Moharram-Die Botschaft von Aschura-محرم

Im Namen des Erhabenen

Muharram ist der erste Monat des islamischen Mondjahres, und die Auswanderung des Propheten des Islam (Friede sei mit ihm und seinen Nachkommen) von Mekka nach Medina kennzeichnet den Beginn der islamischen Zeitrechnung. Der Heilige Qur’an stellt fest, dass der Monat Muharram einer von vier heiligen Monaten ist. Deshalb ist dieser Monat für die Muslime ein wichtiger Monat, in dem am 1., 3. und 7. Tag das Fasten empfohlen ist, wenn-gleich gemäß der Tradition des Propheten das Fasten mit Ausnahme von einigen Tagen im-mer empfohlen ist.
50 Jahre nach dem Tod des Propheten des Islam wurde sein Enkelsohn, Imam Husayn (Friede sei mit ihm), am 10. Muharram, dem „Tag von Aschura“ von Schergen der Umayyadenherr-schaft getötet. Das ist eine Tragödie und ein sehr bitteres Ereignis für die Freunde und An-hänger des Propheten und dessen Familie. Am Tag von Aschura wurde Imam Husayn zu-sammen mit 72 Menschen, Familienangehörigen und seinen engsten Anhängern, grausam ermordet. Unter seinen Anhängern waren Leute wie Habib ibn Mazaher, ein Prophetengefähr-te.
Imam Husayn, der Sohn von Imam Ali (Friede sei mit ihm), war am 3. Scha’aban im Jahre vier islamischer Zeitrechnung geboren worden. Er wuchs in der unmittelbaren Nähe des Pro-pheten des Islam auf und genoss dessen Erziehung. Er war so gut wie nie vom Propheten ge-trennt, nicht einmal beim Gebet.

Das Engagement Imam Husayns gegen Mu’awiya wurde in der damaligen islamischen Gesellschaft immer deutlicher. Der hanbalitische Rechtsgelehrte Qazi Abu Ya’ala (560), Abu-l-Faradsch Abdurahman ibn Dschusi, ein bekannter Sunnit aus der Familie der ersten Kalifen (597), Dschalaluddin Suyuti, ein großer Gelehrter der Schafi’iten (911), Ibne Aqil, ein Rechtsglehrter der Hanbaliten (513), Ibn Chaldun oder auch einige zeitgenössische Sunniten wie der Gelehrte Alusi in seinem Qur’antafsir „Ruh ul-Ma’ani“ (Der Geist der Bedeutung) haben sich alle von Imam Husayn begeistert gezeigt und seinen Namen mit Ehre und Achtung erwähnt. Der große Scheich Muhammad Abduh schildert den Weg Imam Husayns in „Die Konfrontation mit Unterdrückung und Ungerechtigkeit“. Abbas Mahmud Al-’Aqad vertritt die Ansicht, dass engstirnige Menschen die Tat von Imam Husayn nicht verstehen können.
Die Abreise von Imam Husayn aus Mekka in Richtung Irak war keine einfache Reise. Es war eine historische Reise im Rahmen des religiösen Engagements gegen Tyrannei und Ungerech-tigkeit, die zu selten ist. Deshalb war diese Reise keine einfache Reise. Eine solche Reise be-darf ihrer eigenen Reisenden.
Aus diesem Grund ist die Interpretation mancher Orientalisten nicht nachvollziehbar, die
Imam Husayn vorwerfen, er hätte den Zustand der damaligen Herrschaft Yazids nicht begrif-fen. Imam Husayn war sich der Tatsache bewusst, dass Yazid den Islam missbrauchte, und er war davon überzeugt, dass man eine solche Tyrannei, Unterdrückung und Ungerechtigkeit nicht zulassen darf. Ihm war bewusst, dass diese Abirrung vom Islam eine Gefahr für die is-lamische Gemeinschaft und die Zukunft der Muslime darstellte.
Deshalb kann man diesen Tag nicht als Festtag bezeichnen. Es ist ein Tag der Trauer für die Muslime und für alle Menschen, die sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen. In keiner islamischen Quelle wurde dieser Tag jemals, auch nicht vor den Ereignissen an Aschura, aus irgendeinem Grund als Festtag für die Muslime bezeichnet. Fasten ist eine gute und empfoh-lene Tat, aber nicht an diesem Tag mit der Absicht der Freude. Der Prophet selbst trauert mehr als jeder andere Muslim um seinen Enkelsohn, und man muss mit dem Propheten des Islam solidarisch sein.

