Frömmigkeit und Klugheit

Bei der Erörterung der Frömmigkeit spielen zwei gegensätzliche Begriffe eine Rolle, nämlich „kiyasat“ und „Hemaqat“. „Kiyasat“ bedeutet „Klugheit“, „Scharfsinn“, „Wachsamkeit“, „Intelligenz“, und das Gegenteil davon, „Hemaqat“, bezeichnet „Dummheit“, „Torheit“ oder „Verständnisschwäche“. Sicherlich ist Klugheit im Denkprozess eine Eigenschaft, die das gewöhnliche Denken übersteigt, und gilt folglich als eine positive Eigenschaft. „¼emÁqat“ hingegen bringt ein unter dem Durchschnitt lie-gendes Denkvermögen zum Ausdruck und gilt deshalb als eine Schwäche. Der kluge Mensch denkt vielseitig, hat einen weiten Blick und betrachtet die Dinge mit Scharfsinn; auch sein Handeln basiert auf dieser Vielseitigkeit, die ihm sein Scharfsinn ermöglicht und folglich sein Leben bestimmt. Der dumme Mensch hat hingegen eine eingeschränkte Sichtweise; ihm fehlt der Weitblick, um seinen Vor-teil und seinen Verlust zu erkennen, d. h. sein Blick reicht nur bis zur eigenen Nasenspitze.

Worin besteht nun im täglichen Leben Klugheit und Scharfsinn? Indem wir unsere Zeit und die Gele-genheiten, die unser Leben bietet, bestmöglich nutzen. Ein Mensch, der für sein Alter das beste Ein-kommen erhält, das schönste Haus bewohnt und die vorbildlichste Ehe führt, einen solchen Menschen bezeichnen wir als klug und intelligent, wohingegen ein Mensch, der diese Gelegenheiten verpasst, als dummer Mensch angesehen wird. Wenngleich alle diese Aspekte einerseits auf die Klugheit und andererseits auf die Dummheit verweisen, so sind diese Gelegenheiten und guten Zustände aber nicht auf Besitz, Auto, Haus, Zeugnis, Beruf usw. begrenzt, sondern das Leben bietet dem Menschen darüber hinaus höhere Gelegenheiten für einen weiten Blick auf das Leben des Jenseits. Diese Gelegenheiten zu nutzen ist ein Ausdruck von Klugheit, und der Gipfel der Klugheit sind Frömmigkeit und Gottesfurcht, wie der edle Prophet des Islam (s.a.s.) sagte:

„Die klügste Klugheit ist die Frömmigkeit, und die dümmste Dummheit ist die Sündhaftigkeit.“
(Biharu-l-anwar, Bd. 77, S. 117).

Der fromme Mensch nutzt die Gelegenheiten, die ihm das Leben bietet, und gestaltet auf diese Weise sein Diesseits und sein Jenseits. Der sündige Mensch hingegen zeigt seine Torheit, indem er die ihm gebotenen Gelegenheiten nicht richtig nutzt, sündigt und damit auch sein Jenseits verunstaltet. Der fromme und gottesfürchtige Mensch bereitet sich auf die größte und wichtigste Reise seines Lebens vor und ist folglich einer der klügsten und scharfsinnigsten Menschen. Ist denn jemand, der mit Got-tesfurcht und Frömmigkeit den Entschluss zu seinem eigenen Wohlergehen und seiner eigenen Glück-seligkeit im Diesseits und im Jenseits fasst, kein kluger Mensch? Möge Gott uns alle zu diesen klügs-ten Menschen, d. h. den Gottesfürchtigen, gehören lassen.


Weitere Begriffe, die mit der Toleranz eng verbunden sind

In den vorausgegangenen Ansprachen haben wir bereits einige Begriffe diskutiert, die mit dem Tole-ranzbegriff im direkten Zusammenhang stehen, und zwar Freundlichkeit (rifq - رفق), Vernachlässigung (taghaful - تغافل), Nachgiebigkeit (lin -لین), Verzeihen (afw - عفو), stillschweigendes Übergehen (Safh - صفح), Milde (Hilm - حِلم), Geduld (Sabr -صبر), Langmut (ta½ammol - تحمّل) und Unterdrücken von Groll (kazm Ghayz -  کظم غیظ ). Diese Begriffe wurden in islamischen Überlieferungen sehr vielseitig und im Hinblick auf verschiedene Themenbereiche verwendet, wie z. B. hinsichtlich des Umgangs der Men-schen miteinander, der Freundlichkeit zwischen den Menschen, des Wahrens der Geheimnisse anderer, des positiven Denkens usw., was hier jedoch nicht weiter ausgeführt werden soll.


