Das ewige Leben

 

Ursprünglich Herausgegeben von:
Islamisches Führungsministerium
Seminar für die Renaissance des islamischen Denkens
anläßlich des dritten Jahrestages des Martyriums von Schahid Morteza Motahhari, Teheran April 1982

Überarbeitet und neu herausgegeben von:
Islamischer Weg e.V., Delmenhorst 1999

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen

Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) an das Volk einen Tag nach dem Martyrium Schahid Morteza Motahharis
Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des ersten Jahrestages des Martyriums Schahid Motahharis
Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des zweiten Jahrestags des Martyriums Schahid Motahharis
Lebenslauf Schahid Morteza Motahharis

DAS EWIGE LEBEN

Die Auferstehung: Grundlagen der islamischen Weltanschauung
Ursprung und Quelle des Glaubens an ein jenseitiges Leben
Die Natur des Todes
Das Leben nach dem Tode
Die Übergangswelt (Barsach)
Der Tag des Jüngsten Gerichts
Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt
Manifestierung und Unvergänglichkeit der Handlungen und Errungenschaften des Menschen
Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und dem in der anderen Welt
Argumente und Beweise für die andere Welt im Heiligen Qur’an
Gottes Gerechtigkeit
Gottes Weisheit

Abkürzungen

a.s. Frieden sei mit ihm bzw. ihnen [caleyhis-sal~ m, caleyhumma sal~ m]

r.a. Gottes Barmherzigkeit sei mit ihm [ramatull~ h caleyh]

s.a.s. der Friede sei mit ihm und mit den Reinen seiner auserwählten Familie [ allall~ hu calayhi wa ~ lih§ wa sallam]


Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) an das Volk einen Tag nach dem Martyrium Schahid Morteza Motahharis

Im Namen Allahs des Gnädigen, des Barmherzigen

"Wir gehören Gott, und zu ihm kehren wir (dereinst) zurück"

(Heiliger Qur’an 2:156)

Zu dem erschütternden Verlust an unserem strebsamen Märtyrer, Denker, Philosophen und Theologen höchsten Ranges, Hadsch Scheich Morteza Motahhari, einem der Reinsten und Opferbereitesten, gratuliere ich zugleich mit dem Ausdruck des tiefsten Beileids dem Islam, den auserwählten Imamen, dem islamischen Volk und insbesondere dem kämpferischen Volk Irans.

Ich möchte meinem Beileid zum Märtyrertod einer Autorität Ausdruck verleihen, die ihr wertvolles Leben dem Weg hin zu den höchsten Zielen des Islam gewidmet hat und gegen Irrwege und Abweichungen jeglicher Art unverdrossen gekämpft hat. Mein Beileid zum Märtyrertod eines Menschen, der auf dem Gebiet der Islamwissenschaften und unter der Kennern des Heiligen Qur’ans kaum seinesgleichen hatte. Ich habe mit ihm einen geliebten Sohn verloren, eine Persönlichkeit, die Frucht meines Lebens war, und trauere tief um ihn.

Der Märtyrertod dieses wertvollen Kindes und unsterblichen Weisen hat dem Islam einen tiefen Schaden zugefügt, und niemand kann seine Stelle wieder füllen.

Ich gratuliere unserem Volk, daß es solche aufopferungsbereite Autoritäten hervorbringt, deren Existenz in diesem Leben und nach dem Tod reine Strahlen verbreitet. Ich gratuliere dem großen Islam, dem Lehrer der Menschheit, und dem islamischen Volk, die gemeinsam solche Söhne hervorgebracht haben, in deren Lichtkreis die Finsternis weicht und die Toten neu belebt werden. Ich habe einen Sohn verloren aber trotzdem erfüllt es mich mit Freude, daß es Sprößlinge dieser Nation gibt, die so aufopferungsbereit sind wie er.

Motahhari, dessen Seele an Reinheit und dessen Glaubenskraft an Stärke die anderer weit übertraf und dessen Rede eine einzigartige Wirkung ausströmte, ging von uns und erreichte damit die höchste Stufe des Menschseins; aber die böswilligen Menschen müssen sich darüber im klaren sein, daß mit seinem Gehen seine islamische, wissenschaftliche und philosophisch denkende Persönlichkeit nicht gegangen ist. Ein Terror kann nicht die islamische Persönlichkeit eines Muslims treffen. Sie müssen wissen, daß unser Volk, wenn Gott, der Allmächtige hilft, durch den Verlust solch großer Persönlichkeiten für den Kampf gegen Verderbnis und Tyrannei und Kolonialismus nur neue Kraft gewinnt. Unser Volk hat seinen Weg gefunden, und es wird nicht ruhen, bis alle verfaulten Wurzeln des ehemaligen Regimes und dessen verabscheuungswürdige Anhänger ausgetilgt sein werden. Martyrium und Opferbereitschaft sind es, die den Islam groß gemacht haben. Den Weg des Islam prägt seit der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten (s.a.s.) bis heute Mut und Martyrium. Der Kampf um die Sache Gottes und der Unterdrückten willen ist ein Hauptziel des Islam. "Warum wollt ihr (denn) nicht um Gottes willen und (um) der Unterdrückten (willen) kämpfen, (jener) Männer, Frauen und Kinder, die (in Mekka zurückbleiben mußten und) sagen: 'Herr! Bringe uns aus dieser Stadt, deren Einwohner frevlerisch sind, und schaffe uns deinerseits einen Freund und einen Helfer'?" (4. Sure, Vers 75). Diese Terroristen, die selbst bald den Tod und Untergang fühlen müssen, die glaubten, sich durch solche Taten rächen zu können um damit den Gotteskämpfern Angst einzuflößen, haben sich getäuscht. Jedes Haar, jeder Blutstropfen unserer Märtyrer, der fällt, bringt neue kampfbereite, selbstlose Menschen hervor. Sie müßten das gesamte mutige Volk ermorden, denn der Mord an einer Person, so groß sie auch sei, bleibt für die Erreichung ihrer Ziele ohne Nutzen. Ein Volk, das sich mit dem Vertrauen auf den Allmächtigen Gott erhoben hat, um dem Islam neues Leben zu geben, kann durch derartig vergebliche Anstrengungen der Feinde nicht zum Rückzug gezwungen werden. Wir sind immer bereit für die Aufopferung von uns selbst und den Märtyrertod um Gottes willen.

Den 13. Ordibehescht (3. Mai) erkläre ich zu einem Trauergedenktag für eine Persönlichkeit, die bereit war, für den Islam und das Volk zu kämpfen und sich zu opfern, und ich selbst werde am Donnerstag und am Freitag in der Feyziyeh-Schule eine Trauerveranstaltung abhalten.

Gott, der Allerhöchste, schenke diesem geliebten Sohn des Islam Gnade und Vergebung und dem Islam Größe und Ruhm.

Friede sei mit den Märtyrern, die um der Gerechtigkeit und der Freiheit willen gestorben sind.

Ruhullah Al-Musawi Al-Khomeini

Qum, den 4. Mai 1979

Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des ersten Jahrestages des Martyriums Schahid Motahharis

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Der Sieg der Islamischen Revolution im Iran, der mit Gottes Hilfe stattgefunden und zur Trauer der Böswilligen geführt hat, und die ruhigen und erfolgreichen Aktivitäten der revolutionären islamischen Organisationen während des vergangenen Jahres werden überschattet durch von Terroristen und Revolutionsgegnern verursachte unersetzliche Verluste, wie den durch einen verräterischen Terroranschlag hervorgerufenen Verlust des großen Gelehrten und Islamkenners, unserem Märtyrer Hodschat-ul-Islam Scheich Hadsch Morteza Motahhari (r.a.).

Es fällt mir schwer, in dieser Lage meinen Gefühlen und meiner Zuneigung zu dieser geliebten Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Was ich sagen kann ist, daß er für Islam und die Wissenschaft wertvollste Dienste geleistet hat; es ist zutiefst bedauerlich, daß die Hand von Verrätern diesen fruchtbaren Baum der islamisch-wissenschaftlichen theologischen Schule entrissen hat und damit allen den Nutzen dieser unersetzlichen Früchte vorenthalten hat. Motahhari war mir ein lieber Sohn und eine Stütze der islamisch-wissenschaftlichen theologischen Schule, ein nutzbringender Diener des Landes und des Volkes. Ich hoffe, daß Gott ihm vergeben und ihn an die Seite der großen Diener stellen möge.

Die Gegner des Islam und der Revolution versuchen, unsere Studenten durch ihre Propaganda gegen den Islam von der Lektüre seiner Schriften abzuhalten. Studenten und Intellektuelle, achtet darauf, daß die Bücher dieses Meisters nicht wegen dieser unislamischen Verschwörungen in Vergessenheit geraten!

Ich bitte Gott um Erfolg für Euch alle.

Friede sei mit all denen, die Gutes tun.

Ruhullah Al-Musawi Al-Khomeini

Qum, den 3. Mai 1980

Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des zweiten Jahrestags des Martyriums Schahid Motahharis

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen

Dieses ist der Trauergedenktag an das Martyrium eines reinen Märtyrers, der mit seinem kurzen Leben eine unvergängliche Spur zurückgelassen hat. Er besaß die Strahlen eines Lebens in Wachsamkeit und eine Seele, die von Liebe zu ihrer Ideologie erfüllt war. Er hat mit geschmeidiger Feder und Geistesstärke durch seine Erläuterungen der islamischen Gesetze und die Auseinandersetzung und Darlegung der philosophischen Wahrheiten in allgemeinverständlicher Sprache und ohne Umschweife zur Erziehung und Bildung der Gesellschaft große Beiträge geleistet. Was aus seiner Feder geflossen und von seiner Zunge geäußert worden ist, ist ausnahmslos erbaulich und lehrreich. Seine Reden und Ratschläge, die einem von Glauben erfüllten Herzen entsprangen, sind für die Hochgebildeten wie für die Normalbevölkerung von großem Nutzen. Wir hatten gehofft, daß wir von diesem ertragreichen Baum mehr Früchte ernten könnten als die, die wir nun in Händen haben, und dadurch mehr Menschen der Gesellschaft zu Denken und Weisheit gelangen könnten. Aber die Hände von Verbrechern haben es verhindert, daß unsere Jugend die reinen Früchte dieses reifen Baumes genießen durfte.

Gott sei Dank, daß uns das, was uns von diesem Märtyrer hinterlassen worden ist, in seiner Vollkommenheit selbst als Lehrer dienen kann. Der selige Märtyrer, Meister Motahhari, hat die Ewigkeit erreicht. Gott sei ihm gnädig und stelle ihn an die Seite der großen Dienern des Islam.

Ruhullah Al-Musawi Al-Khomeini

Teheran, den 29 April 1981

Lebenslauf Schahid Morteza Motahharis

Motahhari wurde am 2. Februar 1920 in Fariman in der östlichen Provinz Irans, Khorasan, geboren. Sein Vater war ein an Tugenden sehr reicher Mann, der unbeirrt die Vorschriften und Grundsätze des Islam befolgte. In einer solchen Familie wuchs Motahhari auf und unterschied sich offensichtlich schon seit seiner Kindheit von anderen. Er liebte Reinheit und Gottergebenheit über alles und schreckte vor schlechtem Benehmen zurück. Morteza war ausgesprochen lernbegierig, suchte die Bildung und zeigte große Talente. Nach der Beendigung der Volksschule in seinem Heimatort ging er nach Maschhad, um sich dort religiöse Erziehung angedeihen zu lassen, denn ihm lagen die islamischen Studien sehr. Im Alter von 13 Jahren, 1933, begann Morteza in Maschhad seine Islamstudien; er studierte Logik, Philosophie, Islamische Jurisprudenz sowie arabische Literatur. Während dieser Zeit beobachtete sein Denken eine Transformation, deren Ergebnisse sich in seinem Denken, Handeln und Benehmen lebendig niederschlugen. Diese Transformation bezog sich auf die Existenz Gottes bzw. deren Leugnen, ein Thema, das seit dem Anfang der Geschichte eines der empfindlichsten und interessantesten geblieben ist. Im Hinblick auf dieses Thema sagt Motahhari: "So, wie ich mich erinnere, überschattete dieses Gefühl, als ich 13 war, mein ganzes Wesen, und ich empfand eine seltsame Empfindlichkeit den Themen über die Existenz Gottes gegenüber. Die verschiedensten Fragen, natürlich meinem Alter entsprechend, stürmten auf meinen Geist ein. Während der ersten Jahre, die ich in Maschhad verbrachte, wo ich mich mit dem Studium der Einführung ins Arabische beschäftigte, war ich so in diese Gedanken versponnen, daß ich schließlich nicht einmal mehr die Anwesenheit meines Zimmernachbarn ertragen konnte. Daher teilte ich mein Zimmer auf und machte meinen Teil zu einer dunklen Zelle, wo ich mit meinen Gedanken allein sein konnte. In dieser Zeit mochte ich auch während meiner Freizeit über nichts anderes nachdenken. Ich empfand es tatsächlich als Zeitverschwendung, wenn ich mich mit anderen Problemen beschäftigte, bevor ich die Antwort auf diese lebenswichtige Frage gefunden hatte. Islamische Jurisprudenz und Logik studierte ich allein zu dem Zweck, daß ich allmählich dazu fähig würde, die Ideen der großen Philosophen in dieser Hinsicht zu verstehen."

Hier tritt ein wesentlicher Faktor in das Leben Motahharis, der ohne Zweifel eine bezeichnende Rolle bei der Ausformung seiner wissenschaftlichen und philosophischen Persönlichkeit gespielt hat: die Beharrlichkeit, mit der er philosophisch und mystisch zu denken lernte. Er ist schließlich selbst zu einem großen Helden auf dieser Stufe des Denkens geworden. "Ich erinnere mich, daß ich von dem Zeitpunkt an, da ich in Maschhad Arabisch zu studieren begonnen hatte, den Philosophen und Denkern größeren Wert und große Überlegenheit zumaß, obwohl ich in ihrer Gedankenwelt noch nicht zuhause war. Ich interessierte mich für sie mehr als für alle Erfinder, Forscher und andere Wissenschaftler. Und das nur deshalb, weil ich die Ersteren als die Helden der Welt des Denkens betrachtete". Die alte theologische Schule in Maschhad war eine der theologischen Schulen des Landes, die große Schwierigkeiten auszuhalten hatten während der Zeit, als der sogenannte Schah Reza Khan, der erste Tyrann der Pahlawi-Dynastie, das Land beherrschte. Und die Situation der Schüler und Studenten war sehr schlimm, so daß die Schule am Rande der Verwaisung und des Zusammenbruchs stand. In dieser Zeit entschloß sich Motahhari dazu, seine Islamstudien in der heiligen Stadt Qum fortzusetzen. So verließ er im Alter von 18 Jahren Maschhad und blieb von da an für 15 Jahre in Qum. Er erhielt eine wertvolle Ausbildung durch große Lehrer, insbesondere durch Imam Khomeini (r.a.), der, mit Worten Motahharis, jene verlorengegangene Person war, nach der er gesucht hatte. Motahhari sagt in diesem Zusammenhang: "Der Unterricht in Ethik, den mir diese geliebte Person jeden Donnerstag und Freitag erteilte, war ein Unterricht, der sich wirklich um den göttlichen Weg und Gnostik (Lehre der Gotteserkenntnis) drehte; es war nicht nur Ethik in ihrer leblosen, wissenschaftlichen Form. Sein Unterricht überwältigte mich so sehr, daß ich mich noch bis Montag und Dienstag von seinem Einfluß beherrscht fühlte. Meine intellektuelle und geistige Persönlichkeit formte sich zum größten Teil während dieser und ähnlicher Unterrichtsstunden, die ich zwölf Jahre lang von jenem göttlichen Lehrer erhielt. Ich fühle mich daher immer ihm gegenüber schuldig."

