Frömmigkeit und Sicherheit
Zu den größten Wünschen und Neigungen des Menschen gehört es, in einer ruhigen und sicheren Umgebung zu leben. Im gleichen Maße, wie der Mensch zur Sicherheit neigt, lehnt er die Unsicherheit ab. Sicherheit wurde unterschiedlich definiert, und die vielleicht kürzeste und einfachste und gleichzeitig wichtigste Definition von Sicherheit ist diese, wonach der wesentliche Punkt im Zusammenhang mit der Sicherheit darin besteht, dass man von jeder Art der Gefahr und Bedrohung frei ist. (Vgl. Barry Buzan, People, States and Fear, U. K. 1987).
Die Sicherheit hat unterschiedliche Aspekte von Gefahr und Bedrohung, und Beispiele wie individuelle Sicherheit, kollektive Sicherheit, nationale Sicherheit, internationale Sicherheit usw. werden gemäß der Art der Bedrohung in zwei Kategorien, nämlich Hardware und Software, unterteilt. Das bedeutet die Sicherheit ist nicht nur in physikalischer und materieller Dimension interpretierbar, sondern auch die Software-Sicherheit, die im direkten Zusammenhang mit nichtphysikalischen Elementen wie z. B. Seele und Geist steht, ist sehr wichtig und muss beachtet werden. Es ist möglich, dass die objektive Hardware-Sicherheit vorhanden ist, aber die seelische und geistige Sicherheit für eine Person oder eine Gesellschaft nicht ebenso selbstverständlich gegeben ist.
In den islamischen Lehren wurden diese zwei Aspekte der Sicherheit beachtet. Der geehrte Prophet Muhammad (s.a.s.) hat die Sicherheit als eine unbekannte Gnade, deren Wert nicht richtig erkannt wurde, bezeichnet und neben die Gesundheit und das Wohlergehen gestellt. In diesem Sinne sind die Menschen wie Fische, die im Wasser leben und die Gnade der Gesundheit und Sicherheit genießen, aber den Wert dieser Elemente nicht kennen. Ebenso wie die Luft, die wir einatmen, hängen auch alle
anderen Gnaden von dieser Atmosphäre ab. Wenn keine Sicherheit vorhanden ist, verlieren die anderen Vorteile und die Ruhe der Existenz ihre Bedeutung. Deshalb sagt Imam Ali (a.s.), dass die angenehmste Gnade die Sicherheit ist. Er sagt:
„Es gibt keine angenehmere Gnade als die Sicherheit.“ (³Ghurar al-Hikam).
Und er sagte auch:
„Grundsätzlich sind Ruhe und Wohlergehen im Leben möglich, wenn Sicherheit vorhanden ist,
d. h. Ruhe und Wohlergehen der Existenz sind in der Sicherheit verborgen.“ (Ghurar al-Hikam).
Anhand dieser Erklärungen wird deutlich, dass der fromme Mensch, dessen Herz im Schatten des Gottgedenkens zu Ruhe gekommen ist, und der aufgrund seiner Frömmigkeit mit anderen Menschen einen toleranten Umgang hat, im Kreis der Sicherheit selbst bei seinem Gegner das Mittel der Toleranz einsetzen wird.
Er wird im Diesseits diese Sicherheit und Ruhe haben und auch im Jenseits, wo der Mensch mehr als in dieser Welt der Sicherheit und Freiheit von Gefahr bedarf, denn es ist ein göttliches Versprechen, dass die Gottesfürchtigen und Frommen an einem sicheren und ruhigen Ort im Jenseits Platz nehmen.
„Wahrlich, die Gottesfürchtigen sind an einer Stätte der Sicherheit, in Gärten mit Quellen.“
(Sure ad-Du¿Án, Verse 51 und 52).
Was soll der vernünftige Mensch, der gemäß dem Gebot der Vernunft und seiner menschlichen Veranlagung nach Sicherheit und Ruhe strebt, nun machen? Welchen Weg soll er einschlagen? Sicherlich einen Weg, der zu Sicherheit und Ruhe führt. Grundsätzlich stellt Imam Ali (a.s.) fest:
„Für einen vernünftigen Mensch ist es weder passend noch angesehen, dass er inmitten von Angst und Unsicherheit steht in einem Moment, da er einen Weg zur Sicherheit hat.“ (³urar al-½ikam).
Unsere Vernunft gebietet uns, dass wir für uns im Diesseits und Jenseits mit Gottesfurcht und Frömmigkeit die Sicherheit in beiden Welten garantieren. Welche Versprechungen sind sicherer und wahrer als die göttlichen Versprechungen? Welcher Weg und welches Ziel sind wirklicher, als der Weg der Gottesfürchtigen zu einer Stätte der Sicherheit?
