Das besondere Merkmal der koranischen
Dimensionen — ihre Unerschöpflichkeit

Der Koran ist eine Schrift, aus der die größten und erstaunlichsten Umwandlungen in der menschlichen Geschichte hervorgingen.

Unsterblich wie er ist, erstrahlt er wie ein lebendes Dokument und ein unerschütterliches Beweisstück an der Spitze der Zeit und Zeitepochen. Betrachtet man seine gedankliche Tiefe in der Beschreibung und in bezug auf die grundlegenden, natürlichen Bedürfnisse des Menschen, die er miteinschließt und für die er garantiert, so ist er die reichste, die überreichste Quelle, die der Menschheit zur Verfügung steht.

Der Konzeptkomplex beruht auf dem natürlichen, ursprünglichen Wesen des Menschen. Mit außergewöhnlichem Realismus hat er ihn so, wie er ist, betrachtet und für alle Dimensionen des Lebens die Rolle eines bestimmenden, lenkenden Faktors übernommen. Genau hierin liegt eine der Ursachen für den immerwährenden Fortbestand des Islams.

Angesichts der umfangreichen, wissenschaftlichen Umwandlungen und wichtigen Änderungen auf diesem lange Wege ohne Umkehr, muß auch die Methode,

 

mit der wir die islmischen Grundlagen allen anderen Phänomenen menschlichen Geistes gegenüberstellen und sie von ihnen unterscheiden, eine genaue sein.

Fielen die islamischen Grundlagen und Bestimmungen in die Kategorie der anderen Lehren, so müßten sie mit zunehmendem Niveau wissenschaftlicher Erkenntnisse vollkommen an Wert und Zuverlässigkeit verloren haben. Aber genau das Gegenteil ist der Fall; denn - wie wir beobachten können - nimmt der Islam inzwischen in den wissenschaftlichen und juristischen Kreisen eine festere Stellung ein, ist zu größerer Bedeutung gelangt und hat sich noch mehr und auf umfangreicherer Ebene einen Weg gebahnt.

In allen Werken, Büchern und allem Niedergeschriebenen werden begrenzte Bedeutungen in dem eingeschränkten Rahmen von Wörtern festgehalten. Trotz dieses einschränkenden Rahmens sind jedoch die im Koran in den Worten enthaltenen Bedeutungen unbegrenzt. Und dies ist nicht nur ein Zeichen für die Endlosigkeit Gottes, sondern deutet auch auf eine weitere Besonderheit des Korans hin.

Imam Zadegh (a.s.) hat einmal zu Hamed gesagt:

"Bei Gott, wir haben Kenntnis von dem, was im Himmel und auf Erden und im Paradies und der Hölle ist."

Während Hamed ihn erstaunt und verwundert anschaute, fuhr der Imam fort:

 

"Oh, Hamed, zu dieser Kenntnis gelangten wir durch die Schrift Gottes."

Daraufhin trug er die folgende Aje vor:

"Der Tag, an dem wir für jedes Volk ihre Propheten als Zeugen aufstellen und dich als Zeugen für dieses Volk bringen. Wir haben den Koran, diese große Schrift für dich herabgesandt, damit du die Wahrheit über alles erleuchtest und damit er, der Koran, ein Geschenk, eine Gnade und eine frohe Botschaft für die Mosleme(die Gottergebenen) sei."

(aus: "Abhandlung über den Koran und die islamischen Wissenschaften", Seite 4)

Ein Gefährte Imam Zadeghs (a.s.) berichtet, er habe ihn wie folgt sagen hören:

"Bei Gott; ich schwöre bei den Wahrheiten in seiner Schrift, daß dieses Buch, vom Anfang bis zum Ende, Auskunft gibt über Himmel und Erde, als könnte ich es mit den Händen greifen, und über das, was ist und das; was war; denn der Koran beleuchtet die Wahrheit eines jeden Dinges."

Der Koran ist wie die zweite Ausgabe der Welt der Natur. Zeit und Ausdehnung menschlichen Wissens decken ihre und seine verborgenen Schätze auf. Ständig kristallisieren sich immer wieder neue tiefe Bedeutungen im Koran heraus, ein Phänomen, welches sich in die Zukunft fortsetzt.