Im Jahre 1942 fand in Motahharis Leben ein weiteres Ereignis statt, das mithalf, seine geistige und wissenschaftliche Persönlichkeit auszuformen: Er lernte den Gelehrten Hadsch Mirza Ali Schirazi Isfahani (r.a.) kennen. Durch dieses Zusammentreffen lernte er die Sammlung "Nahj-ul-Balagha" der Worte von Imam Ali (a.s.) kennen, was für ihn zu einem sehr wertvollen Buch wurde. Er fand an diesem Buch und dessen vieldimensionalen Aspekten spezielles Interesse. Ein Buch mit dem Titel: "Ein Überblick über Nahj-ul-Balagha" stellte einen kleinen Teil derjenigen Arbeiten dar, die er nicht mehr imstande war zu vollenden. Das Jahr 1942 war einer der Meilensteine auf Motahharis Lebensweg: neben dem Besuch der Unterrichtsstunden bei seinen großen Lehrern - unter ihnen Imam Khomeini (r.a.), Ajatollah Burudscherdi (r.a.) und Allamah Sayyid Mohammad Hussain Tabatabai (r.a.) - erteilte er auch selbst Unterricht auf verschiedenen Gebieten.

Im Jahr 1947 lernte Motahhari die Denkschulen des Materialismus kennen. Dank seiner Begeisterung für das philosophische Studium widmete er sich diesen sorgfältig. Die Studien sowohl der göttlichen Philosophie als auch der materialistischen setzte er bis zum Ende seines Lebens fort, und auf diesem Weg war es ihm möglich, die beiden Philosophien voneinander zu trennen und sie miteinander zu vergleichen, wodurch er die Authentizität der allumfassenden Sicht des Islam gegenüber den materialistischen Gedanken aufrechterhalten und bewahren konnte. 1951 besuchte Motahhari die späten Vorlesungen von Allamah Tabatabai und begann das Buch "Grundsätze der Philosophie und Methode des Realismus" zu schreiben, das während der vergangenen 20 Jahre eine entscheidende Rolle gespielt und die Basislosigkeit der materialistischen Denkschulen bewiesen hat.

Im Laufe seiner Studien an der Theologischen Schule in Qum eröffnete sich für Motahhari ein weiteres Kapitel: das des Umgangs mit Problemen der islamischen Gesellschaft und mit politischen wie sozialen Aktivitäten. Für einen Menschen, wie Motahhari, der die Probleme genaustens zu studieren pflegte und sich um Lösungen für sie bemühte, und für eine Person, die den Islam und die islamische Gesellschaft liebte, war alles, was sich auf das Schicksal der Muslims und den Islam bezog, von großer Bedeutung. Auf der anderen Seite war die Erziehung durch Vorlesungen von Persönlichkeiten wie Imam Khomeini, der seine Studenten immer dazu anhielt und aufrief, für eine gerechte und aufrichtige Gesellschaft zu kämpfen und den Islam lebendig und in Bewegung zu erhalten, ein weiterer Faktor dafür, daß Motahharis Aufmerksamkeit auf die Beschäftigung mit der islamischen Gesellschaft gelenkt wurde. Das Ergebnis war, daß der große Gelehrte während der Jahre 1949-51, als die Wellen der Freiheitsbewegung im ganzen Land immer höher schlugen, auch in diese Bewegungen verwickelt war. Er stand mit den meisten islamischen Gruppen in Kontakt, welche die Verbesserung der islamischen Gesellschaft forderten. Eine dieser Gruppen trug den Namen "Fedayin-e-Islam" (Opferbereite für den Islam).

Während der Zeit seiner Studien legte Motahhari immer, wenn sich Zeit fand, z.B. bei Treffen mit den anderen Studenten oder bei anderer günstiger Gelegenheit, die sozialen Probleme offen, und bei den meisten Versammlungen war er der Hauptredner. Seine Worte wirkten anziehend und besaßen starke Einflußkraft. 1953 kam Motahhari nach Teheran und heiratete die Tochter eines muslimischen Geistlichen aus Khorasan. Er mietete sich ein Zimmer zum Leben. Von diesem Zeitpunkt an begann er, zahlreiche Bücher zu schreiben. Seine erste Arbeit war "Grundsätze der Philosophie und Methode des Realismus", die 1954 erschien. 1956 wurde er eingeladen, an der Fakultät für Theologie und Islamwissenschaften zu unterrichten. So begann er dort für 22 Jahre Unterricht zu erteilen. In dieser Zeit studierte er neben seinen Vorlesungen und Forschungen sehr genau verschiedene Gebiete der islamischen Kultur und nahm an mehreren Vortragsreihen über islamische Jurisprudenz, Literatur, Philosophie, soziale und historische Themen teil. Er kämpfte für die Erziehung und Bildung der jungen Generation, und darum hielt er an diversen Universitätszirkeln und wissenschaftlichen Körperschaften häufig Vorträge über die verschiedenen Themen des Islam. Prinzipiell wählte er die Universität als Haltegriff, um immer Kontakte zu den religiösen Intellektuellen und zu den Uninformierten vom Westen vergifteten zu haben. In den Jahren von 1958 bis 1971 und auch noch später war er fast andauernd Sprecher der "Vereinigung muslimischer Gelehrter". Die meisten Bücher, die Motahhari verfaßt hat, entstanden in dieser Periode. Die Arbeit an der Universität half ihm, Verbindungen zwischen der Universität und den theologischen Schulen zu knüpfen; viele Universitätsmitglieder wurden von ihm in die theologischen Zentren geschickt, damit sie dort lehrten oder unterrichtet wurden. Motahhari kämpfte hart zur Überbrückung des Spaltes zwischen diesen beiden Organen.

Folgende Werke Ajatollah Motahharis sind veröffentlicht worden:

Gründe für die Neigung zum Materialismus

Materialismus im Iran

Unsichtbare Hilfe im Leben des Menschen

Die Sonne der Religion geht nie unter

Management und Führerschaft im Islam

Die Rechte der Frau im Islam

Das Thema „Hidschab" (islamische Bekleidung)

Sexualmoral im Islam und im Westen

Islam und Iran und ihre wechselseitigen Dienste (2 Bände)

Göttliche Gerechtigkeit

Übersicht über Nahj-ul-Balagha

Menschen und Schicksal

Fesselungs- und Anziehungskraft Imam Alis (a.s.)

Aufstand und Revolution Imam Mahdis aus der Sicht der Geschichtsphilosophie

Islamische Bewegungen während der letzten 100 Jahre

Sozialentwicklung des Islam

Geschichten der Wahrhaftigen (2 Bände)

Gesellschaft und Geschichte

Das ewige Leben oder das Leben im Jenseits (hier in Auszügen übersetzt)

Zusätzlich zu den erwähnten Werken hat Motahhari noch eine große Anzahl Vorträge und Essays hinterlassen, die auf Tonträgern erhalten sind. Die politischen Aktivitäten Motahharis gewannen an Bewegungskraft am 5. Juni 1963 während der Vorbereitung zur Islamischen Revolution, in der die muslimischen Geistlichkeit eine sehr bedeutende Rolle gespielt hat und viele aus ihren Reihen verhaftet und ins Gefängnis gebracht wurden. Motahhari wurde mitten in der Nacht des 5. Juni festgenommen und kam für 43 Tage ins Gefängnis. Später wurde er auf Druck des Volkes und infolge eines Protestmarsches vieler muslimischer Geistlicher nach Teheran freigelassen. Zu jener Zeit war Imam Khomeinis Verbindung zum Volke vollkommen abgeschnitten, und Menschen wie Motahhari trugen in dieser Hinsicht eine schwere Verantwortung auf ihren Schultern. Im November 1964 wurde Imam Khomeini zunächst in die Türkei, später in den Irak ins Exil geschickt. Um dieser Situation zu trotzen, trachtete die muslimische Geistlichkeit danach, sich zu organisieren. Das Ergebnis dieser Bestrebungen war die "Gemeinschaft kampfbereiter Geistlicher", Motahhari war ein Schlüsselglied dieser Vereinigung und Imam Khomeinis Vertreter in der Gesellschaft.

In den Jahren 1964 bis 1977 führte Motahhari einen langen Kampf für die Wiederbelebung der islamischen Grundsätze durch seine zahllosen Vorträge an verschiedenen Universitäten und islamischen Vereinigungen. Motahhari spielte eine wichtige Rolle bei der Führung und Leitung der islamischen Koalitionsparteien, die gegen das diktatorische Regime des inzwischen gestorbenen (Vater des) Schah zu den Waffen gegriffen hatte. Zu dieser Aufgabe war er von Imam Khomeini bestimmt worden. Nach der Vorlage des Kapitulationsentwurfs und dessen Annahme durch das Iranische Parlament verdammte Imam Khomeini in einer Rede diesen verräterischen Akt. Diesem neuen Gesetze nach sollten alle amerikanischen Militärberater im Iran gegen jegliche Art legaler Verfolgung immun sein, so daß sie alles tun konnten, was ihnen einfiel. Ein Ergebnis der Verdammung von seiten Imam Khomeinis war seine Verhaftung und sein Exil in der Türkei. Das vergrößerte Motahharis Verantwortung sehr.

Die Denkmethode und die wissenschaftlichen Aktivitäten des Märtyrers Motahhari besaßen besondere wesentliche Merkmale, die teils seiner Natur entsprachen, teils Produkt jahrelanger harter Arbeit und Selbstreinigung waren. Einige der Eigenschaften dieses Meisters waren:

1) Tiefgründiges und sorgfältiges Erforschen und Studium der ideologischen und sozialen Angelegenheiten der Menschen. Diejenigen, die ihn kannten oder mit seinen Schriften und Reden Umgang hatten, wußten sehr gut, daß die Themen seiner Gespräche alle sorgfältige Untersuchungen und ein großes Maß an Nachdenken erforderten. Diese Themen waren sowohl sozialen als auch religiösen Ursprungs. Motahhari sagt hierzu: "Seit der Zeit, als ich zu der Feder gegriffen hatte, um zu schreiben - was nun fast 20 Jahre zurückliegt - war das einzige Ziel meines Schreibens das, eine Lösung für die Probleme zu finden, auf die man in unserer Zeit in den verschiedenen Bereichen des Islam stößt. Einige meiner Schriften sind philosophische, andere ethische, soziale oder gehören zum Gebiet der islamischen Jurisprudenz und Geschichte. Obwohl jedoch die Themen all dieser Schriften voneinander verschieden sind, sich sogar in manchen Fällen widersprechen, war doch das Ziel, das mit ihnen allen verfolgt wurde, nur ein einziges". "... Die heilige Religion des Islam ist eine unbekannte Religion, und die Wahrheiten, die ihr innewohnen, sind den Leuten auf den Kopf gestellt vorgeführt worden. Die Gründe dafür liegen in unkorrekten Lehren, die den Leuten im Namen der Wahrheit erteilt wurden; gerade von denjenigen, die schreien, sie unterstützen diese heilige Religion mehr als alle anderen, erfährt sie heute die übelsten Schläge. Die Angriffe, die durch den Kolonialismus des Westens durch seine offenbaren oder verstecken Agenten einerseits und Nachlässigkeit und Trägheit derjenigen, die behaupten, den Islam zu unterstützen, andererseits auf diese Religion verübt wurden, schlugen sich in Angriffen auf das islamische Denken in vielen Gebieten - seien es fundamentale oder aufbauende Gebiete des Islam - nieder. Darum fühlte ich mich verantwortlich, meine Pflicht in dieser Hinsicht, so gut ich konnte, zu erfüllen."

Motahhari begann die Bücher "Die Rechte der Frau im Islam" und "Das Thema "Hidschab" " zu schreiben und hielt außerdem Vorlesungen zu einer Zeit, als er beobachtete, wie der Kolonialismus sich darum bemühte, die Kultur des Volkes zu verändern und die islamische zurückhaltende Bekleidung in Verruf zu bringen, um die freie muslimische Frau zu einem leeren Gegenstand zu machen, der nur den tierischen Begierden des Mannes genügt, zu einer Zeit, als Anstrengungen unternommen wurden, die Familie aufzuspalten und von ihnen die ihr innewohnenden islamischen Werte zu trennen und die muslimischen Iraner in Kreaturen zu verwandeln, denen es nichts ausmachte, ausgebeutet, ausgeräubert oder versklavt zu werden. Motahhari, der es nicht ertragen konnte, Zeuge solcher Entwicklungen zu sein, erhob sich zum Widerstand und begann zu schreiben, zu reden und viele Vorträge in dieser Beziehung zu halten. In seinem Buch: "Das Thema "Hidschab" " schreibt er: "Nacktheit ist ohne Zweifel die Krankheit unserer Tage, und diese wird früher oder später eingeführt werden. Gesetzt den Fall, wir imitierten blind den Westen, so werden die westlichen Pioniere selbst die Natürlichkeit dieses Phänomens verkünden. Aber ich fürchte, es wird zu spät werden, wenn wir darauf warten, bis sie es verkünden." "... Die Bezeichnung 'Hidschab' für die Bedeckung der Frau ist ein relativ neuer Ausdruck. Die islamischen Juristen haben eher das Wort 'Sitre' anstelle von 'Hidschab' verwendet, welches 'Bedeckung' bedeutet. Das Wort 'Hidschab' hat zwei Bedeutungen: erstens 'Bedeckung' und zweitens 'Vorhang', und es wird mehr im letzteren Sinn verwendet und nicht für die Bedeckung des Körpers. Die Bedeckung der Frau meint, daß Frauen in ihrem Umgang mit Männern sich selbst bedecken und sich den Männern nicht zur Schau stellen sollten. Die Bedeckung im Islam hat eine generelle und fundamentale Grundlage, nämlich die, daß alle sexuellen Leidenschaften und fleischlichen Genüsse nur auf den Kreis der Familie und den Rahmen der legalen Ehe beschränkt bleiben müssen, so daß die Gesellschaft für die Arbeit und für soziale Aktivitäten rein erhalten bleibt. Dieser Schritt des Islam richtet sich vollständig gegen das westliche System, in dem gegenwärtig fleischliche Begierden und soziale Aktivitäten miteinander vermengt werden." In dem Buch "Die Rechte der Frau im Islam" greift Motahhari eines der lebendigsten und empfindlichsten Gesellschaftsthemen auf, das des Systems und der Ordnung der Frauenrechte. Motahhari versucht zunächst, die Wurzeln und Gründe dieses Themas offenzulegen, und danach bezieht er sich auf den Standpunkt des Heiligen Qur'ans hierzu, wobei er das Frauenrechtssystem von verschiedenen philosophischen, psychologischen und soziologischen Gesichtspunkten aus betrachtet.

