der Kopf des ganzen, erhaben und überlegen wie alles überragende Gipfel seid – von verrufenen Tyrannen146 und dem unkultivierten Volk Syriens in alle Winde zerstreut wurdet. Was aber am Ende die Funken des Grams in meiner Brust zum Erlöschen brachte, war der Punkt, als ich merkte, dass ihr nun diejenigen seid, die sie in alle vier Himmelsrichtungen jagt und sie zwingt, Schritt um Schritt zurückzuweichen, so wie sie auch euch anfangs zum Rückzug getrieben hatten. Eure Pfeile prasselten auf sie herab und die tödlichen Stöße eurer Speere mähten sie nieder oder zerstreuten sie wie von einer Tränke aufgescheuchte und vertriebene Kamele.

146 der Stamm der Omajjaden unter Führung von Mo’awiye.

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Über die Unbeständigkeit der Zeit

Gedankt sei Gott, welcher für Seine Geschöpfe im Spiegel Seines Schöpfungsaktes in Erscheinung tritt und der mit besonderen Argumenten in der Arena ihrer Herzen anwesend ist. Ohne geistige Anstrengung brachte Er die Schöpfung hervor, denn geistig tätig werden kann nur, wer über Gedankengut verfügt, das göttliche Sein hingegen hat kein Gedankengut. Sein Wissen durchdringt das gesamte Universum der unbekannten Dimension und umfasst die entlegensten Ecken und Winkel der unerschlossenen und geheimnisumwitterten Ebenen des Verborgenen.

Gedenken an den Propheten - Gott segne ihn und seine Familie

Gott erwählte ihn aus dem Stammbaum der Propheten, unter allen leuchtenden Wegbereitern, aus dem Gipfel der Aufklärung, aus dem Herzen des Tales Batha147, aus den Fackeln, die die Finsternis besiegen und aus den Quellen der Weisheit. Er ist ein Arzt, welcher sich mit den verschiedensten Heilmethoden um seine Patienten bemüht; seine heilkräftigen Medikamente hält er unumwunden parat und seine chirurgischen Instrumente sind makellos steril und keimfrei gemacht, um sie je nach Bedarf zur Heilung blinder Herzen, tauber Ohren und stummer Zungen zur Anwendung zu bringen. Mit seinen wirksamen Heilmitteln spürt er somit die Stellen von Achtlosigkeit und Fehlleitung auf, an denen die Menschen von jeglicher Bildung ausgeschlossen sind, wo ihnen der geringste Funken von Wissen fehlt als wären sie gleichsam Weidevieh oder Felsgestein. Nunmehr sind die Geheimnisse denjenigen offenbar geworden, die Wahrnehmungsvermögen besitzen und denen, die nach der Wahrheit auf der Suche sind, ist der rechte Weg klar geworden. Das Jenseits hat die Maske vom Gesicht genommen und den Klugen (unter euch) bestimmte Zeichen offenbart. Doch weshalb sehe ich euch trotzdem wie unbeseelte Gestalten und körperlose Seelen? Weswegen sind aus euch dann Fromme ohne Tugenden und Händler ohne einträgliches Geschäft geworden? Weswegen seid ihr wach und schlaft doch, seid gegenwärtig zwar doch abwesend, warum zu blinden Zuschauern, tauben Zuhörern und stummen Rednern geworden? Am Horizont künftiger Morgen sehe ich das Banner gehisst am Fahnenmast der Fehlleitung, nach allen Seiten hin ausschlagend und seinen Herrschaftsbereich soweit ausdehnend, dass es alles um sich ergreift. Dann wird er euch alle mit seinen Maßstäben messen und niederwerfen. Dieser Führer folgt nicht dem Regelwerk Mohammeds, sondern dem Irrglauben, Gott habe einen Teilhaber. An jenem Tage wird niemand mehr von euch da sein, bis auf eine kleine Handvoll von Leuten; ihr werdet gerade so viel sein, wie an einem leeren Topf kleben bleibt oder in einem leeren Sack, denn sie werden euch gerben wie Leder, und wie abgeerntetes Getreide werden sie euch vor die Dreschflegel werfen; die Gottesfürchtigen wird man aus eurer Gesellschaft herauslesen wie sie die Spreu vom Weizen trennen. Macht euch gegenwärtig, in welche Richtung euch die falschen Pfade abdriften lassen, in welch schwarzen Schlund sie euch befördern und wie sie euch mit diversen Lügen hinters Licht führen. Seid euch bewusst, von woher sie euch so weit gebracht haben und auf welche Art sie euch in den Abgrund der Abtrünnigkeit stürzen; jedes Leben hat sein eigenes Buch und jeder, der abtritt, wird wieder erstehen. So hört eurem Führer gut zu, haltet eure Herzen für ihn bereit und lasst euch von seinem aufrüttelnden Ruf aus eurem Tiefschlaf erwecken! Ein Führer muss mit seinen Anhängern aufrichtigen Umgang pflegen, sich eifrig bemühen und sich ganz auf sein Werk konzentrieren. Euer Führer hat euch die Realität so haarfein und präzise auseinandergesetzt, wie man beim Durchbohren feiner Perlen vorgeht, um sie auf eine Schnur zu ziehen, und wie man einen Baum von der Rinde befreit, um sein Harz zu gewinnen - so hat auch er die Tatsachen vor euch bloßgelegt. Dann wird Unrecht einen festen Platz einnehmen, Unwissenheit wird grassieren, die Aufrührer werden sich brüsten und grosstun und die Verfechter (der Religion) werden zahlenmäßig abnehmen. Das Schicksal wird einer Bestie ähnlich wie toll zuschlagen und nach einer gewissen Zeit des Verstummens wird das Unrecht wieder aufflammen und toben wie ein wütendes Kamel. Tollheit und Lasterhaftigkeit werden an die Stelle von Brüderlichkeit unter den Menschen treten, Religionsverdrossenheit

147 ein Tal zwischen den Bergen Ahmar und Abo-Ghabeish, in dem die Qhoreishiten lebten.

wird einsetzen, Verlogenheit wird an Anziehungskraft gewinnen und für Freundschaft sorgen. Wahrhaftigkeit wird zum Auslöser von Hass und Feindschaft werden, ein Kind Aggressionen auslösen, Regen Dürre einleiten; niederträchtige und unehrbare Menschen werden wie Pilze aus dem Boden schießen, die Ehrbaren und Großmütigen im Keime ersticken... Dann werden die Menschen zu Wölfen: die Herrscher werden reißende Raubtiere, die Mittelschichten ihre Beute und die Armen zu Toten... Verdorren wird die Quelle der Ehrlichkeit, Lügen werden Blüten treiben. Es wird üblich werden, mit Worten zu lieben, während die Herzen Groll gegeneinander hegen. Unzucht wird zum Kriterium der Blutsverwandtschaft und Anständigkeit wird als absonderlich angesehen sein. Auch der Islam wird gehandhabt werden, als ob sie einen Pelzmantel verkehrt herum tragen würden.

109

Über die Allmacht Gottes

Jedes Wesen, jedes Ding ist Ihm untergeben; es existiert kein Ort der Zuflucht außer Ihm, Er stillt die Bedürfnisse des Bedürftigen, Er ist Würde für den Elenden, Kraft für den Schwachen und Obdach für den Hilflosen. Er hört jedes gesprochene Wort, kennt jedes Geheimnis der Schweigsamen, kommt für das Auskommen jeder lebenden Kreatur auf und stirbt sie dereinst, so kehrt sie zu Ihm zurück. Niemand hat Kunde von Dir, da Du für die Augen unsichtbar bist, denn Dich gab es vor allen Deinen Geschöpfen, „die Dein Lob preisen wollen“. Du hast sie nicht aus Angst vor der Einsamkeit erschaffen und sie ihrer Bestimmung auch nicht übergeben, um daraus Gewinn zu schöpfen. Dir vorauszueilen vermag der nicht, dem Du folgst und kein Entrinnen gibt es für den, der Dir anheim fällt. Kein Schuldiger vermag Deiner Herrschaft mit seiner Schuld einen Makel zu versetzen und kein Untertan kann Deinem Herrschaftsbereich etwas hinzufügen. Verteidigen kann sich niemand, der mit Deinem Schicksal hadert und ohne Dich kommt auch der nicht aus, der sich Deinem Gehorsam entzieht. Vor Dir ist jedes Geheimnis ein offenes Geheimnis und offen zutage liegt alles Verborgene. Du bist der Unvergängliche, für den es kein Ende gibt, Du bist der Schlusspunkt, ohne den kein Ablauf zum Abschluss findet, Du bist der Ort der Rückkehr, dem niemand entkommen kann (außer zu Dir), denn jedes Lebewesen wird von Dir gelenkt und jede Seele kehrt zu Dir zurück. Oh Glorreicher Gott! Wie erstaunlich stellt sich Deine Schöpfung – so weit sie für die Augen sichtbar ist – dar, und doch, wie klein und unbedeutend ist all dies vor Deiner Macht! Oh, welch furchteinflößende Größe entfaltet Dein Reich in unseren Augen, und wie gering und unbedeutsam ist dies dennoch im Vergleich zu den verborgenen Dimensionen Deiner Herrschaft! Wie weit erstrecken sich Deine Wohltaten in dieser Welt und wie klein sind diese noch im Vergleich zu den Wohltaten in jener Welt!

In einem weiteren Teil dieser Predigt heißt es:

Die Engel, die Du hoch über der Erde platziert und in Deinen Himmeln untergebracht hast, kennen Dich besser als alle anderen, fürchten sie Dich mehr als Deine anderen Geschöpfe und stehen Dir näher als alle anderen. Sie sind weder einst in den Lenden von Vätern noch im Schoß von Müttern gewesen; sie stammen weder von einer gewöhnlichen Flüssigkeit ab, noch konnten die Wechselfälle der Zeiten sie auseinander bringen. Würden sie trotz des besonderen Ranges, den Du den Engeln verliehen hast, und trotz der auserwählten Position, die Du ihnen vor Dir gewährst, trotz ihrer überaus starken Liebe, die sich ganz auf Dich richtet, trotz ihres großen Gehorsams zu Dir und der seltenen Fälle von Nichtachtung Deiner Gebote, das wahre Ausmaß Deiner Größe – das auch ihnen verborgen ist – begreifen, dann würden sie zu dem Schluss kommen, dass sie Dir doch nicht so gedient und gehorcht haben, wie es Dir zustünde. Oh glorreicher Gott, der Du der Schöpfer der Welt bist und zu recht von allen angebetet wirst! Um Deine Schöpfung auf eine wunderbare Probe zu stellen hast Du ein Haus erschaffen148 und darin eine Tafel ausgebreitet mit den verschiedensten Speisen und Getränken, mit Gespielen und Gespielinnen, Bediensteten, Palästen, Wasserläufen, Früchten, Plantagen... Daraufhin hast Du einen besonderen Bo-ten entsandt, damit er Deine Geschöpfe zu diesem Festmahl einlade. Deine Diener indes reagierten

148 das Paradies.

weder positiv auf diese Einladung noch zeigten sie sonst ein Verlangen nach dem, wozu Du sie ermuntert hast; sie äußerten kein Interesse in die Richtung, in die Du sie versucht hast, zu motivieren, sondern wandten sich dem toten Kadaver149 zu und machten sich schuldig, indem sie von seinem Aas zehrten. Allesamt einig waren sie sich darin, diesen Kadaver auch noch zu lieben. Ja, wer sich etwas in Liebe zuwendet, den macht sie blind, dessen Herz macht sie krank. Jemand wie er sieht zwar, doch mit kranken Augen; er hört zwar, doch hören seine Ohren schwer; die Leidenschaft hat ihm zweifellos seinen Verstand geraubt und die Welt hat sein Herz ersterben lassen, indem sie ihn mit ihrer ganzen Kraft in ihren Bann gezogen hat. So kommt es, dass er zum Sklaven der Welt wird und derer, die der weltlichen Vergnügungssucht verfallen sind; mit ihren Schatten dreht er sich mal hierhin, mal dorthin, landet mal hier und mal dort, ohne sich der göttlichen Warnung anzunehmen, diesen Weg nicht weiter zu beschreiten und ohne überhaupt auf einen göttlichen Rat zu hören, und dies, obwohl man mit eigenen Augen ansehen kann, wie es denen ergeht, die dem Dünkel verfallen sind, die in eine Sackgasse geraten sind und für die es kein Vor und kein Zurück mehr gibt, wenn der Tod – dem gegenüber sie sich so ignorant verhalten hatten – sich ihrer bemächtigt, und der Abschied von der Welt genau dort einsetzt, wo sie sich so sicher gewähnt hatten, und sie genau so ins Jenseits schreiten, wie es ihnen zuvor angedroht worden war. Das, was ihnen zum Zeitpunkt des Todes zustößt, ist ein unbeschreibliches Unglück: urplötzlich setzt - gleichzeitig mit dem Bedauern darüber, nun alles zu verlieren - die tödliche Ohnmacht ein, dann verwandeln sie sich in kraftlose Sträflinge und werden leichenblass; daraufhin dringt der Tod zunehmend stärker in ihre Körper ein und treibt einen Keil zwischen den einzelnen und seinem Sprechvermögen. Der Sterbende, der sich im Kreise seiner Angehörigen befindet, vermag zwar noch zu sehen und zu hören, doch noch während er voll bei Verstand ist und noch über seine Auffassungsgabe verfügt, stürzt er in den Schlund des Todes hinab. In dieser Situation denkt dieser bedauernswerte Mensch dann nur noch daran, auf welchem Wege er das Kapital seines Lebens nur verspielt und in welche Richtung er sein Leben doch gelebt hat! Er gedenkt seines angehäuften Besitzes, bei dem es ihm gleichgültig gewesen war, auf welchem Wege er es erwirbt, ob auf legalem oder auf zwielichtigem Wege, und nun – an der Schwelle des Todes – machen ihm die Folgen seiner Raffgier schwer zu schaffen. Diese Besitztümer bleiben dann für seine Erben, damit sie deren Genuss auskosten und so recht darin schwelgen können. Auf diese Art entfallen deren angenehmen Seiten auf andere, indes der schwere Part auf ihm lastet. All dies passiert, wenn die Abhängigkeit von solchen Gütern ihn so stark vereinnahmt, dass sie ihn zu ihrer Geisel machen. Noch während er zum Zeitpunkt des Todes alle Realitäten dieser Welt und seines eigenen Handelns ungeschminkt erkennt, fasst er sich bedauernd an den Kopf, weil er bereut, was er da sehen muss, und empfindet Abscheu vor allem, woran er sein ganzes Leben gehangen hat. Das geht so weit, dass er sich wünscht, andere wären in den Besitz dessen gelangt, worum man ihn immer beneidet hatte. In diesem Zustand prescht der Tod immer tiefer in seinem Körper vor, bis schließlich seine Fähigkeit zum Sprechen und Hören aussetzt, und er, der in-mitten seiner Familie mit dem Tode ringt, keine Sprache mehr hat und nicht mehr hören kann. Dabei betrachtet er aus den Augenwinkeln unablässig die Gesichter seiner Lieben und kann die Bewegung ihrer Zungen zwar noch sehen, aber hören kann er die Laute nicht mehr. Danach breitet sich der Tod in ihm noch weiter aus, bis sich auch seine Augen - wie zuvor seine Ohren – schließen, die Seele seinen Körper verlässt und er zu einem Leichnam wird, vor dem seine Familie sich fürchtet und aus dessen Nähe sie sich flüchten. Dann kann er sich keinem Weinenden mehr anschließen, keiner Einladung mehr Folge leisten. Am Ende nehmen sie seinen toten Körper auf die Schultern, bringen ihn zu einer Grube in der Erde, überlassen ihn dem Register seiner Taten und verabschieden sich von ihm für immer. Bis zum Zeitpunkt, da das Buch dieser Welt zugeklappt wird und die Geschicke jenes versprochenen Gebotes eintreffen: der Letzte aus der Karawane der Schöpfung schließt wieder zum Ersten auf und es tritt ein, was Gott mit dem Lauf Seiner Schöpfung beabsichtigte, und zwar die Erneuerung der Schöpfung und die Auferstehung der Toten. Wenn es soweit ist, wird Gott die Himmel machtvoll erzittern lassen und spalten, mit starken Beben wird Er die Erde instabil und unruhig machen, die Berge aus ihren Festen reißen und in alle Richtungen zerstreuen. Die Brocken dieser geborstenen Berge werden aus Angst vor der Macht Gottes und aus Furcht vor seiner Größe aufeinanderstoßen und all das, was die Erde in ihrem Innern birgt, herausschleudern. Dann wird Gott sie (die Menschen) nach ihrer Verwesung wieder neu schöpfen und die Körperteile trotz ihrer Streuung erneut zusammenführen. Dann trennt Er die Geschöpfe nach Seinem Willen voneinander, um sie zu ihren geheimsten Taten zu befra

149 Anspielung auf alles Irdische.

gen und sie zu ihrem nicht öffentlich sichtbaren Verhalten ins Kreuzverhör zu nehmen. Schließlich teilt Er alle in zwei unterschiedliche Gruppen ein und stellt sie in zwei Reihen auf – die eine umfasst diejenigen, die in den Genuss Seiner Gunst kommen, die anderen die, die mit Seiner Rache zu rechnen haben: wer Ihm gehorcht, den belohnt Gott mit Seiner Nachbarschaft, und dem schenkt Er das Ewige Haus – den Ort, den seine Bewohner nie mehr verlassen müssen, an dem es keinen Wandel der Befindlichkeit gibt, weder Angst noch Krankheit sich einschleichen, wo keine Gefahren sie bedrohen und sie sich auch nicht von einen Ort zum anderen bewegen müssen. Doch bringt Er die Sünder dagegen an den schlimmsten Ort, den es gibt – mit den Händen am Hals und mit den Haaren an den Handgelenken gefesselt, die Körperbedeckung aus züngelndem Feuer, von schwerer Pein hinter geschlossenen Türen gebrandmarkt, inmitten des tobenden Zischens lodernder Feuer, die Funken sprühen und furchteinflößend tosen. Wer sich einmal dort aufhält, entkommt nicht mehr; wer darin gefangen ist, für den gibt es kein Lösegeld und wer in diese Fesseln geschlagen ist, der bleibt von ihnen bezwungen. Dieser Ort ist nicht endlich und seine Bewohner haben keine Lebensspanne, die einmal zu Ende wäre.

Ein weiterer Teil dieser Rede, in dem man des Wesens des Propheten (S) gedenkt

Er hat die Welt gewiss als niedrig und klein angesehen, hat sie leicht genommen und für unbedeutsam gehalten, in vollem Bewusstsein dessen, dass Gott sie ihm in weiser Voraussicht vorenthalten hat, und weil er sie für unbedeutend ansah, hat er sie den anderen überlassen. So wandte er sich von ihr ab, löschte die Erinnerung an sie aus dem Innern seiner Seele und hat sich stets gewünscht, der Zierrat der Welt bleibe seinen Augen verborgen, damit es keinesfalls so weit kommt, dass ihm etwas davon entfiele oder er sich an bestimmte irdische Hoffnungen klammere. Deshalb rührte er die Werbetrommel für seinen Schöpfer so stark, damit niemandem eine Ausflucht bliebe; mit unentwegten Warnungen leitete und führte er seine Gemeinde und mit Belohnungen lud er sie ins Paradies ein. Wir sind es, die den Stammbaum des Prophetengeschlechts und den Hort für die prophetische Sendung bilden, die eine Stätte für die umtriebigen Engel, für das (göttliche) Wissen der Born und für die Weisheit der Springquell sind. Unsere Freunde und Weggefährten können sich göttliche Barmherzigkeit erhoffen, doch unsere Feinde und Hasser müssen mit Seinem Zorn rechnen.

110

Über den Heiligen Qur’an und die Sunna

Die höchste Form der Bindung an Gott den Glorreichen für diejenigen, die eine Verbindung zu Ihm
suchen, besteht ganz sicher in folgendem:
-im Glauben an Gott und dessen Gesandten;
-in der Anstrengung für die Sache Gottes, welche den Gipfel des Islam bildet;
-im Wort der Treue (kalemat-ul ikhlas), was im menschlichen Wesen liegt;
-im Gebet als dem Hauptmerkmal der gesamten islamischen Gemeinde;
-in der Entrichtung der Armensteuer (zakat) als verbindlicher Verpflichtung;
-im Fasten im Monat Ramadan, was ein Schild gegen die göttliche Strafe darstellt;
-in der großen Pilgerfahrt (hajj) und der kleinen Pilgerfahrt (cumra) zum Haus Gottes, was die
Armut mindern hilft und Schuld bereinigt;
-in der Aufrechterhaltung familiärer Beziehungen, was den Besitz mehrt und ein längeres Leben
bewirkt;
-im Spenden inoffizieller Almosen (sadaqa), womit man seine eigenen Unzulänglichkeiten über-
decken kann;
-im Spenden offizieller Almosen (sadaqa), womit man einen schlimmen Tod abwenden kann;
-im guten Handeln, das den Menschen vor dem Versinken in Hilflosigkeit bewahrt.
Widmet euch dem Gedenken Gottes, denn es ist die beste aller Denkweisen und begehrt, was Er den
Frommen verheißen hat, denn die göttliche Verheißung ist die ehrlichste aller Verheißungen. Folgt
dem lichten Weg eures Propheten, denn er leitet euch am besten, und nimmt euch der Sunna dieser
großen Persönlichkeit an, denn sie ist die am besten aufklärende Tradition. Nimmt den Koran an, denn
in ihm stehen die besten Worte geschrieben, und dringt in seine Tiefen, denn er ist wie ein Frühlings-
erwachen für die Herzen; sucht Heilung in seinem Lichte, denn er heilt von inneren Krankheiten, und

rezitiert ihn zu guter Letzt gut und richtig, denn er stellt die schönste von allen Geschichten dar. Jawohl, der Wissende, welcher wider besseres Wissen vorgeht, ist wie ein von Verblüffung geschlagener Unwissender, der aus dem Tiefschlaf seiner Ignoranz niemals erwacht. Stattdessen wiegt es schwerer als Beweis für seine Bestrafung, die Reue macht ihm weitaus mehr zu schaffen und vor Gott verdient ein solches Verhalten mehr Rüge und Beanstandung.

111

Vorsicht vor dieser Welt

Dann aber warne ich euch ganz entschieden vor der Welt, die von ganz besonderer Süße und saftiger Frische geprägt ist. Sie hüllt sich in die unterschiedlichsten Laster und versucht, eine freundschaftliche Gesinnung zur Schau zu stellen, indem sie vergängliche Werte feilbietet. Sie verzückt mit minderwertiger Ware, macht Wunschträume zur Zierde und verschönt ihr Äußeres mit List und Tücke. Weder ist die Freude in ihr von Bestand, noch kann es in ihr Sicherheit vor Unheil geben. Trügerisch und voller Leiden, vergänglich und ohne Bestand, endlich und todbringend ist das irdische Leben, gefräßig und vernichtend! Selbst dort, wo es optimal mit den Wünschen der von der Welt Besessenen und von ihr Abhängigen übereinstimmt und harmoniert, ist es doch nicht mehr als das, was Gott der Allmächtige und Glorreiche von ihm sagte: „Gleich ist’s dem Wasser, das wir vom Himmel hinabsenden, und die Pflanzen der Erde nehmen es auf, und dann werden sie dürres Heu, das der Wind verstreut. Und Allah hat Macht über alle Dinge.“150 Niemand hat sich der Welt je froh, unbeschwert und lachend gezeigt, ohne gleich darauf wieder in Tränen auszubrechen. Nie hat die Welt jemandem ihr bezauberndes Antlitz zugewandt, ohne es unmittelbar wieder von ihm abzuwenden und ihm Leid zuzufügen. Sie hatihren Garten mit keinem einzigen Hauch von Überfluss überzogen, ohne unversehens einen heftigen Sturm von Leid und Elend darauf niederprasseln zu lassen. Es liegt in der Natur der Welt, dass sie dem Menschen am Morgen noch wohlgesonnen ist, ihm am Abend jedoch ein völlig unbekanntes Gesicht offenbart. Wenn auch die eine Seite angenehm und süß erscheint, so ist die andere Seite bitter und verheerend. Keiner ist je in den Genuss ihres Wohllebens gekommen, ohne dann einer von vielen Plagen fortwährend ausgesetzt zu sein und nie hat einer den Abend im Schoße der Sicherheit zugebracht, ohne tags darauf den Schwingen der Angst zu begegnen. Die Welt ist trügerisch und hinterlistig, ausnahmslos alles in ihr ist nur falscher Schein. Sie selbst ist vergänglich und alles, was sie beinhaltet ist gleichermaßen zum Niedergang verurteilt. Nur durch Frömmigkeit lässt sich Wohl ansammeln, keine andere Rücklage vermag dies sonst. Mehr Grund zur Sicherheit bietet sich dem, der möglichst wenige solcher Rücklagen hat, wer davon aber möglichst viel anhäuft, der hat entsprechend mehr Grund, mit Ängsten und Sorgen fertig zu werden. Lassen wir ihn, denn in Kürze wird er alles verlieren! Wie viele haben sich schon ganz und gar auf die Welt verlassen, dann hat sie ihnen urplötzlich eine Kostprobe von der Katastrophe zu schmecken gegeben und wie viele haben ihr schon getraut, die sie dann ins Unglück gestürzt hat! Wie viele verfügten in ihr über Ansehen und Prestige und wurden ins Verderben gestürzt, wie viele waren erst hochmütig und sind dann ganz unten gelandet! Die Macht in ihr geht von Hand zu Hand und ihre Freuden und angenehmen Seiten sind düster und unrein. Ihr Heilwasser schmeckt salzig ebenso wie ihre Süßigkeiten bitter im Geschmack sind. Ihre Nahrung ist durchweg tödliches Gift und alle ihre Mittel sind unbrauchbar. Die lebenden Wesen sind dem Tode ausgesetzt wie die Gesunden von Krankheit befallen sind. Ihre Herrschaft wird zu Ende gehen, gebrochen wird ihre unbesiegbare Macht; unselig sind die in ihr angehäuften Güter und ausgeraubt steht da, wer Zuflucht darin sucht. Steht ihr nicht heute da, wo einst eure Vorfahren gestanden haben, deren Leben länger gewesen war, deren Werke länger Bestand hatten und deren Wünsche weitschweifender gewesen sind, die großen Aufwand getrieben und ein riesiges Heer aufgestellt hatten? Welcherart hatten sie sich in die Knechtschaft der Welt begeben, hatten sie allem anderen vorgezogen und sind dann, ohne ausreichend Wegzehrung mitzunehmen und ohne schnelles Gefährt, fortgezogen.... Habt ihr je gehört, dass die Welt sie vor dem Tode bewahrt hätte oder ihnen Hilfe hat zukommen lassen oder sie zumindest bis zuletzt gut behandelt hätte? Nie und nimmer! Stattdessen hat sie ihnen den Balg mit Härten wie mit einem Dolch aufgeschlitzt, sie mit fürchterlichen Kümmernissen gepeinigt,

150 Heiliger Koran, 18. Sure, Vers 45.

ihnen hautnahe Demütigungen zu spüren gegeben, dann Prügel und Tritte versetzt und alledem noch schwere Schicksalsschläge hinzugefügt. Ihr habt sehr wohl mit angesehen, dass die Welt genau denen, die ihr so nahe gekommen waren, die sie allem anderen vorgezogen hatten und die am liebsten auf immer und ewig in ihr verblieben wären, in den heiklen Momenten des Todes – als sie für immer Abschied nahmen und fortzogen - ein völlig unbekanntes Gesicht gezeigt hat! Hat sie ihnen außer dem Hunger etwas anderes als Zehrung für den Weg mitgegeben? Hat sie sie anderswo als in einem engen Grab untergebracht? Hat sie ihnen etwa ein Licht anstelle der Grabesfinsternis geschenkt? Hat sie etwas anderes als Reuegefühle zu ihrem Geleit geschickt? Wähltet ihr denn solche Treulosigkeit? Wollt ihr auf so etwas trauen? Seid ihr auf derartiges versessen? Also ist die Welt ein desolater Ort für jeden, der ihr nicht misstrauisch gegenübersteht und der nicht fortwährend Angst und Sorge in ihr verspürt! So wisset – und ihr wisst es: ihr alle werdet die Welt zwangsläufig hinter euch lassen, werdet euch aus ihr zurückziehen. So versucht, aus dem Schicksal derer zu lernen, die da gemeint hatten: “Wer hat schon mehr Macht als wir!“ Sie wurden zu Grabe getragen, ohne Helden genannt zu werden, sie kamen in ihren Gräbern an, ohne als Gast Aufnahme zu finden. Aus ebener Erde wurde ihre Ruhestatt, aus Staub ihr Leichengewand, aus den verwesten Skeletten der Toten wurden ihre Nachbarn. So sind auch sie Nachbarn, die keiner Einladung mehr folgen können, sich keiner Tyrannei mehr erwehren können und Weinen und Wehklagen gleichgültig gegenüberstehen. Sie verspüren keine Freude, wenn es aus dem Himmel über ihnen regnet und sind nicht verzweifelt oder traurig, wenn Dürre und Hungersnot sie plagen. Sie befinden sich in Gesellschaft und sind doch einsam, trotz ihrer Nähe zueinander stehen sie sich fern. Sie treffen sich nicht mit denen, von denen sie nicht viel trennt, und obgleich sie sich sehr nahe sind, verspüren sie keinerlei Nähe. Sie sind Dulder, die keinen Grund zu Rachegelüsten mehr haben und Unwissende, in denen die Feindschaft erstorben ist. Weder steht ein Übergriff von ihrer Seite zu befürchten, noch kann man sich Verteidigung von ihnen erhoffen. Sie haben die Oberfläche der Erde aufgegeben und sich in deren Inneren zur Ruhe begeben, haben die offenen Wei-ten gegen die abgeschlossene Enge eingetauscht, haben die Fremde anstelle der Familie gewählt, Finsternis gegen Licht getauscht, und so wie sie der Erde entstiegen sind, begeben sie sich wieder hinein. Barfuss und nackt sind sie mit dem Ranzen ihrer Taten von hier aus zum ewigen Leben gezogen, so wie Gott der Allmächtige gebietet: „Wie wir die erste Schöpfung hervorbrachten, wollen wir sie wieder hervorbringen. Diese Verheißung liegt uns ob; siehe, wir führen sie aus.“151

112

Eine Rede, in der es um den Todesengel geht und wie dieser die Seelen zu sich nimmt

Hast du je den Moment spüren können, wenn der Todesengel seinen Fuß in ein Haus setzt? Hast du ihn je zu Gesicht bekommen in dem Augenblick, wenn er jemandem die Seele fortnimmt? Hast du je wahrhaftig darüber nachgedacht, wie er einem Fötus im Bauch seiner Mutter die Seele abnimmt? Findet er seinen Weg dorthin durch einen Teil der Gliedmaßen der Mutter hindurch? Oder ist es so, dass die Seele seinem Ruf mit der Zustimmung ihres Schöpfers folgt? Oder hält sich der göttliche Engel einer dritten Annahme zufolge gemeinsam mit dem Fötus in den inneren Organen der Mutter auf? Wer schon so wenig imstande ist, ein solches Geschöpf zu beschreiben, wie soll er dann erst in der Lage sein, den Gott dieses Geschöpfes zu beschreiben?

113

Über diese Welt und ihre Menschen

Ich kann euch vor der Welt nur warnen, denn sie ist ein Ort des Durchgangs, nicht ein Ort, an dem man verweilt und sich weidet! Ihr Antlitz schmückt sie mit List und Tücke und aus ihrer trügerischen Larve hat sie ein Werkzeug ihrer List gemacht. Ein Haus, das schon vor seinem Schöpfer wertlos ist, in dem Er Erlaubtes und Verbotenes, gut und böse, Leben und Tod, Bitter und Süß miteinander ver

151 Heiliger Koran, 21. Sure, Vers 104.

mengt, das Er weder für Seine Freunde auserwählt, noch Seinen Feinden vorenthalten hat. Das Gute in ihr ist verschwindend wenig, das Böse allzeit präsent, ihr Reichtum währt nicht lange, ihre Macht hat keinen Bestand und ihre Bewohnbarkeit geht einmal zu Ende. Welchen Wert hat also ein Haus, das kontinuierlich im Abbruch begriffen ist und was ist ein Leben wert, das sich wie Reiseproviant verzehrt? Und was die Lebensspanne, die sich ähnlich einer Wegstrecke, die man zurücklegt, von Minute zu Minute verkürzt? (So kommt und denkt an das Jenseits und eure göttlichen Pflichten, anstatt euch tagtäglich mehr an die Welt zu binden) und betrachtet die euch von Gott auferlegten Verpflichtungen als eure Schuld vor Ihm und bittet Ihn, dass ihr sie Ihm so zurückzahlt, wie Er es von euch fordert, und schenkt dem Gedanken an den Tod Gehör, bevor ihr die Einberufung von ihm bekommt. Gewiss weinen die Frommen in dieser Welt aus tiefstem Herzen, auch wenn sie nach außen hin ein Lächeln tragen; sie sind von großem Kummer befallen, obgleich sie frohgemut aussehen, und sie sind sehr verärgert über sich selbst, obwohl sie von anderen um ihre vielen ideellen Vorzüge beneidet werden. Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, dass euren Herzen der Gedanke an den Tod verborgen ist und trügerische Begehrlichkeiten stattdessen darin auftauchen. Aus diesem Grunde hat die Welt euch mehr als das Jenseits in ihren Bann gezogen und vereinnahmt und eure Motivation wird mehr von vergänglichen als von beständigen Werten beeinflusst, aber in Wirklichkeit seid ihr der Religion Gottes nach allesamt nichts anderes als Brüder vor dem Herrn. Das einzige, was euch derart trennt, sind ein schmutziges Wesen und innere Schlechtigkeit. Aus diesem Grunde habt ihr es nicht eilig damit, euch gegenseitig zu besuchen, deshalb denkt einer nicht an des Anderen Recht und ist dem anderen nicht gewogen und ihr lasst untereinander nicht Aufopferungsbereitschaft und Liebe walten. Was ist nur aus euch geworden, dass ihr euch über nichtigen Gewinn und materielle Werte, die ihr erwerbt, freut, euch aber kein bisschen grämt in Anbetracht der vielen entgangenen Belohnungen, die ihr in der anderen Welt zu entbehren haben werdet, wobei ihr euch von kleinen materiellen Verlusten innerlich derart aufwühlen lasst, dass es an schon euren Minen und an der Aufregung über das, was ihr verloren habt, zu erkennen ist! Als ob die Welt auf ewig eure Heimstatt wäre und die irdischen Güter für immer euer! Jeder von euch weist Schwächen auf und aus Angst, diese Schwächen zu offenbaren, bringt er nicht den Mut auf, sich offen und konstruktiv mit den gravierenden Fehlern seiner Brüder auseinander zu setzen. In eurer Freundschaft zu allem Irdischen und in eurer Flucht vor dem Jenseits seid ihr euch einig, und die Religion ist für euch nichts als ein süßer Lutscher, an dem ihr eure Zungen labt! Ihr gebt euch gelassen und sorglos wie jemand, der seine Arbeit erledigt hat und glaubt, so der Zufriedenheit seines Herrn sicher zu sein.

114

Über die Notwendigkeit, sich eine Wegzehrung für die nächste Welt zu schaffen

Gedankt sei Gott, der Lobpreis und Huld in einen fortdauernden Kausalzusammenhang gestellt hat. Wir erweisen Ihm unsere Dankbarkeit für alles, was Er uns reicht – sei es der Pokal Seiner Gunst oder aber der Schierlingsbecher Seiner Schicksalsschläge – und ersuchen bei Ihm um Hilfe im Kampf gegen unser eigenes Ego, zögerlich beim Gehorsam und vorschnell beim Ungehorsam. Vor Ihm fordern wir um Vergebung von unseren Sünden, die Sein Wissen mit einschließt und in Seinem Buch genauestens vermerkt sind – ein Wissen, das nicht mit dem geringsten Makel behaftet ist und ein Buch, dem es an nichts mangelt - und an den wir so fest glauben, als ob wir das Verborgene allumfassend erfahren hätten und uns Seiner Verheißungen vollauf bewusst wären, ein Glaube, durch dessen Reinheit wir den Glauben an andere als an Ihn auslöschen sowie Zweifel durch tiefe Gewissheit beseitigen. Aus tiefstem Innern bezeugen wir die Wahrheit, dass es außer Ihm keinen anderen wahren und einzigartigen Anzubetenden gibt und Mohammad – gesegnet seien er und seine Familie – sein Diener und Gesandter ist. Dies sind die zwei Bekenntnisse, die Worte auf die höchste Ebene stellen und die das Handeln erhöhen. Sind die beiden vorhanden, wiegt kein Gewicht leicht in einer Waagschale, und sind sie nicht vorhanden, wiegt keines schwer. O ihr Diener Gottes, ich rate euch zu göttlicher Ergebenheit, denn sie ist dem Menschen sowohl Wegzehrung als auch eine Bastion auf seinem Wege! Wegzehrung, die ausreichend und eine Bastion, die stark genug ist! Er hat den eindringlichsten Rufer152 aufgerufen, Ihm zu folgen, und wer diesen Ruf annimmt, hat eines der besten Herzen; demzufolge hat Sein Rufer seine Botschaft den Menschen zu Gehör gebracht und lässt denjenigen, der dieser Botschaft auch Gehör schenkt, ans Ziel seiner Wünsche gelangen. O Diener Gottes, göttliche Ergebenheit hält Seine Freunde gewisslich davon ab, Verbotenes zu tun und erfüllt ihre Herzen so sehr mit Furcht, dass sie die Nächte schlaflos und die Tage durstig verbringen; sie wählen darum anstelle von Sorglosigkeit lieber Mühsal und ziehen Durst der Sättigung vor. Indem sie ihre „Stunde“ als kurz bevorstehend ansehen, kommen sie ihr durch Handeln und Kraftanstrengung bereits zuvor, und indem sie Begehrlichkeiten dementieren, haben sie den Tod bereits in ihrem Blickfeld. Ja, die Welt ist ein Ort der Vergänglichkeit, der Leiden, der Unbeständigkeit und der Lektionen. Ein Zeichen ihrer Vergänglichkeit ist, dass das Schicksal seinen Pfeil in den Bogen eingespannt hat und diese Pfeile weder ins Leere treffen noch deren Verletzungen heilbar sind. Ununterbrochen nimmt es die Lebenden ins Visier des Todes, die Gesunden ins Visier der Krankheiten und die Friedlichen ins Visier der Plage. Die Welt ist unersättlich wie ein Vielfraß und undankbar, wenn sie ihren Durst gestillt hat! Ihre offenkundigen Leiden bestehen darin, dass sie selbst nicht verwertet, was der Mensch anhäuft, und dass sie es sich selbst nicht bequem macht in dem, was er aufbaut. Danach verlässt er diese Welt zu Gott dem Allmächtigen, ohne Besitz auf die Schultern laden oder ein Bauwerk forttragen zu können. Ein Beispiel für die Unbeständigkeit der Welt ist die Tatsache, dass ein mitleiderregender Mensch urplötzlich den Neid der anderen auf sich zieht und jemand, der gestern noch beneidet wurde, heute Mitleid erregt. Dies wird durch nichts anderes bewirkt als durch Glücksfälle, die keinen Bestand haben und durch Missgeschicke, die einen urplötzlich treffen. Lektionen in dieser Welt bestehen darin, dass der Tod einem Menschen diese Träume genau dann, wenn er nach langen Anstrengungen und langem Warten kurz vor der Erfüllung seiner Wünsche steht, urplötzlich durch seine Anwesenheit zerstört. Dann kann er weder diese Wünsche ganz und gar erreichen noch sich des Erwünschten entledigen. Oh ja, Gott sei gelobt! Wie trügerisch ist doch die irdische Freude, wie dursterregend ihre Frische und wie brennend ihr Schatten! Man kann weder eine Verteidigung aufbauen, um sich vor noch kommenden Ereignissen zu wappnen, noch kann man die Hoffnung hegen, dass die Vergangenheit irgendwann zurückkehrt. Wie erstaunlich nahe stehen doch alle Lebewesen den Toten, denen sie sich im Laufe des Lebens dann anschließen, und wie fern sind gleichzeitig die Toten von den Lebenden, mit denen sie endgültig gebrochen haben. Schlimmer als das Schlechte selbst ist gewiss die Strafe für das Schlechte, und besser als das Gute ist die Belohnung dafür. Alles in der Welt ist dem Rufe und dem Ansehen nach größer als das, was es in Wirklichkeit objektiv ist, während im Jenseits die Realität wesentlich mehr zählt als der Ruf, den es erheischt. So begnügt euch mit dem vermeintlichen Rufe statt mit der Wirklichkeit des Diesseits und mit den Nachrichten aus der verborgenen Welt, doch wisset auch, dass es besser ist, etwas in eurer Welt zu entbehren und es dem Jenseits hinzuzufügen, als etwas vom Jenseits abzuzweigen und stattdessen in eure Welt einzubringen, denn wie viele Menschen haben schon aus der Entbehrung Gewinngezogen und wie viele haben trotz Überfluss den Schaden davongetragen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die euch zu Gebote stehenden Verpflichtungen sich gegenüber den euch auferlegten Verboten in der Überzahl befinden. So lasst die geringfügigen Einschränkungen der Verbote im Gegensatz zur freizügigen Weite des Erlaubten außer Acht, denn euer Auskommen ist gesichert und das, wozu euch geboten wurde, ist gutes Handeln. Möge es deshalb nie so weit kommen, dass ihr eurer Forderung nach dem gesicherten Auskommen den Vorrang vor euren verbindlichen Pflichten gewährt, obschon es eine Tatsache ist, dass euch die Zweifel übermannt haben, die euer Denken durchdrungen haben, und man fast annehmen könnte, es wäre eure verbindliche Pflicht, euren Lebensunterhalt zu verdienen, und das, was Gott gesichert hat, die Pflichten wären, die ihr habt! So ergreift die Gelegenheit zum Handeln und fürchtet das unerwartete Eintreffen des Todes, denn Hoffnung auf Wiederkehr des täglichen Brotes besteht immer, doch auf Wiederkehr des Lebens ist nicht zu hoffen. Jawohl, beim verloren gegangenen täglichen Auskommen gibt es die Hoffnung, dass es sich morgen mehre, jedoch für ein Leben, das gestern verloren gegangen ist, besteht keinerlei Hoffnung auf Rückkehr. Hoffnung soll man an das knüpfen, was noch des Weges kommen wird und aufgeben soll man sie bei dem, was vergangen ist. So „...fürchtet Allah in geziemender Furcht und sterbet nicht anders denn als Muslime.“153

152 d.h. den Propheten Mohammed. 153 Heiliger Koran, 3. Sure, Vers 102.

115

Eine Rede des Imam, gehalten bei der Gebetszeremonie zur Fürbitte um Regen

Oh Herr, vor lauter Wassermangel klaffen überall Risse in unseren Bergen, unser Boden ist von Staub durchsetzt und unser Vieh in seinen Ställen weiß weder ein noch aus. Es klagt wie Mütter, deren Kinder ums Leben gekommen sind und es ist des vergeblichen Hin- und Hertrottens zu den Weideplätzen und des Jammerns an seinen Tränken überdrüssig. Oh Herr, bitte erbarme Dich der Klagen dieser wehklagenden Tiere, des Jammerns dieses weinenden Viehs! Oh Herr, hab Mitleid mit ihrem umherirrenden Suchen und ihrem kläglichen Jammern in ihren Verschlägen! Oh Herr, wir sind zu Dir herausgetreten, da unsere mageren Kameltiere vom Fleische gefallen sind und wie die leibhaftige Hungersnot aussehen, und die Wolken – aus denen wir Hoffnung auf Regen gehabt hatten – trocken und ohne einen einzigen Tropfen abzuregnen, lieblos vorübergezogen sind! In dieser drängenden Not bist einzig Du die Hoffnung für die Bekümmerten und derjenige, der die Bedürfnisse der Wehklagenden zu decken vermag. Wir rufen Dich an, da die meisten Menschen bereits die Hoffnung aufgegeben haben, die Wolken uns den Regen vorenthalten und viele Wiederkäuer schon dahingesiecht sind! Jawohl, zu einer solchen Zeit ersuchen wir Dich noch einmal darum, von unseren schlechten Taten abzusehen und uns für unsere Sünden nicht zu strafen. Breite den Schatten Deiner Barmherzigkeit über unsere Häupter, mit Wolken voller Regen und mit dichten, ergiebigen Güssen, die die Erde in unterschiedlichstem Grün ersprießen lassen, mit so dicken Tropfen, dass sie die ausgemergelten Gestalten zu neuem Leben erwecken und das Verlorengegangene zurückbringen. Oh Herr, wir fordern von Dir Wasser, das Leben spendet und Durst löscht, ohne Einschränkungen und allerorts, rein und selig, genießbar und wachstumsfördernd, einen Regen, der Pflanzen sprießen und Sprösslinge Früchte tragen lässt, und durch den das Grün der Blätter die Augen des Betrachters regelrecht blendet, bis dass Deine ausgezehrten Diener neue Kraft schöpfen und die abgestorbenen Teile Deines Landes das Leben zurückgewinnen! Oh Herr, schenke uns Regen, der die verdorrten Hügel frisch und saftig macht, der die ausgetrockneten Bäche mit Wasserströmen erfüllt und unsere Dörfer ergrünen lässt und sich so Früchte einstellen und unser Vieh neu zu leben anfangen kann, unsere entlegenen Gegenden ein frisches Aussehen bekommen, unsere Wüsten und Ebenen aus Deinen umfangreichen Segnungen und großen Gaben Kraft bekommen, damit die Bedürfnisse der Notleidenden wie auch Deiner herrenlosen Wildtiere gedeckt und der Pulk der Hungrigen wie an einem Zipfel Deiner weiten Tafel beköstigt werden können. Breite den Schatten einer Wolke über unseren Köpfen aus, deren Niederschlag alles mit Feuchtigkeit benetzt, deren Regen dicht und anhaltend strömt, wodurch das Prasseln aufeinander treffender dicker Tropfen eine Hymne auf Deine Segnungen ausbringt – keine Wolke, die trockene Blitze birgt oder deren Winde Kälte und Verzweiflung mit sich bringen – damit sich die von der Dürrezeit in Mitleidenschaft Gezogenen am Grün dieses Regens laben können, die Dürreopfer durch den Segen dieses Regens neu belebt werden. Ja, Du bist es, der genau zur Zeit der Hoffnungslosigkeit Regen schickt und den Schatten seines Segens ausbreitet, denn es ist ob Deiner unumschränkten Herrschaft, dass alle Zeichen Deiner Politik und Deiner Führung Lob verdienen.

116

Über den Tag des Gerichts

Gott hat dem Propheten die Sendung als Rufer zur Wahrheit und als Zeugen für den Lauf der Geschöpfe erteilt. So hat Mohammed begonnen, die Botschaften seines Schöpfers zu verbreiten, ohne dabei der geringsten Trägheit anheim zu fallen oder etwas zu vernachlässigen; unermüdlich widmete er sich dem Jihad gegen die Feinde Gottes, ohne Ausflüchte dabei geltend zu machen: für jeden Gottesfürchtigen ist er der geistige Führer und das Auge und die Fackel für jeden, der Rechtleitung sucht.

In einem weiteren Teil dieser Rede heißt es:

Würdet ihr Kenntnis von dem Wissen erlangen, über das ich verfüge, würdet ihr euch verstört in die Berge oder in die Wüste flüchten, würdet eure Taten beklagen, euch den Schädel und die Brust zermartern und euren Besitz ohne jede Aufsicht und ohne einen neuen Eigentümer zu benennen aufgeben und zurücklassen; jeder von euch würde sein „Ich“ zum Ziel seines Strebens machen – ohne Rücksicht auf irgendjemand oder irgendetwas. Ihr aber habt sämtliche Erinnerungen in Vergessenheit geraten lassen, habt rücksichtslos alle Mahnungen ignoriert und seid in den Abgrund der Irreleitung gefallen, so dass eure geordneten Abläufe auseinander gerissen wurden. Nun habe ich unter euch zu leiden und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass Gott mich von euch trennt und mich mit jenen Leuten vereinigt, die meiner würdiger sind als ihr, eine Gruppe von Menschen mit gutem Denken, die die Wahrheit lieben und annehmen, ohne Unfolgsamkeit oder Aggression, die Vorreiter auf dem Wege (des Tauhid) gewesen und die auf der Grundlage lichter Festen vorausgeeilt sind. So hatten sie das ewige Leben mit wohltuender Würde erlangt. Lasst euch - bei Gott - gesagt sein, herrscht einst jener Sohn von Saqif154 mit seinen wallenden Gewändern und seiner Verderbtheit über euch, wird er eure grünen Ländereien abgrasen und euer Fett zum Schmelzen bringen. Komm ruhig und zeig dich, o Abu-Wazaha155!

117

Über Neider

Nun, weder bringt ihr eure Reichtümer demjenigen dar, der euch diese Reichtümer als Unterhalt gegeben hat, noch opfert ihr euer Leben für ihren Schöpfer! Ihr habt Gott zu einem Vorwand gemacht, vor Seinen Dienern groß dazustehen, aber ihr wahrt in euren gesellschaftlichen Beziehungen zu den Dienern Gottes Sein Ansehen nicht. Nehmt euch ein Beispiel an der Geschichte, denn jetzt – da ihr die Verbindung zu euren engsten Brüdern abgebrochen habt - steht ihr an der Stelle vergangener Gemeinden und an der Schwelle des Abgrundes.

118

Über seine standhaften Anhänger

Ihr seid Verfechter der Wahrheit, Brüder im Glauben, Schilde für Zeiten der Not und der Auseinandersetzung und meine Vertrauten unter den übrigen Menschen; mit euch habe ich die Deserteure niedergeschlagen und erhoffe die Botmäßigkeit derer, die sich uns zuwenden. So unterstützt mich mit eurem Mitgefühl und eurem Wohlwollen, frei von Tücke und bar aller Zweifel, denn meine Führung ist – bei Gott – gegenüber den Menschen selber weitaus wirksamer.

154 Hajjaj Sohn des Youssuf aus dem Stamm der Bani Sagif, der von Abdelmalek Sohn von Marwan zum Herr-
scher über Kufa ernannt wurde und seine Willkürherrschaft 20 Jahre lang ausübte.
155 Lt. Anmerkung von Sayed Razi bezieht sich diese Bezeichnung auf Hajjaj bin Yousuf Saqafi, der hier vom
Imam verächtlich als Vater des „Mistkäfers“ bezeichnet wird.

119

Als er seine Gefährten um sich versammelt hatte und sie zum Jihad aufrief, zeigten sie außer einem langen Schweigen keinerlei Reaktion. Da sprach der Imam — er möge gesegnet sein -: „Was habt ihr, seid ihr stumm?“ Eine Gruppe der Anwesenden erwiderte: „O du Fürst der Gläubigen, wenn du persönlich mitkämst und mit ins Feld zögest, so kämen auch wir mit!“ Da sprach der Imam (S):

Was ist nur in euch gefahren, dass ihr nicht genügend Standhaftigkeit besitzt und die Führung des rechten Weges nicht annehmt? Gehört es sich für mich bei einem so kleinen Kampf denn, persönlich auszuziehen? Bei derartigen Scharmützeln kann man sich damit bescheiden, einen von euren mutigen und kampferprobten Befehlshabern zu schicken, der von mir ausgewählt wird. Nimmer gehört es sich für mich, die Angelegenheiten des Heeres und des Landes, die Staatskasse, die Steuer, die Gerechtigkeit unter den Moslems und die Sorgfaltspflichten gegenüber den Rechten der Rechtsuchenden beiseite zu legen und mit einer Kolonne unter vielen auszuziehen, dann wie ein Pfeil im Köcher umhergewirbelt zu werden, indes die Wahrheit nichts anderes ist, als dass ich wie die Welle des Mühlsteines bin , der sich um mich dreht, und wenn ich mich von ihm trenne, dann verlässt der Stein seine Bahn. Dies ist – bei der Gerechtigkeit Gottes – gar kein guter Vorschlag! Ich schwöre bei Gott, hätte ich nicht die Hoffnung, bei einem noch bevorstehenden erbitterten Aufeinandertreffen mit dem Gegner das Märtyrertum zu gewinnen, so würde ich mein Pferd satteln, für immer von euch fortziehen und bis in alle Ewigkeit – da der Wind aus Nord oder Süd bläst – nie wieder nach euch suchen, denn ihr seid eine aufsässige, nörgelnde und hinterlistige Bande, noch dazu der Gerechtigkeit abhold Es besteht kein Zweifel: solange sich eure Herzen nicht im Gleichklang befinden, ist der größte Teil von euch nicht zu gebrauchen. Gleichwohl hatte ich euch auf jenen lichten Pfad geführt, auf dem niemand – außer jenem Unglückseligen, dessen sicheres Schicksal das Verderben ist – ins Unglück geht. Wer diese Richtung fest und unbeirrt beibehält, für den ist es der Weg zum Paradies, und wer dabei abgleitet, für den wird er ins Fegefeuer führen.

120

Der Imam (S) betont den Führungsanspruch der Familie des Propheten (S) und die Rolle, die sie bei der Wahrung der Einheit und Geschlossenheit der Gemeinde einnehmen kann

Bei Gott - ich schwöre, ich habe bestmögliche Kenntnis darüber erworben, wie Botschaften verbreitet werden, Versprechen eingelöst und Losungen in die Tat umgesetzt werden! Jawohl, das Tor aller Weisheiten und der Strom der Strahlen der prophetischen Sendung befinden sich alle in unserem Besitz, im Besitz des Prophetengeschlechts. Seid euch gewahr der Tatsache, dass es nicht mehr als einen Ursprung für die Quellen der Religion gibt, deren Wege allesamt symmetrisch sind und in die gleiche Richtung führen; wer sich daran hält, der findet Anschluss bei der Karawane der Gerechtigkeit und zieht daraus Nutzen, wer aber nicht folgt und zurückbleibt, der gerät auf einen Irrweg und verfällt in Reue. Nun, so sorgt euch um den Tag, für den man gut gerüstet und ausgestattet sein muss, und an dem die Schleier von den Geheimnissen abfallen. Hat jemand schon von seinem heutigen Denken keinen Nutzen, wie soll er dann eine Hoffnung auf den Geist des noch fernen Morgen setzen? Hütet euch vor dem lodernden, abgrundtiefen Fegefeuer, das von glühendem Eisen geschmückt und von eitrigen Flüssigkeiten genährt wird. Lasst euch gesagt sein: die gute Zunge, die Gott jemandem verleiht, ist weitaus mehr wert als unendliche Reichtümer, die der Hinterlassenschaft eines undankbaren Erben zufallen.

121

Über das Schiedsgericht - Als einer seiner Gefährten sich vor ihm erhob und sagte: „Zu An-fang hast du selber uns davor zurückgehalten, das Schiedsgericht anzuerkennen, und später hast du es uns doch befohlen... wir haben in der Zwischenzeit in der Bredouille gesteckt und wussten nicht, woran wir waren. Wir wissen auch nicht, welcher deiner Befehle der Sache besser zuträglich war!“ Ali (S) schlug sich mit der Handfläche der einen Hand auf den Handrücken der anderen156 und sprach:

Jawohl, dies ist nun der Lohn für den, der sich nicht an die Abmachungen hält! Bei Gott, ich schwöre, hätte ich euch an jenem Tage, als ich euch gebot, Nein zu sagen und nicht anzunehmen, meinen Willen aufgedrängt, der euch zwar nicht behagte, in den Gott aber viel Gutes gefügt hatte, dann hätte ich euch – angenommen, ihr wärt in die gewünschte Richtung gegangen - geführt, hätte euch auf den rechten Weg zurückgebracht, falls ihr abgewichen wärt, und hätte Gewalt angewendet, wenn ihr euch dem widersetzt hättet. Nur in diesem Falle hätten wir eine starke und sichere Position gehabt. Doch leider Gottes, mit welcher Macht und mit welchen Mitteln (hätte ich dies erreichen sollen)? Ich versuche, mit euch die Schmerzen zu heilen, doch seid ihr selbst zu meinem unheilbaren Schmerz geworden, und ich gleiche dem Menschen, der sich einen Dorn eingetreten hat und nun versucht, sich seiner mit Hilfe eines anderen Dorns zu entledigen, obwohl er weiß, dass der eine Dorn den anderen Dorn nur noch tiefer ins Fleisch treibt. O Herr, die Ärzte, die diesen Schmerz157 heilen sollen, sind verzweifelt und diejenigen, die mit Schöpfeimer und Seilwerk Wasser158 aus einem Brunnen in der Absicht ziehen, den Durst der Wüste zu löschen, sind am Ende ihrer Kräfte! Wo sind nur die Kampfgefährten hin, die den Islam mit offenen Armen empfangen hatten, sobald sie nur dazu aufgerufen worden waren? Die sich nicht nur auf das Lesen des Korans beschränkt hatten, sondern ihn auf Schritt und Tritt bei sich führten? Ähnlich passioniert wie sich Kamelstuten ihrer Jungen annehmen waren sie - die Schwerter gezückt - dem heroischen, anziehenden Aufruf des Jihad mit Liebe und Leidenschaft gefolgt und hatten in regelmäßigen, geschlossenen Reihen und in anhaltenden Attacken sämtliche Landstriche dieses Landes von der Verunreinigung durch den Unglauben bereinigt und es der Gerechtigkeit einverleibt. Ein Teil von ihnen war mit dem Tod fortgezogen, ein Teil war am Leben geblieben, ohne dass die Lebenden sich ihres Überlebens gefreut, oder diejenigen, die Märtyrer hingegeben hatten, der Anteilnahme bedurft hätten. Versiegt war der Quell ihrer Augen vom vielen Weinen, eingefallen ihre Bäuche vom vielen Fasten und ausgetrocknet die Lippen vom Beten; nächtliches Wachen (und Beten) hatte ihre Gesichter bleich werden lassen und ihre Aura war gezeichnet von übergroßer Demut. Dies sind meine folgsamen, ebenbürtigen Brüder gewesen und es ist nun an uns, ungeduldig wie Durstleidende ihrem Andenken in der Sehnsucht nach dem Wiedersehen mit ihnen entgegenzufiebern und ihren Trennungsschmerz zu betrauern. Nun, dies ist der Satan, der euch seine unlauteren Wege als lauter hinstellen will und darauf aus ist, jede Faser eurer Religion einzeln zu zerreißen, Uneinigkeit an die Stelle von Eintracht zu setzen und aus eurer Zerrissenheit Feindschaften zu entfesseln. Hütet euch deshalb vor seinen Täuschungen und Verführungen und nehmt Ratschläge und Mahnungen an von jemandem, der sie euch als Gabe darbringt, und behaltet sie stets im Ohr.

122

Eine Rede des Imams (S), gehalten zu der Zeit, da die Kharijiten auf der Ablehnung der (weltlichen) Herrschaft bestanden. Der Imam (S) begab sich in ihr Lager, berief alle zu sich und sprach:

„Seid ihr alle in Siffin gewesen?“ Sie antworteten: „Nein nicht alle, aber ein Teil von uns.“ Dann sprach er: “So teilt euch in zwei Gruppen auf, damit ich zu jeder Gruppe einzeln sprechen kann.“

156 in der Körpersprache des Orients Ausdruck für Zorn, Bedauern, Ärger, u.ä. (d.Üb.).
157 in der Bedeutung von Unwissenheit/Ignoranz.
158 Wasser als Sinnbild des göttlichen Wissens.

Dann rief der Imam (S) dem Volk zu: „Schweigt, und hört meine Worte nicht nur mit den Ohren, sondern mit den Herzen. Wenn ich zwischendurch jemanden um sein Zeugnis bitte, so möge er dieses nach seinem Wissen und Gewissen ablegen!“ Daraufhin begann er gut hörbar zu sprechen und sagte unter anderem: Als sie den Koran bei ihrer hinterlistigen Verschwörung auf die Lanzen spießten, wart ihr es etwa nicht, die gemeint hatten, es wären doch unsere Brüder und Glaubensgenossen, die uns um Verzeihung bitten wollten und auf das Buch Gottes zurückgriffen, um in dessen Schatten Ruhe zu finden, und dass man sich deshalb ihrer Auffassung anschließen und sie nicht unter Druck setzen solle? Ich aber hatte euch gewarnt, dass diese Sache zwei Gesichter habe, wobei der Glaube die Erscheinung sei, die offen sichtbar ist, dass aber Tyrannei und Feindschaft die andere, unsichtbare Seite ausmachten. Am Anfang stehe die Freundlichkeit, am Ende die Reue. Beharrt deshalb auf eure jetzige Meinung und bleibt eurer Linie treu. Beißt die Zähne zusammen und führt den Jihad weiter. Schenkt dem schmählichen Ruf159 keine Beachtung, denn er führt in die Irre, wenn man ihm folgt, und lässt man ihn außer Acht, bringt es dem Rufer selbst Schmach und Schande! Unsere Erfahrung hat diese Auffassung bestätigt, doch habt ihr bedauerlicherweise offen gegen mich aufbegehrt und euch dem Willen des Feindes gebeugt. Ich schwöre bei Gott, hätte ich an jenem Tage die Annahme jenes Vorschlages gegen euer beharrliches Insistieren verweigert, wäre nicht ich für die Konsequenzen zu verantworten gewesen und Gott hätte die Schuld dafür nicht meinem Buch zugeschrieben, und auch jetzt, da ich aufgrund der Interessen der Gemeinde angenommen habe, bin ich wieder im recht und man hat mir Folge zu leisten, denn ich gehe mit dem Koran und seitdem ich das Glück habe, mit ihm vertraut zu sein, war ich keine Minute von ihm fern. Ich bin an Schauplätzen von Kämpfen an der Seite des Propheten Gottes - Gott segne ihn und seine Familie - gewesen, bei denen das Töten von Vätern, Söhnen, Brüdern und Familienangehörigen an der Tagesordnung war. Jedes Unglück, das uns ereilte, bewirkte nichts anderes als uns in unserem Glauben zu bestärken, uns zu motivieren, den Wege der Gerechtigkeit fortzusetzen, unsere Verbundenheit mit der prophetischen Sendung zu fördern und unsere Gelassenheit und unsere Widerstandskraft zu mehren, weitere Verwundungen zu empfangen. Doch heute, da Unstimmigkeiten, Abweichungen, Zweifel und unterschiedliche Auslegungen Einzug in die Religion gehalten haben, sind wir zum blutigen Kampf gegen unsere Brüder im Islam gezwungen. Darum wünschen wir uns, die Kluft zu schließen und die übrig gebliebenen Kräfte des Islam zusammenzubringen; sobald wir ein Mittel gefunden haben, werden wir uns diesem zuwenden und von anderen Lösungswegen absehen.

