Die Stellung des Nachbarn aus islamischer Sicht

 

Viele Urlauber kennen die Gastfreundschaft der Orientalen. Gastfreundschaft gehört einfach zur islamischen Lebensweise dazu. Nun das kommt nicht von ungefähr. Im Quran gibt es Stellen, die sich darauf beziehen, wie wir uns unserem Nachbar gegenüber verhalten sollen, zum Beispiel:

„Und dient Allah und setzt Ihm nichts zur Seite; und seid gut zu den Eltern und zu den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem NACHBARN, sei er verwandt oder aus der Fremde, dem Begleiter an der Seite.... Seht Allah liebt nicht den Hochmütigen, den Prahler, die da geizig sind und den Leuten gebieten, geizig zu sein, und verbergen, was Allah ihnen in Seiner Huld gegeben hat....." [4:36-37]

Dazu gibt es eine schöne Geschichte:

Eines Tages kam ein fremder Mann nach Medina. Der Prophet (ص) fragte: „Wer wird diesen heute Nacht als Gast aufnehmen?" Einer seiner Gefährten antwortete: „Ich nehme ihn als Gast auf, o Gesandter Gottes." Er ging mit ihm in sein Haus. Dann sagte er zu seiner Frau: „Hast du etwas zu essen?" Sie sagte: „Nein, nur das, was ich meinen Söhnen zu essen geben wollte." Er sagte: „Lenke sie mit etwas anderem ab. Und wenn sie zu essen verlangen, dann lege sie zum Schlafen hin." Dann, wenn unser Gast eintritt, lösche die Lampe und tue so, als würden wir mit ihm essen" Sie tat, wie ihr Mann es gesagt hatte. Sie saßen mit dem Gast zusammen und täuschten ihm in der Dunkelheit vor, sie würden auch mit ihm essen. Der Gast aß, sie aber verbrachten die Nacht hungrig. Am nächsten Morgen ging  der Gefährte zum Gesandten Gottes. Kaum hatte ihn dieser gesehen, als er ihn mit Freude begrüßte und sagte: „Gott hat das bewundert, was ihr eurem Gast getan habt."

Der große Theologe al-Ghazali spricht gar vom Recht des Nachbarn:

Weißt du, was das Recht des Nachbarn ist? Wenn er dich um Hilfe bittet, hilfst du ihm; wenn er dich um Beistand angeht, gewährst du ihm Beistand; wenn er von dir borgen will, leihst du ihm; wenn er arm wird, ersetzt du ihm den Verlust; wenn er krank wird, besuchst du ihn; wenn er stirbt, geleitest du ihn zum Begräbnis. Wenn ihm Gutes widerfährt, gratulierst du ihm; wenn ihn ein Unglück trifft, tröstest du ihn. Baue ohne seine Erlaubnis kein höheres Haus als seines, so dass du ihm die Luft wegnimmst. Füge ihm keinen Schaden zu. Wenn du Obst gekauft hast, dann schenke ihm davon, und wenn du es nicht tust, dann schicke es unbemerkt in sein Haus; dein Kind soll nicht damit ausgehen, um sein Kind zu ärgern. Setz ihm nicht zu mit dem Geruch deines Kochtopfes, ohne ihm davon eine Kelle abzugehen.

Der Prophet (ص) ermahnte uns gütig zu unseren Nachbarn zu sein und sie nicht zu belästigen. Er sagte einmal: „Wer zufrieden schläft, während sein Nachbar hungert, gehört nicht zu mir.“

Imam Ali (ع) sagte: „Du sollst die Sachen deines Nachbars schützen, wenn er abwesend ist. Du sollst ihn respektieren wenn er anwesend ist. Du sollst ihm helfen, wenn er im Irrtum liegt. Begehe nichts Schändliches gegen ihn. Wenn du etwas Schlechtes über deinen Nachbarn hörst, behalte es für dich. Wenn du weißt, dass er dein Ratschlag annimmt, dann helfe ihm dadurch. Lass ihn nicht allein, wenn er in Schwierigkeiten ist. Helfe deinem Nachbarn bei Problemen, vergebe ihm, wenn er dir etwas Schlechtes antut und verhalte dich ihm gegenüber großzügig.“

In einer anderen Geschichte wird folgendes erzählt:

Es war Nacht und Imam Hassan (ع) konnte nicht schlafen. Er beobachtete seine Mutter beim Gebet bis zum nächsten Morgen. Sie betete die ganze Nacht hindurch, ohne eine Pause einzulegen. Imam Hassan (ع) hörte wie seine Mutter für alle Muslime betete. Sie nannte alle beim Namen und erflehte von Allah Wohlstand und Glückseligkeit für sie. Am Morgen fragte Imam Hassan seine Mutter: „Mutter, ich habe dir die ganze Nacht hindurch zugeschaut und du hast für alle Muslime gebetet. Du hast sie alle beim Namen genannt und von Allah alles Gute für sie erfleht. Aber wieso hast du nicht ein einziges Mal für dich selber gebetet?

Seine Mutter, Fatima az-Zahra' (ع), antwortete: „Mein geliebter Sohn! Zuerst kommen die Nachbarn und erst dann unser Haus.

Imam Zain-ul-Abidin (ع) sagte: „Das sind deine Pflichten gegenüber deinem Nachbarn: Beschütze seine Interessen, wenn er weg ist; begegne ihm mit Respekt, wenn er vor dir steht; helfe ihm, wenn er unter Ungerechtigkeit leidet; du sollst nicht ständig nach Fehlern bei ihm suchen; wenn du etwas schlechtes über ihn hörst, behalte es für dich; versuche ihn von unzulässigem Verhalten abzuhalten, wenn er dann auf dich hört; lasse ihn niemals bei einem Unheil allein; vergebe ihm, wenn er dir schlechtes antut. Kurz gesagt: Lebe mit ihm ein schönes Leben auf der Basis des höchsten islamischen Ethikkodexes."

Der Prophet (ص) sagte:

- Zu euren Nachbarn zählen die 40 Häuser vor, hinter, rechts und links von euch.

- Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, darf seinen Nachbarn kein Leid antun. (Bihar al-Anwaar)

- Wenn er Hilfe braucht, dann helfe ihm. Wenn er etwas leihen will, dann gibst du es ihm. Wenn er etwas benötigt, dann stillst du sein Bedürfnis. Wenn er glücklich ist, dann gratuliere ihm zu seiner Freude. Wenn er krank wird, dann gehe ihn besuchen. Wenn ihn Unheil trifft, dann tröste ihn. Wenn er stirbt, gehe zu seinem Begräbnis. Erbaue dein Haus nicht so, dass keine frische Luft in sein Haus durchströmen kann, es sei denn er erlaubt es dir. Wenn du Früchte kaufst, dann versorge auch sein Haus damit. (Bihar al-Anwaar)

- Jibril (Gabriel) erzählte mir soviel von den Rechten der Nachbarn, dass ich dachte sie würden auch als Erben in Frage kommen. (Bihar al-Anwaar)

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