Motahhari gibt in seinem Buch: "Islam und Iran und ihre wechselseitigen Dienste" Antwort auf eine Entwicklung, die zu jener Zeit existierte und das Ziel verfolgte, eindimensionale Gefühle des Nationalismus und der Entfremdung von Islam und Iran hervorzurufen, um die Anziehungskraft des Islam und die Liebe des Volkes zu ihm zu schwächen. Er stellte deutlich heraus, daß sich unser Glaube und unsere Überzeugung nicht gegen die Liebe zum Vaterland wendet, und daß unsere Vorfahren deshalb in vielerlei Hinsicht dem Islam wertvollste und größte Dienste erwiesen haben. Motahhari schreibt in einem Abschnitt dieses Buches: "Der Kolonialismus fand in seiner Politik des "divide et impera (teile und herrsche)" keinen besseren Weg als den, die Aufmerksamkeit der islamischen Staaten und Nationen auf ihre Nationalitäten und ethnischen Eigenheiten zu lenken und sie somit damit zu beschäftigen, mit Stolz auf irgendwelche unklaren Ruhmesinhalte der Vergangenheit zu blicken. Sie erzählten den Indianern, daß ihre Vergangenheit den und den Hintergrund habe; der türkischen Jugend injizierten sie die Bildung einer pan-türkischen Bewegung und erzählten den Arabern, die mehr als alle anderen Völker Anlagen zu diesem Vorurteil zeigen, daß sie auf den Pan-Arabismus zurückkommen sollten, und schließlich sprachen sie den Persern von ihrer Arier-Rasse und daß sie daher den Arabern überlegen seien, die von semitischer Rasse abstammen..." "Die Gemeinsamkeiten des Islam und des Iran sind Gegenstand des Stolzes sowohl für den Islam als auch für den Iran. Was den Islam angeht, so ist er eine Religion, die dank ihrer inhaltlichen Reichhaltigkeit in der Lage war, eine zivilisierte Nation zu sich anzuziehen, und was den Iran betrifft, so ist er eine Nation, die Wahrheit ohne jegliche Vorurteile liebt und bereit ist, sich auf ihrem Pfad zu opfern." Ein anderes Thema jener Zeit war das des Materialismus. Motahharis Kampf gegen den Marxismus begann mit seinem Buch: "Prinzipien der Philosophie und Methode des Realismus". Dieses Buch beschäftigt sich mit den Vorstellungen der islamischen Philosophen, und zu jedem Punkt fügte Motahhari Fußnoten an, welche die Vorstellungen der anderen Denkschulen einschließlich des Marxismus in Betracht zogen, und diese kritisierte er. Der Marxismus war ein Spezialgebiet Motahharis, und er verbrachte einen großen Teil seines Lebens mit Studien und Forschungen über diese Denkschule. Er wußte genau Bescheid über die Differenzen zwischen diesen Denkschulen und einer göttlichen Philosophie. Motahhari setzte sich mit den Wurzeln der Neigung zum Materialismus im Iran sowie der Welt auseinander, was sich in seinem Buch: "Gründe für die Neigung zum Materialismus" manifestierte. Darin stellte er die verschiedenen Aspekte dieses Problems vom philosophischem, religiösem, historischem, sozialem und ökonomischem Standpunkt aus dar. In diesem Buch schreibt er: "Mit der zunehmend verbreiteten Tendenz und den Faktoren, die früher unter der Bezeichnung 'Versagen der Kirchenmeinung und des Kirchenverständnisses sowie der europäischen philosophischen Dogmen' erwähnt wurden, ist eine neue Welle aufgebracht worden, die entweder Wissenschaft oder Religion, entweder Wissen oder Gott proklamierte. Aber diese falsche Welle wurde zerschlagen und es wurde offensichtlich, daß sie keine Basis besaß. Die Anziehungskraft des Materialismus entstammt in unserer Zeit einer anderen Quelle, und diese bildet seine sogenannte revolutionäre Kampfnatur." Mit dem Ausbruch der Revolution und dem Anwachsen des Kampfgeistes kam die Tendenz auf, westliche mit östlichen Philosophien zu vermischen, und um diesen Verirrungen entgegenzutreten, schrieb Motahhari ein Buch mit dem Titel "Weltsicht des Monotheismus". In diesem Buch wird das Weltbild des Islam erklärt und dabei wird auf die Themen Monotheismus und Gerechtigkeit eingegangen. Zunächst wird das Wort "Weltsicht" definiert, dann wird seine Bedeutung studiert. Es wird über die Tatsache nachgedacht, daß alle Religionen und Schulen des Denkens und Handelns sowie die Sozialphilosophien jeweils eine Art Weltsicht zur Grundlage haben. Motahhari kommt zu dem Schluß: "Eine Weltsicht bildet die Pfeiler einer Ideologie oder eines Glaubens, wenn sie religiös wird." Schließlich kommen die Themen Menschheit und Annäherung an die Einheit der Realität der menschlichen Natur sowie Annäherung der menschlichen Gesellschaft an Einheit und Solidarität innerhalb eines harmonischen Sozialsystems, das sich auf dem Weg zur Vervollkommnung befindet, zur Diskussion. In diesem Zusammenhang kommen die drei Ansichten: Materialismus, Idealismus und Realismus zur Sprache und werden jeweils miteinander verglichen, und die Ansicht des Realismus, die zugleich die des Islam ist, wird akzeptiert. "Eine klassenlose islamische Gesellschaft bedeutet eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, Entrechtung, Abgötter, und sie ist gerecht und kennt keine Unterdrückung. Sie bedeutet nicht: gleichgültige Gesellschaft, denn das Verharren in der Gleichgültigkeit ist selbst eine Art von Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Es gibt einen Unterschied zwischen Diskriminierung und Verschiedenheit, genauso wie Unterschiede bereits in der Schöpfung der Welt existiert haben, die Schönheit, Verschiedenheit, Fortschrittlichkeit und Perfektion hervorgebracht hat. Das islamische Ideal ist ein Ort ohne Diskriminierung und nicht einer ohne Verschiedenheit. Eine islamische Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Gleichheit und Brüderlichkeit." "... Eine islamische Gesellschaft ist eine natürliche Gesellschaft und keine diskriminierende, auch keine Gesellschaft, die sich auf negativer Gleichheit begründet. Man arbeitet in ihr nach seinen Fähigkeiten und man bekommt entsprechend seiner Arbeit seinen Lohn."

Motahhari studierte auch tiefgründig Ökonomie und Eigentum. In Bezug auf den Besitz an Maschinen glaubte er an das Dekret von der höchsten religiösen Führung (Idschtihad), denn nach seinen Worten war die Erfindung von Maschinen ein neues Phänomen, das in der islamischen Jurisprudenz zuvor nicht existiert hatte, genausowenig wie Zoll, Versicherung oder Bankwesen. In Bezug auf diese Gebiete sollten schrittweise religiöse Dekrete herausgebracht werden. Er glaubte, daß die Maschine kein Produktionsmittel sei, da alle Werkzeuge eine Definition und eine Begrenzung besäßen. Werkzeuge sind von diesem Gesichtspunkt aus gesehen diejenigen Dinge, die dem Menschen ermöglichen, besser zu arbeiten, wie z.B. der Spaten, mit anderen Worten, sie befolgen die Arbeit und erleichtern sie dem Arbeitenden, während die Maschine keine Werkzeug ist und sich naturgemäß von ihm unterscheidet, da sie nicht den Arbeitenden befolgt. Sie stellt viel eher eine produktive Kraft dar, die selbst Arbeitsvollzug schafft. Eine Maschine arbeitet, wobei der Mensch ihr zuschaut. Darüberhinaus gibt es Maschinen, die andere Maschinen erschaffen, wie Menschen, die andere Menschen zeugen. Motahhari kommt daher zu dem Schluß, daß eine Maschine wegen ihrer Natur nicht als Werkzeug zu definieren ist. Wie er es ausdrückt, korrespondiert die Situation der Maschine mit derjenigen der Sklaverei im Islam; im Islam haben die Werkzeuge einen Besitzer, die Maschinen dagegen nicht, denn es gibt im Islam keine ökonomische Sklaverei. Diese Betrachtungen über die Maschine und über die Mechanisierung wurden bis dahin von niemand anderem diskutiert. Viele - einschließlich derer, die am Sozialismus hingen - haben den öffentlichen Besitz von Maschinen erwähnt, aber Motahhari ist der Überzeugung, daß keiner von ihnen sich dabei auf eine logische Basis beruft, und die Gesichtspunkte der Marxisten und der anderen seien vielmehr rein gefühlsmäßig erstellt. Sie verneinen den Privatbesitz an Maschinen entsprechend ihrer natürlichen Neigung dahingehend, daß es keine ökonomische Ausbeutung und Unterdrückung geben sollte.

2) Motahhari besaß eine ausgeprägte Fähigkeit zuzuhören und alle Gesichtspunkte und Aussagen philosophischer, religiöser und sozialer Natur zu verstehen. Das ist notwendig für jeden, der sich bemüht, engagiert und verantwortlich zu sein. Er sollte zuerst die Glaubensinhalte und Vorstellungen der verschiedenen Religionen und Denkschulen unparteiisch studieren und diejenigen, welche die Quellen für Irreleitung bilden, zurückweisen. Dann sollte er die korrekten Antworten und Wege vorstellen. Diese Methode, die in fast allen seinen Werken nachvollzogen werden kann, wurde von Motahhari angewendet.

3) Wenn er die Opposition zitierte, trachtete er nie danach, die Zitate zu verfälschen, sondern zitierte exakt und genauso, wie sie lauten mußten. Da er sich immer beim Forschen befand, mußte er die Ideen und Glaubensüberzeugungen der verschiedensten Denkschulen zitieren, und das tat er in seinen Büchern, ohne sie im geringsten zu verändern.

4) Er war ein unverwüstlicher Kämpfer für den freien Ausdruck und die Denkfreiheit. Er hatte klar begriffen, daß die Kraft der Wissenschaft und die Ausdrucksfreiheit für die Opposition die einzigen Mittel waren, den Islam zu schützen und zu bewahren. In seiner Rede, die er im Februar 1979 an der Theologischen Fakultät hielt, sagte er: "Jede Denkschule, die an ihre eigene Ideologie glaubt, muß unbedingt die Ausdrucks- und Denkfreiheit unterstützen. Jede Denkschule dagegen, die nicht an ihre Ideologie glaubt, verbarrikadiert den Weg hin zur Denk- und Ausdrucksfreiheit. Solche Schulen versuchen, das Volk innerhalb eines begrenzten Rahmens zu halten und das Wachsen ihrer Gedanken zu verhindern." "... Ich verkünde hiermit, daß in der Islamischen Republik den Gedanken keine Grenzen auferlegt werden, und es wird nichts der Kanalisierung des Denkens ähnliches geben. Alle müssen selbstverständlich frei sein, die Ergebnisse ihres Denkens zu äußern. Ich muß hier allerdings betonen, daß das nichts mit den Plänen und den Ausarbeitungen von Verschwörungen zu tun hat. Keiner hat das Recht und die Erlaubnis, verschwörerische Pläne zu schmieden, die Äußerungen geistreicher Gedanken aber bleibt frei." "... Hiermit verkünde ich allen nicht-muslimischen Freunden, daß das Denken aus islamischer Sicht für alle frei ist. Jeder kann denken, wie er will und seine Gedanken zum Ausdruck bringen, vorausgesetzt, es sind seine eigenen Gedanken. Jeder ist frei, die eigenen Gedanken zur Niederschrift zu bringen, und keiner wird ihn daran hindern."

"... Der Islam war in der Lage, seine Existenz bis heute zu bewahren dank seiner Freiheit. Wenn in der Frühzeit des Islam jeder, der gesagt hat, er glaube nicht an Gott, geschlagen und umgebracht worden wäre, so existierte heute etwas dem Islam ähnliches nicht mehr. Der Islam überlebte, weil er sich den Gedanken in ihrer Vielfalt mit Mut und Standhaftigkeit gestellt hat."

5) Motahhari machte Gebrauch von seinen neuen Gedanken, indem er Lösungen für die Probleme und Fragen, die sich aus Philosophie, Religion, Gesellschaft und Moral ergaben, anbot. Er benutzte auch logische Methoden, um die islamischen Grundsätze zu beweisen, was sich anhand seiner Werke nachvollziehen läßt. Allamah Tabatabai, Motahharis Lehrer, sagte in Bezug auf seine Fähigkeiten: "Was auch immer ich sagte und über die verschiedensten Gebiete lehrte, ich war sicher, daß ich meinen Atem nicht verschwendete, wenn Motahhari unter den Studenten saß".

6) Es ist eigentlich selbstverständlich, daß alle Anstrengungen eines Menschen hin zum Erlangen der Wahrheit zwecklos sind, solange er nicht geistig und moralisch befreit ist und solange er sich selbst nicht erzogen und von Selbstsucht und Egoismus gereinigt hat. Motahhari war das lebende Beispiel einer freien Persönlichkeit, die sich verstandesmäßiger und mystischer Fähigkeiten erfreute. Während ihn Gnosis und spirituelle Einsicht anzogen, ließ er sich nicht von sozialen und politischen Problemen ablenken. Er fühlte sich verpflichtet, die Einladungen zum Unterrichten an verschiedenen Orten anzunehmen und sich dabei verschiedenen Themengebieten zu widmen, und er hielt sich auch nicht von der Teilnahme an privaten Diskussionen, wo immer er sie für sinnvoll hielt, zurück. Er war ein aktiver Schriftsteller und glaubte, daß durch harte Arbeit Nachlässigkeiten überwunden werden könnten. 1978, als die Islamische Revolution an Stoßkraft gewann, stufte Motahhari seine politischen Aktivitäten noch höher und verließ Teheran, um in Paris Imam Khomeini zu treffen. Während seines Besuches wies Imam Khomeini ihm die Aufgabe zu, einen Revolutionsrat zu gründen, und dieser Aufgabe kam er in bestmöglicher Weise nach. Nach Imam Khomeinis Rückkehr in den Iran war Motahhari ununterbrochen mit ihm zusammen.