123

Ein Hinweis des Imams (S) an die Kämpfer in den ersten Momenten der Schlacht

Wenn ihr dem Gegner gegenübersteht muss jeder von euch, der Stehvermögen und Standfestigkeit in sich verspürt, bei seinem Kampfgenossen aber Wehrlosigkeit oder Schwäche bemerkt - in Dankbarkeit darüber, dass er seinem Kameraden überlegen ist - seinen Bruder so verteidigen, als ob es um sein eigenes Leben ginge, denn wenn Gott wollte, würden beide zu einem verschmelzen. Der Tod ist gewiss ein ernsthafter Sucher, der keinen Zurückbleibenden aus dem Auge verliert und auch nie außerstande gerät, die vor ihm Flüchtenden aufzuspüren. Aus dieser Sicht ist zweifellos der Märtyrertod der Tod, der den größten Wert hat. Ich schwöre bei dem, der die Seele von mir, dem Sohn von Abi Taleb, in seinen Händen trägt: es fällt mir leichter, die Verletzungen von eintausend Schwerthieben zu verkraften, als auf einer Ruhestatt zu sterben, was mit der Sache Gottes nichts gemein hat.

Ein Teil der gleichen Ansprache:

Es erscheint mir, als ob ihr euch – ohne der Gerechtigkeit zum Durchbruch verholfen zu haben oder der Tyrannei den Weg versperrt zu haben – zurückzieht und rückwärts kriecht wie Alligatoren es tun! Die Wahl liegt nun bei euch: entweder die Trennung von demjenigen, der das Risiko trägt160, oder aber die Vernichtung dessen, der seinen Mantel nur nach dem Winde hängt!

159 Anspielung auf Mo’awiyeh bzw. Amr bin A’s. 160 d.h., von meiner Person.

124

Eine Rede des Imams (S) zur Mobilisierung seiner Gefährten

Platziert die Harnischträger in den vorderen Reihen und die übrigen Truppen zu ihrer Unterstützung dahinter. Beißt die Zähne zusammen, damit ihr so die Widerstandskraft eurer Schädel gegenüber den Schwerthieben stärkt. Weicht den Lanzen nach rechts und links aus, denn dadurch gleiten die Lanzenspitzen des Feindes ab und entfalten so weniger Wirkung. Schlagt die Augen nieder, denn das gibt euch größeren Halt vor den Schwierigkeiten und verleiht den Herzen Festigkeit. Haltet mit dem Reden inne und lasst eure Stimmen ersterben, denn das hat einen entscheidenden Einfluss darauf, Schwächen auszumerzen. Haltet das Banner aufrecht und lasst es nie allein. Überlasst es niemandem sonst außer den Tapferen und Heldenmütigen unter euch, die im Gefecht mit dem Gegner eure Ehre und euer Ansehen schützen, denn einzig diejenigen, die den bitteren Realitäten des Krieges gelassen ins Auge se-hen, scharen sich um ihr Banner und bilden einen schützenden Kreis darum; sie ziehen sich nicht zurück, damit es nicht dem Feind in die Hände fiele, und sie überholen es auch nicht, damit es nicht allein inmitten des Feindes zurückbliebe. Jeder muss mit seinem eigenen Gegner fertig werden und seinen kämpfenden Bruder als völlig gleichberechtigt ansehen; es soll nicht vorkommen, dass einer seinen Gegner seinem Bruder überlässt und ihn so gleich mit zwei Gegnern allein lässt. Bei Gott, ich schwöre, wenn ihr auch vor den Schwertern dieser Welt flüchtet, doch vor dem Schwert des Jenseits gibt es kein Entkommen für euch. Ihr seid die Auserwählten unter den Arabern und die angesehensten Ranghöchsten dieser Rasse. Rückzug bedeutet ohne Zweifel den Zorn Gottes und bringt für immer Erniedrigung und ewige Schande mit sich; wer den Rückzug antritt kann damit we-der seinem Leben einen einzigen Augenblick hinzufügen, noch kann er ein Hindernis zwischen sich und dem Tod aufbauen. Die den Märtyrertod herbeisehnenden Glaubenskämpfer eilen Gott entgegen wie Durstige, die sich auf Wasser stürzen. Das Paradies liegt in den gleißenden Blitzlichtern der Lanzen. Heute werden die Dinge einer Bewertung unterzogen und erprobt161, und ich schwöre bei Gott: größer noch als die Begierde des Gegners, Haus und Hof wiederzusehen, ist mein Verlangen, auf den Feind zu treffen.

125

Eine Rede des Imams (S) als Antwort auf die Kharijiten und deren Haltung zum Schiedsgericht, seine Gefährten für die Annahme des Schiedsgerichts rügend

Wir haben nicht Menschen, sondern einzig und allein den Koran als Schlichter akzeptiert, und dieser Koran ist etwas Geschriebenes inmitten von zwei Einbanddeckeln; er selbst vermag nicht zu sprechen, es bedarf eines Kommentators zu seinem Verständnis und es sind einzig Menschen, die in seinem Auftrag sprechen. Da uns diese Gruppe also dazu aufgerufen hat, den Koran als Schlichter gelten zu lassen, wollten nicht wir uns vom Koran abkehren162, denn Gott der Erhabene spricht: „Und so ihr in etwas uneins seid, so bringet es vor Allah und den Gesandten“163 Eine Sache vor Gott zu bringen bedeutet, ein Urteil nach Seinem Buch zu fällen, und eine Sache vor den Propheten zu bringen bedeutet, der Sunna zu folgen. Wird nun wahrhaftig auf der Grundlage des Buches Gottes geurteilt, dann sind wir diejenigen, die die Entscheidung am meisten verdienen, und wird basierend auf der Sunna des Gesandten Gottes – Gott segne ihn und seine Familie - geurteilt, dann sind wiederum wir diejenigen, die am ehesten in Frage kommen. Wenn ihr aber fragt, warum ich beim Schiedsgericht eine gewisse Frist als Bedenkzeit gesetzt hatte, dann sage ich euch, dass der einzige Sinn dafür war, dem Unwissenden noch Gelegenheit zu geben; sich zu erkundigen und die Dinge zu hinterfragen, und dem Wissenden Gelegenheit zu geben, sich seiner Sache noch sicherer zu werden. Möge Gott die Angelegenheiten der islamischen Gemeinschaft regeln, und mögen die Menschen nicht so sehr in Bedrängnis geraten, dass sie bei ihrer Suche nach

161 Hinweis auf Heiliger Koran, 47. Sure, Vers 31. 162 Hinweis auf Heiliger Koran, 24. Sure, Vers 48. 163 Zitat Heiliger Koran, 4. Sure, Vers 59.

Gerechtigkeit in Übereiltheit verfallen und mit den ersten Anzeichen von Täuschung auf die Irreführung hereinfallen. Vor Gott ist der erhabenste Mensch gewiss derjenige, dem mehr daran gelegen ist, der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen als dem Unrecht, auch wenn ihm die Durchsetzung der Gerechtigkeit Entbehrungen oder Nachteile bringt und wenn das Unrecht einträglicher für ihn wäre oder größeren Nutzen brächte. So seht doch, wie ihr gegenwärtig von Verwirrung heimgesucht werdet, und woher ihr es dereinst so weit gebracht habt! Seid darauf vorbereitet, euch auf Menschen zuzubewegen, die keinerlei Ahnung von Wahrheitsfindung und keinen Blick dafür haben; sie stecken tief im Morast der Missetaten fest und kommen nicht mehr hinaus. Sie sind mit dem Buch auf Distanz gegangen und sind vom rechten Wege abgekommen! Doch leider kann man weder euch vertrauen noch sich auf euch verlassen und ihr seid auch keine Gefährten, die man um Hilfe bitten kann. Ihr seid schlecht dazu geeignet, das Feuer des Kampfes gegen die Tyrannen zu entfachen. Verflucht mögt ihr sein, ich habe eure Unzulänglichkeiten ein für allemal satt! An einem Tage rufe ich euch laut zu Hilfe, am andern Tag setze ich mich zu vertraulichen Gesprächen mit euch hin, doch ihr seid weder eigenständig genug, euch auf diese Aufrufe hin zu erheben, noch seid ihr als Brüder verlässlich genug, Vertrauliches auch für euch zu behalten.

126

Eine Rede des Imams (S), gehalten zu einem Zeitpunkt, als er wegen der Wahrung des Grundsatzes der Gleichheit bei der Verteilung von Anteilen der Staatskasse kritisiert wurde

Wollt ihr mich etwa dazu bringen, den Sieg auf Kosten derer zu erringen, für die ich die Verantwortung trage? Ich schwöre bei Gott, solange sich das Schicksalsrad dreht und die Himmelssterne ununterbrochen ihre Bahn ziehen, werde ich mich keiner solch unwürdiger Tat befleißigen. Selbst wenn dies mein privater Besitz wäre, würde ich bei der Aufteilung Gleichheit walten lassen, und erst recht, wenn es der Besitz Gottes ist! Lasst euch gesagt sein: an der Verteilung der Güter zu anderen Zwecken als angemessen erkennt man die eindeutigsten Zeichen von Vergeudung und Verschwendung, was dem Geber zwar eine erhöhte Position in der Welt verschafft, ihn aber vor Gott erniedrigt. Es ist unmöglich, dass jemand sein Vermögen ungerechterweise denen vorwirft, die es nicht verdienen, ohne dass ihm sein Gott deren Dank versagt und sich deren Freundschaft auf andere richtet, so dass sie sich – sollte er eines Tages aus dem Tritt geraten und dann ihrer Hilfe und Zuwendung bedürfen – als seine schlechtesten Kameraden und gemeinsten Freunde herausstellen werden.

127

Eine weitere Rede des Imams (S) zu den Kharijiten

Angenommen, ihr wollt euch nicht nur darauf beschränken, mich als Übeltäter hinzustellen, aber weshalb haltet ihr dann gleich die ganze Moslemgemeinde von Mohamed – Gott segne ihn und seine Familie – für fehlgeleitet und gebt mir die Schuld dafür, dass ihr sie als Ungläubige anseht? Ihr schultert eure Schwerter, lasst sie beliebig auf mehr oder minder gerechte Stellungen niedersausen und werft Schuldige wie Unschuldige alle in einen Topf? Und ihr wisst sehr wohl, dass der Gesandte Gottes – Gott segne ihn und seine Familie – den Ehebruch von Verheirateten durch Steinigung ahnden ließ, dann aber selber für deren Seele betete und ihr Erbe ihren Familien übergab. Die Hinterlassenschaft eines Mörders stellte er nach dessen Hinrichtung dessen Erben zur Verfügung. Einem Dieb ließ er die Hand abschlagen und unverheiratete Ehebrecher körperlich züchtigen, doch seinen Anteil an der Kriegsbeute teilte er jedem zu. Auf diese Art setzte der Gesandte Gottes – Gott segne ihn und seine Familie – das Strafmaß für Gesetzesbrecher je nach der Schwere ihres Vergehens fest und brachte die in Bezug auf sie geltenden göttlichen Gesetze zur Anwendung, ohne sie jedoch ihres Anteils, der ihnen im Islam zustand, zu berauben, oder ihren Ruf, den sie in ihrer Umgebung hatten, auszulöschen. Ihr aber seid von der übelsten Sorte, treibt euch im Tal des Teufels herum und seid zu dessen Handlangern geworden! Wisset, dass in nicht ferner Zukunft zwei Gruppen von Leuten aus unserer Gemeinde in Bezug auf meine Person ins Verderben stürzen werden: zum einen die, die extremer Verehrung frönen und damit vom Wege der Wahrheit abkommen, und zum anderen die Hasserfüllten, die der Hass auf Abwege bringt. Die beste Form der Verbindung zu mir entsteht durch diejenigen, die einen gemäßigten Mittelweg beschreiten. Beschreitet auch ihr gemeinsam mit ihnen diesen Weg und richtet euch immer nach der großen Mehrheit des Volkes, denn Gott hält seine Hand über die Gemeinschaft. Enthaltet euch der Grüppchenbildung, denn Einzelgänger fallen Satan zu, wie von der Herde getrennte Schafe Wölfen zum Opfer fallen. Achtet von jetzt ab darauf, denjenigen zu töten, der solche Losungen verbreitet, selbst wenn sich dieser unter meinem Turban verbergen sollte. In Wirklichkeit war es nicht anders, als dass die Schlichtung den beiden Personen übertragen wurde, um zu beleben, was der Koran mit Leben erfüllt hat, und um ersterben zu lassen, was der Koran zum Sterben verurteilt hat. Die Belebung des Korans anders als durch Einigkeit auf seiner Grundlage macht keinen Sinn, während das Ersterben des Korans nichts anderes heißt, als Abschied von ihm zu nehmen. Wenn der Koran uns nun zu ihnen führt, werden wir ihnen nachfolgen, und wenn er sie zu uns führt, dann ist es für sie eine verbindliche Pflicht, uns Folge zu leisten. Also, ihr Ehrlosen, nicht ich habe das Böse erschaffen, nicht auf Heimtücke und List zurückgegriffen und euch nicht ins Übel gestürzt. Es war doch nur so, dass eure Führer die zwei als Schlichter erwählt hatten und wir nur unter der Bedingung einverstanden waren, dass sie die Grenzen des Korans nicht überschreiten, ihr Handlungsspielraum also nur innerhalb seiner Grenzen liege, doch sie haben sich von der Führung durch den Koran entfernt und die Gerechtigkeit sehenden Auges aufgegeben; und da sie zur Unterdrückung anderer neigten, fuhren sie auf dieser Basis fort, doch haben sie sich geirrt, denn damit sie keine Gelegenheit für Unterjochung und Missgunst finden konnten, waren sie beim Schiedsspruch ja gerade der Wahrung der Gerechtigkeit und der Forderung nach Wahrheit verpflichtet!

128

Worte des Imams (S), den Einfall der Äthiopier164 vorhersehend

O Ahnaf165! Er erscheint vor mir, wie er ein Heer mobilisiert hat, das bei seinem beispiellosen Angriff keinen Staub aufwirbelt und auch kein Lärm und kein Pferdewiehern vernehmen lässt. In furchteinflößender Stille setzt es seine Tritte auf den Boden, Straußenvögeln gleich, den Staub unter ihren Zehen begrabend. Nach der Invasion der Eindringlinge, die weder ihre Toten beklagen noch ihre Vermissten suchen, ist über den Dächern und Zinnen eurer feinen Häuser und Schmuckpaläste - deren Zinnen Geierflügeln und deren Dachrinnen Elefantenrüsseln ähneln - schon jetzt das Wehklagen der Zerstörung zu hören. Ich bin es, der die Welt mit ihrem Antlitz zu Boden gedrückt hat, ihr nicht mehr Wert beigemessen hat als nötig und sie mit keinem Blicke gewürdigt hat, außer mit dem, den sie verdient.

Die Fortsetzung dieser Rede, den Mongolensturm166 vorausschauend

Ich sehe sie vor mir mit Gesichtern wie lederverbrämte Schilde, in Gewändern aus Seide und auf reinrassigen, schnellen Pferden, ebenso ein so gewaltiges Blutvergießen, dass die Verwundeten sich über die Leichen der Gefallenen schleppen und die Zahl der Deserteure bei weitem geringer ist als die der Kriegsgefangenen. Einer der Gefährten des Imams sprach verwundert: „O Fürst der Gläubigen, dir ist gewiss das Wissen um das Verborgene zuteil geworden!“

164 Ali bin Mohammed war ein Aufständischer unter Mohtadi Billah (um 876 n.Chr.), der die Armen aus den Vororten Basras mobilisierte, in Basra einfiel und innerhalb von nur zwei Tagen 30.000 Menschen tötete. Er gehörte der kharijitischen Sekte der Azariq an und gab vor, ein direkter Nachfahre des Propheten zu sein, was widerlegt wurde. Demzufolge entstammte sein Vater aus dem Stamme der Abdul Qais und war als Sohn einer äthiopischen Dienstmagd zur Welt gekommen. 165 Ahnaf war einer der Gefährten von Imam Ali aus dem Stamme der Bani Tamim. 166 die berüchtigten Tatarenstämme aus der Mongolischen Wüste im Nordwesten Turkistans, die im 13. Jh. von Tschingis Khan geeint wurden.

Mit einem Lächeln antwortete Imam Ali dem Manne aus dem Stamm der Kalb: O Bruder von den Kalb, dies sind keine Worte über verborgenes Wissen, sondern von einem Gelehrten erworbenes Wissen. Das Wissen vom Verborgenen ist das Wissen von der Stunde der Auferstehung und dem, was Gott der Allmächtige selbst so formuliert hat: „Siehe, Allah – bei Ihm ist das Wissen von der ‚Stunde’; und Er sendet den Regen herab, und Er weiß, was in den Mutterschößen ist; und keine Seele weiß, was sie morgen gewinnen wird, und keine Seele weiß, in welchem Lande sie sterben wird. Siehe, Allah ist wissend und kundig.“167 Auf diese Art weiß nur Gott der Glorreiche, was in den Schößen ist – ob Mädchen oder Junge, ob hübsch oder hässlich, ob freigebig oder geizig, glücklich oder unglücklich, und wer zum Brennholz für das Fegefeuer oder zum Vertrauten des Propheten im Paradies wird. All dies sind Dinge des Wissens vom Verborgenen, von denen niemand weiß außer Gott, und alles andere darüber hinaus ist Wissen, das Gott Seinem Propheten - Gott segne ihn und seine Familie – gelehrt hat, und das dieser dann an mich weitergab und dafür betete, dass meine Brust all dies fasse und verstünde, und es in ihrem Innersten bewahre.

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Eine Rede des Imams (S) über Werte und Gewichtungen

O ihr Gottesdiener, ihr und alle euren irdischen Wünsche seid Gäste, denen eine bestimmte Zeit gewährt wird, und ihr seid Schuldner, denen eine gewisse Frist gesetzt ist. Diese Frist wird zunehmend kürzer und die Taten bleiben registriert. Doch wie viele Bewegungen laufen dann ins Leere und wie viele Bestrebungen bringen nichts als Schaden; ihr befindet euch in einer Zeit und in einem Umfeld, wo das Gute sich jeden Augenblick weiter zurückzieht und das Böse auf dem Vormarsch ist! Satans Gier nach dem Verderben der Menschen wächst stetig an, denn hier nun haben wird die kritischen Momente, dass seine Möglichkeiten an Kraft gewinnen, das Ausmaß seiner Verschwörung zunimmt und ihm das Gewünschte zur leichten Beute wird. Richte deinen scharfen Blick auf wen du willst, was kannst du sehen? Etwas anderes als einen Armen, der versucht, der Not zu entrinnen, oder als einen Mächtigen und Reichen; der die Gunst Gottes ignoriert, oder einen Geizigen, der annimmt, Wohlstandsmehrung sei Geiz gegenüber dem, was Gott zusteht, oder einen unverbesserlichen Gesetzesbrecher, der scheinbar kein Ohr für gute Ratschläge hat? Wo sind also eure tugendhaften und wohlmeinenden Leute hin, die Freidenker und Wohltäter? Wo sind diejenigen, die fromm ihren Geschäften nachgegangen sind und bei der Wahl ihrer intellektuellen und politischen Linie strengste Reinheit haben walten lassen? Sind sie nicht schon alle aus dieser unwürdigen Welt und aus diesem kurzen und unvollkommenen Leben fortgezogen? Und stützt ihr euch jetzt nicht an ihrer Stelle auf das, worauf sie sich gestützt hat-ten, inmitten all des Abschaums, der so wertlos und schaudererregend ist, dass nicht einmal menschliche Lippen zu dessen Verdammung ansetzen? „Siehe, wir sind Allahs, und siehe, zu Ihm kehren wir heim.“168 Das Laster hat sein Haupt erhoben, doch niemand steht auf, um es abzulehnen oder es zu ändern und auch kein einziger Aufschrei der Empörung gegen das Laster ist zu vernehmen. Glaubt ihr trotzdem, dass euch einmal der (kühle) Schattenplatz Gottes in dessen Heiligen Haus zuteil wird und ihr zu Seinen liebsten Freunden zählen werdet? Nie und nimmer, denn man kann Gott - um in Sein Paradies zu gelangen – nicht täuschen, und man hat sich notgedrungen Seinem Willen unterzuordnen, um Seine Zufriedenheit zu erwerben. Der Fluch Gottes sei mit denjenigen, die das Gute gebieten, es selbst aber vernachlässigen, und die das Schlechte verwehren, doch selber Schlechtes tun.

167 Heiliger Koran, 31. Sure, Vers 34. 168 Heiliger Koran, 2. Sure, Vers 156.

130

Worte des Imams (S) bei der Begleitung von Abu Zar in die Verbannung nach Rabza169

O Abu Zar, du bist Gottes wegen in Zorn geraten, so mache auch Gott - für den du dich erzürnt hast - zur einzigen Stütze deiner Hoffnung. Diese Leute fürchten dich, weil sie um ihre Welt fürchten und du fürchtest sie, weil du um deine Religion fürchtest. Dann überlasse ihnen das, worum sie bei dir bangen müssen und nimm Abstand von ihnen wegen der Dinge, um die du von ihrer Seite bangst, denn wie dringend nötig haben diese Leute doch das, was du ihnen vorenthältst, und wie wenig brauchst du das, was sie dir entziehen! Und es wird nicht lange dauern, bis du morgen erkennst, wer den eigentlichen Nutzen davongetragen hat und wer dann die Neider auf seiner Seite hat! Wenn Himmel und Erde einen der Gottesdiener in die Mangel nehmen und er der göttlichen Ergebenheit auch weiterhin die Treue hält, dann öffnet Gott ihm zwischen Himmel und Erde immer einen Ausweg. Gewöhne dich deshalb nie an etwas anderes außer an Gerechtigkeit und flüchte dich vor nichts anderem als vor dem Unrecht, denn wenn du ihre Welt akzeptiert hättest, wären sie dir freundschaftlich gewogen gewesen, so wie sie dir auch Sicherheit gewährt hätten, wärst du an ihrer Welt beteiligt gewesen.

131

Über die Eigenschaften eines Regenten

Oh ihr zerstreuten Seelen und uneinigen Herzen, die ihr körperlich wohl anwesend seid, doch deren Verstand abwesend ist! Ich treibe euch geradewegs auf die Wahrheit zu, doch ihr flüchtet vor ihr wie verschreckte Ziegen vor dem Gebrüll eines Löwen! O weh, wie kann ich mit euch nur der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen oder aber die Unebenheiten der Wahrheit begradigen! Oh gütiger Gott, Du weißt nur allzu gut, dass für uns nicht der Wunsch nach Macht und mehr Reichtum das bestimmende Motiv der kriegerischen Auseinandersetzungen gewesen ist, denn was immer geschah, es diente nichts anderem als der Rückführung der Zeichen Deiner Religion und der Besserung Deiner Hoheitsgebiete, auf dass Deine von Tyrannei geplagten Diener Sicherheit fänden und Deine in Aussetzung befindlichen Normen wieder durchgesetzt würden. Oh gütiger Gott, ich bin der Erste, der sich zu Dir hingewendet hat, ich habe zugehört, bejaht und zugestimmt. Niemand außer dem Propheten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – ist mir im Beten überlegen. Ihr wisst sehr wohl, dass es niemals angebracht wäre, die Verfügungsgewalt über Ehre, Blut, Errungenschaften, Gesetze und Führung der Moslems einem Habgierigen zu erteilen, der moslemisches Hab und Gut zum Tummelplatz seiner Habsucht macht; ebenso keinem Ungebildeten, der die Menschen mit seiner Ignoranz in die Irre führt, und keinem Tyrannen, der sich durch seine Willkürherrschaft vom Volk entfernt; keinem Machthungrigen, der politische Veränderungen und Machtwechsel fürchtet und sich der Kollaboration einer speziellen Gruppe unter euch bedient; keinem Korrupten, der die Gesetze mit Füssen tritt und in jeder Phase danach trachtet, den rechtmäßigen Ablauf der Dinge zu unterbinden, und auch niemandem, der die Sunna zu unterbrechen sucht und so die Moslemgemeinde ins Verderben stürzt.

132

Über den Tod

Wir danken Gott für alles, was Er gibt und nimmt, für all Seine Güte und die Bewährungsproben, die Er uns stellt, Ihm, der im Bereich des Sichtbaren und des Verborgenen, mit jedem sichtbaren wie un

169 Ein kleines Dorf östlich von Medina, aus dem Abu Zar stammte und in dem er in völliger Mittellosigkeit in der Verbannung starb.

sichtbaren Phänomen stets präsent ist und Kenntnis hat von im Innern verborgenen Dingen ebenso wie von verstohlenen Blicken! Und wir legen Zeugnis ab davon, dass niemand außer Ihm wahrer Anbetung würdig ist und dass Mohammed - der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie - Sein Auserwählter und Entsandter ist - ein Zeugnis, bei dem Inneres und Äußeres, Herz und Zunge übereinstimmen. Bei Gott, ich schwöre, dies ist weder Scherz noch Unwahrheit, sondern mein voller Ernst und nichts als die Wahrheit. Ich erstrebe nichts außer den Tod, dessen einladender Ruf gut vernehmbar ist und den die Eile treibt. Möge es also nie soweit kommen, dass dich eine große Anhängerschaft zu Hochmut und Selbstentfremdung verleitet, denn damit hast du das Geschick derer vor dir, die aus Furcht vor Armut und für schlechte Zeiten riesige Reichtümer angehäuft hatten und die auf der anderen Seite keine Angst vor den Folgen ihres Handelns hatten, sondern sich im Gegenteil in Sicherheit wiegten, indem sie sich ihren langfristigen Wunschträumen hingaben und dachten, der Tod sei noch weit entfernt, und die geglaubt hatten, es gäbe noch ausreichend Gelegenheit, und du hast erlebt, wie der Tod sich auf Leute wie sie gestürzt hat, sie aus ihrer angestammten Heimat herausriss und sie genau dort, wo sie sich sicher gefühlt hatten, am Kragen gepackt hat. Diese bedauernswerten Kreaturen liegen nun dem Tod auf den Brettern, Männer tragen sie auf ihren Händen, geben sie von einer Schulter zur anderen und umfassen mit ihren Fingerkuppen fest die Füße ihrer Särge. Habt ihr nicht mit eigenen Augen die Leute gesehen, die sich langfristige Wunschträume in den Kopf gesetzt hatten, Paläste errichten ließen, große Besitztümer anhäuften, wie letztlich Gräber zu ihrer Heimstatt wurden, ihre Besitztümer zerrannen, ihre Habe an Erbschleicher überging und ihre Ehepartner sich anderen antrauten, ohne dass sie die Chance gehabt hätten, ihren guten Taten weitere hinzuzufügen oder für die schlechten um Vergebung zu bitten. Ja, wer sich fromme Ergebenheit tief in sein Herz pflanzt, der ist ein Vorreiter, der in seiner ganzen Güte leuchtet und dessen Schaffen von Erfolg gekrönt wird. So macht euch die Lorbeeren frommer Ergebenheit zueigen und fangt an so zu handeln, dass ihr den Weg ins Paradies findet, denn diese Weltist nicht auf ewig als eure Wohnstatt erschaffen, sie ist vielmehr ein Ort des Übergangs, an dem ihr mit würdigen Taten die Wegzehrung für die Reise in die ewige Wohnstatt aufnehmen könnt; bemüht euch in diese Richtung, seid unentwegt auf dem Sprung und haltet eure Gefährte bereit, wenn der Zeitpunkt gekommen ist aufzusteigen und fortzuziehen.

133

Über die Großartigkeit Gottes

Diesseits und Jenseits haben alle ihre Fäden an Ihn übergeben, Himmel und Erde haben Ihm ihre Geheimnisse und Schlüssel überlassen und das Grün der Bäume, jeder Morgen und jeder Abend gehen ehrfürchtig vor Ihm auf die Knie; aus Verlangen nach Ihm blitzen züngelnde Flammen im Astwerk auf und zieren auf Sein Geheiß eine Festtafel mit reifen, vielfarbigen Früchten.

Der Koran

Er ist die Schrift Gottes, für die die Last der Verantwortung auf euren Schultern ruht; er ist ein Redner mit epischer Zunge, eine Ordnung mit immerwährenden Grundfesten und ein Eroberer mit unschlagbaren Kampfgefährten.

Der Prophet (S)

Gott hat ihn mit Seiner Mission zu einer Zeit betraut, da der Lauf der prophetischen Sendung sich in einer schweren Krise befand und Natternzungen das Feuer des Krieges entfachten. So machte Er ihn zum wahrhaftigen Nachfolger des Weges der Propheten und vollendete mit ihm Seine Offenbarungen. Und es begab sich, dass er sich gegen alle Kräfte der Reaktion und des Abweichlertums zum Kampf um das Einssein Gottes erhob.

Die Welt Für die Unwissenden ist die Welt eine Sackgasse, über die sie nicht hinausblicken können, doch für den Sehenden rückt - eingedenk des Grundsatzes, dass die andere Welt seine wahre Heimstatt ist - auch das ins Blickfeld, was sich jenseits dieser Welt befindet. Demzufolge richtet der Wissende seinen Blick vom Irdischen ab, während den Unwissenden die Sicht auf das Irdische fesselt. Der Wissende nimmt seine Wegzehrung nur von der Welt auf, der Unwissende tut dies für die Welt. Wisset, dass alles in dieser Welt für seinen Besitzer zur Ursache von Übersättigung und Verdruss wird

-mit Ausnahme des Lebens selbst - weil man im Tod keine Ruhe finden kann. Aus dieser Sicht heraus kann man nur die göttliche Weisheit als gleichrangig mit dem Leben einstufen, denn sie verleiht dem toten Herzen eine Seele, dem blinden Auge Sehkraft, dem tauben Ohr Hörvermögen und stillt den Durst der schmachtenden Seele, denn sie vereint in sich sämtliche Bedürfnisse und alles Wohl. Es ist das Buch Gottes, welches euch zum Sehen verhilft, euch beredt und hörend werden lässt, ein Buch, bei dem der eine Teil den anderen erläutert und ein Abschnitt Zeugnis für den anderen ablegt. Bei der Verdeutlichung Gottes ergeben sich keine Widersprüche in ihm, die seinen Wegbegleiter vom Wege Gottes ablenken würden. Alle seid ihr euch jetzt einig in eurer feindseligen Gesinnung, und zwar derart, dass ihr in eurem heuchlerischen Verhalten Gewächsen ähnelt, die auf Dung gedeihen. Eure freundliche Seite dreht sich um niedere Begierden und auf der Suche nach mehr Reichtum nährt ihr den Hass. Jener verabscheuungswürdige Feind170 hat euch gewiss den Kopf verdreht und Hochmut hat euch auf Abwege geraten lassen; und ich erbitte für mich und für euch Gottes Hilfe, damit wir das Ego besiegen.

134

Die Antwort des Imams (S) an Omar, als er wegen dessen Teilnahme an der Schlacht gegen die Römer um seinen Rat befragt wurde

Es stimmt, dass Gott die Gewähr übernommen hat, dem Territorium der Anhänger dieser Religion Glanz und Größe zu verleihen und deren Schwächen zu überdecken. Der, der sie gestern verteidigte und zum Sieg führte - obgleich sie von sich aus nicht über die Fähigkeit zur Verteidigung und zur Erringung des Sieges verfügt hätten – ist Gott, der für immer lebendig ist und nimmer stirbt. Marschierst du nun selbst auf den Feind zu und gehst du bei der Konfrontation mit ihm zugrunde, so kannst du den Moslems in den entferntesten Landesteilen keinen Beistand mehr leisten und musst sie führerlos zurücklassen. Also solltest du dir einen kampferprobten Mann suchen und ihm Männer mit schöngeistiger Gesinnung zugesellen, die sich in allen Lebenslagen auskennen, und sie gegen den Feind entsenden. Lässt Gott sie siegreich sein, wird eintreten, was du gewollt hast, doch kommt es anders, so seiest du den Moslems Rückhalt und Stütze.

135

Zwischen dem Imam (S) und Osman war es zum Wortwechsel gekommen. Moghayrat Ibn Akhnas171 mischte sich ein und sprach zu Osman:"Ich werde schon mit ihm fertig, um dich zu verteidigen!" Der Imam (S) wandte sich Moghayrat zu und sprach:

O du Ausgeburt eines Verfluchten, der mit dir keinen wahren Nachkommen172 gezeugt hat - du bistwie ein Baum ohne Wurzel und ohne Äste - du willst es mit mir aufnehmen? Bei Gott, wer immer sich eines Gehilfen bedient, wie du es bist, dem möge Gott sein Wohlwollen entziehen, und wer immer sich auf dich verlässt, der hat bereits verloren! Verlasse unsere Runde, möge Gott Seine Gunst für dich

170 d.h. Satan.
171 gehörte zu denen, die Kalif Osman treu ergeben waren. Sein Bruder Abul Hakam Ibn Akhnas war in de
r
Schlacht um Uhud durch die Hand des Imams gefallen und sein Vater gehörte zu denen, die zur Zeit der Erobe-
rung Mekkas den Islam zwar angenommen hatten, in ihren Herzen jedoch Häretiker blieben. Aus diesem Grund
belegt der Imam ihn mit diesen Worten.
172 männlichen Geschlechts.

in alle Winde zerstreuen173! Und versuche dich in der Auseinandersetzung mit mir all dessen zu bedienen, was in deiner Macht steht, denn auch wenn du etwas auslässt, Gott wird bei dir nichts auslassen.

136

Über die Aufrichtigkeit seiner Absicht und die Unterstützung der Unterdrückten

Ihr seid nicht gerade dazu überrumpelt worden, den Treueid auf mich zu leisten und ihr geht insofern nicht konform mit mir, weil ich euch für Gott möchte, ihr mich jedoch für euch selbst! O ihr Menschen, gebt mir Unterstützung gegen eure Egos! Bei Gott sei es geschworen, dass ich Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen Unterdrücker und Unterdrückten herstellen und den Tyrannen an den Born der Gerechtigkeit zerren werde, selbst dann, wenn ich ihm dadurch Unannehmlichkeiten bereiten sollte...

137

Über Talhah und Zubayr

Bei Gott, Talhah, Zubayr und deren Gefolgsleute können in meinem Leben weder negative Aspekte finden um sie zu bemängeln, noch lassen sie sich in ihrem Verhältnis zu mir von Gerechtigkeit leiten. Sie suchen nach dem Recht, das sie selbst aufgegeben haben und sie reden von dem Blut, das sie selbst vergossen haben, denn auch wenn ich daran beteiligt gewesen sein sollte, so haben sie auf jeden Fall ihren Anteil daran, und wenn sie für das Blutvergießen an Osman allein verantwortlich sind, so müssen sie auch allein dafür gerade stehen. Der erste Schritt zur Herstellung von Gerechtigkeit muss in jedem Falle darin bestehen, dass sie sich selbst dafür verurteilen. Nun, ich habe jedenfalls meine eigene Sichtweise. Weder verschleiere ich die Wahrheit noch lasse ich mich durch etwas verschleiern. Dies ist zweifellos eben die aufsässige Gruppe, die aus der Lästerzunge (Talhah) und dem Egozentriker (Zubayr) besteht, welche die Atmosphäre mit Zweifeln vergiften und nun da die Sache nicht mehr verworren ist, wird es nicht mehr lange dauern, bis die Unwahrheit mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist und das Lästermaul aufhören wird, der Unzucht Vorschub zu leis-ten und das Böse zu schüren. Ja, bei Gott, ich werde diese Intriganten in einen solchen Strudel hineinversetzen, dem nur ich das Wasser zu entziehen vermag; weder werden sie je ohne Durst daraus herauskommen noch werden sie je Wasser aus anderer Quelle aufnehmen können.174 Ihr seid diejenigen gewesen, die auf mich eingestürmt sind - wie Kamelstuten, die zu ihrem Neugeborenen eilen - und unentwegt gerufen haben, wir wollen dir den Treueid leisten! Und ich habe versucht meine Hände zu ballen, doch ihr habt sie mir mit eurer Beharrlichkeit geöffnet; ich habe mich geweigert, die Hand (zum Eid) vorzustrecken, doch ihr habt sie mir regelrecht entrissen! Gütiger Gott, Talhah und Zubayr haben den Bund mit mir gelöst, haben mir unrecht getan, haben den Eid auf mich gebrochen und die Menschen gegen mich aufgehetzt. So öffne Du den Knoten, den sie geknüpft haben, und lasse den Strick, den sie geknüpft haben, nicht noch fester werden. Führe ihnen das Unheil dessen vor Augen, worauf sie aus sind und was sie tun, so wie ich beide vor Beginn der Schlacht darum gebeten habe, ihre Auffassungen noch einmal zu revidieren, doch sie haben sich als höchst undankbar erwiesen und haben die Hand der Versöhnung ausgeschlagen.

173 im Arabischen ein Fluch. 174 siehe auch Rede 10.

138

Eine Rede des Imams (S), eine lichte Zukunft an blutigen Horizonten vorausschauend

Nach einer Zeit, da göttliche Rechtleitung sich an den Begehrlichkeiten einzelner ausgerichtet hatte, wird Er die Begehrlichkeiten wieder an der göttlichen Rechtleitung ausrichten, und während dem Koran im Namen der Interpretation das unterschiedlichste Gedankengut auferlegt worden war, wird Er die Ansichten wieder am Koran ausrichten. Schließlich wird Krieg unter euch entflammen, dämonisch (wie ein Löwe) wird er wütend die Zähne fletschen und die Pranken ausfahren; Milch wird fließen (wie aus dem prallen Euter einer Kamelstute), die am Anfang süß und wohlschmeckend sein wird, doch am Ende gallebitter! Seid euch gewahr, dass morgen - das ereignisschwangere Morgen, von dem ihr keinerlei Vorstellung habt - ein Gebieter175 zur Herrschaft gelangen wird, der nicht dem Geschlecht der heutigen Regenten176 entstammt. Er wird die Handlanger des Staatsapparates für ihre abscheulichen Taten und ihr verabscheuungswürdiges Verhalten zur Strafe ziehen, die Erde wird ihm ihre unterirdischen Schätze offenbaren und alle ihre Geheimnisse und Schlüssel an ihn übergeben. Er wird euch die Herrschaft der Gerechtigkeit aufzeigen und das zu neuem Leben erwecken, was am Buch und an der Sunna fast abgestorben war.

Ein weiterer Teil, in dem er auf einen Angriff von Abdel Malek Ibn Marwan177 auf Kufa verweist

Ich sehe ihn vor mir, wie er aus Syrien sein Geschrei erhebt und mit seinen Bannern um Kufa herumkreist. Wie ein widerspenstiges Kamel wird er daherkommen und jene Erde mit abgeschlagenen Köpfen regelrecht pflastern! Mit seinem Maul wird er alles verschlingen, was sich ihm bietet und er wird lang genug Zeit haben, die Festen seiner Herrschaft zu zementieren. Die Zeit der Schreckensherrschaft wird andauern, seine Übergriffe werden massiv und einschneidend sein. Bei Gott, er wird euch soweit in alle eure Landesteile zerstreuen, dass nur verschwindend wenige von euch übrig bleiben, etwa nur soviel, wie vom Antimon178 im Auge übrig bleibt. Dieser Zustand wird so lange andauern, bis die Araber wieder zur Vernunft kommen. Haltet euch deshalb an die aufgestellten Traditionen, an die leuchtenden Zeichen der Suren und die nicht fernen Verheißungen - aus denen sich das prophetische Vermächtnis herleitet - und wisset, dass Satan es ist, der euch seine Wege ebnen möchte, damit ihr in seine Fußstapfen tretet und seinem Weg folgt.

139

Eine Rede des Imams (S), gehalten zum Zeitpunkt der Bildung der Ratsversammlung über das Kalifat nach Omar

Niemand hat eine so große Vorreiterrolle dabei gespielt, der göttlichen Aufforderung Folge zu leisten, die Blutsbande zu wahren und selbstlos und opferbereit zu handeln wie ich. Schenkt deshalb meinen Worten Gehör und begreift den Sinn, wenn ich sage, dass ihr in nicht ferner Zukunft erleben werdet, wie das Kalifat vom Schicksal ereilt wird, die Schwerter gezückt und die Versprechen gebrochen wer

175 der 12. oder der verborgene Imam, der Mahdi. 176 d.h. den Omayaden). 177 Abdel Malek Ibn Marwan aus dem Stamm der Omayaden war 685 nach Marwan in Syrien an die Macht gekommen. Auf dem Vormarsch nach Irak traf er in Maskan bei Kufa auf die Truppen von Musa'eb, die er auf grausamste Weise niederschlug. Den Bewohnern von Kufa nahm er den Treueid ab, entsandte Hajjaj bin Yousef nach Mekka, um gegen Abdullah bin Zubayr zu kämpfen. Nach der Belagerung Mekkas kam es zu tausendfachem Blutvergießen, wobei auch Abdullah bin Zubayr getötet wurde. Sein Leichnam wurde zur Abschreckung öffentlich aufgehängt. 178 Antimon (lat. Stibium) gehörte zu den 10 Elementen, die bereits im Altertum bekannt waren. Im Vorderen Orient wurde pulverisiertes Antimonsulfid zur Herstellung von schwarzer Augenschminke (arab.: Al-Athmad) verwendet, die auch bei Männern gebräuchlich war. Der Gebrauch dessen ist auch für den Propheten überliefert.

den, und zwar derart, dass einige unter euch die Irregeleiteten anführen werden, worin sie den Unwissenden der Vergangenheit nachfolgen.

140

Eine Rede des Imams (S), mit der er den Menschen davon abrät, andere hinter deren Rücken zu verleumden

Die geringste Erwartung, die man an reine, fromme und in lauterer Umgebung gereifte Menschen stellen kann, ist es, Sündern ihre Aufmerksamkeit zu schenken und sich derer zu erbarmen, die Schuld auf sich geladen haben, denn Verzicht auf falsches Verhalten gegenüber solchen Menschen bedeutet Dankbarkeit für die Huld, die sie selbst empfangen durften. Wie kann es sein, dass jemand schlecht über seinen Bruder redet und in dessen Fehlverhalten herumstochert, oder jemanden, der schon tief in Schwierigkeiten steckt, zur Zielscheibe seiner stichelnden Vorwürfe macht? Denkt dieser Nörgler denn nicht daran, dass Gott auch seine Sünden bedeckt hält, die viel gravierender sein mögen als die, die ihm bei anderen als Vorwand zum verleumden dienen? Mit welchem Recht verurteilt er seinen Bruder eigentlich grundsätzlich für eine Sünde, die er in dieser oder ähnlicher Form selbst schon begangen hat? Selbst wenn es nicht dieselbe Sünde gewesen ist, so hat es doch sicherlich früher schon mal erheblich größere Sünden gegeben... Bei Gott, selbst wenn jemand keine kapitale Schuld auf sich geladen hätte und sein Sündenregister nur auf Bagatellen beschränkt sein sollte, ist schon diese Unverfrorenheit, die Fehler der anderen an den Pranger zu stellen, die größte Sünde für sich. Oh du Diener Gottes, walte nie vorschnell, die Fehler anderer aufzuzeigen, denn wie oft wird ihm ein Fehler vergeben. Sei dir auf der anderen Seite auch vor der kleinsten sündhaften Verfehlung deines Ichs nie ganz sicher, denn wie oft kann sie dir eine Strafe einbringen. Möge deshalb ein jeder von euch, der beim anderen ein Manko findet, davon absehen, dieses bloßzustellen, indem er Rücksicht auf die eigenen Fehler bei sich nimmt, und seine ihm zur Verfügung stehende freie Zeit darauf verwendet, dem Gott zu danken, der ihn davor bewahrt, woran ein anderer krankt.

141

Über Geschwätz

„O ihr Menschen, wer von seinem Bruder weiß, dass er standhaft in der Religion ist und den rechten Weg beschreitet, der sollte dem Geschwätz der Leute kein Gehör schenken! Lasst euch gesagt sein: viele Bogenschützen schießen ihre Pfeile ab und der Pfeil geht ins Leere, doch der Pfeil eines unwahren Wortes hinterlässt immer eine Spur, gleichwohl jede unwahre Spur verderbt ist und Gott Zeuge ist und alles hört. Wisset, dass zwischen Wahrheit und Unwahrheit ein schmaler Grat verläuft, der nur vier Finger breit ist.“ An dieser Stelle bat man den Imam (S) zu erklären, was er damit meine. Als Antwort streckte er die vier Finger seiner flachen Hand an die Schläfe zwischen Auge und Ohr und sagte: "Die Unwahrheit ist das, wovon du sagst, das habe ich gehört, und Wahrheit ist, wovon du sagst, das habe ich gesehen."

142

Über falsche Großzügigkeit

Wer unwürdigen Menschen unangemessen Gutes tut, der erntet dafür nichts als den Dank und die schmeichelnden Lobreden von Minderbemittelten, Bettlern und Leuten von niederer Gesinnung, und dies auch nur solange, wie sie in den Genuss dieser nicht angebrachten Wohltätigkeit kommen. Wie großzügig sind doch solche auf Ruhm Versessenen beim Verschleudern ihrer Gaben, wenn es aber um wahrhaftige und aufrichtige Spenden für Gott geht, dann sind sie rettungslos in ihrem Geiz gefangen.

Der Wohlhabende, dem sein Reichtum von Gott gegeben ist, sollte für seine Angehörigen da sein, den Hungrigen den Tisch decken, in Gefangenschaft oder in Schwierigkeiten geratene Menschen aus der Bedrängnis befreien und verschuldete oder verarmte Menschen mit seinen Wohltaten bedenken, und sich in Gelassenheit üben mit der Aussicht auf göttliche Belohnung für die Wahrung der Rechte und dafür, auch die Mühsal auf sich zu nehmen, die die Einforderung des Rechts mit sich bringt, weil es das Höchstmass an Größe in dieser Welt bedeutet und auch die besten Voraussetzungen für die nächste Welt bietet, wenn man diese Wesensmerkmale erreicht - so Gott will.

143

Eine Fürbitte des Imams (S) um Regen

Lasst euch gesagt sein, dass diese Erde, welche euch auf ihren Schultern trägt, und dieser Himmel, welcher seinen Schatten über eure Häupter breitet, eurem Schöpfer zwei gehorsame Diener sind, die zu eurem Nutzen den Befehl erhalten haben, zu gedeihen und ihren Segen zu spenden - und sie gehorchen... Sofern es das göttliche Schicksal vorsieht, stimmen sie mit den Grenzen eurer Interessen überein; im übrigen stehen weder Himmel noch Erde in einer gefühlsmäßigen Beziehung zu euch, dass sie etwa Mitleid mit euch hätten, und Annäherung an euch ist genau so wenig ihr Antriebsmotiv wie sie sich von euch eine Wohltat erhoffen. Ja, sobald die Diener Gottes sich etwas Schlechtes zuschulden kommen lassen, lässt Gott sie spüren, was es heißt, mit weniger Seiner Früchte auszukommen, Seine Segnungen entbehren zu müssen und die Tore zu den Schatzkammern Seiner Wohltaten verschlossen vorzufinden; möge der Büßer Abbitte leisten, möge sich von den Missetaten abwenden, wer bereit dazu ist, möge er sich die Erinnerung an Gott ins Gedächtnis rufen und das eigene Ego zur Beherrschung anhalten. Ja, so kommt es, dass Gott die Bitte um Vergebung der Sünden zu einem Mittel des Lebensunterhaltes gemacht hat und zur Mehrung der Segnungen, indem er sprach: "Bittet euern Herrn um Verzeihung, siehe, er ist verzeihend. Er wird den Himmel in Gestalt des Regens auf euch nieder senden in Strömen und wird euch zu Hilfe eilen mit Gut und Kindern..."179 Gesegnet sein möge derjenige, der die Abbitte befürwortet, für seine Fehler um Vergebung sucht und seinem Tod (durch gute Taten) zuvorkommt. Oh Herr, wir sind aus unseren Zelten und Hütten - die erfüllt sind von den Klagen stummer Vierbeiner und vom Wimmern zarter Kinderseelen180 - zu Dir ins Freie getreten – um Deine Barmherzigkeit flehend, auf Gnade hoffend, die Deine Allmacht deutlich macht, und Deinen Zorn und Deine Pein fürchtend. Oh Herr, gib uns satt von Deinem Regen und reihe uns nicht in die Schlange der Hoffnungslosen ein; wirf uns nicht in den Abgrund der Vernichtung durch Dürre und Hungersnot und lege uns nicht das leichtsinnige Verhalten einiger Unbedachter unter uns zur Last, o Du Gütigster aller Gütigen! Oh Herr, in diesen schweren Zeiten, da wir uns in einer schier ausweglosen Situation der Angst befinden, Nöte uns von allen Seiten bedrängen, die unsere Armut nur schlimmer machen, furchtbares Elend uns im Würgegriff hat und schwierige, kritische Probleme uns aus der Bahn geworfen haben, sind wir zu Dir herausgetreten und haben Dir all unsere Kümmernisse, die Dir nicht verborgen sind, kundgetan. Oh Herr, verzweifelt bitten wir Dich darum, uns nicht enttäuscht von Dir fortzuschicken oder uns traurig und verzagt umkehren zu lassen. Wirf uns unter solchen Umständen nicht unsere Sünden vor und nimm unser Handeln nicht zum Maßstab, wenn Du über unser künftiges Schicksal bestimmst. Oh Herr, breite Regen und Gnade, unser täglich Brot und Deine Barmherzigkeit über uns, nutzbringenden Regen, der uns Sättigung bringt und Erfrischung, Regen, der Pflanzen sprießen lässt und Verwelktem neues Leben einhaucht, Durst stillt und Früchte zuhauf bringt; der die leeren Flussbetten füllt und wieder durchströmen lässt, nachdem er die Wüsten gesättigt hat, die Bäume mit Blattgrün schmückt und die hohen Preise fallen lässt, denn Du vermagst alles, was Du willst.

179 Heiliger Koran, 71. Sure, Verse 10, 11 und 12). 180 siehe auch Rede 114.

144

Über die Entsendung der Propheten

Mit besonderen Offenbarungen hat Gott Seine Propheten beauftragt und zwischen sich und Seine Geschöpfe Fristen gesetzt, damit niemandem zum Ablauf dieser Fristen mehr Einwände oder Entschuldigungen blieben, und so kam es, dass die Propheten des Herrn die Menschen mit ihrer aufrichtigen Sprache einluden, den Weg der göttlichen Wahrheit zu beschreiten. Seid gewahr, dass Gott den Schleier von Seinen Geschöpfen lüften wird; dies will jedoch nicht heißen, dass Er die verborgenen Geheimnisse und das unbekannte Innere, welches sie zu verbergen suchen, nicht kennen würde, sondern es geschieht, weil Er die Menschen prüfen will, wer von ihnen an Werken der Beste ist181, und sie entweder einen Lohn oder eine Strafe erhalten sollen. Wo sind nur all jene, die von sich behauptet hatten dass sie über tiefes Wissen (über den Koran und seine Interpretation) verfügten, und nicht wir und die unser Wissen verneinten? Diese haben über uns gelogen und waren uns gegenüber ungerecht. Denn Gott hat diesbezüglich unsere Position erhöht, ihre dagegen herabgesetzt, uns hat Er Seine Gaben zugestanden, ihnen aber hat er sie vorenthalten, und uns hat Er zu Seiner tieferen Erkenntnis gerufen, sie jedoch davon ausgeschlossen. Einzig im Lichte unserer Führung wird man zur Rechtleitung gelangen und Augen, die blind sind, werden wieder sehend (den Koran betreffend). Bei den Qoraishiten entstammen die Anführer182 zweifelsohne allein den Hashemiten183, nirgendwo anders können sie sich entfalten und gedeihen; einzig aus diesem Stamme wird den Qoraishiten ein gerechter Herrscher erwachsen. Sie haben sich für die vergängliche Welt entschieden und die immerwährende Zukunft fortgeworfen, sie haben das reine Wasser unbeachtet gelassen und ihre Münder mit schmutzigem Wasser verunreinigt. Ich vermeine schon jetzt einen Übeltäter aus diesem Geschlecht184 vor mir zu sehen, für den Schlechtigkeit zur zweiten Natur wird und der derart mit ihr verwachsen und ihr frönen wird, dass sein ganzes Gebaren von dieser Schlechtigkeit durchsetzt und geprägt sein wird. Dabei startet er geifernd seine Angriffe, einer tosenden Welle ähnlich, die alles ertränkt, was ihr in den Weg kommt, oder Flammen gleich, die sich durch trockenes Korn fressen und die es nicht kümmert, wodurch sie lichterloh brennen! Wo sind all die vom Lichte der Fackeln der Rechtleitung erleuchteten Geister, und all die Blicke, die gebannt auf die Höhen der lichten Türme der Frömmigkeit schauen? Wo sind all die Herzen, die Gott zum Geschenk dargebracht worden waren und die an nichts als ans Band des Gehorsams zu Gott geknüpft waren?

145

Über das Diesseits

O ihr Menschen, die Wirklichkeit sieht doch nicht anders aus, als dass ihr auf dieser Welt die Zielscheibe der Pfeile des Todes seid. Jeder Schluck Wasser, den ihr aus ihr aufnehmt, bleibt euch in der Kehle stecken, und jeder Bissen ist mit Knochensplittern durchsetzt; kein weltlicher Segen ist zu bekommen ohne einen anderen gleichzeitig preisgeben zu müssen. Kein einziger Tag der euch gegebenen Lebenszeit vergeht ohne einen anderen Tag zu zerstören und immer neuer Konsum kommt nicht anders zustande als durch Vernichtung der alten Vorräte. Keine neue Spur findet anders ins Leben außer durch den Tod einer anderen Spur, kein neues Phänomen tritt anders in Erscheinung als dadurch, dass ein anderes Phänomen vergeht. Das Wachstum eines jeden Sprosses an einem Ast geht einher mit dem Fall der reifen Frucht bei der Lese. Nun, und so sind wir Zweige von verdorrten Wurzeln und wie sollten diese weiterleben, nachdem ihre Wurzeln abgestorben sind?

181 Heiliger Koran, 67. Sure, Vers 2.
182 die Imame.
183 Bani Hashemi = ein Stamm der Qoreishiten, aus dem der Prophet Mohammed stammte.

der Bezug wird hier zu Abdel Malik bin Merwan hergestellt, der durch seinen Offizier Hajjaj bin Yusuf entsetzliche Gräueltaten verüben ließ (Anm. i.d. engl. Übers.).

Mit der Herausbildung jeder Neuerung stirbt eine Tradition. Hütet euch deshalb vor Neuerungen und begebt euch nicht abseits der lichten Wege, denn je tiefer verwurzelt eine Sache ist, desto überlegener ist sie, und je oberflächiger und anfälliger sie ist, desto geringer und niedriger ist sie. Wie schade, dass alle sich dem vergänglichen Irdischen zuwandten und dass sie es über die verbotenen Dinge zum Zerwürfnis kommen ließen; dass sie sich angesichts der aufgepflanzten Banner von Paradies und Hölle vom Paradies abwandten, und sie durch ihr schlechtes Verhalten geradewegs auf das Fegefeuer zueilten. Ihr Schöpfer rief sie, doch sie scheuten und flüchteten; die Einladung des Teufels dagegen nahmen sie an und ihm wandten sie sich zu.

146

Die Antwort des Imams (S) an Omar, als er wegen dessen Teilnahme an der Schlacht gegen die Perser um seinen Rat befragt wurde

Hierbei ist es nicht etwa so, dass mehr oder weniger Kräfte über Sieg oder Niederlage entscheiden würden, denn der Islam ist eine göttliche Religion und seine Anhänger sind das Heer der (göttlichen) Wahrheit, denen Gott selbst beisteht, damit sie zum vorherbestimmten Ziel gelangen, und sich das Licht, welches der prophetischen Sendung bestimmt ist, überall dort ausbreite, wo es nötig ist; wir verlassen uns auf die göttlichen Verheißungen; Gott wird Seine Versprechen halten und Seinen Truppen beistehen. Derjenige, dem die militärische Führung obliegt, ist wie eine Schnur, welche die Perlen aneinander reiht und Ordnung verleiht, und reißt diese Schnur, verflüchtigen sich sämtliche Perlen in alle Richtungen und lassen sich nie wieder zusammenfügen. Wenn auch die Araber heute eine zahlenmäßig geringe Kraft darstellen, so sind sie dank dem Islam doch eine gewaltige Kraft, die dank ihrer Einheit unschlagbar ist. So sei du die Hauptachse und setze das Rad dieser Ordnung mit der Kraft der Araber in Bewegung! Entzünde das Feuer der Schlacht, ohne dass du dich persönlich an die Front begibst, denn wenn du dieses Gebiet verlässt, wird die arabische Kraft hier und da zu deinem Nachteil langsam aber sicher zersetzt! Das geht soweit, dass die geheimen Nachrichten, die hinter dir liegen, zunehmend mehr Bedeutung erlangen als der Krieg, der noch vor dir liegt. Auf der anderen Seite werden sich die Perser – wenn sie dich an der Front sehen – sagen, du seiest die Wurzel der Araber und wenn sie die ausrissen, wären sie aller Sorgen ledig! Deine Anwesenheit an der Front würde ihnen also als Motivation dienen, noch heftiger anzugreifen und ihre Gier würde nur noch mehr angestachelt werden. Doch was die feindliche Bewegung des Kampfes gegen die Moslems anbetrifft, wie du sagst, so muss man erwidern: Gott missbilligt sie mehr als du es tust, doch ist Er mächtiger, wenn es darum geht, Abhilfe zu schaffen. Was aber die übermächtige Stärke des feindlichen Heeres angeht, die du angesprochen hast, so wisse, dass unser Kampf in der Vergangenheit nie mit einer besonders großen Anzahl von Kräften stattgefunden hat, sondern allein dadurch, dass wir uns auf die Hilfe und den Beistand Gottes verlassen haben.