Die Botschaft von Aschura

Aschura ist die sprudelnde Quelle von Heldentum und Freiheit. Es ist das Geheimnis des fortwährenden und anhaltenden Bemühens um die Bewahrung des göttlichen Glaubens, eines Glaubens, der die Botschaft des Monotheismus’ und der Gerechtigkeit überbringt und die hohe menschliche Würde anspricht, damit der Mensch durch den von Gott gegebenen Segen der Wahrheitssuche ein würdiger Stellvertreter Gottes auf Erden wird; dafür müssen sich Monotheismus und Gerechtigkeit in seinem Wesen manifestieren.

Aschura ist eine große und inspirierende Bewegung, die herausragende Menschen heranbildet. Aschura ist das Symbol einer unendlichen, revolutionären und unvergesslichen Bewegung für die Würde und den Edelmut des Menschen und der Menschlichkeit. Sie ist ein heiliges Epos und erhellt alle Epochen der Geschichte gleich einer strahlenden Sonne.

Jeder Moment der Geschehnisse in Kerbala gleicht einer Botschaft der Rechtleitung. Kerbala glänzt mit Moral, Edelmut, Wissen, Gottesdienst, Geduld und vielen anderen Tugenden. In Kerbala sah sich die Menschlichkeit in ihrer schönsten Form, dem hässlichsten, anderen Gesicht der Menschheit gegenüber. Kerbala ist ein Spiegel, der dem Menschen die ganze Wahrheit über sich zeigt, und in dem sich jeder sehen kann. In Kerbala fanden Mann und Frau, Jung und Alt, Vater und Sohn zusammen, um dieses Bild von der Menschheit zu vermitteln. Kerbala lehrt uns, dass die Frau den Weg, den der Mann zur Hälfte zurückgelegt hat, beendet, und die Botschaft der Glaubenszeugen überbringt.

Kerbala ist eine Manifestation des Islam in seiner Gesamtheit, eine Interpretation aller Qur’anverse und ihrer Bedeutungen. Die Geschehnisse von Aschura stehen für das Höchstmaß an religiöser Ethik; sie sind das Banner der religiösen Weltanschauung und des religiösen Handelns. Die größte Würde ist denjenigen eigen, die die höchsten Werte vor Augen haben, den reinsten Glauben und die erleuchtendste Kenntnis im Herzen tragen. Die aber, die sich nicht verbessern, und wie der Qur’an besagt, nur die Äußerlichkeiten des irdischen Lebens kennen und des Jenseits’ gänzlich achtlos sind, werden diese Tragödie niemals nachvollziehen können und hinter der Karawane der Liebe zurückblieben, die zu den Toren des Geliebten, nämlich Gott, führt.

Die wichtigste Botschaft der Aschura-Bewegung ist die einstimmige Erhebung des Monotheismus, die alle Aspekte der menschlichen Seinsphilosophie sowohl für die vergangenen wie auch zukünftigen Jahrhunderte definieren, zu erkennen geben und verwirklichen will. Hier wird deutlich, dass Aschura nicht nur als ein historisches Ereignis angesehen werden darf, sondern wir sind aufgefordert, die Einflüsse und Wirkungen dieser Ereignisse auf das Leben der früheren und zukünftigen Generationen genau zu studieren. Die wahre Gotterkenntnis, die sich mit eben diesem vernünftigen menschlichen Leben befasst, lässt sich nicht auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort beschränken; sie befasst sich mit dem „Menschen“ an sich und allen Aspekten seines Daseins in jeder Zeit.

Im Kampf des Menschen als Gottes Stellvertreter auf Erden gegen seinen Gegner, den Teufel, der sich in Tyrannen, Pharaonen, Nimrods, unterdrückerischen Herrschern und Königen dieser Welt manifestiert, zeigt Aschura den höchsten Lebensweg, den Pfad zur Glückseligkeit. Aschura lehrt den Denkern dieser Welt theoretisch und praktisch die Philosophie des Bekämpfens jeglicher Hindernisse für menschliches Wachstum und menschliche Vervollkommnung ebenso, wie die wesentlichen Aspekte der menschlichen Existenz. Überdies ist Aschura ein glänzendes Beispiel für die Bekämpfung der Triebseele. An Aschura wurde diese höchste Anstrengung verwirklicht, die den Menschen erhöht, ihn das irdische und spirituelle Leben lehrt, ihn die höheren spirituellen Ränge erklimmen lässt und für die Suchenden des Pfades der Liebe und Gerechtigkeit keine Fragen mehr offen lässt.