Am 1. Mai 1979 schließlich erlangte er durch den verbrecherischen Anschlag der Gruppe namens Furqan, als er von einer Versammlung des Revolutionsrats kam, das Martyrium. Sein reines Blut belebte die Islamische Revolution wieder, denn wie er selbst gesagt hatte: "Das Blut der Märtyrer ist nie verschwendetes Blut, denn jeder Tropfen dieses Blutes bringt Tausende frischer Tropfen, ja Tonnen von Blut hervor, und dieses wird dem Körper der Gesellschaft injiziert. Martyrium bedeutet Injektion frischen Bluts in den Körper der Gesellschaft, besonders in einer Zeit, wenn die Gesellschaft an Blutmangel leidet."

Am folgenden Tag sagte Imam Khomeini unter Tränen: "Ich habe mit ihm einen geliebten Sohn verloren, eine Persönlichkeit, die Frucht meines Lebens war, und ich trauere tief um ihn... Ich habe einen Sohn verloren - aber trotzdem erfüllt es mich mit Freude, daß es Sprößlinge dieser Nation gibt, die so aufopferungsbereit sind wie er. Motahhari, dessen Seele an Reinheit und Glaubenskraft an Stärke die anderer weit übertraf und dessen Rede eine einzigartige Wirkung ausströmte, ging von uns und erreichte damit die höchste Stufe des Menschseins. Aber die böswilligen Menschen müssen sich darüber im klaren sein, daß mit seinem Gehen seine islamische, wissenschaftliche und philosophische Persönlichkeit nicht gegangen ist. Ein Terror kann nicht die islamische Persönlichkeit eines Muslims treffen. Sie müssen wissen, daß unser Volk, wenn Gott, der Allmächtige, hilft, durch den Verlust solch großer Persönlichkeiten für den Kampf gegen Verderbnis, Tyrannei und Kolonialismus nur neue Kraft gewinnt. Unser Volk hat seinen Weg gefunden, und es wird nicht ruhen, bis alle verfaulten Wurzeln des ehemaligen Regimes und dessen verabscheuungswürdiger Anhänger ausgetilgt sein werden. Martyrium und Opferbereitschaft sind es, die den Islam groß gemacht haben. Den Weg des Islam prägt seit den ersten Offenbarungen Gottes an den Propheten (s.a.s.) bis heute Mut und Martyrium".

So bezeugte Imam Khomeini (r.a.) seine Wertschätzung für die islamische Persönlichkeit Märtyrer Motahharis, eines lebendigen Märtyrers, der während der Zeit seines Lebens mit mächtigen Gedanken und einflußreicher Feder die islamischen und philosophischen Probleme analysiert und Werke von unschätzbarem Wert hinterlassen hat.

Möge man sich seiner immer erinnern!

Seine Seele ruhe in Frieden,

und sein Weg möge reich sein an Nachfolgern.

DAS EWIGE LEBEN

Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen

Die Auferstehung: Grundlagen der islamischen Weltanschauung

Eines der Prinzipien der islamischen Weltanschauung, zugleich ein wichtiger Grundpfeiler des islamischen Glaubens, ist der Glaube an ein ewiges Leben. Der Glaube an die andere Welt ist eine essentielle Voraussetzung dafür, daß man Muslim ist. Das heißt, wenn jemand diesen Glauben ablehnt, wird er nicht länger als Muslim betrachtet. Alle Propheten Gottes (a.s.) haben ausnahmslos nach dem Grundsatz des Monotheismus diesen Glaubensinhalt als den wichtigsten herausgestellt und die Leute dazu aufgerufen, daran zu glauben. Unter islamischen Apologisten läuft dieser Glaubensinhalt als "Auferstehung". Wir begegnen im Heiligen Qur'an hunderten von Versen, welche die Welt nach dem Tod, den Tag der Auferstehung, die Auferstehung von den Toten, Gericht und Werteskala, Aufzeichnung unserer Taten, Himmel und Hölle, Ewigkeit der nächsten Welt und andere Themen bezüglich der Welt nach dem Tod behandeln. Es gibt jedoch zwölf Verse im Heiligen Qur'an, die den "Glauben an das Jüngste Gericht" speziell erwähnen. Der Heilige Qur'an präsentiert verschiedene Ausdrücke für den Tag der Auferstehung, und jeder davon ist ein Tor zur Weisheit. Einer dieser Ausdrücke lautet: "al-yaum-al-achir", was soviel bedeutet wie "der letzte Tag", wobei der Heilige Qur'an uns an zweierlei erinnert:

a) Nicht nur das Leben des Menschen, sondern auch das Leben der ganzen Welt teilt sich in zwei Zeitabschnitte, von welchen jeder als ein Tag bezeichnet wird. Der erste Tag oder Zeitabschnitt, bezogen auf die diesseitige Welt, ist zeitlich begrenzt. Der letzte Tag, der sich auf die jenseitige Welt bezieht, dauert unendlich. Im Heiligen Qur'an finden sich noch weitere Ausdrücke, die das Leben in dieser Welt als "erstes Leben" und das in der anderen Welt als "Auferstehung" bezeichnen.

b) Verbringen wir dieses Leben oder diesen Zeitabschnitt, noch nicht konfrontiert mit dem letzten Tag oder Zeitabschnitt, der vor unseren Augen verborgen ist, so hängt unser Glück in dieser Welt sowie in der anderen von dem Glauben an diesen Tag ab. Unsere hiesige Glückseligkeit steht deshalb mit diesem Glauben in engstem Zusammenhang, weil er uns an die Ergebnisse unserer Handlungen erinnert. Auf diese Weise erkennen wir, daß unsere Handlungen, unser Benehmen, unsere Gedanken, Worte und Moralvorstellungen, genauso wie das Leben des Menschen selbst, vom wichtigsten bis hin zum trivialsten einen Anfang und ein Ende besitzen. Unser Glück an jenem Tag hängt, wie im folgenden noch detailliert abgehandelt werden soll, an diesem Glauben, denn in der anderen Welt wird der Mensch dem Licht seiner tugendhaften Handlungen in dieser Welt entsprechend belohnt, oder es erwartet ihn die Strafe als Resultat seiner bösen Taten. Darum betrachtet man den Glauben an die Auferstehung als eine essentielle Voraussetzung für das Glück des Menschen.

Ursprung und Quelle des Glaubens an ein jenseitiges Leben

Der Ursprung und die Quelle des Glaubens an die Ewigkeit und an ein jenseitiges Leben liegen in erster Linie in Gottes Offenbarungen, von Seinen Gesandten zu der Menschheit überbracht. Kommt der Mensch dazu, Gott zu erkennen und an die Wahrheit der Sendung der Propheten (a.s.) zu glauben und kommt er zu der Erkenntnis, daß das, was sie verbreitet haben, Offenbarung Gottes ist, so wird er, um auf dem rechten Weg zu bleiben, den Glauben an den Tag der Auferstehung und das ewige Leben finden, also an das wichtigste Glaubensprinzip - so verkünden es alle Propheten (a.s.) - des Monotheismus. Einerseits hängt der Grad des Glaubens des Menschen an das jenseitige Leben von seinem Glauben an den Grundsatz vom Prophetentum und ebenso seinem Glauben an die Wahrheit der Botschaften der Propheten ab. Andererseits ist es das Wissen generell und der Grad an Genauigkeit, Logik und Sinn für ein Konzept vom Tag des Jüngsten Gerichts, der ihn bestimmt. Neben Gottes Offenbarung, die den Menschen mittels Seiner Propheten (a.s.) weitergegeben wird, gibt es noch andere Wege, Zeichen und Hinweise für den Glauben an die Auferstehung; es sind Resultate der geistigen, logischen und wissenschaftlichen Anstrengungen des Menschen. Diese bestätigen die Wahrheit der Botschaften der Propheten (a.s.) in Bezug auf den Tag des Jüngsten Gerichts. Es handelt sich dabei um:

a) den Weg zur Gotterkenntnis

b) den Weg zur Erkenntnis der Universums

c) den Weg zur Erkenntnis des Geistes und der Seele des Menschen.

Uns betreffen nun diese Wege, die eine Reihe philosophischer und wissenschaftlicher Argumente erfordern, nicht. Wir wollen das Thema allein auf Grund der Offenbarung und das Prinzip vom Prophetentum besprechen. Aber da diese Wege im Heiligen Qur’an selbst angeführt und klassifiziert werden, werden wir später in einem Abschnitt mit dem Titel "Überlegungen über die andere Welt im Heiligen Qur’an" darauf kommen. Die folgende Aufteilung des Themas "ewiges Leben" und "anderes Leben" aus islamischer Sicht halte ich nun für unabdingbar:

* Die Natur des Todes

* Das Leben nach dem Tode

* Die Übergangswelt

* Der Tag des Jüngsten Gerichts

* Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt

* Manifestierung und Unvergänglichkeit der Handlungen und Errungenschaften des Menschen

* Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und dem in der anderen Welt

* Argumente und Beweise für die andere Welt im Heiligen Qur’an

* Gottes Gerechtigkeit

* Gottes Weisheit

Die Natur des Todes

Was ist der Tod? Ist er Sterblichkeit und Zunichtewerden? Oder bedeutet er Übergang und Übersendung von einem Ort zum anderen, von einer Welt in die andere? Schon immer hat sich der Mensch diese Frage gestellt. Jeder versucht, direkt eine Antwort zu finden oder dem Glauben zu schenken, was dazu geäußert werden ist. Der Heilige Qur’an gibt eine besondere Antwort mit einer speziellen Interpretation der Natur des Todes. Er verwendet den Ausdruck "tawaffa" für den Tod. "Tawaffa" und "istifa" leiten sich beide von derselben Wurzel "wafa" ab. Im Arabischen wird das Wort "tawaffa" für jede vollständige Empfängnis benutzt, bei der nichts fehlt oder weggelassen worden ist. "Tawaffat-ul-mal" bedeutet: Ich habe das Vermögen vollständig erhalten. Dieser Ausdruck nun findet in vierzehn Versen des Heiligen Qur’an für den Tod Verwendung, woraus wir schließen, daß der Tod etwas ist, was wir empfangen. Das bedeutet, im Augenblick, wo der Mensch stirbt, wird er den göttlichen Dienern überantwortet, die ihn in seiner vollkommenen Wirklichkeit und Persönlichkeit in Empfang nehmen. Folgende Vorstellungen leiten sich von dieser Ausdrucksweise des Heiligen Qur’an her:

a) Tod bedeutet nicht Sterblichkeit, Zerstörtwerden und Vernichtung. Es ist ein Übergang von der einen in die andere Welt und von einem Zustand in den anderen, wo das Leben des Menschen in einer anderen Form fortgesetzt werden wird.

b) Das, was das Menschen wirkliche Persönlichkeit ausmacht und als sein "Selbst" betrachtet wird, sind nicht sein Körper, seine Organe oder untergeordnete Elemente des Körpers, denn diese sind sterblich und bilden keine Einheit. Das, was unser Persönlichkeit ausgestaltet und als unser echtes "Selbst" betrachtet wird, wird im Heiligen Qur’an als "Seele" oder gelegentlich als "Geist" interpretiert.

Geist oder Seele des Menschen, die Grundlage, auf der sich sein "Selbst" bestimmt und von deren Unsterblichkeit seine eigene Unvergänglichkeit abhängig ist, nimmt einen Horizont oberhalb des Horizonts von Gegenständen und materiellen Elementen, eine existentielle Position ein. Obwohl Geist bzw. Seele das Produkt der gegenständlichen Evolution der Natur ist, werden Existenzhorizont und reale Position der Natur verändert und erhöht, d.h. sie werden zu einer anderen metaphysischen Welt hin entwickelt. Mit dem Tod wird Geist bzw. Seele in einen Zustand transformiert, der selbst eine Kategorie des Geistes ist. Er erwirbt, anders ausgedrückt, die jenseits der Physik liegende Wahrheit. Der Heilige Qur’an hat in den anderen Versen über die Erschaffung des Menschen gesprochen, ohne dabei Auferstehung und ewiges Leben zu erwähnen, aber er hat einiges an ihm als real herausgestellt, was in Qualität und Kategorie über denen von Lehm und Wasser liegt. In Bezug auf Adam heißt es:

"Und ich blies ihm Geist von mir ein." (Heiliger Qur’an 15:29).

Geist, Seele und das Weiterleben des Geistes nach dem Tode gehören zu den bedeutendsten Themen der islamischen Wissenschaften. Die Hälfte aller grundsätzlichen und unanzweifelbaren islamischen Wissenschaften gründet sich auf die Originalität des Geistes, auf seine Unabhängigkeit vom Körper und sein Weiterleben nach dem Tod. Humanität sowie echte menschliche Werte basieren ebenso auf dieser Wahrheit, ohne die sie völlig imaginär wären. Alle Verse, die deutlich das Leben, das unverzüglich dem folgt, beschreiben - einige davon werden in diesem Aufsatz angeführt - beweisen die Tatsache, daß der Heilige Qur’an den Geist als eine Realität, die unabhängig vom Körper existiert, und als überlebendes Element nach dessen Vernichtung bestimmt. Manche Leute denken, gemäß dem Heiligen Qur’an gebe es keinen Geist oder keine Seele, und das Leben des Menschen ende mit dem Tod; es gäbe keinen Sinn, Freud und Leid bis zum Jüngsten Gericht dauernd begreifen zu wollen, wo einen ein neues Leben erwartet. Erst dort finde man sich und die Welt wieder. Die Verse jedoch, die explizit das Leben direkt nach dem Tode beschreiben, sind genaue Beweise für die Verwerflichkeit solcher Ansichten. Die besagten Leute stellen fest, der Vers: "Der Geist steht meinem Herrn zu Diensten" (Heiliger Qur’an 17:85), sei für diejenigen, die an den Geist glauben, der Beweis. Sie aber vertreten die Ansicht, hinter dem Wort "Geist", das wiederholt im Heiligen Qur’an auftaucht, stecke eine andere Bedeutung. Der Vers jedoch illustriert dieselbe Bedeutung wie die anderen Verse. Solche Leute wissen eben nicht, daß die Grundlage für die Überzeugung jener, die an die Seele glauben, nicht allein dieser Vers, sondern noch zwanzig weitere Verse bilden. Dieser sowie die anderen Verse behandeln das Wort "Geist" einzeln oder in Kombinationen wie "unser Geist", "der heilige Geist", "mein Geist", "der Geist ist unser Befehlshaber" gebraucht, einschließlich des Verses, der sich um den Menschen dreht: "Und ich blies ihm Geist von mir ein"; diese Stellen zeigen an, daß aus Sicht des Heiligen Qur’an eine Wahrheit existiert, die sich "Geist" nennt und über Engeln und Mensch schwebt. Engel und Mensch besitzen somit durch Gottes Gnade diese "befohlene" Wahrheit (ihren Geist). Alle Verse über den Geist weisen darauf hin, daß der Geist eine nicht-physikalische Wahrheit besitzt.