147

Der Zweck der Entsendung des Heiligen Propheten

So hat Gott Mohammed – Gott segne ihn und seine Familie – zur göttlichen Wahrheit aufgerufen, damit er Seine Diener aus der Dunkelheit der Knechtschaft der Götzen ins Licht Seiner Dienerschaft führe und sie aus dem Gehorsam gegenüber Satan zum Gehorsam Ihm gegenüber bringe, mit dem Koran, den Er leuchtend und standhaft machte, damit Seine Diener nach einer Zeit der Unwissenheit ihren Schöpfer wieder kennen, sie sich nach ihren von Ignoranz geprägten Haltungen wieder zu Seinem Dasein bekennen und Beweis von Ihm ablegen, nachdem sie Ihn solange geleugnet hatten. So hat Gott der Glorreiche ihnen durch Demonstrationen Seiner Macht an den Horizonten Seiner Schrift Sein Antlitz aufgezeigt, ohne dass sie Ihn mit den Augen zu sehen bekamen, hat ihnen durch Seinen Einfluss Furcht eingeflößt und hat ihnen bewusst gemacht, mit welchen Katastrophen – die deren eigene Verfehlungen verkörperten – Er frühere Moslemgemeinden in den Schlund der Vernichtung gezogen und wie Er sie mit der Sichel Seines Zorns niedergemäht hatte. Zweifellos wird nach mir eine Zeit für euch kommen, in der nichts tiefer verborgen sein wird als das Recht und nichts offenkundiger zutage treten wird als das Unrecht, eine Zeit, in der Gott und der Prophet immer mehr der Lüge bezichtigt werden, eine Zeit, in der der Koran für die Menschen das Wertloseste sein wird, wenn es darum geht, ihn richtig zu rezitieren, und der dort das Teuerste sein wird, wo es um seine Fehlinterpretation geht. Allerorts wird es das unbekannteste sein, Gutes zu gebieten, und das Schlechte wird am weitesten verbreitet sein, weil nämlich genau diejenigen den Koran fortgeworfen haben, die die Verantwortung für ihn trugen, und diejenigen ihn vergessen haben, die über ihn zu wachen hatten. In jener Zeit werden der Koran und die wahren Korangelehrten zu zwei heimatlosen Verbannten, zwei Einsamen auf dem gleichen Wege, denen niemand Zuflucht gewährt; sie sind zwar im Volk, doch nicht tief in dessen Innern, nach außen hin scheinen sie zusammenzugehen, doch in Wahrheit haben sie sich überworfen, und auch wenn Irrglaube und Rechtleitung äußerlich nebeneinander herbestehen, so gehen sie innerlich doch nicht konform. Infolgedessen werden sich die Moslems jener Zeit wegen ihrer Verfremdung mit dem Koran eins sein in ihrer Ungeschlossenheit und sich vor Einheit und Geschlossenheit flüchten. Es wird aussehen, als ob sie den Koran anführen anstatt sich von ihm anführen zu lassen! So wird unter ihnen vom Koran nichts außer dem Namen bleiben, und vom Namen werden sie außer den Buchstaben und der Schrift nichts mehr kennen, denn zuvor hatten sie die Rechtgläubigen auf jede erdenklich grausame Weise Repressalien ausgesetzt, hatten deren göttliche Aufrichtigkeit als falschen Schein bezeichnet und deren Güte mit Schlechtigkeit erwidert. Jawohl, eure Vorgänger sind einzig und allein deswegen ins Unglück gestürzt, weil sie sich von ihren langlebigen Wunschträumen haben vereinnahmen lassen und den Tod solange ignorierten, bis die göttlichen Drohungen Wirklichkeit wurden - Drohungen, die jeglicher Art von Ausreden eine Abfuhr erteilen, Busse zunichte machen und gleichzeitig Sturzbäche von vernichtendem Unheil und göttlichem Zorn bringen. Oh ihr Menschen! Wer sich die göttlichen Ratschläge zu Herzen nimmt, der sichert sich sein Gelingen und wer sich Sein Wort als Argument für seinen Weg dienen lässt, der gelangt auf den beständigsten aller Pfade, denn wer sich in Gottes Obhut befindet, ist sicher und fürchten muss sich, wer Gottes Feind ist. Wer eine Vorstellung von der Größe Gottes gewonnen hat, der braucht sich gewiss nicht groß zu tun, denn die Größe der Großen, die die Bedeutung der Größe Gottes erkannt haben, besteht nur darin, Ihm in tiefer Huld zugeneigt zu sein und wer Seine Macht kennen gelernt hat, für den bedeutet die einzige Sicherheit, sich Ihm zu ergeben. Wendet euch deshalb nicht ab von der Wahrheit wie Gesunde sich abwenden von Aussätzigen oder wie Genesene von Kranken, und wisset, dass ihr erst dann auf dem rechten Weg seid, wenn euch bewusst ist, wer ihn verlassen hat. Ihr seid den Verpflichtungen des Korans solange nicht treu, wie ihr nicht erkennt, wer sie gebrochen hat und ihr könnt der Schrift Gottes nicht habhaft werden, solange ihr nicht gut genug wisst, wer sie im Stich gelassen hat. Sucht nach all dem bei den Angehörigen des Prophetengeschlechts, die es wissen, denn sie sind das Geheimnis des Lebens vom Wissen und des Untergangs der Unwissenheit; sie sind es, in deren Urteilen sich Wissen und Bewusstsein widerspiegeln, deren Schweigen ein Zeichen von Logik ist und deren Äußeres ein klares Abbild ihres Innern spiegelt. Weder kehren sie sich von der Religion ab noch verwickeln sie sich in Widersprüche, und so kommt es, dass der Koran zum aufrichtigen Zeugen und stummen Sprecher in ihrer Mitte ward.

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Eine Rede über den Basraer Aufstand und dessen Urheber

Jeder der beiden, Talhah als auch Zubayr, erhofft sich die Führung185 für sich selbst, und mit seinem Kamerad wetteifernd versucht jeder, sie an sich zu reißen, denn keiner von beiden verfügt über eine wahre Verbindung zu Gott, keiner gibt sich einer der göttlichen Anziehungskräfte hin. So kommt es, dass ein jeder Hass auf den anderen im Herzen hegt und in nicht ferner Zukunft wird er seine Maske fallen lassen.

185 das Kalifat (d.Üb.).

Bei Gott, ich schwöre, sollten sie ihr Ziel erreichen, wird der eine über den anderen herfallen und einer wird den anderen umbringen. Diese Gruppe von Tyrannen hat den Aufruhr begonnen, aber wo sind die, die nach dem Lohn ihrer guten Taten streben? Sie sind es doch, für die die Traditionen überliefert wurden, sie wussten über diese Feindseligkeiten im voraus Bescheid, auch wenn jeder Irregeleitete einen Vorwand zu seiner Entschuldigung hat und jeder, der die Vereinbarungen bricht, voller Zweifel steckt. Bei Gott, ich bin weder der, der dem Trommelwirbel der Verschwörung solange Gehör schenkt, bis die Katastrophe eintritt, noch der, der sich an den Ort des Weinens und Klagens begeben würde.

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Vor dem Märtyrertod

Oh ihr Menschen! Jeder wird auf das, wovor er sich flüchtet, genau dort treffen, wohin er sich geflüch-
tet hat, denn der Tod lauert genau inmitten von dir, in dir selbst und in der Tat besteht Flucht darin,
auf- und schließlich einzuholen.
Oh je, wie lange bin ich darauf aus gewesen, das verborgene Geheimnis aufzudecken, aber Gottes
einziger Wille hat darin bestanden, dieses Geheimnis bedeckt zu halten; schade, dass dieses Wissen
verschlossen bleiben wird.

Mein Vermächtnis lautet jedoch wie folgt:

„Gesellt Allah keinen anderen Gott bei und lasst die Sunna des Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie - nicht zugrunde gehen. Haltet diese beiden Säulen aufrecht und nährt das Licht dieser zwei leuchtenden Flammen, damit ihr über jedwede Kritik erhaben seid, es sei denn, ihr lasst euch auseinander bringen. Möge jeder von euch seine schwere Last aufnehmen und den Unwissenden die Last erleichtern, denn ihr habt einen gütigen Schöpfer, eine stabile Religion und eine aufgeklärte Führung. Gestern stand ich euch zur Seite, heute diene ich euch als Vorbild und morgen werde ich für immer von euch gehen; ich bitte Gott für mich und für euch um Vergebung. Bleibt man nun auf diesem rutschigen Boden standhaft auf den Beinen186, umso besser, doch was tut es, gleitet man auch aus? Wir, die wir doch nicht mehr als ein paar Lebensmonde Zeit haben unter schattigen Bäumen, inmitten der Winde und unter aufgetürmten Wolkenmassen, die sich in der Atmosphäre verflüchtigen und von denen keine Spur auf Erden bleibt! Nun, in Wirklichkeit sieht es doch so aus: ich stand eine bestimmte Zeit körperlich zu eurer Seite und es wird nicht lange dauern, bis von mir nur noch der leblose Körper übrig ist, der nach einer Zeit des Strebens und Redens dann ruhig wird und Stille wählt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Ruhe, das Schweigen und die Stille meiner Gliedmassen euch darüber hinaus zur Anschauung dienen mögen, denn für die Belehrbaren sind sie lehrreicher als jede noch so einleuchtende Logik und jede noch so berückende Rede. Ich verabschiede mich von euch; es ist der Abschied eines Mannes, der einem anderen Treffen entgegensieht. Morgen werdet ihr erkennen, wie es mir ergangen ist, wenn meine Geheimnisse sich auftun. Erst nachdem ihr erkannt habt, welche Lücke meine Abwesenheit reißt, und ihr einen anderen an meiner Stelle antrefft, erst dann werdet ihr zur rechten Erkenntnis über mich gelangen.“

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Über zukünftige Ereignisse

Die Abweichungen nach rechts und links setzten ein, als der Weg der Irreleitung weiter beschritten wurde und man sich vom Weg der rechten Leitung abwandte. So überstürzt nichts, womit die Zeit bereits schwanger geht, und denkt in Erwartung dessen, was sie morgen gebiert, nicht, dass sie zu

186 d.h. bleibe ich am Leben und überlebe ich dieses Attentat (d.Üb.).

langsam vergeht, denn wie viele Menschen haben es eilig, etwas zu bekommen, und wenn sie dessen erst habhaft sind, wünschten sie, es nie erworben zu haben! Wie nah liegt das Heute doch am Morgen, dessen Morgenröte bereits aufgeht! O mein Volk! Wir stehen nun an der Schwelle dessen, wo alle früheren Versprechungen wahr werden, wir nähern uns Ereignissen, von all denen ihr noch nichts wisst187. Seid euch darüber bewusst, wer von uns es bis dahin schafft, der marschiert mit heller Fackel und nimmt sich ein Beispiel an den Tugendhaften vor ihm, damit er Schwierigkeiten auflösen, Gefangene befreien, Reihen spalten und Spalten auffüllen kann, all dies unter dem Schleier des Taqye188, derart, dass auch ein kundiger Pfadfinder der Spur durch ständiges Spurenlesen nicht folgen kann. Auf dem Höhepunkt dieser Fehden wird eine weitere Gruppe von Leuten poliert wie blanke Schwerter, ihre Augen werden von der göttlichen Offenbarung (des Korans) glänzen, in ihren Ohren werden die Interpretationen ertönen und Tag für Tag werden sie den Kelch der göttlichen Weisheiten leeren. Die Herrschaft der Anführer in der Epoche der Unwissenheit dauerte so lange, bis das Fass der Schande zum Überlaufen kam und sie die Ohrfeige der Revolution189 verdient hatten, worauf ihre Zeit schließlich zuende ging. Eine Gruppe, die ihr erstrebenswertes Glück in der Revolution suchte, trat auf den Plan und zückte ihre Schwerter, um Krieg zu entfesseln - Menschen, die Gott nicht unentwegt Seine Gnade für ihre Geduld und ihren Widerstand vorhalten wollten und die den Verlust ihres Lebens auf dem Weg Gottes als unbedeutend ansahen. Bis das vorgezeichnete Schicksal eintrat und eins ward mit dem Ende der unseligen Epoche der Unwissenheit, die Gotteskämpfer sich ihre Auffassungen auf ihre Schwerter schrieben und auf Anweisung ihres Propheten mit ihren Seelen zu ihrem Schöpfer aufstiegen. Doch sobald Gott auch Seinen Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – zu sich rief, trat eine Gruppe den Rückzug an, begaben sich hinunter auf Abwege, stützten sich auf einflussreiche Elemente der alten Zeit190 und schlossen sich den Fremden191 an; sie sagten sich von denen los, die mit der Freundschaft zu ihnen beauftragt worden waren und die ein Mittel der Verbindung zu Gott gewesen sind192 und setzten den Islam mit dem ganzen Fundament an einen neuen Ort, einen Platz, an den er nicht hingehörte – an einen Hort voller sündhafter Verfehlungen, an eine Stelle, an der er in Laster und Verderbtheit tauchte193. Ja, und so irrten sie im Tal der Ahnungslosen umher und verfielen – genau wie es den Pharaonen auf dem Gipfel ihrer Versessenheit ergangen war- in Selbstvergessenheit; ein Teil sagte sich von allem los und stützte sich nur noch auf das Irdische, der andere Teil nahm separat gegen die Religion Aufstellung.

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Warnung vor religiösen Streitigkeiten

Ich lobpreise Gott und rufe Ihn um Hilfe an, damit er mir beistehe, Satan von mir fortzutreiben, ihn zu bändigen und mir Sicherheit vor seinen Angeln und Tücken zu geben – und ich bezeuge, dass Mohammed Sein Diener, Sein Prophet und Sein Auserwählter ist. Im Wissen kann es niemand mit ihm aufnehmen, und sein Verlust ist ein Unglück, das durch nichts wettzumachen ist. Nach den Finsternis gebärenden Irrungen der herrschenden Unwissenheit und grober, roher Tyrannei hat Gott durch ihn Licht in die entferntesten Erdteile gebracht, zu einer Zeit, da den Menschen kein Heiligtum als heilig galt, den Herrschenden keinerlei Beachtung geschenkt ward, ihr Leben in völligem Stillstand verlief und sie sich als Ungläubige auf den Weg des Todes begaben. Ihr Arabervölker seid alle im Visier der Pfeile eines Unheils, welches näher und näher rückt. Seid wachsam, enthaltet euch des Rausches eines satten Wohllebens, hütet euch vor verheerenden Strafen

187 dem Erscheinen des Mahdi.
188 Verstellung und Verheimlichung der wahren religiösen Gesinnung aus Behutsamkeit und zum Schutz vo
r
politischer Verfolgung, u.a..
189 die Revolution Mohammeds.
190 der Unwissenheit.
191 den Nichtmoslems.
192 die Familie und Nachfahren des Propheten (Ahle-Beit).
193 die Übertragung des Kalifats an die, die nicht dem Prophetengeschlecht angehörten (Dr. Shahidi).

und bemüht euch um Standfestigkeit in den verworrenen Wirbeln des Sturmes und in den Strudeln und Untiefen feindlicher Intrigen, besonders bereits bei den ersten Anzeichen, wenn die verborgenen Geheimnisse im Keim ihrer Entstehung zutage treten, wenn die Achse dieser Fehden installiert wird und sich die Mühlsteine von Wirrnissen und Blutvergießen um diese Achse herum in Bewegung setzen194. Am Anfang sind sie verdeckt und unsichtbar, aber es dauert nicht lange, bis sie offen ausbrechen. Im Anfangsstadium ähneln sie der Jugendzeit junger Männer, doch ihre Spuren sind hart, dauerhaft und unschön wie die von Stein. Die Tyrannen der Geschichte sind aufgrund von speziellen Mechanismen die Erben solcher Fehden, die von einer Generation zur anderen getragen werden, wobei die Ersten unter ihnen die Anführer der Letzten sein werden und die Letzten den Ersten nachfolgen. Sie machen die nichtswürdige Erde zum Austragungsort ihrer Konkurrenzkämpfe, fallen wie Hunde wegen eines Kadavers übereinander her und zerfleischen sich, doch es wird nicht lange dauern, bis der Hintermann seines Vordermannes überdrüssig wird, sie voller Hass und Verdruss auseinander gehen und sich mit gegenseitigen Flüchen belegen. In diesem Stadium wird es soweit sein, dass Anzeichen einer alles erschütternden Verschwörung zutage treten, die in Blut und Vernichtung ausartet, worauf die Herzen nach einer Zeit der Ruhe und der Stabilität wieder auf die schiefe Bahn geraten. Nach einer Zeit der Gesundung werden sie Menschen erneut auf Abwege geraten. Kommen die Feindschaften zum Ausbruch, werden die Anschauungen auseinander laufen, die einzelnen Denkweisen nicht auf einen Nenner zu bringen sein und will man sie auflösen, wird man auf Zweifel stoßen. Jede Kraft, die dem Widerstand entgegensetzen will, wird klein gemacht, und wer ihnen nach der Herrschaft trachtet, wird vernichtet werden. Die Gruppen der Macht werden übereinander herfallen wie Wildesel in einer Her-de, sie werden das Band der Religion zerreißen und das Antlitz der herrschenden Strömung wird verschwinden. In einem solchen Klima werden die Quellen der göttlichen Weisheit versiegen und das Wort werden Tyrannen führen. Eiserne Halfter werden sie den Wüstenbewohnern195 anlegen und sie unter ihrer Herrschaft zermalmen; einsame Reiter werden in ihren schwarzen Nebeln untergehen und in ihren Labyrinthen werden auch die in den Abgrund stürzen, die den Weg kennen. Diese Fehden werden folglich ein bitteres Geschick heraufbeschwören und neues Blut aus der Moslemgemeinde saugen; sie werden einen tiefen Riss am hohen Turm der Religion hinterlassen und das Band tiefster Glaubensüberzeugungen zerreißen. Die Bedachten und Bewussten werden davor fliehen und die Schändlichen werden die Angelegenheiten des politischen Spiels in die Hände nehmen. Bei dieser blitzartigen Verschwörung wird es üblich werden, die Blutsbande abzubrechen: der Islam wird in Vergessenheit geraten, die Reinen im Islam werden besudelt werden und in Abhängigkeiten geraten wird, wer ursprünglich Abstand gesucht hatte. Die Getöteten sind der Teil, der in seinen blutigen Gräbern ruht und die anderen suchen erschrocken nach einer sicheren Zuflucht. Sie fallen auf angeblich bindende Schwüre herein und lassen sich von irrigen Sicherheitsversprechen täuschen. Passt nun auf und lasst euch weder zur Zielscheibe feindlicher Fehden machen noch zu aufgepflanzten Bannern gottloser Erneuerung! Bleibt einem Weg treu, der die große Masse des Volkes eint und bindet und welcher der Stützpfeiler göttlichen Gehorsams ist. Versucht den Weg zu Gott mit dem Antlitz der Unterdrückten der Geschichte zu finden, nicht mit dem der Unterdrücker; hütet euch genauso vor den untersten Stufen der Leiter, die Satan aufstellt, wie vor den Abgründen der Ausschweifung, auf dass ihr eure Bäuche nicht mit verbotenen Happen füllt, denn ihr befindet euch im Blickfeld des Ranghöchsten, der euch die Sünde verboten und den Weg des Gehorsams geebnet hat.

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Über die Großartigkeit Gottes und Seine Eigenschaften

Dank gebührt Gott, der uns mit Seinen Schöpfungen in unser Dasein führt, uns mit Seinen stets neuen Schöpfungen den Weg in Sein ewiges Sein zeigt und uns durch die Ähnlichkeit Seiner Geschöpfe untereinander Seine eigene Einzigartigkeit bewusst macht. Die menschliche Vorstellungskraft kann Sein Wesen nicht erfassen, obwohl Sein Angesicht durch keinen Schleier verhüllt wird, denn es besteht eine klare Abgrenzung zwischen dem Erschaffenden und dem Erschaffenen sowie dem, der die Grenzen festlegt und dem, der diese Grenzen anzunehmen

194 die hier verwendete Metapher ist eine Mühle. 195 den Beduinen.

hat. Er ist der Eine, doch ist Er nicht als einer unter vielen aufzufassen. Er ist der Schöpfer, ohne dass Bewegung oder Mühsal Eingang in den Sinn Seiner Schöpfung gefunden hätten. Er ist hörend - ohne Hilfsmittel zum Hören und Er ist sehend - ohne die Augen zu öffnen. Er ist Zeuge - ohne nah in Kontakt zu treten und Er ist abgesondert – ohne räumlich auf Abstand zu gehen. Er ist offen sichtbar, aber nicht für die Augen, und Er ist verborgen, aber nicht, weil Er körperlich zu zart und fein wäre. Er ist fern von allem durch die Überlegenheit und absolute Macht, die Er über alle ausübt, und alle sind ihrerseits von Ihm entfernt aufgrund der Tatsache, dass sie Ihm unterworfen sind und zu Ihm zurückkehren werden. Wer Ihn versucht zu beschreiben, der schränkt Ihn ein und wer Ihn einschränkt, der versieht Ihn mit Aufzählungen; wer dies tut, der versucht Seine Ewigkeit zu widerlegen. Wer fragt: „Wie ist Er?“, der will Ihn mit Merkmalen schmücken; wer fragt: „Wo ist Er?“, der will Gott an einem Ort einsperren. Über das Sein und Nichtsein alles Bekannten hinaus, jenseits alles Erschaffenen und jenseits von allem, was sich Seiner Macht unterwirft, ist Er der wissende und allmächtige Schöpfer. Nun ist ein neuer Stern erschienen, ist ein strahlendes Licht ausgesandt worden; ein heller Morgen ist aufgegangen und die Unebenheiten nähern sich einem Ausgleich an. Gott hat ein Volk durch das andere, einen Tag durch den anderen ersetzt, und wir haben auf all das schon gewartet wie Dürreopfer auf Regen warten. Ja, in Wahrheit sind die von Gott ausgewählten Führer (Imame) die Wächter der Gottesgeschöpfe und für Seine Diener sind sie der Schlüssel zu Erkenntnis und Wissen. Es gelangt niemand ins Paradies, es sei denn, er wäre zur Erkenntnis dieser Führer (Imame) gelangt und wäre auch selbst von ihnen (als rechtgeleitet) anerkannt worden. Der Hölle verfällt niemand, außer, er hätte es nicht zu dieser Erkenntnis geschafft und wäre auch nicht von ihnen (als rechtgeleitet) anerkannt worden..196 Gott hat seinen lichten Pfad auserwählt und Er hat alle Argumente im Islam – sei es beim sichtbaren Wissen wie auch bei den tiefer verborgenen Weisheiten – klar dargelegt. Seine unbekannten Dimensionen sind unendlich wie auch seine Wunder endlos sind. In ihm gedeihen sämtliche Arten der Gunst; er ist der Platz für jede Laterne, die die Finsternis spaltet. Das Tor zu Wohltaten lässt sich nur mit seinen Schlüsseln öffnen; keine Dunkelheit wird Licht außer durch seinen Schein. Seine Grenzen sind gewahrt und selbst wacht er über die Wahrung seiner Sphäre. Für jeden Heilung Suchenden bedeutet er Heilung und all denen, die nach Befriedigung suchen, deckt er die Bedürfnisse.

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Über nachlässige Personen

Irregeleitet ist, wer sich in der Zeit - die Gott ihm gegeben - den Sündern zugesellt und seine Zeit mit ihnen vergeudet; dann begibt er sich auf einen Weg ohne Ziel und vermisst einen Führer zu seiner Rechtleitung. Bis Gott schließlich die Schleier vom Strafmaß ihrer Sünden lüftet, sie von hinter der Kulisse ihrer Irrungen hervorholt, und diese Unglückseligen erkennen müssen, dass all das, was sie sich vorgenommen hatten, abzuschreiben gewesen war, und ihnen all das, was sie abgeschrieben hatten, noch bevorstand! Nichts von den materiellen Dingen, die sie sich früher angeschafft hatten oder in deren Besitz sie noch kommen wollten, ist ihnen dann noch etwas zunutze. Nun, und von dieser Warte aus will ich euch und mich selbst gemahnen, dass jeder bestrebt sein sollte, das auszunutzen, was ihm zur Verfügung steht. Klug ist, wer über das, was er hört, nachsinnt, und mit jedem Blick auch eine neue Sicht gewinnt; wer sich Lehren stets zum Vorbild macht und dann auf einem lichten, ebenen Weg vorwärts geht; wer sich vor dem Absturz in die Tiefen und Abgründe der Verirrungen bewahrt und den Verführern nicht noch zu seinem eigenen Schaden beisteht, indem er den rechten Weg verlässt, die falsche Rede im Munde führt oder Angst vor der Wahrheit hat. So komm zu Verstand, du Trunkener, der du diese Wahrheiten vernimmst, und wach auf aus deinem tiefen Schlaf! Presche nicht zu schnell vor und bedenke gut, was dem Heiligen Propheten – Gott segne ihn und seine Familie - für dich offenbart wurde und was ein unvermeidbares Erfordernis ist, dem sich niemand entziehen kann, und beziehe Stellung gegenüber jedem, der sich dem widersetzen will und der verbal dagegen aufbegehrt, und überlasse solche Menschen dem Weg, den sie sich ausgesucht

196 gehalten unmittelbar nachdem das Volk den Treueid auf ihn geleistet hatte (Dr. Shahidi).

haben. Gib die eitle Selbstgefälligkeit auf und zerschmettere den Hochmut; ruf dir dein Grab ins Gedächtnis, in das es dich definitiv verschlagen wird, und suche den Lohn, der deiner Religion gebührt; ernte, was du gesät hast, und nutze morgen, was du heute vorausschickst; so mach dich ans Werk und sende heute voraus, was du dereinst als Proviant benötigen wirst. Aufgepasst, wer dies hört, aufgepasst! Strebe und bemühe dich, du Ahnungsloser, denn: „...niemand kann dich unterweisen gleich dem Kundigen.“197 Im Heiligen Koran ist dies ohne Zweifel eines der grundlegendsten göttlichen Gesetze und der Punkt, um den sich Lohn und Strafe drehen, an dem sich die Zufriedenheit oder der Zorn Gottes entscheidet: einem Diener Gottes, der dereinst vor seinen Schöpfer tritt und eines der folgenden Merkmale aufweist, wird es ganz sicher solange nichts nützen – selbst wenn er es noch so eifrig versucht und geläutert ist – wie er keine Buße getan hat: -wenn er Gott bei seinen religiösen Pflichten einen anderen Gott beigesellt -wenn er seinen Zorn unterdrückt um den Preis der Vernichtung eines Menschen -wenn er sich die Verdienste anderer selbst zugute hält -wenn er ein Bedürfnis nur stillen kann, indem er Neuerungen in die Religion Gottes einbringt -wenn er den Menschen mit zwei Gesichtern entgegentritt und mit zwei Zungen unter ihnen wandelt Denk darüber nach – dies sind Hinweise für Beispiele, die stellvertretend für andere, ähnlich gelagerte Fälle stehen. Weidetiere verfolgen gewiss kein anderes Ziel als sich den Bauch zu füllen, Raubtiere sind einzig darauf aus, andere anzugreifen und zu reißen. Gläubige (hingegen) sind wahrhaft demütig ergeben, sie sind gewiss höflich, nett und mitfühlend, und ganz gewiss sind Gläubige besorgt(um ihre gute Handlungsweise).

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Über die Ahlu-l-Bayt und deren Widersacher

Wer klug ist, betrachtet den Ausgang seines Handelns mit dem Auge seines Herzens und wägt die Höhen und Tiefen ab. Gestern hat ein Rufer198 seine Einladung ausgesandt und nun steht hier jemand vor euch, der diese Einladung sorgsam hütet. Kommt dieser Einladung nach und folgt den Spuren dieses Hüters! Es ist eine Tatsache, dass die Menschen unserer Zeit in den Wogen von Fehden und Feindschaften schwimmen und sich für religiöse Innovationen statt für Traditionen entschieden haben. Die Gläubigen haben sich notgedrungen zurückziehen müssen und schweigen, während die Irregeleiteten, die die prophetische Sendung für eine Lüge halten, den Mund auftun, obgleich wir doch die treuen Gefährten des Propheten und seiner Familie sind, die Schatzhalter der Glaubenswissenschaften und des Wissens von der Offenbarung, die die Türen zu diesen Schätzen sind. Auch ins Innere von Häusern darf man nicht anders als durch die Tür eintreten und wer sich anders Zutritt verschafft, der wird zu recht als Einbrecher berüchtigt. Die würdigen Koranverse stehen alle im Range der Heiligen Familie des Propheten. Sie sind die Schätze Allahs: heben sie zu reden an, sprechen sie nichts als die Wahrheit und endet ihre Rede, hat niemand sonst das letzte Wort. Der Führer ist es, der seinen Jüngern die Wahrheit zu vermitteln und seinen Verstand unentwegt zu gebrauchen hat; auch muss er zu den Männern des Jenseits gehören, denn er kommt von dort und wird letztlich auch dorthin zurückkehren. Wer also mit dem Auge seines Herzens schaut und dessen Streben sich auf diese Betrachtung gründet, der will zuallererst wissen, ob die Sache, die er im Begriff steht zu tun, zu seinem Vor- oder Nachteil ist. Ist sie ihm zu Nutzen, wird er darin fortfahren, ist sie es aber nicht, so wird er sie von Anfang an gleich lassen, denn Streben ohne Wissen gleicht einem Marsch auf einem Abweg, der umso weiter vom beabsichtigten Ziel wegführt, je weiter der Strebende ausschreitet; jemand, der bewusst handelt, kommt jedoch dem gleich, der auf einem lichten Weg nach vorn schreitet. Nun möge jeder, der sehen kann, Ausschau halten, ob er rückwärts- oder vorwärts gewandt ist.

197 Heiliger Koran, 35. Sure, Vers 14. 198 der Prophet Mohammed.

Es ist unabdingbar, sich darüber bewusst zu sein, dass jede Äußerlichkeit sich auch in ihrem Innern ganz ähnlich darstellt; wer also ein aufrichtiges Antlitz hat, der ist auch in seinem Innern aufrichtig, und wer äußerlich schon unrein erscheint, der ist auch innerlich unrein. Es ist ein Wort199 des wahrheitsliebenden Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – welches besagt: „Gewiss liebt Gott auch einen Diener, dessen Tun Er nicht gutheißt200, und oft kommt es vor, dass Er eine Tat zwar gutheißt, doch den Ausführenden ablehnt201“. Ja, du musst wissen: jede Tat erwächst aus irgendetwas und kein Gewächs kommt ohne Wasser aus. Aber die Wasser sind verschieden! Jeder Setzling, der säuberlich gepflanzt wird und an dessen Wurzeln sauberes Wasser gelangt, der reift auch sauber heran und wird zu einem feinen Baum (mit süßen Früchten), aber ein Setzling, der nicht sauber gepflanzt wird und Wurzeln in unsauberem Wasser schlägt, wird zu einem unreinen Baum werden, der bittere Früchte trägt.

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Eine Rede des Imams, in der er über das Wunder der Schöpfung der Fledermaus spricht

Dank gebührt Gott, der sich durch keine Beschreibung angemessen und vollendet darstellen lässt und dessen Größe von den Gedanken eingeengt wird, so dass sie keinen Zugang zu den Tiefen Seines Reiches finden. Er ist Gott, der Gebieter, welcher die offenkundige göttliche Wahrheit darstellt – weitaus beständiger und heller als alles, was unsere Augen sehen. Nie haben die Geister der Vernunft in ihrer Eingegrenztheit einen Weg zu Ihm ausfindig gemacht, indem sie hätten Ihn mit etwas anderem gleichstellen können, und keine Begriffsvorstellung vermochte Ihn zu umreißen, indem Er durch ein anderes Phänomen verdeutlicht oder damit verglichen würde. Er schuf die Kreaturen ohne jegliche Vorlage, ohne jede Beratung und ohne jedweden helfenden Beistand. Allein auf Seinen Befehl hin vollzog sich die Schöpfung und jedes Geschöpf unterzog sich Seinem Gehorsam; es stimmte Ihm ohne den geringsten Widerstand zu und folgte Ihm ohne jede strittige Auseinandersetzung. Die Wunder des Schöpfungsaktes und Seiner Weisheit kommen in jenen komplizierten Weisheiten zum Ausdruck, die Er uns bei den Fledermäusen vor Augen führt. Das Licht, das an und für sich die Augen aller Lebewesen öffnet, schließt die Augen bei der Fledermaus und die Dunkelheit, die sonst die Augen aller zufallen lässt, bewirkt, dass sich ihre Augen auftun. Die Augen dieses Tieres sind so außergewöhnlich, dass gleißendes Sonnenlicht sie mit Blindheit schlägt und sie ihre Flugrouten nicht finden und die nötigen Erkundungen nicht einziehen kann. Mit ihren hellen Strahlen blendet die Sonne die Fledermaus und bringt sie dazu, anstatt sich im Sonnenschein zu tummeln, sich in ihrer Höhle zu verkriechen. So kommt es, dass die Fledermaus bei helllichtem Tage ihre Lider über die Augenhöhlen schließt und sich die Nacht zur Leuchte ihres Weges macht, ohne dass die Dunkelheit ihr die Sicht nähme und ohne dass die Schwärze der Nacht ihre Bewegungsfreiheit einschränkte; auf der Suche nach ihrem täglichen Auskommen gleitet sie dann auf Schwingen davon und wenn die Sonne ihr Antlitz zeigt, die Morgenröte erscheint und Sonnenlicht die Nachtlager der Alligatoren überstrahlt, schließt die Fledermaus ihre Augen wieder und gibt sich mit dem zufrieden, was sie sich des Nachts aufgesammelt hat. Erhaben ist der, der für ein solches Tier die Nacht zum Tag macht, ihm Lebensraum bietet und ihm des Tages einen Hort der Rast und Ruhe schafft. Er hat ihr Flügel gegeben, die (nicht aus Schilffasern oder Federn bestehen, sondern) von fleischlicher Beschaffenheit sind, Ohrmuscheln ähnlich, und spezielle Erhebungen aufweisen, welche die Adern markieren und ziemlich auffällig sind, und mit denen sie sich bei Bedarf zum Flug aufschwingen und fliegen kann. Deshalb verfügt die Fledermaus über zwei Flügel, die nicht zu dünn sind, um dem Hub des Tierkörpers zu widerstehen und nicht zu reißen, aber auch nicht zu dick, so dass sie das Fliegen erschweren. Mit diesen beiden Flügeln fliegt sie umher, wobei sie ihr Junges noch an die Brust klammert, ihm Obhut gewährt. Das Junge steigt mit seiner Mutter auf und nieder, solange sein eigener Körper noch nicht kräftig genug ist und seine Flügel es noch nicht allein tragen; seine Mutter lässt es so lange nicht allein, wie es die Wege ins Leben und die eigenen Interessen noch nicht kennt.

199 ein Hadith, eine Überlieferung.
200 ein Gläubiger, der eine geringe Schuld auf sich lädt (Dr. Shahidi).
201 eine gute Tat eines großen Sünders (Dr. Shahidi).

Erhaben ist darum der Rang des Schöpfers, der all dies erschaffen und vollendet hat, ohne sich einer fertigen Schablone zu bedienen, die Ihm jemand anders überlassen hätte.

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Eine Rede des Imams zu den Menschen von Basra im Hinblick auf bevorstehende Ereignisse

Wem es von euch gelingt, auf dem Höhepunkt dieser Fehde sein eigenes Ich mit Gott zu verbinden, der sollte dies tun und wenn ihr mir heute gehorsam ergeben seid, dann werde ich euch - nach dem Willen Gottes - den Weg ins Paradies zeigen, auch wenn dies ein Weg voller Härten und Bitternissen ist. In Bezug auf diejenige Frau202 muss aber unbedingt gesagt werden, dass sie sich von ihrem Verstand hat hinreißen lassen genau wie von ihrem Hass, der wie ein brodelnder Topf unablässig in ihrer Brust kochte, und wäre sie zu einer solchen Handlung gegen jemand anders als gegen mich aufgerufen worden, so hätte sie gewiss nicht eingewilligt. Trotzdem muss man ihr jedoch den gleichen Respekt zollen, wie sie ihn zuvor gehabt hatte. Gott steht es zu, mit ihr abzurechnen. Der Weg des Glaubens ist der lichteste aller Wege, der Weg mit den hellsten aller Laternen; mit dem Glauben kann man zu den ehrenvollsten aller Würden gelangen und von dort findet man wiederum zum Glauben. Auf diese Weise befördert der Glaube das Wissen und gefördertes Wissen bewirkt Furcht vor dem Tod; mit dem Tod findet die Welt ein Ende - die Welt, um deren Preis man das Jenseits gewinnt; erst mit der Auferstehung wird den Frommen das Paradies verliehen und den Verirrten die Hölle vor Augen geführt. Für die Schöpfung gibt es kein Entrinnen vor der Auferstehung, diesen Prozess muss sie durchlaufen, bis sie am Schlusspunkt anlangt. Am Jüngsten Tage werden die Menschen aus ihren Grabbehausungen hervorströmen und alle werden sich auf den Weg ihres letzten Schicksals begeben. Ein jedes Haus hat seine Bewohner, dort wird es weder die Möglichkeit zum Handeln und Verhandeln geben noch die Chance zum fortziehen. Hier möchte ich noch einmal ausdrücklich darauf verweisen, dass der Grundsatz „Gutes gebieten und Schlechtes verwehren“ zwei göttliche Wesenszüge sind, die keinem weder die Lebenszeit verkürzen noch den Lebensunterhalt schmälern. Die Hinwendung zur göttlichen Schrift ist euch geboten, denn sie ist ein festes Band und ein strahlendes Licht, sie ist Heil bringende Medizin und Durst stillender Quell. Menschen, die ihrer habhaft werden, hält sie von jeglicher Verfehlung fern, und wer sie sich zueigen macht, dem bringt sie Erlösung – die Schrift, der es nimmer an Aufrichtigkeit gebrechen wird, so dass es anderer bedürfe, sie wieder ins Lot zu bringen. Nie wird ihre Wahrhaftigkeit im Laufe der Zeit überdeckt werden, was den Grund dafür böte, sie ad acta zu legen, genau wie sie nie veraltet oder sich abnutzt, selbst wenn sie oft wiederholt wird und man immer wieder von ihr hört. Aufrichtig ist, wer mit der Logik des Korans spricht, und wer nach ihm handelt, der ist allen anderen voraus. Da stand einer der Gefährten des Imams auf und sagte: “Gib uns Kunde von dieser Fehde und was sie bedeutet, und hast du den Propheten Gottes – Gott segne ihn und seine Familie – darauf angesprochen und danach befragt?“ Als Antwort sprach der Imam - Gott segne ihn: “Da Gott der Glorreiche uns das Wort geschickt hat: ’Alif Lam Mim. Meinen die Menschen, sie würden in Ruhe gelassen werden, wenn sie bloß sagen “Wir glauben“ – und sie würden nicht auf die Probe gestellt?203’, habe ich erkannt, dass diese Fehde und diese Probe nicht zur Lebenszeit des Propheten – Gott segne ihn und seine Familie – über uns kommen würden, deshalb habe ich ihn gefragt: „O Prophet, was ist das für eine Fehde, von der Gott dir gekündet hat?“ Er gab mir zur Antwort: „O Ali, nach mir wird meine Moslemgemeinde von einer Fehde heimgesucht werden.“

202 gemeint ist Aisha, die Tochter von Kalif Abubakr und einflussreiche Ehefrau des Propheten; zu Imam Ali hegte sie eine lange, tiefe Feindschaft, ausgelöst durch die Halsbandaffäre während der Expedition gegen die Banu Mestaliq (626 n.Chr.), die beinahe tragisch für sie verlaufen wäre. Sie schürte im Harem die Stimmung gegen die Verbindung Ali-Fatima und deren zwei Söhne, die legitime direkte Nachkommen des Propheten waren. 203 Heiliger Koran, 29. Sure, Verse 1 und 2.

Da sprach ich: „O Prophet Gottes, war es nicht so, dass du am Tage der Schlacht von Uhud204, als eine Reihe von Moslems den Märtyrertod starb und es für mich schwer war zu akzeptieren, dass er nicht auch mir zuteil geworden war, zu mir sagtest: ‚Freue dich, du hast dein Märtyrertum noch vor dir!’? Daraufhin antwortete mir der Prophet: “Jawohl, es ist zweifellos so, wie ich es sagte, doch wie wirst du dich nur so lange in Geduld fassen können?“ Ich sprach: „O Prophet Gottes, dies ist keine Frage von Geduld und Beharrlichkeit, sondern Anlass für Freude und Dankbarkeit.“ Da sprach der Prophet weiter: “O Ali, sie205 werden sich in nicht ferner Zukunft über ihr Vermögen entzweien, Gott werden sie sowohl ihre Religiosität vorhalten wie sie auch Barmherzigkeit von Ihm erhoffen, und vor Seinem Zorn und Seinen Übergriffen werden sie sich noch völlig sicher fühlen. Mit gleisnerischen Zweifeln und irreführender Lüsternheit werden sie für zulässig und erlaubt erklären, was Er für verboten erklärt hat. Wein werden sie Traubensaft, Bestechung Beschenkung und Wucher werden sie Handel nennen und als legitim hinstellen“. Da sagte ich: „O Prophet Gottes! Wie soll ich dann damit umgehen? Soll ich es als Abtrünnigkeit oder als Aufbegehren ansehen?“ Er sprach: „Sieh es als Aufbegehren an.“

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Aufruf zur Frömmigkeit

Gedankt sei Gott, welcher Lobpreis und Dank zu einem Schlüssel für das Gedenken Seiner, zu einem Mittel vermehrter Freigebigkeit und zu einem Grund für Seine Gaben und Seine Größe bestimmt hat. O ihr Diener Gottes, zweifellos wird das Schicksal kommende Generationen genau wie vergangene Generationen antreiben, und was vergangen ist, kehrt nicht zurück und was es bringt, bleibt nicht auf ewig bestehen. Die letzte Schicksalstat gleicht der ersten und die Schicksalsläufe liegen mit offenen Bannern untereinander im Wettstreit. Der Jüngste Tag treibt euch mit derselben Unerbittlichkeit voran wie ein Kameltreiber seine jungen Kamelfohlen antreibt. Wer sich also mit etwas anderem als mit sich selbst befasst, wird in den Wogen der Finsternis umherirren, ins Verderben stürzen und von den Satanen - die ihm die Verwerflichkeit seines Handelns als nicht verwerflich suggerieren wollen - nach deren Gutdünken umher getrieben. So endet der Weg der Vorreiter guter Taten im Paradies und derjenigen, die zu saumselig waren, im Fegefeuer. O ihr Diener Gottes, wisset, dass Tugendhaftigkeit eine unbezwingbare Bastion ist, Untugend hingegen ein mürbes, unsicheres Gebäude, das niemanden schützt, der sich darin aufhält und niemanden sicher umschließt, der darin Zuflucht sucht. Wisset, dass der Stachel der Verfehlungen durch die Tugendhaftigkeit gezogen werden kann und nur mit festem Schritt ist der Weg bis zu Ende gangbar! O ihr Diener Gottes, bei Gott, hört auf meine Worte! Begreift, dass ihr Ihn als den Teuersten und Ehrwürdigsten von allen anerkennen müsst, denn gewiss hat Gott euch den rechten Weg aufgezeigt, so wie Er euch auch die (in die Irre führenden) Nebenwege erhellt hat; und ihr steht nun an einem Scheitelpunkt zweier Wege: entweder unvermeidliches Unglück oder ewige Glückseligkeit. So nehmt in diesen wenigen vergänglichen Tagen doch den Proviant für die Ewigkeit auf, denn ihr seid angewiesen worden, den Proviant für die Reise aufzunehmen, ihr habt die Weisung zum Umzug erhalten, seid in Bewegung versetzt worden – doch mit euch ist es wie mit der Karawane, die (zwar) nicht weiß, wann sie das Signal zum Aufbruch bekommen wird, ihre Last aber (trotzdem) nicht aufgesattelt bereithält. Aufgepasst! Wenn jemand für die andere Welt erschaffen wurde, was soll er dann mit dieser Welt zu schaffen haben? Wenn jemand auf kurz oder lang sein Hab und Gut abgenommen bekommt und ihm nur die göttliche Abrechnung und deren Mühsal bleibt, wozu soll seine Habe dann gut sein? Ihr Diener Gottes, die guten Verheißungen Gottes sind nicht etwas, von dem man einfach absehen könnte, und das Schlechte, was Er verwehrt hat, ist nicht das, worauf man aus sein sollte. O ihr Gottesdiener, fürchtet den Tag, an dem über sämtliche Taten exakt abgerechnet wird: die Erde wird ununterbrochen stark beben und die Kinder werden zu Greisen. O ihr Gottesdiener, wisset, dass der Hinterhalt im Innern eurer Seelen angelegt wurde und eure Gliedmaßen als kompromisslose Prüfer und Wächter fungieren, die all eure Handlungen und die Zahl

204 Schlacht von Uhud im Jahre 625 n.Chr., wo es bei Bir Mauna zum Massaker an 70 Moslems kam. 205 Bani Omayyeh.

eurer Atemzüge genau überwachen, ohne dass euch auch die dunkelste Nacht vor ihnen verbergen oder eine verschlossene Tür ihnen den Zutritt verwehren könnte. Außer Zweifel steht das Morgen bereits heute schon sehr nahe bevor! Das Heute wird mit allem, was es in sich trägt, fortziehen, und daraufhin wird das Morgen erscheinen. Stellt euch vor, jeder einzelne von euch wird sich dann aufmachen ins Haus der Einsamkeit, in die Grube, in die es ihn verschlagen wird! Dieses einsame Haus lässt einen erschauern, es ist ein Ort des Schreckens, ein schwarzes Loch der Isolation! Ja, stellt euch nur vor, ihr hättet jetzt schon den Ruf206, der über euch kommen wird, vernommen und diese Schicksalsstunde hätte euch ereilt! Ihr würdet diesem Klang nachfolgen und in die Arena treten, in der das entscheidende Urteil gefällt wird. Dort gelten dann keine hohlen Ausflüchte mehr, und vorgeschobene Vorwände haben fürderhin keine Daseinsberechtigung, sondern es werden die Wahrheiten sein, mit denen ihr euch auseinander zu setzen habt, und der Lauf der Ereignisse wird euch an den Ort bringen, an den ihr selbst gewollt habt. Nehmt euch deshalb die Beispiele zu Herzen und lasst euch die Wandlungen (des Schicksals) zur Lehre und die Rufe207 zum Nutzen gereichen.

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Über den heiligen Propheten und den Heiligen Qur’an

Gott hat ihn zu einer Zeit auserkoren, als die Sendung der Propheten drohte abzureißen, die Menschengemeinschaften dem Tiefschlaf verfallen und miteinander verwobene Stränge vollkommen auseinander gerissen waren. In dieser Situation bestätigte er eine ihm von seinen Vorfahren208 vorliegende Gabe und bot ein wegweisendes Licht auf dem Weg in die Zukunft. Dieses Licht ist der Koran: nehmt ihn euch vor, auf dass er zu euch spreche, denn sonst spricht er nicht. Ich bin derjenige, welcher die Sprache des Korans versteht und sie euch verdeutlicht. Wisset, dass alles - das Wissen der Zukunft, die Rede der Vergangenheit, die Heilung eurer Schmerzen, das Geheimnis eurer geordneten Gesellschaft – wirklich alles im Koran enthalten ist. Zu dieser Zeit werden die herrschenden Despoten209 sämtliche Behausungen – Lehmhütten genau wie Nomadenzelte – auf eine Art und Weise von Kummer, Schmerz, Sorge und Verzweiflung erfüllen, dass ihnen weder im Himmel eine Rechtfertigung noch auf Erden ein Beistand bleibt. Jawohl, ihr habt jemanden ausgewählt, dem das Amt210 nicht gebührte und so das Kalifat in einen unangemessenen Stand versetzt. Doch schon bald wird Gott an allen Tyrannen Rache üben, wird den Honig in deren Munde in Gift verwandeln und ihnen den Trunk im Halse bitter und ungenießbar machen – so bitter wie der Saft der Wüstenlilie211! Nach außen hin lässt Er sie mit den Schwertern rasseln, doch innerlich vor Angst schlottern! In Wirklichkeit gleichen sie Kamelen, die eine ganze La-dung der verschiedensten Fehler mit sich herumtragen und Schuld und Frevel auf sich laden. Und meine Voraussage bekräftigend beschwöre ich es immer wieder: die Omajjaden212 werden sich nach mir des Kalifates entledigen wie sie sich Auswurfes entledigen, und sie werden sich danach - so lange wie Tag und Nacht aufeinander folgen - nie wieder daran laben können.

206 der Posaune des Erzengel Gabriels am Jüngsten Tag.
207 der Propheten.
208 Frühere Propheten und deren Schriften.
209 die Omayyaden.
210 des Kalifen (gemeint ist Abu Bakr, d.Üb.)
.
211 Aloe vera.
212 wahrscheinlich ein Verweis auf den 3. Kalifen der Omajjaden, Mo’awiyeh Sohn des Yazid, der im Jahre 68
4
kurzzeitig Kalif wurde und mit dem die Herrschaft der Nachkommen von Abu Sofyan endgültig zu Ende ging.
Danach folgten bis zum Ende der Herrschaft der Omajjaden im Jahre 750 Marwan Sohn von Al-Hakam, Abdul
Malik Sohn von Marwan, u.a. Nachkommen von Marwan. (Anmerkung in der persischen Übers. von Dr. Shahi-
di).

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Über den guten Umgang mit Menschen

Ich habe gut mit euch zusammengelebt und mein ganzes Streben darauf ausgerichtet, euch beizustehen, damit ich euch vom Joch der Unwürdigkeit befreie und euch die tyrannischen Despoten vom Leibe schaffe. Möge euch mein Dank gesagt sein für eure Güte, so gering sie auch immer war, und in Bezug auf die vielen schlechten Dinge, die ich von euch erleben musste oder am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, will ich Nachsicht walten lassen.

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Lobpreis Gottes

Sein Gebot kommt Schicksal und Weisheit gleich, Seine Zufriedenheit ist der Schlüssel für Liebe und Geborgenheit; Er richtet aufgrund von göttlichem Wissen und Er vergibt aufgrund Seiner Mildtätigkeit. O Herr, ich danke Dir für das, was Du gibst und nimmst, für das Wohlergehen, das Du schenkst, ebenso wie für die Bewährungsprobe, die Du stellst – Dank, der für Dich das Akzeptabelste ist, das Beliebteste und das Beste von allem; Dank, der Deine Schöpfung erfüllen und soweit reichen möge, wie Du es willst; Dank, der Dir nicht verborgen sei und dem es nicht verwehrt sei, bis zu Dir vorzudringen; Dank, der sich zahlenmäßig nicht erfassen lasse und der in seinem Ausmaße kein Ende nehme. Nein, die Tiefe Deiner Größe können wir nicht erfassen und wir wissen nicht mehr, als dass Du existierst und die Welt aufrecht erhältst – ohne dass Dich weder Schlummer noch Schlaf ergreife213. Kein Blick vermag die ganze Tiefe Deines Wesens auszuloten, kein Auge ist in der Lage, Dein Sein zu erfassen; nur Du kannst all das erfassen, was alle Augen zusammen wahrnehmen. Von allen Lebewesen verfügst Du über genaue Aufzeichnungen und sämtliche Erscheinungen unterziehst Du von Anfang bis Ende Deiner mächtigen Hand. Ja, all das, was wir von Deiner Schöpfung sehen, wodurch wir über Deine Macht ins Staunen geraten und worüber wir bemüht sind, die Größe Deiner Herrschaft darzustellen, ist verschwindend wenig zu dem uns Verborgenen, was unsere Augen nicht zu sehen imstande sind, bei dem unsere Gedanken in eine Sackgasse geraten, noch bevor sie es begreifen können – denn das, was zwischen uns und den Schleiern der Verborgenen Welt liegt, ist ungleich größer. Wer also reinen Herzens zu denken ansetzt, um zu verstehen, wie Du Deinen Thron erbaut und Deine Geschöpfe erschaffen hast, wie Du Deine Himmel in die Luft gehängt und Deine Erde über die Wogen des Wassers gebreitet hast, dessen Blick kehrt sich staunend ab, dessen Verstand steht still, dessen Ohr wird taub und dessen Gedanken schweifen voller Verwunderung ab. Seiner Meinung nach behauptet er, seine Hoffnung würde Seinem Gott gelten! Ich schwöre bei demselben großen Gott, dass er die Unwahrheit spricht! Wenn er vorgibt, die Wahrheit zu sagen, warum spiegelt sich seine Hoffnung auf Gott dann nicht klar und deutlich in seinem Handeln wider? Die Hoffnung jedes Hoffenden lässt sich an dessen Taten ablesen, außer die Hoffnung auf Gott, wenn sie unecht und unrein erscheinen mag! Auch jede Furcht manifestiert sich im Handeln, mit Ausnahme der Furcht vor Gott, wenn sie gleichsam einer Krankheit ähneln mag. Es ist wahrhaft wunderlich, dass sich jemand (zwar) die Erfüllung seiner großen Wünsche von Gott und von den Dienern Gottes unbedeutende, geringfügige Dinge erhofft, aber den Dienern Gottes (trotzdem) mehr Wert als Gott beimisst! Was hat es auf sich, dass Gott (trotz der großartigen Lobpreisungen) sogar im Vergleich zu Seinen Dienern so sehr vernachlässigt wird?! Befürchtest du nicht, deine Hoffnung zu Ihm könnte verlogen sein, oder dass du Ihn nicht in dem Range sähest, deine Hoffnungen auf Ihn zu setzen?! Selbst wenn ein angeblich Gottesfürchtiger einen anderen Diener Gottes fürchtet, würde er ihn mit Dingen beschenken, die er sogar seinem Schöpfer vorenthält, um dieser Furcht zu entfliehen! So hält er die Furcht vor einem Gottesgeschöpf für bare Münze, die Furcht vor dem Schöpfer aber für einen Schuldschein oder ein fragwürdiges Versprechen. So kommt es, dass jemand die Welt Gott vorzieht, wenn sie ihm groß erscheint und sie in seinem Her

213 Hinweis auf Heiliger Koran, 2. Sure, Vers 255.

zen einen großen Platz einnimmt. Dann lässt er sich von ihr faszinieren und verfällt ihr. Im Leben des Propheten – gesegnet seien er und seine Familie – gibt es gewiss ausreichend Beispiele, die du dir zum Vorbild nehmen kannst, und die dir die vielen Untugenden dieser Welt, ihre vielen Unzulänglichkeiten und Laster klar vor Augen führen, dadurch dass ihm – dem Propheten – die Welt vorenthalten blieb. Während sie andere in den Sattel hob als ihn, enthielt sie ihm ihre irdischen Genüsse vor, blieb er abseits vom Gepränge dieser Welt. Wenn du willst, kannst du dir noch Moses, den göttlichen Gesprächspartner – möge Gott ihn segnen – als zweites Vorbild vor Augen führen, wenn er sagt:„Mein Herr, ich bedarf des Guten, was immer es sei, das Du auf mich herab senden magst.“214 Bei Gott, in jenem Moment war ein Laib Brot das einzige, dessen er dringend bedurfte, denn als er dies sprach, nährte er sich allein von Pflanzen, die aus dem Boden wuchsen, und er war so vom Fleische gefallen, dass man durch seine dünne Bauchhaut das Grün der Pflanzen hindurchschimmern sah. Wenn du dann noch willst, kannst du dir auch David - Gott segne ihn - zu deinem dritten Vorbild nehmen, welcher mit der Rohrflöte die Psalmen für die Paradiesbewohner spielte und mit der Kunstfertigkeit seiner Hände Körbe aus Dattelfasern flocht. Er fragte seine Mitmenschen: “Wer von euch übernimmt ihren Verkauf?“ Für die Mühen seiner Hände Arbeit war er dann mit dem Verzehr von Gerstenbrot zufrieden. Wenn du dann noch willst, kannst du auch von Jesus, Marias Sohn - Gott segne ihn – sprechen, welcher sein Haupt auf ein Kissen aus Stein bettete, seinen Leib in ein grobes Gewand kleidete und trockenes Brot aß. Seine Speisen würzte er mit Hunger, sein Licht in der Nacht war der Mond und im Winter fand er seine Zuflucht unter freiem Himmel. Seine Blumen und Früchte waren die wild wachsenden Unkräuter, die dem Vieh als Futter dienten. Er hatte weder eine Frau, die ihm das Herz ergötzte, noch ein Kind, das ihn in Kummer versetzte. Weder besaß er Vermögen, das ihm Plage bereitete, noch trug er Habsucht in sich, die ihm Schande zeitigte. Mit Ausnahme seiner zwei Beine stand ihm kein Fortbewegungsmittel zur Verfügung und als einzige Bedienstete standen ihm seine zwei bloßen Hände zur Seite! So nimm dir ein Beispiel an deinem Propheten - Gott segne ihn und seine Familie – den Reinsten der Reinen, welcher ein Symbol der Vollendung ist für diejenigen, die ein Vorbild suchen, und das beste Geschlecht bietet für alle, die nach der besten Herkunft suchen. Am meisten liebt Gott den, der Seinem Propheten nachfolgt, der in die Fußstapfen dessen tritt, der die wohlschmeckenden Speisen dieser Welt lustlos nur im Munde hin und her schob und sie nie zu schlucken begehrte oder mehr davon wollte; der mehr Hunger litt als das ärmste Individuum der Gesellschaft und alle Menschen der Welt, dessen Seiten am meisten eingefallen waren; die ganze Welt in ihrer Vollendung war ihm dargeboten worden, doch er hatte sie abgelehnt, denn er wusste nur allzu gut, dass auch er hassen musste, was sein Gott hasste, was Er gering schätzte, musste auch er gering schätzen und was Er als klein und unwürdig ansah, musste auch er gleichermaßen so ansehen. Nun, auch wenn wir sonst keinen Schwachpunkt hätten als den, dass wir liebten, was Gott und Sein Prophet verachten und hoch bewerteten, was sie gering schätzen, so wäre dies ein hinreichender Beweis für unseren Bruch mit Gott und Seinem Propheten und unseren Ungehorsam gegenüber dem Gebot Gottes. Es lag gewiss in der Natur des Propheten – Gott segne ihn und seine Familie – dass er seine Mahlzeiten auf dem Boden sitzend einzunehmen und sich devot wie ein Sklave zu geben pflegte. Seine Schuhe flickte er mit seinen eigenen Händen, wie er auch seine Kleidung selbst ausbesserte. Ohne Zaumzeug ritt er auf dem Esel und hieß noch jemand hinter sich aufsitzen. Eines Tages sah er einen bunt gemusterten Vorhang an der Tür des Hauses hängen, als er zu einer seiner Frauen sprach:„Nimm ihn mir aus den Augen, denn jedes mal, wenn mein Blick darauf fällt, denke ich an die Welt und ihren Prunk.“ So verschloss er sein Herz vor allem Irdischen und löschte den Gedanken an sie aus seiner Seele. Er wünschte immer, die irdischen Verlockungen mögen ihm verborgen bleiben, damit er keine ihrer Zierden aufgreife oder sie für ewig halte. Er wollte in ihr keinem bestimmten Ort oder einer bestimmten Stellung verfallen, darum verbannte er die Welt aus seinem Seelenrund, aus dem Haus seines Herzens, und verschloss seinen Blick vor allem Irdischen. Nun, so ist es, wenn jemand etwas wahrhaftig verabscheut: dann ist ihm selbst die Betrachtung und die Erinnerung daran unangenehm. Gewiss gibt es für dich im Leben des Propheten Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – genügend Anschauungsbeispiele für irdische Unzulänglichkeiten und Fehler, und zwar, als er

214 Heiliger Koran, 28. Sure, Vers 24.

und seine Vertrauten Hunger litten und man trotz seines Ranges und seiner Nähe zu Gott in seinem ganzen Leben keine einzige Spur von irdischer Pracht und Zier bei ihm finden konnte. Wer nun eingehender darüber nachsinnt, wird er wohl denken, dass Gott Mohammed dadurch Seine Wertschätzung erweisen oder ob Er ihn erniedrigen wollte? Sagt er, Er habe ihn so zur Zielscheibe der Schmach gemacht, dann hat er bei Gott dem Großen gelogen und eine infame Verleumdung ausgestoßen! Meint er jedoch, Gott habe Seinem Propheten so Seine Achtung erwiesen, dann muss er auch wissen, dass es alle übrigen sind, die zur Zielscheibe der Erniedrigung werden, diejenigen, vor denen Er die Welt ausgebreitet hat, Er sie den Ihm Nahestehenden jedoch versagt. Wer also ein anschauliches Beispiel sucht, der nehme sich den Propheten zum Vorbild, der folge dessen Spuren und beschreite den Weg, den auch er beschritten hat. Andernfalls sollte er sich nie vor Verderben und Fall sicher sein, denn Gott hat Mohammed – Gott segne ihn und seine Familie – zum Banner der Auferstehung, zum Verkünder des Paradieses und zum Warner vor der göttlichen Strafe erkoren, er, der sich mit leerem Magen aus der Welt zurückzog und rein und ehrenhaft ins Jenseits eintrat. Bis zu dem Zeitpunkt, da sein Weg zuende ging und er der Aufforderung seines Schöpfers Folge leistete, hatte er sich kein Vermögen zur Seite gelegt. O, welchen Segen hat Gott uns auferlegt, als Er ihn zu unserem Vorbild machte, dem wir nacheifern, und zu unserem Führer, dessen Weg wir folgen! Bei Gott, ich habe meinen Umhang schon so oft ausgebessert, dass ich mich vor mir selbst schämen muß. Ein Besserwisser sagte mir: „Ist es nicht längst an der Zeit ihn wegzuwerfen?“ Ich antwortete ihm: „Geh mir aus den Augen!“ „Erst am Morgen lobt man die Reiter der Nacht“215

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Über die Entsendung des Propheten

Gott entsandte Seinen Propheten mit hellem Licht, klaren Argumenten, einem unzweideutigen Weg und einer wegweisenden Schrift. Sein Stamm ist von allen Stämmen der beste. Er selbst gilt mit der gesegneten Generation, die er hinterlassen hat, als der beste aller Stammbäume, mit geraden, aufrechten, ertragreichen und demutsvoll herabhängenden Ästen! Sein Geburtsort ist Mekka und der Ort seiner Auswanderung die reine Stadt Medina. Es war die Hidjra, durch die sich seine Reputation verbreitete und die seinen Ruf erschallen ließ. Gott hat ihn mit hinreichenden Argumenten ausgestattet, mit heilendem Rat und einer auf Ausgleich und Wiedergutmachung bedachten Einladung entsandt. Durch seine prophetische Sendung hat er unbekannte religiöse Gesetzmäßigkeiten bekannt gemacht, (religiöse) Neuerungen, welche Einzug in die wahren Rechtsgrundsätze gehalten hatten, mit der Wurzel ausgerottet und er hat die Gebote in aller Ausführlichkeit dargelegt. Wer einer anderen Religion als dem Islam folgt , dem wird gewisslich Unheil beschieden sein, dessen Verbindung (zu Gott) wird abreißen und dessen Sturz wird fürchterlich sein; ihn erwartet kein anderes Schicksal als endloser Kummer und schmerzreiche Qualen. Und ich, der ich mein Antlitz von allen abgewendet habe und zu Gott zurückgekehrt bin, vertraue auf Ihn und bitte Ihn, Er möge mich auf einen Weg geleiteten, der in Seinem Paradies ende und mich führen, wohin es Sein Wille sei. O ihr Diener Gottes, ich rate, euch in frommer Demut und in Gehorsam vor Gott zu üben, denn sie sind der Schlüssel zur morgigen Errettung und das Geheimnis der menschlichen Erlösung. Mit deutlichen Worten hat Gott euch einerseits gewarnt, andererseits hat Er euch umfangreiche Anreize geschenkt und euch die Unbeständigkeit, den Niedergang und die sich ständig wiederholenden Verwerfungen der Welt vor Augen geführt. Reißt also in Anbetracht der Kürze eurer irdischen Verweildauer eure Herzen los von dem, was euch an dieses Erdenrund bindet – einer Welt, die Gottes Zorn so nahe steht wie sie von Seiner Freude entfernt ist. Nun, da ihr an der irdischen Treulosigkeit und Unbeständigkeit keinen Zweifel mehr hegen solltet, schließt eure Augen vor dem Gram und Jammer und überseht ihre Probleme! Hütet euch wohlweislich vor den irdischen Begehrlichkeiten und strebt ihnen eifrig entgegen; lasst euch das Totenbett all derer, die Jahrhunderte vor euch lebten, als (warnendes) Beispiel dienen und bedenkt, wie sich ihre Gliedmaßen (in alle Winde) zerstreuten, Augen und Ohren vergingen, Würde und Ansehen in Vergessenheit gerieten und die angenehmen Seiten

215 arabische Allegorie.

und Bequemlichkeiten, materielle Annehmlichkeiten und Freuden ein Ende fanden. Aus Nähe zu den Kindern wurde Verlust der Kinder; vertrauter Umgang mit den Ehepartnern verwandelte sich in Trennung von ihnen. Dann wird es weder mehr prahlerische Angebereien noch Zeugungsakte geben, ebenso wenig wie von gegenseitigen Besuchen oder guter Nachbarschaft noch etwas zu spüren sein wird.... So lasst euch, ihr Diener Gottes, gesagt sein: zügelt eure Gelüste wie jemand, der sich selbst bezwingen kann, und betrachtet die einzelnen Dinge mit den Augen der Weisheit, denn eindeutig ist die Sache, aufrecht das Banner, gerade die Bahn und eben der Weg!