Im Zusammenhang mit unserer Diskussion über die Toleranz haben wir zuletzt die Bedeutung der Toleranz aus der Sicht der Überlieferungen behandelt und festgestellt, dass die Toleranz nicht nur aus der subjektiven Sicht des Glaubens, sondern auch aus der objektiven Sicht wichtige Wirkungen auf unser Leben hat. Das Wohlergehen der Religion und unserer Welt liegt im toleranten Umgang. Nun, da die Bedeutung der Toleranz für uns klar ist, sollen wir sehen, wer die Adressaten der Toleranz sind.
Adressaten der Toleranz
Da im bisherigen Verlauf der Diskussion die Notwendigkeit der Toleranz und ihre Wirkung und Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlergehen der Religion und der Welt festgestellt wurden, wollen wir nun genau sehen, wer in den islamischen Überlieferungen die Adressaten der Toleranz sind.
1. Toleranz im Umgang mit Freunden
Obwohl in der Sprache der Überlieferungen bei den Empfehlungen zu einem freundlichen Umgang mit Freunden normalerweise der Begriff „rifq“ (d. h. Freundlichkeit) verwendet wurde, finden wir in einigen Überlieferungen aber den Begriff der Toleranz, wie z. B. in der nachfolgenden Überlieferung vom geehrten Propheten des Islam (s.a.s.):
„Ich rate zum toleranten Umgang mit einem Freund, der dich begleitet und mit dir zusammen ist.“
(Bi½Áru-l-anwÁr, Bd. 78, S. 272).
Oder wie in diesem Ausspruch von Imam Ali (a.s.) deutlich wird:
„Ich empfehle euch im Hinblick auf Freunde Toleranz.“ (Biharu-l-anwar, Bd. 1, S. 130).
Der wichtige Punkt bezüglich des Umgangs mit Freunden und Gefährten besteht darin, dass man mittels eines freundlichem Umgangs und der Ignorierung ihrer Fehler bewirkt, dass die Freundschaft stärker und stabiler wird, wie z. B. Imam Ali (a.s.) sagte:
„Mit Freundlichkeit und Toleranz wird die Freundschaft dauerhafter.“ (³urar al-½ikam).
Der edle Prophet (s.a.s.), der selbst ein Symbol der Toleranz und Freundlichkeit ist, hat in seinen Aussprüchen immer zu Freundlichkeit und Toleranz geraten und auch die Ignorierung von Fehlern der Freunde nahe gelegt. Er sprach:
Gott, der Erhabene, ist freundlich und tolerant, und Er liebt die Freundlichkeit und die Toleranz.“ (Nahºu-l-FaÈÁ½e; Æa½Í½ Muslim, Bd. 8, S. 22).
Andererseits sehen wir, dass in den islamischen Überlieferungen Härte, Intoleranz und bei jeder Kleinigkeit Kritik zu üben, als eine Gefahr für die Freundlichkeit bezeichnet wurde. Grundsätzlich ist jede Tat, Äußerung und Verhaltensweise, die den Freund wütend macht, die größte Gefahr für die Freundlichkeit. Imam Ali (a.s.) sagte:
„Wenn ein Gläubiger seinen Bruder erzürnt, bedeutet das, dass er sich von ihm getrennt hat.“
(Nahºu-l-BalÁ™a, Ausspruch Nr. 480).
d. h. das Band der Freundschaft ist zerrissen. In den islamischen Lehren wurde Nörgelei im Umgang mit den anderen verneint. Der edle Prophet Muhammad (s.a.s.), der ein Vorbild für uns ist, hat die Methode und Art und Weise seines Prophetentums und seiner Berufung in einem schönen Satz so beschrieben:
„Gott, der Erhabene, hat mich nicht zum Kritisieren und Nörgeln berufen, sondern mich als einen Lehrer auserwählt, der verzeiht und nachsichtig ist.“ (Kanz al-þummÁl, Bd. 11, S. 424; Nahºu-l-FaÈÁ½e).
Der edle Prophet empfahl weiterhin:
„In eurem Umgang und eurer Freundschaft sollt ihr euch der Härte, Gewalt und Übertreibung enthalten und mit Toleranz und Freundlichkeit miteinander verfahren.“ Und er sagte weiter:
„Ich möchte nicht, dass in eurer Religion Gewalt gesehen wird.“
(Nahºu-l-FaÈÁ½e; Kanz al-þummÁl, Bd. 15, S. 212).
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