Gott hat seine Schrift anschaulich und verstehbar gestaltet, auf daß die Menschen über den Inhalt nachsinnen. Jedoch - je mehr die menschlichen Ansichten

 

und Anschauungen und seine wissenschaftlichen Kapazitäten sich entwickeln - je mehr die Daseinswelt und ihre Gesetze untersucht und betrachtet werden, Erkenntnisse über Seele und Psyche des Menschen tiefergehen und durch ausgedehntere Erfahrungen angemessene Gesellschafts - und Gesetzesordnungen sowie gesetzliche Beziehungen sich herauskristallisieren, desto mehr treten die in den koranischen Ajat enthaltenen Verschlüsselungen hervor - desto mehr erstrahlt der Radius der göttlichen Offenbarung mit ihrer intensiven Anziehungskraft in neuen Weiten.

So wird auch der hoch hinaus zielende Geist nachdenklichster Menschen, die ihr Leben der Erkenntnis über bürgerliches und internationales Recht gewidmet haben, sich nie zu dem erhabenen Gipfel des koranischen Gesetzes hinaufschwingen können.

Wie Ali(a.s.), "Fürst der Gottesfürchtigen", es ausdrückt:

"Der Koran ist eine Leuchtende Fackel, deren Licht nie erlischt. Er ist ein tiefes Meer, dessen tiefste Tiefen das menschliche Denken nicht erreichen wird."

(aus "Osul-e-Kafi", Seite 591)

Die beflügelten Geister zahlloser Persönlichkeiten in Glauben und Wissenschaft wurden schon mit dem ersten Aufgang des Islams in Bewegung gesetzt. Und sie werden es heute noch. In Bewegung auf dem Wege zur Erkenntnis der Fülle der vielschichtigen Ajat; auf dem Wege, diese zu verstehen und

zu begreifen.

 

In jeder Zeitepoche haben hunderte von Fachkundigen, ihren jeweiligen Begabungen entsprechend, die Ajat und ihre Bedeutungen untersucht, haben das Tor zu neuen Horizonten der koranischen Lehre geöffnet. Selbst in der nicht-islamischen Umwelt begab man sich zum Teil an die genaue Untersuchung zur Erforschung der koranischen Aussagen und die dabei gewonnenen Ergebnisse bildeten einen effektiven Beitrag zur Ausweitung der islamischen Kultur.

Diese Privilegien und Besonderheiten des Korans waren es, die seine Werteordnung als angemessenes Erbe für die Weltbewohner verewigte. Deutlich spürbar ist die Komplexität und der Beziehungsreichtum des Korans, zu denen wir keinen Vergleich bei den Gesetzgebungssystem der zivilisierten und fortgeschrittenen Welt finden können. Schon in diesem einleitenden Moment entdecken wir den zweiten Unterschied zwischen ihm und den weltlichen Brennpunkten der Gesetzbestimmung und -herausgabe.

Der Koran wurde offenbart, um den Menschen innerlich zu reinigen, um ihn zu läutern und um ihn zu einem höheren, einem besseren Wesen aufsteigen zu lassen. In den verschiedenen Ländern aber geschieht der Entwurf und die Aufstellung von Gesetzen, die einen Zustand der Zufriedenheit und des Wohlbefindens schaffen sollen und ausschließlich in einer Sphäre gedanklicher Vorstellungen zustandegekommen sind, nur mit Hilfe der

 

geistigen Kräfte von Denkern und Spezialisten eben dieses Faches, in der Hoffnung, daß sie eine Brücke zur Erwiderung der materiellen und immateriellen menschlichen Bedürfnisse zu schlagen vermögen.

Und da man oft nur rein äußerliche Dinge ins Auge faßt und manchmal dabei so weitgehend eine Auseinandersetzung mit der zugrunde liegenden eigentlichen Realität vernachlässigt, daß man selbst Handlungsmotive als Folge rein materieller Bedingungen bezeichnet; und weil man darüberhinaus die Wesensordnung und Regeln, die das menschliche Innere beherrschen, einfach übersieht, tritt die unerwünschte Wirkung ihrer auf den ersten Blick intakten Gesetzesrahmen in der Praxis in Erscheinung, ebenso wie ihre Unzulänglichkeiten, so daß eine Revision und Reform der Bestimmungen unumgänglich und mit Gewißheit erfolgen wird.

