Frömmigkeit als Zeichen für das göttliche Seil
Sicherlich kennen Sie den Qur’anvers 103 der Sure Àl-þImrÁn, in dem es heißt:
„Und haltet allesamt fest am Seil Gottes, und zerfallet nicht...“
Die Qur’aninterpreten haben diesen Vers und insbesondere den Ausdruck „Seil Gottes“ unter Berücksichtigung der Überlieferungen unterschiedlich erklärt. Sie haben festgestellt, dass mit dem Seil Gottes z. B. der Heilige Qur’an, Prophet Mohammad (s.a.s.) oder seine reine Familie gemeint sind. Ein anderes Verständnis vom Seil Gottes geht aus der Ansprache 190 in Nahºu-l-BalÁ™a hervor, in der Imam Ali (a.s.) im Zusammenhang mit dem Wesen Gottes das Seil Gottes im Sinne von Frömmigkeit und Gottesfurcht versteht:
„Ihr sollt euch mittels Gottesfurcht und Frömmigkeit schützen, denn das ist wie ein Seil, das fest und sicher ist und einen festen Griff und einen hohen Berggipfel als Schutz bietet.“
Alle diese Begriffe, wie z. B. das sichere Seil, der feste Griff oder der hohe Gipfel zum Schutz, wollen uns sagen, dass Frömmigkeit und Gottesfurcht den Menschen vor Fehlern bewahren und ihn davor schützen, in die Schlucht der Sünde zu fallen, so dass er stattdessen ein gedeihliches Leben führt. Dies wird in Ansprache 16 der Nahºu-l-BalÁ™a beschrieben, wo es heißt:
„Seid achtsam, denn die Frömmigkeit ist wie ein folgsames Reittier, dessen Zügel in euren Händen ist, und das euch zum Paradies führt.“
Diese Beschreibungen mittels eines Seils, Griffes, Gipfels oder folgsamen Reittiers machen deutlich, dass der Mensch die Macht hat, zu wählen. Das verhält sich so wie mit einem Menschen, der in eine Schlucht gefallen ist und sich daraus retten und wieder nach oben gelangen will, und der in dieser Situation zehn verschiedene Seile vor sich sieht und nicht weiß, welches dieser Seile wirklich fest und sicher ist, so dass er sich daran hochziehen und heil nach oben gelangen kann. Es ist denkbar, dass er ein altes und nicht tragfähiges Seil ergreift, das nach einigen Metern reißt, so dass er wieder tief fällt. Vorstellbar sind auch verschiedene Griffe, die auf den ersten Blick fest und stabil erscheinen, die aber in Wirklichkeit nicht alle gleich fest und sicher sind. Ein Bergsteiger, der keinen sicheren und festen Halt findet, wird unweigerlich abstürzen. Ein weiteres Beispiel wäre eine Überschwemmung, die das Wasser immer höher steigen lässt, so dass das Überleben von der Entscheidung abhängt, welchen Gipfel man aufsucht, um sein Leben zu schützen. Die größte Sicherheit bietet gewiss ein hoher Berggipfel, den das Wasser nicht erreicht. Das Beispiel mit dem sicheren Reittier ist genau so zu verstehen. Wenn mehrere Reittiere vorhanden sind, sagt Imam Ali (a.s.), soll man ein ruhiges und zahmes Tier auswählen, das den Reiter sicher zum Ziel führen wird. Dieses Tier kennt den Weg, und es wird den Reiter ruhig an sein Ziel bringen. Imam Ali stellt fest, dass man nicht die wilden ungestümen Tiere auswählen soll, weil diese den Reiter zu Fall bringen, d. h. sie werden ihn nicht zum Ziel bringen und ihm darüber hinaus auch noch Schaden zufügen. Das zahme Reittier steht für die Gottesfurcht, während das wilde Reittier die Sünde verkörpert. Entsprechend ist das sichere Seil die Gottesfurcht, und der sichere Griff und der hohe Gipfel ist die Frömmigkeit. Gott hat uns in diese Welt gebracht und erschaffen, damit Er sieht, welche von den unzähligen Möglichkeiten wir auswählen, und das ist unsere Prüfung. In Sure al-Mulk, Vers 1, heißt es:
(Er,) Der den Tod erschaffen hat und das Leben, auf dass Er euch prüfe,
wer von euch die besseren Taten verrichte…
In diesem Sinne stellte Imam Ali (a.s.) fest:
„Wir wurden nicht für diese Welt erschaffen und um uns um ein weltliches Ziel zu bemühen, sondern wir wurden in diese Welt gebracht, um geprüft zu werden und in dieser Welt etwas für das Jenseits zu tun.“ (³urar al-¼ikam).
Wir haben uns in den letzten Ansprachen mit dem islamischen Toleranzbegriff beschäftigt und dabei festgestellt, dass in den islamischen Überlieferungen verschiedene Aspekte angesprochen werden, wie z. B. die Toleranz gegenüber Freunden oder auch gegenüber Feinden. Als letzten Punkt haben wir bisher die Toleranz gegenüber neidischen Feinden besprochen. Darüber hinaus gibt es aber noch weitere Aspekte der Toleranz in den Überlieferungen, mit denen wir uns heute befassen wollen.
Toleranz in der Familie
Ein wichtiger Fall, den der Islam betont, ist die Toleranz gegenüber den Familienmitgliedern und der Umgang mit dem Ehepartner und den Kindern. Der geehrte Prophet des Islam, Mohammad Mostafa (s.a.s.), sagte:
„Freundlichkeit und Toleranz sind ein Segen für jede Familie, und wenn einer Familie diese Freundlichkeit geschenkt wird, dann bringt ihr das nur Vorteile und Nutzen.“ (Nahºu-l-FaÈÁhe und Muþºam al-KabÍr, Bd. 12, S. 254).