Der Ursprung des Geistes findet nicht nur in verschiedenen Versen des Heiligen Qur’an Bestätigung, sondern auch in Äußerungen des Propheten Muhammad (s.a.s.) und der reinen Imame in den Büchern der Überlieferungen und dem Nahj-ul-Balagha, dem Buch des ersten Imams. Die Verneinung des Geistes ist tatsächlich eine häßliche westliche Idee, die aus dem westlichen Materialismus und Sensualismus entspringt und unglücklicherweise auch einige der aufrichtigsten Nachfolger des Heiligen Qur’an in seinen Einflußbereich zieht. Folgende Beispiele stellen drei von den vier Versen vor, die den Tod als "tawaffa" interpretieren und die dem Menschen eine Reihe vitaler Handlungen wie Unterhaltung, Wunschempfindung und Erwartungen nach dem Tode zuschreiben.

"Zu denen, die gegen sich selbst gefrevelt haben, sagen die Engel, wenn sie diese empfangen: 'Wonach strebted ihr? 'Sie sagen: "Wir waren im Land unterdrückt.' Sie (die Engel) sagen: "War (denn) die Erde Gottes nicht weit (genug), so daß ihr darauf hättet auswandern können?' Sie sind es, deren Aufenthalt die Hölle sein wird - und übel ist die Bestimmung." (Heiliger Qur’an 4:97).

Dieser Vers handelt von denen, die in ungünstiger Umgebung leben, wo der Wille von anderen herrscht. Diese Menschen sind dazu verurteilt, ihre Umgebung zu ertragen. Sie suchen nun nach Entschuldigungen in Ausdrücken wie: "Die Welt ist verderbt, die Umstände sind ungünstig, wir sind durch die Fruchtlosigkeit unserer Versuche, etwas dagegen zu tun, entmutigt." So leben sie innerhalb dieser verderbten Umgebung, geben ihren Methoden nach und versinken in ihrem moralischen Sumpf, anstatt sie zu verändern oder wenigstens sich selbst ihren Übeln zu entziehen, wenn eine Veränderung unmöglich ist. Wenn Gottes Geisteswesen sie dann abberufen, reden diese zu ihnen und beurteilen ihre Entschuldigungen als nicht zu rechtfertigen, weil sie zumindest an einen anderen Ort hätten ziehen können. Die Engel erinnern sie an ihre Fehler und geben ihnen zu verstehen, daß sie für ihre Sünden und die Unterdrückung, die sie erlitten haben, selbst verantwortlich sind. In diesem heiligen Vers betont der Heilige Qur’an, daß Armut und Mutlosigkeit innerhalb einer bestimmten Umwelt keine zu rechtfertigende Entschuldigungen sind, es sei denn, es hätte keinerlei Möglichkeit bestanden, den Wohnsitz zu ändern. Wie in diesem heiligen Vers deutlich wird, wird der Tod, der scheinbar Zerstörung, Sterblichkeit und Lebensende ist, als "tawaffa" - Empfang - interpretiert. Er bezieht sich nicht durch das Wort "tawaffa" auf den Tod, sondern macht auch explizit klar, daß eine Unterhaltung und Besprechung zwischen Engeln und Mensch in den Augenblicken nach dem Tod stattfindet. Wäre das Selbst des menschlichen Wesens gänzlich sterblich und ein rein unbewußter, sinnloser Körper, so wäre eine Unterhaltung nach dem Tod absurd. Dieser Vers impliziert das Reden des Menschen mit anderen Augen, anderen Ohren, einer anderen Zunge mit unsichtbaren Geschöpfen, Engel genannt, wenn er diese Welt und diese Lebensumstände verlassen hat.

"Und sie (d.h. die Ungläubigen) sagen: 'Sollen wir etwa, wenn wir uns in der Erde verloren haben, in einer neuen Schöpfung sein?' Nein, sie glauben nicht, daß sie ihrem Herren begegnen werden" (Heiliger Qur’an 32:10).

Der Heilige Qur’an greift mit diesem Vers eines der Probleme und Zweifel der Ungläubigen in Bezug auf den Tag der Auferstehung und das ewige Leben auf und löst es. Das Problem und der Zweifel bestehen hierbei darin, wie wir nach dem Tod, wenn unser Körper zerfallen und aufgelöst ist, wieder neu erschaffen werden sollten. Alle diese Zweifel sind Vorwände und vorgeschobenes Ergebnis von Glaubenslosigkeit und Ungehorsam; im Gegensatz zu unseren Vermutungen aufgrund des Zerfalls unseres Körpers verliert sich ein Mensch, das bedeutet, das Selbst und die Persönlichkeit eines Menschen, wie der Heilige Qur’an erklärt, nicht. Im Vollbesitz all unserer Fähigkeiten werden wir dem Engel Gottes ausgeliefert. Die Skeptiker meinen mit dem Wort "sich verloren haben" die Tatsache, daß unser physischer Körper zerfällt; er löst sich vollständig auf - wie kann er dann wieder zu etwas Lebendem zusammengesetzt werden? Ein ähnlich liegender Zweifel bezüglich des Zerfalls und der Auflösung des Körpers wird in einigen weiteren Versen des Heiligen Qur’an besprochen. Die Erklärung lautet: Das Verlorengehen findet für unseren mangelhaften Verstand statt. Für den Menschen ist es eine schwierige, ja unlösbare Aufgabe, den menschlichen Körper wieder zusammenzusetzen; nicht aber für Gott, dessen Wissen und Macht grenzenlos ist. In den zitierten Versen stellen die Ungläubigen die Rekonstruktion des physischen Seins des Menschen in Frage. Aber da weicht die Erklärung ab. Das Problem besteht nicht darin, daß unser Körper zerfällt und sich auflöst, sondern darin, daß "wir" uns verlieren, wenn er sich verliert, und "wir" bzw. "ich" dann nicht länger existieren. In anderen Worten: Die Skeptiker sagen, mit dem Zerfall unseres Körpers werde unser Selbst vernichtet. Der Heilige Qur’an stellt im Gegensatz dazu fest, unser wahres Selbst verliere sich nicht. Es werde direkt nach dem Tod unseren Engeln ausgeliefert. Daher besteht keine Notwendigkeit, es irgendwo aufzufinden.

Auch der folgende Vers stellt recht explizit dar, daß unser wahres Selbst (unser Geist), wenn auch unser physisches Wesen sich auflöst, nach dem Tod weiterlebt:

"Gott beruft die Menschen ab, wenn sie sterben, und diejenigen, die (noch) nicht gestorben sind, (vorübergehend) während sie schlafen. Diejenigen, deren Tod Er beschlossen hat, hält er dann zurück, während er die anderen auf eine bestimmte Frist (wieder) freigibt. Darin liegen Zeichen für Leute, die nachdenken." (Heiliger Qur’an 39:42)

Dieser Vers stellt die Ähnlichkeit zwischen Schlaf und Tod, Erwachen und Auferstehung dar. Schlaf ist ein kurzer Tod auf Zeit, und Tod ist ein tiefer und fester Schlaf. In beiden Fällen geht unser Geist oder unsere Seele von einem in einen anderen Zustand über. Der Unterschied besteht darin, daß wir ohne Bewußtsein sind, solange wir schlafen, und wenn wir erwachen, nicht wissen, daß wir in Wirklichkeit von einer weiten Reise zurückkommen, im Gegensatz zum Tod, wo einem alles klar wird.

Betrachtet man diese drei Verse, so wird einem vollständig deutlich, daß die Natur des Todes nicht in Sterblichkeit und Vernichtung bestehen kann, sondern in einem Übertreten von einem in den anderen Zustand. Die Natur des Schlafs aus der Sicht des Heiligen Qur’an wurde inzwischen verdeutlicht. Es ist klar, daß der Schlaf, obwohl er äußerlich und physisch wie eine Befreiung und Entfernung aus dem Machtbereich der Natur aussieht, für die Seele und spirituell eine Art Flucht und Rückkehr zum innersten Wesen und den Himmeln ist. Das Problem von Schlaf und Tod ist eines der ungelösten der Wissenschaft. Was die Wissenschaftler in diesem Zusammenhang bereits entdeckt haben, deckt nur einen Teil des physischen Vorgangs ab, der im Bereich des Körpers stattfindet.

Das Leben nach dem Tode

Vollziehen wir die Auferstehung direkt nach dem Tod und sind die Würfel über unsere Zukunft dann gefallen? Oder betritt man eine spezielle Welt zwischen Tod und dem Tag des Jüngsten Gerichts? Ohne Zweifel kennt nur Gott den Termin des Tages des Gerichts; selbst die Propheten (a.s.) wissen nichts darüber.

Folgt man den Aussagen des Heiligen Qur’an sowie den ihm folgenden und nicht zu bezweifelnden Botschaften und Berichten des Heiligen Propheten (s.a.s.) und der reinen Imame (a.s.), so vollzieht keiner die Auferstehung direkt nach dem Tod, weil der Tag des Jüngsten Gerichts mit einer Reihe von Revolutionen und Umwandlungen in allen irdischen und himmlischen Körpern wie Bergen, Seen, Mond, Sonne, Sternen und astronomischen Systemen einhergeht. Nichts wird am Tag des Jüngsten Gerichts in seinem vorherigen Zustand bleiben. Überdies werden das Erste und das Letzte, der Erste und der Letzte sich an diesem Tag verbinden. Wir sehen aber, daß die Welt noch existiert und vielleicht noch Millionen oder Billionen Jahre mit Aberbillionen Menschen, die noch kommen werden, existieren wird. Aus der Sicht des Heiligen Qur’an und in Übereinstimmung mit den genannten sowie einer Reihe anderer Verse wird übrigens in diesem Intervall zwischen Tod und Jüngsten Gericht keiner jemals einen unbewußten oder sinnlich nicht wahrnehmenden Zustand durchschreiten. Man betritt nach dem Tod eine neue Lebensstufe, auf der man alles sinnlich und bewußt wahrnimmt. Man empfindet Freude, Schmerz, Vergnügen und Sorge. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen Vergnügen und Leid einerseits und unseren Gedanken, unserem moralischen Verhalten und unseren Taten in dieser Welt andererseits. Dieser Zustand besteht unverändert fort bis zum Jüngsten Tag, an dem eine Reihe einzigartiger Revolutionen und Veränderungen plötzlich das gesamte Universum vom fernsten Stern bis zu unserer Erde erschüttern wird. Diese Welt, die für jeden von uns nur ein eingeschobenes Intervall und eine Zwischenstufe zwischen der Welt und der Auferstehung ist, wird damit ganz plötzlich enden. Daher besteht die Welt nach dem Tod dem Heiligen Qur’an Zufolge aus zwei Stufen, das bedeutet, man durchlebt zwei Welten nach dem Tod. Die erste ist, wie die gegenwärtige Welt, vorübergehend und wird "Übergangswelt" genannt. Die zweite ist die Welt des Jüngsten Gerichts und währt ewig. Im Folgenden geht es nun um die Überganswelt und die Auferstehung.

Die Übergangswelt (Barsach)

Das Wort "Übergangswelt" bzw. "Schranke" beinhaltet ein Intervall, mit dem der Heilige Qur’an das Leben zwischen dem Tod und dem Jüngstem Gericht meint:

"Schließlich, wenn zu einem von ihnen der Tod kommt, sagt er: 'Herr! Laßt mich zurückkehren! Auf daß ich recht handeln möge in dem, was ich zurückließ!’ Nein. Das sind nur (leere) Worte von ihm. Und hinter diesen (Verstorbenen) ist eine Schranke, bis zu dem Tag, da sie erweckt werden." (Heilger Qur’an 23:99 und 100).

Das ist der einzige Vers, in der das Intervall zwischen Tod und Jüngstem Tag mit "Übergangswelt" bzw. "Schranke" (arabisch: Barsach) bezeichnet wird. Die Islamgelehrten haben sich auf diesen Vers bezogen, wenn sie die Stufe zwischen Tod und Jüngstem Gericht "Übergangswelt" (Barsach) nennen. Nur insofern bezieht sich dieser Vers auf das Leben nach dem Tod, als er Leute erwähnt, die nach dem Tod bereuen und darum bitten, noch einmal ins Leben zurückkehren zu dürfen, was ihnen jedoch verweigert wird. Deutlich zeigt er auf, daß man nach dem Tod ein Leben führt, das derart gestaltet ist, daß es einem den Wunsch zur Rückkehr abschlägt. Es gibt viele Verse, die zeigen, daß man zwischen Tod und Auferstehung ein Leben derart führt, daß man intensiv fühlt, sich unterhält, Freude, Leid und Kummer empfindet und am Ende eine Art "Glücksgefühl" hat. Insgesamt fünfzehn Verse stellen in dieser oder jener Weise dar, daß man zwischen Tod und Jüngstem Gericht ein vollständiges, abgeschlossenes Leben führt. Die Verse gliedern sich wie folgt:

1. Es gibt eine Anzahl Verse, die sich auf die Unterhaltung zwischen den tugendhaften bzw. denen die gute Taten vollbracht habenden oder den verderbten, bösartigen Menschen und den göttlichen Engeln unmittelbar nach dem Tode beziehen, so wie die Verse 97 der 4. und 99 und 100 der 23. Sure.

2. Es finden sich Verse, die zusätzlich zu den obigen Versen versichern, daß die Engel den tugendhaften bzw. den Menschen, die gute Taten vollbracht haben, nach dem Tod und nach der Unterhaltung den Genuß aller Segnungen Gottes anbieten, d.h. also, sie müssen nicht den Tag des Jüngsten Gerichts abwarten. Folgende zwei Verse gehören zu dieser Gruppe:

"Die Engel sagen zu denen, die sich auf Erden gut verhalten haben: 'Heil sei über euch! Geht in das Paradies ein (zum Lohn) für das, was ihr getan habt!' " (Heiliger Qur’an 16:32)

"Es wurde (zu ihm) gesagt: 'Geh' ins Paradies ein!' Er sagte: O wüßten doch meine Landsleute, daß mein Herr mir (meine Sünden) vergeben und mich unter diejenigen aufgenommen hat, denen Ehre zuteil geworden ist'." (Heiliger Qur’an 36:26/27).

In den Versen, welche diesen letzten beiden voranstehen, findet eine Auseinandersetzung zwischen dem Gläubigen (der Familie Jasin entstammend) und seinem Volke statt. Er lädt sie dazu ein, den Gesandten, die die Leute in Antiochien dazu aufrufen, Gott allein ergeben zu dienen, zu gehorchen. Dabei erklärt er, daß er diesen Gesandten selbst glaube und fordert sie auf, seiner Haltung Achtung zu schenken und ihm zu folgen. Die Verse enthüllen, daß ein Mensch gestorben ist und die Leute ihm keinen Gehorsam gezollt haben. Da erfährt er Gottes Großzügigkeit und Vergebung in der anderen Welt und wünscht, sein Volk, das noch am Leben ist, könnte von seinem Glück erfahren. Diese Ereignisse geschehen offensichtlich vor der Tag des Jüngsten Gerichts, an dem der Erste und der Letzte sich vereinigen und keiner mehr auf der Erde verweilen wird.