Niemand kann hingehen und behaupten, daß sein wissenschaftliches Werk und seine Forschungsergebnisse oder seine technischen Erfindungen in jedem Zeitalter den höchsten Platz einnehmen werden. Denn die mit der Evolution zwingend einhergehenden Notwendigkeiten setzen voraus, daß im Laufe der Zeit die Strömungen in Wissenschaft und Forschung ein immer wieder anderes Flußbett betreten; daß gedankliche und wissenschaftliche Produkte auf grundlegende Weise eine Umwandlung erfahren.

 

Schon der einzelne Denker nimmt parallel mit der Zunahme seines wissenschaftlichen Ranges sowie seines Anschauungs – und Erkenntnisniveaus Änderungen inden zuvor gewonnenen Ergebnissen vor. Er beschäftigt sich intensiv mit der Wiedergutmachung von Irrtümern und Beseitigung von Mängeln. Und dieser Bereich - der Bereich für Korrektur und Vervollkommung - steht nach wie vor offen.

Darüberhinaus: jedes auch noch so wertvolle und exakte menschliche Schriftwerk für Studium und Forschung besitzt nur eine begrenzte Kapazität, die sich irgendwo erschöpft. Zudem ist das in ihm enthaltene Wertesystem derart, daß mehrere Spezialisten daran arbeiten müssen, damit sie alle in ihm enthaltenen Blickwinkel ausfindig machen und ausleuchten können.

Der Koran jedoch entspringt der Quelle göttlichen Allwissens und des Ausgangspunktes jeder Offenbarung. Alles menschliche Denken, Spüren und Erkennen ist nicht mehr als ein winziges Tröpfchen aus dem unendlichen Ozean seines Wissens. Ist nur eine blasse Flamme, von dem blendenden strahlenden Licht der Weisheit entnommen. Von jener Wahrheit und Existenz, die sich von einem Ufer des Seins und Weltalls bis hin zum anderen ausdehnt und daher imstande ist, die Dinge in einem Umfange zu durchleuchten, festzustellen und Schlußfolgerungen zu ziehen, daß es kein Ende nimmt.

Dies trifft nicht nur bei rechtlichen und religiösjuristischen Problemen zu. Auch Forscher und Denker, die sich mit anderen Bereichen der islamischen

 

Lehre befassen, werden eine derartige Dimension vorfinden können.

Sogar Experten auf dem Gebiete moderner Geisteswissenschaften wie Psychologen und Geschichtsphilosophen sowie Soziologen entnehmen neue und wissenschaftlich genaue Gesichtspunkte aus dieser heiligen Schrift. Alleine schon dieses Phänomen ist ein Zeichen für die vielfältige, mit Abwechslung durchwebte Reichweite des Korans. Das gedankliche Bild einer bestimmten Kultur und einer bestimmten Zeit genügt alleine nicht, um diese Kapazität aufzunehmen. Es hat bis zum heutigen Tag kein Buch gegeben, dessen Grundsätze und Regelungen - von den bedeutenden bis zu den nebensächlicheren - über eine so lange Zeit hinweg - nämlich 14 Jahrhunderte lang - betrachtet worden wäre. Dazu noch in einem Bereich mit derartiger Ausdehnung. Aber auch angesichts dessen bleibt der Koran eine unerschöpfliche Quelle, sei es nun bei der Forschung oder auch der Entscheidung einer Rechtsfrage durch Interpretation seines Inhaltes.

Die Resultate, die durch Untersuchung und Nachdenken gewonnen werden, hängen natürlich von dem Ehrgeiz, der Befähigung und der Intelligenz des Untersuchenden und von den ihm eigenen Forschungsmethoden ab, und so darf man auch den mehr dimensionalen Inhalt der Ajat nicht auf die eigene persönliche Deutung eingeschränkt sehen.

 

Betrachten wir detailliert den Inhalt des Korans in Bezug auf die Quelle der Seinserscheinungen, das mit Gewißheit vorhandene zukünftige Leben im Jenseits, sowie hinsichtlich Ethik und Moral, islamischem Recht, Rechtsansprüchen und Beschreibung geschichtlicher Begebenheiten, wobei in den letzteren höhere Absichten liegen als die bloße, trockene und zur Not entbehrliche Wiedergabe von Ereignissen - und fassen wir gleichzeitig auch die verschiedenen Anschauungen ins Auge, die in dem großen Zeitraum seit der Offenbarung dieser Schrift entstanden sind und die Menschheit zu geistigem Wirken und Vorwärtsschnellen in Richtung höchtung höherer Niveauebenen veranlaßte - so treffen wir im Koran die erstaunlichsten Lehren an. Und auf der Stufe wissenschaftlicher Untersuchung Kristallisieren sich vor dem Betrachter Grundlagen zur Erkenntnis und zum Verständnis neuer Wahrheiten heraus. Und dies alles symbolisiert die geistige Tiefe und den unvergleichlichen Reichtum dieser heiligen Schrift, des Korans, und bildet den Nachweis hierzu.