162

Es war zur Zeit der Schlacht von Siffin, als einer der Gefährten des Imam zu ihm sprach: „Wie kommt es, dass euer Volk euch das Kalifat vorenthielt, wo es euch doch vor allen anderen gebührte?“ Der Imam antwortete:

O du Bruder der Bani Asad! Du gleichst einem, der die Zügel zur Unzeit loslässt, wenn sein Sattelgurt noch gar nicht festgezurrt ist. Nichtsdestotrotz hast du aufgrund unseres Verwandtschaftsverhältnisses ein Anrecht auf Respekt und eine Antwort auf deine Frage. Du bist zweifellos wissbegierig, so wisse also: Obwohl wir der Abstammung nach am höchsten standen und unsere geistig-intellektuelle Verbundenheit zum Propheten Gottes – Gott segne ihn und seine Familie – am engsten und stärksten war, so war die uns in Bezug auf das Kalifat aufgezwungene Willkür nichts anderes als eine Art Monopolstreben vonseiten der einen Gruppe und Verzicht ehrenhalber vonseiten der anderen Gruppe. Nun, das absolute Urteil steht in jedem Falle Gott zu und zu Ihm werden alle am Jüngsten Tag zurückkehren... „Lass gut sein die Gerüchte vom Raub dieser Plünderer ....“216 Betrachte einmal die Sache mit dem Komplott des Sohnes von Abu Sofyan217 etwas eingehender: nach all den bitteren Begebenheiten und den Tränen zwingt mich mein Schicksal nun zum Lachen! Bei Gott, nach dieser Sache scheint mir gar nichts mehr verwunderlich! Eine zutiefst erstaunliche Geschichte, die jedes Maß der Verwunderung übersteigt und viele Unregelmäßigkeiten mit sich bringt. Die eine Gruppe versucht, das Licht Gottes im Keim zu ersticken und den Weg der göttlichen Weisheit an ihrem Quell zu blockieren, denn sie haben das Wasser zwischen sich und mir verseucht und die Ziele der prophetischen Sendung, die rein und klar waren, in den schmutzigen Schlamm der Macht gezogen. Wenn dereinst die mühevollen Auseinandersetzungen zwischen uns beseitigt sein werden, dann werde ich ihnen ihren Platz nach Maßgabe der reinen Wahrheit zuweisen, und wenn es anders kommen sollte, dann „....lass drum deine Seele in Seufzern für sie nicht hinschwinden. Siehe, Allah weiß, was sie tun.“218

163

Eigenschaften Gottes

Dank gebührt Gott, der die Menschen erschaffen und vor ihnen ein Feld der Bewegungsfreiheit219 ausgebreitet hat. Er hat die Wasserströme von überall her fließen lassen und den Pflanzen Frische und

216 „....lass mich lieber wissen, was zugestoßen ist den Reittieren!“ Der Imam zitiert hier einen Halbvers des berühmten arabischen Dichters aus vorislamischer Epoche, Emra ol-Gheis, und will damit sagen, sie sollten sich jetzt besser auf die Schlacht von Siffin konzentrieren, die gerade auf dem Höhepunkt tobte. Es sei besser, sein Augenmerk aktuell anstehenden Geschehnissen zu widmen als sich in Selbstmitleid über erfahrenes Unrecht zu verlieren. Emra ol-Gheis schrieb diesen Vers im Zusammenhang mit dem Raub seiner Kamele durch einen arabischen Stamm, dessen Schutz bzw. Gastfreundschaft er sich zu erfreuen glaubte. Bei seinem Bemühen um die Rückgabe der gestohlenen Tiere war er auch um die ihm verbliebenen Tiere betrogen worden. 217 Mo’awiyeh. 218 Heiliger Koran, 35. Sure, Vers 8. 219 die Erde.

Grün geschenkt. Sein Dasein als Erster kennt weder einen bestimmten Anfangszeitpunkt noch gibt es einen Schlusspunkt für Sein ewiges Sein. Er ist der unendliche Erste, der immer existiert hat, und Er ist der letzte Ewige, der auf ewig existieren wird. Vor Seinem Thron beugt man die Stirn zu Boden, mit den Lippen besingt und bekennt man Seine Einzigartigkeit. Gleich bei der Schöpfung hat Er jedem Geschöpf bestimmte Grenzen gesetzt, damit es sich ganz klar von Ihm absetze (und Ihm nicht gleich sei), und darum kann der (menschliche) Geist Ihn weder mit Hilfe von Abgrenzungen noch mit Gesten, weder mit Körperteilen noch mit irgendwelchen anderen Hilfsmitteln messen oder erfassen. In Bezug auf Ihn lässt sich weder „wann“ oder „wie lange“ fragen noch lässt Er sich mit dem Wort „von ... bis...“ umreißen. Er ist das einzige Phänomen, bei dem man nicht fragen kann, woraus es besteht, und Er ist der einzige Verborgene, bei dem man nicht fragen kann, worin Er sich befindet. Weder ist Er eine leibliche Gestalt, die wieder entrinnt, noch ist Er etwas Umhülltes, das sich in etwas anderem verbirgt. Seine Nähe äußert sich nicht darin, dass Er den Dingen physisch nahe wäre, wie sich Sein Fernsein auch nicht in räumlicher Trennung von diesen Gegenständen manifestiert. Bei Seinen Dienern bleibt Ihm nichts, auch nicht die kleinste Handlung verborgen: kein flüchtiger Blick, kein kurzes Wort, keine Annäherung an einen Hügel, kein Schritt in dunkler Nacht, nicht der Mond, der nachts erstrahlt und sein Licht aussendet, nicht die helle Sonne, die ihm nachfolgt und mit ihren unentwegten Auf- und Untergängen

- mit dem Kommen und Gehen der Tage und Nächte – das Rad der Zeit dreht und die Geschichte durchblättert. Sein Dasein liegt vor jeder Endlichkeit, vor jedem Zeitalter, jeder Aufzählung und jeder Auflistung – jenseits jeder ähnlich gelagerter Kategorien. Sein Raum ist viel größer als alles, was die Grenzen setzenden Wesen Ihm zuschreiben, wie z.B. Eigenschaften bestimmter beschränkter Phänomene oder materieller Dimensionen, die Auswahl bestimmter Positionen oder räumlicher Gegebenheiten. So kommt es, dass allen Seinen Geschöpfen Grenzen und Schranken gesetzt sind, die auf alle - außer auf Ihn -zutreffen. Er hat die Geschöpfe nicht nach starren, feststehenden Prinzipien oder nach vorgefertigten Regeln und Grundsätzen erschaffen; allem, was Er schuf, hat Er die Grenzen gleich bei der Schöpfung gesetzt, und allem, dem Er eine Gestalt schenkte, hat Er unmittelbar auch Ästhetik verliehen – ohne dass sich Ihm etwas widersetzt hätte oder Er von der Gefügigkeit all dieser Schöpfungen profitiert hätte. Sein Wissen von vergangenen Generationen ist so (umfangreich) wie Sein Wissen von kommenden Generationen und Seine Kenntnisse von dem, was sich in den obersten Himmeln befindet, sind so (tief) wie Seine Kenntnisse über das, was sich in den untersten Erdschichten befindet. Oh Mensch, du aufrechtes Geschöpf, das du im dunklen Schoß (deiner Mutter) und dessen vielschichtigen Windungen bewahrt gewesen bist! Oh du Wesen, dessen Ursprung auf die Substanz der Erde zurückgeht, der du dich am sicheren Orte in bester Lage befandest, bis die gewisse Schicksalsstunde (der Geburt) schlug und das vorherbestimmte Ende (des Todes) nahte! Wisse, dass du einst als Fötus im Bauch der Mutter schwammst, ohne in der Lage gewesen zu sein, einer Einladung zu folgen oder eine Stimme zu vernehmen. Dann wurdest du von deinem Aufenthaltsort vertrieben in ein Haus220, das du nie zuvor gesehen und dessen einträgliche Wege du bis dahin nicht kanntest. Wer hat dir seinerzeit gezeigt, wie man durch Säugen aus der Mutterbrust zu seiner Nahrung kommt und wer hat dir bewusst gemacht, welche Bedürfnisse und Wünsche du zu bestimmten Zeiten hegtest? Ach! Wer nicht einmal imstande ist, eine Erscheinung zu beschreiben, die eine bestimmte Form und Gestalt aufweist, der wird zweifellos noch weniger imstande sein, deren Schöpfer zu beschreiben, und noch viel weniger wird es ihm gelingen, die Tiefen Seines Wesens über die Grenzen der Geschöpfe hinweg zu ergründen.

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Um den Imam versammelte sich das Volk. Man sprach über Osmans Handeln und brachte seinen Unmut darüber zur Sprache. Der Imam wurde gebeten, er solle an ihrer Stelle mit Os-man sprechen und ihn bitten, die Zufriedenheit des Volkes wiederherzustellen. Auf diese Forderung hin wandte sich der Imam an Osman und sprach:

Es sind die Menschen, die hinter mir stehen und mich gebeten haben, stellvertretend für sie mit Dir zu

220 die Erde.

sprechen. Doch bei Gott, ich weiß gar nicht, was ich Dir sagen soll! Schließlich weiß ich in der Sache nichts, was nicht auch Dir schon bekannt wäre, so dass ich Dir keine Hinweise geben kann. Alles, worüber ich Bescheid weiß, ist auch Dir vollauf bewusst, und es gibt nichts, wovon ich mehr wüsste als Du, und von dem ich Dich unterrichten müsste. Es gibt auch kein Geheimnis, das ich mir heimlich erschlossen hätte, und das ich Dir nun anvertrauen wollte. Du kennst die Wahrheit, hast sie erfahren, so wie auch ich sie erfahren und erkannt habe. Du selbst hast, wie ich auch, das Glück gehabt, dem Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – nahe gestanden zu haben. Schließlich standen der Sohn des Abi Kuhafa221 und der Sohn des Khattab222 auch nicht mehr in der Pflicht zu rechtschaffenem Handeln als Du, denn Du stehst dem Propheten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie - der Blutsbande und der verwandtschaftlichen Beziehungen nach noch näher als die beiden, und Dein Anteil an der Familienbande ist ganz ohne Zweifel größer als der ihrige.223 Um Himmels willen, ich schwöre nun bei Gott, um Deiner selbst willen: Du bist doch weder blind noch unwissend, so dass Du weder der Sehkraft noch des Wissens bedürftest, denn die Wege sind doch unzweifelhaft erhellt und die Banner aufrecht gehisst. Wisse, dass vor Gottes Thron derjenige Seiner Diener der beste Führer ist, welcher Gerechtigkeit walten lässt, den (rechten) Weg sucht und ihn (anderen) aufzeigt, das heißt, wer die lichten, anerkannten Traditionen bewahrt und undefinierbare (religiöse) Neuerungen beseitigt. Jawohl, die Traditionen sind klar und licht, sie erhellen alles und weisen ganz besondere Merkmale auf; auch (religiöse) Neuerungen sind gut als solche zu erkennen, haben ihre eigenen spezifischen Kennzeichen. Es steht auch außer Frage, dass vor Gott diejenigen Despoten die Schlimmsten sind, welche selbst fehlgeleitet sind und andere fehlleiten, welche die Tradition als Ergebnis der prophetischen Sendung aussterben und in Vergessenheit geratene Neuerungen neu aufleben lassen. Ich selbst habe vom Propheten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – gehört, wie er sagte: „Am Jüngsten Tag wird man einen Tyrannen so vorführen, dass ihm weder Beistand noch Verteidigung bleibt. Er wird in die Hölle geworfen und wie ein Mühlstein in Drehung versetzt, so dass er in den Tiefen der Hölle in Ketten gelegt wird.“ Ich beschwöre Dich nun bei Dir und Deinem Gott: sei Deiner Gemeinde kein Führer dieser Art, dass Du durch sie zu Tode kommst, denn es hat schon immer geheißen: „In dieser Gemeinde wird ein Imam hingemordet werden und dieser Mord wird nur ein Vorwand dafür sein, weiteren Morden Tür und Tor zu öffnen, was bis zum Jüngsten Tag anhalten wird.“ Bei dieser endlosen Auseinandersetzung werden gewisse Ereignisse von Schleiern des Zweifels bedeckt und die Saat der Feindseligkeit gesät werden. Im Ergebnis wird Recht nicht mehr von Unrecht getrennt; ein Entrinnen aus diesem Sog wird es nicht geben; man wird fürderhin in Konflikten und Spannungen verharren. So möge es nicht soweit kommen, dass Du nach all den Jahren und mit der Erfahrung Deines Lebens zum Spielball der Politik von Marwan224 wirst und er Dich nach Gutdünken hin und herstößt!! An diesem Punkt sprach Osman zum Imam: „Sprich zum Volk und verlange, dass sie mir Zeit gewähren, das ihnen zugefügte Unrecht wettzumachen.“ Der Imam erwiderte: „Soweit es die Stadt Medina betrifft, so ist kein Zeitaufschub vonnöten, und für die außerhalb (von Medina) liegenden Gebiete braucht es naturgemäß nur so lange, bis Dein Erlass dort eintrifft.“

165

Beschreibung der wunderbaren Schöpfung des Pfaus

Gott hat die Erscheinungen dieser Welt auf ganz erstaunliche Weise erschaffen, ein Teil hat Er mit Leben beseelt, andere leblos erschaffen, manche im Ruhezustand und andere wieder in Bewegung. Er hat uns derart viele Zeugnisse seines einfühlsamen Schöpfertums und Seiner Allmacht vorgelegt, dass jeder Verstand dies anerkennen musste, sich Ihm ohne Wenn und Aber unterordnete und Argumente

221 D. h. Kalif Abu Bakr.
222 D. h. Kalif Omar.
223 Osman hatte nacheinander zwei Töchter des Propheten, Ruqiya und Umm Kulsum, zur Frau genommen un
d
war somit sein Schwiegersohn geworden.
224 Marwan I. Ibn al-Hakam (reg. als erster der elf Kalifen der Marwaniden von 684-685).

für Sein Einssein in unseren Ohren zum klingen brachte. Die vielen Erscheinungsformen von Vögeln, die Er erschaffen und inmitten von Erdspalten und weiten Tälern oder auf Berggipfeln untergebracht hat, sind Beispiele für solche Zeugnisse der Realität dieses Einsseins. Mit andersartigen Flügeln und Merkmalen versehen hat Er ein paar von ihnen durch (unsichtbare) Fäden mit dem Menschen verbunden, andere wieder öffnen ihre Flügel und schwingen sich durch weite Täler oder offene, freie Landschaft zum Fluge auf. Gott der Herr hat ihnen auf ganz besondere und wundersame Weise ins Dasein verholfen, ohne dass zuvor je etwas Ähnliches existiert hätte. Ihre Knochen verband Er durch Gelenke miteinander undversah sie mit einem Überzug aus Fleisch. Einigen hat Er schwere, massive Körper verliehen und ihnen so den schnellen Flug über weite Strecken oder in große Höhen versagt, und stattdessen verfügt, dass sie langsam und bedächtig mit den Flügeln schlagen. Mit Seinem Feingefühl und Seiner Macht hat Er trotz ihrer Farbvielfalt eine besondere Ordnung und Rangfolge über alle Vögel verhängt. Einige sehen aus, als ob sie in ein Farbbad getaucht worden wären, weil sie einfarbig sind und von anderen Farben keine Spur ist. Bei anderen wieder sieht es aus, als hätten sie einen Ring um den Hals gehängt, der sich farblich schön gegen ihr Gefieder absetzt. Unter ihnen ist der Pfau mit seinen gebogenen Flügeln und seinem lang gezogenen Schwanz einer der erstaunlichsten und prächtigsten Vögel, den Gott in höchster Farbvollendung erschaffen und dem Er die schönsten Farbtöne verliehen hat. Während der Paarungszeit öffnet er seinen zusammengefalteten Schwanz wie ein Rad und stellt ihn wie einen Sonnenschirm hinter seinem Kopf auf. Er sieht dann aus wie das Segel eines Schiffes, das der Kapitän hat setzen lassen, und ganz stolz und eingebildet prahlt er recht mit diesem schönen, farbenprächtigen Schwanz. Die Paarung beim Pfau erfolgt genau wie bei den Hühnervögeln. Zur Befruchtung seines Weibchens bespringt er es wie alle Männchen es tun, die von der Leidenschaft ergriffen sind. Hierbei verweise ich dich nur darauf, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, nicht auf den verbreiteten Aberglauben, der jeder Grundlage entbehrt. Trotzdem ist das Märchen, demzufolge das Pfaumännchen Tränen weint, die an seinen Lidern haften und vom Pfauweibchen aufgenommen werden – das nur in den Köpfen der Einfältigen Platz hat - nicht wundersamer als das abergläubische Märchen, dass bei Krähen die Paarung von Schnabel zu Schnabel erfolgen soll. Auch könnte man denken, die Schäfte der Federn seien silberne Stäbe und die wie von einer Aura umgebenen Pfauenaugen seien an ihnen festgewachsen wie kleine Sonnen und als wären sie aus echtem Gold und Stückchen aus Smaragd. Willst du ihn mit Blumen oder Pflanzen vergleichen, die so auf der Erde wachsen, dann würdest du sagen, er kommt einem ganzen Blumenbukett aus allen Frühlingsblumen gleich, die es gibt. Willst du aber einen Vergleich mit Gewändern anstellen, dann wirst du finden, er sei wie prächtiger Brokat aus Jemen, mit Zierereien und Stickereien, und wenn du unter Juwelen (nach einem Vergleich) suchen willst, dann wirst du ihn wie vielfarbige Edelsteine sehen, die in Fassungen aus Silber eingelassen sind. Eitel und froh stolziert er umher, betrachtet abschätzend seinen Schwanz und seine Flügel und dann veranlasst ihn die Anmut seines Kleides und die Farbigkeit seines Juwelenbehanges zu einem keckernden Lachen. Wirft er aber einen Blick auf seine Füße, dann weint und schreit er gar kläglich mit Lauten, die seine ganze Hilflosigkeit offenbaren und klarer Ausdruck seines Schmerzes sind, denn die Füße dieses wunderschönen Tieres sind so dürr wie die Füße eines indo-persischen Bastards von Hahn, aus dessen Fersen ein kurzer, spitzer Dorn sprießt. Am obersten Halsansatz des Pfaus fällt einem dort, wo sonst (bei anderen Tieren) eine Mähne sitzt, ein grünlicher, ornamentartiger Federbusch auf. Die Krümmung seines Halses ähnelt dem schönen Schwung fein gearbeiteter Zierkaraffen und der Farbton von der Brust bis zum Bauchansatz gleicht dem wunderschönen Farbton von jemenitischem Indigo. Er sieht auch wie ein von einem Schleier aus Seide überdeckten, durchscheinender Spiegel aus und man könnte denken, er sei überzogen mit einem dunklen Gitternetz oder darin eingewickelt worden. Diese dunkle Schwärze hat aber einen derart strahlenden Glanz, dass es aussieht, als sei sie mit einem wunderschönen Grün vermengt worden. Dabei fällt an der Verlängerung des Ohrspalts eine Strichlinie von der Farbe weißer Kamille auf, die auf dem schwarzen Grund wunderschön zur Geltung kommt. Man findet beim Pfau kaum eine Farbe, die ihm bei seinem Federkleid nicht zugute gekommen wäre oder die ihm mit ihrer Leuchtkraft, ihrem Glanz und ihrer Brillanz nicht zu dieser herausragenden Pracht verholfen hätte! Und deshalb gleicht der Pfau einem Blütenmeer, bei dessen Gedeihen weder der Regen im Frühjahr noch die Wärme der Sonne irgendeine besondere Rolle gespielt haben. Interessant ist, dass er zuweilen sein märchenhaftes Federkleid verliert und er seinen Körper unbedeckt lässt. Dann gehen ihm die Federn nacheinander aus und es wachsen ihm neue. So fallen ihm die Federn aus, wie Laub, das im Herbst abfällt, und sie wachsen ihm daraufhin wieder nach. Sie fügen sich dann wieder so aneinander, dass sie ihre frühere Form wiedergewinnen und zwar ohne, dass bei den neuen Federn und den neuen Farbtönen der geringste Unterschied zu den früheren Federn oder Farbtönen auftreten würde, oder ein Farbe verwechselt worden wäre. Wann immer du dich eingehend in die Betrachtung einer Feder vertiefst, erscheint sie dir einen Moment lang rot wie eine Rose, im nächsten Moment wieder grün wie ein Smaragd und manchmal gülden wie reines Gold! Wahrlich, wie sollen Intelligenz und Verstand die Tiefe dieser Eigentümlichkeiten nur ergründen und wie kann die Sprache der Dichter all diese Liebreize bloß in Verse fassen? Stimmt es nicht, dass selbst das kleinste Detail des Pfaus den Verstand um die Fähigkeit des Begreifens und die Zungen um die Fähigkeit des Beschreibens gebracht hat? Gelobt sei Er, der jedermanns Verstand über Erscheinungen in Verwunderung versetzt, welche Er für die Augen offen zur Schau stellt und die ihren Grenzen, Abmessungen, Bestandteilen und Farben nach bekannt sind. Nichtsdestotrotz hat Er die Zungen unfähig gemacht, diese Erscheinung in Kurzform zu beschreiben wie Er sie außerstande gesetzt hat, sie angemessen zu preisen. Loben wir Allah den Allmächtigen, dass Er die Grundlage für die Existenz der Tiere - von der Ameise über die Mücke bis hin zu Wal und Elefant – befestigt und verfügt hat, dass sich kein lebendiger Körper in Bewegung setzt, ohne dass er dem Tod begegnete und der Untergang das Ende seines Weges wäre.

Ein weiterer Teil dieser Rede in Beschreibung des Paradieses

Wirfst du nun auf das, was dir (über das Paradies) beschrieben wurde, einen Blick mit deinem Herzen, dann wirst du ganz sicher dein Gesicht abwenden von allem, was stets neu auf dieser irdischen Weite wächst – angefangen von den Sehnsüchten und Genüssen bis zu den schönen Ansichten und Ausblicken – und wirst, ganz benommen von diesen Beschreibungen, die Reise in ihre Tiefen begehren; du denkst an das Rascheln (der Blätter) in den Bäumen (des Paradieses), die am Rande von Moschushügeln an Bachufern wurzeln, und an die Perlentrauben von Obst an Zweigen und Ästen; du denkst an die treffliche Reife der verschiedensten Früchte, die sich ohne die geringste Anstrengung pflücken lassen und, sich dem Wunsche des Pflückenden hingebend, zu ihm herabbeugen, während auf den Terrassen der Paradiesschlösser anmutige Mädchen und Jungen reinsten Honig und edelste Weine mit ihren Pokalen ausschenken und diejenigen fürsorglich umsorgen, die dort Einzug gehalten haben; es sind diejenigen, die sich göttlichen Großmutes immer erfreuen konnten und noch können, bis sie ins Haus der ewigen Ruhe herabsteigen und Schonung und Ruhe von den Strapazen der Reisen finden. Fürwahr, wenn du, o Zuhörer, dein Herz mit dem beschäftigst, was dann urplötzlich von diesen Aussichten auf dich einstürmen wird, dann wird deine Seele zweifellos vor lauter Verzückung den Körper aufgeben und aufgrund der Eile – diesen wunderbaren Anblick zu erleben, die sich deiner dann bemächtigt - wird sie schleunigst von hier aufbrechen und sich den Verstorbenen in den Gräbern zugesellen wollen. Möge Gott mich und euch mit Seiner Barmherzigkeit zu Menschen machen, deren Herzen unentwegt für die Sache höchster Rechtschaffenheit schlagen.

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Eine Empfehlung zu Freundlichkeit und Höflichkeit

Die Jüngeren von euch sollten den Älteren unter euch Folge leisten und im Gegenzug sollten die Älteren einen freundlichen Umgang zu den Jüngeren pflegen. Möget auch Ihr euch niemals geben wie die Tyrannen der (vorislamischen) Zeit der Unwissenheit, die weder Einblick in die Religion hatten noch eine Vorstellung von Gott, ähnlich einem unbekannten Ei in einer Höhle; es zu zerstören ist Frevel, doch bewahrt man es auf, entkreucht ihm eine bösartige Kreatur! Nach jener Geschlossenheit sind die Moslems nun zur Uneinigkeit gelangt, haben sich von der göttlichen Wurzel entfernt und sind zersplittert. Nur eine Gruppierung hat dabei am Tauhid wie an einem Ast des Baumes festgehalten und ihre Haltung und Maßnahmen daran ausgerichtet. Nun, es besteht kein Zweifel mehr daran, dass Gott all die zersplitterten Kräfte in allernächster Zukunft zusammenbringen und den Omajjaden den Garaus machen wird. So wie Wolkenfetzen sich im Herbst zusammenballen wird Gott diese Gruppen zueinander bringen, wird sie zu dichten Wolkenmassen werdenlassen und ihnen dann Öffnungen wie Fenster auftun. Sie werden aus ihren revolutionären Lagern hervorbrechen wie der reißende Sturzbach die beiden Gärten225 heimsuchte und werden keinen Hügel stehen lassen, keine Bergkuppe wird ihnen widerstehen können, keine Berghöhe wird ihren Weg aufhalten und die Täler der Erdwüsten sie nicht schlucken können. Gott wird diesen Menschen (erst) einen Platz in den Tiefen der Geschichte zuweisen und sie dann wie sprudelnde Quellen von überall hervorquellen lassen. Mit der Kraft ihrer Hände werden sie die Rechte der einen Schicht der anderen entreißen und ein Volk gegen das andere austauschen. Jawohl, ich schwöre bei Gott, all das, worüber die Omajjaden derzeit verfügen, wird nach den Jahren der materiellen Übermacht und der politischen Überlegenheit wie Talg in der Feuersbrunst schmelzen. Oh ihr Menschen, wäre es euch nicht gleichgültig gewesen, der Wahrheit beizustehen und hättet ihr nicht gezögert, das Unrecht zu zerschlagen, dann hätten es die Leute, die euch in keiner Weise ebenbürtig waren, nicht auf euch abgesehen und die, die heute stärker sind als ihr, hätten nicht so mächtig werden können. Doch wehe, ihr seid zum Umherirren gezwungen wie das Volk Israels! Bei meinem Leben, dieses Herumirren wird von Tag zu Tag zunehmen, denn ihr habt das Recht ein für allemal hinter euch gelassen, habt euch den Entferntesten und Fremdesten angeschlossen, indem ihr eure Bin-dung zu dem euch am nächsten Stehenden abgebrochen habt!226 Wisset nun, folgt ihr eurem Rufer nach, so wird er euch auf den lichten Weg des Propheten leiten, mühevolle Umwege bleiben euch erspart und ihr werdet die schwere Bürde abwerfen, die auf euch lastet.

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Eine Rede des Imams, gehalten zu Beginn seines Kalifats

So hat Gott der Allmächtige also eine richtungweisende Schrift hinab gesandt, in welcher die Grenzen zwischen Gut und Schlecht ganz eindeutig dargelegt sind. Schlagt also den Weg des Guten ein, damit ihr rechtgeleitet werdet und wendet euch vom Schlechten ab, auf dass ihr ins rechte Gleichgewicht gelangt. Und erst die religiösen Verpflichtungen! Haltet euch - um Gottes Willen - an die Gebote, damit Er euch ins Paradies führt! Gott hat Verbote erstellt, die nichts Unbekanntes darstellen; Er hat Erlaubtes für zulässig erklärt, an dem es nicht den geringsten Fehl und Tadel gibt. Er hat in diesem Zusammenhang das Ansehen eines Moslems vor jedem anderen erhöht und das Band der Rechte der Moslems durch die Ergebenheit und das Bekenntnis zum Einssein Gottes gefestigt. So ist ein (guter) Moslem also derjenige, der die anderen Moslems (mit Hand und Sprache) verschont; außer innerhalb der Grenzen der erforderlichen Gesetze gehört es sich nicht, einen einzigen Moslem in Bedrängnis zu bringen. Begreift unverzüglich das Phänomen, das zwar allgemein auf alle zutrifft, jeden einzelnen von euch aber ganz speziell etwas angeht – den Tod, denn ihr seid zweifellos alle als Teil einer großen Karawane unterwegs. Vor euch sind bereits Menschen aufgebrochen und die Stunde der Auferstehung treibt (auch) euch unablässig von hinten an.... Erleichtert eure Last, damit ihr zur Karawane aufschließen könnt, wobei der Erste (von euch) in Erwartung des Letzten (von euch) bleibt. Beachtet die Gottesfurcht auch in Bezug auf die Diener Gottes und dessen Ländereien, denn man wird euch dereinst auch über den Boden und das Vieh Rechenschaft abfordern. Folgt Gottes Geheiß und enthaltet euch des Frevels. Beteiligt euch an jeglicher guter, positiver Sache und geht auf jeden Fall zum Bösen auf Distanz.

225 Anspielung auf das untergegangene Volk Saba, eine der vier großen Zivilisationen, die einst in Südarabiengelebt hatten, und die Arimflut (auch Arimische Überschwemmung) im Jahre 542 n.Chr. Der Koran beschreibt dies wie folgt: „Wahrlich den Sabäern hätte (schon) ihr Wohngebiet ein Zeichen sein sollen: zwei Gärten, zur Rechten und zur Linken. ‚Esst von der Gabe eures Herrn und dankt Ihm! Ein gutes Land und ein nachsichtiger Herr!’ Sie aber wandten sich ab. Da sandten Wir über sie die Flut des Dammbruchs und verwandelten ihre beiden Gärten in zwei Gärten mit bitteren Früchten und Tamarisken und ein paar Lotosbäumen. Dies war unser Lohn für ihren Unglauben. Und so bestrafen Wir nur die Undankbaren.“ (Suren 15, 16 und 17). 226 Imam Ali meint hier seine eigene Person (d. Üb.).

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Nach dem Treueid auf den Imam (S) schlugen einige seiner Gefährten vor, einen Teil der Mörder von Osman vorsorglich in Haft zu nehmen. Der Imam (S) erwiderte darauf:

Oh Brüder, es ist durchaus nicht so, dass mir unbekannt wäre, was euch bekannt ist, doch wie kann ich einen solchen Vorschlag durchsetzen, wo sich diese Gruppe von Aggressoren doch auf der Höhe ihrer Macht und Stärke befindet und sie in allen Bereichen über uns herrschen, wir aber nichts gegen sie ausrichten können! Es sind genau diejenigen, mit denen zusammen sich eure Sklaven erhoben und denen sich die Wüstenbewohner zugewandt hatten. Auf diese Weise haben sie sich ganz und gar bis in euer Innerstes eingenistet und so ein leichtes Spiel, euch mit jeder erdenklichen Pein zu drangsalieren. Seht ihr irgendwo die Machtposition, die man braucht, um durchzusetzen was ihr fordert? So etwas entbehrt jeglicher Logik und wurzelt in der Mentalität der (vorislamischen) Zeit der Unwissenheit! Sie227 haben ungemein tiefe Wurzeln inmitten der Volksmassen. Jeder provozierende Schritt, der gegen diese Strömung unternommen wird, würde das Volk spalten, einige wären eurer Meinung und würden euren Auffassungen folgen, andere wären entgegen gesetzter Meinung und Dritte wieder hätten eine Sicht, die sich von der der beiden ersten wieder völlig unterschiede. Fasst euch nun in Geduld, bis die Krise abebbt, das Volk sich beruhigt, der Aufruhr in den Herzen sich setzt und die Anerkennung der Rechte um der Gerechtigkeit willen problemlos vonstatten geht. So bewahrt nun um meine Person die Ruhe, unterlasst jede Form von Aufwiegelei und schaut, welche Anweisungen ich gebe. Enthaltet euch jeglicher Handlungen, die meiner Macht nur schaden, die Macht unserer Gläubigengemeinde anfechten und Schwäche und Hilflosigkeit mich sich bringen. Ich werde die Angelegenheit, soweit ich kann zu zügeln versuchen, doch sollte mir keine andere Möglichkeit bleiben, werde auch ich auf Repressalien als letzte Abhilfe zurückgreifen müssen.

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Eine Rede des Imams (S), als die Verschwörer von Jamal gen Basra aufbrachen

Gott hat ohne Zweifel einen wegeskundigen Führer mit einer beredten Schrift und hoch stehenden Geboten entsandt; im Zusammenhang damit stürzt nur ins Verderben, wer die Verderbnis schon in seinem Wesen trägt. Was uns mit Vernichtung bedroht, sind dubiose Neuerungen, vor deren Befall uns Gott bewahren möge! Hierbei ist die Akzeptanz der göttlichen Herrschaft euer Unterpfand! So gehorcht also Seinem Befehl – unbeeindruckt von Stimmungsmache und von ganzem Herzen. Ich schwöre bei Gott: entweder ihr folgt dem nach (und tut dies) oder aber ihr verliert die Gnade der Herrschaft des Islam und wird nicht mehr zu euch zurückkehren, sondern unter fremden Völkern wieder auferstehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Gruppen228 sich nun um die Achse der Unzufriedenheit mit meiner Führung zusammengeschlossen haben; ich werde mich – solange ich keine Gefahr für die Gesellschaft spüre – in Geduld fassen, denn wenn sich (erst) die Gelegenheit zur Umsetzung ihrer unrechten Ideen bietet, dann wird die Ordnung der Moslems ins Wanken geraten. Die Realität sieht doch so aus, dass ihre Weltbesessenheit vom Neid gegenüber demjenigen herrührt, für den Gott die Rückkehr des Kalifats erwünscht229. Aus diesem Grunde sind sie darauf aus, den Lauf der Dinge umzukehren. Was ihr zu recht von mir erwarten könnt, ist es, nach der Schrift des allmächtigen Gottes und nach dem Vorbild des Propheten – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – zu handeln, die (göttliche) Wahrheit des Grossen Propheten zu bewahren und seine Traditionen aufrecht zu halten.

227 die Mörder von Kalif Osman (d. Übers.).
228 erst die Omajjaden, dann die Abbasiden (Anm. i.d. Übers. von Dr. Shahidi).
229 d.h. Imam Ali (S) selbst (d. Übers.)
.

170

Im Verlaufe der Kamelschlacht entsandte eine Gruppe von Arabern einen Vertreter zum Imam (S), um die Wahrheit in der Sache und den Hauptgrund für die Auseinandersetzungen zwischen dem Imam (S) und den Verschwörern herauszufinden. Nachdem der Imam (S) die Sache nun so aufgeklärt hatte, dass der Mann von der Wahrheit überzeugt war, sprach er zu ihm: „Leiste nun den Treueid!“ Der Mann sagte: „Ich bin der Abgesandte der Gruppe und ich werde nichts Neues unternehmen, bevor ich nicht zu ihnen zurückgekehrt bin.“ Hier sprach der Imam (S):

„Wahrhaftig, was denkst du: Was würdest du tun, wenn dich die Leute, die hinter dir stehen, eines Tages vorschicken würden, eine Zisterne ausfindig zu machen und du ihnen nach der Rückkehr die Kunde von Wasser und Grün von dort brächtest, sie sich aber von dir abwendeten und stattdessen in die Richtung trockener, Durst bringender Gebiete aufbrechen würden?“ Der Mann sagte: „Ich würde mich von ihnen trennen und selbst dorthin gehen, wo es Wasser und Grün gäbe.“ Der Imam (S) sprach: „Dann reiche mir doch die Hand zum Treueid!“ Jener Mann, welcher als Kolaib Al-Jarrami bekannt war, sprach: „Bei Gott, dieses Argument war so einleuchtend für mich, das ich nicht ablehnen konnte und den Treueid leistete.“

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Ein Gebet des Imams (S) nach dem Entschluss, dem Feind in Siffin zu begegnen

Lieber Gott, Du Schöpfer des Himmelszeltes und der ineinander verwobenen Firmamente, der Du sie zur Grundlage für die Entfaltung von Tag und Nacht, zum Bett für die Bahnen von Sonne und Mond und zur Trasse für das Kommen und Gehen der Sterne gemacht hast und in denen Du einen Teil Deiner Engel angesiedelt hast, die Dich unermüdlich anbeten. Oh gütiger Schöpfer der Erde, welche Du hast für die Menschen zum sicheren Ort und für die Entwicklung von Insekten und Säugetieren, von zahllosen sichtbaren und unsichtbaren Erscheinungen, zum Hort hast gebaut. Oh Du Schöpfer der Berge, welche Du hast zu Verankerungen der Erde und zur Stütze ihrer Bewohner werden lassen. Lässt Du uns über die Feinde obsiegen, dann halte uns fern von jeglicher Aggression gegen sie und schenke uns Festigkeit bei der Wahrung der Gerechtigkeit. Lässt Du sie siegreich über uns sein, so gewähre uns den Märtyrertod und bewahre uns davor, in feindliche Intrigen zu geraten! Wo sind die Kämpfer, die zur Verteidigung der Ehre aufstehen und sich mutig und wehrhaft der Auseinandersetzung mit den bitteren Realitäten stellen? Nun, die Schande habt ihr (schon) hinter euch, aber das Paradies steht euch noch bevor.

172

Lobpreis Gottes

Lobpreis sei Gott, vor dem kein einziger Himmel durch den anderen verdeckt wird und keine Welt einer anderen den Weg versperrt.

Ein weiterer Teil dieser Rede

Ein Schwätzer sprach zu mir: „Oh Sohn von Abi Taleb, bist du aber versessen auf das Kalifat!“ Darauf erwiderte ich: „Ihr seid diejenigen, die am besessensten darauf sind, obwohl ihr dem ferner steht und viel fremder damit seid! Ich dagegen stehe dem viel näher und entspreche viel besser den Anforderungen dafür. In Wirklichkeit fordere ich nur mein unstrittiges Recht ein, ihr aber steht wie ein Hindernis zwischen mir und diesem Recht und enthaltet es mir gewaltsam vor!“ Nachdem ich ihn in Anwesenheit der Menge mit so einleuchtenden Argumenten überzeugt hatte, geriet er so außer sich, dass er offenbar ganz verwirrt und durcheinander war und nicht mehr wusste, was er darauf antworten sollte! Herr, ich bitte Dich von den Qhoraishiten und all jenen, die ihnen beigestanden haben, um Gerechtigkeit, denn sie haben die Blutsbande mit mir aufgekündigt und meine hoch stehende Position herabgewürdigt. Sie haben sich feindlich gegen mich verschworen in Bezug auf eine Sache, die allein mir zustand, und noch gesagt: „Obwohl es eigentlich dir zugestanden hätte, das Zepter zu führen, so steht es dir ebenso zu, unter den derzeitigen Umständen davon abzulassen.“

Ein weiterer Teil über die Gefährten von Aisha in der Kamelschlacht

Sie haben sich von mir abgespalten, wobei sie die Angetraute des Propheten Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie – so mit sich herumschleppten, wie man Sklavinnen zum Verkauf zum Markt bringt, und haben sich nach Basra aufgemacht. Ihre eigenen Frauen haben sie230 in ihren Häusern weggeschlossen, aber die Gefangene des Propheten Gottes - Gott segne ihn und dessen Familie – haben sie nach Basra gebracht und vor sich und anderen öffentlich zur Schau gestellt, in einem Heer, von dem jeder einzelne sich zum Gehorsam zu mir verpflichtet und mir aus freien Stücken - ohne jeglichen Zwang oder Druck – den Treueid geleistet hatte! Auf diese Art und Weise starteten sie den Angriff auf meine Beamten, die Schatzmeister der muslimischen Staatskasse231 und die Menschen dieses Gebietes. Einen Teil von ihnen tötete man in Kerkern und unter Foltern, den anderen Teil brachte man auf betrügerische und unehrenhafte und gemeine Weise ums Leben. Ich schwöre bei Gott, sollten sie auch nur einen Moslem vorsätzlich und unschuldig getötet haben, dann hätte ich das Recht, ihr ganzes Heer zu töten, denn sie alle wären bei dem Verbrechen ja dabei gewesen und hätten nichts - weder verbal noch physisch - zu dessen Vereitelung unternommen! Dies trifft erst recht zu, wenn diese Verbrecher soviel unschuldige Moslems umgebracht haben, wie die Stärke ihres gesamten Invasionstrupps ausmacht.

173

Über das Kalifat

Der Prophet (S) ist der Treuhänder göttlicher Offenbarung, der Letzte Seiner Propheten, der Verkünder der frohen Botschaft Seiner Barmherzigkeit und der Warner vor göttlichem Zorn. Oh ihr Leute, es steht außer Zweifel: für die Führerschaft232 ist derjenige am meisten prädestiniert, der im Handeln stärker ist als die anderen und der diesbezüglich über mehr Wissen um die Gebote Gottes verfügt. Wenn also ein Unruhestifter aufbegehrt, so muss er versuchen, ihn umzustimmen; weigert dieser sich jedoch, dies anzunehmen, so ist er zu unterwerfen. Bei meinem Leben, wenn die Wahl des Führers davon abhängig wäre, dass das gesamte Volk direkt daran beteiligt sei, so würde kein Weg dorthin führen; demzufolge herrschen diejenigen, die dazu befähigt sind, über diejenigen, die nicht dabei sein konnten. So haben jetzt auch weder diejenigen, die bei den Wahlen anwesend waren, das Recht auf eine geänderte Meinung, noch haben diejenigen, die abwesend waren, das Recht auf eine andere Wahl. Gebt Acht: mit zwei Gruppen steht mir noch ein blutiger Kampf bevor, erstens, mit demjenigen, der etwas beansprucht, was ihm nicht zusteht, und zum zweiten mit dem, der nicht zu seiner einmal eingegangenen Verpflichtung steht. Ich rate euch allen zu göttlichem Gehorsam, denn der gegenseitige Ansporn der Diener Gottes untereinander zur Frömmigkeit ist die beste Grundlage vor Gott dem Glorreichen sowie der Schlüssel für den optimalen Ausgang jeglichen Geschehens, besonders jetzt, wo unzweifelhaft das Tor des Kampfes zwischen euch und den vorgeblichen Moslems aufgestoßen ist und niemand anders das Banner dieses Kampfes zu tragen imstande ist, außer dem, der Beharrlichkeit und Weitsicht in sich vereinigt und sich vollauf seiner rechtmäßigen Position bewusst ist. So handelt also nach den Geboten, die ihr erhalten habt und befolgt sie; haltet euch von all den Dingen zurück, die euch verboten sind und überstürzt

230 Talhah und Zubayr. 231 Beit-ol-Mal. 232 das Kalifat (d.Übers.).

keine Sache, bevor ihr sie nicht abschließend geklärt habt, und alles was ihr abstreitet, sehen wir
(noch) etwas anders.
Gebt Acht! Die Welt, die ihr nun zum Dreh- und Angelpunkt all eurer Wünsche und Neigungen er-
wählt und zum einzigen Anlass für Freud und Leid genommen habt, ist weder ein geeigneter Platz für
euch, noch der Ort, für den ihr erschaffen seid, und auch nicht das, wohin ihr dereinst gerufen werdet.
Wisset, die Welt bleibt weder auf ewig für euch bestehen noch werdet ihr auf ewig für sie da sein.
Wenn sie euch mit ihrem Zierrat auch verblendet hat, so hat sie euch genauso vor dem Bösen in ihr
gewarnt. So gebt angesichts der Warnungen all das auf, was euch an ihr fasziniert, und stellt in Anbet-
racht der Mahnungen das beiseite, was nur die Gier anstachelt. Eilt in dieser Welt dem Ort entgegen,
für den ihr berufen seid und wendet euch mit dem Herzen von der irdischen Durchgangsstation ab.
Vervollkommnet stattdessen immer weiter die Früchte der prophetischen Sendung – einer gottgegebe-
nen Gunst – durch Duldsamkeit im Gehorsam zu Gott und durch Wahrnehmen der Verantwortung zur
Wahrung Seiner Schrift.
Seid gewahr: behütet ihr die Säulen eurer Religion gut, so kann euch kein einziger irdischer Verlust
einen Schaden zufügen, doch zerstört ihr eure Religion, so kann euch auch von den irdischen Gütern,
die ihr besitzt, nichts mehr von Nutzen sein.
Ich bitte Gott, Er möge unsere und eure Herzen zur Gerechtigkeit führen und uns allen Gelassenheit
verleihen.

174

Eine Rede des Imam (S) über Talhah Ibn Ubaidullah

Meine Vergangenheit bezeugt, dass Kriege mich nie bedroht haben und ich mich vor Schwerthieben nicht gefürchtet habe, weil ich mich auf die Verheißungen des Sieges durch meinen Schöpfer verlasse. Bei Gott, seine233 Eile, Osmans Blut mit gezücktem Schwert zu rächen, kann man nur so auslegen, dass er die Vergeltung für dessen Blut fürchtet, besonders deshalb, weil er selbst im Zentrum des Verdachts steht und weil es unter all jenen (Verdächtigen) niemanden gab, den es mehr nach dessen Blut gedürstet hätte. Mit seiner Mobilmache beabsichtigt er, die Sache in die Irre zu leiten, damit die wahren Hintergründe im Dunklen bleiben und eine Atmosphäre von Skepsis entsteht. Bei Gott, er hat in Bezug auf (die Bluttat an) Osman in drei wichtigen Punkten nicht so gehandelt, wie es erforderlich war: Wenn der Sohn von Affan234 ein Tyrann war – wie er behauptete – dann hätte er dessen Mördern beistehen und sich von dessen Gefolgsleuten fernhalten müssen. War Osman hingegen ein Opfer der Tyrannei, dann wäre es angebracht gewesen, sich den Verteidigern und Fürsprechern von dessen Taten anzuschließen. War er aber in Bezug auf die Haltungen und Handlungen von Osman im Zweifel, hätte er sich zurückziehen, reglos im Abseits verharren und ihn dem Volk überlassen sollen. Er aber hat nichts von diesen drei Dingen getan, sondern einen Weg eingeschlagen, dessen Ausgangspunkt unklar ist und der durch nichts gerechtfertigt werden kann.

175

Ermahnung der nachlässigen Menschen

Oh, ihr (Leute), die ihr Gott vernachlässigt und euch selber fremd werdet, die ihr aber selbst keinen einzigen Augenblick von Gott vernachlässigt seid! Oh ihr Verlassenen, von denen man dereinst über alle ihre Taten Rechenschaft einfordern wird! Womit wird es dann zu rechtfertigen sein, dass ihr euch von Gott abwendet und ich sehen muss, wie ihr euch etwas anderem zuwendet? Als wärt ihr keine Menschenwesen, sondern willenlose Tiere, die von ihren Hirten auf verseuchte Weidegründe und an vergiftete Quellen geführt worden sind! Die Situation der Menschen in dieser Gesellschaft ist mit nichts außer der Befindlichkeit eines stummen Tieres zu

233 gemeint ist Talhah. 234 Osman Ibn Affan.

vergleichen, das zum Mästen gefüttert wird und selbst nicht weiß, welches Schicksal es erwartet. Während es in den Genuss einer solchen Gunst kommt, hält es dies für sein Lebensgeschick und denkt, das ganze Leben sei nur dazu da, sich den Bauch voll zu schlagen. Bei Gott, wenn ich wollte, könnte ich von jedem Einzelnen von euch sagen, wo er verkehrt und wie es um ihn steht, doch meine Befürchtung ist, dass ihr im Glauben von mir und dem Propheten Gottes (S) abfallt. Wisset aber, dass ich all dies meinen vertrauten, zuverlässigen Gefährten anvertraue. Bei eben dem Gott, welcher den Propheten (S) zur (göttlichen) Wahrheit entsandte und ihn aus einem ganzen Volk erwählte – ich spreche nichts als die Wahrheit. Er hat mir all diese Geheimnisse anvertraut, auch, dass ins Verderben stürzt, wessen Schicksal das Verhängnis ist, wer von Freveln verschont bleibt, vom Schicksalslauf der prophetischen Sendung und von allen Geschehnissen, die ich erlebte und erlebe. Alles dies hat er mir ohne Ausnahme entweder ins Ohr geflüstert oder mich auf diese oder jene Weise wissen lassen. Oh Leute, bei Gott, ich habe euch nie zum Gehorsam für etwas aufgerufen, bevor ich nicht selbst dabei eine Vorreiterrolle übernommen hatte und keinen Frevel habe ich euch verwehrt, bevor ich mich nicht selbst dessen enthalten hatte.

176

Eine Predigt über die Eigenschaften eines Gläubigen

Sucht Nutzen im Wort Gottes, hört Seine Ratschläge und nehmt sie an, denn mit Seinen eindeutigen Worten hat Gott euch den Weg für Auslegungen versperrt und eine Frist gesetzt. Er hat ganz klar getrennt, was er gutheißt und was nicht, damit ihr Ersterem nachgeht und Letzterem abschwört. Der Prophet Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – hat stets gesagt: „Gewiss liegt das Paradies inmitten von vielerlei unangenehmen Schwierigkeiten und das (Fege-) Feuer inmitten von vielerlei Lustbarkeiten.“ Und wisset, es ist eine unumstößliche Wahrheit: kein einziger Akt göttlichen Gehorsams bleibt von unangenehmen Seiten verschont, genau wie man keinen Akt des Frevels findet, der nicht mit Lastern einhergehen würde. So gehöre die Huld Gottes dem ehrbaren Manne, der sich von seinen Lastern lossagt und die Begierde mit Stumpf und Stiel aus seinem innersten Herzen ausrottet, denn dieses Ego drängt dem Menschen immer mehr Anziehungskräfte auf, lässt ihn in stets neue Fallen der Begehrlichkeiten und in immer neue Sünden hineingeraten. Wisset auch, dass ein Rechtgläubiger sein eigenes Ich von früh bis spät misstrauisch betrachten, ständig neu kritisch ins Auge fassen und ihm mehr und mehr abverlangen sollte. So seid auch ihr wie die Vorreiter und Reisenden der Vergangenheit, die mit der Welt wie Nomaden verfahren sind und eine Etappe nach der anderen zurücklegten, ohne sich unterwegs an eine dieser Etappen zu binden. Und wisset, ihr habt ein Licht wie den Koran auf eurem Wege, welcher der einzige Ratgeber ist, dessen Rat keinen mit Verrat besudelt, und welcher der einzige Führer ist, der sich nie in die Irre leiten lässt. Auch ist er der einzige Redner, der niemals eine Lüge im Munde führt. Niemand sitzt am gedeckten Tisch des Korans, ohne sich davon mit einem Gewinn und einem Verlust zu erheben: einem Gewinn an Rechtleitung und einem Verlust an (geistlicher) Blindheit. Lasst euch auch gesagt sein, dass nach der Beschäftigung mit dem Koran niemand mehr bedürftig bleibe, genau wie vor der Auseinandersetzung mit dem Koran niemand ganz ohne Bedürfnis gewesen ist. So lest im Koran nach, wie man eure Schmerzen heilt und überwindet eure größten Schwierigkeiten mit seiner Hilfe, denn im Koran steht, wie man eure größten Schwächen – Unglauben und Heuchelei, Verfehlung und Frevel – heilt. Greift auf den Koran zurück, um von Gott etwas zu erbitten und wendet euch Gott zu in Liebe zum Koran. Doch benutzt ihn nur nicht, um etwas von den Menschen zu erbetteln, denn er ist ein einzigartiges Medium, wenn es um die Aufmerksamkeit der Diener Gottes gegenüber Gott geht. Wisset, dass der Koran der einzige Mittler ist, dessen Vermittlung235 völlig unbestritten ist, und er ist der Einzige, dessen Einlassungen samt und sonders Bestätigung finden. All das, wofür sich der Koran bei der Auferstehung einsetzt, wird akzeptiert werden, ebenso wie es auch ohne Wenn und Aber akzeptiert wird, wenn er über jemanden Beschwerde führt. Jawohl, am Tage der Auferstehung wird ein Herold ausrufen: “Seid gewahr, jetzt hat ein jeder die Last der Ernte zu tragen, die er eingefahren hat, außer denen, die den Koran (wie ein Feld) bestellt haben!“

235 am Jüngsten Tag.

So schließt euch denjenigen an, die den Koran (wie ein Feld) bestellen und folgt ihm nach; lasst euch von ihm zu Gott, eurem Schöpfer, leiten, erkennt den Koran als euren Ratgeber an, seid in seinem Angesicht misstrauisch gegenüber euren eigenen Ansichten und erlaubt euren Leidenschaften in Bezug darauf bewusst nicht, Verrat zu üben! Gute Taten, nichts als gute Taten! Konzentriert euch danach auf das Ziel und auf nichts anderes, dann heißt es standhaft und beharrlich zu sein und gelassen und enthaltsam zu bleiben! Jeder von euch gelangt an sein Ende, bringt deshalb euren Weg auch zu Ende. Auf diesem Weg steht euch zweifellos ein Banner236 zur Seite, also sucht unter eurem Banner nach Rechtleitung! Auch der Islam hat ein Endziel - dringt also bis in dessen Herz vor und seid bemüht, der Verantwortung, die Gott euch als Sein Recht auferlegt hat, voll gerecht zu werden, und die Pflichten, die Er euch übertragen hat, zu erfüllen. Nur so werde ich am Jüngsten Tag Zeugnis für euch ablegen und euch verteidigen können. Seid gewarnt: der jetzige Lauf des Schicksals ist derselbe wie der vergangener Gläubigergemeinden, es wiederholt sich (nur) und langsam (aber sicher) tritt wieder das Geschick der Vergangenheit ein. Gestützt auf göttliche Verheißungen und Argumente stehe ich hier und spreche zu euch. Gott der Allmächtige spricht: „Siehe, diejenigen, welche sprechen: ‚Unser Herr ist Allah’ und dann sich wohl verhalten, auf die steigen die Engel hernieder: ‚Fürchtet euch nicht und seid nicht traurig, sondern vernehmt die Freudenbotschaft vom Paradies, das euch verheißen ward.’“237 Ihr wart es, die gesagt hatten, Allah ist unser Schöpfer. Nun zeigt auch Ausdauer und Standfestigkeit, indem ihr euch auf Seine Schrift stützt, auf Sein Gebot und auf den Gehorsam zu Ihm, ohne von diesem Kurs abzugehen, abzuweichen, Neuerungen zu frönen oder in die Gegenrichtung abzufallen, denn das Band zwischen den Treubrüchigen und Gott wird (erst) am Jüngsten Tag ganz zerreißen. So enthaltet euch also der Dekadenz und dem moralischen Verfall. Sprecht (nur) mit einer Zunge: ein Mann muss seine Zunge im Zaume halten, denn diese Zunge kann mit ihrem Besitzer durchgehen wie ein Pferd! Bei Gott, ich habe in meinem Leben keinen (einzigen) Diener Gottes erlebt, dem seine Frömmigkeit etwas genutzt hätte, wenn er nicht seine Zunge gezügelt hat. Ja, die Zunge befindet sich bei einem Rechtgläubigen hinter dem Herzen, während bei einem Heuchler das Herz hinter der Zunge sitzt. Möchte ein Rechtgläubiger etwas sagen, dann hält er seine Worte in seinem Innern zunächst zurück und überlegt; wenn er sie für gut befindet, spricht er sie aus, doch wenn nicht, verbirgt er sie. Der Heuchler dagegen spricht alles aus, was ihm einfällt und ohne Nutzen oder Nachteil seiner Rede zu bedenken! Es ist erwiesen, dass der Prophet Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie - gesprochen hat: „Den rechten Glauben wird nur der Diener erfahren, dessen Herz die Wahrheit lernt, und nur dasjenige Herz lernt aufrichtig zu sein, wenn die Zunge wahr spricht!“ Demzufolge sollte jeder von euch, der imstande ist, vor Gott den Allmächtigen zu treten, mit Händen, die unbefleckt sind vom Blut und dem Eigentum der reinen Muslime, und mit einer Zunge, die von deren Ehrbarkeit kündet, der sollte dies auch tun! Wisset, ihr Diener Gottes, dass es für den Rechtgläubigen kein Schwanken gibt in Bezug darauf, was erlaubt oder was verboten ist. Was Er schon im ersten Jahr für halal238 erklärt hat, das hält Er auch jetzt noch für halal, und alles, was Er damals für haram239 erklärt hat, das hält Er auch heute noch für haram. Es steht außer Zweifel, eine religiöse Neuerung kann aus etwas Verbotenem nicht etwas Erlaubtes machen, sondern beide sind und bleiben das, wozu sie Gott einst gemacht hatte. Ihr habt die Abläufe erlebt und schon Erfahrungen am eigenen Leib durchgemacht, habt euch das Schicksal vergangener Gemeinden zum Vorbild gereichen lassen. Man hat euch Beispiele aus deren Geschichte überliefert und ihr seid, gestützt auf all dies, hin zur lichten prophetischen Sendung eingeladen worden, welche nur von einem von Geburt auf tauben Menschen zu überhören ist, und deren deutliche Wahrheiten nur von einem blind Geborenen zu übersehen ist! Wen Gott nicht aus seinen Erfahrungen und Bewährungsproben lernen lässt, der wird auch aus keinem Rat etwas lernen, und in dessen Wissen (um Gott) werden so große Lücken klaffen, dass er Verwehrtes als etwas Erlaubtes und Erlaubtes für etwas Verwehrtes betrachtet. In Wahrheit bilden die Menschen nur zwei Gruppen: die Anhänger der Shari’a und die Schöpfer religiöser Neuerungen. Für Letztere gibt es vonseiten Gottes des Allmächtigen weder Argumente der Tradition noch das Licht der Rechtfertigung. Hinzu kommt, dass Gott der Glorreiche keiner der früheren Gemeinden ein Buch wie den Koran geschenkt hat, denn

236 der Heilige Koran.
237 Hl. Koran, 41. Sure, Vers 30.
238 aus religiöser Sicht: erlaubt, koscher.
239 aus religiöser Sicht: unerlaubt, unkoscher.

der Koran ist ohne Zweifel ein festes Band und ein verlässliches Argument, wodurch das Volk mit Gott verbunden ist und in dem der Frühling der Herzen und die Quellen der Wissenschaften stecken. Für das Herz gibt es keinen Glanz außer durch den Koran, doch leider weilen die nicht mehr unter uns, die seiner immer gedacht haben und zurückgelassen haben sie eine Handvoll Vergesslicher ohne Gedächtnis …. Ich möchte euch nun folgendes anraten: trefft ihr auf eine gute Sache, so sputet euch ihr zur Seite zu stehen, begegnet ihr jedoch einer unguten Sache, so geht ihr aus dem Wege, denn der Prophet Gottes – der Frieden sei mit ihm und dessen Familie – hat immer gesagt: „Oh Mensch, tu Gutes und vermeide Schlechtes, dann wirst du einen guten Mittelweg beschreiten...“ Wisset, dass es dreierlei Arten von Unrecht gibt: -Unrecht, welches nicht zu vergeben ist, -Unrecht, für das man unvermeidlich gerade zu stehen hat -Unrecht, welches einem vergeben und nicht weiter verfolgt wird. Zum Unrecht, welches nicht vergeben werden kann, gehört es, Gott nicht als einzigen anzuerkennen, denn Gott der Allmächtige spricht: „Siehe, Allah vergibt nicht, dass man ihm Götter beigesellt.“240 Unrecht, welches einem vergeben wird, ist dagegen dasjenige, welches der Mensch sich selbst zufügt; ein Unrecht mit unvermeidlichen Konsequenzen ist das Unrecht, das ein Diener Gottes dem anderen zufügt. Hierbei sind die Folgen streng, die Folgen sind nicht mit einer Peitsche gleichzusetzen, die auf den Leib niedersaust, auch nicht mit Züchtigungen, die dem Körper beigebracht werden – all dies erscheint verschwindend klein im Vergleich zu dem, was unrechte Tyrannei (wirklich) zur Folge hat. Hütet euch vor stets neuen Positionen in der Religion, denn Geschlossenheit um Recht und Wahrheit willen – auch wenn sie euch nicht gefallen sollten – ist besser als Ungeschlossenheit um des Unrechts und der Unwahrheit willen – selbst dann, wenn sie euch zusagen sollten, denn Gott hat niemandem in der Vergangenheit der menschlichen Geschichte je etwas Gutes aus Trennung und Uneinigkeit erwachsen lassen, und Er wird dies auch in Zukunft nicht tun! Oh Leute, glücklich ist, wer durch die Berichtigung seiner eigenen Fehler davon abgehalten wird, die Fehler der Anderen zu suchen. Glücklich ist zu nennen, wer sich auf seinen Platz setzt, sein täglich Brot isst, sich dem Gehorsam zu seinem Schöpfer widmet und seine Sünden beweint. So gehe er seinem Tagwerk nach und verschone die Mitmenschen.