Vernunft und Toleranz

Wenngleich die Toleranz eine religiöse Empfehlung ist, die im Islam betont wird, werden dennoch Denken und Vernunft ungleich mehr betont. Die Toleranz ist das Ergebnis von Denken und Vernunft. Es gibt die Empfehlung im Islam, dass zwischen religiösem Urteil und dem Urteil der Vernunft kein Widerspruch bestehen soll, d. h. wenn die der Toleranz inhärente Dimension der Vernunft Beachtung findet, ungeachtet der Tatsache, welcher Religion oder Konfession man angehört, und wenn man ver-nünftig denkt und das Verhalten auf Vernunft gründet, dann wird dieses Verhalten zweifellos Toleranz  den anderen gegenüber implizieren. In diesem Sinne hat der edle Prophet des Islam (s.a.s) gesagt, dass sich der Maßstab der guten Tat in der Toleranz, und der Maßstab der schlechten Tat in Unvernunft und Intoleranz zeigen:

„Der vernünftigste Mensch ist derjenige mit der größten Toleranz, und der schlechteste Mensch ist derjenige, der andere Menschen kränkt.“ (Biharu-l-anwar, Bd. 75, S. 52).

Dieser schöne und wertvolle Satz zeigt: auch wenn das Verhalten und die Meinung der anderen nicht mit der eigenen Meinung und Tat übereinstimmen, gebietet die Vernunft, Toleranz zu üben. Wenn man hingegen gegenüber Andersdenkenden Unhöflichkeit anstelle von Toleranz übt, dann ist das ein Ausdruck der eigenen Schlechtigkeit und Intoleranz, die das deutlichste Kennzeichen dafür ist, dass man seine Vernunft nicht gebraucht.
Toleranz im Umgang mit den Menschen ist so wichtig, dass Prophet Muhammad (s.a.s.) diese Eigen-schaft nach dem Glauben an den einen und einzigen Gott erwähnt und sie als Gipfel der Bescheiden-heit und Vernunft bezeichnet:

„Der Gipfel der Bescheidenheit und Vernunft ist nach dem Glauben an Gott die Toleranz den Men-schen gegenüber.“ (Bi½Áru-l-anwÁr, Bd. 77, S. 144).

Ein ähnlicher Ausspruch ist von Imam Ali (a.s.) überliefert:

„Der Gipfel der Weisheit ist die Toleranz gegenüber den Menschen.“ (Ghurar al-hikam).

Die Weisheit ist eine vollkommene Wissenschaft, die von der Quelle der Vernunft bestätigt wird und sich in vernünftigem Verhalten manifestiert. Wenn wir die Weisheit besser verstehen wollen, sollen wir sehen, was er zur Weisheit sagte:

„Die Weisheit gleicht einem Baum, der im Herzen wächst und seine Früchte beim Sprechen zeigt.“
(Ghurar al-hikam).

Von Imam Ali (a.s.) ist auch dieser Ausspruch überliefert:

„Die Wissenschaft enthüllt das Geheimnis der Wissenschaft.“ (Ghurar al-Hikam).

Das vernünftige Handeln manifestiert sich demnach in einem toleranten Umgang mit den Menschen. Wenn wir in unserem Verhalten und Reden tolerant sind, praktizieren wir Weisheit. Die vernünftigsten und klügsten Menschen waren die Propheten (a.s.), die in ihrem Verhalten das höchste Maß an Tole-ranz gezeigt haben. Auch der Prophet des Islam (s.a.s.) hat in seinem Leben diese praktische Toleranz gezeigt, selbst gegenüber seinen unerbittlichsten Feinden! Diese Toleranz des Propheten (s.a.s.) grün-dete auf seiner inneren Weisheit und Vernunft und einer äußeren Empfehlung Gottes, wie der Heilige Qur’an feststellt, und was wir im bisherigen Verlauf der Diskussion bereits angeführt haben. Vom Pro-pheten (s.a.s) selbst sind in diesem Zusammenhang einige Äußerungen überliefert, die wir, so Gott will, bei nächster Gelegenheit darlegen werden

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