Wollte man Zahlen zu Hilfe nehmen, um die Summe aller den Koran betreffenden Werke und Schriften, alle seine Gesamt - oder Teilauslegungen und bestimmte Suren oder Gebote betreffenden Interpretationen darzustellen, dann würde sich diese Ziffer - wie Untersuchungen belegen - ohne Zweifel auf mehrere Zehntausende belaufen. Derart umfassend sind Kultur und Kenntnis im Koran enthalten und derartig weit dehnt sich sein großer geistiger Reichtum aus.

 

Ist es möglich, daß diese außergewöhnliche, mehr als nur komplexe Schrift dem Denken eines Menschen entstammt, der weder schreiben noch lesen konnte, der in einer Ära geistiger Dunkelheit lebte und dazu noch in einem abgelegenen Winkel des zurückgebliebensten Landes jener Zivilisationsepoche, nämlich auf der arabischen Halbinsel zubrachte?

Ob in der heutigen Welt jemand in der Lage ist, einen genauen, alle Bereiche regelnden Gesetzesentwurf vorzulegen, der der Gesetzesordnung des Islams gleichkäme und der nicht auf einen einzigen geistigen Rahmen beschränk bliebe, sondern die Kreise seiner Anwendungsreichweite immer weiter und so lange zieht, bis der Mensch zu einem erhabenen Menschen und die menschliche Gesellschaft zu einer geläuterten, reinen Gesellschaft emporsteigen wird?

Es handelt sich weder um Vermutungen und Phantasie, noch um Legenden und historische Erzählungen, wenn von den im Koran enthaltenen Wundern die Rede ist, sondern wir sprechen von Maßstäben, von wissenschaftlichen, geistigen und logischen Maßstäben.

Eine geheimnisvolle wunderbare Wahrheit steht zur Diskussion. Eine Wahrheit, deren Verbindung zu einer übermenschlichen Macht für jeden besonnenen Menschen auch schon mit Hilfe elementarer Kenntnisse spürbar wird. Nachzuempfinden ist.

 

Kann man all die Besonderheiten und einmaligen Vorzüge des Korans, die auch für darauffolgende Zeitabschnitte und Epochen ihren wissenschaftlichen Wert und ihre Bedeutung beibehalten konnten und können, als eine normale Erscheinung, als ein natürliches Phänomen, betrachten? Oder sind sie nicht vielmehr ein klares Dokument und Zeugnis dafür, daß dieses Werk der Vortrefflichkeiten und unbegrenzten Eigenschaften mit einem Schöpfer und Erschaffer in Beziehung steht, der sich als Existenz auszeichnet, welche selbst unbegrenzt ist?

Der französische Orientalist Bartholomie Hillere beschreibt in seinem Buche("Mohammad und der Koran") das komplexe Wesen des Korans. Es heißt dort:

"Ebenso wie wir, notgedrungen uns mit der Übersetzung des Korans begnügend, dort die Schönheit seiner Aussagekraft verspüren, so können wir die Anmut der David-Psalme und der Hymnen des Vedas auch nur über deren Übersetzung nachempfinden. Aber bei David mit seinen Psalmen für die Juden und beim Veda, der für die Inder gedichtet wurde, fehlt es an einem Gesetzeskomplex, während der Koran jedoch eine solche Einheit auf vielfältige Art und Weise erörtert und in dieser Beziehung verschiedenerlei Vorzüge aufweisen kann - was zu seinen außergewöhnlichen Besonderheiten zählt. Der Koran ist sowohl Religionspsalm als auch ein Loblied auf Gott, sowohl bürgerliches Recht als auch Gebet und Bittgebet, sowohl Predigt und

Rechtleitung, als auch Weg und Wegweiser im Kampfe, sowohl Diskussion als auch Geschichtsbeschreibung und Geschichte."