177

Über die beiden Schiedsleute (nach den Ereignissen in Siffin)

So haben sich eure Anführer geeinigt, zwei Männer auszuwählen und wir haben diesen beiden Männern die Verpflichtung abgenommen, sich bedingungslos dem Koran unterzuordnen und nicht von ihm abzugehen, ihr Wort an ihm auszurichten und ihre Herzen ihm folgen zu lassen. Doch die beiden sind vom Pfad des Koran abgewichen und gingen fehl, haben Recht und Wahrheit aufgegeben, obwohl sie ihnen klar vor Augen standen. Sie verfielen der Tyrannei und fehlten in ihrem Verhalten. Während die mit ihnen vereinbarte Bedingung, ein gerechtes Urteil zu fällen und gerecht zu handeln, Feindseligkeit und einem ungerechten Schiedsspruch zuvorgekommen wäre, sind wir nun diejenigen, die über einen unwiderlegbaren Beweis - zu unseren Gunsten – verfügen, wo sie doch ihren Weg von unserem Weg zur Wahrheit getrennt haben und auf unerklärliche Weise zu einem gegensätzlichen Schiedsspruch gelangt sind.

178

Über die Vergänglichkeit dieser Welt

Keine Tätigkeit hält Ihn von einer anderen ab, Zeit verändert Ihn nicht, Er lässt sich nicht im Raum erfassen und beschreiben kann ihn keine Zunge. Seine Präsenz in den Weiten des Daseins gleicht der Anzahl von Wassertropfen auf der Erde und der Unzahl von Sternen am Himmelszelt. All das, was der

240 Heiliger Koran, 4. Sure, Vers 48.

Wind aufwirbelt, jede Fußbewegung einer Ameise auf hartem Stein, selbst eine Ameisenburg im Dunkel der Nacht - nichts bleibt Ihm verborgen! Er weiß, wann irgendwo ein Blatt vom Baum fällt und Er kennt die verstohlenen, unsichtbaren Blicke. Und so bezeuge ich mit meinem ganzen Sein - ohne jegliche Abweichung oder Zweifel an Seiner Existenz, ohne Seine Religion zu leugnen oder Seine Schöpfung zu verneinen – Seine göttliche Einheit und Einzigartigkeit. Es ist das Zeugnis eines Menschen, der ehrbare Absichten hegt, innerlich rein und aufrecht im Glauben ist und dessen (zu erwartender) Lohn (für gute Taten) schwer wiegt241. Ich lege ebenfalls Zeugnis davon ab, dass Mohammad Sein Diener und Gesandter ist, den Er aus Seinen Geschöpfen auserwählte und den Er berufen hat, Seine Wahrheiten zu verdeutlichen. Er hat ihn mit besonders wertvollen Werten ausgestattet, damit er den rechten Weg erleuchte und die dunkle, dumpfe Atmosphäre der Unwissenheit erhelle. O Ihr Menschen, die Welt täuscht all diejenigen, die sich an sie binden, sie zum Nabel ihrer Wünsche machen und sich auf deren Ewigkeit verlassen; ihren Verehrern misst sie keinen Deut bei und sie vereitelt den Erfolg der Siegreichen. Bei Gott, Veränderungen im Leben eines Volkes, welches sich in Wohlstand und Luxus wiegte und dann in Hunger und Not verfiel, sind mit nichts anderem zu deuten als mit deren Sünden, zu Zeiten ihres Wohllebens begangen, „.... weil Allah nicht ungerecht ist gegen seine Diener“242 Ja, würden die Menschen mit aufrichtiger Motivation und brennenden Herzen Zuflucht bei ihrem Herrn suchen, wenn sie eine Strafe heimsucht oder der Quell der Segnungen versiegt, so gäbe Gott ihnen jeden vergänglichen Segen zurück und rückte jedes Übel zu ihren Gunsten wieder zurecht. Was mich aber besonders besorgt, ist die Zeit einer ideellen und kulturellen Stagnation, die euch in eurer Geschichte bevorsteht. Meiner Ansicht nach sind eure Haltung und euer Verhalten bei den politischen Entwicklungen der Vergangenheit nicht (gerade) löblich gewesen, doch würdet ihr jetzt (noch) zum früheren Lauf der prophetischen Offenbarung zurückkehren, so wärt ihr ein wahrhaft glückliches Volk. Fleiß und Eifer sind das, was ich dazutun kann, und wollte ich mich über das Vergangene äußern, so kann ich nur sagen: „möge Gott die Vergangenheit vergeben.“

179

Ze’lab Yamani befragte den Imam (S): „O Fürst der Gläubigen, hast Du Deinen Schöpfer geschaut?“ Der Imam (S) antwortete: „Würde ich jemanden anbeten, den ich nicht geschaut habe?“ Ze’lab fragte: „Wie hast Du Ihn erlebt?“ Der Imam (S) sprach zur Erwiderung:

„Nicht die Augen schauen Ihn, sondern es sind die Herzen; die Ihn mit der Wahrheit des Glaubens begreifen. Er ist allen Dingen nahe, ohne körperlich mit ihnen zu verschmelzen; gleichzeitig ist Er von allen Gegenständen weit entfernt, ohne jedoch räumlich von ihnen getrennt zu sein; Er ist ein Redner, der spricht, ohne dabei denken zu müssen; Er ist entschlossen und dabei nicht auf Emotionen angewiesen; Er gestaltet, ohne dabei einen Körperteil betätigen zu müssen; Er ist zart und unberührbar, aber lässt sich über das Verborgensein nicht definieren; Er ist groß, doch zeichnet Ihn eine große Statur nicht aus; Er sieht, ohne mit einem Sehsinn ausgestattet zu sein; Er ist gütig, doch ist Er mit Herzensgüte nicht zu beschreiben. Alle Wesen liegen angesichts Seiner enormen Größe im Staub, alle Herzen erzittern aus Furcht vor Ihm.“

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Eine Rede, mit der die Gefährten gerügt werden

Ich danke Gott - welcher alle Abläufe in der Welt und das Handeln des Menschen lenkt – für Sein Schicksal und auch für Seinen Willen, mich von einer Truppe wie euch heimsuchen zu lassen, die ihr mir keinen Gehorsam schenkt, meiner Aufforderung keine Folge leistet und Chancen im Müßiggang verstreichen lasst; ist der Augenblick für Aktionen gekommen, bekommt ihr es mit der Angst zu tun. Wird das Volk eines Tages um einen Führer geeint sein, dann werdet ihr in der Kritik stehen und ver

241 Verweis auf Heiliger Koran, 101. Sure, Vers 6 und 7. 242 Heiliger Koran, 8. Sure, Vers 51.

nichtend geschlagen werden und euch entgegen all euren Behauptungen schon bei den geringsten Missliebigkeiten und Problemen zurückziehen. Oh ihr Unehrenhaften, deren Feind sogar ein Bastard ist, worauf wartet ihr jetzt noch, wo wir uns an einem Scheideweg zu Tod und Demütigung befinden, dass ihr mich in meinem heiligen Kampf für die Wahrheit (endlich) unterstützt? Bei Gott, würde meine letzte Stunde jetzt kommen – die ohne Zweifel kommen wird – so würde sie uns genau dann für immer voneinander trennen, wo ich es leid bin, zu euch zu sprechen und ich mich unter euch sehr einsam fühle. Ich überlasse euch eurem Gott! Habt ihr denn keine Religion, die euch eint, und keine Ehre im Leibe, die euch aufrüttelt? Ist es nicht sonderbar, dass Mo’awiye eine Handvoll gewaltbereiten Pöbels zusammenruft und der ihm dann noch ohne Erwartung einer Belohnung oder von Vorteilen Folge leistet? Ich aber rufe euch – die ihr die Erben des Islams seid und würdiges Andenken an unser aufrechtes Volk - mit gebührenden Aussichten und angemessenen Belohnungen auf und ihr bildet Grüppchen gegen mich? Zwischen mir und euch bestehen so große Unstimmigkeiten, dass wir nicht ein einziges Gefühl, sei es in Freud oder in Leid, miteinander teilen. Unter diesen Umständen möchte ich am liebsten den Tod in die Arme schließen! Mein ganzes Leben habe ich damit verbracht, den Koran mit euch zu studieren und euch die Tore der (geistlichen) Argumente zu erschließen, habe euch mit den Wahrheiten vertraut gemacht, die euch unbekannt waren, habe euch alles mundgerecht serviert, dass sogar ein Blinder wieder sehend und ein Schlafender erweckt worden wäre! Doch wehe, wie ignorant muss ein Volk sein, dessen Führer Mo’awiyeh und dessen Lehrer der Sohn von Nabeqha243 ist!

181

Ein Teil der Truppen des Imams (S) hatte sich zum Anschluss an die Kharijiten entschlossen und der Hauptgrund bestand darin, dass sie sich vor dem Fürsten der Gläubigen — Gott segne ihn — fürchteten und sie ein Gefühl der Unsicherheit hegten. Der Imam (S) beauftragte einen seiner Gefolgsleute herauszufinden, wie es um sie stand und fragte ihn bei dessen Rückkehr: „Haben sie sich letztlich doch sicher gefühlt und sind geblieben oder sind sie in ihrer grundlosen Angst doch entwichen?“ Der Mann erwiderte: „Nein, oh Fürst der Gläubigen, sie sind entwichen.“ Der Imam (S) sprach:

Mögen sie der Vernichtung anheim fallen, einen Untergang erleben wie das Volk der Thamud244! Wisset, sie werden ihre Haltung bereuen, sobald sie zur Zielscheibe der Lanzen werden und Schwerter ihre Scheitel spalten. Heute konnte Satan sie für sich einnehmen, doch schon morgen wird er sie angewidert wieder alleinlassen. Sie sind gestraft genug damit, von der Rechtleitung abgewichen und inmitten von Irrwegen und Verblendung untergegangen zu sein, sich vom Recht abgewandt zu haben und in der Wüste umherzuirren....

182

Durch Nauf Al-Bakali ist folgendes überliefert: Als der Imam — Gott segne ihn — diese Rede in Kufa hielt, stand er auf einem Stein, den Jo’da Ibn Hubaira Al-Makhzumi für ihn aufgebaut hatte. Er trug ein Wollgewand und sein Hüftgurt für das Schwert und seine Fußbekleidung bestanden aus gewobenen Palmfasern. Die Stirn (vom vielen Beten) schwielig, begann er seine Rede wie folgt:

Lob gebührt Gott, auf den die Veränderungen der Schöpfung und der Abschluss aller irdischen Entwicklungen ausgerichtet sind. Wir danken Ihm für Seine unermessliche Gunst, seine wegweisenden Argumente, Seine zunehmende Barmherzigkeit und all das, wofür wir bei Ihm in der Schuld stehen; ein Dank, der ein angemessenes Streben nach Wahrnehmung der göttlichen Verpflichtungen und der

243 Nabeqha war der Name der Mutter von ’Amr Ibn Aas (Anmerkung i.d. engl. Übers.).
244 Ein arabischer Stamm im Gebiet zwischen Medina und Syrien, dessen Spuren sich zwischen den Jahren 400
-
600 n.Chr. verlieren. Gott hatte ihnen den Propheten Saleh geschickt, um sie an den Dienst an ihrem Schöpfer zu
erinnern, doch die Thamud waren ungehorsam und es überkam sie ein großes Erdbeben (vgl. Heiliger Koran, 7.
Sure , Verse 71-79, u.a.).

Bezeugung von Dankbarkeit zu Ihm darstellt; Dank, der ein Kriterium für die Annäherung an Seine Belohnung und zunehmende Gnadenbeweise ist. Auch bitten wir um Seinen Beistand; es ist der Beistand von einem, der einzig Seiner Gnade angetan ist und sich wünscht, von Ihm zu nutznießen, der sich auf Seine Verteidigung verlässt, sich zu Seiner Barmherzigkeit bekennt und in Wort und Tat an Ihn glaubt. Jawohl, wir glauben an Ihn, hoffen auf Ihn mit einem Glauben ohne ein Körnchen vonZweifel, weinen im festen Glauben an Ihn, verneigen uns vor Ihm aus tiefster Überzeugung, verehren und beten wir Ihn aufgrund Seiner Einzigartigkeit an und lobpreisen Ihn, denn wir erkennen Ihn als groß an und trachten inniglich nach Zuflucht zu Ihm. Der Allmächtige ist weder geboren worden, so dass jemand an Seiner göttlichen Herrlichkeit beteiligt gewesen wäre, noch hat Er jemanden geboren, um selbst wieder zu vergehen und ihm Sein Erbe zu hinterlassen. Nie war Zeit Ihm vorausgegangen und auch Wachstum und Verfall treffen auf Ihn nicht zu. Für den Verstand tritt Er nur über die Zeichen einer allmächtigen Idee und eines unabänderlichen Urteils in Erscheinung, die Er zur Schau stellt. Als einen der vielen Beweise Seiner Schöpfung kann man die Schaffung der (Sieben) Himmel anführen, die standfest ohne Säulen und aufrecht ohne Stützen sind. Gott rief und sie folgten Seiner Einladung gehorsam und ohne einen einzigen Moment des Zögerns oder der Unlust. Nun, hätten sich die Himmel nicht zu ihrem Schöpfer bekannt und hätten sie sich nicht Seiner Botmäßigkeit gefügt, hätte Gott sie nicht als Stätte Seines Throns und als Wohnung Seiner Engel auserkoren; auch würden (sonst) nicht die frommen Worte und die guten Taten der Gottesschöpfung dorthin aufsteigen. Demzufolge hat Gott die Sterne zu Richtungsweisern gemacht, damit sich die auf den verschiedenen Wegen dieser Erde bewegenden Orientierungslosen mit ihrer Hilfe zurechtfinden; ihr Licht kann das Dunkel der Nacht nicht verhüllen, genau wie der Schleier finsterer Nächte nicht das strahlende Leuchten des Mondes zu verdrängen vermag. Erhaben möge Er sein – Er, dem nichts verborgen ist – nicht die ausgedehnte, allumfassende Dunkelheit der Nacht bis hin zur Dämmerung, deren finstere Schwaden die tiefen Talsohlen der Erde und die Einschnitte aneinander gereihter Berggipfel füllen, nicht der gewaltige Donnerhall bis hin zu den zuckenden Wolkenblitzen, nicht das Blatt, das irgendwo von Wind und Regen abgetrennt wird und zur Erde niederfällt; Er weiß sehr gut, woher die einzelnen Regentropfen herkommen und an welchem Punkt sie herabregnen, was eine Ameise von wo nach wo bewegt, kennt die Menge, die eine Mücke für ihr tägliches Auskommen benötigt und Er weiß, womit eine Frau schwanger geht - all dies weiß Er. Lobpreis gebührt Gott, der schon existierte, noch bevor es Himmelsthron oder Himmelsstuhl, weder Himmel noch Erde, Dschinn oder Mensch gab; Er ist von keiner Vorstellung zu begreifen und in keinem Verstand findet Er Platz; kein Bittsteller hält Ihn (mit seiner Bitte) beschäftigt und kein Nutznießer mindert etwas bei Ihm; Er sieht ohne Augen, nirgends lässt Er sich eingrenzen, mit einem Ebenbild lässt Er sich nicht beschreiben und bei der Schöpfung bedient Er sich keines Hilfsmittels; Er ist mit den Sinnesorganen nicht zu fassen und an den Menschen nicht zu bemessen. Er ist derjenige, der auf eine Art zu Moses sprach, wie es sich nicht beschreiben lässt, und der einen solchen Strahl Seiner Allmacht in dessen Augen sandte, dass es in Staunen versetzt – ohne ein Körperteil oder irgendein Werkzeug zu verwenden und ohne sich einer Sprache oder Stimme zu bedienen. Du, der du dich nun vergeblich bemühst, deinen Schöpfer zu beschreiben, willst du aufrichtig sein, so beschreibe Gabriel, Michael und das Heer der gottesnahen Engelsscharen, die ihre Häupter in den Gewölben frommer Erhabenheit gesenkt halten und deren Gedanken abschweifen, wenn sie den Schöpfer definieren wollen. Ja, es ist wirklich so, man vermag nur etwas zu beschreiben und zu begreifen, wenn es über eine Form und ein Medium verfügt, oder wenn es bei Ablauf seiner Zeit mit dem Tod endet. Es gibt also keinen Gott außer Ihm, der mit Seinem Glanz jede Finsternis erhellt und mit Seiner Finsternis jeden Glanz zum Erlöschen bringt. Oh, ihr Diener Gottes, ich rate euch allen zu frommer Furcht vor Gott, der euren Leib mit Kleidern bedeckt und euch ausreichend Mittel zum Lebensunterhalt gegeben hat; wenn Er jemandem zu ewigem Leben und zum Vermeiden des Todes verhelfen sollte, so müsste dies Salomon, Davids Sohn – Gott segne ihn – sein, der mit seinem Prophetentum und seiner hohen ideellen Position vor Gott auch die Herrschaft über Mensch und Dschinn innehatte. Doch noch bevor sein Lebensmaß voll und seine Zeit abgelaufen war, machten ihn die Pfeile des Todes zur Zielscheibe ihrer tödlichen Fracht, standen die Städte urplötzlich vor seinem Verlust, die Häuser blieben leer ohne ihn, alles versank in Grabesruhe und eine andere Gruppe trug sein gesamtes Erbe von dannen.

Die Geschichte vergangener Jahrhunderte ist ganz sicher ungemein anschaulich und lehrreich für euch! Wo sind die Amalekiter245 und deren Abkömmlinge hin? Wo sind die Pharaonen und deren Nachfahren? Wo sind die Gefolgsleute der Städte um Rass246, die ihre Propheten getötet und die Traditionen der Propheten erstickt haben, um an deren Stelle die Traditionen der Unterdrücker und Despoten der Geschichte zu neuem Leben zu erwecken? Wo sind die Mächtigen der Geschichte, die (einst) gewaltige Armeen aufstellten, ihre Widersacher zu Tausenden vernichtend schlugen, Heere in Schlachtordnungen aufreihten und Städte begründeten?

Ein weiterer Teil dieser Rede zur Darstellung des Imam Mahdi

Er ist die gebührende Verkörperung der (göttlichen) Weisheit, er hat sie sich mit seinem ganzen Gebaren angeeignet, angefangen von der Hinwendung zur Weisheit, zur richtigen Erkenntnis bis hin zur Selbstläuterung. Jawohl, es ist seine verloren gegangene Weisheit, nach der er beständig sucht, und auch sein wichtigstes Bedarfsgut, auf das er ständig aus ist. Sollte der Islam einst in der Isolation verfallen, seine Gliedmaßen (wie ein müdes Kamel) auf der Erde niederlegen, wird auch er in Vergessenheit geraten, (nur mehr) eine Erinnerung an das göttliche Prophetengeschlecht und Stellvertreter der Stellvertreter der Propheten sein. Oh ihr Menschen, ich habe unter euch dieselbe Saat an Ratschlägen und Worten ausgebracht, mit denen die Propheten seinerzeit ihren Gemeindegliedern geraten hatten, und ich habe mich bemüht, dasselbe zu tun, was die Stellvertreter der Propheten dann nach ihnen getan hatten. Ich habe (sogar) meine Peitsche zu Hilfe genommen, um euch zur Räson zu bringen, aber auf den rechten Weg habt ihr euch nicht bringen lassen. Mit drastischen und aufrüttelnden Warnungen habe ich euch gedroht, aber ihr werdet euch nicht einig! Seid nun eurem Herrn überlassen! Erwartet ihr (etwa) außer mir einen anderen Imam, der euch den Weg ebnet und zur Rechtleitung verhilft? Seid auf der Hut! Alles Irdische, was sich (euch) zugewandt hatte, wendete sich wieder ab, und alles Abgewandte ist wieder auf euch zugekommen. Die tugendhaften Diener Gottes haben sich aufgemacht, aus dieser Welt zu gehen und haben die geringen vergänglichen irdischen Werte gegen eine Vielzahl an unvergänglichen Werten im Jenseits veräußert. Was haben unsere kämpfenden Brüder, deren Blut in Siffin vergossen wurde, schon eingebüßt, dass sie nicht mehr am Leben sind und den heutigen Jammer nicht miterleben müssen? Mit Nachdruck betone ich die Wahrheit, dass sie der Begegnung mit Gott entgegengeeilt sind, der sie mit Seiner vollendeten Belohnung bedacht und nach einer gewissen Zeit der Angst und Sorge im Haus der Sicherheit untergebracht hat. Wo sind meine Brüder hin, die sich auf lichtem Wege bewegt hatten und auf der Basis der Wahrheit vorangegangen waren? Wo ist Ammar? Wo ist Ibn Tayyehan? Wo sind die beiden Märtyrer? Wo sind all jene, die sich genau wie deren liebe Brüder und treuen Kampfgefährten dem Tod überantwortet haben und deren (abgetrennte) Häupter den Tyrannen als eine Botschaft gesandt wurden?“ Der Erzähler sagt: „Dann schlug er247 die Hände vor sein edelmütiges Gesicht und nach langem Weinen setzte er seine Rede folgendermaßen fort:“ „Schade ist’s um meine lieben Brüder, die den Koran rezitierten, felsenfeste Überzeugungen daraus gewannen und ihre göttliche Aufgabe mit Weitsicht erfüllten. Sie erfüllten die Sunna mit neuem Leben und brachten (religiöse) Neuerungen zum Absterben. Ja, sie sind zum Jihad aufgefordert worden, nahmen ihn daraufhin mit Leib und Seele an und sind ihrem Führer mit dem Vertrauen, welches sie ihm entgegenbrachten, darin nachgefolgt.“

245 Ein Beduinenstamm aus Arabien, der seine eigenen Staaten in Syrien und Hejaz gründete. Ihrer Herrscher waren extrem despotisch und grausam und fielen schließlich der göttlichen Vernichtung anheim (siehe Hl. Koran

25: 40 und 41, 50:12) (Anm. in der engl. Übers.). 246 El-Rass war die Bezeichnung eines Stromes in Azerbaidshan, an dessen Ufern zwölf Städte lagen. Deren Bewohner verehrten einen Baum, den Yafes Sohn von Noah gepflanzt hatte. Vom Samen dieses als Königsbaum bekannten und angebeteten Baumes wurden in allen zwölf Städten neue Bäume gesetzt, die den Bewohnern von Rass heilig waren. Allah sandte einen Propheten zu ihnen, um sie von dieser Gotteslästerung abzubringen. Doch sie lehnten ihn ab und beschlossen, ihn zu töten. Sie warfen ihn in einen Brunnen, den sie inmitten des Stromes gegraben hatten und ließen ihn darin elendig umkommen. Die göttliche Vorsehung nahm jedoch eine Wende. Gott sandte einen heißen Sturm auf sie herab, so dass sie verbrannten. Schwefellava ergoss sich über sie und ließ ihre Knochen schmelzen. (Anm. in der engl. Übers.). 247 Imam Ali (d.Übers.).

Dann rief er so laut er konnte: „Oh Gottesdiener, auf zum Jihad, auf zum Jihad! Wisset, dass ich heute mit der militärischen Schlachtordnung meines Heeres beginne! Trete heraus, wer gewillt ist, zu Gott zu gehen!“Nauf, der Überlieferer dieser Rede, spricht: „Bei dieser Heeresaufstellung unterstellte der Imam zehntausend Mann dem Kommando von Hussein – er möge gesegnet sein –, weitere zehntausend Mann stellte er unter Qheis Ibn Saad – Gott hab ihn selig – , nochmals zehntausend Mann überließ er Abu Ayub Al-Ansari und auch den anderen Befehlshabern wies er etwa gleich viele Kräfte mit dem Ziel zu, erneut nach Siffin umzukehren. Doch der Freitag war noch nicht herangerückt, als Ibn Muljim – er möge verflucht sein – ihn mit dem Schwert niederstreckte. Die Heerestruppen sind also zurückgekehrt und wir kamen uns in dieser Zeit vor wie eine Herde Schafe, die ihren Hirten verloren hatte und nun von allen Seiten von einem Wolfsrudel umzingelt war!“

183

Lobpreis Gottes für Seine Gunsterweise

Lob gebührt Gott, der zu erkennen ist, ohne mit dem Auge gesehen zu werden und der erschafft, ohne sich zu mühen. Mit Seiner Macht erschuf Er die Geschöpfe, mit Seiner Größe ließ Er aus Mächtigen Diener werden und mit Seiner Barmherzigkeit breitete Er den Schatten Seiner Größe über die Großen aus. Er ist es, der Seine Schöpfung in die Welt brachte und Seine Gesandten zu den Menschen und den Dschinn entsandte, damit sie den Schleier vom Antlitz der Welt lüften, sie vor ihren Gefahren warnen, ihnen Anschauungsbeispiele zeigen, ihnen angesichts der Makel der Welt die Augen öffnen und diesen Makeln schließlich mit allen erdenklichen Vorbildern beizukommen, angefangen von Veränderungen der Gesundheit hin zu Krankheit, Erlaubtem und Verbotenem, Paradies und Hölle und Großmut und Niedertracht, welche Gott den Gehorsamen wie den Widerspenstigen bereitet hat. Lobpreisen und danken wir Ihm deshalb so, wie Er es von Seinen Geschöpfen verlangt; allem hat Er ein bestimmtes Mengenmaß gesetzt, jedem Mengenmaß hat Er ein (zeitliches) Ende gesetzt und jedem Endlichen hat Er ein Buch geschaffen.

Ein weiterer Teil dieser Rede im Gedenken an den Koran

Der Koran gebietet, ruft auf (zu Gutem) und hält ab (vom Schlechten), er ist stumm und doch beredt. Für Gottes Schöpfung ist er ein Argument, von dem ausgehend er die Geschöpfe in die Pflicht nimmt und dazu deren innerstes Wesen verpfändet. Mit ihm hat Er Sein Licht vollendet und Seinen Glauben vervollständigt. Und so begab es sich, dass Er Seinen Propheten – Gott segne ihn und dessen Familie – zu einer Zeit zu sich rief, als es diesem gelungen war, den Geschöpfen durch den Koran die leuchtenden Verse zu verkünden. So achtet die Größe Gottes genau so wie Er selbst Seine Größe achtet! Denn Er hat euch nichts von Seiner Religion vorenthalten, eindeutig hat Er aufgezeigt, was Ihm gefällt und was Ihm missfällt, so dass ihr mit Seinen unerschütterlichen Versen an die Pflichten herangeführt und von Verbotenem abgehalten werdet. So bleiben Seine Freuden wie auch Sein Zorn in Zukunft die gleichen und der Lauf der Zeit kann Ihm keine Veränderungen anhaben. Ihr müsst wissen, dass Gott nie etwas bei euch gutheißen würde, was Er bei den Menschen vor euch missbilligt hätte, das bedeutet, wenn bei euren Vorfahren etwas Seinen Gefallen gefunden hat, so wird es bei euch nicht Sein Missfallen finden. Es ist einzig eine Tatsache, das ihr den rechten Weg zu suchen und nichts als das Echo der Worte eurer Vorfahren zu sprechen habt. Gott hat euch das Auskommen in eurer Welt gesichert, hat euch zur Dankbarkeit motiviert und das Gedenken an Ihn zu einer notwendigen Pflicht eurer Zungen bestimmt. Mit einem Wort, Er hat euch Frömmigkeit empfohlen und diese zu Seiner höchsten Freude sowie Seinem Wunsch vor der Schöpfung werden lassen. So übt euch also in göttlicher Frömmigkeit, denn ihr steht alle in Seinem Blickfeld, seid mit dem Schopf gefangen in Seiner Hand. Jede Veränderung mit euch geht so vor sich, wie Er es will. Er kennt eure verborgenen Motive und hält Er sie schriftlich fest, wenn ihr sie durch eure Taten offenbart. Er ist derjenige, welcher ehrbare Wächter248 für euch eingesetzt hat, die nichts vergessen aufzuschreiben und niemals etwas Falsches niederlegen. Wisset auch, dass Gott jedem, der sich in Gottesfurcht übt, einen Ausweg aus der Sackgasse seiner Fehden und ein besonderes Licht in den Wogen der Finsternis schenkt. Er schenkt ihm die Ewigkeit an einem Ort, zu dem sich dieser mit Haut und Haar hinsehnt und bringt ihn an einer Stätte der Würde und Größe - in Seiner Nähe – unter, in einem Haus, welches Er für sich erschaffen hat, Baldachin Seines Thrones, Licht Gottes, Anlass von Jubel und Freude; die Engel Gottes sind dort die Besucher dieses Hauses und die göttlichen Propheten die Vertrauten des Menschen. So eilt hin zum Jenseits und kommt eurem Tod zuvor (indem ihr Vorsorge trefft in dieser Welt), denn in Kürze wird das Band der Wünsche der Menschen zerreißen, der Tod sie holen und ihnen das Tor zur Buße vor der Nase zuschlagen. Unleugbar ist die Tatsache, dass ihr euch heute genau in der Situation befindet, in die sich eure Vorfahren gern zurückversetzt sähen; ihr alle seid unterwegs auf Reisen aus einem Haus, das für euch kein geeignetes Haus ist, und ein jeder hält (schon) den Passierschein für den Auszug in seiner Hand, und hat die Anweisung erhalten, Wegzehrung daraus aufzunehmen. Und wisset schließlich, dass diese dünne Haut des Menschen das (Höllen-) Feuer nicht auszuhalten vermag. So erbarmt euch eurer selbst - ihr, die ihr euch am Elend der Welt ausprobiert habt. Ist es nicht so, dass jeder von euch schon zu Boden geht, wenn ihm nur ein Dorn in den Fuß gefahren ist oder dass er wie von Sinnen ist, wenn heißer Sand ihn verbrennt? Wie wollt ihr es dann inmitten zweier Feuerböden, auf dem Steinbett der Hölle, in Gesellschaft von Satan aushalten können? Wisst ihr überhaupt, dass Malik249 mit seinem Zorn die Feuerflammen auflodern lässt, wenn ihn die Wut über das Feuer packt und die Feuerstückchen an den Wänden der Hölle entlang züngeln, wenn er das Feuer zurechtweist? Oh, du armseliger Greis, der du schon jetzt vom Alter gebeugt bist, sag, wie soll es dir erst ergehen, wenn die Halsringe aus Feuer das Fleisch deines Halses bis zum Knochen durchschneiden und die Ringe der Fesseln die Muskeln deiner Arme einschnüren? Oh, ihr Gottesdiener, bei Gott, nutzt die Gelegenheit, die sich euch jetzt bietet und strebt nach eurer Befreiung, solange euer Leib gesund und eure Gesundheit gut ist, solange ihr noch nicht der Enge der Gräber verfallen seid und ihr noch die Weite (des Lebens) vor euch habt. Lehrt - bevor ihr zu Geiseln werdet, die Stricke sich eng verknoten und eure Hälse zuschnüren - eure Augen das nächtliche Wachen, haltet eure Bäuche mäßig leer, nutzt eure Schritte zur ständigen Bewegung, spendet euer Hab und Gut (auf dem Weg Gottes), tauscht euer Leibeswohl und euer Ego ohne Zögern gegen euer Seelenheil ein, denn Gott der Allmächtige befiehlt: „...... wenn ihr Allah helft, wird Er euch helfen und eure Füße festigen.“250, ebenso wie der Allerhöchste befiehlt: „Wer ist’s, der Allah ein schönes Darlehen leihen will? Verdoppeln wird Er’s ihm, und ihm wird ein edler Lohn.“251 Selbstverständlich ergeht weder die Bitte um Hilfe aus Schwäche heraus, noch bittet Er aus der Not heraus um ein Darlehen. Er bittet euch um Hilfe, wo doch alle Kräfte des Himmels und der Erde Ihm gehören und Er der Weise und Unbezwingbare ist, und Er bittet euch um ein Darlehen, wo sämtliche Schatzkammern im Himmel und auf Erden in Seinem unermesslichen Besitz stehen und Er selbst der Gepriesene ist, dem es an nichts fehlt. Die Absicht Gottes besteht also einzig und allein darin, euch auf die Probe zu stellen, um herauszufinden, wer von euch die meisten guten Taten vorzuweisen hat. So sputet euch, um mit euren Taten einen Platz unter den Nachbarn Gottes und in Seinen besonderen Gefilden zu erwerben, Gefilde, deren ständige Bewohner Propheten, Freunde und Engel Gottes sind. Gott hat ihren Ohren mehr Wert beigemessen, als dass diese vom Heulen des Feuers behelligt würden, und auch ihre Leiber hat Er vor jedweder Härte und Pein bewahrt, und „...das ist Allahs Huld, die Er gibt, wem Er will. Und Allah ist von großer Huld.“252 Soviel an Worten von mir, die euren Ohren schmeicheln, doch Gott ist derjenige, der euch und mir im Kampf gegen das Ego beistehen muss; Er ist alles was wir brauchen, welch wunderbaren Beistand gibt Er uns!

248 d.h. die Engel.
249 der für die Hölle verantwortliche Engel.
250 Heiliger Koran, 47. Sure, Vers 7.
251 Heiliger Koran, 57. Sure, Vers 11.
252 Heiliger Koran, 57. Sure, Vers 21.

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Borj Ibn Mushir Atta’i, einer der Kharijiten, rief so laut das Motto „Die Herrschaft gebührt Gott allein!“ aus, dass es auch der Imam (S) hörte. Dieser sprach darauf:

Halt inne, du armseliges Wesen, möge Gott dein Antlitz entstellen! Bei Gott, ich schwöre, als der Prophet die göttliche Wahrheit verkündete, warst du noch nicht einmal ein richtiger Mann, warst einer, auf den keiner recht hörte, und jetzt, wo das Unrecht aufheult tauchst du hier wie ein Grünhorn auf!

185

Lobpreis Gottes und Seiner wundervollen Geschöpfe

Gepriesen sei Gott, welcher sich durch keine Erfahrung erkennen lässt und Sein Wesen kann kein Ort der Betrachtung in sich aufnehmen. Weder können die Augen Ihn sehen noch die Schleier Ihn abdecken. Mit immer neuen Schöpfungsakten zeigt Er auf, dass Er vor allen anderen da war, bezeugt Er, dass Er existent ist; mit der Gleichartigkeit Seiner immer neuen Schöpfungsakte belegt Er Seine Einzigartigkeit. Seine Verheißungen sind wahr; Er selbst ist (viel) zu groß, als dass Er Tyrannei über Seine Diener ausübte; unter Seinen Geschöpfen übt Er Gerechtigkeit, in Seiner Herrschaft ist Er ihnen ein gerechter Richter. Indem Er die Gegenstände erschuf, legte Er Zeugnis Seiner Ewigkeit, Seiner unendlichen Macht und Seiner Beständigkeit ab, wobei Er diese Gegenstände mit dem Mal der Schwäche versah und ihrem Schicksal den unvermeidlichen Niedergang vorherbestimmte. Er ist der Einzige ohne Zahlwort, der Ewige ohne Zeit, ein Stehender ohne Stützen. Die Hirne können Ihn zu verstehen suchen, das Feld Seiner Manifestation offenbart sich nämlich nicht über die (fünf) Sinne und über die Anschauung, sondern ohne direkte Gegenüberstellung und ohne Kontakt. Die Gedanken können Ihn nicht umfassen, denn sie stellen einzig eine Manifestation Seines Lichtes dar, obgleich sie Ihn aufgrund ihrer eigenen Unzulänglichkeit auch nicht vollständig widerspiegeln und sie bei ihrer eigenen Beurteilung selbst als Richter auftreten. Seine Größe gestaltet sich nicht in der Form, dass sie durch ihre Entfaltung eine Dimension nach allen Seiten hin schüfe und somit die Absicht von Körperlichkeit über Seiner Verherrlichung herrschen würde; Seine Herrlichkeit gestaltet sich auch nicht in der Art, dass sich die Sei-ten in ihr erschöpften und ein Leib bei der Ehrerbietung vor Ihm zum Mittelpunkt würde. Es ist allein der Rang Gottes, welcher Größe besitzt und nur Seine Herrschaft ist voller Pracht. Und ich bezeuge, dass Mohammed der Diener Gottes ist, dessen auserwählter Prophet und gepriesener Treuhänder – Gott möge ihn segnen und seine Familie –, dem Er mit verbindlichen Argumenten, eindeutigen Erfolgen und einem klar erkennbaren Weg die Sendung erteilt hat; mit gut hörbarem Ruf hat er die göttliche Mission verbreitet und den Geschöpfen Gottes den lichten Weg der Vollendung aufgezeigt. Er brachte die Banner der Rechtleitung zum Wehen und stellte Fackeln der Erleuchtung auf dem Wege des Menschen auf. Er verfestigte die Seile des Islam und machte die Haltepunkte des Glaubens so fest, dass sie weder zerrissen noch zerstört werden können.

Eine weitere Rede in Beschreibung der wundersamen Schöpfung diverser Tiere

Nun, dächten die Menschen über die unendliche Macht Gottes und dessen unermessliche Segnungen nach, so würden sie zweifelsfrei auf den (rechten) Weg gelangen und die alles versengenden Flammen (des Fegefeuers) fürchten – doch sind die Herzen – leider Gottes – krank und die Anschauungen verderbt. Sehen sie denn nicht (einmal) die kleinsten Geschöpfe, wie sehr sie Seine Schöpfung vollenden und Seine Bande erhärten, denen Er Augen und Ohren öffnete, denen Er Haut und Knochen erschuf und Gestalt verlieh? Betrachtet (einmal) die winzige Gestalt dieser Ameise, die so klein ist, dass sie kaum zu sehen und vom Verstand (fast) nicht zu begreifen ist. Dennoch verfolgt sie ihren eigenen Weg, sucht ihr Leben zu fristen, schleppt das Futter in ihren Bau und sammelt es dort, wo es zu finden ist. So häuft sie im Sommer die Nahrung für den Winter an, so sammelt sie heute, damit sie morgen etwas hat. Auf diese Art und Weise ist ihr Auskommen in der Ordnung des Lebens gesichert, erhält sie soviel, wie sie dafür benötigt. Es ist schon erstaunlich, dass der Gütige Gott auch unter schweren Gesteinsbrocken und hartem Stein dieses Tier nicht außer Acht lässt, dass der Gerechte auch ihr die Belohnung für ihre Mühen nicht vorenthält. Denkst du nun an weitere körperliche Befindlichkeiten dieses Tieres, an die Speiseröhre, die Zotten des Verdauungsapparates oder an die Augen und Ohren, welche ihren Kopf vervollständigen, dann wirst du aus deinem Innersten, mit allen deinen Fähigkeiten ins Staunen geraten und nicht imstande sein, diese zu deuten. Also ist es Seine unendliche Überlegenheit, welche diese wundersame Erscheinung auf ihren hauchdünnen Gliedmaßen aufrecht erhält und die das Fundament dieses Körpers auf vier so haarfeine Säulen gründet, ohne einen weiteren Schöpfer an ihrer Entstehung beteiligt sein zu lassen und ohne dass Ihm irgendein anderer Mächtiger bei Seiner Schöpfung behilflich gewesen wäre. Verfolgst du diesen Gedankengang (nun einmal) weiter, dann wirst du allein zu dem Punkt gelangen, dass die Naturen dieser kleinen Ameisen und die von hohen Palmen identisch sind, weil nämlich alle Dinge mit einer ganz besonderen Sorgfalt eingegrenzt sind und an jedem lebendigen Wesen eine ganz besondere Vielfalt und Komplexität auffällt, so dass bei dieser Betrachtung alles – ob klein, ob groß, ob leicht, ob schwer, ob stark, ob schwach – gleich erscheint. Beim Himmel oder bei der Atmosphäre, bei Wind oder Wasser verhält es sich nicht anders als bei den Ameisen. Betrachte (einmal) Sonne oder Mond, Pflanzen oder Bäume, Wasser oder Steine (etwas) eingehender, oder auch den Wechsel von Tag und Nacht, das aufwühlende Tosen des Meeres, die Gewaltigkeit der Gebirge oder die Höhe der Gipfel, oder schließlich die Vielzahl von Vokabeln und die Vielfalt der Sprachen! Wehe denen, die dessen ungeachtet den Schicksalsbegründer der Lebensordnung verleugnen und eine negative Haltung gegenüber dem Herrscher der Welt beziehen. Die Unglückseligen werden sich wie Wildwuchs in einem Garten ohne Gärtner vorkommen, sie werden annehmen, ihre unterschiedlichen Angesichter seien (ganz) ohne einen Formgeber (entstanden), ohne eine solche Behauptung auf stichhaltige Argumente gründen oder in diesem abscheulichen Durcheinander eine gesicherte Erkenntnis vorfinden zu können. Kann es denn einen Bau ohne Erbauer geben oder eine Tat ohne Täter? Wenn du nun (noch) willst, kannst du dich mit derselben Absicht noch ausführlich über die Heuschrecke auslassen, wo Er ihr (doch) ihre zwei rotfarbenen Augen hervorbrachte, diese mit mondscheinfarbenen Ringen umgab und sie zu Lichtern ihres Weges machte. Andererseits versah Er sie mit unsichtbaren Ohren, schenkte ihr einen ebenmäßigen Mund und stattete sie mit starken Sinnen aus. Er gab ihr zwei kräftige Vorderzähne, die sie wie eine Schere nutzt, rüstete sie mit zwei Sicheln aus, die ihrWerkzeug zum Ernten sind, so dass den Bauern auf ihren Äckern stets etwas von ihr zu befürchten steht und wenn sie in Scharen darüber herfällt, dann bleibt den Bauern nichts, was sie abwehren hilft; sie fällt über das Feld her und frisst soviel sie mag, und dies obwohl sie nicht einmal daumengroß ist. Glanz und Pracht kommen einzig dem Gott zu, vor dem sich die Bewohner der Erde und der Himmel notgedrungen – ob sie wollen oder nicht – ehrerbietig verneigen müssen, vor dem sie ihre Wangen und Antlitze zu Boden pressen, dem sie als Zeichen von Untergebenheit und Schwäche Gehorsam erweisen und dem sie (zu Zeiten von) Sorge und Angst alle ihre Obliegenheiten anvertrauen. Sämtliche Vögel gehorchen Ihm, Er gebietet über das Wissen über sie, von der Zahl ihrer Federn bis hin zur Häufigkeit ihrer Atemzüge. Jedem einzelnen Wasser- und Landbewohner hat Er so viele Vorder- und Hintergliedmaßen verliehen, wie dieser jeweils benötigt. Allen hat Er ihren Lebensunterhalt zugestanden, hat die einzelnen Rassen aufgeführt. Dies hier ist beispielsweise eine Krähe, das dort ein Adler; dies ist eine Taube, jenes ein Straußenvogel – jeden Vogel hat Er mit einem Namen benannt, jedem sein Futter gesichert. Er, der Er regenschwangere Wolken hat entstehen lassen – über jedem Landstrich lässt Er sie abregnen und jedem schenkt Er seinen Anteil daran. Nach einer Zeit der Dürre löscht Er den Durst dieser Landschaften (wieder) und nach dem Herbst schmückt Er sie wieder mit Blumen und Grün.

186

Eine Rede über den Glauben an einen einzigen Gott (Tauhid), welche als grundsätzliche Sammlung göttlichen Wissens einzig in ihrer Art ist

Wer von der Vielfalt Gottes spricht, der lobpreist Ihn nicht in Seiner Einzigartigkeit, und wer Ihn mit etwas zu messen versucht, der ist nicht in die Tiefe Seines Daseins vorgedrungen; wer Ihn mit einem anderen Phänomen zu vergleichen sucht, der akzeptiert Ihn für sich nicht als den anzustrebenden Zielpunkt, und wer auf Ihn zeigt und Ihn für ein Fantasiegespinst hält, dem kommt es auf Ihn gar nicht an. All das, was als innerstes Wesen gilt, ist doch nicht mehr als etwas Erschaffenes, und alles, was sich auf etwas anderes zurückführen lässt, ist (nur) die Wirkung einer Ursache. Bei Seiner Tätigkeit benötigt Er keine Werkzeuge, ganz ohne Gedächtnisanstrengung kreiert Er alles in seiner entsprechenden Größe und Seine Fertigkeiten sind unabhängig von ihrer Anwendung. Keine Zeitdimension wird Ihm je zum Vertrauten, kein Anlass kommt Ihm je zu Hilfe; Sein Dasein geht jeglichen Zeitaltern voraus, das Sein von Ihm geht (auch) dem Nichtsein voraus und Seine Unendlichkeit jedwedem Beginn. Seine Bewusstseinsverleihung mit Werkzeugen der Erkenntnis ist dadurch gekennzeichnet, dass Er selbst keinen Erkenntnisapparat besitzt – ein Antagonismus, welchen Er in die Weltläufe hineingebracht hat und der zeigt, dass es zu Ihm keinen Gegenpol gibt und dass die Erschaffung von Interdependenzen bei Phänomenen Seine Unabhängigkeit erst ausmacht. Er hat einerseits einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen Licht und Schatten, Klarheit und Unklarheit, trocken und nass, warm und kalt gezogen, aber andererseits auch die Widersprüche in ein Zusammenspiel, das Trennende in etwas Vereinigendes und das Entfernte in etwas Nahestehendes verwandelt und gleichzeitig die Nahstehenden (auch) gegeneinander abgegrenzt. Keine Begriffsbestimmung vermag Ihn umfassend zu definieren, durch keine Zahlen ließe Er sich aufzählen, denn Worte und Hilfsmittel der Definition schaffen (nur) Grenzen, die für sie selber gelten und können (nur) etwas ihnen Ebenbürtiges identifizieren. In Bezug auf „früheres Sein“, „Unendlichkeit“ und „das Absolute“ sieht es so aus, dass man bei Ihm Begriffe wie „seit dieser Zeit…“, „manches Mal“ oder „vorausgesetzt, dass…“ gar nicht anwenden kann. Sie alle spiegeln auf der einen Seite Sein schöpferisches Licht und verhüllen auf der anderen Seite Seinen Anblick! Stillstand und Bewegung laufen in Seinem Wesen nicht ab. Nun, wie kann bei Ihm etwas ablaufen, dessen Ablauf Er selbst veranlasst? Und wie kann etwas wiederum auf Ihn zurückkommen, was Er selbst verfertigt hat? Und bei Ihm in Erscheinung treten, was Er selber erscheinen lässt? Wenn nun Sein Wesen zwiespältig wäre, Seine Tiefe untergliedert wäre, Seine Bedeutung aus der Ewigkeit herausträte und Ihm Zusätze wie „früher“ oder „später“ angetragen würden, so würde man – verfügte Er über Unzulänglichkeiten - nicht von Seiner unversehrten Gesamtheit ausgehen können. Demnach kann man sagen, dass sich die Merkmale der von Ihm erschaffenen Kreaturen auf Ihn projizieren lassen und sich all jenes, was zur Wirkung einer bestimmten Kausalität geworden ist, wieder selbst in die Ursache einer Kausalbeziehung wandelt. Also steht Er mit der Herrschaft der Immunität gegenüber Einflüssen außerhalb jeglicher Einflussnahme durch all solche Dinge, welche sonst bei allen anderen Erscheinungen einen Eindruck hinterlassen. Ein Gott, der keiner Veränderung unterliegt, der nicht dem Niedergang anheim fällt und bei dem es keinen Verfall gibt, der zeugt weder, dass Er zum Erzeuger eines anderen würde, noch wird Er gezeugt, so dass Er sich eingrenzen ließe. Er steht viel zu hoch, als dass Er sich Kinder erwählte und Er ist viel zu rein, als dass Er mit Ehegatten verkehrte. Die Gedanken finden zu Seinem inneren Wesen keinen Zugang, so dass sie Ihn in eine Form bringen könnten; das Bewusstsein gewinnt keine Vorstellung von Ihm, um Ihn bildhaft umreißen zu können; die Sinne vermögen Ihn nicht zu erkennen, um daraus eine Erfahrung gewinnen zu können und für Menschen befindet Er sich außerhalb der Reichweite, so dass sie Ihn nicht berühren können. Er verändert sich nicht, wenn Er einen anderen Zustand annimmt und lässt sich auch durch eine Veränderung nicht umwandeln. Der Wechsel von Tag und Nacht lässt Ihn nicht altern, Licht und Dunkelheit ändern Ihn nicht und mit Dingen wie „Bestandteile“, „Gliedmaßen“, „Äußerlichkeiten“, irgendwelchen „Extras“ oder „Beifügungen“ etc., lässt Er sich nicht beschreiben. Kategorien wie „Grenze“, „Ende“, Zerfall“ und „Vollzug“ treffen auf Ihn nicht zu; nichts kann Ihn so umfassen, dass Er hoch- oder heruntergehoben würde. Er lässt sich in keine Sänfte setzen, so dass Er nach rechts oder links schwanken oder das Gleichgewicht halten würde. Seine Beziehung zu Gegenständen ist nicht so, dass man sagen könnte, Er wäre in ihnen immanent oder stünde gänzlich außerhalb! Er teilt sich ohne Sprache und ohne Kehlkopf mit, hört ohne Ohröffnung und ohne Hörorgan. Er spricht, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen und merkt sich alles, ohne sich eines Gedächtnisses zu bedienen. Er hat einen Willen, ohne dass dieser aus Seinem Innern kommen würde und liebt und erfreut sich ohne jegliches Zart- oder Mitgefühl, und Er hasst und zürnt, ohne dass Pein und Leid nachfolgten. Bei jedem, bei dem Er das Leben wünscht, sagt Er nur: „Sei!“, und schon tritt dieser unvermittelt ins Leben ein. Dies geschieht weder mit dröhnender Stimme noch mit hörbarem Ton, denn die Sprache Gottes ist eben der Akt, der diesen hervorbringt. Eine solche Erscheinung hatte es nicht gegeben, bevor dies nicht Sein Wille und Sein Wunsch gewesen ist, Er wäre sonst ein ganz anderer Gott. Sein Dasein kann man nicht so in zeitliche Bahnen fassen, dass es (auch) dem Sein vor der Zeit253 anhaftete, denn dann würde man die Eigenschaften der anderen Erscheinungen auf Ihn beziehen und es gäbe keine Grenze mehr zwischen Neuem und Altem und der Vorrang dessen, was eher da war, würde geleugnet werden. In diesem Falle wären Erschaffer und Erschaffenes, Schöpfer und Geschöpf, einander gleichgestellt. Er schuf die Geschöpfe ohne eine Vorlage, die an jemand anderes erinnern würde, und ohne bei der Schöpfung die Mithilfe eines anderen Geschöpfes zu beanspruchen. Er schuf die Erde und zurrte sie fest, ohne dass Ihm die gleichzeitige Ausführung von Schöpfungsakt und Erdbefestigung Probleme bereitete. Er verlieh ihr Festigkeit über dem fließenden Wasser, hielt sie ohne Stützen und richtete sie ohne Säulen auf, ohne Schieflage, ohne Krümmung, ohne Abriss und ohne Absturz. Die Berge setzte Er dabei wie Nägel ein und richtete ihre Festungen auf. Er ließ ihre Quellen sprudeln und schuf durch ihren fließenden Lauf die Flussbetten; in Seiner Schöpfungsordnung gibt es keine Schwachpunkte und all das, was Er stark und mächtig haben wollte, kann seine Stärke und Mächtigkeit nicht verlieren. Er ist derjenige Gott, dessen Entstehungsmythos in den Gefilden Seines majestätischen Seins und Seiner Größe liegt, das Geheimnis Seiner Tiefe in Seiner Weisheit und Seinem Wissen, das GeheimnisSeiner Überlegenheit gegenüber allen Dingen in Seiner Pracht und Ehre. Nichts von dem, was Er sich vornimmt, bringt Ihm weder Verdruss, noch gewinnt es durch Widerstand die Oberhand, noch kann es Ihm durch Tempo zuvorkommen. Für Ihn bedarf es keines Mächtigen, der Ihn versorgt. Vor Seinem Thron verbeugt sich alles in Demut und vor Seiner Pracht ist alles niedrig und klein; es gibt keine Macht, die sich dem Einflussbereich Seiner Macht entziehen und so dem von Ihm ausgehenden Nutzen oder Schaden entfliehen könnte. Er hat weder jemanden, der Ihm ebenbürtig wäre und es mit Ihm aufnehmen könnte, noch gleicht Ihm jemand, der sich mit Ihm messen könnte. Er ist derjenige, der die Welt nach ihrem Bestehen wieder zerstören wird, so dass ihr Sein und Nichtsein miteinander verschmelzen, und diese Zerstörung der Welt – die sich nach ihrer Entstehung ereignet – wird nichts Erstaunlicheres sein als ihre Entstehung und Erschaffung; welche Erwartung sollte man sonst haben, wo doch – wollten sich sämtliche Lebewesen der Welt, angefangen von den Vögeln, Vierfüßern und Tieren der Ställe über das Weidevieh hin zu den verschiedensten Gruppen der einzelnen Gattungen und Arten, von den gehirnlosen bis zu den fähigsten Tiergemeinschaften, zusammentun, um eine Mücke zu erschaffen – sie nicht nur nicht die Fähigkeit zu deren Schöpfung hätten, sondern sie auch außerstande wären, den Weg zu deren Erschaffung zu erkennen. Zweifellos würden ihre Vorstellungen um das Wissen darum in Befremden und Verwirrung münden. Ihre Kraft würde durch Ohnmacht in eine Klemme geraten und sie alle würden erniedrigt und reumütig umkehren, wobei sie ihr Scheitern vollauf einsehen und sich eingestehen müssten, dass sie zur Schöpfung unfähig und zum Zerstören zu schwach sind. Die Zerstörung der Welt ist ein weiterer Ausgangspunkt für die Entdeckung der Einzigartigkeit Gottes, denn Er ist einzig und außer Ihm gibt es keinen (Gott), so, wie es vor dem Beginn der Schöpfung war und wie es nach ihrer Zerstörung (auch wieder) sein wird, ohne dass es (dabei) um Zeit und Raum ginge. In diesen Größenordnungen ist von Tod nicht mehr die Rede, von Jahr und Stunde keine Spur mehr. Das einzig Vorhandene ist dann die Präsenz des einzigen und allmächtigen Gottes, auf den sich sämtliche Abläufe in der Welt hinbewegen, ohne dass sie zu Beginn der Schöpfung über eigene Kräfte verfügt oder bei ihrem Vergehen die geringste Widerstandskraft entgegenzusetzen hätten, denn wenn sie Kraft zum Widerstand hätten, so würden sie (auch) auf ewig Bestand haben. Das Erschaffen eines Geschöpfes fällt Ihm nicht schwer und die Schöpfung dessen, was Er kreiert und gestaltet, bereitet Ihm (auch) keinen Verdruss. Seinen Willen zur Erschaffung der Welt lässt sich nicht mit solchen Triebkräften wie der Festigung von Machtpositionen, der Furcht vor Vernichtung und Herabsetzung, der Nachfrage um Beistand gegen einen habgierigen Konkurrenten oder dem Ausweichen vor einem aufbegehrenden Gegner erklären, ebenso wie die Philosophie der Erschaffung der Welt nicht darin bestand, einen Macht- und Herrschaftsbereich auszudehnen oder mit einem Teilhaber über Anteile in Konkurrenz zu treten, nicht die Angst vor Einsamkeit und (auch) nicht ein Interesse an Vertrautheit zu anderen Geschöpfen. Schließlich ist auch Er es, der die Welt nach ihrer Erschaffung wieder zunichte machen wird, und es geschieht (auch) nicht aus Müdigkeit und Mühsal heraus, die sich Seiner im Laufe der Veränderungen und Konzeptionen an der Welt bemächtigt hätte, auch nicht aus einem Ruhebedürfnis heraus und nicht wegen

253 gemeint ist die Zeit vor dem Urknall (d.Üb.).

der Last und Schwere, die auf Ihm lasteten. Nein, die Dauer des Fortbestandes Seiner Welt stellt keine Pein dar, so dass dies ein Auslöser für ihre voreilige Vernichtung wäre. Allein aus Freundlichkeit heraus übernahm Er die Disposition der Welt, Er führt sie mit Seinem verbindlichen Geheiß und festigt den Rahmen der Welt mit Seiner unendlichen Macht. Er wird sie auch nach ihrer Zerstörung erneut zurückkehren lassen, ohne (jedoch) auf sie angewiesen zu sein, ihre Hilfe beanspruchen zu wollen oder darauf aus zu sein, einen Weg zu finden aus der Angst vor Einsamkeit hin zu Vertrautheit im Umgang, aus Unwissenheit und Blindheit hin zu Wissen und Bewusstsein, aus Armut und Not hin zu Wohlstand und Reichtum oder aus Erniedrigung und Geringschätzung heraus hin zu Ansehen und Macht.

187

Eine Rede, in der die künftige Geschichte des Islam und dessen blutige Ereignisse vorausgesagt wird

Oh, mögen mein Vater und meine Mutter der Handvoll von Kämpfern zum Opfer gebracht werden, deren Namen im Himmel ruhmvoll klingen, die jedoch auf Erden unbekannt sind! Passt auf, im gegenwärtigen Prozess habt ihr einen Niedergang eures Umwälzungsprozesses, ein Zerreißen der Bindungen und die Herrschaft der unter euch Stehenden zu erwarten. Und dies passiert in einer Zeit, da es den Rechtgläubigen leichter erscheinen mag, einen Schwerthieb zu ertragen als einen koscheren Dirham ausfindig zu machen, zu einer Zeit, da Hilfsbedürftigen eine größere Belohnung zukommt als den wohltätigen Mächtigen254, und all dies wird Wirklichkeit werden, wenn ihr nicht vom Wein, sondern von Reichtum und Wohlleben berauscht sein werdet, wenn ihr ohne Notwendigkeit einen Eid schwört und Lügen sprecht, ohne euch in einer Notsituation zu befinden; all dies wird sich begeben zu einer Zeit, da Probleme euch plagen und zwicken werden wie ein Schiff255 die Höcker der Kamele! Wehe, wie lang wird diese Pein dauern und wie fern wird die Hoffnung auf Erlösung sein! O Leute, gebt das Machtstreben auf und werft die Zügel der Kamele nieder, welche euch auf ihren Rücken die schweren Lasten voraus tragen; entzweit euch im Hader mit eurem Führer nicht in Grüppchen, dass ihr euch am Ende in Selbstvorwürfen tadeln müsst! Verfallt deshalb nicht ohne nachzudenken dem Schlund des Feuers dieser verschwörerischen Fehde, geht ihr aus dem Wege und lasst diesen Weg unbegangen, denn - bei meinem Leben - der Rechtgläubige wird in den Flammen dieses Feuers schmoren und nur der Nichtmoslem überleben. In dieser Gesellschaft gleiche ich einer Leuchte in der Finsternis und wer in deren Lichtkreis eintritt, wird erleuchtet! O, ihr Menschen alle! Hört und vernehmt, bringt eure Herzen ganz und gar ein und versteht (doch)!

188

Über die Gnadenerweise Gottes

O, ihr Menschen, ich rate euch zu Gottgehorsam und zum Lobpreise all dessen, was Er euch geschenkt hat, für all die Segnungen, die Er euch hat zukommen lassen, und ebenso für die Ungemach, mit der Er euch konfrontiert; wie viele Segnungen hat Er euch doch zuteil werden lassen und wie viel Barmherzigkeit hat Er auf euch verwendet; wie oft sind an euch hässliche Züge offenbart worden, die Er überdeckt hat, wie oft habt ihr euch absichtlich in die Fänge Seiner Strafen geworfen und Er hat euch noch mal Aufschub gewährt. Mein Rat an euch sieht nun so aus: vergegenwärtigt euch den Tod und verringert so das Ausmaß, mit dem er euch überrascht. Wie könnt ihr euch nur von etwas überraschen lassen, was nie und nimmer von euch absehen wird? Wie könnt ihr nur die Hoffnung auf jemanden

254 Anm. i.d. engl. Übers.: Der Bettler bittet aus Not und wahrer Hilfsbedürftigkeit heraus um Hilfe von den Reichen, die in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt mit ungesetzlichen und unlauteren Mitteln verdienen. Die Armenspende aus diesen Vermögen würde nicht aus ehrlicher Absicht erfolgen und demzufolge die Belohnung und Vergeltung geringer ausfallen als die der Bettler, die diese Spenden für lautere Ausgaben benötigen. 255 Gemeint sind Sattel und Lastenaufbau für Karawanen (d. Übers.).

setzen, der euch niemals Aufschub geben wird! Als Ratgeber mögen euch diese Toten reichen, die – ohne sich einen Träger zu nehmen – auf den Schultern anderer zu den Gräbern getragen werden und die man - ohne dass sie die Absicht zum Abstieg gehabt hätten – in die Gräber herablässt, gleichsam, als ob sie nie zu den Erbauern der Welt gehört hätten und das Jenseits schon immer ihre ständige Behausung gewesen wäre. Vertrieben aus dem, was sie früher für ihre Heimat gehalten hatten, haben sie sich nun in einem Haus eingerichtet, vor dem sie sich stets gefürchtet hatten. Ein Leben lang hatten sie sich mit einem Haus abgemüht, das sie mit dem Tod zurückgelassen haben und schon im Vorfeld hat-ten sie den Ort, an den sie (jetzt) überführt wurden, zunichte gemacht! Jetzt aber können sie sich we-der mehr von ihren Freveln abkehren noch ihren guten Taten etwas hinzusetzen. Sie hatten Zuneigung zur Welt gefasst, (doch) die hat sie dann getrogen; sie hatten ihr Vertrauen in sie gesetzt, doch die hat sie dann auf dem Totenbett aufgebahrt. Ihr - bei denen noch Hoffnung besteht, dass die Barmherzigkeit Gottes sie noch betreffen kann – kommt also und lernt aus deren Schicksal. Repariert umgehend das Haus, welches euch zu erbauen geboten ist, wozu ihr ermuntert worden seid und zu dem zu kommen ihr aufgerufen wurdet. Bringt die göttlichen Segnungen, in deren Schuld ihr steht, auf den Höhepunkt, indem ihr euch in Geduld im Gehorsam Ihm gegenüber übt und euch des Ungehorsams gegen Ihn enthaltet, denn daran besteht kein Zweifel – das Morgen liegt morgen bei weitem näher als das Heute. Wie schnell vergehen die Stunden, misst man sie an einem Tag; wie eilig gehen die Tage vorüber, setzt man sie mit dem Lauf eines Monats in Relation; vergleicht man sie mit einem Jahr, wie flüchtig eilen die Monate dahin und wie schnell vergehen die Jahre, auf ein Lebensalter gesehen!