Die Ereignisse von Aschura lassen die Herzen der Wissenden und Tugend- und Wahrheitsliebenden sich in Respekt und Würdigung verneigen; sie gleichen einem Licht, das den großen Friedensstiftern und Reformern dieser Welt den Pfad ausleuchtet. Auf allen spirituellen Ebenen von Aschura sieht man Edelmut, Willenskraft und hohe Ziele. Die Helden von Aschura blieben von den Reizen dieser Welt unberührt, entschieden sich für Würde statt Schande, letztlich mit ihrem Leben.

Diese Tragödie der Menschheit ist ein Symbol der geistigen Vervollkommnung und der Verachtung aller verlockenden, materiellen Aspekte dieser Welt; ein Symbol der Verurteilung von Polytheismus, Frevel und Unterdrückung. Diese Geschichte beschreibt die vom Menschen dargebrachten Opfer zum Schutz von Monotheismus, Glauben, Gerechtigkeit und Recht und zur Bewahrung der Menschenwürde.

In der Philosophie des menschlichen Kampfes gegen alle Manifestationen der Unmenschlichkeit lassen sich Aschura und Kerbala nicht auf Zeit und Ort begrenzen. Zeit und Ort beschreiben zwar bestimmte Situationen, in denen sich der Mensch befinden kann, doch sie verschmelzen und dehnen sich aus, umfassen Vergangenheit und Zukunft und vereinen alle Menschen der Geschichte in ihrer Stimme und ihren Zielen. So zeigt sich die höchste, beste Entscheidung der Menschheit, so werden die hohen menschlichen Werte herauskristallisiert. Aschura ist der Zeitpunkt, Kerbela der Ort der Verwirklichung aller rechtleitenden Ziele der hl. Propheten (a.s.), der Manifestation der höchsten Stufen der Gottesanbetung und der menschlichen Vervollkommnung, und der Überwindung aller menschlichen Abhängigkeiten in der Geschichte. Zu jener Zeit, am Tag von Aschura, und an jenem Ort, in Kerbela, manifestierte sich die höchste, sichtbare Stufe der Ergebenheit des Gottesdieners dem Befehl Gottes gegenüber - die Stufe der Ergebenheit, auf der der Gottesdiener bereit ist, sein Leben gänzlich dem göttlichen Gebot unterzuordnen.

 

Die Philosophie von Trauerfeiern


Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.

Was ist das Ziel von Trauerfeiern und Klageliedern? Was bedeutet es, wenn die Überlieferungen besagen, dass das Weinen um Imam Husayn (a.s.) belohnt wird? Was ist die Philosophie, die dahinter steht?

Unsere Gebete haben zwei Stufen: Korrektheit und Akzeptanz. Was die erste Stufe betrifft, so gilt das Gebet dann als korrekt, wenn man sich an die Prinzipien und Pflichten des Gebets hält, selbst wenn man mit dem Herzen nicht anwesend ist und es nicht wahrlich an den Angebeteten gerichtet ist. Wenn das Gebet aber akzeptiert werden soll, und man die Wirkungen des Gebets spüren will, dass vor Sünden schützen soll, muss das Gebet nicht nur die obligatorischen Bedingungen erfüllen, sondern auch mit dem Herzen verrichtet werden.

Die Überlieferung: „Das Gebet ist die Himmelsreise jedes Gläubigen zur aufrichtigen Ehrfurcht vor Gott“ trifft dann zu, wenn alle Bedingungen erfüllt werden und das Gebet aufrichtig ist. In diesem Sinne steht der Mensch gemäß der Philosophie des Gebets seinem Schöpfer gegenüber, und das Gebet ist nicht nur korrekt, sondern wird auch anerkannt. Kann es denn sein, dass jedem, der auch nur eine Träne für Imam Husayn (a.s.) vergießt, die Sünden vergeben werden? Oder unterliegt auch das Trauern gewissen Bedingungen und folgt es einer eigenen Philosophie?