 

Im Jahre 1951 hielt die Akademie für Rechte in Paris ein Seminar zur Untersuchung der islamischen Rechtslehre ab. In diesem Seminar wurden innerhalb einer Woche mehrere Themen aus der Sicht der islamischen Jurisprudenz betrachtet und analysiert.

Am Ende dieses speziell dem islamischen Recht gewidmeten Zusammentreffen gab man nachstehende Resolution bekannt:

"Ohne Zweifel ist das islamische Recht es wert, zur Quelle der internationalen Gesetzgebung zu werden. In den verschiedenen Worten und Urteilen der Religionsrichtungen islamischen Rechtes liegt ein reichhaltiges, in jeder Beziehung erstaunliches gesetzliches Kapital. Die islamische Gesetzgebung ist im Lichte dieser Urteilgebungen in der Lage, alle Erfordernisse des modernen Lebens zu erwidern."

Anhaltender Einfluß und beständige Anziehungskraft

Die erstaunliche Anziehungskraft und ihre Fortdauer ist wiederum ein anderes Fenster, das uns einen erkennenden Ausblick auf die Besonderheit des Korans gewährt.

Ein schriftstellerisches Werk, ein Literaturstück oder Gedicht mag noch so sehr Interesse und Begeisterung in uns erwecken: nach mehrmaligem Lesen empfinden wir bei seiner Wiederholung immer mehr Ermüdung und schließlich Langeweile. Die Anmut und Wirkung auch des interessantesten Schriftwerkes und dessen, was geniale Menschen von heute und gestern an Literarischem schufen, kann vielleicht für eine gewisse

 

Zeit die Gedanken des Lesenden unter ihren Einfluß nehmen. Sie hält jedoch nicht auf immer an, ist kein feststehender Punkt, und verliert sich mit der Zeit so sehr, daß der Leser sich nicht mehr angesprochen fühlt oder seine Aufmerksamkeit noch einmal erweckt würde.

Betrachten wir jedoch den Koran, diese vom Himmel herabgesandte Schrift, von einem solchen Standpunkt her:

Die, die sich mit ihm beschäftigt haben und ein wenig die Schatzkammer der göttlichen Lehren betreten durften, sind sich der direkten Beziehung bewußt, die zwischen dem Vortrag des Korans und der von diesem Vortrag ausgehenden Anziehungskraft existiert.

Hunderte Male lesen sie den Koran, rezitieren ihn, und jedes Mal weist er wieder neue Aspekte auf, werden neue Momente aus ihm geboren. Nimmt er Seele und Geist des Vortragenden für sich ein.

Der Grad des seelisch-geistigen Genusses hängt davon ab, wie sehr man den erhabenen Inhalt versteht. Dabei wird jeder, dem Niveau seines Wissens und seines Empfindens entsprechend, den Koran maximal nutzen können, um eine Antwort auf seine seelisch-geistigen Bedürfnisse zu finden.

Das wundersame Licht der göttlichen Ajat und die geistig-seelischen, ethisch-moralischen Umwandlungen und Entwicklungen unter den Moslemen gingen weit über die Stadt Mekka hinaus. Von Abessinien, dem Sitz des Christenkönigs her, erstrahlte es - den ungünstigen Bedingungen und

 

dem Druck der Gegner zum Trotz - von den Lippen Dja'far Ben Abitalebs und von Medina, dem Ort, an dem eine höhere, bessere Gesellschaft begründet werden sollte, reflektierte es aus dem Munde des Mosa'eb Ben Amir.

Erkenntnis verbreiten und die anderen auffordern, einen realistischen Standpunkt gegenüber den im Koran enthaltenen Wahrheiten anzustreben - das war die Funktion dieser bewußten Menschen, die sich engagierten, um bestehende, inhaltslose Wertmaßstäbe anzufechten. Ihr persönlicher Einsatz entwickelte sich zum wichtigsten und wirksamsten Faktor beim Zustandekommen der späteren geschlossenen, zu grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen im Denken und Handeln führenden Bewegung.

Die Menschen sollten zwischen den zwei großen Fronten wählen. Auf der einen Seite die des Unrechts. Auf der anderen aus den neuen, das Leben in rechter und erhabener Form gestaltenden Werten bestehende Lager. Notwendiges Mittel hierzu stellte der Koran zur Verfügung, nämlich seine Botschaft. Die Entscheidung traf und trifft jedoch der Mensch; denn sein Dasein wäre ohne die (bewußte oder unbewußte) Abhängigkeit von einer der Weltanschauungen und Einstellung - dem Dasein, der Geschichte und dem Ziel der ganzen Schöpfung gegenüber einfach nicht denkbar.