Ein weiterer Punkt ist der, daß es nicht nur einen, sondern mehrere Himmel für die Gesegneten gibt. Es gibt entsprechend der Nähe, die der Gläubige zu Gott einnimmt, verschiedene Himmel. Wie übrigens die vom Propheten Abstammenden (a.s.) feststellen, befinden sich einige dieser Himmel nahe bei der Schranke (der Übergangswelt), nicht bei der Auferstehung. Konsequenterweise darf man das Wort "Himmel" in den obigen Versen nicht mit der Auferstehung in Zusammenhang bringen.

3. Es gibt solche Verse, die nicht die Unterhaltung von Mensch und Engeln implizieren. Sie sprechen direkt vom Leben der segnungswürdigen und Wohltaten vollbringenden Menschen und ihrem Wohlergehen, sowie von den verurteilten, verderbten Menschen und ihren Qualen und Leiden in dem Zeitabschnitt zwischen Tod und Auferstehung. Folgende Verse gehören zu dieser Gruppe:

"Halten diejenigen, die um Gottes willen getötet worden sind, nicht für tot. Nein (sie sind) lebendig bei ihrem Herrn, und ihnen werden Gaben zuteil. Dabei freuen sie sich über das, was Gott ihnen von seiner Huld beschert hat, und sind froh über diejenigen, die ihnen nachfolgen, sie aber noch nicht eingeholt haben, denn keine Angst soll über sie kommen noch sollen sie traurig sein". (Heiliger Qur’an 3:169/170).

"Doch die Leute Pharaos wurden von einer schlimmen Strafe erfaßt, dem Feuer, dem sie morgens und abends vorgeführt werden. Und am Tag, da die Stunde (des Gerichts) sich einstellt, (wird es heißen): 'Weist die Leute Pharaos in die schwerste Strafe ein!' " (Heiliger Qur’an 40:45/46).

Dieser heilige Vers offenbart zwei Folterarten für die Leute Pharaos. Eine findet vor dem Tag des Gerichts Anwendung, als "schlimme Strafe" bezeichnet, wo sie zweimal am Tag dem Höllenfeuer vorgeführt werden, ohne daß man sie hineinwerfen würde. Die andere findet nach dem Tag des Gerichts ihre Anwendung. Sie wird als "schwerste Strafe" bezeichnet; dann werden die Leute auf das Kommando einer Stimme hin ins Feuer geworfen. Der Termin der zweiten Strafe wird nicht klar genannt, der ersten hingegen wird mit "morgens und abends" festgelegt. Nach der Interpretation Imam Alis, des Führers der Gläubigen (a.s.) bezieht sich die erste Strafe auf die Übergangswelt, in der es, wie in dieser Welt, Morgen, Abend, Wochen, Monate und Jahre gibt, während sich die zweite Strafe auf die Welt der Auferstehung bezieht, in der die Zeitlosigkeit herrscht.

In allen Berichten Imam Alis, des Führers der Gläubigen (a.s.) über den heiligen Propheten (s.a.s.) werden auf die Übergangswelt und das Leben von Gläubigen und Übeltätern unaufhörlich mit Nachdruck hingewiesen. Nach dem Sieg der Muslims im Kampf von Badr wurde eine Gruppe der arroganten Stammesoberhäupter der Quraisch umgebracht und in einen Kanal in der Nähe von Badr geworfen. Der Prophet Gottes (s.a.s.) beugte sich über den Rand und rief ihnen zu: "Was Gott uns prophezeit hat, ist in Erfüllung gegangen - wie steht es bei euch?" Da sagten einige der Begleiter zum Propheten Gottes (s.a.s.): "Sprichst du zu den Toten? Hören sie denn, was du sagst?" Der Prophet antwortete: "Sie hören jetzt besser als ihr." Entsprechend dieser und anderer Überlieferungen wird der Geist nicht vollständig vom Körper getrennt, mit dem er über Jahre hinweg zusammen gelebt hat und verbunden war, wenn auch der Tod den Körper vom Leben trennt. Am zehnten Tag des Monats Muharram hielt Imam Hussain, nachdem er in Gemeinschaft mit seinen Freunden und Begleitern das Morgengebet abgehalten hatte, eine Ansprache an sie und sagte: "Habt Geduld und Standhaftigkeit, der Tod ist nur eine Brücke, die euch von Leid und Schmerz hinüberführt zu Glückseligkeit, Überfluß und den endlosen Himmelsgefilden."

Überlieferungen teilen uns mit, daß das Leben des Menschen nur ein Schlaf sei, aus dem man in der Minute erwache, in der man stirbt. Das bedeutet, nach dem Tod betreten wir eine höhere, vollkommenere Stufe des Lebens. Genauso, wie ein Mensch, der im Schlafe liegt, in Bezug auf seine Wahrnehmungsfähigkeit schwächer lebt verglichen mit einem, der wach ist und ein vollständigeres Leben führt, ist das Leben des Menschen im Diesseits dem im Jenseits zu vergleichen, wo es vollkommener wird. Hierzu sollen nun zwei Dinge erwähnt werden:

Das erste ist, daß der Mensch in der Übergangswelt - Erzählungen und Überlieferungen der religiösen Autoritäten zufolge - nur über Probleme des Glaubens befragt und untersucht wird, während hingegen der Tag der Auferstehung die Behandlung der übrigen Probleme übernimmt.

Das zweite ist das Glück, das den Verstorbenen durch frommes Handeln ihrer Nachkommen zuteil wird, die sie für sie begehen. Gaben jeglicher Art für die toten Eltern, Freunde, Lehrer oder andere Lieben werden als Geschenke betrachtet, deren Resultat das Glück der Toten ist. Unter diesen Gaben gibt es solche, die regelmäßig sind, wie z.B. die Einrichtung karitativer Institutionen, die den Leuten permanent Wohltaten erweisen genauso wie gelegentliche Gaben. Das gleiche Ergebnis kann durch Gebete, durch Fürbitte, durch eine Pilgerfahrt nach Mekka oder ein einfaches Umkreisen der Kaaba, des Hauses Gottes in Mekka, und durch zusätzliche Pilgerfahrten erreicht werden. Gott verbietet manches, aber manche Kinder enttäuschen ihre Eltern vielleicht schwer. Dann können sie sich aber nach dem Tod ihrer Eltern bessern und ihre Eltern somit zufriedenstellen. Genauso ist das Umgekehrte möglich.

Der Tag des Jüngsten Gerichts

Der Tag des Jüngsten Gerichtes ist die zweite Stufe des ewigen Lebens. Im Gegensatz zum Höllenfeuer, das die individuelle und sofortige Ankunft des Menschen betrifft, geht der Jüngste Tag alle an, das heißt alle Individuen und die gesamte Welt. Es ist ein Ereignis, das alles und die gesamte Menschheit einbezieht, ein Ereignis, das die ganze Welt verlebendigt. Die ganze Welt erlangt eine neue Stufe, ein neues Leben, ein neues System. Der Heilige Qur’an informiert uns über das großartige Ereignis der Auferstehung. Ihm folgend, kommen wir zu der Erkenntnis, daß dieser Augenblick mit dem Erlöschen von Sonnen und Sternen zusammenfällt, damit, daß die Meere über die Ufer treten, die Unebenheiten sich einebnen, die Gebirge auseinanderbersten, die Erde überall bebt, allerorts unter Donner ein Umsturz und eine Veränderungen einzigartigen Ausmaßes stattfinden. Die ganze Welt nähert sich der Zerstörung, Auflösung und Vernichtung aller Dinge. Danach wird sie wieder aufgebaut und neu belebt, und unter neuen Gesetzen und mit neuen Systemen, von den vorherigen völlig verschieden, lebt und besteht sie dann für immer. Im Heiligen Qur’an wird mit verschiedenen Bezeichnungen und Ausdrücken auf die Auferstehung Bezug genommen, von denen jeder eine gewisse, ihr zugeschriebene Bedingung und ein bestimmtes System umfaßt. So wird sie z.B. "Tag der Auferstehung", "Tag der Versammlung" "Tag der Gegenüberstellung" genannt, denn der Erste und der Letzte werden, unabhängig von ihre Platz innerhalb der Geschichte, einander gleichgesetzt sein. Sie wird bezeichnet als "Tag der Enthüllung der Geheimnisse" oder "Tag der Darlegung all unserer Taten", weil dann das innerste Wesen offen dargelegt und die verborgenen, komplexen Wahrheiten entfaltet werden. Der "Tag der Unsterblichkeit" wird auf die Auferstehung bezogen, da sie unzerstörbar und ewig ist. Ein weiterer Ausdruck lautet: "Tag des Klagens" oder "Tag der Reue", weil manch einer bereuen und bedauern wird, sich für diesen "Auftritt" nicht vorbereitet zu haben. Weil sie das großartigste Ereignis und die bedeutungsvollste Begegnung darstellt, wird sie "schicksalhafte Botschaft" genannt.

Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt

Ein wesentliches und sehr bedeutsames Thema, das uns die heiligen Bücher vorstellen, ist die Verbindung zwischen den beiden Leben. Beide Leben stehen in Verbindung zueinander. In der jenseitigen Welt erntet man die Früchte der eigenen Taten der diesseitigen Welt. Reiner, aufrichtiger, wahrer Glaube und eine realistische Weltsicht, Bewußtsein von moralischen Werten und Befreiung von Üblem, wie Eifersucht, Täuschung, Betrügerei, Haß und übler Nachrede, sowie gute Taten, wie Gnadenerweise und Opferbereitschaft, deren Ergebnis die Vervollkommnung der Gesellschaft und der Menschheit sind, bringen uns zu ewiger Glückseligkeit. Dagegen sorgen Unglauben, Irrglaube, unmoralische Lebensführung, Egoismus, Selbstsucht, Einbildung, Ausübung von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, Heuchelei, Wucher, Lüge, Fluch, Betrug, Verleumdung, Verbreitung von Gerüchten, Verführung und Verweigerung von Gebet und Gottesdienst für ein sehr düsteres, kummervolles, unglückliches Leben im Jenseits. Der Prophet (s.a.s.) sagt in einem Zitat interessanterweise: "Diese Welt ist ein Acker für die andere Welt"; (das heißt: Wie du hier säst, so wirst du dort ernten), die Qualität deiner Ernte hängt davon ab, was du hier säst. Es ist unmöglich Gerste zu säen und davon Weizen zu ernten, von Dornsträuchern Blumen zu pflücken oder von Colozynther Datteln. Genauso werden uns böse Gedanken, schlechtes Benehmen und Handeln in dieser Welt keinen Nutzen in der anderen Welt bringen.

Manifestierung und Unvergänglichkeit der Handlungen und Errungenschaften des Menschen

Nach dem, was die Verse des Heiligen Qur’ans und Botschaften und Berichte der religiösen Autoritäten uns mitteilen, ist der Mensch ewig, und alle unsere Taten werden irgendwie aufgezeichnet und für immer festgehalten. Am Jüngsten Tag manifestieren und illustrieren sich dann unsere Handlungen aus der Vergangenheit. Tugendhafte Handlungen und Errungenschaften manifestieren sich in schöner, attraktiver, gefälliger Gestalt und werden zum Quell von Freude und Glück, während hingegen böses Tun sich in häßlicher, ekelerregender, abscheulicher, Schrecken einflößender, bösartiger Gestalt zeigt und zu einer Quelle von Qual, Marter und Leid wird. Hier genügen drei Verse des Heiligen Qur’an und eine Überlieferung zur Illustration dieser Vorgänge.

"Am Tag, da jeder vor sich versammelt finden wird, was er an Gutem getan hat, oder an Bösem: Wünschen wird er, daß ein großer Abstand wäre zwischen ihm und jenem" (Heiliger Qur’an 3:30).

Dieser Vers vergegenwärtigt uns die Situation des Menschen, der seine guten Taten als wünschenswert und Wohlgefallen erzeugend erkennen wird, und seine bösen Taten werden in schrecklicher und häßlicher Gestalt vor ihm erscheinen. Er wünscht sich, diesen entfliehen zu können, aber das wird nicht möglich sein; in der jenseitigen Welt werden seine Taten, in manifestierter Gestalt präsentiert, ein von ihm untrennbarer Teil sein.

" Und sie werden alles vorfinden, was sie getan haben". (Heiliger Qur’an 18:49)

Generell meint dieser Vers dasselbe wie der vorhergehende.

"Am jenem Tag werden die Menschen in zerstreuten Gruppen hervorkommen, damit ihnen ihre Werke gezeigt werden. Wenn dann einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Gutem getan hat, wird er es zu sehen bekommen. Und wenn einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Bösem getan hat, wird er es zu sehen bekommen". (Heiliger Qur’an 99:6-8)

Der Mensch ist ewig. Seine Handlungen und Errungenschaften bleiben ebenso ewig erhalten. Mit anderen Worten: Der Mensch lebt ewig mit seinen Handlungen und dem moralischen Verhalten, das er in dieser Welt an den Tag gelegt hat. Sie werden die ewigen guten oder schlechten Reserven und wohlgesinnten oder bösartigen Gesellen eines jeden in der Ewigkeit sein. In einem Bericht, der uns überliefert ist, wird erzählt, wie einer Gruppe von auswärtigen Muslimen die Ehre zuteil wurde, den Propheten Gottes (s.a.s.) zu treffen. Sie baten ihn um ein paar Ratschläge. Da äußerte der heilige Prophet einige Tatsachen, von denen eine folgendermaßen lautete: "Da eure hiesigen Handlungen und euer Benehmen eure jenseitigen lebendigen Freunde und Gesellen sein werden, versucht, euch gute auszusuchen für die andere Welt". Jemand, der an ein ewiges Leben glaubt, überlegt bei jedem seiner Gedanken, bei jedem Schritt, in seinem Verhalten, seinen Handlungen und seinem Benehmen, weil er weiß, daß jedes davon fortbestehen wird und im voraus in die andere Welt gesandt wird zur Aufbewahrung seines Lebenswandels hier.

Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und dem in der anderen Welt

Wenn man über die Übereinstimmungen zwischen dem gegenwärtigen Leben und dem kommenden nachdenkt, beobachtet man, daß beide Leben wahr und wirklich sind. Man ist seiner selbst so wie all dessen, was zu einem gehört, bewußt und empfindet Freude und Leid, Glück und Kummer, Seligkeit und Feindseligkeit. Sowohl menschliche als auch tierische Instinktorientierung existieren in beiden Leben. Man lebt mit vollständigen Organen und Gliedern, es gibt Räume und Körper.