Imam Sadiq (a.s.) stellte dazu fest:
„Einer Familie, die freundlich miteinander umgeht, wird Gott die Versorgung mehren.“
(WasÁ’Íl al-ÉÍþa, Bd. 15, S. 27).
Und Imam Ali hat in seinem Vermächtnis an seinen Sohn Mohammad ibn Hanafiyya betont:
„Gehe unter allen Umständen mit deiner Ehefrau tolerant und freundlich um, damit das Leben für dich angenehm sein wird.“ (WasÁ’Íl al-ÉÍþa, Bd. 20, S. 169).
Diese Empfehlung ist aber nicht den Männern vorbehalten, sondern auch die Frauen sollen mit ihren Ehemännern tolerant umgehen, wie Imam Ali (a.s.) bei einer anderen Gelegenheit feststellte:
„Die beste Frau ist diejenige, die geduldig und tolerant ist.“ (³urar al-¼ikam).
Wenn eine Frau immer streitet und nicht nachsichtig ist, wird das Leben der Familie wie die Hölle werden. Auch wenn ein Mann selbst Kleinigkeiten nicht verzeiht und nicht nachsichtig ist, wird er damit in der Familie Unruhe schaffen, und deshalb empfahl Imam Ali seinem Sohn Mohammad ibn Hanafiyya:
„Sei ihr gegenüber stets nachsichtig, auch wenn du Recht hast oder sie etwas Falsches sagt.“
In einem von Ishaq ibn Ammar überlieferten Ausspruch von Imam Sadiq (a.s.) heißt es, dass dies zu den Rechten der Frau gehört, die der Mann beachten muss, wenn er ihr Güte erweisen und zu den Wohltätigen gehören möchte:
„Verzeihe ihr, wenn sie aus Unwissenheit einen Fehler begeht.“ (WasÁ’Íl al-ÉÍþah, Bd. 20, S. 169).
Toleranz gegenüber anderen Meinungen (innere und äußere religiöse Toleranz)
Zu Beginn unserer Diskussion haben wir erwähnt, dass die Toleranz erst im Zusammenhang mit anders denkenden Menschen ihre wahre Bedeutung erlangt. Wenn diese Meinungsverschiedenheiten größer sind, wird mehr Toleranz vonnöten sein. Gedanken und Überzeugungen, die außerhalb der eigenen religiösen Überzeugung stehen (z. B. Christentum, Judentum, Zoroastrismus) verlangen Toleranz. Deshalb spricht Gott, der Erhabene, zu Seinem Propheten Mohammad (s.a.s) über die Notwendigkeit des Dialogs mit den Schriftbesitzern und anderen Religionen:
Sprich: "O Volk der Schrift, Kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch…“
(Sure Àl-þImrÁn, Vers 64).
Der Gesandte Gottes (s.a.s.) sagte, dass derjenige, der Andersdenkende als Feinde ansieht, von diesen ebenfalls als Feind angesehen werden wird:
Die schlechtesten Menschen sind diejenigen, die die anderen als Feind ansehen, welche ihn dann auch als Feind sehen.“ (Tu½af al-þUqÚl, S. 27 und Nahºul-FaÈÁ½e).
Ein wichtiger Punkt, der im Zusammenhang mit Toleranz berücksichtigt werden muss, ist die Tatsache, dass in vielen Überlieferungen, in denen von der Toleranz gegenüber „an-nÁs“, d h. den Menschen, die Rede ist, diejenigen gemeint sind, die nicht die eigene Überzeugungen und den eigenen Glauben teilen. Im Heiligen Qur’an heißt es oft „o ihr Menschen“ (yÁ ayyuhÁ-n-nÁs), d. h. alle Menschen ungeachtet ihrer Meinung. Davon unterschieden ist der qur’anische Ausdruck „o die ihr glaubt“ (yÁ ayyuhÁ-l-laªÍna ÁmanÚ), womit die Gläubigen gemeint sind. Vom Gesandten Gottes (s.a.s.) ist der Ausspruch überliefert, dass eine Moral vollkommen ist, wenn sie allen Menschen Toleranz erweist. Damit ist sicherlich jede andere Meinung und jeder andere Glauben gemeint, und die Toleranz gegenüber den Anhängern der anderen Religionen und Konfessionen soll man als Teil des eigenen Glaubens ansehen, und das ist ein sehr wichtiger Punkt. Prophet Mohammad (s.a.s) hat gesagt:
„Toleranz den Menschen gegenüber ist die Hälfte des Glaubens.“ (Nahºul-FaÈÁ½e).
Es wird in diesem Satz nicht gesagt „Toleranz gegenüber den Gläubigen“ oder „Toleranz gegenüber den Muslimen“. Wenn in den Überlieferungen von der Toleranz gegenüber den Feinden die Rede ist, dann ist es zweifellos so, dass mit denjenigen, mit denen es nur Meinungsunterschiede gibt, keine Feindschaft besteht, und wie der Qur’an sehr deutlich feststellt, sollen wir über die Gemeinsamkeiten mit den anderen Dialog führen und tolerant mit ihnen umgehen. Auch anderen islamischen Strömungen sollen wir Toleranz entgegenbringen. Es gibt viele Überlieferungen von der Familie des Propheten (s.a.s) im Hinblick auf die Toleranz gegenüber den unterschiedlichen islamischen Strömungen. Die unfehlbaren Imame (a.s.) wurden über diese Angelegenheit oft befragt, und sie antworteten stets, dass man mit den gläubigen Geschwistern tolerant umgehen soll.[1]
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