Heute, nach inzwischen mehr als 14 Jahrhunderten seit Herabsendung des Korans, dringt immer noch - und dies aus den verschiedensten Teilen der Erde

 

-der Wohlklang der himmlischen Ajat ans Ohr, wenn sie auf jene besondere Weise vorgetragen werden, die man "Talawat" nennt, und die nur ihnen eigene Ausziehungskraft ausüben.

Aus Gebäuden und Häusern in Städten und Dörfern, aus Zelten in der Wüste und anderen vorübergehenden Unterkünfte entlang der Reiserouten, zu Reisezielen führenden Wege, am Tage mit seinen Minuten und Stunden, und im Herzen der Nacht, die in tiefe bedeutungsvolle Stille versinkt - beim Aufstieg zu Gipfeln und Höhen und beim Abstieg von ihnen, beim verlassen eines Ortes ebenso wie bei Betreten eines anderen: zu jeder Zeit, zu jedem Anlaß ertönt die tiefe Euphorie des Koranvortrages und zeichnet ihr Bild auf die Seiten einer jeden Seele und jeden menschlichen Geistes, welche sich darauf vorbereitet haben und fähig sind, ihn in Empfang zu nehmen. Diese Euphorie schafft die Bedingungen zur grundlegenden inneren Umwälzung - und nie verliert der Wohlklang des Talawats an Frische, ist immer wieder auf ein neues neu.

Die Ajat des Korans durchfließen das Strombett unterschiedlichster Gefühlsbereiche, Dinge und Aktionsfelder menschlichen Lebens und vermengen sich mit ihm. Dennoch: sie bleiben immer unberührt von jeder Verfälschung, einem Eingriff von außen, von einer Entstellung. Wollte man die Entstehung des Korans demnach auf menschliches Wissen und menschliche Kunstfertigkeit zurückführen, so wäre eine solche Schrift wie alle anderen, die von Menschen mit höherer Begabung geschaffen wurden, als ein Werk in Erscheinung getreten, das zwar für einen vorübergehenden Zeitraum

 

seine Vorzüge aufweist, aber wenig Einfluß auf Zukunft und Geschichte der Erdbewohner haben kann und konnte. Ein Werk, das seiner Veraltung zustreben würde, und dem im Laufe der Zeit der Stempel des Verfalls und des Untergangs aufgedrückt werden würde. Jedoch Gott, der Erhabene, hat mit seinem unbegrenzten Radius an Wissen und Macht die Rede des Korans auf eine Weise mit Wortzusammenstellungen und - anordnungen ausgestattet und geschmückt, daß sie, ihre Frische beibehaltend, im Gleichschritt mit der unerläßlichen Dynamik der Erscheinungen in das Rahmenwerk der Ewigkeit hineingegossen wurde.

Der Koran wurde mit dem heiligen Auftrag versehen, das Samenkorn des Glaubens an den einen Gott, mit den in ihm enthaltenen Auswirkungen auf das menschliche Leben, in das dynamische, das bewegte Feld von Geschichte und Zivilisation zu streuen. Wenn er seine Standpunkte, seine tiefgreifende Anschauung vorträgt, so geschieht dies mit Entschiedenheit und klar. Unbesonnenheit, Unüberlegtheit lehnt er ab. Er tadelt das Klassendenken, ebenso wie geistige Kurzsicht, weil sie das Fühlbarwerden der eigentlichen Wahrheit und Realität verhindern.

Dort, wo er über Gott in Kenntnis setzt, wird die Seele eines jeden Menschen, der nach Recht und Wahrheit dürstet und sich zu Höherem hinaufzuschwingen sehnt, mit der Anziehungskraft seines erhabenen, gnostischen Inhaltes bestrahlt, so intensiv, daß in ihm, diesem Menschen,

 

das Interesse an den in der materiellen Welt herrschenden Werten verblaßt, und er auf einen viel weiteren Horizont hinausschaut. Einen Horizont, welcher in ihm selbst neue Horizonte, neue Dimensionen, Gestalt annehmen läßt.

