A. Definierung der islamischen Sichtweise

Die islamische Sexualmoral unterscheidet sich fundamental von der der christlichen Kirche. Dies ist aufgrund der allumfassenden Natur der islamischen Shariah. Bertrand Russell sagt: „Große religiöse Führer außer Muhammad und Konfuzius, sofern dieser als religiös angesehen werden kann, waren im Allgemeinen sehr gleichgültig gegenüber sozialen und politischen Angelegenheiten eingestellt und zielten darauf ab, die Seele durch Meditation, Disziplin und Selbstzucht zu vervollkommnen.“ (Marriage and Morals, Seite 175-176). Der Islam ist in der Tat nicht gleichgültig in Bezug auf soziale Probleme.

Die islamische Sexualmoral unterscheidet sich fundamental ebenso von der neuen Sexualmoral insofern, dass sie das Konzept der freien Sexualität ablehnt. Der Islam zielt darauf ab seinen Anhängern zu lehren, ihre sexuellen Bedürfnisse nicht zu unterdrücken, sondern diese zu befriedigen, jedoch mit einer verantwortungsvollen Art und Weise.

Der Islam erkennt die sexuellen Bedürfnisse des Menschen und ist davon überzeugt, dass die natürlichen Instinkte genährt und nicht unterdrückt werden sollten. Die biologischen Organe sind nicht grundlos geschaffen worden. In der islamischen Lehre findet man keine Aussage, die Sexualität als das innewohnende Böse oder Sünde deklariert. Der Quran, der Prophet Muhammad (ص) und seine Ahlul Bayt (ع) lehren das Gegenteil. Was der Quran und die authentische Sunnah darüber sagt, werden wir im folgenden unter den Punkten behandeln: Der Islam empfiehlt die Heirat sehr als eine gute Tat und nicht als das geringere von zwei Übeln; der Islam lehnt das Zölibat und Möchtum stark ab und ist davon überzeugt, dass die Heirat kein Hindernis auf der spirituellen Reise ist, sondern sie hilft dem Reisenden vielmehr.

Die Heirat ist stark empfohlen


Es ist wichtig zu realisieren, dass in den islamischen Texten der Sinn der Ehe weder auf eine platonische Beziehung zwischen Mann und Frau, noch für die durch Sexualität stattfindende Fortpflanzung beschränkt ist. Der Fachausdruck für die Heirat lautet „Nikah“, was wörtlich „Geschlechtsverkehr“ bedeutet.

Die Ehe ist eine sehr empfohlene Tat. Allah spricht: „Verheiratet die unverheirateten unter euch… wenn sie arm sind, so wird Allah sie durch seine Gaben bereichern.“ (Quran 24:32) Das erste Wort dieses Verses ist „ankihu“ (Heiratet!), dies ist die Imperativform des Wortes Nikah. Nach den Prinzipien der islamischen Rechtsprechung kann die Kommunikation von Gott in der Imperativform zwei Bedeutungen haben: entweder ist es eine obligatorische Anweisung oder eine sehr hoch empfohlene Empfehlung. Dadurch sehen wir, dass Ehelosigkeit im Islam nicht als Tugend angesehen wird. Auf diesen Vers basierend spricht der Prophet (ص): „Jeder, der aus Furcht vor Armut von der Ehe fernbleibt, hat wahrlich schlecht über Gott gedacht.“ (Wasa'ilu 'sh-Shi'ah, vol. 14, p. 24). In einem anderen Vers sagt Allah: “…Dann heiratet solche Frauen, die euch gut erscheinen, zwei, drei oder vier. Aber wenn ihr befürchtet ungerecht zwischen euren Frauen zu sein, so heiratet nur eine…” (4:3)

Im Quran wird Sex offen empfohlen: “Wenn sie [die Frauen] sich gereinigt haben [nach der Menstruation], geht zu ihnen, wie es Allah euch befohlen hat.“ (2:222) Die Phrase „euch befohlen“ ist kein legislativer Befehl. Es bedeutet nicht, dass, sobald die Frau sich von ihrer Periode gereinigt hat, man sofort mit ihr Sex haben sollte. Es ist eine schöpferische Anweisung und bezieht sich auf den sexuellen Trieb, den Allah in unsere Natur eingebettet hat. Wenn also dieser sexuelle Trieb als schöpferische Anweisung Allahs gilt, wie kann er dann in irgendeiner Weise als Sünde oder Böses angesehen werden?

Die Ehe und Sexualität sind Zeichen von Gottes Macht und Segnung. „Und unter Seinen Zeichen ist, dass Er Ehegatten für euch erschaffen hat von zwischen euch, sodass ihr in Ausgeglichenheit mit ihnen leben möget; und er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch erschaffen. Wahrlich, hierin sind Zeichen für die Nachdenkenden.” (30:21)

Aus diesen quranischen Versen kann man sehr einfach verstehen, dass erstens nach dem Islam die Ehe ein Zeichen von Gottes Macht und Segnung ist, zweitens die Ehe eine sehr empfohlene und tugendhafte Handlung ist, die auch wegen Armut nicht unterlassen werden sollte. Drittens ist der Sexualtrieb eine schöpferische Anweisung Gottes, die in die Natur des Menschen eingebettet wurde. Nachdem also die Sexualität mit Allahs schöpferischer Anweisung gleichgesetzt wurde, kann es keine Gleichsetzung mit Schuld, Sünde oder Bösem geben.

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