Fasten und Frömmigkeit
Eine der wichtigsten und grundlegendsten Früchte des Baumes des Fastens ist dem Heiligen Qur’an zufolge die Gottesfurcht und Frömmigkeit. In Sure al-Baqara, Vers 183, steht geschrieben:
O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren. Vielleicht werdet ihr fromm werden.
Die Antwort auf die Frage, warum das wahre Fasten zu Frömmigkeit und Gottesfurcht führt, ist nicht so schwer. Das Hauptprinzip des Fastens im gesegneten Monat Ramadan besteht darin, dass man bei Gott zu Gast ist, wobei der Gastgeber seinen Gast mit dem Fasten bedient, und der fastende Gast verpflichtet ist, sich mit der gebührenden Höflichkeit und Ehrerbietung zu verhalten, die dem Gastgeber und dem Besuch entspricht. Im gesegneten Monat Ramadan bekommt der Fastende Durst; aber weil er sich in Gottes Anwesenheit und Gegenwärtigkeit sieht, trinkt er nichts. Er bekommt Hunger, aber er isst nicht. Bei der Reise und seinem Aufenthalt achtet er auf die Etikette dieses Zugastseins. Wenn der Fastende das wahre Fasten realisieren will, soll er bei seinem Blick, seiner Rede, seinem Hören, Erzählen und letztlich in seinem ganzen Verhalten auf die Höflichkeit in der Gegenwärtigkeit Gottes achten und diese berücksichtigen. Das ist die höchste Stufe und Wahrheit der Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Deshalb ist das Fasten für die wahren Gläubigen, wie es zuvor auch anderen Menschen und Völkern vorgeschrieben wurde. Wenn das Fasten alle diese Dimensionen berücksichtigt und ein wahres Fasten ist, wird die Berücksichtigung dieser Höflichkeit für uns eine Gewohnheit und eine dauerhafte moralische Eigenschaft in unserem Verhalten werden. Dann werden wir diese Ehrerbietung Gott gegenüber auch in anderen Monaten berücksichtigen. Dadurch werden wir die Stufe der Frömmigkeit und Gottesfurcht erreichen. Das heißt, es besteht die Möglichkeit, wie der Qur’an sagt, dass wir vielleicht fromm werden. Das wahre Fasten kann und soll zu Frömmigkeit führen, und die Wahrheit des Fastens und der Gottesfurcht sind fest miteinander verbunden.
Wenn ein Fastender diese Dimensionen nicht alle berücksichtigt und sein Fasten nur ein Fasten des Bauches ist, ohne dass auf die Hoheit Gottes geachtet wird und man sich in Seiner Gegenwärtigkeit fühlt, wird das natürlich niemals zu Frömmigkeit und zum wahren Fasten führen. Deshalb sagt der Heilige Qur’an „vielleicht werdet ihr fromm werden“. Wir hoffen, dass uns allen diese Möglichkeit gewährt wird, im gesegneten Monat Ramadan die Zeremonien des Zugastseins bei Gott und das wahre Fasten zu beachten und letztlich zu Frömmigkeit und Gottesfurcht geführt zu werden.
Unser Thema in den vorausgegangenen Freitagsansprachen war die Toleranz im Islam. Dabei wurde die Toleranz aus der Sicht der islamischen Überlieferungen unter Berücksichtigung der Verbindung und Bedeutung dieser Thematik zur Berufung zum Propheten und zur Berufung des letzten Gesandten Gottes, Hazrate Mohammad (s.a.s.), erörtert.
Die Bedeutung der Toleranz in den Überlieferungen
Abgesehen vom Zusammenhang zwischen der Toleranz und der Berufung der Propheten, der bereits behandelt wurde und uns die Wichtigkeit der Toleranz verdeutlicht hat, werden wir dem Thema der Toleranz und der Wichtigkeit dieser Thematik in den islamischen Überlieferungen aus einem anderen Blickwinkel heraus Aufmerksamkeit schenken. Eine Dimension, die von den Überlieferungen betont wird, ist die positive Wirkung der Toleranz auf die Lebensweise und die aus ihr resultierende Ruhe. D. h. die Realisierung von Ruhe wird nicht nur aus der Sicht des Glaubens und als ein subjektives Element, sondern in der realen Existenz als ein objektives Thema betont. Vom edlen Propheten (s.a.s.) ist der Ausspruch überliefert:
„Den Menschen mit Toleranz zu begegnen ist die Hälfte des Glaubens, und Freundlichkeit zu ihnen ist die andere Hälfte des Lebens.“ (UÈÚl al-KÁfÍ, Bd. 2, S. 117).
In manchen Überlieferungen ist die Rede davon, dass Toleranz bewirkt, dass schlechte und bittere Ergebnisse aus dem Leben des Menschen verschwinden und dass derjenige, der in seiner Moral und seinem Verhalten nicht tolerant ist, selbst von den schlechten Ergebnissen seines Verhaltens getroffen wird. Imam Ali (a.s.) hat in vielen Aussprüchen das ruhige und bequeme Leben, das im Schatten der Toleranz möglich wird, erwähnt und betont, wie z. B. in den beiden nachfolgenden:
„Die Gesundheit von Religion und Leben besteht in der Toleranz gegenüber den Menschen.“
(³urar al-¼ikam).