Der eine Gott, den der Koran den Weltbürgen vorstellt, ist eine einheitliche Macht. Eine Macht, fern jeglicher Ähnlichkeit mit irgendeinem Wesen in der Welt der Schöpfung. Eine Macht, deren Gesetze über alle Daseinserscheinungen herrschen und in der Welt der Begriffe den Begriff der Endlosigkeit ausmacht und damit keine Grenzen kennt.

Der Koran drückt dies unmißverständlich wie folgt aus: "Es gibt nichts, was diesem Gott gleichkommen würde. Er ist der, der(alles) hört und sieht."

(Sure Schura, Aje 11)

Bekanntlich sind die Erscheinungen in der Daseinsordnung entweder Materie oder Energie. Der Koran verbannt deshalb jeden Vergleich zwischen diesen und jenem Hocherhabenen Edlen Sein. So beschreibt er treffend Gott wie folgt:

"Kein Auge kann ihn erfassen, aber er kann alle Blicke sehen. Und er ist von(unerforschbarer) Feinheit und unsichtbar und über alles unterrichtet." (Sure An'am, Aje 103)

Der Koran führt den Menschen hin zum genauen Nachsinnen über die Daseinsordnung und ihn zum vertieften Gedankengang durch das Reich

 

der göttlichen Gaben und die Welt der Ereignisse. Wenn der Gläubige über Zweck und Sein der Existenzen und Phänomene meditiert, wenn er in die menschliche Seele hineinblickt, d.h. nach innen, und die nach außen hin gegebenen Horizonte betrachtet, so leitet dieser Gang ihn zu jener Erkenntnis, daß jedes Ereignis, jedes Geschehen, auf der ihm eigenen Bahn der höchsten Stufe des Daseins zustrebt. Und der eine Befreiung und Rettung suchende Mensch muß sich, um sein Ziel zu erreichen, in dieses unentwegte Vorwärtswogen aller Phänomene einfügen und sich der Karawane, die zur Wiederbegegnung mit Allah führen wird, anpassen. Sich ihr anschließen.

Der Koran betrachtet die Gotterkenntnis und das Forschen nach ihm als eine innere Erscheinung im Menschen. Eine Erscheinung, die aus der Quelle eines Naturgesetzes gespeist wird, dem Gesetz von der Zielgerichtetheit der ganzen Schöpfung.

Wenn die, die Gott ablehnen, oder jene, die sich dem Materialismus verschrieben haben, verzweifelt bemüht sind, in einen Himmel der eigenen künstlichen Ideale hinaufzuschweben, so bedeutet dies mit den Worten des Korans, daß sie in Wirklichkeit die ihnen mitgegebene innere, nach Gott verlangende und nach ihm forschende Natur niederzukämpfen versuchen. Aber auch die, welche den Touhid-Glaubensweg, und damit die Lehre von dem nur einen Gott und alle damit verbundenen Konsequenzen wieder verlassen haben, und von Beginn an Abwege beschriften, werden im Koran kritisiert, so die Anhänger des zarathustrischen Glaubens mit ihrer dualistischen Religion, der Hinduismus und seine drei Hauptgötter, aber auch

 

das Christentum mit der sogenannten Dreifaltigkeit Gottes, wobei die Anhänger der Kirche in Nachahmung früherer Lehren den Gedanken von der Anbetung einer Dreieinigkeit der Botschaft Jesus eigenmächtig hinzugefügt haben.

Der Koran lehnt auch diese geistigen Fehlschritte strikt ab. Von seinem Standpunkt aus wird die eigentliche Wahrheit und Realität durch Gedanken wie diese verschleiert. Er fügt hinzu: "Die die sagen, Gott ist einer von diesen dreien, die Sind Ungläubige."  (Sure Maqedah, Aje 73)

 

Uzair (Esra) und Jesus hat man Gott als Söhne zuschreiben wollen. Der Koran verurteilt diese Idee. Er bezeichnet sie als Überreste der von den Vorfahren übernommenen alten Anschauungen, in dem er spricht:

"Das Volk der Juden sagt: "Uzair(Esra) ist der Sohn Gottes", und das Volk der Christen sagt: "Christus ist der Sohn Gottes". Dies sagen sie mit ihrem Munde. Sie tun es in ihren Worten denen gleich, die vor ihnen ungläubig waren."                                                      (Sure Toubeh, Aje 30)

In der Sure Esra, Aje 111 wird der Prophet mit absoluter Bestimmtheit wie folgt aufgefordert zu verkünden:

"Sag: "nur Gott gebührt Lobpreis. Der, der sich kein Kind zugelegt hat und der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat, und keinen Freund und Helfer benötigt". Preise stets ihn allenthalben wegen der größten Vervollkommenheiten."