189

Standhafter und vergänglicher Galuben

Eine Art des Glaubens wurzelt in den Tiefen der Herzen, eine andere Art schwankt (nur) geliehenermaßen zwischen Brust und Herz hin und her und hat ein absehbares Ende. Wendet ihr euch von einem Rechtgläubigen ab und seid seiner überdrüssig, so wartet ab, bis ihn sein Tod ereilt, denn erst an der Grenze zum Ende wird sich erweisen, ob er diese Abneigung möglicherweise (wirklich) verdient hat. Doch die Hidjra behauptet ihre erstrangige Position – wobei Gott auf die Erdbewohner gar nicht angewiesen ist – und die Hidjra bezieht sich nur auf die Personen, die das Argument Gottes auf Erden anerkennen, und nur wer sie anerkennt und Seine Existenz mit Wissen und Erkenntnis eingesteht, ist ein wahrhaftiger Emigrant. Auch als Entrechteter256 wird nur bezeichnet, wer das Argument Gottes anerkennt, Seine Einladung hört und ihr folgt und wer Seine Absicht mit dem Herzen herausfindet. Nun, unsere Sache ist schwer und kompliziert und niemand außer dem Gottesdiener, bei dem Gott den Glauben seines Herzens geprüft hat, vermag sich ihre Bürde aufzuladen. Auch die Tiefe meiner Worte kann nur erfassen, wer über ein verlässliches Herz und feste Anschauungen verfügt! O, ihr Leute, fragt mich, was ihr wollt, bevor ihr mich verliert, denn ich kenne die Wege des Himmels besser als die der Erde. Ja, nutzt die Gelegenheit dazu, bevor eine zügellose Verschwörung auf dem Höhepunkt des Hasses die Menschen ihres Verstandes beraubt.

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Betonung der Gottesfurcht

Wir danken und preisen Gott für Seine Segnungen und bitten Ihn – mit Seinen unbezwingbaren Heerscharen und Seiner unendlich großen Pracht – um Seinen Beistand bei der Erfüllung Seiner Anrechte, und ich bezeuge, dass Mohammad Sein Diener und Gesandter ist. Er rief die Schöpfung zu göttlichem Gehorsam auf und ohne, dass die vereinte gegnerische Front Seine Absicht hätte beeinflussen und Sein Licht widerlegen und auslöschen können, siegte Er über Seine Gegner mit dem Jihad auf dem Wege der göttlichen Religion.

256 sozial Schwache, Enterbte (Mosta’azafin) (d. Übers.).

Haltet euch nun an die Frömmigkeit, denn sie verfügt über unzerstörbare Bande und Sicherheit verleihende Glieder; sie ist eine Festung mit einer Höhe, die nicht einzunehmen ist. Kommt dem Tod und dessen Schwierigkeiten schon mal zuvor und macht euch bereit, bevor er über euch hereindämmert; ergreift geeignete Maßnahmen, bevor er herabsteigt, denn die Wiederauferstehung ist das Ende des Wegs; diesen Weisen sollte er (doch) als Ratgeber und diesen unwissenden Ahnungslosen als Vorbild ausreichen! Vor dem Leben im Jenseits kommen (noch) die Schwierigkeiten, die ihr kennt, wie beispielsweise die Beengtheit des Grabes, die Heftigkeit der Trauer, die Angst des Menschen an der Schwelle zum Barzakh257, Kräfte zehrende Befürchtungen, das Zerlegen der Rippen, das Taubheitsgefühl in den Ohren, die Finsternis der Grabnische, der Schrecken göttlicher Drohungen, die traurige Grabeshöhle und das Herabfallen des schweren Grabsteins. So gebe es - um Himmelswillen - Gott, o, ihr Gottesdiener, dass die Welt für euch in ihrem anerkannten Lauf und mit anerkannter Gesetzmäßigkeit ablaufen und ihr in engster Beziehung zur Auferstehung stehen mögt, so, als wäre sie mit ihren Vorzeichen quasi schon jetzt herangerückt, ihre Banner wären aufgepflanzt und sie hätte euch auf eurem Wege angehalten, ähnlich einem Kamel, das zum Aufbruch bereit ist – mit einer schweren Bürde von Schwierigkeiten – und mit der Brust im Wüstensand feststeckt, und auch die Welt hat ihre Kinder der Milch entwöhnt, aus ihrer Fürsorge entlassen und sie erscheint am Schluss wie ein Tag, der zu Ende gegangen ist oder wie ein verflossener Monat. Ihr Saft ist ausgetrocknet und ihr Körper verwelkt. Und der Bewegungsablauf des Menschen langt an einem Punkt an, wo es kaum einen Platz zum Stehen gibt und er mit einer Unzahl von großen, komplizierten Prozessen zu kämpfen hat: mit loderndem Feuer, dessen Brunst voller Funken ist, dessen Flammen hin- und herzüngeln, dessen Tosen wutentbrannt ist, dessen Brennmaterial leicht entzündlich ist, dessen Entflammbarkeit lang anhaltend ist, dessen Flammen alles zum Schmelzen bringen, dessen Drohungen Angst einflößend sind, dessen Tiefgang unbekannt ist, in dessen Umgebung alles schwarz wird, dessen Glut rot glühend ist und dessen Verlauf alles schändet. „Und jene, die ihren Herrn fürchteten, werden in Scharen in den Himmel geführt werden.“258, wobei sie vor dem Martyrium sicher und keinem Tadel mehr ausgesetzt sind, das Feuer übersprungen haben und ihnen das Haus des Jenseits Ruhe gewährt, können sich also ihrer gesicherten Position erfreuen. Dies sind Menschen, die sich in der Welt stets abgemüht haben und deren Augen Tränen verweint gewesen sind. Ihre Nächte waren wie Tage, da sie ihrer Demut Ausdruck verliehen und um Vergebung der Sünden baten, und ihre Tage wurden zu Nächten, weil sie gottesfürchtig waren und sie sich allen (irdischen) Abhängigkeiten entsagten. Demzufolge hat Gott ihnen das Paradies als letzte Herberge und Belohnung im Jenseits gewährt, denn ihnen steht das Paradies mehr als allen anderen zu und sie haben es viel eher verdient, ein ewiges Reich und anhaltende Segnungen zu finden. Also, ihr Gottesdiener, bewahrt all das, was die Erfolgreichen unter euch noch erfolgreicher macht und was euch – wird es missachtet - (nur) Nachteil und Schaden bringt; kommt eurer Todesstunde mit euren guten Taten zuvor, denn ihr alle seid abhängig von dem, was ihr voraus gesandt habt und euer Lohn und eure Strafen entsprechen dem, was ihr an Taten geleistet habt. Es scheint, als würde sich bald eine furchtbare Katastrophe anbahnen, aus der ihr weder einen Ausweg finden könnt noch eine Verfehlung mit einer Entschuldigung wettmachen. Wir ersehnen uns von Gott, dass Er uns alle auf den Weg des Gehorsams zu Ihm und zu Seinem Gesandten bringen möge und uns mit der Weisheit Seiner Barmherzigkeit vergebe. Geht an eure Plätze, fasst euch in Not und Unglück in Gelassenheit, lasst nicht eure Hände und Schwerter zum Zwecke von – hirnlosen - Parolen sprechen, überstürzt nichts unnötig bei Dingen, bei denen Gott euch keine Hast geboten hat, denn der Tod eines jeden von euch wird dann dem Märtyrertum gleichen – auch dann, wenn er in seinem Bett stirbt – wenn er sich dabei der göttlichen Wahrheit seines Schöpfers, dessen Gesandten und der Mitglieder der Heiligen Familie bewusst ist und sein Lohn wird dann bei Gott liegen; sein guter Wille, seine Absicht wird dann an die Stelle der ehrbaren Tat treten, die er zu leisten gedacht hatte, und genau diese Absicht wird bei ihm dann an die Stelle der Aktion des Schwertes treten, denn jedes Ding verfügt über seine ihm eigene Frist und Stunde.

257 das Niemandsland zwischen Tod und Wiederauferstehung, durch das ein jedes Lebewesen zu gehen hat (d. Übers.).

258 Heiliger Koran, 39. Sure, Vers 73.

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Lobpreis Gottes

Gedankt sei Gott, der von der ganzen Schöpfung gepriesen wird. Seine Heerscharen sind siegreich und Seine Größe ist in ihrer Höhe unerreicht. Wir danken Ihm für Seine ewigen Segnungen und Seine großen Gaben, Ihm, dessen Gelassenheit so groß ist, dass Er (sogar) von Fehlern absieht; all Seine Gesetze sind gerecht; in Seinem Ratschluss weiß Er über Vergangenheit und Zukunft Bescheid; mit Seinem Wissen erschafft Er die Geschöpfe, mit einem Gebot lässt Er sie entstehen, ohne dabei von einem schöpferischen Gelehrten lernen oder sich ein Vorbild nehmen zu müssen, ohne fehlzugehen oder fremder Hilfe zu bedürfen. Und ich bezeuge die Wahrheit, dass Mohammad Sein Diener und Gesandter ist, den Gott zu einem Zeitpunkt entsandte, da die Menschen in Schwierigkeiten steckten und den Wogen von Wirrnissen aufsaßen, da Verderbnis sie in den Untergang zu ziehen drohte und Frevel ihre Herzen verschlossen hielt. O, ihr Gottesdiener, ich rate euch allen zur Gottesfurcht, denn euch obliegt das göttliche Recht und bei Ihm die Begründung dieses Rechts. Sucht den Beistand Gottes, wenn es darum geht, Gottesfurcht zu erwerben, sucht auf dem Weg Gottes Unterstützung in der Kraft der Gottesfurcht, denn sie ist für das Heute Festung und Schild zugleich und für das Morgen der Weg zum Paradies. Seine Absichten sind offenkundig; wer nach Ihm sucht, dem lässt Er reichen Nutzen zukommen und Er behütet, wer treu zu Ihm hält. Allen Gläubigengemeinschaften – vergangenen wie auch künftigen - hat sich die Gottesfurcht stets kundgetan, denn morgen – wenn Gott die Lebewesen zurückkehren lässt, deren Gaben zurückfordert und hinterfragt, was sie alles gegeben haben – werden sie alle der Gottesfurcht bedürfen. Doch die Zahl derer, die sich ihrer annehmen und ihre Last in angemessener Weise auf sich nehmen, ist verschwindend gering und sie verdienen das Lob Gottes, denn Er spricht: „Und nur wenige von meinen Dienern sind dankbar.“259 So hört und vernehmt ihre Botschaft, eilt mit Leistung und Fleiß zu ihr hin, setzt die Botschaft an die Stelle aller verlorenen Werte und macht sie anstelle all derer, die diesen Weg nicht mit euch gehen, zu eurem Weggefährten. Macht durch Gottesfurcht die Stunden eures Schlafes zu Stunden der Wachheit, verbringt mit ihr euren Tag, macht Frömmigkeit zu einem ständigen Begleiter eurer Herzen und wascht eure Sünden mit ihr rein. Ja, heilt eure Leiden mit Gottesfurcht und kommt dem Tod mit ihr zuvor. Versucht euch ein Beispiel am Schicksal derjenigen zu nehmen, welche die Gottesfurcht verworfen hatten. Möge es nicht so weit kommen, dass ihr den Frommen (dereinst) durch euer verderbtes Schicksal zur Anschauung dient. Jawohl, bewahrt euch die Gottesfurcht, damit ihr in ihrem Schutze unversehrt bleibt. Bemüht euch stets, von irdischen Abhängigkeiten verschont zu bleiben und im Herzen (schon) mit dem Jenseits zu liebäugeln. Schätzt niemanden gering, der durch Gottesfurcht erhöht worden ist, und haltet denjenigen, der allein durch irdische Besitzstände hochgekommen ist, nicht für etwas höher Stehendes. Heftet eure Augen nicht an das donnernde Getöse in den Wolken der Welt, hört nicht auf das, was sie spricht, nehmt ihre Einladung nicht an, sucht nicht nach Licht in ihren Strahlen und lasst euch nicht von ihren entzückenden Waren täuschen, denn kein (warmer) Gewitterregen folgt auf ihren Donnerschlag, (nur) Lüge ist ihre Rede, der Plünderung ausgesetzt ihr Vermögen und zur leichten Beute zu werden drohen ihre wohlfeilen Waren. Seid euch gewahr, die Welt ist eine schändliche Verführerin, die sich nicht hingibt, ein störrisches Reittier, das nicht gehorcht, eine verräterische Lügnerin, eine undankbare Aufwieglerin, eine nachtragende Rächerin und eine lasterhafte Verwirrte. Das Hauptwesensmerkmal der Welt ist ihre Unbeständigkeit, ihr Boden ist leicht erschütterbar. Ihre Größe ist Niedertracht, ihr Ernst Spaß und ihre Höhen sind Niederungen. Die Erde ist ein Ort von Raub und Plünderung, Kummer und Verderben und ihre Bewohner sind unablässig dabei, sich zu erheben, vertrieben zu werden, zusammenzutreffen und wieder auseinander zu gehen, auf wundersamen Wegen, mit ermüdenden Auswegen und unerreichbaren Zielen, die zu keinem Erfolg führen. Von jeder Festung, zu der man Zuflucht sucht, liefert sie einen aus; sie verweist einen jeder Tür, durch die man (einst) gegangen ist und jeder Ausweg, den sie erfindet, trägt nur noch mehr zu unserer Hilflosigkeit bei. Sie ist ein Erretteter mit durchtrennter Achillessehne, von der Haut abgetrenntes Fleisch, ein Körper ohne

259 Heiliger Koran, 34. Sure, Vers 13.

Haupt oder vergossenes Blut. Der eine nimmt erstaunt den Finger zum Mund und beißt darauf, der andere reibt sich unschlüssig die Hände, einer stützt die Wangen auf die Ellenbogen auf, wieder ein anderer kritisiert seinen eigenen Glauben und noch ein anderer ist von seiner Entscheidung wieder abgerückt. Der Ausweg hat sich abgewandt, schnell öffnet der plötzliche Tod seine Arme – was bleibt da noch zum Fliehen? O weh, o weh! Was zu verlieren war, ist verloren! Was geschehen konnte, ist geschehen und die Welt hat den Gang genommen, den sie nehmen wollte, „Weder Himmel und Erde weinten über sie, noch ward ihnen Frist gegeben.“260

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Eine Rede des Imams (S), von manchen auch die „Qase’e“ (Predigt der Geringschätzung) genannt, in der Iblis261 — der Fluch Gottes sei über ihm — wegen seines Hochmuts und seiner Weigerung, sich vor Adam zu verneigen, und als der Begründer des Fanatismus und der dümmlichen Arroganz verurteilt wird; die Menschen werden davor gewarnt, seinem Weg nachzufolgen

Gepriesen sei Gott, der Ansehen und Größe umfasst, welche Er nicht für Seine Geschöpfe, sondern für sich selbst erwählte; Seinen Herrschaftsbereich wandelte Er zu einer für die anderen verbotenen Sphäre um und widmete sie einzig der Erhabenheit Seines Schöpfertums; diejenigen Diener, die sich unter Beanspruchung von Ansehen und Größe gegen Ihn stellen, hat Er verflucht. Dann hat Er damit Seine Ihm am nächsten stehenden Engel auf die Probe gestellt und so die Demütigen von den Dünkelhaften getrennt. Also sprach Er – dessen Namen am höchsten steht, der die verborgenen Geheimnisse kennt und auch weiß, was sich in der Tiefe der Herzen befindet: „’Ich werde ein menschliches Wesen aus Lehm erschaffen. Wenn ich es zurechtgeformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann fallt und werft euch vor ihm nieder.’ Da warfen sich die Engel alle zusammen nieder, außer Iblis“262, der sich hochmütig abwandte und sich unter Berufung auf seine höhere Abstammung Adam gegenüber überheblich gab und dem Eiferertum verfiel. So begab es sich, dass Iblis zum Feind Gottes, zum Anführer der Eiferer und zum Stammvater der Dünkelhaften wurde, welcher das Eiferertum begründete und Gott gegenüber hoffärtig ward; raublustig zwängte er sich in das Gewand des verkauften Ansehens und zerriss den Schleier der Demut! Seht ihr denn nicht, dass Gott ihn mit der Strafe des Hochmuts zerschmetterte und mit der Strafe der Selbstüberschätzung auf dem Boden zerschellen ließ? Er machte ihn in dieser Welt zu einem von Seinem Thron Verstoßenen und bereitete ihm in jener Welt ein loderndes Feuer. Hätte Gott Adam aus Licht erschaffen wollen, damit die Augen von seinen Strahlen geblendet und die Gedanken von seiner Schönheit verwirrt würden und der Wohlgeruch seines Wesens überall verströmte, so hätte Er dies (auch) getan. Hätte Er dies getan, dann hätten sich alle demütig verneigt und die Prüfung für die Engel wäre leicht und einfach ausgefallen. Doch Gott der Glorreiche prüft Seine Geschöpfe mit Herausforderungen, deren Wurzeln unbekannt sind, um Seine Geschöpfe mit diesen Prüfungen voneinander zu unterscheiden, ihren Hochmut auszumerzen und ihnen die Selbstgefälligkeit so weit wie möglich auszutreiben. So lasst euch als warnendes Beispiel gereichen, was Gott mit Iblis tat: wegen einer einzigen Stunde der Dünkelhaftigkeit machte Er dessen langandauernde Arbeit, großen Fleiß und sechstausend Jahre währende Dienstbarkeit zunichte, zumal (auch) niemand weiß, ob dieser Zeitraum nach Jahren in dieser Welt oder in jener Welt bemessen ist. Wer vermochte nach dieser Geschichte mit Iblis mit der gleichen Sünde noch dem Zorn Gottes zu entkommen? Niemand! Gott der Allmächtige würde einen Menschen für eine Sünde, für die Er (sogar) einen Engel verstoßen hat, nie ins Paradies eingehen lassen, denn die Gebote Gottes sind für alle Bewohner der Erde und des Himmels zweifellos gleich und zwischen Ihm und einem Seiner Geschöpfe kann es keine Kompromisse geben, wenn es darum geht, etwas zu erlauben, was Er allen Erdbewohnern verboten hat. So fürchtet euch, ihr Diener Gottes, vor dem Feind Gottes, auf dass er euch nicht mit seiner Krankheit infiziere, euch mit seinem satanischen Rufe einfach hinwegfege und dann mit seinen Heerscharen über

260 Heiliger Koran, 44. Sure, Vers 29. 261 Diabolus (griech.) – der Teufel. 262 Heiliger Koran, 38. Sure, Verse 71-74.

euch herfalle, denn ich schwöre bei meinem Leben – er hat die Pfeile seiner Bedrohung bereits (auf seiner Armbrust) aufgelegt, hat die Sehne schon bis hinter das Ohr gespannt und euch aus kürzester Entfernung aufs Korn genommen; er ist es, der gesprochen hat: „Mein Herr, darum, dass Du mich in Verirrung hast fallen lassen, werde ich ihnen ganz gewiss auf der Erde (das Böse) ausschmücken und sie ganz gewiss allesamt in Verirrung fallen lassen.“263: das Abfeuern eines Pfeils in die ferne Finsternis264 und das Werfen eines Steins nach einem unrichtigen Gedankengang. Doch die Kinder des Dünkels, die Brüder des Eiferertums und die Streiter in der Arena des Hochmuts und der Unwissenheit hatten nichts Eiligeres zu tun, als die Richtigkeit dieser Worte zu belegen, bis die Ungehorsamen unter euch seinem Befehle gehorchten und seine Gier in euch Wurzeln schlug; als Resultat dessen begann die Satansbesessenheit aus dem Unbekannten heraus aufzukeimen und die menschenverachtende Herrschaft Satans aufzugehen; er brachte euch urplötzlich in eine Position der Erniedrigung, warf euch dahin, wo man euch tötet, brachte euren Leibern ungemein tiefe Wunden bei und machte sich an eure Vernichtung, indem er eure Augen mit Lanzen durchbohrte, euch die Gurgeln zerfetzte, eure Nasen auf dem Boden zerrieb und es nur darauf abgesehen hat, euch an der Kandare von Gewalt und Repressionen in ein für euch im voraus geschürtes, bereitstehendes Feuer zu zerren. Wenn es darum geht, eurer Religion zu schaden, ist Iblis schlimmer als jene, gegen die ihr schon heute Stellung bezogen habt und gegen die ihr gemeinsam vorgeht; es gelingt Iblis auch leichter als jenen, das Feuer zu entfachen, das eure Religion verbrennen soll. So bringt das schneidende Schwert eures Zorns gegen ihn zum Einsatz und versucht, die Verbindung zwischen ihm und euch zu durchtrennen, denn er ist es – bei Gott – der sich über eure Abstammung und eure Wurzeln erhob, der euer innerstes Wesen und eure Identität in Frage zog und sich gegen eure Rasse stellte. Er war auch derjenige, welcher mit seinen Truppen den Angriff gegen euch wagte, dessen Fußtruppen einen Hinterhalt auf eurem Weg legten, um euch überall dort zur Strecke zu bringen, wo er nur kann und der euch in Einzelteile zerstückelt, ohne dass ihr etwas dagegen unternehmen könntet oder eine Entscheidung eurer Verteidigung dienlich sein könnte – in Schmach, furchtbarer Enge, im Einzugsbereich des Todes, auf dem Tummelplatz der Schwierigkeiten! So stillt das Feuer, welches sich aus Funken des Eiferertums und Hassgefühlen der Unwissenheit zusammensetzt und im Hinterhalt eurer Herzen lauert, denn dieses Eiferertum bildet für einen Moslem eine satanische Gefahr, bedeutet für ihn Dünkel und geisterhafte Einflüsterung. Macht euch daran, die Krone der Demut auf euer Haupt zu setzen, die Eitelkeiten zu zerstampfen und den Hochmut abzuwerfen. Grenzt euch mit Demut im Kampf gegen eure Feinde - Iblis und dessen Truppen – gegen sie ab, denn sie finden in jeder Gemeinde der Gläubigen ein Heer, ihre Gefährten, ihre Berittenen und ihr Fußvolk. Möge es euch nicht ergehen wie Kain, der sich hochmütig über seinen Bruder erhob, ohne dass Gottihm Überlegenheit geschenkt hätte; allein aus Hass und Neid, die in seinem Innersten loderten, hielt er sich für überlegen und in seinem Herzen flammte der Fanatismus aus den Flammen des Zorns; Satan hatte ihm noch den Dünkel eingeflößt, woraufhin Gott ihn reumütig werden ließ und ihn bis zum Jüngsten Tag für sämtliche Straftaten aller Verbrecher verantwortlich hielt. Gebt Acht, denn heute seid ihr mit eurer offenen Aufstellung gegen Gott und dem bewaffneten Kampf gegen die Rechtgläubigen in Unbotmäßigkeit verfallen, habt die Erde ins Verderben gestürzt! Darum sind sie, o Herr, im Dünkel, der aus dem Stolz und der Eitelkeit ihrer Unwissenheit entstanden ist, die eine geeignete Grundlage dafür sind, dass die Saat der Feindschaft aufgeht, die eine günstige Ausgangsposition für die Einflüsterungen Satans darstellen, mit denen er frühere Gemeinden und die Menschen vergangener Jahrhunderte täuschte, bis sie in der Finsternis der Unwissenheit und deren Verirrungen - blind und willfährig ihren anziehenden Seiten ergeben - untergingen. Und dies ist etwas, bei dem die Herzen sich immer gleich verhalten und wodurch die Geschichte der aufeinander folgenden Epochen sich stets wiederholt; es ist (immer wieder) derselbe Dünkel, welcher die Brust (der Menschen) einengt und der die Hauptursache für deren Engstirnigkeit bildet. Gebt wohl acht, haltet euch fern vom Gehorsam gegenüber euren Anführern und Ältesten, die sich ihrer Stammesherkunft brüsten und aufgrund ihrer Blutsbande für überlegen halten; sie sind drauf und dran, ihrem Schöpfer Schande zu bereiten! Sie streiten das Gute, was Gott ihnen hat zuteil werden lassen, ab: feindselig verleugnen sie Seine Gebote und beanspruchen Seine Wohltaten für sich! Sie sind das Fundament für das Eiferertum, die eigentlichen Stützpfeiler für jegliche Fehde, jeglichen Aufruhr und die gewetzten Schwerter für die (vorislamische Zeit der) Unwissenheit. So macht euch die

263 Heiliger Koran, 15. Sure, Vers 39.
264 in Anlehnung an 34. Sure, Vers 53 (Verweis v. Dr. Shahidi)
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Gottesfurcht zu eigen und erhebt euch wegen der euch von Ihm zuteil gewordenen Segnungen nicht kriegerisch gegeneinander; macht die von Gott verliehenen Vorzüge nicht zum Vorwand für Neid und Konkurrenzkampf und folgt diesen niederträchtigen Menschen nicht nach, sonst vermengt ihr deren Düsterheit mit eurer Reinheit, vermischt deren Krankheit mit eurer Gesundheit und versetzt euer Recht mit deren Unrecht. Sie sind die Grundlage für sämtliche Ausschweifungen und Abweichungen und aller damit in Verbindung stehender Frevel, derer sich Iblis bei der Verführung der Geschöpfe als seine Reittiere und seines Heeres bedient; er attackiert die Menschen mit Hilfe ihrer Kraft, spricht mit ihrer Zunge, um die Gedanken (für sich) zu rauben, Zugang zu den Augen (der Menschen) zu finden, den Ohren etwas einzuflüstern, sie zu Zielscheiben seiner Pfeile zu machen und sie als Mittel (für seine Zwecke) einzuspannen. So nehmt euch ein Beispiel an dem, was früheren, dünkelhaften Gemeinden widerfahren ist, lernt aus den harten Strafen, dem Zorn und der Überlegenheit Gottes, aus den ernsthaften Konsequenzen und Strafen, die deren frühere Sünden und Verfehlungen zeigen; nehmt den Rat ihrer Schädelknochen und Rippenbögen in den Gräbern an und flüchtet euch vor dem, was euch mit Hochmut infizieren kann, so zu Gott, wie ihr es (sonst) bei schweren Schicksalsschlägen tut! Wäre es angebracht gewesen, dass Gott einem Seiner Diener Hochmut zugestand, so hätte Er dieses Zugeständnis zweifellos bei Seinem auserwählten Propheten und Gesandten gemacht. Aber wir sehen, Gott dem Allmächtigen missfiel es, dass sie sich hochmütig gaben, Ihm gefiel es, wenn sie Demut zeigten, indem sie ihre Wangen zur Erde neigten und ihre Stirn auf dem Boden rieben, und gegenüber den Rechtgläubigen stets den Ausdruck der Bescheidenheit und der Ergebenheit pflegten; sie selbst gehörten der Schicht der Schwachen an, die Gott mit Hunger auf die Probe stellte, zu harter Arbeit zwang, mit schrecklichen Ereignissen prüfte und durch Misserfolge einem Härtetest unterzog. So möge es nicht dazu kommen, dass ihr aus reiner Unwissenheit heraus bei Verführungen und Prüfungen den Gefallen oder das Missfallen Gottes an Vermögen, Macht, Kindern und Besitz festmacht, denn der Reinste und Höchste hat selbst gesagt: „Meinen sie (die Ungläubigen) etwa, dass wir, wenn wir sie mit Besitz und Söhnen unterstützen, uns beeilen, ihnen gute Dinge (zu gewähren)? Aber nein! Sie merken nicht.“265 Auf diese Art und Weise unterzieht der Allmächtige Gott mit Hilfe Seiner Sachwalter – die in den Augen der Menschen schwach und entrechtet erscheinen - diejenigen Menschen einer Prüfung, die in ihrem Innersten von Dünkel befallen sind. Es war Mose, Sohn des Omran, welcher zusammen mit seinem Bruder Aaron – der Segen Gottes sei mit beiden – vor den Pharao trat, wobei sie nur ein ärmliches Wollgewand auf dem Leibe trugen und sich auf hölzerne Gehstöcke stützten. Sie versprachen, ihm ewige Herrschaft und den Fortbestand seiner Größe zu gewährleisten, wenn er sich in Gott ergebe. Dieser sprach zu seinen Höflingen: „Findet ihr es nicht auch lächerlich, dass sie von ewiger Herrschaft und Fortbestand der Größe reden, sie selbst aber so ärmlich und erbärmlich leben? Warum schmücken sie sich nicht mit goldenen Armreifen, wenn sie die Wahrheit sprechen?“ Für ihn bestand Größe nämlich darin, Gold zu besitzen und anzuhäufen, und ein Wollgewand zu tragen war in seinen Augen etwas Niedriges. Und wäre es Gottes Wille gewesen, Seinen Propheten – als Er ihnen ihre Mission erteilte - Schatztruhen voller Gold und Edelsteine und blühende Gärten zu eröffnen und ihnen die Vögel des Himmels und die Raubtiere der Erde dienstbar zu machen, so hätte Er dies (auch) getan; doch wenn Er es getan hätte, dann wäre jeder Prüfung die Grundlage entzogen worden, eine Belohnung würde keinen Sinn mehr machen und Geschichte vollständig zunichte gemacht. Dann würden diejenigen, die Gottes Einladung annehmen, nicht mehr die beachtlichen Löhne bekommen, kämen den Rechtgläubigen die Belohnungen der gut Handelnden nicht mehr zu und Worte wären bar jedes Inhalts und jeder Bedeutung. Aber der Allmächtige Gott hat Seine Gesandten im Willen stark und widerstandsfest gemacht, jedoch gestaltet sich ihre (äußere) Befindlichkeit in den Augen der anderen eher schwächlich, und Er hat die-se mit Genügsamkeit gepaart, welche die Augen und Herzen mit Anspruchslosigkeit erfüllt, sowie mit Armut gepaart, welche Auge und Ohr mit Pein erfüllt. Wären nun die Propheten Gottes von einer solchen körperlichen Gestalt gewesen, dass niemand mehr die Lust verspürte, den Kampf mit ihnen aufzunehmen, und wären sie von so großer Erhabenheit gewesen, dass sie nie mehr unterdrückt worden wären, und hätte sich ihre Herrschaft derart gestaltet, dass die Machthaber sich ihren Geboten beugten, und käme man von überall her gereist, um ihnen einen Besuch abzustatten, so würde es den Menschen zweifelsohne leichter fallen, die Ratschläge anzunehmen, ihnen ihre Ich-Bezogenheit und ihren Dünkel austreiben und alle würden zum Glauben

265 Heiliger Koran, 23. Sure, Verse 55 und 56.

kommen; oder es würden aufgrund einer Furcht, sie sich ihrer bemächtigte, oder aufgrund egoistischer Wünsche, die in ihnen keimten, materielle und göttliche Antriebsmotive miteinander verschmelzen und die guten Taten sich vervielfachen. Doch Gott der Glorreiche hat es so verfügt, dass es eine ganz speziell auf Ihn ausgerichtete Sache ist, Seinen Gesandten Folge zu leisten, Seinen Büchern Glauben zu schenken, Gott gegenüber versöhnlich zu sein, Seinem Gebot ergeben zu sein und Ihm Gehorsam zu zollen; eine Sache, die sich mit keiner anderen nichtgöttlichen Sache verquicken lässt, denn je größer die Schwierigkeiten und je härter die Prüfung, desto größer fällt auch die Entlohnung dafür aus. Seht ihr denn diese deutliche Wahrheit nicht, dass Gott der Glorreiche alle Menschen – angefangen von Adam, dem ersten Menschen – er möge gesegnet sein – bis hin zum letzten – mit einem Stein geprüft hat, der weder nutzen noch schaden, weder sehen noch hören kann, und dass Er diesen zu Seinem angebeteten Haus erwählte, das das Geheimnis für den Fortbestand der Menschheit darstellt; diesen hat Er in den steinigsten Teil unserer irdischen Kugel versetzt, an einen Punkt der Welt, an dem es die geringste Menge an Erde und die engsten Täler gibt, hinabgesetzt zwischen ungleichmäßigen Gebirgen, auf weichen Sandmassen, an versiegten Quellen und bei einzelnen Siedlungen, in denen die Haltung irgendeines Stücks Vieh – seien es Kamele, Rinder oder Schafe – unmöglich ist. Er gebot Adam – er möge gesegnet sein - und dessen Kindern, sich dorthin zu wenden; danach wurde jenes Haus zum Endziel aller Reisen und zum Rastplatz aller Karawanen. Die verehrte Pilgerschaft ließ sich aus trockenen, verbrannten und vegetationslosen Wüsten, von den Hängen tiefer Täler und den Inseln entfernter Meere dort nieder, um ihre Demut zu zeigen und in der Umgebung dieses Hauses ihre Schultern zu schütteln und mit der Formel266 auf den Lippen, mit zerzaustem Haar und Staub bedeckt, eilig zu Gott hin zu schreiten. Ihre Bekleidung lassen sie zurück und indem sie (auch) ihr Haar zurücklassen267, bringen sie die gottgegebenen Schönheiten durcheinander. Dies ist eine tiefgehende Prüfung, ein schwerer Test, eine eindeutige Bewährungsprobe, eine klare Prüfung, die Gott zu einem Mittel Seiner Barmherzigkeit und zum Geheimnis für den Zugang zu Seinem Paradies bestimmt hat. Und wenn es der Wille Gottes des Glorreichen gewesen wäre, Sein ehrwürdiges Haus und Seine Großen Opferstätten an den Gestaden von Gärten, Bächen und Hochebenen zu errichten, die bestanden sind mit vielen Bäumen mit tief hängenden Früchten, neben aneinander geschmiegte Häuser und dicht beieinander liegende Dörfer, am Raine goldener Weizenfelder, an frisch - grünenden Obstgärten und sprießenden Feldern, Wasser verwöhnter Erde, inmitten grüner Anbaukulturen mit guter Anbindung an Wege, dann würde der Lohn der Pilger wegen der Leichtigkeit der Belastungsprobe nur gering ausfallen. Und wenn die Grundpfeiler der Kaaba, auf denen das Haus ruht, und ihre Steinwände ganz und gar aus grünem Smaragd, rotem Rubin, Licht und Helligkeit erbaut worden wäre, dann würde die Skepsis in den Herzen gemindert, das Betätigungsfeld von Iblis wäre eingeschränkt und die Zweifel der Menschen würden verschwinden. Aber Gott stellt Seine Diener mit jeder erdenklichen Art von Test auf die Probe, verlangt ihnen ihre Ergebenheit auf die unterschiedlichste Art und Weise ab und lässt sie von verschiedensten Unannehmlichkeiten heimgesucht werden, um auf diese Weise den Hochmut aus ihren Herzen zu vertreiben und Demut in die Tiefen ihrer Seelen einzubringen, damit sie alle zu offenen Türen Seiner Huld werden und zu leichten Mitteln Seiner Vergebung. Um Gottes willen, hütet euch – bei Gott - (bloß) vor der Strafe und den Konsequenzen des Ungehorsams von heute und den furchtbaren Konsequenzen der Tyrannei von morgen, den schlimmen Folgen des Dünkels und des Hochmuts, welche die größte Falle von Iblis und dessen gefährlichste List ist, die sich wie tödliches Gift in die Herzen der Menschen schleicht; nie gerät er darin außerstande, niemanden übersieht er, weder verschont er den Wissenschaftler in der Blüte seines Wissens noch den Ärmsten in dessen zerlumptem Gewand. Und gerade deswegen wacht Gott durch Gebete, die Armenspende und die Strapazen der Fastenzeit über Seine Diener, damit sich Ruhe unter ihnen ausbreite, Demut über ihre Augen herrsche, ihre Seelen Ergebenheit annehmen, ihre Herzen Demut erlernen und der Egoismus von ihnen abgewaschen werden möge. Bei alldem geht es um die in den göttlichen Geboten verborgenen Werte, wie beispielsweise die Berührung der Erde mit der Stirn als Zeichen der Gottergebenheit, das Auflegen der Gliedmaßen auf den Boden als Zeichen der Kleinheit (vor Gott), die Kontraktion der Magenwände vor Hunger beim Fasten als Zeichen der Neigung zur Erniedrigung; der Sinn der Armenspende liegt übrigens neben dem Verbrauch von Produkten der Erde auch darin, dass dies zugunsten der Ärmsten und Bedürftigsten geschieht. Öffnet die Augen und denkt eingehend darüber nach, welchen Einfluss diese Dinge darauf haben, wie die Auswüchse von Arroganz ausgemerzt werden können und die Entstehung des Dünkels zu verhindern ist!

266 „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammad ist Sein Gesandter“.
267 die Pilger sind in ein weißes Pilgergewand gekleidet, die Haare werden zumeist abgeschoren.

Als ich genauer hinschaute, fand ich unter den Erdbewohnern, die sich einer Sache mit fanatischer Hingabe widmeten, nur solche, deren Eiferertum – zwecks Manipulierung der Ungebildeten und um die Hirne der Leichtgläubigen für sich zu überzeugen – einer gewissen Rechtfertigung und Logik nicht entbehrten! Nur ihr seid diejenigen, sie sich eitel über eine Sache erheben, für die es weder Ursache noch Grund gibt. Wenn Iblis sich über Adam erhob und spöttisch zu ihm sprach: „Ich bin aus Feuer, aber du nur aus Ton!“, dann berief er sich auf den Ursprung seiner Schöpfung, und der Dünkel genusssüchtiger Reicher in früheren Menschengemeinschaften beruhte darauf, dass sie in den Genuss so zahlreicher Segnungen gekommen waren, und sie sprachen: „Wir haben mehr Besitz und Kinder, und wir werden nicht gestraft werden.“268 Wenn es nun kein Entrinnen aus der Eitelkeit gibt, dann verhaltet euch in Bezug auf hoch stehende Eigenschaften, auf allgemein anerkannte und ästhetische Dinge eitel, auf etwas, wonach die Edlen, Großen und Tapferen der edlen Araberstämme und die Helden der Clans trachteten: angenehme Umgangsformen, hoch stehende Gedanken, respektable Positionen und gefällige Werke! Dann bemüht euch, euren Eifer um allgemein anerkannte Werte herum zu gruppieren, wie die Anerkennung der Rechte des Nachbarn, Vertragstreue, gutes Handeln, Abkehr von Dünkel, Hinwendung zur Tugend, Verzicht auf Aggression, Ächtung von Mord und Blutvergießen, Gerechtigkeit in Bezug auf das Volk, Unterdrückung von Zorn und Verzicht auf irdische Missetaten. Hütet euch vor den Unglücken, die frühere Menschengemeinden in Vergeltung ihrer Missetaten und ihres Fehlverhalten ereilten, ruft sie euch unter guten und schlechten Umständen immer wieder in Erinnerung und passt auf, dass euch nicht auch ein solches Schicksal trifft. Jetzt, da ihr euch Gedanken über die Unterschiedlichkeit ihres Aufstiegs und ihres Falls macht, versetzt euch (einmal) selbst in die Abläufe, durch die sie (dereinst) in diese ehrbare Position gelangen konnten, wie ihre Gegner entschwanden, wie das Wohlergehen von allen Seiten auf sie einströmte, wie sie in den Genuss von Wohlstand gelangten und ihr Verhältnis untereinander von Großmütigkeit bestimmt war; diese sind wie folgt: entsagt der Uneinigkeit, wahrt den Zusammenhalt, betont dies und verweist euch gegenseitig (immer wieder) darauf; haltet euch fern von jeglichen Abläufen, die vergangenen Menschengemeinschaften das Rückrat gebrochen haben und deren Kräfte zersetzten, das bedeutet, (haltet euch fern) davon, in euren Herzen Hassgefühle aufeinander und Groll und Abneigung in der Brust zu hegen, gegeneinander kleinlich und engstirnig zu sein, euch voneinander abzuwenden und eure Hände nicht mehr miteinander oder füreinander einzusetzen. Bedenkt auch gut, wie es den Rechtgläubigen früher ergangen ist, welchen Härten und Schwierigkeiten sie ausgesetzt waren. Stimmt es etwa nicht, dass ihre Last schwerer war als die aller anderen Menschen, dass ihre Probleme zermürbender als die aller anderen Gottesdiener waren und sie sich im Vergleich zu allen anderen Menschen der Welt in einer schlimmeren Zwangslage befanden? Die Pharaonen hatten sie seinerzeit zu Sklaven gemacht, marterten sie auf die denkbar härteste Art und Weise, flößten ihnen langsam aber stetig die verschiedensten Bitternisse ein; ständig mussten sie unter einer Gewaltherrschaft in einer Atmosphäre der Demütigung und des Verderbens leben; weder fanden sie einen Ausweg, um dagegen aufzubegehren, noch kannten sie einen Weg, sie abzuwehren; bis Gott der Allmächtige an ihnen bemerkte, dass sie zu Ihm standen, während sie das Leid erduldeten, und sie aus Furcht vor Ihm die vielen Qualen annahmen. Da öffnete Er ihnen die Enge ihrer Zwangslage, wandelte ihre Demütigung in Ehrbarkeit um und ihre Schrecknisse in Sicherheit; schließlich wurden sie zu den herrschenden Machthabern und zu den die Erde dominierenden Führern; es ward ihnen so viel von der göttlichen Freigebigkeit zuteil, wie sie es sich nie hätten träumen lassen. Denkt also genau darüber nach, wie es war, als die Massen (noch) einig waren, als ihre Neigungen (noch) gleich geartet und ihre Hände ineinander gelegt waren, die Schwerter sich (noch) gegenseitig zur Seite standen, die Anschauungen scharfsinnig und die Ziele einheitlich waren. Ist es nicht so gewesen, dass ihnen unter diesen Umständen die ganze Erde unterstand und sie die rechtmäßige Herrschaft über die gesamte Menschheit ausübten? Nun seht euch einmal genauer an, wie deren Schicksal verlief und wie sie endeten, als Zersplitterung über sie kam, die Bande des Miteinander zerrissen und die Parolen (für ihr Handeln) und ihre Überzeugungen auseinander gingen, Gegensätze sie in einzelne Lager aufspalteten und eine Gruppe die andere bekämpfte; als Gott ihnen das Gewand von Großherzigkeit und Edelmut (wieder) abstreifte, ihnen Seine vielen Wohltaten wieder abnahm und euch nur noch die Geschichten und Erzählungen bleiben, damit sie denen unter euch zu Rate stehen mögen, die daraus lernen wollen.

268 Heiliger Koran, 34. Sure, Vers 35.

So nehmt euch ein Beispiel an der Geschichte der Kinder Ismail, dem Stamm Isaak und dem Stamm Israel, wie gleich geartet die Befindlichkeiten in der Geschichte doch sind und wie sehr die Geschichten sich doch ähneln! Ja, denkt über den Lauf ihres Lebens nach, als sie zersplittert waren und in Gruppen zerfielen, in jenen dunklen Nächten, als die Kaiser von Persien und Rom die Herrschaft über sie gewonnen hatten, als sie aus den grünen Ländereien269 und dem Meer von Irak270 in eine Welt vertrieben wurden, in der nur Dornen und Unkraut wuchsen, durch die heiße Sandstürme tobten, an Plätze der Armut und des Hungers, wo man sie bettelarm und ohne alles (mit dem Wind) laufen ließ; ihr Haus war unter allen Völkern das erbärmlichste von allen und ihr Lebensraum war trockener als der aller anderen, sie konnten sich weder unter das Schutzdach eines (göttlichen) Aufrufs flüchten, noch im Leben spendenden Schatten einer Solidargemeinschaft Platz finden. So war das Befinden wirr, die Hände unkoordiniert und Mehrheiten Zwietracht säend, unter der erdrückenden Bürde von Pein und Unwissenheit, wobei das Begraben von Mädchen bei lebendigem Leibe, die Götzenanbetung, der Bruch mit den Familienangehörigen und Wegelagerei von Plünderern zu den gravierendsten Beispielen zählten. Werft einen weiteren Blick auf die Zeit, da die göttlichen Wohltaten über sie kamen, als Er einen Gesandten zu ihnen schickte, Er ihren Gehorsam mit dessen Verkündigungen verband, sie mit dessen Aufruf vereinte und Er seine Freigebigkeit wie einen Schirm über sie breitete. Er ließ Ströme der unterschiedlichsten Möglichkeiten für sie fließen und alle Sprösslinge und Zweige der Ordnung wurden durch deren Segen spendende Erträge befruchtet. So schwebten sie in großem Wohlstand und gerietenob der Üppigkeit dieses Lebens in Verzückung. Alle ihre Angelegenheiten festigten sich im Lichte dieser göttlichen, sieghaften Herrschaft und diese Umstände versetzten sie in eine Position siegreicher Ehrbarkeit und auf der Höhe ihrer Herrschaft verneigten die anderen Mächte der Welt ihre Häupter vor ihnen. So wurden sie zu rechtmäßigen Herrschern über die Erdbewohner und sie beherrschten Nord und Süd, Ost und West; sie erwarben die Kontrolle über die Angelegenheiten und die Politik derjenigen Menschen, die zuvor selbst noch das politische Sagen über sie gehabt hatten, und sie machten jetzt die Gesetze für Menschen, die bis gestern die Gesetze noch für sie gemacht hatten. Jetzt nahm sie weder noch eine Lanze ins Visier noch wurde ihnen ein Stein mehr entgegengeschleudert! Habt acht, den Gehorsam habt ihr nun aufgegeben, habt der göttlichen Festung – die um euch herum aufgebaut ist – mit den Sitten der (vorislamischen) Unwissenheit Risse beigebracht, wohingegen Gott der Glorreiche die vereinte Masse dieser Menschengemeinschaften – mit einem Band der Solidarität miteinander verbunden, auf dass sie im Schatten dieser Solidarität rasten und in deren Zuflucht ruhen mögen – in Bezug auf die Einheit in die Pflicht genommen hat, deren Wert kein Geschöpf ermessen kann, denn sie ist werthaltiger als jeder (andere) Wert und größer als jede (andere) Größe. Wisset, nach der Hidjra seid ihr wieder in die Zeit der vorislamischen Beduinenstämme verfallen und nach der freundschaftlichen Beziehung zueinander seid ihr wieder in Gruppen zerfallen. Zum Islam habt ihr - außer dem Namen nach - keine Beziehung mehr und vom Glauben kennt ihr nicht mehr als die Zeremonien, die zelebriert werden! Ihr meint, das Höllenfeuer, gut, aber Schande, die akzeptiert ihr nicht! Es sieht aus als wärt ihr darauf aus, den Bereich des Islams zu sprengen und dessen Regularien und Pflichten umzukehren, den Islam, den Gott euch auf der Erde zugewiesen und den Er zu einem Mittel für eure Sicherheit unter den Menschen gemacht hat. Und eines müsst ihr ganz sicher wissen: sucht ihr woanders Zuflucht als bei ihm, dann werden die Ungläubigen sich zum Kampf gegen euch erheben; dann wird es weit und breit keine Hilfe mehr von Gabriel oder Michael, den Muhajirun271 oder den Ansar272 geben; ihr allein bleibt (dann) übrig und das Gerassel der Schwerter, bis Gott über eure Sache richtet. Ihr kennt sicherlich viele Beispiele für die erstaunliche Macht Gottes, für Seine Bestrafungen, Seine Tage der Drangsal und Seiner Ereignisse. So haltet Seine Strafandrohungen für nicht allzu ferne, nur weil ihr euch unwissend stellt, wie ihr Ihm in die Fänge geraten könntet, weil ihr den gewalttätigen Angriff von Ihm unterschätzt und ihr der Wucht Seiner Handlung keinen Glauben schenkt, denn Gott der Glorreiche hat allein deshalb den Fluch über die Völker vergangener Jahrhunderte – deren Schick-sal euch ja vor Augen steht – gesandt, weil sie das Geheiß „Gutes gebieten und Schlechtes verwehren“ verworfen hatten. Darum hat Gott die Törichten und Unbesonnenen für die Begehung ihrer Sünden verflucht, ebenso wie Er die Einflussreichen und Frommen dafür verfluchte, dass sie diese Sünden nicht verhindert haben.

269 syrisches Territorium, das von den römischen Imperatoren besetzt war (Anm. v. Dr. Shahidi).
270 das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris, über das die Sassaniden herrschten (Anm. v. Dr. Shahidi).
271 die mekkanischen Emigranten.
272 die Helfer Mohammads in Medina (Hl. Koran: 8,73-75; 8,101-118; 59,9), auch Jünger Jesu (3,45; 61,14).

Ich sage es offen, ihr habt die Bande der islamischen Pflichten zerrissen, habt die Strafen des Islams aufgegeben und seine Gebote zum Absterben gebracht. Wisset, dass ich durch Gottes Geheiß beauftragt bin, den Kampf gegen die Aufsässigen, Vertragsbrüchigen und irdischen Missetäter zu führen. Deshalb habe ich mich zu einem blutigen Kampf gegen die Nakesin273 erhoben, habe den Krieg gegen die Qasetin274 geführt und die Mareqin275 vernichtend geschlagen. Jenem Satan (der Grube276) habe ich lediglich mit einem donnernden Schrei geantwortet und dessen sterbenden Herzschlag und das Zittern seiner Brust mit eigenen Ohren vernommen. Nun ist nur noch ein kleiner Rest der Aufrührer übrig geblieben und wenn Gott mir noch einmal die Einwilligung für einen Kampf geben sollte, dann werde ich sie aus diesem Erdenrund vertreiben, damit sie sich nicht als Untergrund-Gruppen in die Umgebung der Städte zerstreuen. Ich war derjenige, der schon in der Kindheit die berühmten Helden der Araber zu Boden schmetterte und die Stammesführer der Rabi’a und Mudar besiegte. Und ihr selbst kennt meine Position im Verhältnis zum Gesandten Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – die sowohl auf mein enges Verwandtschaftsverhältnis zu ihm als auch auf eine ganz spezielle Stellung zurückgeht. Seit den Tagen, da ich ein Säugling war, setzte er mich auf seinen Schoß, drückte mich an seine Brust, gab mir Zuflucht in seinem Bett, ließ seinen Körper mit meinem in Berührung kommen und mich seinen Wohlgeruch spüren. Er fütterte mich mit von ihm vorgekauten Bissen; nie hörte er eine Lüge in dem, was ich sagte und in meinem Benehmen sah er keinen einzigen Makel. Der Gesandte Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie - war derjenige, welchem Gott vom Säuglingsalter an die größten Engel zur Seite stellte, damit sie ihm Tag und Nacht – im Weltmaßstab – den Weg der Tugend und der moralischen Charakterstärke aufzeigten und ich war ihm ständig - wie ein Kamelfohlen hinter seiner Mutter – auf den Fersen; jeden Tag lehrte er mich etwas von seinen Charakterzügen und gebot mir, ihm (darin) nachzufolgen. Jedes Jahr verbrachte er einige Zeit in der Höhle Hira’a277; wobei es nur mir erlaubt war, ihn dort zu besuchen und niemand außer mir durfte ihn dort sehen. Das Haus des Propheten und von Khadidscha war in jenen Tagen die einzige Zuflucht, die eine muslimische Familie beherbergte, und ich war der Dritte im Bunde. Ich sah den hellen Schein der Offenbarung und roch den prophetischen Wohlgeruch. Als ihm – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie - die Offenbarung zuteil wurde, hörte ich eindeutig das Stöhnen des Teufels. Ich fragte: „O Gesandter Gottes, woher kommt dieses Stöhnen?“ Er erwiderte mir: „Dies ist Satan, der (jede) Hoffnung auf Anbetung verloren hat. Du hörst alles, was auch ich höre und was ich sehe, siehst du auch, nur dass du - auch wenn du mein Wezir bist und den besten aller Wege beschreitest - kein Prophet bist.“ Ich war (auch) ohne jeden Zweifel bei ihm – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie - als Anführer der Qhoraishiten an ihn herantraten und sprachen: „O Mohammad, du hast da eine überaus große Behauptung aufgestellt; so etwas haben nicht einmal deine Vorväter oder jemand aus deiner Sippe je behauptet. Wir verlangen dir jetzt etwas ab und wenn du uns eine positive Antwort darauf geben und uns mit eigenen Augen davon überzeugen kannst, dann wissen wir, dass du wirklich ein Prophet und ein Gesandter bist, aber wenn nicht, dann bist du (nur) ein Magier und Lügner.“ Der Prophet – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – sprach: „Was verlangt ihr?“ Sie sprachen: „Rufe diesen Baum hier zu dir und verlange von ihm, dass er aus seinen Wurzeln schlüpfe und sich vor dir aufstelle!“ Der Prophet – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – sprach: „Gott vermag mit Seiner Kraft gewiss alles, und wenn Er erfüllt, was ihr verlangt, werdet ihr dann zum Glauben finden und die Wahrheit bezeugen?“ Sie sagten: „Ja, das werden wir tun!“ Er sprach: “Ich werde euch jetzt zeigen, was ihr von mir verlangt, obgleich ich sicher weiß, dass ihr nicht auf den Weg der Tugend zurückkehrt, denn unter euch sind einerseits Leute, die in den Brunnen von Badr278 fallen werden, andererseits Leute, die Parteien (gegen mich) formen werden.“

273 s. Fußnote 36 (Talhah und Zubayr und dessen Anhänger).
274 s. Fußnote 37 (Mo’awijeh und dessen Anhänger).
275 s. Fußnote 38 (die Kharijiten).
276 dies bezieht sich auf einen Hadith von Saad Ibn Abu Waqas: Gemeint ist Zus Sadiyya, dessen Tod bei de
r
Schlacht um Nahrawan vom Propheten (S) vorausgesagt worden war. Er kam allerdings nicht durch ein Schwert
ums Leben. Nach der siegreichen Schlacht gegen die Kharijiten fand man ihn zusammen mit ca. 40 anderen
Leichnamen tot in einer Grube, die ihm vermutlich bei der Flucht zum Verhängnis geworden war.
277 Name der Höhle, in der Mohammad (S) die Offenbarung durch den Erzengel Gabriel erhalten hatte.

Dann sprach er – der Segen Gottes möge mit ihm und seiner Familie sein: „O Baum, wenn du an Gott und den Tag des Jüngsten Gerichts glaubst und weißt, dass ich der Prophet Gottes bin, so schlüpfe – wenn Gott es erlaubt – mit der Wurzel aus dem Boden und stelle dich vor mich hin!“ Ich schwöre bei eben diesem Gott, der ihn zur Wahrheit berufen hat: da wurde der Baum mit einem Donnern und Pfeifen – ähnlich dem Flügelschlag bei Vögeln – mit der Wurzel herausgerissen, kam auf den Propheten zu und stellte sich rüttelnd und schüttelnd vor dem Gesandten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm sein und dessen Familie – auf, wobei die höchsten seiner Zweige auf den Gesandten Gottes und ein paar andere Zweige auf meine Schultern - der ich zur Rechten des Propheten stand

– herab fielen. Als die Stammesangehörigen nun staunend diese Ereignis verfolgten, sprachen sie im arroganten Ton der Überlegenheit: „Befiehl ihm jetzt noch einmal, dass nur die eine Hälfte von ihm zu dir kommt und die andere auf der Stelle stehen bleibt!“ Also befahl er es ihm und die eine Hälfte des Baumes bewegte sich auf höchst erstaunliche Weise, begleitet von Furcht erregendem Getöse, auf ihn zu, gleichsam als ob er den Gesandten Gottes umarmen wolle! Wieder sprachen sie undankbar und voller Feindseligkeit: „Befiehl ihm, er soll zu seiner anderen Hälfte zurückkehren, dort, wo er vorher war!“ So gebot der Prophet – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – und der Baum ging an seinen alten Platz zurück. Da sagte ich: „Es gibt keinen Gott außer Allah, o Gesandter Gottes! Ich bin dein erster Anhänger und auch der Erste, der bekennt, dass das, was der Baum auf Geheiß Gottes tat, auf dem Glauben deines Prophetentums und auf Hochachtung vor deinen Worten beruht.“ Aber die anderen sprachen wie aus einem Munde: „Nein, du bist nur ein verlogener Magier, der die spektakulärsten Tricks kennt und diese geschickt vorzuführen weiß! Wird dich außer diesem Jüngling hier – mit dieser abwertenden Bemerkung war ich gemeint - dabei denn noch jemand anders bestätigen?“ Ich gehöre zu denjenigen, bei denen jegliche Rügen von Leuten, die anderen gern tadelnde Vorwürfe machen, auf dem Weg Gottes völlig fruchtlos bleiben, zu denen, deren Antlitz das Antlitz der Ehrlichen ist, und deren Worte mit dem übereinstimmen, was die Guten sagen; sie wachen des Nachts (im Gebet) und sind des Tags wie flammende Fackeln! Beständig klammern sie sich an das feste Tau des Korans und erhalten die Traditionen von Gott und dessen Gesandten am Leben. Weder geben sie sich dünkelhaft noch sind sie auf Überlegenheit aus, weder sind sie Gauner oder Verräter noch bringen sieAnderen Übel. Ihre Herzen werden ins Paradies aufsteigen und ihre Körper sind mit strebsamer Arbeit befasst.

193

Die Überlieferung besagt, ein Mann namens Hammam, der zu den Gefährten des Fürsten der Gläubigen gehörte und ein rechtgläubiger Mann war, habe eines Tages den Imam — der Friede sei mit ihm — auf folgendes angesprochen: „Oh Amir-ol-Mo’menin, beschreibe mir einen Rechtgläubigen doch einmal so, dass er mir deutlich vor Augen geführt wird.“ Nach gewichtigem Zögern erwiderte dieser gelassen: „O Hammam, fürchte Allah und tu Gutes, denn wahrlich, Allah ist mit denen, die rechtschaffen sind und die Gutes tun“279 Aber Hammam war von dieser Antwort nicht ganz überzeugt und bat so inständig, dass der Imam sich anschickte, seine Bitte zu erfüllen. Nach dem Lobpreis Gottes und dem Segen für dessen Propheten — möge der Segen Gottes mit ihm und seiner Familie sein — sprach er:

Doch als der glorreiche Gott sich dann daran machte, seine Kreaturen zu erschaffen, war Er auf deren Gehorsam nicht angewiesen und ihr Ungehorsam konnte Ihm nichts anhaben, weil Ihm weder die Sünden der Sündiger schadeten noch der Gehorsam der Gehorsamen Ihm nutzte; nichtsdestotrotz verteilte Er unter ihnen das, was sie zum Leben brauchten und wies jedem einzelnen seinen besonderen Platz in der Welt zu. Nun sind Rechtgläubige eben solche herausragenden Menschen, die -standfest in der Logik sind, sparsam bei dem, was sie verbrauchen und demütig in ihrem Gebaren,

278 Mohammad (S) sagt hier die Schlacht von Badr (624 n.Chr.) voraus. Badr war der Name eines Brunnens, in
den einige Gegner Mohammads schließlich fielen.
279 Heiliger Koran, 16. Sure, Vers 128.