Es gibt jedoch mehrere grundlegende Unterschiede, wie folgendes zeigt: Im Gegensatz zur anderen finden sich in dieser Welt Reproduktion, Geburt, Kindheit, Jugend, Alter und Tod. In dieser Welt muß man arbeiten, Saat ausstreuen, den Boden bestellen. Dort aber erntet man und profitiert von den Anstrengungen, die man in dieser Welt unternommen hat. Diese Welt ist ein Ort der Arbeit und Aktivität, dort ist der Ort der Erträge und Beurteilungen. Hier läßt sich der Lebenslauf beeinflussen durch entsprechende Veränderungen in unserem Handeln und Tun. Hier sind Leben und Tod vereint. Jedes lebende Geschöpf ist verknüpft mit lebloser Substanz. Außerdem bewegt sich alles Lebende auf den Tod zu, wohingegen die leblose Substanz unter entsprechenden Bedingungen Leben hervorbringen kann. Im Gegensatz hierzu herrscht dort allein das Leben. Substanz und Gegenstand, Himmel und Erde, Gärten und Früchte, alles ist Manifestationen der Taten der Menschen im Leben. Selbst Feuer und Marter besitzen dort Bewußtsein. In dieser Welt dominieren spezifische chronologische Umstände, Ursache und Wirkung. Auch dort gibt es Bewegung und Entwicklung; aber es existieren nur der göttliche Wille und das göttliche Reich. Bewußtsein, Erkenntnis und besonders Sehen, Hören und Empfinden sind wesentlich stärker entwickelt, anders gesagt, alle Vorhänge und die Sicht verdeckende Gitter sind entfernt, und man erkennt, wie es der Heilige Qur’an mitteilt, mit einem durchdringendem Blick die Tatsachen:

"Wir haben deinen Schleier von dir genommen, so daß dein Blick heute scharf ist." (Heiliger Qur’an 50:22)

Wir erleben im Diesseits Niedergeschlagenheit, Langeweile, Hoffnungslosigkeit wegen seiner Eintönigkeit. Immer läuft man umher, sucht nach etwas. Hat man das gefunden, wonach man geschaut hat, so freut man sich; aber nach einer Weile merkt man, daß "das" nicht das war, wonach man gesucht hat. So wird man rastlos, unzufrieden und sucht immer weiter nach anderem. Deshalb kommt es, daß wir immer hinter dem her sind, was uns fehlt, und unzufrieden sind mit dem, was wir besitzen. Im Jenseits ist man mit seiner innersten Natur und Sehnsucht vereint, dem ewigen Leben in der Nähe unseres Herrn und Schöpfers; da wird man nie unzufrieden, rastlos und besorgt. Der Heilige Qur’an sagt hierzu:

"Darin (in den Gärten des Paradieses) werden sie weilen immerdar, ohne den Wunsch zum Wechsel zu haben". (Heiliger Qur’an 18:108).

Weil ihnen nach Gottes Willen alles zukommt, was auch immer sie Wünschen mögen, werden sie nie durch Mängel verwirrt und abgelenkt.

Argumente und Beweise für die andere Welt im Heiligen Qur’an

Da unser Glaube an die Auferstehung von unserem Glauben an den Heiligen Qur’an und die Überlieferungen des Propheten (s.a.s.) stammt, scheint es unnötig, irgendwelche Beweise oder wissenschaftliche Anzeichen und Hinweise für die Auferstehung anzubringen. Um uns die Sache leicht zu machen, erwähnt der Heilige Qur’an eine Reihe von Indizien, die uns direkt auf die Auferstehung hinweisen. Diese Indizien wollen wir kurz darstellen.

Die Argumentation des Heiligen Qur’an besteht in einer Reihe von Antworten für die, die an die Auferstehung nicht glauben. Einige dieser Antworten sprechen die an, die es für unmöglich halten, daß der Jüngste Tag eintritt, und offenbaren, daß es kein Argument dagegen gibt. Andere Verse gehen weiter und stellen fest, daß es, wenn man ähnliche Vorfälle in dieser Welt und der anderen in Betracht zieht, grundlos wird, den Tag des Jüngsten Gerichts als unmöglich abzulehnen. Wieder andere Verse gehen noch weiter und erläutern die Auferstehung als wesentliches, nicht zu unterschätzendes, endgültiges Resultat der weisen Schöpfung des Universums. Es gibt also drei Gruppen von Versen, die allesamt die Verdeutlichung der Auferstehung im Auge haben. Im folgenden werden sie vorgestellt.

"Er prägt für uns (die wir nicht unsergleichen haben) ein Gleichnis (als ob über uns etwas Typisches festgestellt werden könnte) und vergißt (dabei), daß er (selber) geschaffen ist. Er sagt: "Wer wird Knochen (wieder) lebendig machen, nachdem sie (bereits) morsch geworden sind"?" (Heilier Qur’an 36:78).

"Sag: Der wird sie (wieder) lebendig machen, der sie erstmals hat entstehen lassen und der über alles, was mit Schöpfung zu tun hat, Bescheid weiß" (Heiliger Qur’an 36:79).

Dieser Vers gibt dem Ungläubigen eine Antwort, der den verrotteten, morschen Knochen in der Hand hielt. Während er ihn mit den Fingern rieb, zerstäubte das Knochenpulver in der Luft. Da sagte er: "Wer kann diese zerstäubten Körnchen wieder zu Leben erwecken?" Der Heilige Qur’an antwortet ihm, derjenige, der sie am Anfang erschaffen hat, vermöchte das zu tun. Der Mensch klassifiziert gern Angelegenheiten in unmögliche und mögliche und geht dabei immer auf seine eigenen Fähigkeiten und seine Kraft zurück. Dinge, die über unserem Macht- und Vorstellungsbereich liegen, halten wir für unmöglich. Der Heilige Qur’an stellt dazu fest, betrachteten wir unsere Kräfte, so erscheine uns die Auferstehung sicherlich unmöglich, aber sie kann stattfinden in Anbetracht der Macht, die ursprünglich Leben aus leblosem Stoff geschaffen hat. Im Heiligen Qur’an finden sich viele Verse, die die in Gottes Macht stehende Auferstehung zum Thema haben. Sie erläutern deren Unvermeidlichkeit in Anbetracht dessen, daß ein gerechter und weiser Gott den Jüngsten Tag fordern muß. Wie das Wunder der Schöpfung von Leben, das diesem Dekret folgte und in der Wiederbelebung am Tag des Gerichts folgen. Diese Gruppe von Versen des Heiligen Qur’an bietet uns Beispiele und besteht aus zwei Teilgruppen:

Aus den Versen, die spezielle Vorkommnisse zur Sprache bringen, bei denen die Toten auferweckt worden sind. So redet Abraham (a.s.) zu Gott und bittet ihn, ihm doch das Geheimnis der Auferstehung zu enthüllen. Als Antwort folgt die Frage, ob er denn an sie glaube. Er gibt eine bejahende Antwort und erklärt, die Frage habe nur den Zweck einer Rückversicherung gehabt. Dann befiehlt ihm der Herr, vier Vögel zu erjagen, ihnen die Köpfe abzuschneiden, sie zu zerlegen und jedes Stück auf einen anderen Berggipfel zu bringen und dort abzulegen. Würde er die Vögel dann rufen, so würden sie, zum Leben wiedererweckt, Gottes Befehl gehorchend, auf ihn zufliegen.

Aus den Versen, die sich nicht auf außergewöhnliche übernatürliche Ereignisse wie die Geschichte von Abraham beziehen, vielmehr auf die gegenwärtige, von jedem wahrnehmbare Ordnung, innerhalb derer im Herbst und Winter Erde und Pflanzen sterben und im Frühling zu neuem Leben erwachen. Sie weisen dann darauf hin, daß immer wieder zu beobachten sei, wie die Natur stirbt und schwach wird nach einer Zeit voll Leben und Energie. Mit dem Wechsel der Jahreszeit verändern sich die Bedingungen, und Erde, Bäume und Blumen beginnen wieder ein neues Leben. Dieser Prozeß ereigne sich im gesamten Universum. Es werde ausgetilgt, erkalte und vertrocknet. Sonne, Mond und Sterne lösten sich auf und fielen auseinander. Das ganze Universum würde leblos. Aber dieser Zustand des Todes sei ein vorübergehender. Alles Sein würde zu neuem Leben unter neuen Bedingungen und in einer neuen Situation erwachen.

Um diesen Sachverhalt klarer zu machen: Wir menschliche Wesen leben auf der Erde, die im Lauf von 365 Tagen eine Periode von Leben und Sterben durchmacht. Da wir fünfzig oder sechzig oder vielleicht sogar hundert und mehr Jahre leben können, können wir diese Erfahrung von Leben und Sterben zahllose Male machen, ohne weiter über Tod und Wiedergeburt der Erde in Verwunderung zu geraten. Gesetzt den Fall, wir lebten - wie einige Insektenarten - nur ein paar Monate, und wir seien unintelligent, so würden wir, der Erdgeschichte und ihrer Jahreszyklen unbewußt, auch Tod und Wiedergeburt der Erde nicht beobachten und konsequenterweise an diesen Prozeß nicht glauben. Ein Moskito, der im Frühling zum Leben erwacht und im Herbst oder Winter stirbt, kann sich definitiv die Wiedergeburt eines Gartens nicht vorstellen. Kann ein Wurm oder ein Moskito, dessen Leben auf einen Baum oder einen Garten beschränkt ist, sich vorstellen, daß seine Heimat ein untergeordneter Teil eines größeren Systems, Bauernhof genannt, ist, von dem sein Leben abhängig ist? Daß die Provinz selbst ein Teil des Landes ist, das seinerseits Teil der Gesamtordnung der Erde ist, die ihrerseits wiederum einen Teil des Sonnensystems bilden?

Was wissen wir? Alle unsere Sonnensysteme, die Sterne, Sternbilder, alles, von dem wir wissen, daß es den Naturgesetzen gehorcht, können einem übergeordneten System untergeordnet sein. Die Entwicklung der Natur über Millionen und Billionen Jahre hinweg kann Teil eines Tages oder einer Jahreszeit innerhalb eines größeren Systems sein. Dieser Zeitabschnitt, den unser Leben einnimmt, kann in eine Periode der Auslöschung und Verwandlung münden. Jenes übergeordnete System, das unser Sonnensystem, die Sterne und Himmelskörper allesamt einschließt, kann ein neues Leben in veränderter Gestalt beginnen.

Alle Propheten (a.s.) haben uns mit Hilfe von Gottes Offenbarungen über die Zerstörung und Auslöschung des Universums und über das neue Leben und die Auferstehung von den Toten innerhalb einer neuen Ordnung in Kenntnis gesetzt. Wir beobachten, daß ihre Botschaften verschiedenen Prüfungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin standhalten und glauben daher an das, was sie sagen, auch an jene Wahrheiten von der Wiedergeburt des ganzen Universums nach einem Zeitabschnitt des Ausgelöschtseins.

Der Heilige Qur’an macht uns auf die Ordnung von Tod und Leben auf der Erde aufmerksam, die als winziges Beispiel für ein größeres Leben steht, so daß wir keinerlei Zweifel mehr an der Auferstehung, die Teil der ganzen Schöpfungsordnung ist, haben können. Im Heiligen Qur’an heißt Auferstehung Wiedergeburt, die sich in kleineren Beispielen bereits auf der Erde beobachten läßt.

Der Prophet (s.a.s.) erklärte:

"Immer, wenn du den Frühling betrachtest, denke an die Auferstehung."

Der Frühling steht also sozusagen beispielhaft für die Auferstehung. In einem seiner Gedichte bezieht sich der persische Dichter Maulawi hierauf:

Der Frühling, der dem Herbste folgt,
weist auf die Auferstehung hin,
die Feuer, Wasser, Sonne, Wind und Wolk',
erfassen wird. Und wunderbar
stell'n die Geheimnisse sich offen dar.

So seht, wie die Natur uns zeigt,
wie, was die Erde einst verschlang,
aus ihrem Munde ausgespien wird.
All unser Denken, Glauben - kurz.
Jedes Geheimnis wird von Gott enthüllt.

So säe gute Saat,
denn sie wird fruchtbar sein.
Von demselben Verständnis zeugt eines seiner Gedichte aus der Sammlung 'Diwan-e-Schams':
Bewunderst du der Sonne Untergang,
bedenke: Sie wird wieder aufersteh'n.
Wie könnte denn für Sonn' und Mond
ihr Untergehen schadenbringend sein?
Die Saat, die in die Erde fällt,
sie wächst - und dennoch hegst du Zweifel, blickst
du die Saat der Menschenwesen an?
Der Heilige Qur’an birgt viele Verse, die von der wahrnehmbaren existierenden Aufeinanderfolge von Tod und Wiedergeburt handeln.

"Und Gott ist es, der die Winde geschickt hat, worauf sie Gewölk aufbrachten. Wir trieben es dann einem ausgedorrten Land zu und belebten dadurch die Erde (wieder), nachdem sie tot war. So vollzieht sich (dereinst auch) die Auferstehung (von den Toten)" (Heiliger Qur’an 35:9).

"Und du siehst, daß die Erde erstarrt ist (und kein Leben mehr zeigt). Wenn wir dann Wasser (vom Himmel) auf sie herabkommen lassen, gerät sie (mit ihrer Vegetation) in Bewegung, treibt und läßt allerlei herrliche Arten (von Pflanzen und Früchten) wachsen. Dies (geschieht) deshalb, weil Gott wahrhaftig ist, die Toten (wieder) zum Leben bringt und zu allem die Macht hat, und weil die Stunde des Gerichts - an ihr ist nicht zu zweifeln - kommen und Gott (alle), die in den Gräbern sind, auferwecken wird" (Heiliger Qur’an 22:5-7).

Es gibt viele derartige Verse, die die Auferstehung als Teil des Systems von Tod und Leben in der Welt darstellen, wofür es kleine Beispiele auf der Erde zu beobachten gibt. Die obigen Verse mögen uns jedoch genügen. Der Unterschied zwischen den Versen dieser und denen der ersten Gruppe besteht darin, daß diese Verse sich nicht allein auf Gottes Macht stützen, sondern zusätzlich Beispiele für Gottes Macht in der Natur aufzeigen, wo sie sich in der wahrnehmbaren Welt manifestiert hat und dort ganz genauso agiert. Die dritte Gruppe von Versen betrachtet die Auferstehung als etwas Wesentliches und Definitives, und sie erklären im Hinblick auf Gottes göttliches Wesen ihr Nichtstattfinden für unmöglich. Das kommt auf zwei Weisen zum Ausdruck: Die erste begründet sich aus Gottes Gerechtigkeit, also: Gott verleiht jedem Geschöpf das, was es verdient und wert ist. Die zweite basiert auf Gottes Weisheit: Gott hat mit allen Geschöpfen ein bestimmtes Ziel und einen bestimmten Zweck im Auge gehabt. Die göttliche Weisheit fordert das Fortschreiben alles Lebendigen hin auf ein gewünschtes Ziel, eine gewünschte Erfüllung.