Dazu befassen wir uns kurz mit der Philosophie des Trauerns. Diese Philosophie unterscheidet sich nicht von der Philosophie des Aufstands von Imam Husayn (a.s.). Der heilige Imam machte seinen Aufstand, um den Islam zu bewahren, den Qur’an zu verteidigen, um das Gute zu gebieten und das Unbillige zu verwehren. So sollte auch eine Trauerfeier dem Zweck dienen, den Islam zu verbreiten, den Qur’an zu verteidigen und Gerechtigkeit walten zu lassen, das Gebieten des Guten und das Verwehren des Schlechten zu fördern. Eine Trauerfeier, deren Seele nicht mit diesem Ziel vereinbar ist und praktisch ohne Inhalt ist, kann auch nicht im Sinne der Ziele Imam Husayns (a.s.) sein.

Imam Sadeq (a.s.) legt diese Ziele dar: „… damit er Deine Diener aus ihren Irrwegen herausführt und sie vor ihrer Unwissenheit, Blindheit und vor ihren Zweifeln rettet.[1] Eine Trauerfeier sollte sich daran orientieren, und ein Klagelied über diesen heiligen Imam (a.s.) sollte uns davor bewahren, auf Irrwege zu gelangen und uns vor Unwissenheit zu retten. Imam Bagher (a.s.) erwähnt genau dieses Thema bei der Beschreibung solcher Versammlungen und besagt, dass sich die Philosophie der Trauerfeier an der Bewahrung der Religion, der Ahlu-Bayt (a.s.) und ihren Anweisungen orientiert: „Indem Ihr euch versammelt und euch besprecht, werden wir wieder belebt. Der beste von euch ist nach uns derjenige, der an uns erinnert und dazu aufruft, unseren Anweisungen Folge zu leisten.“[2]

Trauerfeiern für Imam Husayn (a.s.) beleben das Andenken an die Ahlu-l-Bayt (a.s.) und rufen ihre Kultur in Erinnerung, schätzen ihre Werte und verbreiten ihre Denkweise und ihre Lebensart. Die spirituelle Belohnung solcher Trauerfeiern erfolgt, wenn man dieses Ziel verfolgt und sich an dieser Philosophie orientiert.

In einer anderen Überlieferung fragte Imam Sadeq (a.s.) Fadhil ibn Yasaar: „Trefft ihr euch, und wiederholt ihr das Überlieferte?“ Fadhil bejahte, und der Imam (a.s.) sagte: „Wahrlich, wir lieben diese Veranstaltungen, in denen unsere Anweisungen belebt werden. Jemand, der in seinen Veranstaltungen unsere Anweisungen belebt, dessen Herz wird an dem Tag, an dem der Tod die Herzen holt, nicht sterben.“[3]

Diese und andere Überlieferungen, die solche Veranstaltungen erläutern, lehren uns, dass die Aufrechterhaltung der Anweisungen der Ahlu-l-Bayt (a.s.) und das Beleben ihrer Namen, die für ihre Lebensart stehen, die wahre Philosophie dieser Veranstaltungen darstellen. In einer anderen Überlieferung, die Imam Husayn (a.s.) zugeschrieben wird, heißt es: „Ich werde getötet, damit es eine Lehre ist, und kein Gläubiger wird sich an mich erinnern, ohne dabei zu weinen.“[4] Dieser Überlieferung wird entnommen, dass die Erinnerung an den Edelmutigen und die Trauer um ihn ein Ziel verfolgen sollen. Die Erinnerung an ihn ist dann wertvoll und eines Gläubigen würdig, wenn sie lehrreich ist. In der Abwesenheit des Imams der Zeit (aj.), wurden alle von den wahrhaft Weisen veranstalteten Trauerfeiern mit einem ähnlichen Ziel veranstaltet. Sie trauerten nicht der Trauer selbst wegen, sondern um Tugenden zu gewinnen und die Kultur Imam Husayns (a.s.) beizubehalten.

Möge Gott uns der religiösen Kenntnis näher bringen, damit wir die Trauerfeiern des heiligen Monats Muharram mit mehr Einsicht gestalten und aus der Aschura-Bewegung lernen. Möge uns Gott Seine Befehle erfolgreich befolgen lassen.



[1] Biharu-l-anwar, Bd. 98, S. 177.

[2] Maghtal al-hussain, Abd ur-radhagh, S. 100

[3] Ebd.

[4] Maghtal al-hussain, S. 103