-sich bedeckt halten vor dem, was Gott ihnen versagt hat und sich stattdessen nützlichem (göttlichem) Wissen öffnen, -sich so weit im Griff haben, sowohl schwierigen wie auch ruhigen Zeiten mit dem gleichen Verhalten zu begegnen, -sowohl die Vorfreude auf die göttliche Belohnung als auch die Angst vor göttlicher Bestrafung dermaßen stark beeinflusst, dass es ihre Seelen – wenn es die ihnen von Gott bestimmte Lebenszeit nicht gäbe – keinen einzigen Moment (länger) in ihren Leibern halten würde. Die Größe ihres Schöpfers füllt die Tiefen ihrer Seelen voll aus, so dass ihnen alles andere (außer Ihm) klein vorkommt. Das Paradies erscheint ihnen, als hätten sie den Weg dorthin schon gefunden und sie würden schon tief in dessen Wonnen stecken; die Hölle kommt ihnen vor, als würden sie bereits darin leben und deren Qualen zu erleiden haben. Ihre Herzen sind von Kummer erfüllt und niemand hat von ihnen etwas Arges zu befürchten. Ihre Leiber sind ausgemergelt, ihre Bedürfnisse gering, ihre Egos rein. Die kurze Zeit ihres Lebens erdulden sie, denn im Anschluss daran steht ihnen eine lange Ruhezeit bevor – ein einträgliches Geschäft, das ihr Schöpfer ihnen erleichtert. Die Welt hat es auf sie abgesehen, aber sie haben an der Welt kein Interesse; wenn sie ihr doch ins Netz gehen, so opfern sie ihr Ego und befreien es aus deren Stricken. Des Nachts stehen sie aufrecht und rezitieren Teile des Korans mit so wohlklingender Stimme, dass ihr inneres Feuer entflammt und der Trennungsschmerz neu entfacht wird. Dies vergrößert ihren Kummer über das Getrenntsein nur noch mehr; damit bemühen sie sich, ihren Schmerz zu lindern. Gelangen sie an einen Vers, der sie in irgendeiner Weise noch mehr inspiriert, dann durchdringt sie eine derart starke Sehnsucht, dass ihre Seelen von der Passion geradezu beflügelt werden und sie es280 schon vor sich sehen. Kommen sie zu einem Vers, der eine Drohung enthält, dann nehmen sie sich diese so stark zu Herzen, als hätten sie die Höllendrohung unmittelbar neben sich. Auf diese Art und Weise reiben sie im Laufe ihrer anhaltenden Verbeugungen und Verneigungen ihre Stirn, Handflächen, Knie und Fingerkuppen am Boden auf und bitten Gott so um ihre Erlösung. Wird aus der Nacht wieder Tag, so sind sie von gelehrter Gelassenheit und frommer Güte, ihre Gottesfurcht gespitzt wie ihre Holzpfeile. Wer sie ansieht, der hält sie für krank, obwohl ihnen nichts fehlt, und man hält sie für vom Wahn besessen, doch in Wirklichkeit befinden sie sich in der Zwickmühle einer enorm großen Sache. Sie brüsten sich auf keinen Fall des Wenigen, was sie tun; tun sie viel, so halten sie dies nicht für großartig. Auf diese Weise stehen sie ihrem Ego stets skeptisch gegenüber und ihre eigene Leistung bereitet ihnen ständige Sorge. Wann immer einem von ihnen ein Lob zuteil wird, so befällt ihn Angst; er streckt seinem Schöpfer betend die Hände entgegen und ruft aus: „Ich kenne mein Ego selbst besser als alle anderen und mein Schöpfer weiß noch mehr von mir als ich! Lieber Gott, halte nicht mir zugute, was sie über mich sagen, mach’ mich gleichzeitig noch besser, als sie denken und vergib mir die Sünden, von denen sie nichts wissen!“ Bei jedem einzelnen dieser Gruppe kannst du die folgenden Wesenszüge feststellen: besondere Fähigkeiten in der Religion, spezieller Weitblick gepaart mit Milde, Glaube, der an Sicherheit grenzt, Drang zur Aneignung von Wissen, Bildung gepaart mit Willensstärke, Ausgeglichenheit bei gleichzeitiger Genügsamkeit, Demut und Ergebenheit beim Dienst an Gott, ein wohlfeiles Leben in Zeiten der Not, erstaunliche Gelassenheit bei Schwierigkeiten, unablässiges Streben auf der Suche nach dem Erlaubten, unglaubliche Freude bei der Rechtleitung und Entsagung von der Habgier, ohne ihr je wieder zu verfallen. Obgleich würdige Taten seine Zeit gänzlich ausfüllen, ist er doch stets auf der Hut! Allabendlich hegt er Gedanken der Dankbarkeit und allmorgendlich gedenkt er in Gottesandacht. Voller Furcht verbringt er die Nächte und mit besonderer Passion umfängt er jeden neuen Morgen. Seine Befürchtung besteht einzig darin, nur nicht (in seiner Gottesfurcht) nachzulassen. Seine Freude verdankt er der göttlichen Gunst und Barmherzigkeit, die er erfahren hat. Widersetzt sich sein Ego freudlos der Verrichtung von Pflichten, so gerät er in einen steten Kampf mit sich selbst, um seinem Ego das zu verwehren, was es viel lieber hätte. Einem gottesfürchtigen Menschen gereichen solche Werte zur Herzensfreude, die nicht vergänglich sind; enthaltsam ist er gegenüber all den Dingen, die zum Vergehen verurteilt sind. Er vereint in sich (göttliches) Wissen und Gelassenheit, lässt Wort und Tat miteinander verschmelzen. Du kannst auch leicht die folgenden Merkmale an ihm feststellen: -seine Wünsche sind klein, seine Übertretungen gering, -sein Herz ist demutsvoll, sein Ego genügsam, -seine Mahlzeiten sind spärlich,

280 das Paradies.

-sein Leben ist schlicht und einfach, seine Religiosität unerschütterlich, -seine Laster sind abgestorben, sein Zorn ist unterdrückt. Gütigkeit ist die einzige Erwartung, die man beständig an ihn stellt und niemand braucht Arglist von ihm zu befürchten. Selbst wenn er sich unter Menschen befindet, die Gott vergessen haben, so bleibt sein Name doch bewahrt als jemand, der Gottes gedenkt; hält er sich anders ausgedrückt im Kreise von Gottesfürchtigen auf, so gedenkt man seiner nie als gottvergessen. Menschen, die ihm Unrecht tun, vergibt er; in den Genuss seiner Freimütigkeit lässt er kommen, wer ihm die seine vorenthält. Er schließt auf zu denen, die sich von ihm losgesagt haben und nichts liegt ihm ferner, als Beschimpfungen gegen andere auszustoßen. Seine Sprechweise ist weich und gefällig. In seinem Leben lassen sich keine schlechten, verwehrten Dinge ausmachen, sondern es fallen stets gute, gebotene Dinge bei ihm auf. Von ihm kommt nur Gutes, Schlechtes liegt ihm fern. In harten Zeiten bewahrt er die Würde, in weniger angenehmen Situationen bleibt er gelassen, doch zu Zeiten des Wohllebens und der Ruhe erweist er sich als dankbarer Mensch. Wer ihm feindlich gesinnt ist, gegen den verhält er sich nicht ungerecht, und für einen, der ihn gern hat, wird er keine Schuld auf sich laden. Er akzeptiert die Rechte anderer, noch bevor diese Zeugnis für ihn ablegen; er verschwendet nichts, was man ihm anvertraut, und er lässt nichts von dem in Vergessenheit geraten, an was man ihn erinnert. Er versieht nichts und niemanden mit übler Nachrede, tut nichts zum Nachteil seiner Nachbarn und verhöhnt keinen, den ein Unglück getroffen hat; er überschreitet nicht die Grenzen zum Unrecht und bewegt sich nur innerhalb des Rechts; Schweigen bringt ihm kein Verdruss, sein Lachen ist nicht übermäßig lautstark; stößt ihm persönliches Unrecht zu, so bleibt er gelassen, bis Gott dieses Unrecht für ihn gesühnt hat. Er erlegt sich Mühsal auf, um das Wohl anderer Menschen zu erreichen und um das Glück des Jüngsten Tages willen nimmt er Mühe auf sich und bereitet anderen keinen Verdruss. Geht er zu jemandem auf Distanz, so tut er dies aus Frömmigkeit und Enthaltsamkeit heraus, geht er dagegen auf Tuchfühlung, so geschieht dies aus Milde und Freundschaftlichkeit. Ersteres geschieht nicht, weil er sich für etwas Besseres hält, letzteres nicht aus Arglist und Berechnung.“ Wie der Erzähler dieser Überlieferung berichtet, schrie Hammam an dieser Stelle urplötzlich auf und fiel tot um. Der Fürst der Gläubigen sprach: „Ich schwöre bei Gott, etwas derartiges hatte ich bei ihm fast befürchtet!“ Dann setzte er hinzu: „.... denn solches bewirken die deutlichen Ratschläge bei denen, auf die sie gemünzt sind!“ Einer sagte: „Wie kommt es, dass Sie dann keine Angst hegen?“ Der Imam sprach: „Verflucht magst du sein! Jedes Leben hat ebenso sein Maß, das nicht überschritten werden kann, wie auch einen besonderen Grund, über den es gleichermaßen nicht hinauskommen kann. Hüte deine Zunge davor, noch einmal Worte in den Mund zu nehmen, die Satan dir eingeflüstert hat!“

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Eine Beschreibung der Heuchler

Wir loben Ihn, der es uns gelingen lässt, Ihm zu gehorchen und der uns vor Sünden bewahrt. Wir wünschen uns von Ihm, Er möge das Gute vollkommen machen, auf das wir unsere Verbindung zu Ihm für immer aufrechterhalten können. Aus ganzem Herzen bezeugen wir die Wahrheit, dass Mohammed Sein Diener und Gesandter ist, der auf dem Wege der göttlichen Zufriedenheit die unterschiedlichsten Gefahren auf sich nahm, so manchen bitteren Kelch gegen den Schmerz bis auf den letzten Tropfen leeren musste und sein Leben lang Kummer und Gram litt. Die ihm Nahestehenden legten tagtäglich ein anderes Verhalten an den Tag, die ihm Fernstehenden schlossen sich in ihrer Feindschaft gegen ihn zusammen. Der zügellose Araber gebärdete sich feindselig ihm gegenüber, sattelte in seinem noch so entlegenen Gebiet, an seinem noch so abgelegenen Posten seine Kamele, um sich vor den Toren des Hauses des Propheten – Gott hab ihn selig – seiner Last von Feindschaft und Hass zu entledigen. Oh, ihr Diener Gottes, ich empfehle euch allen, gottesfürchtig zu sein und warne euch vor Heuchlern und Doppelzüngigen, die Fehlgeleitete und Fehlleitende sind, Gestrauchelte, die anderen ein Bein stellen; sie geben sich in ganz unterschiedlicher Couleur und bedienen sich der mannigfaltigsten Tricks; von jedem Unterschlupf heraus haben sie es auf euch abgesehen, an jeder Wegbiegung lauern sie euch auf; sie haben kranke Herzen und ein aufgeputztes Antlitz, schleichen mit hinterlistigen, heimlichen, verhängnisvollen Bewegungen umher. In ihren Worten beschreiben sie eine Arznei und reden von Heilung, doch mit ihren Taten bringen sie nur heillosen Schmerz. Sie neiden den Menschen ihr friedfertiges Wohlleben und streben nur danach, deren Probleme ins Aussichtslose zu steigern und Hoffnung in Verzweiflung zu verwandeln. Auf jedem Wege finden die Heuchler gestrauchelte Existenzen, für jedes Herz finden sie einen Trost und für jeden Kummer vergießen sie Tränen! Auf Lobhudelei und Schmeichelei gewähren sie ein Darlehen und erwarten dafür unverzügliche Rückzahlung; an Forderungen halten sie fest, bei Kritik scheuen sie vor nichts zurück, decken alles auf und fällen extrem geartete Urteile. Für jedes Recht halten sie ein Unrecht parat, etwas Schiefes und Unwahres für alles Gerade und Wahrhafte, ein totes Wesen für jedes Lebewesen, einen Schlüssel für jede verriegelte Tür und eine Leuchte für jede Nacht. Mit gespielter, scheinbarer Verzweiflung suchen sie nur nach einem Weg zur Befriedigung ihrer Gier, um so die Märkte ihrer Gleisnerei am Leben zu erhalten und ihren Waren Gelegenheit zu geben, in Umlauf zu gelangen. Sie führen Reden, die Zweifel säen und ihre Schlussfolgerungen stiften nichts als Verwirrung. Am Anfang stellen sie den Weg als unkompliziert dar, doch später lassen sie die Probleme dann in eine Sackgasse geraten. Aus diesem Grunde gehören die Heuchler der Partei Satans an und sind das Brennholz des Höllenfeuers. „Sie sind Satans Partei. Horchet! Es ist Satans Partei, die die Verlierende ist!“281

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Über die Gottesfurcht und den Tag des Jüngsten Gerichts

Lob gebührt Gott, der Seine herrschaftlichen-prächtigen Werke und Seinen glorreichen Ruhm derart aufzeigt, dass sie die Augen ob Seiner Macht erstaunen und überwältigen; Er lässt Gedanken, welche den Zugang ins Innere der Seelen suchen, bei der Erkenntnis der Tiefe Seines Wesens abprallen. Ich lege Zeugnis ab von der Wahrheit, dass niemand anbetungswürdig ist außer Allah; ein Zeugnis, welches im Glauben, in der Gewissheit, der Ergebenheit und im absoluten Vertrauen wurzelt, und ich bezeuge auch, dass Mohammad Sein Diener und Gesandter ist, dem Gott die Mission zu einer Zeit erteilt hatte, da die Banner der Rechtleitung verrottet und die Wege der Religiosität unausgeleuchtet waren. Von ihm – den Gott samt seiner Familie selig haben möge - ging dann ein Aufschrei für Recht und Wahrheit aus, er erteilte dem Volk Rat, zeigte den Weg für einen Reifeprozess auf und gebot den Ausgleich. Und wisset, ihr Diener Gottes, dass Gott euch nicht grundlos erschaffen, euch nicht umsonst freigesetzt hat, denn Er ist sich sehr wohl bewusst darüber, wie viel Gunst Er euch zuteil werden ließ und Er hat genau vermerkt, wie viel Güte Er euch erwiesen hat. So fordert euren Erfolg und eure Erlösung von Ihm ein und verlangt von Ihm Barmherzigkeit und Großmut, auf dass kein Schleier euch von Ihm trennen und keine verschlossene Tür verhindern möge, dass ihr vor Seinen Thron treten dürft, denn Er ist überall und es gibt keinen einzigen Ort oder Moment, der Seiner Anwesenheit entbehrte, und Er ist beständig bei jedem Einzelnen anzutreffen, sei es Mensch oder Pari. Keine Seiner Gaben bringt Ihm einen Mangel ein, keine Seiner Wohltaten kann Ihm etwas entziehen; kein Bittsteller lässt den Born Seines Großmutes versiegen und niemand findet den Weg in die Tiefen des Ozeans Seiner Gunst; niemand kann einem Anderen Sein Wohlwollen vorenthalten und keine Stimme kann Ihn davon abhalten, (auch) andere Stimmen zu vernehmen, so dass nichts von dem, was Er gibt, verhindern kann, dass Er es wieder zurück holt; nie hält Sein Zorn Ihn davon ab, wieder gnädig zu sein und keine Seiner Wohltaten hindert Ihn an einer Bestrafung. Seine Tiefe kann Seine eindeutigen Erscheinungsformen nicht verschleiern, wie andererseits Seine offenkundige Erscheinung nicht zur Folge hat, dass Er aus den Tiefen hervortritt. Er ist fern trotz aller Nähe und nahe trotz Seiner vollkommenen Erhöhung, ist gleichzeitig sichtbar und unsichtbar, tritt auf dem Höhepunkt der Verborgenheit in Erscheinung, teilt Belohnungen aus, nimmt selbst aber keine entgegen. Bei der Schöpfung Seiner Geschöpfe braucht Ernie Seinen Geist anstrengen, niemals Überlegungen anstellen und nie bedarf Er dabei der Hilfe anderer. Oh, ihr Diener Gottes! Ich lege euch die Gottesfurcht nahe, denn sie ist eine Kraft, die sowohl Zurückhaltung auferlegt als auch Bestand verleiht. So klammert euch an die Fasern, die euch Festigkeit verleihen und ersucht um den Beistand ihrer Wahrheiten, damit sie euch an die Gestaden des Friedens, an die Stätten der Erleichterung, an gesicherte Festungen und in die Häuser des Ansehens zurückbringen

281 Heiliger Koran, 58. Sure, Vers 19.

mögen; bis eines Tages, an dem alle Augen erstarren, eine große Dunkelheit alles verfinstert, die Massen (der Auferstehenden) wie hochträchtige Kamele ohne ihren Hirten herumirren, die Posaune erschallt und dann alle Seelen die Leiber verlassen und alle Zungen verstummen. Dann werden die Spitzen der Berggipfel sowie die Gebirge in ihrer Verwurzelung derart durcheinander gewirbelt und dem Erdboden gleichgemacht, dass sich ihre harten Felsen in eine wogende Stätte verwandeln und von all dem nichts außer einer ebenen Wüste übrig lässt… weder einen Mittler, der versöhnen könnte, noch einen Verwandten, der einen verteidigt, und auch keinen Vorwand, der einem dann noch etwas nützte.

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Die Welt zur Zeit der Entsendung des Propheten

Gott hat ihn zu einer Zeit entsandt, als es weder ein aufrechtes Banner noch einen Leuchtturm gab, der den Weg erleuchtete, ja selbst der Weg war nicht klar und eindeutig! Oh Ihr Diener Gottes, ich rate euch dringend zur Gottesfurcht und warne euch vor der Welt, die ein Haus des Auszugs sowie ein Ort des Schwindens ist; ihre Bewohner stehen im Begriff abzutreten und wer in ihr bleibt, der befindet sich auf dem Pfade des Scheidens und ähnelt einem Schiff, welches auf tosenden Wogen treibt: einige seiner Insassen übergibt sie den Wogen und lässt sie untergehen, andere dagegen treibt sie – auf den Wogen der Angst und der Sorge schwimmend – hin und her! Wer einmal untergegangen ist, hat keinerlei Hoffnung darauf, wieder hochzukommen und wer überlebt hat, steuert wiederum auf neues Unglück zu! Oh Ihr Diener Gottes, so tut jetzt, wo eure Sprache (noch) funktioniert, euer Körper gesund ist, eure Gliedmaßen in Ordnung sind, der Lebensraum weit offen ist und ihr viel Platz habt, soviel ihr nur könnt, noch bevor die Gelegenheit dazu entschwindet und der Tod eintritt, und haltet das Herannahen des Todes nicht für etwas Unbestimmtes oder Eventuelles, sondern für etwas Erwiesenes.

197

Über seine Verbundenheit zum Propheten

Die rechtgläubigen Gefährten und Vertrauten Mohammeds – Gott segne ihn und seine Familie – wissen nur allzu gut, dass ich mich den Geboten Gottes und Seines Propheten nicht einen einzigen Augenblick widersetzt habe und genau dann, als die Helden sich zurückzogen und die Schritte der Kämpfer zurückgedrängt wurden, habe ich meine Seele zum Schild für den Propheten gemacht, von dem das Unglück abprallte, wobei all dies ist der besonderen Tapferkeit zu verdanken ist, die Gott mir gewährt hat. Jawohl, in dem Moment, in dem der Prophet Gottes – Gott segne ihn und seine Familie – sein Leben aushauchte, lag sein Kopf an meiner Brust und von meinen Handflächen stieg seine Seele auf; als gutes Vorzeichen streifte ich mir diese Handflächen über das Gesicht und übernahm die Letzte Waschung des Propheten, wobei mir die Engel zur Hand gingen. Ein Teil von ihnen befand sich im Absteigen, der andere war beim Aufsteigen (in den Himmel), so dass meine Ohren keinen einzigen Moment von dem Stimmengewirr Ruhe fanden, wie sie unablässig Segnungen auf ihn ausbrachten, bis wir seinen Leichnam dann in seiner Heiligen Gruft beisetzten. Wer könnte darum zu Lebzeiten und nach dem Tode des Propheten prädestinierter sein als ich? Macht eure Anschauungen immer schärfer, immer einschneidender und lasst eure Motivation im Kampf gegen die Feinde immer geradliniger werden, denn bei Gott – außer dem es keinen Gott gibt – ich suche wahrhaftig nach Recht und Wahrheit, sie aber stehen am Abgrund des Unrechts. Soviel von mir zu euch, und ich bitte Gott um Vergebung für mich und für euch.

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Gottes Eigenschaft der Allmacht

Gott weiß sehr wohl Bescheid über das Heulen der Raubtiere in der Wildnis, kennt die Sünden Seiner Diener im Verborgenen, das Hin und Her der Wasserbewohner in den Tiefen der unendlichen Ozeane und das Furcht erregende Getöse der Wellen, welches die Windböen verursachen. Ich bezeuge die Wahrheit, dass Mohammed der Auserwählte dieses Gottes ist, Botschafter Seiner Offenbarung und Kurier Seiner Barmherzigkeit. Aber dann empfehle ich euch die Frömmigkeit des Gottes, der eure Schöpfung begonnen hat und zu dem ihr auch heimkehren werdet. An Ihm ist es, euch eure Wünsche zu erfüllen und Er ist auch euer ultimativer Wunsch. Der Weg eurer Erlösung führt zu Ihm, wie Er euch auch Zuflucht und Fluchtpunkt ist. Gottesfurcht ist wahrhaftig Medizin für die Beschwerden eurer Herzen, ist Augenlicht für eure innere Blindheit, Heilung für die Krankheiten eurer Körper, Korrektor für eure frevlerische Brust, Reinheit für eure befleckten Seelen, Helligkeit für die Schwärze eurer Augen, Sicherheit für eure inneren Ängste und Unruhen und Licht für die Finsternis eurer Umnachtung. Macht deshalb den Gehorsam Gottes nicht zu einem äußerlichen Merkmal, sondern verinnerlicht ihn tief in euren Seelen, lasst ihn einwirken bis in euer tiefstes Inneres und haucht ihn euch in die Gliedmaßen ein wie den Geist in die Seele. Macht, dass er all eure Belange beherrscht und lasst ihn zum Quell für den Augenblick des Eintritts, zu einem Mittler zum Erreichen der Ziele, zum Schutzschild für den Tag der Angst282, zur Leuchte in den Tiefen der Gräber, zum Ruhespender für die langwierigen Schrecken und zur Erleichterung und Atempause auf euren leidvollen Stationen werden, denn der Gottesgehorsam ist eine feste Burg gegenüber den Abgründen, welche den Menschen von allen Seiten umgeben, gegenüber den Ängsten, welche seiner zu jeder Sekunde harren, und gegenüber den Feuern, die an jeder Ecke züngeln. Die alltäglichen Härten werden sich von einem Gottesfürchtigen entfernen, nachdem sie ihm sehr, sehr nahe gekommen sind, und süß werden die Dinge für ihn, nachdem er viele Bitternisse durchzustehen hatte; die Wogen der Gefahr werden sich glätten, nachdem sie sich aufgetürmt hatten und Schwierigkeiten werden leicht, nachdem das Leid Qualen bereitet hat; nach langen Dürrjahren wird eine Wolke der Gunst auf ihn herabregnen und nach vielen Härten werden sich ihm Liebe und Gnade wieder zuwenden. Der Quell Seiner Wohltaten wird wieder hervorsprudeln, nachdem er dereinst versiegt war und Seine Segnungen werden sich, nachdem sie vereinzelten Regentropfen glichen, in wahre Sturzbäche verwandeln. So fürchtet Gott, der euch in den Genuss Seiner Ratschlüsse hat kommen lassen, der euch über Seinen auserwählten Boten mit Rat versorgte und mit Seiner besonderen Huld zu tiefer Schuld verpflichtete. So legt eurem Ego die Ketten der Dienerschaft an und beginnt Ihm so zu gehorchen, wie es sich für Ihn geziemt. Dieser Islam ist die Religion Gottes, die Er für sich selbst gewählt hat und die Er hervorgebracht hat, indem Er die direkte Aufsicht führte; die besten Seiner Geschöpfe hat Er ihr zugeteilt, auf Seiner Freundschaft hat Er ihre Grundpfeiler errichtet. Seine Gegner demütigte er, indem er sie würdigte; er überließ die ihm feindlich Gesinnten sich selbst, indem er ihnen Beistand leistete, zerschlug mit seiner soliden Grundlage alle Säulen der Irreleitung und stillte aus seinen Zisternen den Durst aller Durstleidenden. Durch die mächtige Hand seiner speziell für die Bewässerung Zuständigen283 hat er diese Zisternen stets mit Wasser befüllt gehalten. Dann hat Gott ihn (den Islam) so eingerichtet, dass sein Seil zerreißfest, seine Kettenglieder nicht zu trennen, sein Fundament nicht zerstörbar und seine Grundpfeiler nicht zu erschüttern sind. Sein Baum lässt sich niemals entwurzeln, seine Zeit kann nicht ablaufen, seine Quellen können nicht austrocknen, seine Äste können nicht gekappt, seine Wege können sich nicht verengen. In seiner einfachen Verständlichkeit kann er nicht kompliziert werden, seine Helligkeit kann nicht verdunkelt werden, seine aufrechte Statur ist nicht zu beugen und sein glattes, ebenmäßiges Holz wird nicht uneben oder knorrig. Es wird keine Schwierigkeiten in seinem Ablauf geben, seine hell leuchtenden Lichter werden keinen einzigen Augenblick verlöschen und kein Quäntchen Bitterstoff wird seine Süßigkeiten verderben. Also gleicht der Islam Pfeilern, die auf Recht und Wahrheit fußen, sein Fundament ist durch nichts zu erschüttern, seine Quellen sprudeln unentwegt und seine Leuchten brennen auf ewig. Er ist ein Leuchtturm, an dem sich die Karawane der Menschheit auf ihrem Entwicklungsweg orientiert, er

282 d.h. den Jüngsten Tag. 283 die Imame.

ist ein Wegweiser, der die Reisenden leitet und er gleicht dem Quell, der den Durst der Durstleidenden stillt. Gott hat in ihm den Höhepunkt Seiner Freude, hervorragende Gesetzmäßigkeiten und höchsten Gehorsam verankert und so kommt es, dass die Säulen des Islam vor Gott solide und fest gefügt sind, sein Bau erhaben ist, seine Argumente einleuchtend, sein Strahlen hell, seine Herrschaft unbezwingbar, die Leuchte seiner Rechtleitung sich auf dem Gipfel befindet und seine Niederschlagung unmöglich ist. So tretet (in ihn) hinein, folgt seinem Weg, zahlt ihm eure Schuld und gebt ihm den Platz, der ihm gebührt. So hat also Gott, der Glorreiche, Mohammad - der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie - zu einem Zeitpunkt mit der göttlichen Wahrheit beauftragt, da die Welt sich immer mehr ihrem Ende näherte und die Vorposten des Jenseits sich schon zeigten. Nach einem flüchtigen Aufflackern verdunkelte sich die Lebensfreude in der Welt und die Menschen hatten es in einem gewalttätigen Prozess mit Krieg und Fehde zu tun. Der Weltenlauf ging seinem Ende zu, die Zeichen für Veränderungen kamen näher und näher und die Menschen standen bereits am Abgrund der Vernichtung. Die Glieder der Welt begannen zu zerbrechen, ihre innere Ordnung löste sich auf, die Banner verrotteten, die Welt zeigte eine Hässlichkeit nach der anderen und ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Jawohl, unter derartigen Umständen hat Gott ihn zu einem Mittel werden lassen, um Seine Sendung zu verbreiten, hat ihn zum Anlass für die Würde der Gemeinde, zum Frühling für seine Mitmenschen, zur Erhöhung der Gefährten und zur Ehre seiner Helfer werden lassen. Dann hat Er dem Propheten ein solches Buch herab gesandt, ein Lichtquell, der nicht verlöschen kann, eine Lampe, deren Strahlen nicht versiegen, ein Ozean, zu dessen Tiefen niemand Zugang hat, ein Weg, der denjenigen nicht in die Irre führt, der ihm folgt, ein Lichtstrahl, den keine Dunkelheit verfinstern kann, ein (zwischen Gut und Schlecht) Trennender, dessen Argumente nicht erlöschen, ein Fundament, dessen tragende Säulen nicht einstürzen, ein Heilmittel, dessen Nachwirkungen nicht zu fürchten sind, ein ehrbares Ansehen, das seine Gefährten nie scheitern lässt und eine Wahrheit, die seine Gefährten nie im Stich lässt. Jawohl, der Koran ist wie ein Bergwerk des Glaubens und dessen reinste Mineralien, ist Quelle und Meer des Wissens, ist Garten und Ressource der Gerechtigkeit, Unterbau und Struktur des Islam und entspricht den ausgedehnten Tälern und Landschaften göttlicher Gerechtigkeit. Der Koran ist jenes Meer, dessen Wasser nicht zur Neige geht, egal, wie viel ihm entnommen wird, ist ein Sprudelquell, der nie versiegt, egal, wie viel verbraucht wird, ist ein Reservoir, welches die einströmende Menschenmenge nicht zu verringern vermag, ist wie ein Karawanenlager, das von den Reisenden nicht zu verfehlen ist, ist wie ein Wegweiser, der die auf seinen Pfaden Wandelnden sich nicht verirren lässt. Manche Abschnitte des Weges sind mit Hindernissen versehen, welche das Tempo drosseln sollen und die von den auf ihm Wandelnden nicht überschritten werden können. Den Koran hat Gott als klares Heilwasser gegen den Durst der Gelehrten, als blühenden Frühling für tiefsinnige Herzen und als deutlichen Weg zum Beschreiten durch die Tugendhaften bestimmt. Diese Schrift ist eine Medizin, die keine Beschwerden hinterlässt, ist ein Licht, das mit keiner Finsternis einhergeht, ein Seil, das ganz und gar sicher ist für den, der sich dessen bedient, und eine Festung, deren Höhen uneinnehmbar sind. Jawohl, er ist er Anlass für Größe für denjenigen, der seine Erhabenheit anerkennt und Schlüssel zur Geborgenheit für den, der sich innerhalb seiner Ordnung bewegt; er bedeutet Rechtleitung für alle, die ihn zu ihrem Führer machen, und er ist ein einleuchtender Grund für den, der ihm seine alltäglichen Verrichtungen überlässt; er dient als Argument für den, der mit seiner Logik spricht, und ist Zeuge für den, der im Vertrauen auf ihn in Bedrängnis gerät; er ist Grund für den Erfolg von demjenigen, der mit ihm argumentiert und er schultert denjenigen, der die Last des Koran-Wissens schultert; er ist wie ein gängiges Reittier für denjenigen, der sich des Korans bedient; er ist ein Wegzeichen für denjenigen, der mit ihm seinen Weg finden will und ein Schutzschild für den, der sich in seine Obhut begibt. Der Koran ist das Wissen für die, die Wissen sammeln, der Hadith für diejenigen, die Überlieferungen weitergeben und das Urteil für diejenigen, die richten.

199

Eine Empfehlung an die Gefährten bezüglich des Gebets

Überprüft gut den Ablauf des Gebets, seid um seine Einhaltung bemüht, nutzt es aus, so gut es geht und nähert euch damit Gott an, denn für das Gebet der Rechtgläubigen ist eine bestimmte zeitliche Abfolge vorgeschrieben. Habt ihr nicht vernommen, dass die Gefährten des Feuers als Antwort auf die Frage „Was hat euch ins Höllenfeuer getrieben?“284 zu allererst erwidern: „Wir waren nicht unter den Betenden“285? Jawohl, das Beten lässt die Sünden von euch abfallen wie Blätter (vom Baum) und es löst auf, was des Menschen Hände und Füße wie Fesseln umspannt hält. Der Prophet hat das Gebet mit einem Quell warmen Wassers verglichen, welche sich vor dem Haus eines Rechtgläubigen befindet und in der er sich fünf Mal des Tags und der Nacht reinigt. So wird er automatisch von jeglicher Verunreinigung befreit. Die Rechtgläubigen – jene, die sich von keinem materiellen Schmuckwerk und keiner noch so lieb gewonnenen Sache, sei es Ding oder Kindlein, vom Beten abhalten lassen - haben zweifelsohne die Verbindlichkeit des Gebets erkannt. Dies Wort Gottes des Glorreichen bezieht sich auf die wahren Rechtgläubigen, die „Männer, die weder Ware noch Handel abhält von dem Gedanken an Allah und der Verrichtung des Gebets und dem Entrichten der Armenspende“286. Auch in der Verhaltungsweise des Propheten sehen wir, dass er - obwohl ihm (bereits) die Verheißung des Paradieses zuteil geworden ward – sowohl seiner Familie das Beten gebot als auch selber die Mühe auf sich nahm und darin verharrte, nach dem Wort Gottes: „Und gebiete deiner Sippe das Gebet und verharre in ihm“287. Auf das Gebet folgt die Armenspende, die zusammen mit dem Gebet zu einem Mittel der Annäherung der Muslime an Gott bestimmt wurde. Diese Gabe macht die Sünden desjenigen, der sie von ganzem Herzen entrichtet, wieder gut und bildet für ihn ein hemmendes Schutzschild vor dem Höllenfeuer. So möge der Spender nicht sein Herz daran hängen und die Gabe wehmütig betrauern, denn wer die Armenspende nur unwillig entrichtet und daraus auf einen höheren Gewinn spekuliert, der ist völlig unwissend in Bezug auf die Sunna und wird um seine Belohnung gebracht werden; in seinen Taten ist er fehlgeleitet und seine Reue wird lange währen. Danach kommt die Erfüllung der (göttlichen) Treuhänderschaft, die denjenigen am Ende scheitern lässt, der sie nicht einhält. Sie wurde den hoch aufragenden Himmeln, den weiten Ländereien und den himmelstürmenden Bergen angetragen - Erscheinungen, denen an Länge und Breite, an Höhe und Größe nichts gleichkommt, und wenn es darum ginge, dass sich ihnen etwas in Bezug auf Länge und Breite oder Kraft und Mächtigkeit widersetzte, so hätten nur sie ein Anrecht darauf - sie aber fürchteten die Strafe und fanden die Wahrheit heraus, der gegenüber der Mensch als ihnen an Stärke unterlegenes Wesen mit Unwissenheit geschlagen war, nämlich dass Gott über ihn (den Menschen) gesagt hatte: „..denn der Mensch ist ungerecht und unwissend.“288 Vor Gott dem Glorreichen bleiben die Handlungen Seiner Diener, derer sie sich tags und nachts befleißigen, gewiss nicht verborgen. Er kennt auch die noch so geringen Taten und weiß um alles in seiner Gesamtheit Bescheid. Eure Gliedmaßen sind Seine Zeugen, eure Körper Seine Heerscharen und eure Seelen Seine Boten; eure Seelen liegen vor Ihm offen.

200

Über den Verrat und das Schicksal der Verräter

Ich schwöre bei Gott, dass Mo’awiyeh nicht gescheiter ist als ich, doch hat er keine Skrupel davor, Verrat zu üben und schmählich zu handeln. Wäre Verrat keine schändliche Sache, so wäre ich der Gescheiteste von allen, doch Verrat bedeutet gewissermaßen Übel tun, und jede Übeltat ist eine Art von Ketzerei und jeder Wortbruch wird am Tage der Auferstehung mit besonderen Zeichen gebrandmarkt werden. Ungeachtet dessen schwöre ich, mich niemals von einem Gespinst von Hinterhältigkeiten überwältigen zu lassen oder an irgendeiner Schwierigkeit oder Härte zugrunde zu gehen.

284 Heiliger Koran, 74. Sure, Vers 42. 285 Heiliger Koran, 74. Sure, Vers 43. 286 Heiliger Koran, 24. Sure, Vers 37. 287 Heiliger Koran, 20. Sure, Vers 132. 288 Heiliger Koran, 33. Sure, Vers 72.

201

Über die geringe Anzahl derjenigen, die dem rechten Weg folgen

Oh, ihr Menschen! Fürchtet euch auf dem Wege der Rechtleitung nicht vor einer Minderzahl an Weggefährten, denn die Menschen unserer Zeit haben sich um einen Tisch versammelt, an dem nur kurzzeitig Sättigung eintritt, bei dem die Zeit des Hungerleidens jedoch sehr viel länger andauert. Oh, ihr Menschen, die große Masse des Volkes kommt dann zusammen, wenn es um seine Freuden oder Ärgernisse geht. Es stimmt, es war nur ein Einzelner, der der Kamelin von Thamud289 die Fesselsehnen durchtrennte, doch da das gesamte Volk dessen Tat guthieß, befand Gott sie auch allesamt für strafbar. Und das Wort Gottes des Glorreichen: „Sie aber zerschnitten ihr die Flechsen und bereuten es am Morgen“290 bedeutete, dass ihr Land daraufhin urplötzlich mit großem, Furcht einflößendem Getöse – wie ein gehärteter Pflug in den weichen Boden – versank. Oh, Leute, wer auf hellen Pfaden wandelt, findet den Zugang zum Wasser des Lebens, doch untergehen in der Wüste des Irrlaufes wird, wer abspenstig ist.

202

Eine Rede des Imams (S) Es heißt, der Imam (S) habe diese Worte beim Begräbnis von Fatima

(S) an ihrem Grab, sozusagen in einem vertraulichen Zwiegespräch mit dem Propheten Gottes — der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie - gesprochen:

Oh, Prophet Gottes, der Gruß von mir und deiner Tochter, die nun zu Dir herabgestiegen ist und sich Dir so schnell angeschlossen hat – sei mit Dir! Oh, mein Prophet Gottes, die Trennung von Deiner Auserwählten291 hat mir all meine Geduld geraubt, ihr Verlust bedeutet einen unerträglichen Schmerz! Was den Kummer dieser Katastrophe jedoch etwas lindert, das ist der unermesslich große Trennungsschmerz, das schwere, leidvolle Unglück der Trennung von Dir, welche viel niederschmetternder ist! Jawohl, ich war derjenige, welcher Dein sanftes Haupt in die Grabnische gebettet hat und ich habe Deine Seele, als sie dem Körper entwich, zwischen Hals und Brust gespürt, denn „wir alle kommen von Gott und zu Ihm kehren wir zurück“. Jetzt nun wird die heilige Leihgabe292 zurückgegeben, wird das liebenswerte Pfand zurückgenommen. Von nun an wird meine Trauer ewig sein, und bis zu dem Moment, da Gott auch für mich jenes Haus auserwählt, in dem Du bereits einen Platz fandest, werden meine Nächte Zeiten der rastlosen Schlaflosigkeit sein. Möge Dich Deine Tochter nur recht bald darüber unterrichten, was sich alles zugetragen hat und wie sich Deine Gemeinde in unterdrückerischer Absicht gegen sie zusammengetan hat. Befrage sie trotzdem beharrlich danach, wie sie sich auch mir gegenüber verhalten haben, denn all dies trug sich nämlich zu einer Zeit zu, da Dein Ableben noch nicht lange zurücklag und Dein Andenken noch nicht den Köpfen entschwunden war. Ich verabschiede mich nun von Euch beiden Lieben, ohne mich bei Euch müde oder überdrüssig zu fühlen. Kehre ich nun nach Hause zurück, so geschieht dies nicht aus Müdigkeit heraus und wenn ich bliebe, dann nicht aus Pessimismus gegenüber jenen Verheißungen, die Gott den Duldsamen gegeben hat.

289 siehe Anm. zu Rede 180. Die Ungehorsamkeit bestand darin, dass sie mehrere Warnungen Allahs in den
Wind schlugen und trotz überzeugender Vorboten nicht zum Glauben fanden. Der Prophet Saleh überbrachte
ihnen ein göttliches Gebot in Form einer gesegneten, trächtigen Kamelstute, mit der sie den Brunnen und das
Weideland teilen sollten, um in den Genuss von deren Milch zu kommen. Doch da diese nicht an ein Wunder
Gottes glaubten, töteten sie das Tier eines Nachts. Nur die Gläubigen unter ihnen entkamen der Strafe.
290 Heiliger Koran, 26. Sure, Vers 157.
291 der Tochter des Propheten, Fatima (d.Üb.)
.
292 d.h. dein Kind (d.Üb.).

203

Über die Wichtigkeit, Vorrat für die nächste Welt zu schaffen

Oh, ihr Leute, die Welt ist gewisslich ein Ort des Durchgangs und das Jenseits eine ewige Heimstatt; so nehmt also vom Ort eures Transits soviel zugunsten eurer ewigen Bleibe auf, wie ihr könnt! Doch seht euch vor, dass ihr vor Ihm – der Er eure Geheimnisse kennt – nicht die Schleier zerreißt! Reißt eure Herzen los von der Welt, noch bevor eure Leiber daraus abtreten, denn ihr habt in dieser Welt die Probe zu bestehen und seid für die andere Welt erschaffen worden. Wenn ein Mann stirbt, fragen die Leute: „Was hinterlässt er?“, die Engel aber fragen: „Was hat er vorausgeschickt?“ Gott hab’ euch selig! Schickt auch nur Dinge voraus, die euch zum Nutzen gereichen, und hinterlasst nicht bloß, was euch nur schadet!

204

Warnung seiner Gefährtenn vor dem Tag des Jüngsten Gerichts

Rüstet eure Sänften – Gott hab’ euch selig – denn fortwährend ertönt die Fanfare des Auszugs. Messt den Höhen des Lebens in dieser Welt nicht zu viel (Wert) bei und akzeptiert die Veränderung mit dem dafür am besten geeigneten Reisevorrat, denn auf eurem Weg stehen euch unwegsame Serpentinen und Tagesetappen voller Angst und Schrecken bevor, vor denen es kein Entrinnen gibt und die ihr durchleben müsst und wisset, dass der Tod euch schon so sehnlich erwartet, als würde er schon jetzt seine Klauen in die Haut eurer Leiber schlagen. Auf diese Weise seid ihr Gefangene von Schauer erregenden Ereignissen und komplizierten Schwierigkeiten; löst euch deshalb von weltlichen Abhängigkeiten und verlasst euch auf euren Vorrat an Gottesfurcht.

205

Eine Rede des Imams (S) in Erwiderung auf Talhah und Zubayr, welche ihn unter dem Vorwand, er würde sie nicht um ihren Rat fragen und nicht ihren Beistand suchen, in die Kritik gebracht hatten

Ihr beiden erzürnt euch über so geringfügige Dinge und vergesst dabei doch so große Dinge! Weshalb sagt ihr mir nicht, welches Recht ich euch vorenthalten habe, das euch zugestanden hätte, oder welchen Anteil ich euch willkürlich vorenthalten habe? Sagt mir, welchen Anspruch ein Moslem bei mir vorgebracht hat, bei dessen Einlösung ich nachlässig gehandelt hätte oder bei dem ich mit Unwissenheit geschlagen gewesen wäre oder bei dessen Umsetzung ich nicht das richtige Mittel gewählt hätte! Bei Gott, mir stand weder der Sinn nach dem Kalifat noch habe ich der Herrschaft bedurft. Ihr wart doch diejenigen, welche mich dazu aufgefordert und darauf bestanden haben, auf dem Kalifenthron Platz zu nehmen. Als das Kalifat an mich fiel, bin ich im tiefen Verständnis dessen, was in der Schrift Gottes und in den Gesetzen stand, die Er uns vorgegeben hat und auf deren Grundlage Er uns zu herrschen geboten hat, gefolgt. Auch habe ich mir die Sunna des Propheten Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie – zum Vorbild gereichen lassen. Demzufolge bedurfte ich eurer Ratschläge und der der Anderen nicht und es gab auch kein Gebot, das mir unbekannt gewesen wäre, so dass ich euch hätte konsultieren müssen. Anderenfalls hätte ich mich doch an euch und euresgleichen gewendet. Was nun die von euch angesprochene Frage der gerechten Verteilung des muslimischen Vermögens anbetrifft, so habe ich das Urteil weder nach meiner persönlichen Auffassung gefällt noch mich von Lust und Laune leiten lassen, denn wir haben ja gesehen, was der Prophet Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie – diesbezüglich vorgelegt und bestens umgesetzt hatte. Aus diesem Grund bestand für mich keine Veranlassung, bei der Verteilung von Dingen, die Gott bereits geregelt hat und dessen Gebot bereits im Koran festgeschrieben ist, euern Rat einzuholen. Jetzt steht weder euch noch anderen - bei Gott - ein Anrecht auf eine Entschuldigung von mir zu. Möge Gott unsere und eure Herzen in die rechte Richtung leiten und uns allen die Inspiration der Geduld verleihen.

Möge sich Gott desjenigen erbarmen, der sich auf die Seite der Wahrheit stellt, wenn er sie erkennt und sich dort gegen die Ungerechtigkeit wendet, wo er sie antrifft. Möge der Wahrheitssucher auf jeden Fall seinen Weggefährten zum Dank für seinen Beistand verpflichten.

206

Eine Reaktion des Imams (S) darauf, wie einige seiner Gefährten die Syrer in der Schlacht von Siffin verunglimpften

Es missfällt mir, wenn ihr schlecht über sie redet und sie verunglimpft; wenn ihr die Taten des Gegners und dessen Befindlichkeiten rational darlegt und erläutert, so wären eure Worte besser zu rechtfertigen und eure Argumente von größerer Überzeugungskraft. Anstelle von Verunglimpfungen solltet ihr sagen: „Oh Allah, bewahre uns unser Blut, das Blut unserer Front und das der gegnerischen Front! Versöhne unsere Beziehungen und geleite sie aus ihrer Verirrung heraus, damit diejenigen, die das Recht nicht kennen, es wieder erkennen und diejenigen zurückstehen, die sich der Verfehlung und des Bruchs schuldig gemacht haben.“

207

Eine Rede, gehalten während der Schlacht von Siffin und des glorreichen Heldentums von Hassan — er möge gesegnet sein

Achtet ihr an meiner Stelle auf diesen Jüngling, damit ich nicht an seinem Märtyrertum zugrunde gehen muss, denn ich will den beiden (d.h. Hassan und Hussein) den Tod ersparen, weil mit ihrem Verlust sonst die Linie des Propheten Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie – abbrechen würde.

208

Eine Rede, die der Imam (S) zu einer Zeit hielt, als seine Gefährten völlig verunsichert waren und das Schiedsgericht eine große politische Krise heraufbeschwor

Oh ihr Leute! Meine Regentschaft über euch verlief zweifellos wie gewünscht, bis eure Kräfte im
Krieg dahinschwanden. Obwohl der Krieg euch sicher manchmal böse mitgespielt und manchmal
wieder losgelassen hat, schwächte er euren Gegner doch mehr als euch.
Doch die Wahrheit ist, dass ich bis gestern noch den Oberbefehl hatte, aber heute bin ich derjenige,
der den Befehl entgegenzunehmen hat; bis gestern hielt ich die Menschen davon ab, Schlechtes zu tun,
jetzt bin ich derjenige, der Verbote zu akzeptieren hat. In Wahrheit wollt ihr doch lieber am Leben
bleiben, und es steht mir nicht zu, euch aufzuzwingen, was euch nicht zusagt.

209

Eine Rede des Imams (S) während seines Besuches bei einem seiner Gefährten namens Alaa Ibn Ziyad Al-Haresi in Basra über die Größe seines Hauses

„Wozu brauchst du ein so großes, weitläufiges Haus, wo du es doch im Jenseits viel besser gebrauchen kannst! Ja, wenn du nur willst, so kannst du das Jenseits mit den Möglichkeiten dieses Hauses erreichen, indem du dort beispielsweise Gäste empfängst, dich darin deinen Blutsverwandten hilfreich widmest und die Verpflichtungen erfüllst, die solchen Möglichkeiten entsprechen. Dann wirst du auf diese Art und Weise das Jenseits gewinnen.“ Alaa sprach zum Imam (S) „O Fürst der Gläubigen, ich muss dir mein Leid mit meinem Bruder Assem Ibn Ziyad klagen!“ Dieser sprach: „Was hat er getan?“

Alaa erwiderte: „Er hat eine Aba293 angezogen und hat der Welt ganz den Rücken gekehrt!“ Der Imam (S) ließ Assem kommen und sprach zu ihm, als dieser eintraf: „O du Gegner deiner eigenen Seele, hat dir der Verabscheuungswürdige294 all deinen Verstand geraubt? Warum hast du kein Erbarmen mit deiner Familie und deinen Kindern? Denkst du etwa, Gott sähe es nicht gern, dass du aus den reinen Wohltaten, die Er für dich gutgeheißen hat, nicht auch Nutzen ziehst? Du bist vor Gott viel zu klein für derartige Gedanken!“ Assem sprach: „ O du Fürst der Gläubigen, bist du es in deinem groben Gewand und mit deinen so harten Speisen, der so spricht?“ Er antwortete: „Wehe dir! Ich bin nicht mit dir zu vergleichen, denn Gott hat den Führern das Recht zugestanden, sich mit den Armen auf eine Stufe zu stellen. Möge der Kummer der Not dem Armen nicht die Geduld rauben!“

210

Der Imam (S) wurde in Bezug auf die gefälschten Hadithe und die widersprüchlichen Nachrichten, die sich im Volke hielten, befragt und er entgegnete darauf:

Gewiss ist all das, was den Menschen heute vorliegt, eine Mixtur aus Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit, Widerrufendem und Aufgehobenem, Allgemeinem und Speziellem, Gemeinverständlichem und Nichtgemeinverständlichem, Bewahrtem und Mutmaßungen, und es ist auch eine Wahrheit, dass man dem Propheten Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie – zu Lebezeiten derartige Lügen anheftete, dass er dies zum Thema einer Ansprache machte und sagte: „Wer immer mir absichtlich Lügen anhängt, wird sich im Feuer wieder finden!“ Es gibt gewiss nur vier verschiedene Arten von Überlieferern der Hadithen des Propheten: Der Erste ist der Heuchler, der seinen Glauben zur Schau stellt und den Islam mit Zierrat versieht. Nach außen hin versündigt er sich weder noch tut er etwas Verruchtes, aber er bezichtigt den Propheten Gottes – der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – absichtlich der Lüge. Wenn die Menschen nun wüssten, dass er ein Heuchler ist, der Lügen verbreitet, so würden sie ihm nichts davon abnehmen und nicht noch seine Worte unterstützen. Doch wissen sie es nicht und sagen stattdessen: „Er ist ein Freund des Propheten Gottes – Gott segne ihn und seine Familie – hat ihn ganz aus der Nähe erlebt, hat dessen Worte selbst gehört und von ihm gelernt“, und nehmen ihm unter diesen Voraussetzungen auch seine Worte ab, wohingegen uns Gott mit jenen besonderen Definitionen doch Kunde von den Heuchlern gegeben hat und mit derartigen Beschreibungen ihre Merkmale dargestellt hat. Diese Heuchler haben den Propheten nun überlebt und machten sich mit ihrer aus Wehklagen und Beschuldigungen bestehenden Propaganda an die Anführer der Irreleitung, an die Anstifter zum Höllenfeuer heran. Dann spannten sie sie für ihre Zwecke ein, setzten sie in beherrschender Funktion über das Volk ein und sie selber fingen – auf das Volk gestützt – an, sich an der Welt zu laben. Jawohl, die Menschen stehen wahrlich – mit Ausnahme einer gewissen Zahl von Menschen, die über Gottesfurcht verfügen – (immer) auf Seiten der Welt und ihrer Königshäuser. Dies ist eine der vier Kategorien vonÜberlieferern. Der zweite Personenkreis ist derjenige, der etwas vom Propheten Gottes gehört hat, sich dies jedoch nicht richtig eingeprägt hat und es dann, ohne wissentlich zu lügen, mit seinen eigenen Gedanken vermischt. Immer wieder verbreitet er dann eben das, was ihm zur Verfügung steht und handelt dementsprechend; dann sagt er, dies habe er vom Propheten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – gehört. Wenn die Muslime wüssten, dass er seine eigenen Gedanken in den Hadith hat einfließen lassen, so würden sie ihm den Hadith nicht abnehmen, und auch er selbst würde, wenn ihm dies bewusst wäre, davon Abstand nehmen. Der dritte Kreis ist derjenige, der vom Propheten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – ein Gebot vernommen hat, aber nicht weiß, dass er es zu einem späteren Zeitpunkt widerrufen hat, oder andersherum, er hat von dessen Verbot gehört, hat jedoch von dessen späterer Aufhebung keine Kenntnis. Demzufolge hat er sich das Aufgehobene eingeprägt, aber das Widerrufende hat er vergessen, denn wenn er wüsste, dass etwas widerrufen worden ist, so würde er es zweifelsohne nicht

293 ein grobes, wollenes Übergewand, eine Art Umhang. 294 Satan.

immer weiter aufgreifen; das bedeutet, wenn die Muslime wüssten, dass ein Hadith zum Zeitpunkt, da sie ihn vernehmen, bereits widerrufen worden ist, würden sie von ihm absehen. Der Vierte und Letzte ist schließlich derjenige, der Gott und Seinen Propheten keiner Lügen bezichtigt. Aus Gottesfurcht und aus Respekt vor dem Propheten Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie – hält er die Lüge für einen Feind; er driftet auch nicht in den Aberglauben ab, sondern prägt sich das, was er vernimmt, genau in sein Gedächtnis ein und gibt das Gehörte wieder, ohne etwas hinzuzufügen oder etwas wegzulassen, er wahrt das Gebot des Widerrufs und setzt es entsprechend ein, er weiß vom Aufgehobenen und enthält sich dessen; er weiß vom Allgemeingültigen und Spezifischen und vom Gemeinverständlichen und Nichtgemeinverständlichen und setzt jede Kategorie an ihren rechten Platz. Beim Propheten Gottes - der Segen Gottes sei mit ihm und seiner Familie – gibt es viele Aussagen, die gleich mehrere Dimensionen in sich vereinigten. Manches Mal waren sie spezifisch gemeint und ein anderes Mal wieder verallgemeinernd und allgemeingültig. Diese Worte kamen dann jemandem zu Ohren, der die Bedeutung eines Wortes Gottes und dessen Propheten nicht recht einzuordnen wusste und ohne zu wissen, was es eigentlich bedeutete, was die tatsächliche Absicht war oder was mit einem bestimmten Wort gemeint war, anfing, das Wort weiter zutragen und auszulegen. Auf der anderen Seite lag es auch nicht jedem der Gefährten des Propheten Gottes – Gott segne ihn und dessen Familie – durch Nachfragen näher auf bestimmte Fragen einzugehen. Das ging sogar so weit, dass es einigen sogar lieber war, wenn sich ein Wüstenreisender oder Besucher zum Kreis des Propheten gesellte und eine Frage aufwarf, so dass sie mit eigenen Ohren dann vernehmen konnten, was der Prophet darauf erwiderte! Ich hielt es immer so, dass ich alles erfragte, was um mich herum vorging und es mir gut einprägte. Dies war also in Kürze, was es über die unterschiedlichen Facetten der Überlieferer und die Nachteile ihrer Überlieferungen zu sagen gibt.

211

Über die Großartigkeit Gottes und die Erschaffung des Universums

Dies ist ein Beispiel für die Größe und Allmacht Gottes und dessen verfeinerte Schöpferkraft, welcher aus aufgestautem und aufgewühltem Meerwasser ein trockenes, festes Phänomen machte, dann daraus verschiedene Schichtungen erschuf und nach einer ganzen Weile des Zusammenpressens die Sieben Himmel aus ihnen eröffnete. Diese Masse verfestigte sich dann auf Sein Gebot hin und hielt innerhalb ihrer bestimmten Raumgrenzen inne. Indes breitete Er unsere Erdkugel über die endlosen, grünlichen Ozeane aus, die Ihm unterworfen sind

– Ozeane, die hilflos gegenüber Seinem Befehl sind, an Seine göttliche Größe glauben und deren Fluss aus göttlicher Furcht stillsteht. In einem Gemisch aus großen Felsen, hohen Bergkuppen und himmelstürmenden Gipfeln verlieh Er ihnen Festigkeit und schlug sie fest in den Boden ein. Dann hob Er die Gipfel in die Höhe und tauchte ihre Wurzeln ins Wasser. Auf diese Weise unterschied Gott die Berge mit ihren Höhen von den Ebenen. Ihre Fundamente senkte Er wie Baumwurzeln in den Boden, aus dem sie aufragten. Er machte die Berge mit ihren außerordentlich hohen Spitzen und die zusammenhängenden Bergketten mit ihren Abhängen zu den Stützen der Erde, und befestigte sie wie Pflöcke im Boden. Daher kommt es, dass die Erde trotz ihrer Bewegung für ihre Erdbewohner nicht erzittert, ihre Last nicht in sich verschlingt und immer fest in ihrer Stellung verharrt. Erhaben möge der Gott sein, der der Erde nach all den Fließbewegungen Stabilität verlieh und diese nach der überall herrschenden Feuchtigkeit trockenlegte. Danach sah Er sie als geeignete Wiege für Seine Schöpfung an und breitete sie wie eine Bettdecke über den tiefen, gleichzeitig stillen, den unbeweglichen und nicht im Fluss befindlichen Ozean, wobei die Orkane keine Ruhe ließen und ihre regenschweren Wolken wütend hin und her, auf und ab warfen, und wahrlich „… hierin ist eine Lehre für den, der fürchtet.“295

295 Heiliger Koran, 79. Sure, Vers 26.

212

Über diejenigen, die ihre Unterstützung für das Recht aufgeben

O Herr, wer gleichgültig bleibt, obwohl er meine gerechten Worte vernommen hat – mit denen ich eine Verbesserung der Religion und der Welt beabsichtige und die nicht den geringsten Makel von Verderbtheit aufweisen – der wendet sich ab von Deinem Beistand; ich rufe Dich zum Zeugen an, o Du, der Du der Größte aller Zeugen bist, und ich rufe ebenso alle Bewohner Deiner Erde und Deiner Himmel vor diesem (Gleichgültigen) zu Zeugen; Du bist es nun, der uns ohne die Hilfe von einem wie ihm auskommen lässt und ihn für seine Schuld in die Pflicht nimmt.

213

Über die Erhabenheit Gottes und eine Reminiszenz an den Propheten

Lobpreis gebührt Gott, der jedwede Ähnlichkeit zu den Geschöpfen übersteigt und der über den Worten derer steht, die Ihn beschreiben wollen, der sich dem Betrachter durch großartige Mittel und Wege manifestiert und der aufgrund Seiner unergründlichen Glorie der Vorstellung der Denker verborgen bleibt; Er, der allwissend ist, ohne dass Sein Wissen angeeignet wäre, das sich weder vermehrt noch von Erfahrung zehrt; Er, der sämtliche Abläufe auf der Welt bewirkt, ohne zu reflektieren oder darüber nachzudenken und schließlich dem Gott, vor dessen Auge weder die Schleier der Finsternis etwas verbergen könnten, noch dass Er von einem Licht zu erhellen wäre, den nicht die Nacht verschlucken kann und für den der Tag nicht vergeht (wie für Andere, d.Üb.). Seine Begriffswelt kommt ohne Visualität aus und Sein Wissen bedarf nicht der Mitteilung durch Andere.

Eine Reminiszenz an den Propheten (S)

Gott entsandte ihn mit einem hellen Licht und gewährte ihm den obersten Vorrang bei der Auswahl.
Durch seine prophetische Sendung füllte er die Lücken auf und brachte die
Herrschaft der Mächtigen zum Einsturz; er erleichterte, was schwierig war und ebnete, was uneben
war, bis letztlich alle Verirrungen, links wie rechts (des Weges), ausgeräumt waren.

214

Über den Propheten

Ich lege Zeugnis davon ab, dass Gott in Seinem Wesen gerecht ist und Gerechtigkeit übt; Sein gerechter Urteilsspruch trennt Recht von Unrecht, und ich bezeuge, dass Mohammed der Diener, Gesandteund Herr über Seine Diener ist. Am Prozess seines Werdegangs war weder irgendein sündiger Übeltäter beteiligt, noch hatte ein Mensch niederer Gesinnung daran einen Anteil. Seid auf der Hut! Gott hat für die Güte die Tugendsamen, für die Wahrheit Stützsäulen und für den Gehorsam die Hüter geschaffen, die euch bei jedem Gehorsam zweifelsohne zu Gottes Entsatzheer werden, die über die Zungen sprechen und den Herzen Festigkeit verleihen, so dass deren Beistand hinreichend für diejenigen ist, die auf Genügsamkeit aus sind und ein vollkommenes Heilmittel für alle Heilssucher. Wisset, dass sich die Beziehungen innerhalb der Gruppe von Gottesdienern, die Sein Wissen bewahren, Seine Geheimnisse hüten und Seine Quellen zum Sprudeln bringen, auf die Herrschaft Gottes gründen und dass ihr Umgang von Zuneigung und Freundschaft geprägt ist. Sie reichen sich gegenseitig die Pokale, die ihren Durst stillen und sie gehen gestärkt daraus hervor. Im Verhältnis untereinander finden weder Makel von Pessimismus oder Skepsis Eingang noch können (gegenseitige) Verunglimpfungen hinter dem Rücken eindringen; ihre ganze Wesensart gestaltet sich entsprechend dieser Besonderheiten, ebenso alle ihre persönlichen Bande und Freundschaften untereinander. Aus diesem Grunde kann man die göttlichen Oberhäupter mit auserlesenem Saatgut vergleichen, welches im Laufe der Zeit mit ihren historischen Veränderungen das Sieb der Geschichte passiert hat, sich durch immer wieder neue Auslese besonders auszeichnet und durch einen unentwegten Reinigungsprozess geläutert wurde. Jawohl, der Mensch sollte sich die Würde sichern, indem er diese Wahrheiten annimmt, und er soll die vernichtende Katastrophe296 fürchten, noch bevor sie über ihn hereinbricht; und er soll sich auf seinem weiteren Wege, auf jedem Abschnitt, auf jeder Teilstrecke, der Kürze seines Schicksals und der kurzen Verweildauer an diesem Ort bewusst sein, ist er doch wie eine Etappe, die sich an die nächste anschließt, und er sollte sich gebührend darum bemühen, diesen Werdegang auch zu vollenden und die Erkenntnis vom Umzug an immer neue Orte auch umzusetzen. Glücklich ist, wer dank seines tugendhaften Herzens auf denjenigen hört, der ihm ein Führer ist und sich fernhält noch dem, der ihn in den Abgrund stürzen will; und so findet er den rechten Weg, indem er sich die Anschauungen desjenigen zunutze macht, der ihm eine neue Sichtweise verleiht, und indem er sich an die Gebote dessen hält, der ihm Rechtleitung gibt, und er wird - noch bevor sich die Tore vor ihm schließen und ihn von allem abschneiden – die Rechtleitung erlangen. Indem er stets die Tür der Buße offen hält, weist er die Versuchung zurück, in die Sünde abzustürzen, denn es gibt stets Menschen, die den Weg der Vollendung und des Glücks aufzeigen, und der lichte Weg ist auch stets erkennbar.

215

Ein Gebet, das der Imam (S) häufig sprach

Lobpreis sei Gott dafür, dass Er mich hat von Krankheit und Tod verschont, dass Er keine der Wurzeln meines Daseins hat von Übel und Unwohlsein befallen lassen, dass Er mich selbst für die schlimmste Tat nicht hat gestraft, dass Er mich mit Nachfahren bedacht hat, dass Er mich von der Religion nicht hat abfallen lassen und mich meinen Schöpfer nicht hat leugnen lassen, dass Er mich in Bezug auf meinen Glauben nicht auf Unsicherheit und Angst hat stoßen lassen, dass Er meinen Menschenverstand nicht hat verwirrt und dass Er mich mit keiner der unterschiedlichsten Strafen früherer Gläubigergemeinden je hat bestraft. Hier nun finde ich mich als Dein gehorsamer Sklave wieder, der Tyrann seiner selbst ist, Deiner Einrede untertan - während es mir an jeglicher Einrede Dir gegenüber fehlt, ich nichts in den Händen halte als das, was Du mir hast zukommen lassen und mich nichts anderes abschirmt als das, wovor Du mich bewahrst. O Herr, ich suche Zuflucht bei Dir, nicht in Not zu geraten, obgleich ich nichts außer Dir brauche; nicht in die Irre zu gelangen, auch wenn Du mir umfassende Führung gewährst; in Deinem unendlichen Reich nicht elend und verachtet zu werden oder aber von den Geboten, die von Dir kommen, nicht zermalmt und zerstört zu werden. O Herr, verlange - bevor Du eine Deiner geliebten Wohltaten oder eine der mir anvertrauten Leihgaben zurückholst - als allererste Leihgabe meine Seele zurück. O Herr, wir alle suchen bei Dir Schutz, auf dass wir uns nicht von Deinem Wort abwenden mögen, wir nicht gegen Deine Religion aufbegehren mögen und wir - statt der Rechtleitung, die sich von Dir auf uns richtet – nicht unter den stetigen Angriffen der eigenen Leidenschaften zu leiden haben mögen.