 

Und schleißlich zieht er in der kurzen Sure Touhid den roten Strich über jede Art von "Scherk", d.h. jede Art von Götzentum und der irrigen Anbetung eines anderen als des einen und einzigen Gottes:

"Sag: Er ist der einzige Gott. Er ist nicht hohl(eine der Bedeutungen des arabischen Wortes: "samad"). Niemand ist sein Kind, und er ist niemandens Kind und keiner ist ihm ebenbürtig."

Die Materie ist im Grunde gesehen leer und hohl, denn ihre kleinsten Bausteine, die Atome, weisen im Innern ein erstaunliches Vakuum auf:

So heißt es in einer Aje der Sure Touhid, daß er, daß Allah, nicht aus der in ihrem Innern Leerraum aufweisenden Materie besteht.

Ein Physiker läßt uns wissen:

(aus "Nachweise für die Existenz Gottes" Seite  58)

"Ob Gott eine Person ist? Einige sagen "ja". Aber ich bin der Meinung, daß dies aus physikalischer Sicht nicht sein kann. Vom wissenschaftlichen Standpunkt her ist es nicht möglich, sich Gott in materieller Form vorzustellen. Er steht jenseits der Fähigkeit des Menschen, etwas als Materie zu erklären. Viele der Daseinserscheinungen jedoch liefern den Beweis für seine Existenz, sein Dasein, und lassen sein Wirken klar an den Tag treten. Ebenso wie die Tatsache, daß Macht, Wissen und Weisheit, der er besitzt, unendlich sind."

 

Und ein bekannter Chroniker schreibt(gleiche Quelle wie oben, Seite 230):

"Gott ist keine materielle, keine begrenzte Macht. Das begrenzte Denken und die begrenzte menschliche Erfahrung kann ihn nicht definieren oder in einen Rahmen einpferchen. Der Glaube an den Gott des Daseins wird in der Seele des Menschen gewonnen, wenn auch der Nachweis einer allerersten Ursache und der Ursache aller Ursachen durch die Wissenschaft eine indirekte Bestätigung bedeutet für die im menschlichen Herzen bestehende Überzeugung."

So die Logik der Wissenschaft, wenn sie die Existenz des einzigen Schöpfers zu charakterisieren sucht.

Wir sehen, wie die höchsten, von der Wissenschaft erkannten Wahrheiten und Gegebenheiten in der Schöpfungsordnung für die Existenz und vom Wesen des einen Gottes sprechen und stellen fest, daß der heilige Koran ihn, Allah, auf gleiche Weise erklärt.

Wie wertvoll und wichtig die auf Vernunft aufbauende Lehre des Korans doch ist, wird uns besonders bei Lehre des Korans doch ist, wird uns besonders bei Betrachtung der die Gotterkenntnis betreffenden Ajat bewußt, wenn wir die Methode des Vergleiches zur Hilfe nehmen und neben dem Islam in unserer Analyse auch die Anschauungen der Griechen betrachten, ebenso wie die der Buddhisten, der Anhänger Zarathustras und der unaufgeklärten Araber und damit Auffassungen, die sich über jeweils einen Teil der Welt von damals erstreckten.

 

Unser genauer, unparteiischer Vergleich läßt uns den Wert einer islamischen Überzeugung, zu der der Gläubige bewußt gelangt, erkennen. Eine Überzeugung, die in allen Ebenen auf der absoluten Einheit Gottes basiert und in ihrer praktischen Form im Strombett des Handelns und äußerer Bemühungen zur Erreichung des Zieles Gestalt annimmt. Und er, der Vergleich, führt uns zu der Erkenntnis über das Wunder des Korans und diese wertvolle, überreiche Lehre, die uns vor nunmehr über 14 Jahrhunderten überbracht wurde.

Wer gewappnet mit dem Rüstzeug dieser göttlichen Religion den Grad islamischen Bewußtseins und Denkens errungen hat, der wird sein Herz an nichts anderes mehr hängen als an seine wahre aufrichtige Überzeugung und an die Dinge, die ihn zu seinen hohen, erhabenen, wunderbaren Zielen gelangen lassen.

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