Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
Man kann allgemein sagen, dass in jedem Menschen Liebe auf die eine oder andere Art vorhanden ist, doch sie unterscheidet sich in ihrer Intensität von Mensch zu Mensch. Maßgeblich ist dafür die Kenntnis des jeweiligen Menschen. Je vollständiger unser Wissen über verschiedene Personen und Dinge ist, desto stärker entwickelt sich unsere Zuneigung zu ihnen.[1] Es gibt mehrere Qur’anverse, die die verschiedenen Stufen der Liebe ansprechen:
Wenn er nun zu denen gehört, die (Gott) nahe sind, Dann (wird er) Glück (genießen) und Duft (der Seligkeit) und einen Garten der Wonne. Und wenn er zu denen gehört, die zur Rechten sind, (wird ihm gesagt) ‚Friede sei mit dir, der Du zu denen zur Rechten gehörst!’ Wenn er aber zu den Leugnern, Irregegangenen gehört, so wird ihm eine Unterkunft mit siedendem Höllenwasser und Höllenfeuer zuteil.“[2]
Manchmal sind es materielle Dinge, wie z. B. das Aussehen einer Person oder Geld und Reichtum, zu dem man Zuneigung empfindet, und manchmal sind es immaterielle Dinge, die mit der Moral und anderen Merkmalen der Menschen zu tun haben, d. h. Dinge wie Wissen, Mut, Großzügigkeit und dergleichen. Selbstverständlich fühlen sich die Menschen zu diesen Dingen unterschiedlich stark hingezogen. Normalerweise neigt man entweder gar nicht oder nur flüchtig zu vergänglichen Dingen, während man Dingen, die sich bewähren und als dauerhaft erweisen, stärker zugeneigt ist. All diese Dinge wirken sich auf die Stärke der Zuneigung aus. Die Gelehrten der Ethik sprechen von mehreren Ursprüngen der Zuneigung, wovon hier einige erwähnt werden:
1. Selbstliebe
Es besteht kein Zweifel daran, dass sich jeder vernünftige Mensch selbst liebt. Diese Liebe hat mit der natürlichen Veranlagung zu tun und manifestiert sich in verschiedenen Formen, wovon zwei besonders wichtig sind. Die erste Form zeigt sich in der Neigung zum ewigen Dasein, die man jedoch mittels fundierter Kenntnisse gewinnt und nicht mittels oberflächlicher Daten. Die Wahrheit der Menschen verbirgt sich nämlich nicht in ihrem materiellen Körper, sondern hat mit ihrer ewigen Seele zu tun. Diese ewige Seele verlangt nach etwas Ewigem, nämlich dem Jenseits. Der Mensch sollte sich daher nicht in seinem irdischen Körper einsperren, sondern sich für den großen, ewigen Transfer rüsten. Der Mensch neigt also zum Fortbestand; dieses Bedürfnis ist sehr real und es muss eine Welt geben, in der es befriedigt wird.
Eine weitere Manifestation der Selbstliebe ist die Neigung zur Vollkommenheit, die sich mit der Neigung zum Fortbestand vermischt. Die Vervollkommnung ist nämlich ohne Fortbestand nicht möglich; so strebt der Mensch nach Dingen, die sein Wesen vervollkommnen, was etwas gänzlich anderes ist als das schiere Überleben. Auch die Neigung zur Vervollkommnung manifestiert sich basierend auf den variierenden Stufen der Kenntnis darüber in verschiedenen Formen. Betrachtet der Mensch die Vervollkommnung als eine irdische Angelegenheit, wird er zu materiellen Dingen neigen und wählt auch seine Freunde entsprechend. Sieht er aber den immateriellen, spirituellen Aspekt der Vervollkommnung, wonach er aufgrund seiner Veranlagung strebt, wird er sein Verhalten und seine Gesinnung danach ausrichten und auch seine Freunde entsprechend vorsichtiger wählen.
Suche nach der Bedeutung, wenn Du nach Formen strebst,
Denn die verborgene Bedeutung ist die schönste aller Formen.
Geselle Dich zu denen, die die Bedeutung verstehen,
Von denen wirst Du nämlich beschenkt, während Du mit ihnen verschmilzt.
Ein bedeutungsloses Leben in diesem gleicht zweifelsohne
einem hölzernen Schwert in seiner Hülle.[3]
2. Freundlichkeit
Zu den anderen Dingen, die Liebe hervorrufen, gehört die Freundlichkeit. Ist man zu jemandem freundlich, bewirkt dies Zuneigung. Die Frage ist dabei, mit welcher Art von Wohltat man die Liebe in ihrer beständigsten Form hervorrufen kann. Die Antwort auf diese Frage ist darauf zurückzuführen, ob es Geld und Reichtum ist, was der Mensch wohltätig verschenkt, oder ob es die inneren Schönheiten sind, die er auf de Grundlage der ethischen Lehren den Anderen zuteil werden lässt. Beides trägt (soweit es ihre Kapazitäten erlauben) zum Fortbestand der Liebe bei. Sie unterscheiden sich aber von der Selbstliebe darin, dass die Selbstliebe direkt vom Geliebten kommt und die Vollkommenheit des Geliebten per se darstellt, während Freundlichkeit und Wohltat lediglich eine Kausalität der Vollkommenheit sind, was dazu führt, dass die Liebe in ihrer Stärke denselben Schwankungen unterliegt wie die Freundlichkeit.
3. Güte und Schönheit
Güte und Schönheit sind ein weiterer Ursprung der Liebe. Man muss dabei allerdings beachten dass sie sich nicht lediglich auf Sinneswahrnehmungen beschränken. Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass man auch ein Verhalten oder eine Wissenschaft als schön bezeichnen kann, während das Empfinden dieser Schönheit nicht direkt auf Sinneswahrnehmungen basiert, sondern auf einem inneren Empfinden, das mit dem Licht des Verstands wahrgenommen wird. Der Mensch neigt von Natur aus Personen zu, die über spirituelle Tugenden verfügen. Manchmal gewinnt diese Neigung dermaßen an Stärke, dass man bereit ist, all sein Hab und Gut diesen Menschen zur Verfügung zu stellen, um ihnen zu helfen. Es kommt sogar vor, dass man diese Menschen gar nicht gesehen hat und dennoch Opfer für sie bringt. Die Liebe die wir zum edlen Propheten (s.a.s.) oder Imam Ali (a.s.) empfinden, entspringt ihren Eigenschaften und spirituellen Tugenden. Natürlich gehören auch materielle Schönheit und Vertrautheit zu den Ursprüngen der Liebe. Eine Liebe, die direkt dem Geliebten entspringt oder die Liebe zu zwei Dingen, die ein und derselben Sache entspringen, stellen auch wichtige Grundlagen der Liebe dar, auf die man bei Gelegenheit weiter eingehen kann. Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.


Anmerkungen:
[1] Ihya ulumu-d-din, Bd. 4, S. 296.
[2] Sure al-Waqi’ah, Verse 88-94.
[3] Rumi: Mathnawi, 1. Buch, Verse 710 bis 712.
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