„Derjenige, der seinen Feinden und Gegnern Toleranz erweist, ist vor Krieg und Gewalt geschützt.“ (³urar al-¼ikam).
In einem anderen Ausspruch hat der edle Prophet (s.a.s), Gewalt und Freundlichkeit gegenübergestellt und gesagt:
„Eines bewirkt Unglück und das andere Toleranz.“ (Nahºu-l-FaÈÁ½e).
In vielen islamischen Überlieferungen wird darauf hingewiesen, dass das auf Toleranz basierende Verhalten ein Beispiel ist für ein Verhalten, das auf Weisheit und Vervollkommnung basiert.
Imam Ali (a.s.) sagte:
„Die Toleranz ist die Frucht der Weisheit.“ (³urar al-¼ikam).
Abgesehen von dieser Weisheit aus der religiösen und gläubigen Perspektive, manifestiert sich das vollkommenste Verhalten gegenüber den Menschen und insbesondere gegenüber unwissenden Menschen in Toleranz. Dieser Aspekt ist so wichtig, dass der edle Prophet (s.a.s.) darauf hingewiesen hat, dass das Dreieck :

„waraþ - Frömmigkeit
vollkommene Tat
modÁrÁ - Toleranz½ilm - Nachsicht“
die Vollständigkeit und Vervollkommnung aller Taten verursacht. Und er sagte, dass keine Tat desjenigen, der diese drei Eigenschaften nicht hat, vollkommen und vollständig ist. Das bedeutet, der Mensch braucht in seinem Handeln eine Reinheit und Frömmigkeit (waraþ), die ihn von Ungehorsam gegenüber Gott und Sünde fernhält; er braucht ferner im Umgang mit den Menschen Toleranz (modÁrÁ) und drittens Nachsicht und Geduld (½ilm), wodurch er das unwissende Verhalten unwissender Menschen von sich entfernt. (Nahºu-l-FaÈÁ½e, UÈÚl al-KÁfÍ).
In einem anderen schönen Satz empfiehlt uns der edle Prophet (s.a.s.) das Wissen, und er erklärt im Zusammenhang mit dem Wissen dessen verschiedene Dimensionen im Hinblick auf den Gläubigen.
„Das Wissen ist der freundlichste Freund des Gläubigen. Nachsicht und Geduld sind sein Minister. Vernunft und Weisheit sind sein Wegweiser. Die Tat ist seine Fürsorge und sein Vormund. Toleranz und Nachsicht sind sein Vater. Freundlichkeit und Verzeihung sind sein Bruder, und Geduld und Langmut sind sein Befehlshaber.“ (Kanz ul-þummÁl, Bd. 10, S. 144).
Daraus können Sie ersehen, in welchem Maße die Begriffe, die mit der Toleranz und der auf Toleranz basierenden Moral im Zusammenhang stehen, wie z. B. Geduld (Èabr), Nachsicht (½ilm), Freundlichkeit (rifq) und Nachgiebigkeit (lÍn), den gläubigen Menschen unterstützen und im Ruhe schenken können. Anders gesagt kann das tolerante Verhalten den Menschen vor Unruhe schützen. Der edle Prophet (s.a.s.) sagte in einem schönen Satz:
„Toleranz den Menschen gegenüber ist gleichbedeutend mit dem Spenden von Almosen.“
(Nahºu-l-FaÈÁ½e).
Das bedeutet, dass auf die gleiche Weise wie das Spenden von Almosen die Gefahr vom Menschen entfernt, auch die Toleranz die Gefahren vom Menschen fernhalten. In diesem Sinne hat der Gesandte Gottes (s.a.s.) über die Almosen gesagt, dass sie Krankheiten und Gefahren vom Menschen entfernen; ein toleranter Umgang mit anderen Menschen ist eine Art des Almosengebens, das vom Menschen Gefahren und Unruhen fernhält und ihm Ruhe und Wohlbehagen schenkt. Diese Angelegenheit ist so wichtig, dass der edle Prophet (s.a.s.) sagte:
„Wenn Gott will, das in einer Familie die Atmosphäre der Güte und Freundlichkeit herrscht, und die Beziehung der Mitglieder der Familie auf Nachsicht und Toleranz basieren, wird er diese Familie in eine Atmosphäre der Toleranz, Freundlichkeit und Nachsicht gelangen lassen.“ (Nahºu-l-FaÈÁ½e).
Diese wichtige Angelegenheit ist damit aber nicht beendet, sondern durch diese Nachsicht und Toleranz erlangt diese Familie viele weitere gesegnete und gute Dinge, wie Imam ÆÁdiq (a.s.) in einer
Überlieferung sagt:
„Jeder Familie, die mit Nachsicht und Toleranz miteinander umgeht (und die Gnade der Toleranz erkennt), wird Gott mehr Versorgung schenken.“ (WasÁÍl al-ÉÍþÁ, Bd. 15, S. 270).
Zugriffe: 1355