216

Über die wechselseitigen Rechte von Herrscher und Volk

Doch dann hat Gott der Glorreiche mir ein Recht euch gegenüber verliehen, in dem Er mich über euch stellte, ebenso wie Er euch ein Recht mir gegenüber zugestanden hat, und diese beidseitigen Rechte von euch und mir sind gleich. Verbal kommt dem Recht der weiteste Raum zu, doch in der Praxis und bei der Wahrung der Gerechtigkeit ähnelt es eher einem Engpass, denn wird das Recht zugunsten eines Menschen vollstreckt, so wird es zwangsläufig auch zu dessen Nachteil angewandt, und wird es zu seinen Ungunsten umgesetzt, so spielt es sich gleichwohl zu dessen Nutzen ab.

296 den Tod (d. Übers.).

Sollte es darum gehen, das Recht in einem Falle einseitig durchzusetzen, so betrifft dieser Fall einzig und allein Gott den Glorreichen, nicht Seine Geschöpfe, denn Er verfügt gegenüber seinen Dienern über eine Macht, die an Unendlichkeit grenzt, und die Sphären des von Ihm bestimmten Schicksals sind von einer Gerechtigkeit, die von unermesslicher Reinheit ist. Nichtsdestotrotz hat Er auch in diesem Fall das Recht wieder auf Gegenseitigkeit gestellt: Ihm steht von Seinen Dienern das Recht auf bedingungslosen Gehorsam zu, und dafür hat Er – aus Gelehrtheit und Großmut heraus, welche Seinem göttlichen Sein entsprechen - deren Belohnung verdoppelt. Dabei hat Gott diese auf Gegenseitigkeit basierenden Rechte in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen als Teil Seiner eigenen Rechte bestimmt, wobei die wechselseitigen Anrechte zwischen Volk und Herrscher die größte Dimension aufweisen. Und es ist ein göttliches Gebot, das Gott der Glorreiche für jeden gleichermaßen hat verbindlich werden lassen, demnach hat Er eine solidarische Ordnung und das Geheimnis religiöser Pracht für diese wechselseitigen Anrechte gewollt. Das bedeutet, dass ein Volk es ohne das Zutun der Herrschenden nicht weit bringt, und die Herrschenden keinen Schritt nach vorn tun können, ohne die Rückendeckung des Volkes. Wo also das Volk dem Recht eines Herrschers entspricht und auch der Herrscher die Rechte des Volkes wahrt, dort wird das Recht in ihrer Mitte erblühen, die Wege der Religion gefestigt werden, die Zeichen der Gerechtigkeit begradigt werden und die Traditionen auf gebührende Weise ablaufen. Auf diese Art werden sich auch die Zeiten bessern, man wird sich das Weiterbestehen des Staates erhoffen und die Gier der Feinde wird sich in Verzweiflung wandeln. Doch trachtet das Volk danach, über seinen Herrscher zu obsiegen und behandelt der Herrscher sein Volk wie ein Tyrann, dann gibt es Widerworte, offenbaren sich Zeichen von Gewalt, in der Religion kommt es vermehrt zu Possen und die Hauptwege der Sunna werden führerlos bleiben. Lust und Gier werden zur Grundlage des Handelns und Gebote außer Funktion gesetzt werden. Seelische Krankheiten werden zunehmen, so dass niemand mehr Sorge darüber empfindet, dass das Recht – egal wie massiv – außer Kraft und das Unrecht – egal wie eklatant – auf die Tagesordnung gesetzt wird. Hierdurch werden die Tugendhaften erniedrigt, die Sündigen geehrt und die Diener Gottes durch Gott schwer gestraft werden. So ist es also an euch, dass ihr euch untereinander diesbezüglich Rat gebt und gütig zusammenarbeitet, denn niemand – und mag er auch noch so erpicht auf die Zufriedenheit Gottes sein und möge er auf eine noch so lange Vergangenheit praktischen Strebens und Kämpfens verweisen können – vermag in die Tiefe des göttlichen Gehorsams vorzudringen, wie es sich für Ihn (eigentlich) geziemen würde. Doch zu den verbindlichen Rechten, die Gott von Seinen Dienern zustehen, gehört es, dass sie es sich gegenseitig nicht versagen sollten, sich nach Kräften und Fähigkeiten Ratschläge zu geben und bei der Umsetzung des Rechts untereinander zu kooperieren. Niemand – und wenn er eine noch so hohe Position bei der Erkenntnis und der Umsetzung des Rechts gewonnen hat und bei der religiösen Gelehrsamkeit seit langem eine Vorreiterrolle spielen sollte befindet sich in einer Situation, bei der Umsetzung der ihm auferlegten göttlichen Rechte auf die Hilfe der anderen verzichten zu können, und andererseits ist niemand – egal, wie gering er von anderen geschätzt und wie verachtet er in deren Augen gesehen wird – zu gering, diesbezüglich Hilfestellung zu geben oder Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Als die Rede des Imams (S) hier angelangt war, antwortete ihm einer der Gefährten mit langen Worten darauf, wobei er den Imam (S) vielfach lobte und auf seine Loyalität und seinen Gehorsam ihm gegenüber verwies. Der Imam (S) nahm seine Rede danach folgendermaßen wieder auf:

Es gehört zweifellos zu den Rechten, die Gott von jemandem zustehen, der Seine Größe aus dem tiefsten Innern heraus annimmt und Ihm in seinem Herzen einen glorreichen Platz einräumt, dass er vor der Majestät Gottes alles andere als klein und gering ansieht, und dieses Merkmal kommt am meisten demjenigen zu, auf dessen Schultern die Segnungen Gottes am schwersten lasten und wer in den Genuss der meisten Güte und Freundlichkeit Gottes kommt, denn gewiss: auf wessen Schultern die Gottes Gaben lasten, dem gegenüber wachsen auch die göttlichen Ansprüche. Das Schlimmste, was den Mächtigen der Gesellschaft in den Augen der tugendhaften Menschen passieren kann, ist es, wenn sie beschuldigt werden, sie liebten schmeichelnde Lobreden und ihre Staatskunst beruhe allein auf Einbildung und Arroganz. Es will mir wahrlich gar nicht gefallen, wenn ihr dem Gedanken verfielet, ich wäre auf Lobhudelei aus und würde nur allzu gern Lobreden auf mich hören. So bin ich – Gott sei es gedankt – nicht! Und wäre es doch anders, so würde ich im Angesicht Gottes des Glorreichen – dem Größe weitaus mehr gebührt – als Geste demütiger Ergebenheit davon absehen. Es stimmt, viele Menschen werden für eine erfolgreiche Anstrengung mit Lob bedacht. Ich bitte euch jedoch, falls es mir doch gelingen sollte, aus dem Motiv der Gottesfurcht heraus vor Gott und euch einen Teil meiner Verpflichtungen einzuhalten und die für mich verbindlichen Pflichten zu erfüllen, so zollt mir dafür weder Lob noch Preis, und sprecht auch zu mir nicht, wie man üblicherweise zu Unterdrückern der Geschichte spricht. Geht auch nicht auf Distanz zu mir, wie man vor blutrünstigen Tyrannen besser auf der Hut ist; benehmt euch mir gegenüber nicht gekünstelt und denkt nicht, ich würde es übel nehmen, wenn man mir die Wahrheit sagt; glaubt nicht, ich würde nur die Würdigung meines Egos wollen, denn wem es schon schwer fällt, die Wahrheit und gerechte Anregungen anzuhören, für den ist es noch viel schwerer, wahrhaftig und gerecht zu handeln. So enthaltet mir eure wahrhaftigen Worte und gerechten Vorschläge nicht vor, denn auch ich kann mich irren, wie ich auch nicht davor gefeit bin, in meinem Verhalten fehlzugehen, es sei denn, Gott gäbe sich damit für mein eigenes Ich zufrieden, denn mein Leben befindet sich eher in Seinem als in meinem eigenen Besitz. Ja, es ist eine unumstößliche Wahrheit, dass wir alle Seine Diener sind, Diener im Reiche eines Schöpfers, außer dem es keinen Schöpfer gibt. Er ist derjenige, in dessen Eigentum sogar Teile unseres Selbst stehen – weitaus mehr, als uns gehören – und Er ist es auch, der uns aus der Unwissenheit, in der wir uns befunden haben, in eine Ordnung gebracht hat, die uns zum Besseren gereicht. Er hat also Fehlleitung durch Rechtleitung ersetzt und hat uns – nachdem wir mit Blindheit geschlagen waren – die Sehkraft gegeben.

217

Über die Qureischiten

O Herr, ich flehe Dich an: steh’ mir gegen die Qhoraishiten und deren Gewährsmänner bei, denn sie haben die Blutsbande zu mir durchbrochen, haben mein Leben auf den Kopf gestellt, haben sich im Kampf um den Anspruch, auf den ich mehr als alle anderen ein Anrecht hatte, gegen mich verschworen und noch gemeint: ‚Dein Anrecht ist das, was du bekommst, aber es ist ebenso Recht, dass du darauf verzichtest! Harre aus in Trauer oder stirb vor Gram!’ Dann betrachtete ich die Sache eingehender und fand in der völlig unerwarteten Situation heraus, das ich außer meiner Familie niemanden hatte, der mir beistand und mich verteidigte; da tat es mir leid, sie in den Tod schicken zu müssen und so kam es, dass ich die Augen vor dem Kehricht schloss, die Zähne zusammenbiss, trotz erstickten Halses schluckte und mich in Geduld fasste, indem ich meinen Zorn angesichts der Bitternis, die größer war als die einer Koloquinte, und ins Herz schnitt wie ein giftiger Dolchstoß, unterdrückte.

218

Über diejenigen, die nach Basra aufbrachen, um gegen den Imam (S) zu kämpfen

Die Aufständischen von Jamal griffen meine Bevollmächtigen, die Hüter der muslimischen Staatsfinanzen und auch die Bewohner der Stadt an, die alle unter meiner Führung und unter meiner Treuepflicht standen, schlugen ihr einmal gegebenes Wort in feindlicher Gesinnung gegen mich in den Wind und brachen ihre Bündnistreue. Auch griffen sie meine schiitischen Parteigänger an, töten einen Teil von ihnen durch Verrat, andere wieder griffen zu den Waffen, um sich zu verteidigen und blieben in ihrem Kampf solange standhaft, bis sie ehrlichen Herzens dahineilten, um sich Gott beizugesellen.

219

Worte des Imams (S), die er sprach, als er an den Leichnamen von Talhah und Abdur Rahman Ibn Etab Ibn Usaid vorüberging, die in der Kamelschlacht gefallen waren

So liegt Abu Mohammed297 nun hier so befremdlich! Bei Gott, sich schwöre, niemals habe ich gewollt, dass die Qhoraishiten ein solches Schicksal ereilt und ihre Toten unter dem Sternenzelt liegen müssen! Mir ist es gelungen, Blutrache für die Kinder von Abd Manaf298 zu üben, aber die Anführer der Bani Jumah299 sind mir entwischt. Sie hatten ihre Hälse in der Tat mit einem Ziel, für das sie nicht prädestiniert waren, so weit hervorgereckt, dass sie um einen Kopf kürzer waren, noch bevor sie es erreichten.

220

Die Eigenschaften der Gottesfürchtigen

Ein wahrhaft weiser Gläubiger ist, wer seinen Verstand belebt und sein Ego zum Absterben bringt, bis schließlich schmal wird, was zuvor dick an ihm war, weich wird, was vorher grob war und eine strahlende Lichtquelle beginnt, für ihn zu leuchten und den Tauhid, die Einheit Gottes, wie eine Magistrale zu bescheinen und er in ihrem Lichte den Weg beschreitet. Auf diese Art führen ihn die Türen eine nach der anderen an die Schwelle der absoluten Sicherheit, an das Haus des ewig währenden Aufenthaltes und festen Schrittes und standfest findet er sich in Sicherheit und Ruhe wieder, denn er bedient sich seines Herzens und stellt seinen Schöpfer zufrieden.

221

Eine Rede des Imams (S), nachdem er den ersten Vers der Sure Die Vermehrung’ zitiert hatte: „Der Wettstreit um die Mehrung lenkt euch ab, bis ihr die Gräber erreicht.“300

Welch weit gefasstes Ziel, welch ferne Absicht! Wie sorglos sind die Pilger nur, welch katastrophale Schade! Jawohl, ihnen fehlen die Verblichenen, ist das nicht ein wunderbares Beispiel, von dem sie lernen könnten? (Und was noch verwunderlicher ist), die Absicht zum Erfolg rührt von den Toten her, aus weiter Ferne. Prahlen sie etwa mit den Gräbern ihrer eigenen Väter, oder übertreiben sie voreinander die Zahl der Getöteten? Oder erwarten sie etwa, dass die verrotteten Leiber zurückkehren und die zur ewigen Ruhe gekommenen Bewegungen (der Toten) wiederaufleben? Ohne Zweifel gebührt es den Toten, als Anschauungsbeispiele zu dienen, als einen Anlass für Prahlerei und Angabe zu bieten, und wir handeln klüger, wenn wir im Gedanken an sie in Demut verfallen, statt uns erhobenen Hauptes zu erheben! Es stimmt, sie betrachten ihre Ahnen mit blinden Augen und tauchten ein in ein Meer von Unwissenheit und Ignoranz. Die einzige Antwort, die sie bekämen, wenn sie die zerstörten Felder und leer stehenden Häuser hinterfragt hätten, wäre gewesen: Sie haben die Erde in ihrem Irrglauben beschritten und ihr seid in eurer Ignoranz ihrem Weg nur gefolgt. Hufe haben ihre Schädel zertrümmert und auf ihren Leibern habt ihr den Palast des Lebens errichtet; ihr weidet euch an ihren Essensresten und wohnt in den von ihnen übrig gebliebenen kaputten Häusern. Es ist das Schicksal, welches zwischen euch und ihnen eine gemeinsame Grenze bildet und das eure Hilflosigkeit beweint und betrauert.

297 Beiname von Talhah (Anm. i.d. persischen Übers. von Dr. Shahidi).
298 Name eines Stammes = Bani Abd Manaf.
299 Ein Teil der Bani Jumah kämpfte bei der Kamelschlacht auf der Seite von Aysha gegen den Imam, doch di
e
führenden Köpfe des Stammes flüchteten sich vom Schlachtfeld. (Anm. i.d. engl. Übers.).
300 Heiliger Koran, 102. Sure, 1. und 2. Vers.

Demzufolge sind sie die Vorreiter vom Ende eures Weges und sie waren vor euch an den Quellen, die euch jetzt tränken; sie waren Sucher, die sich einst in hohen Positionen und angesehenen Stellungen befanden, den Titel von Königen und Herrschenden innehatten und sich doch letztlich ins Labyrinth des Raumes zwischen Tod und Auferstehung begeben haben; die Erde nahm sie in sich auf, verschlang ihr Fleisch und trank ihr Blut; in ihren Gräbern sind sie nun zu leblosem Gestein geworden und können sich nicht mehr entfalten; sie sind so verborgen, als wenn sie nie wieder auftauchen würden! Sie spüren weder mehr Angst vor Furcht einflössenden Katastrophen noch Gram über traurige Veränderungen; sie erzittern nicht mehr von den Beben des Schreckens und hören auch das Dröhnen des Donners nicht mehr. Sie sind Verborgene ohne Rückkehr und Zeugen ohne Anwesenheit! Tatsächlich stellten aber auch sie eine Gemeinde dar, die auseinander gerissen wurde, und in Trennung und Verfremdung löste sich auf, wozu sie dereinst Sympathie und Zuneigung gefasst hatten. Wenn nun keine Kunde mehr von ihnen kommt und es um sie herum ganz still geworden ist, so liegt dies nicht an der langen Zeit oder an dem fernen Ort, sondern an dem Kelch, der ihnen eingeflößt worden ist, welcher ihr Sprechvermögen in Stummheit, ihren Hörsinn in Taubheit und ihre Bewegungen in Stillstand gewandelt hat, und sie gleichsam wie Bewusstlose schlafen. (Sie sind) Nachbarn, die keine gute Nachbarschaft mehr kennen und Freunde, die sich gegenseitig nicht mehr besuchen; die Glieder ihrer Bekanntschaften sind in der Kette ihrer Beziehungen zerstört und ihre Brüderlichkeit durchtrennt; wohl haben sie sich an einem Ort versammelt und doch sind sie allein, und trotz vergangener Freundschaften bleibt einer dem anderen fremd; sie können den Morgen nicht vom Abend unterscheiden und ihr letzter Tag, ihre letzte Nacht, ist nun zu ihrer ewigen Ruhestatt geworden. Sie mussten ungeheuerliche Geschehnisse in jenem Haus301 miterleben, die das Gefürchtete um ein Vielfaches an Grauen überstiegen; sie haben die Zeichen gesehen, die weitaus größer waren, als das, was sie je angenommen hatten. Das Gute und das Schlechte ihrer Welt befindet sich in derartiger Höhe, dass Angst und Hoffnung bis dahin nicht gelangen können. Würden sie über das Gesehene und Erlebte zu reden beginnen, sie wären nicht imstande, diese Erfahrungen in Worte zu fassen. Obwohl ihre Spuren unsichtbar sind und ihre Anbindung an die Außenwelt abgebrochen ist, so werden sie doch von Augen betrachtet, die sich ein Vorbild an ihnen nehmen, und Ohren der Weisheit vernehmen ihre Botschaften, wie sie ohne Sprache sagen: „Unsere einst fröhlichen Gesichter sind verwittert und unsere einst zarten Leiber ineinander gesackt, wir tragen zerfetzte Lumpen am Leib und sind in die Enge dieser Ruhestätte gezwängt; wir haben das Erbe des Schreckens angetreten und in stillen Ruinen eine Wohnstatt genommen; die einstige Schönheit unserer Körper ist verschwunden, unsere einst vertrauten Gesichter sind unkenntlich geworden; in diesem Haus des Grauens zieht sich unser Aufenthalt in die Länge, ohne dass wir aus dem vielenKummer die kleinste Öffnung hin zur Freude finden oder die geringste Erleichterung aus dieser Bedrängnis erfahren könnten.“ Wenn du sie dir nun (einmal) mit nüchternem Verstand vorstellen oder sie einmal unverhüllt betrachten willst – wie ihre Ohren, die zum Tummelplatz der Lebewesen des Grabes wurden, zerrissen und ihre Augenhöhlen vom Erdreich geschminkt, erblindet sind, ihre Zungen nach all den scharfen und spitzen Bemerkungen in ihren Mundhöhlen zerdrückt und ihre Herzen nach langem Schlagen eines Menschenalters in den Brustkörben zum Stillstand gekommen sind, jeder ihrer Gliedmaßen durch Zersetzung und Zerfall von einem andern Missgeschick befallen ist, ohne mehr eine Hand zur Abwehr oder ein Herz als Ausdruck ihrer Rastlosigkeit zu besitzen – so ist der Gram in den Herzen und der Schmutz in den Augenhöhlen alles, was du sehen kannst; bei jedem einzelnen von ihnen, bei allem, was aus der Schande resultiert, liegen spezielle Umstände vor, die unabänderlich sind, und eine Bedrängnis, aus der es kein Entrinnen gibt. O weh, wie viele lieb gewonnene und wohlgeformte Körper sind schon vom Schlund der Erde geschluckt worden, die sich im irdischen Dasein in Wohlleben genährt und die im Schoße der Aristokratie gewachsen waren; Momente des Grams überspielten sie mit Kurzweil und traf sie ein Missgeschick, so flüchteten sie sich in die Nische der Betäubung, um nur ja keinen einzigen Augenblick eines blühenden Lebens, eines unsinnigen, hohlen Spiels, ihres Zeitvertreibs, zu verpassen. Jawohl, genau in dieser Blüte eines ausschweifenden Lebenswandels, in der Atmosphäre dieses selbstvergessenen Lebens – dort, wo sich die Welt und ihr verwöhnter Geliebter einander zulächeln – sticht bei ihm urplötzlich das Schicksal mit seinem durchdringenden Stachel zu und zersetzt seine Kräfte im Wandel von Tag und Nacht; die Fratze des Todes starrt ihn dann aus nächster Nähe an; es bemächtigt sich seiner eine bislang unbekannte Traurigkeit und in seinem Innersten klingt eine bisher

301 im Jenseits (d.Übers.).

nie da gewesene Trauer an; dies ist der Zeitpunkt, wo sich bei ihm solche Schwächen und Krankheiten einstellen, an die er gewohnt war, als er noch gesund war und so absolviert er wie immer die gleiche von den Ärzten empfohlene Prozedur: er kuriert heiße Krankheiten durch kalte Medizin und kalte Krankheiten durch heiße Medizin. Dieses Mal verstärkt die kalte Medizin jedoch die heiße Krankheit nur noch und die heiße Medizin verschlimmert die Kälte der Krankheit nur noch! Jedes für einen derartigen Krankheitszustand passende Medikament bereitet – statt einer Heilung – nur noch mehr Schmerzen, bis dass der Arzt enttäuscht und der Krankenpfleger gleichgültig wird, die Familienmitglieder der wiederholten Beschreibung seines Krankheitsbildes überdrüssig und bei der Antwort auf die immer wiederkehrende Frage nach seinem Befinden irgendwie sprachlos werden. Dann fängt in dem Bemühen, eine traurige Nachricht zu verbergen, an seinem Krankenlager eine neue Auseinandersetzung an. Der eine sagt, man müsse doch realistisch sein, ein anderer meint, es bestünde noch Hoffnung auf Genesung, der Dritte murmelt schon sein Beileid vor sich hin und gemahnt an das Ableben derjenigen, die schon von uns gegangen sind. In der Aufregung dieser Sprachverwirrung, wo der sterbende Patient sich sozusagen schon auf den beiden Schwingen der Trennung von der Welt und dem Verlassen seiner Lieben befindet, befällt ihn ganz plötzlich ein durchdringender Schmerz; dunkleWolken der Bestürzung verdecken sämtliche Öffnungen seines Denkens, die Feuchtigkeit seiner Zunge vertrocknet. Wie viele ungemein wichtige Antworten kann er dann nicht mehr geben, vor wie vielen herzergreifenden Stimmen muss er die Ohren verschließen, auch wenn es die Stimme einer älteren Person ist, die er immer hochgeschätzt hatte, oder die Stimme eines Jüngeren, dem er stets freundlich zugeneigt war. Jawohl, der Tod bringt zweifellos derartig schlimme, erschütternde Härten mit sich, die sich durch keine Worte beschreiben lassen und die auch vom Verstand der Weisen der Welt nicht zu fassen sind.

222

Eine Rede, gehalten beim Zitieren des Verses „Männer, die weder Ware noch Handel abhält von dem Gedenken an Allah“ (Heiliger Koran, 24. Sure, Vers 37)

Gott der Erhabene und Allmächtige hat das Gedenken an sich zur Grundlage des Glanzes der Herzen gemacht, damit mit Hilfe dieses Gedenkens der Taube hörend und der Blinde sehend werde, und Hassgefühl durch die Neigung zu Zuneigung und Gerechtigkeit ersetzt werde. Jawohl, Gott, dessen Gaben samt und sonders bedeutsam sind, verfügte in allen aufeinander folgenden Epochen der Geschichte – selbst während der Zeit zwischen zwei Propheten – immer über ganz besondere Diener, mit welchen Er in der Tiefe des Denkens und im Innersten ihres Verstandes in Zwiesprache tritt und spricht; so treten sie in dem besonderen Licht, welches in ihren Augen, Ohren und Herzen entsteht, als strahlende Leuchten am Wege der Menschen und der Gesellschaften auf, gedenken der Tage Allahs und lehren das Volk die Furcht vor der göttlichen Instanz; sie preisen den Weg von jedem, der den Mittelweg wählt und verkünden ihm die frohe Botschaft seiner Erlösung. Sie verurteilen jeden nach rechts oder links Abweichenden und warnen ihn vor Untergang und Fall, denn im Dickicht der Finsternisse sind sie die strahlenden Leuchten, in den Wellen der Zweifel sind sie die Führer der Menschheit. Jawohl, dem Gedenken Allahs widmen sich zweifelsohne solche Menschen, die Ihn anstelle der Welt auserkoren haben, so dass sie weder Ware noch Handel davon abhält. Die Tage des Lebens verbringen sie im Gedenken an Gott, warnend erheben sie ihre Stimme gegenüber den Nachlässigen, sich bei den von Gott verbotenen Dingen zurückhaltend zu verhalten, sie gebieten Gerechtigkeit und halten sich selbst ebenfalls daran. Sie verbieten Schlechtes und Verwehrtes und nehmen Verbote selbst auch an, gleichsam, als ob sie die irdische Zeitspanne bis zum Jenseits schon hinter sich gebracht hätten, als ob sie selbst schon im Jenseits wären und sie die Wahrheiten, die jenseits des irdischen Lebens zu finden sind, mit eigenen Augen gesehen hätten; als wären sie während ihres Aufenthaltes in jener Welt schon zu den Tiefen des Seins und des Schicksals der Menschen zwischen Tod und Auferstehung vorgedrungen und als hätte die Auferstehung schon alle ihre Verheißungen an ihnen wahr werden lassen. Für die Weltversessenen haben sie nun alle Schleier von diesen Wahrheiten gelüftet, auf eine Weise, als ob sie Dinge sähen, welche die anderen zu sehen nicht imstande wären und als ob sie Dinge hörten, die die Ohren der anderen nicht hören könnten. Willst du dir nun eine Vorstellung von ihnen machen und siehst sie an den entsprechenden Positionen und würdigen Sitzplätzen - wie sie die Bücher ihrer Taten geöffnet und sich von allem anderen freigemacht haben, um Rechenschaft über jede kleine oder große Tat abzulegen, zu der sie verpflichtet gewesen wären, die sie aber unerledigt ließen, oder Taten, die ihnen verwehrt waren, sie diese aber dennoch begangen hatten – wobei sie die schwere Last ihrer Verantwortung spüren und nicht mehr imstande sind, diese weiter zu tragen, und sie mit zugeschnürter Kehle mit sich selbst in Zwiesprache treten, ihre Reue eingestehen und vor ihrem Schöpfer wehklagen - dann wirst du sie wie ein Banner der Rechtleitung und wie eine helle Leuchte sehen, um die sich die Engel scharen und ihnen den Seelenfrieden herab senden. Die Himmelspforten stehen ihnen offen, die Gewährspositionen der Würde sind ihnen zugewiesen. In einer solchen Höhe ist nur Gott, der – befriedigt von ihren engagierten Bemühungen – ihren Rang kennt und lobt; dank ihrer Gebete zu Gott atmen sie die Luft seiner Verge-bung und Verzeihung, wobei sie gleichermaßen Faustpfand Seiner Huld und hilflose Gefangene Seiner Größe sind. Tiefer Schmerz und Gram hat ihre Herzen und andauerndes Weinen hat ihre Augen in Mitleidenschaft gezogen; sie klopfen an jede der unzähligen Tore der Zuneigung zu Gott, ihre Forderung richtet sich an jemanden, der durch keinen Engpass in die Sackgasse gerät und der niemanden verzweifeln lässt, wer sich Ihm zuwendet. So rechne du mit dir selbst ab, denn für die Abrechnung mit den anderen Egos werden andere da sein.

223

Eine Rede, gehalten beim Zitieren des Verses „O Mensch; was hat dich kühn gemacht gegen deinen gnadenvollen Herrn“ (Heiliger Koran, 82. Sure, Vers 6)

In Wirklichkeit ist die Argumentation dieses Menschen abgedroschener als die Antwort eines jeden Angeklagten und seine Entschuldigungen sind haltloser als die Ausflüchte eine jeden Betrogenen; ohne Zweifel verhält es sich so, dass der Mensch auf seinen Fehlern beharrt, weil er nichts von sich selbst weiß. O Mensch, was erdreistet dich, deine Sünden zu begehen, was lässt dich gegenüber deinem Schöpfer hochmütig werden und was bringt dich zu einem solchen Absturz? Gibt es denn keine Heilung für deinen Schmerz und kein Erwachen aus deinem Tiefschlaf? Hast du denn mit dir selbst kein Erbarmen, wie du auch mit anderen Mitleid fühlst? Bist du nicht derjenige, der jemandem ein schattiges Plätzchen zuweist, wenn er ihn in der brennenden Sonne sitzen sieht, und den es zu Tränen rührt, wenn er jemanden sieht, der von Kopf bis Fuß an Schmerzen leidet? Wenn du nun deinen Leib für den wertvollsten aller Leiber hältst, was ist es dann, das dich deinem eigenen Schmerz gegenüber immun und Desastern gegenüber unbarmherzig werden lässt, und dich davon abhält, deine eigene Hilflosigkeit zu beweinen?Wie kommt es dann, dass du trotz großer Angst vor nächtlichen Übergriffen nicht aus dem Tiefschlaf erwachst, während du - in Freveln versunken - immer näher in den Strudel Seines Zorn gerätst? Mache dich nun mit eisernem Willen an die Gesundung deiner inneren Schwachstelle und verwandle den Tiefschlaf, der sich in deinen Augen breit gemacht hat, in Wachheit! Sei gottergeben und einzig dem Gedenken an Ihn vertraut! Genau dann, wenn du dich von Ihm abgewendet und einem andren zugewendet hast, stell dir vor, wie Er sich dir zuwendet, dich zu Seiner Vergebung ruft und dich mit Seinem göttlichen Wissen verwöhnt. Wie großmütig ist Er doch trotz Seiner unbeschreiblich großen Kraft und wie kannst du dich trotz all deiner Schwächen und deines Unvermögens nur erdreisten, dich Seinem Gebot zu widersetzen, wo du doch in Seiner Zuflucht wohnst, Er deine Fehler kaschiert und du dich in Seiner Huld tummelst! Und trotz allem enthält Er dir nicht nur nicht Seine Huld vor, Er hält es auch nicht für angebracht, die Schleier von deinen Geheimnissen zu lüften. Und so kommt es, dass du nicht einen einzigen Augenblick ohne Seine stets neuen Wohltaten, die Er dir zuteil werden lässt, und nicht ohne die Schleier bist, die Er über deine Fehler deckt und dass Er Unglücksfälle von dir abwendet. Was würdest du davon halten, wenn du Ihm nun Gehorsam erweisen würdest? Bei Gott, wenn das zuvor Gesagte auf das Verhältnis zweier Menschen zuträfe, die an Kräften gleich und an Macht ebenbürtig wären, so würdest du selbst am ehesten zu dem Urteil gelangen, dass dein Handeln schlecht und dein Wesen von übler Natur ist. Ich spreche die Wahrheit! Es ist nicht diese Welt, die dich hinters Licht geführt hat, sondern du bist es, der ihr auf den Leim gegangen ist, denn die Welt bietet dir ihre Ratschläge deutlich und unverhüllt dar, rückt dir die Wahrheiten ohne jegliche Diskriminierung in dein Bewusstsein. Mit ihren stetigen Mahnungen, beispielsweise die körperlichen Gebrechen, die dich befallen und das Schwinden deiner Kräfte, ist die Welt zweifellos viel zu aufrichtig und treu, als dass sie dich belügen oder hintergehen würde. Wie viele Ratschläge der Welt betrachtest du doch mit Skepsis und wie viele Wahrheiten in ihr hältst du für Lügen! Jawohl, wenn du dich aus kaputten Häusern und verlassenen, totenstillen Ruinen heraus erhebst, um die Welt zu erkennen, so wirst du sie mit ihren angenehmen Erinnerungen und deutlichen Hinweisen als einfühlsamen Freund und freundschaftlichen Gefährten vorfinden, die deinen Untergang bedauert. Wahrlich, welch eine Stätte, welch ein Hort des Guten wäre die Welt doch für denjenigen, der sie nicht wie sein eigenes Wohnhaus liebt und sie nicht als seine Heimat betrachtet. Und ohne Zweifel gelangen morgen nur solche Menschen von der vergänglichen Welt hin zum Glück, die ihr heute konsequent entfliehen. Wenn dann die Welt erzittert und die Furcht erregenden Ereignisse des Jüngsten Tages ihren Lauf nehmen, wird jeder einzelne Anhänger einer Überzeugung seinen Weg nehmen, jede Schicht von Dienern wird sich mit dem von ihm Angebeteten vereinen und jeder Zweig von Jüngern wird versuchen, zu seinem Anführer zu gelangen. An dem Tage, da Seine Gerechtigkeit sich kundtut,wird keine einzige Handlung, nicht einmal das Öffnen der Augen und der Blick in die Luft und auch kein leiser Schritt auf dem Erdboden, mit etwas anderem als mit göttlicher Gerechtigkeit bewertet. Bei wie vielen Argumenten wird ihre Banalität an jenem Tage offenbar werden, welche Lügengebäude werden einstürzen; so strebe also im Buch deines Lebens nach solchen Einträgen, die deinen Entschuldigungen festen Rückhalt bieten können und die dir als Beweise deiner Argumente von Nutzen sind. Mach aus dem, was nicht auf ewig bleibt, eine bleibende Errungenschaft, bereite dich auf die Reise vor, betrachte die Strahlen der Erlösung und sattle dir ein schnelles Reittier.

224

Über das Vermeiden von Unterdrückung

Bei Gott, ich schwöre: für mich wäre es wesentlich angenehmer zu ertragen, nächtelang bis zum Morgen im stacheligen Dornengestrüpp von Saadan und in Ketten geschlagen auszuhalten, als Gott und Seinem Gesandten am Tage der Wiederauferstehung zu begegnen wie einer, der einen anderen Gottesdiener unterdrückt und der etwas zu Unrecht von den wertlosen irdischen Gütern abgezweigt hat. Wie könnte ich denn jemanden wegen dieses irdischen Leibes, von dem jede einzelne Faser auf den Verfall hineilt und der lange, lange unter den Erdmassen bleiben muss, schon unterdrücken? Bei Gott, ich habe Aqil302 zu Zeiten von Not und Elend erlebt, als er von mir etwas von eurem Weizen abhaben wollte, während ich mir seine Kinder Staub bedeckt und mit zerzaustem Haar ansah. Die Gesichtsfarbe der Kinder hatte sich von der Armut schon so dunkel verfärbt, dass es aussah, als hätte man sie mit Indigo angemalt. Aqil trug seine Bitte mit großem Nachdruck vor und wiederholte sie immer wieder. Am Anfang hörte ich seinen Reden so aufmerksam zu, dass er denken musste, ich würde meine Religion an ihn verkaufen, würde meinen Weg verlassen und mich ihm anschließen! Da brachte ich ein Eisenstück zum Glühen und hielt es nahe an seinen Körper, damit er daraus lerne. Er jammerte wie ein Kranker auf dem Krankenlager, als wenn ihn das glühende Eisen schon schmelzen ließe. Da sprach ich zu ihm: „O Aqil, mögen dich die Klageweiber beweinen, du jammerst schon so bei einem Eisen, was ein Mensch zum Glühen bringt, aber mich bringst du in das Feuer, welches der Zorn Gottes entfachen wird? Du musst schon bei diesem kleinen Wehwehchen so klagen, hältst aber mein Jammern vor der Brunst der Hölle für unangebracht?“ Noch erstaunlicher als diese Geschichte ist die eines Mannes303, der zur mir kam mit einem verschlossenen Gefäß, in dem sich eine Tinktur befand, vor der ich mich dermaßen ekelte und schüttelte, als wäre sie mit Speichel oder dem Erbrochenem einer Schlange versetzt. Ich sagte zu ihm: „Hat das et-was mit der Blutsbande zu tun, oder mit der Armenspende oder den Almosen, denn die sind für uns als Angehörige der Familie des Propheten ja verboten!“ Er sagte: „Es ist weder dies noch jenes, sondern ein Geschenk.“ Da sagte ich: „Mögen dich die Frauen der toten Kinder beweinen, bist du denn gekommen, um mich mit religiösen Ausreden zu täuschen? Bist du verwirrt oder geisteskrank oder hast du Wahnbilder? Bei Gott, wenn man mir alles, was unter Gottes Sieben Himmeln ist, dafür gäbe, Gott gegenüber nicht gehorsam zu sein – und sei es nur soviel wie ein Kornspelz aus dem Mund einer A

302 Moslem Ibn-e Aqil ist der Bruder von Imam Ali (S) (d. Übers.). 303 Asha’s bin Qais (Anm. i.d. engl. Übers.).

meise – ich würde es nicht tun, denn diese eure Welt ist für mich weniger wert als ein halbzerkautes
Blatt im Maul einer Heuschrecke.
Was soll Ali mit vergänglichen Segnungen und kurzlebigen Genüssen anfangen? Vor der Schläfrigkeit
des Intellekts und der Hässlichkeit der Verfehlungen suche ich Zuflucht und Beistand bei Gott.

225

Ein Bittgebet

O Herr, bewahre mir Ehre und Ansehen in Zeiten des Wohlstands und entwürdige mich nicht in Zeiten von Armut und Not, sodass ich meinen Lebensunterhalt von denen erbitten müsste, die ihr Auskommen wiederum von Dir erbitten, und lass mich nicht um Zuneigung bei den Schlechten Deiner Schöpfung nachsuchen müssen; ich auf der einen Seite in die Zwangslage käme, diejenigen zu lobpreisen, die mir etwas abgeben und auf der anderen Seite in die Verlegenheit käme, diejenigen zu verurteilen, die mir ihre Gaben verweigern, wobei Du es in jedem Falle bist, der hinter den Kulissen die Zügel in Seiner Hand hält, zu geben oder nicht zu geben und „… nur Du hast die Macht über alle Dinge.“304

226

Über die Vergänglichkeit der Welt und die Hilflosigkeit derer, die in den Gräbern sind

Dies ist ein Haus, überdeckt von Schmerzen und berüchtigt für Verrat! Weder sind die Gegebenheiten darin von Bestand noch finden seine Bewohner Schutz darin; mit den vielen Veränderungen und unterschiedlichen Zeitabschnitten gestaltet sich das Leben in diesem Haus schändlich und Sicherheit ist keine vorhanden; die Menschen sind eine Zielscheibe, auf die sie mit Pfeilen abzielt und durch den Tod vernichtet. Und ihr, ihr Diener Gottes, wisset, das ihr euch ebenso wie alle eure Angelegenheiten sich auf demselben Wege derer befinden, deren Zeit vor eurer Zeit abgelaufen war, deren Leben länger war als euer, deren Städte besser gebaut waren als eure und deren Spuren länger nachgewirkt haben als eure. Ihre Stimmen sind nun verstummt, alle ihre Spuren verweht. Ihre sich zum Himmel türmenden Paläste und ihre weichen Polsterkissen sind zu ehernem Felsgestein und unterirdischen Grabstätten geworden; Gräber, die im Vergehen begriffen sind und die sich allein auf Erdreich gründen; ihre Gräber stehen dicht aneinander, deren Insassen sind jedoch weit entfernt voneinander; auf der einen Seite sind sie in der Stellung, in der sie sich befinden, von Angst erfüllt, auf der anderen Seite sind sie zum Nichtstun verdammt und haben viele Probleme. Weder können sie sich an diese Heimstatt gewöhnen, noch können sie miteinander wechselseitige Nachbarschaftsbeziehungen pflegen. Es gehört zu ihren besonderen Merkmalen, dass sie zwar Nachbarn sind und ihre Häuser unmittelbar nebeneinander stehen, sie sich untereinander aber fremd bleiben! Nun ja, wie sollen sie sich auch gegenseitig Besuche abstatten, wo doch ihre Brustkörbe vom Monster der Verwesung zerschlissen sind und Stein und Erdreich ihre Leichname langsam aber sicher zersetzt haben? Es scheint, als würdet ihr euch auch auf das gleiche Schicksal hinbewegen, würdet zu Geiseln eben jener Erdbetten werden und an denselben Aufbewahrungsort gelangen. Wie wird es euch dann ergehen, wenn sich diese Ereignisse erst für euch abspielen und die Gräber das ausspeien, was sie in sich haben? „Dort wird jede Seele über das, was sie früher getan hat, nachgeprüft. Und sie werden zu Allah, ihrem wahren Schutzherrn, zurückgebracht, und entschwunden ist ihnen (dann), was sie zu ersinnen pflegten.“305

304 Heiliger Koran, 66. Sure, Vers 8. 305 Heiliger Koran, 10. Sure, Vers 30.

227

Eine Fürbitte des Imams

O Herr, Du bist der nächste Vertraute Deiner eigenen Anhänger und in der Verborgenheit ihrer Geheimnisse bist Du Zeuge derer, die sich auf Deine Unterstützung verlassen, Du bist mit deren Innersten vertraut und kennst deren Sichtweisen. Aus diesem Grunde sind ihre Geheimnisse für Dich offen sichtbar und ihre Herzen fliegen Dir in Verehrung und Anbetung zu. Wenn Einsamkeit sie in Angst versetzt, so fassen sie im Gedenken an Dich wieder Zutrauen; trifft sie von allen Seiten Unglück, so suchen sie bei Dir Zuflucht in der sicheren Überzeugung, dass die Fäden für alle Geschehnisse in Deiner mächtigen Hand liegen und die Ausführung ihrer Gebote ausschließlich Deinem Willen folgt. O Herr, wenn es mir schwer fällt, meinem Wunsch Ausdruck zu verleihen, ich nicht recht weiß, nach welchen Wünschen ich suchen soll, dann zeig’ Du mir den Weg zu meinen Interessen auf und lenke mir mein Herz mit Deiner Anziehungskraft auf den Weg meiner Erhabenheit, denn eine solche Rechtleitung ist für Deine Fähigkeiten weder etwas Unbekanntes noch etwas Neues. O Herr, geleite mich auf die Wogen Deiner Vergebung, doch bringe mich nicht auf die Waagschale Deiner Gerechtigkeit!

228

Über einen Verstorbenen

Gott segne das Land eines gewissen Herrn X306, der die Unregelmäßigkeiten der Gesellschaft glättete und deren Schmerzen heilte. Er etablierte die Sunna und überwand die Fehde. Rein und ehrenhaft und mit nur ganz wenigen Fehlern behaftet ist er von uns gegangen. Von ihm haben wir Gutes erfahren und dies hat das Schlechte (an ihm) bei weitem übertroffen. Er war dem Gehorsam zu Gott verpflichtet und hielt sich an die Gottesfurcht, wie es sich geziemte. So ist er nun aus dieser Gesellschaft fortgezogen und hat die Menschen auf zahlreichen Kreuzwegen zurückgelassen, auf denen der Verirrte keine Rechtleitung empfangen und der Wegsuchende keine Gewissheit erlangen kann.

229

Eine Rede des Imams (S) in Beschreibung der Tumulte, welche der Treueid des Volkes auf ihn ausgelöst hatte, was zuvor schon in ähnlicher Form, nur in anderen Worten, behandelt wurde

Ihr habt mir die Hand zum Treueid geöffnet, während ich sie wieder zumachte, und ihr habt die Hand zu euch herangezogen, doch ich zog sie wieder zurück. Ihr seid über mich hergefallen wie durstige Kamele, die sich über die Tränke hermachen, um ihren Durst zu stillen, so dass ich das Schuhwerk verlor, der Umhang mir von der Schulter fiel, die Schwächeren fast zertreten worden wären und beim Ableisten des Treueids zu mir war die Freude der Menschen dann überwältigend: die Kinder jubelten vor Begeisterung, die älteren Menschen traten zitternd und tastend heran, die Kranken wurden huckepack herangetragen und die Mädchen kamen unverschleiert zum Geschehen.

306 Lt. Ibn Abil Hadeed ist hier der zweite Kalif Omar gemeint, denn unter dem „Herrn X.“ habe Sayed Razi mitseiner Schrift „Omar“ vermerkt. (Anm. i. d. engl. Übers.).

230

Über die Gottesfurcht als Schlüssel zur Rechtleitung

Ja, Gottesfurcht ist zweifellos der Schlüssel für Standhaftigkeit, eine Rücklage für den Jüngsten Tag, Freiheit von jeder Form der Versklavung und Erlösung vor jeglichem Untergang. Durch Frömmigkeit gelangen diejenigen, die sich strebend um ein Ziel bemühen, zum Erfolg, denjenigen, die vor der Gefahr fliehen, gelingt die Rettung und ein jegliches Ziel wird erreicht. Tut jetzt noch etwas, wo die Taten vor den göttlichen Thron kommen, die Buße noch nutzt, das Gebet noch erhört wird, ihr euch eures Seelenfriedens erfreut und die Stifte noch am Aufschreiben sind, und kommt mit reichlich Aufwand dem fortschreitenden Alter, schleichenden Krankheiten und dem wegraffenden Tod zuvor, denn der Tod zerstört die Lebensgenüsse, verdunkelt die Leidenschaften und entfernt den Menschen von seinem angestammten Ort. Der Tod ist ein unwillkommener Besucher, ein unbezwingbarer Gegenspieler und ein Mörder, der nicht zu verfolgen ist; er hat seine Fangnetze unter euren Füßen ausgebreitet, hält euch von euren Schmerzen umzingelt, hat euch zum Ziel seiner Speerlanzen gemacht, seine Übermacht ist Furcht erregend für euch, seine Angriffe sind unentwegt und die Hiebe seiner Waffe treffen kaum einmal daneben. So wird es nicht mehr lange dauern, bis der Alptraum des Todes seine Schatten mit schwarzen Wolken, todbringenden Krankheiten, unendlich großen Schwierigkeiten, trüb-finsterer Bewusstlosigkeit, dichtem und sich überall ausbreitendem Qualm und seinem scharfen Geschmack über euch wirft! Es sieht dann so aus, als käme er urplötzlich des Weges, um eure gesummten Weisen in der Brust zu ersticken, eure Freunde auseinander zu bringen, eure Werke zu schmälern, Haus und Hof stillzulegen und die Erben zur Teilung eures Nachlasses auf den Plan zu rufen; noch dazu unter deinen besten Freunden, die dann nichts davon abbekommen, unter deinen traurigen Verwandten, die sich nicht zu verteidigen wissen, und unter denjenigen Schadenfrohen, die Trauer und Wehklagen nicht kennen. So bemüht euch also, so gut ihr könnt; verbessert eure Vorbereitungen und nehmt Proviant aus dieser Welt auf, die euch ein Proviantlager ist. Möge die Welt euch nie so täuschen, wie sie frühere Gemeinden und vergangene Jahrhunderte getäuscht hat. Diejenigen, denen der irdische Honignektar süß im Halse mundete, wurden von ihr betrogen, ließen sich die Chance entgehen und ihre Frische verwelken. Ihre Häuser sind nun in Gräber umgewandelt, ihr Vermögen bekamen andere in die Hände; sie kennen die Besucher (des Friedhofs) nicht, sie empfinden nichts beim Anblick von deren verweinten Augen und einer Einladung können sie nicht mehr nachkommen. So hütet euch vor der Welt, die eine äußerst heimtückische, trickreiche Betrügerin ist, die gibt und gleichzeitig wieder nimmt, die sowohl verdeckt als auch enthüllt. Die Ruhe in ihr geht einmal zu Ende, doch ihre Schmerzen sind unendlich und ihre Misere hört niemals auf.

Ein weiterer Teil dieser Rede in Beschreibung der Frommen

Sie sind eine Gruppe von Erdbewohnern, die in Wirklichkeit nicht von dieser Welt sind; sie führen eine Lebensweise, die Ausdruck ihrer irdischen Absonderung und Weltfremdheit ist; sie handeln in der Welt entsprechend ihrer ganz eigenen Sichtweise und halten sich fern von dem, was sie ganz bewusst fürchten. Ihre körperlichen Anstrengungen in der Welt sehen so aus, als würden sie sich quasi auf den Schultern der Bewohner des Jenseits bewegen. Jawohl, die Frommen selbst betrachten den Tod der Herzen der Lebenden als viel bedeutsamer als alles andere, wobei sie mit ansehen müssen, wie es um die Menschen dieser Welt – die den Tod ihrer Leiber für das Allerwichtigste halten – bestellt ist.

231

Eine Rede, gehalten in Ziqar, auf dem Wege nach Basra, welche vom Historiker Waqidi im Kitab-ul-Jamal erwähnt wurde

Jawohl, der Prophet lud ein, wozu er seiner Mission nach berufen war und verbreitete die Botschaften seines Schöpfers. Mit seiner Hilfe füllte so der Herr die durch die Auseinandersetzungen entstandenen Bruchstellen auf und ließ nach den Flammen der Feindschaft, die sich in den Menschen entzündet hatten und den versteckten Hassgefühlen, die in ihren Herzen immer wieder Funken schlugen, zwischen den Familienangehörigen Zusammenhalt und Sympathie entstehen.

232

Die Antwort, die der Imam (S) seinem Anhänger Abdullah Ibn Zamaa gab, als dieser zu ihm kam und ihn um Geld bat:

Dieses Geld ist weder mein persönliches Eigentum noch gehört es dir, es ist allein der kollektive Besitz aller Muslime, den sie mit dem Schwert errungen haben. Wärest du bei den Kämpfen dabei gewesen und hättest du dich an ihnen beteiligt, dann könntest du auch den gleichen Anteil davon abhaben, ansonsten kann das, was die Kämpfer mit ihrer Hände Arbeit eingebracht haben, nicht anderen als Bissen zum Munde geführt werden.

233

Über die Notwendigkeit, die Wahrheit zu sprechen

Seid euch gewahr, die Zunge ist ein sensibler Teil des menschlichen Körpers, mit der Worte – verschließt sie sich – nichts auszurichten vermögen; öffnet sie sich aber, so lässt sie dem Redner keine Zeit. Wir sind diejenigen, die Gewalt über die Verbreitung der Worte ausüben, die wie Sprösslinge inuns wurzeln und deren einträgliche Äste von allen Seiten auf uns herabhängen. Und ihr – Euer Gott erweise euch Seine Gunst – wisset nun, dass ihr euch in einer Ära und in einem Umfeld befindet, da die Zahl derer, die die Wahrheit verkünden, nur gering ist, aufrichtige Zungen sich nur schwer regen und Streitern für die Wahrheit nicht der geringste Wert beigemessen wird. Die Menschen unserer Ära beten heimlich den Frevel an und sie stecken in ihrem Versöhnlertum unter einer Decke; die jungen Leute unter ihnen sind bösartig und die Alten verbrecherisch; die Gebildeten unter ihnen haben doppelte Gesichter und die Wortgewaltigen unter ihnen sind (nur) Schmeichler; die Jüngeren pflegen weder den Respekt vor den Älteren noch greifen die Wohlhabenden den Mittellosen helfend unter die Arme.

234

Eine Überlieferung von Ze’lab Yamani, die dieser von Ahmad Ibn Qutaiba hat, dieser wiederum von Abdullah Ibn Yazid, dieser von Malik Ibn Dihieh, besagt, dass der Imam (S) — als die Rede auf die Unterschiede bei den Menschen kam — folgendes sagte:

Die Wurzel dieser Unterschiede stammt aus der Vielzahl von unterschiedlichen Mentalitäten, denn zu Beginn ihrer Schöpfung waren die Menschen noch aus einem Stück geformt, bestehend aus salzigen, süßen, harten und weichen (mineralischen) Bestandteilen der Erde. Sie stehen einander so nahe, wie sie sich dem Maß ihrer Beschaffenheit (aus Ton) nach nahe stehen, und sie sind so unterschiedlich und fern voneinander wie das Ausmaß ihrer irdischen Wurzeln. So kommt es, dass der eine ein außerordentlich hübsches Antlitz hat, dabei (aber auch) außerordentlich wenig Verstand besitzt, der andere ist von hohem Wuchs, aber von niederem Antrieb; einer hat ein unansehnliches Äußeres, ist aber von guten Manieren; ein anderer ist klein gewachsen, hat (aber) Tiefgang in den Gedanken; einer hat ein reines Wesen, ist (aber) von Unflat in seinem Verhalten; ein anderer ist zerstreut in Gedanken und unruhig im Herzen, und wieder ein anderer ist wortgewandt im Ausdruck, scharf im Verstand und von wachem Herzen.

235

Worte, gesprochen, als der Imam (S) mit der Leichenwäsche und dem Umbetten des Propheten — der Segen Gottes sei mit ihm und dessen Familie — in dessen Totenhemd befasst war

O Gesandter Gottes! Ich opfere dir meinen Vater und meine Mutter! Nicht mit dem Tod der anderen, einzig und allein mit deinem Tod ist das Band des Prophetentums und der himmlischen Botschaften zerrissen! Du bist sowohl die einzigartige Quintessenz, mit deren Verlust einem kein anderer Kummer mehr unerträglich erscheint, als auch jener massive Lichtquell, in dessen Schatten alle Menschen gleichgestellt sind. Hättest du nicht selbst geboten, dass man sich in Geduld fasse, und hättest du es nicht verboten, rast- und ruhelos zu sein, ich hätte solange geweint, bis die Tränenquellen versiegt wären, hätte für immer in Trauer um dich verharrt und mich nie mehr aus jenen Zeiten der Trauer gelöst! All dies wäre nichts gewesen im Vergleich zu der Katastrophe des Verlustes um dich. Doch den Tod kann man nicht rückgängig machen, man kann sich nicht gegen ihn zur Wehr setzen. Ich opfere dir meinen Vater und meine Mutter! Denk’ an mich, wenn du vor deinen Schöpfer trittst! Bewahre mir einen Platz in deinen Erinnerungen!

236

Diese Worte sind ein kurzer Auszug aus einer längeren Rede, bei der der Imam (S) seine Erinnerungen an die Hidjra beschrieb und wie er sich dem Gesandten (S) anschloss

Also setzte ich mich auf den Wogen der Erinnerung an ihn in Bewegung und verfolgte seine Spuren solange, bis ich nach Aradsch307 gelangte…

237

Über das Sammeln von Vorrat für die nächste Welt

Jetzt, da ihr euch (noch) in der Weite des Lebens befindet und die Bücher sowie die Tür zur Buße offen sind, wird unentwegt an die Menschen, die der göttlichen Wahrheit den Rücken zugekehrt haben, appelliert und besteht für Missetäter (noch) Hoffnung, so dass ihr - bevor die Fackel des Tätigwerdens verglimmt, eure Frist abläuft, eure Stunde schlägt, das Tor zur Buße zufällt und die Engel Gottes sich zum Fluge aufschwingen – noch tätig werden und danach streben könnt. Möge jeder (etwas) aus seinem ‚Niederen Ich’ für sein ‚Höheres Ich’ aufnehmen, das bedeutet, etwas mitzunehmen aus seinem ‚Lebendigen Ich’ für sein ‚Entseeltes Ich’, aus seinem ‚Endlichen Ich’ für sein ‚Bleibendes Ich’ und aus seinem ‚Vergänglichen Ich’ für Sein ‚Ewiges Ich’. Derjenige Mensch fürchtet Gott wahrhaftig, der weiß, dass ihm bis zum Herannahen der Todesstunde (nur) eine begrenzte Lebenszeit zur Verfügung steht und dass sein Tun währenddessen unablässig beobachtet wird; mit Hilfe der Frömmigkeit zügelt er sein widerspenstiges Ego und hält es mit seiner Gottesfurcht im Zaum. Diese Zügel halten ihn einerseits davon ab, dass dieses Ego mit ihm durchgeht und sie geleiten ihn andererseits hin zum Gehorsam vor seinem Herrn.

307 Ein Ort zwischen Mekka und Medina (Anm. i.d. engl. Übers.).

238

Worte über die Schiedsmänner308 beim Schiedsgericht und Worte der Rüge an die Syrer

Die Syrer sind ein Haufen von Unterdrückern, Gesindel, Knechten und gemeinen Nichtswürdigen, die von überall daher gelaufen gekommen sind, und sie stellen ein Gemisch der verschiedensten Anschauungen und diverser Schwächen dar. Sie sind Menschen, die (noch) Tiefgang im Glauben, Anstand, Wissen und Erfahrung lernen müssen und denen man mit einer klugen Politik eine Zeitlang etwas die Hände binden muss, (denn) sie gehören weder den Emigranten oder den Ansar an, noch zu denjenigen, die eine besondere Position im Glauben innehaben. Lasst euch gesagt sein, der Gegner309 hat es vermocht, jemanden auszusuchen, der seinem gewünschten Bild am nächsten kommt. Ihr dagegen habt jemanden ausgewählt, der genau dem entgegen gesetzten Bilde eurer Vorstellung entspricht, habt ihr doch gestern erleben müssen, wie Abdallah Ibn Qheis am Rande der Kamelschlacht meinte: „Dies hier ist eine verhängnisvolle Fehde, spannt also nicht eure Bögen und zieht nicht eure Schwerter!“ Wenn er gestern nun die Wahrheit gesagt hat, dann muss er heute – wo er zu uns kommt und freiwillig an der Schlacht teilnehmen will – irren, und wenn er die Unwahrheit gesprochen hat, dann muss man ihm misstrauen. So macht also Abdallah Ibn Abbas zu eurem Schild gegen Amr Ibn El-Aas. Nutzt diese günstigen Gelegenheiten, die das Schicksal euch bietet und wacht über die Grenzen, die den Islam umgeben. Seht ihr denn nicht, dass eure Städte ausgeplündert und eure Festungen zur Zielscheibe von Schüssen werden?

239

Worte in Beschreibung der Mitglieder der Familie des Propheten — der Segen Gottes sei mit ihnen

Die Mitglieder der Heiligen Familie sind in Wahrheit die Überbringer des lebendigen Wissens und des Todes von Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. Ihre Standfestigkeit und ihre Gelassenheit sind Ausdruck ihres Wissens und ihrer Wissenschaft, ihr Äußeres kündet von ihrem Innersten und ihr Schweigen verdeutlicht die Festigkeit ihrer logischen Vernunft. Sie lehnen sich weder jemals gegen die (göttliche) Wahrheit auf noch lassen sie sich darin von Uneinigkeit heimsuchen. Sie sind die Stützpfeiler des Islams und die Geheimnisträger der Offenbarung. Dank ihrer Kämpfe konnte das Recht wieder an seinen gebührenden Platz zurückkehren, das Unrecht von seinem Rang abfallen, wobei die Zunge des Unrechts an ihren Auswüchsen gekappt wurde. Ihr religiöses Gedankengut basierte auf Aneignung (durch Lernen) und der Bewahrung dieser Anschauungen, nicht auf Hörensagen und bloßer Wiedergabe, denn die Zahl der Überlieferer ist groß, doch äußerst rar sind die wahren Wächter (dieses Wissens).

308 Die Schiedsmänner der Iraker und der Syrer, Abu Musa Ash’ari (=Abdallah Ibn Gheis) und Amr Ibn El-Aa’s(Anm. i.d. engl. Übers.) Abu Musa Ash’ari war seinerzeit Gouverneur von Kufa und versuchte die Bewohner seiner Stadt davon abzuhalten, sich dem Heer des Imams (S) anzuschließen (Anm. i.d. persischen Übers. von Dr. Shahidi).

309 die Syrer, die Amr Ibn El-Aa’s zu ihrem Schiedsmann wählten.

240

Eine Rede des Imams (S) Abdallah Ibn Abbas kam im Auftrag von Osman, der sich in der Umklammerung von protestierenden Aufständischen befand, zum Imam (S) und überreichte ihm einen Brief von Osman, in dem stand, er solle sich auf seinen Besitz in Yamba310 zurückziehen, damit die Aufregung im Volk wegen seiner Kandidatur für das Amt des Kalifen abebbe. Eine solche Forderung war zuvor schon einmal erhoben worden. Der Imam (S) antwortete darauf:

O Sohn von Abbas, die Forderung von Osman bedeutet nichts weniger, als mich auf das Niveau von Wasserträger-Kamelen herabzustufen, die auch ständig in Bewegung sind: einmal verlangt er, dass ich mich von hier weg begebe, ein anderes Mal holte er mich wieder zurück. Jetzt verlangt er wieder, dass ich weggehe! Bei Gott, ich habe solange auf seiner Verteidigung beharrt, dass ich schon befürchtete, mich schuldig gemacht zu haben.

241

Eine Rede zur Motivation der Gefährten zur Anstrengung auf dem Wege Gottes

Es ist Gott, welcher euch die Erweisung von Dank Ihm gegenüber abverlangt; ebenso möchte Er euch auch zu Erben Seiner Sache werden lassen. Er ist derjenige, welcher euch in der Weltarena die Gelegenheit für Lektionen gibt, um zu sehen, wer von euch es schafft, den Treffer zu landen. So schnürt eure Leibesgurte fester und haltet eure Mägen frei von zu vielen Speisen, denn eine unerschütterliche Absicht geht nie mit Völlerei einher. O weh, wie oft bringen die Träume der Nacht die am Tage gefassten Absichten wieder zum Einsturz und wie verschlingen die Nächte mit ihren schwarzen Schlünden nur die Gedanken an die gestellten Ziele!

310 ein Dorf bei Medina (Anm. i.d. Übers. von Dr. Shahidi).

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