Der Heilige Qur’an sagt: Gäbe es keine Auferstehung, kein ewiges Leben, keine ewige Seligkeit, nicht Lohn und nicht Strafe, so wäre das ungerecht und grausam von Gott, und Grausamkeit ist kein Charakteristikum Gottes. Außerdem, wenn es kein ewiges Leben oder kein bestimmtes, ewig währendes Ende gäbe, wäre die Schöpfung sinnlos und umsonst, das wiederum widerspricht Gottes Wesen. Mit Bezug auf Gottes Gerechtigkeit und Weisheit stellen viele Verse die Notwendigkeit und Unvermeidbarkeit der Existenz eines ewigen Lebens und einer Rückkehr zu Gott heraus. Wir wollen hier zwei Beispiele aus dem Heiligen Qur’an anführen, die Gottes Weisheit und Gerechtigkeit betonen: In der 38. Sure kommt zum Ausdruck, daß diejenigen, die vom Pfade Gottes abirren und den Tag der Abrechnung in Vergessenheit geraten lassen, schwer bestraft und gefoltert werden. In den Versen 27 und 28 derselben Sure geht der Heilige Qur’an dann auf den Tag der Auferstehung ein:

"Und wir haben den Himmel und Erde und (alles), was dazwischen ist, nicht umsonst geschaffen. Das meinen (nur) diejenigen, die ungläubig sind. Wehe denen, die ungläubig sind: Sie werden in das Höllenfeuer kommen! Oder sollen wir (etwa) diejenigen, die glauben und tun, was recht ist, denen gleichsetzen, die (überall) auf der Erde Unheil anrichten, oder die Gottesfürchtigen denen, die ein sündhaftes Leben führen?"

Auf Gottes Weisheit und seine weise Schöpfung wird also im ersten, auf Gottes Gerechtigkeit und seine gerechte Schöpfung im zweiten Vers hingewiesen. Die Verse 21 und 22 der 45. Sure drücken aus:

"Oder meinen diejenigen, die schlechte Taten begehen, wir würden sie denen gleichsetzen, die glauben und tun, was recht ist, sowohl in ihrem Leben, als auch, nachdem sie gestorben sind? Wie schlecht urteilen die doch! Gott hat Himmel und Erde wirklich und wahrhaftig geschaffen. Und einem jeden soll (dereinst) für das vergolten werden, was er (in seinem Erdenleben) begangen hat. Und ihnen (d.h. den Menschen, die vor dem Gericht stehen) wird (dabei) nicht Unrecht getan."

Das Prinzip der Gerechtigkeit erscheint im ersten Vers, das der Weisheit im zweiten. In den Versen, die dann dem zweiten hier aufgeschriebenen folgen, werden zur Unterstreichung von Gottes Gerechtigkeit Ziel und letzter Zweck der Auferstehung am Jüngsten Tag dargestellt. Wir wollen nun klären, inwiefern Gottes Gerechtigkeit und Weisheit ein ewiges Leben erforderlich machen und inwiefern die Schöpfung des Universums und der Menschheit sich gegen seine Weisheit und Gerechtigkeit wenden würden, gäbe es kein ewiges Leben nach diesem vergänglichen, in dem dann mit unseren Taten abgerechnet würde.

Gottes Gerechtigkeit

Generell bedeutet Gerechtigkeit, demjenigen, der es verdient hat, ohne jegliche Diskriminierung sein Recht zukommen zu lassen. Ungerecht wäre, dem, der Recht verdient hat, dieses Recht vorzuenthalten. Diskriminierung, d.h. einigen Leuten ihr Recht zu gewähren und es anderen vorzuenthalten, ist ebenfalls ungerecht. Erteilt ein Lehrer seinem Schüler Noten, die unterhalb dessen liegen was er verdient hätte, so handelt er ungerecht. Genauso ungerecht ist es, einigen Noten zu geben, die ihren Leistungen entsprechen, und gleichzeitig andere schlechter zu benoten, als sie es verdient haben. In einer Hinsicht begleitet die Gerechtigkeit die Gleichheit, die zwischen den Menschen keine Unterschiede macht und nicht diskriminierend unter ihnen aussondert. Gerechtigkeit ist eine Notwendigkeit für die Gleichheit, d.h. für die Ausübung des Rechts für alle, entsprechend ihrer Verdienste und ohne jegliche Diskriminierung. Gleichheit bedeutet nicht: Jedem dieselbe Menge, dieselbe Anzahl. Wäre Gleichheit so, so wäre sie ungerecht und bedeutete Grausamkeit. Auch die Vorenthaltung jeglichen Lohns für die Verdienste der Menschen stellt eine Art Grausamkeit dar. Gottes Gerechtigkeit meint daher: Jeder hat andere Möglichkeiten; Gott belohnt seine Geschöpfe entsprechend ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten mit seinem Segen.

Mangelt es einem Geschöpf an irgend etwas, so liegt das an seiner Unfähigkeit, bei gewissen Umständen zu handeln. Es wäre ungerecht, wenn einem Geschöpf, das nur gewisse Fähigkeiten besitzt, sein voller Lohn vorenthalten würde. Sie werden in Wirklichkeit aber entsprechend ihrer Eignung mit Gottes Gnade ausgezeichnet. Der Mensch besitzt unter allen Geschöpfen ihm eigene Fähigkeiten, Möglichkeiten und Wirkungskraft. Motivationsgrößen und Umstände, die uns an die Arbeit treiben und aktivieren, sind nicht wie bei den Tieren begrenzt. Im Gegensatz zu den Tieren, die ja nur im Besitz von Instinkten sind, die sie mit der Natur und materiellen Lebensinhalten verknüpfen, besitzt der Mensch Instinkte auf höherer Ebene, die über die Begrenztheit dieser Welt hinausgehen.

Das, was unsere Taten zur Wirkung bringt, sind unsere höchsten Motivationskräfte, die sich auf moralischer, wissenschaftlicher, religiöser und göttlicher Ebene befinden. Oft opfern wir unser natürliches, materielles und tierisches Leben höheren menschlichen Zielen. Wie der Heilige Qur’an erläutert, regelt der Mensch sein Verhalten und Benehmen auf der Grundlage von "frommen Taten und Glaube", die ihm die Sehnsucht nach ewigem Leben und Gottes Zufriedenheit verleihen. Beides prägt den Menschen: immense Denkfähigkeiten und die Sehnsucht nach der Ewigkeit sowie der Trieb, der ihn dorthin führt. All das offenbart eine Art Möglichkeit und Fähigkeit zum ewigen Leben, die der Mensch in sich birgt. Mit anderen Worten: Es offenbart die individuelle, immaterielle Qualität seines Geistes. Der Vergleich zwischen einem Menschen in dieser Welt und einem Fötus, der im Mutterleib mit Blut, Atem, Nerven, Sehen und Hören und seinem Genitalsystem versorgt wird, die alle mit seinem Leben nach der Geburt zu tun haben, nicht aber mit den Bedingungen im Mutterleib und mit der für ihn gegenwärtigen Zeit, den neun Monaten Lebens in ihm, ist hier nicht unpassend. Bringen Glaube und gute Taten auch innerhalb des Diesseits für einen Vorteile und Nutzen, so folgen diese doch nur in der Konsequenz. Gute Taten und Glaube sind eher wie eine Saat, die nur in einem glückerfüllten, ewigen Leben gedeiht und wächst, d.h. ihre volle Bedeutsamkeit entpuppt sich erst in Bezug auf ein ewiges Leben und in einem ewigen Leben.

Es ist nicht nur möglich, über der Natur zu schweben und nichtmaterielles Saatgut in einem auf Glauben und guten Taten basierenden System auszustreuen, man kann auch vom rechten Pfad abirren, und die Konsequenzen dafür finden sich dann ebenfalls jenseits von tierischer Begrenztheit und gewöhnlichen physischen Beziehungsgrößen. Dann spiritualisieren und verewigen sich unsere Taten eben auf einem irrigen Wege. Man verdient sich so ein ewiges Leben, das uns unglücklicherweise mit Todeskampf und Qual und Schmerz versieht. Religiös ausgedrückt: Man wird ins ewige Höllenfeuer geworfen. Irrt man vom Glauben und von dem Weg der guten Taten ab, so steigt man in Gefilde ab, die sogar unterhalb des tierischen Lebens liegen, und sinkt auf das tiefste Niveau. Wie der Heilige Qur’an es ausdrückt:

"Sie sind (ja) genauso (stumpfsinnig) wie Vieh. Nein, sie irren noch eher vom Weg ab (als man vom Vieh sagen kann)". (Heiliger Qur’an 25:44).

Diejenigen, die vom Glauben und von den guten Taten abfallen, und diejenigen, die davon abirren, sind Schülern vergleichbar, die im Gegensatz zu denen, die sorgfältig ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Zeit mit Spielen vergeuden. Gäbe es kein ewiges Leben, das die erste Gruppe belohnte und die zweite bestrafte, so würde beiden der gerechte Lohn vorenthalten, und das wäre, wenn ein Lehrer seine Schüler nicht benoten würde. Um diesen Sachverhalt noch deutlicher zu machen, sagen wir: Gott hat die Menschen aufgefordert, gläubig und wohltätig zu sein. Eine Gruppe von Menschen bringt ihre Gedanken, Handlungen und ihr moralisches Verhalten mit ihrem Glauben in Übereinstimmung, weil sie diesen Auftrag annimmt. Andere, die ihn zurückweisen, folgen Untat und Verderbnis. In der Ordnung dieser Welt beobachten wir, daß sie nicht immer den Wohltätigen und den Verderbten gerecht nachkommt. Manch einer stirbt, bevor er seinen verdienten Lohn erhalten hätte; daher muß ein anderer Ort existieren, an dem die Wohltätigen vollständig belohnt und die Übeltäter vollständig bestraft werden, sonst wäre es ungerecht von Gott.

Gottes Weisheit

Die Taten des Menschen unterteilen sich in zwei Gruppen. Die erste Gruppe wird von den Taten gebildet, die umsonst, sinnlos und nutzlos sind und zum Erlangen von Vollkommenheit innerhalb unserer Kapazität keine Hilfe sind. Sie bringen uns, anders ausgedrückt, keine wahre Glückseligkeit. Die zweite Gruppe besteht aus weisen, vernünftigen, geistvollen Taten, die zu brauchbaren, vorteilhaften Ergebnissen führen und uns hin zur Vervollkommnung führen, die wir verdienen. So sind es die weisen Taten, die uns zu der Vollkommenheit bringen, die wir wert sind.

Die Frage stellt sich nun in Bezug auf Gottes weise Taten. Sind Gottes weise Taten ebenfalls dergestalt, daß sie ihn zu einer letzten Vollkommenheit bringen, und seine sinnlosen Taten, daß sie ihn nicht dorthin leiten? Die Antwort darauf muß negativ ausfallen, denn Gott genügt sich selbst. Alle Taten Gottes gehören der Weisheit, Großzügigkeit und Gnade. Er vollbringt seine Taten nicht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sich zur Glückseligkeit und Vollkommenheit zu verhelfen, sondern, um seine Geschöpfe zu der Vollkommenheit zu, bringen, die ihnen gebührt. Schreibt man Gott unsinniges Handeln zu, so bedeutet das, daß er Geschöpfe erschafft, ohne sie zu der Vollkommenheit hinzuführen, die sie verdienen. Die Bedeutung der Weisheit Gottes unterscheidet sich aus diesem Grunde von der des Menschen. Unsere Weisheit bedeutet: dem richtigen Pfade folgen, hin zur menschlichen Vollkommenheit; Gottes Weisheit dagegen bedeutet: die Kreatur führen, hin zur verdienten Vollkommenheit. Anders ausgedrückt: Die Weisheit Gottes bedeutet Erschaffung der Dinge auf der Grundlage der Rechtleitung hin zu dem erwünschten Ziel und der gebührenden Vollkommenheit. Da Weisheit für den Menschen die Erfüllung seiner Aufgabe bedeutet und die Annäherung an seine eigene Vollkommenheit bedeutet, besteht keine Notwendigkeit einer Verknüpfung seiner Taten mit deren beabsichtigten Konsequenzen, d.h. es ist nicht notwendig, daß die Tat auch unbedingt in der Konsequenz münde, und daß diese Konsequenz als vollkommene Erfüllung der Aufgabe betrachtet werde. Die Konsequenz sollte notwendigerweise in der Vervollkommnung der Menschheit und dem Nutzen für sie resultieren. Ein Mensch stellt beispielsweise aus Ton, Holz, Metall, Tierhäuten, Wolle und Baumwolle Gegenstände her, die er weise nutzt. Er macht daraus Stühle, Häuser, Autos und Kleidung, die nicht die Vollkommenheit für das Holz, den Stein, den Beton, den Stahl oder die Metallteile sein müssen. Diese Materialien bewegen sich nicht auf diese Formen und Gestalten zu, aber sie bieten Vorteile für einen wie das Sitzen auf dem Stuhl, das Leben in einem Haus, das Chauffieren eines Autos und das Tragen von Kleidern. Das bedeutet für den Menschen Erfüllung seiner zumindest wohltätigen Aufgabe.

Im Gegensatz dazu stehen nun Gottes Taten und deren Konsequenzen in wahrer, natürlicher Beziehung zueinander. D.h., Ziel und Ergebnis jeder Aufgabe bedeutet zugleich wirkliche Vollkommenheit der Aufgabe selbst. Gott leitet seine Schöpfung zu ihrer eigenen Vollkommenheit hin. Dadurch beobachten wir, daß jedes Samenkörnchen sich auf sein letztes Ziel und seine letzte Vollkommenheit hin bewegt.

Das Problem, das an dieser Stelle zu besprechen ist, ist, daß Welt und Natur Revolutionen durchmachen und unstet sind, d.h. daß jedes Ziel innerhalb der Natur veränderbar und in sich selbst instabil ist. Anders ausgedrückt - alles ist vergänglich, zeitlich gebunden und beendbar. Alle Stationen innerhalb der Natur sind gleich Haltestellen, und keine ist die Endstation. Aus diesem Grunde finden viel die Schöpfung bedeutungslos und sinnlos. Sie vergleichen die Welt mit einer Karawane, die pausenlos unterwegs ist und von Karawansarai zu Karawansarai zieht und doch nie ihren Bestimmungsort erreicht. Jede Station ist nur wie ein Halt, wie ihn auch die Natur passiert. Offensichtlich ist, daß eine Reise nur dann unternommen werden kann, wenn ein wirkliches Ziel in Aussicht steht. Bewegungen und Reisen sind sinnlos, wenn es keine Ankunft gibt und alle Zielorte nur Haltestellen sind. So wäre die Existenz unsinnig und das, was die Weltordnung beherrscht, wäre nur Wanderschaft, konstante Wiederholung, Abreise und Ankunft eine nach der anderen. Die Erklärung, die uns der Heilige Qur’an gibt, lautet, dieses Problem und Zweifel solcher Art würden entstehen, wenn außer der Natur und dieser Welt nichts wäre und die Geburt nur dem Zweck des Sterbens und jedes Wachsen und Blühen nur dem des Verdorrens und jede Erneuerung dem des Verhaltens gälte. Eine solche Lebensanschauung offenbart "unvollkommene Einsicht", wenn man meint, das Leben beschränke sich auf Welt und Natur, was nicht der Fall ist.

Diese Welt wird dargestellt als "erster Tag", dem der letzte Tag folgen wird. Diese Welt bedeutet "Abreise", und die Auferstehung "Ankunft". Imam Ali (a.s.) sagt:

"Die Welt ist ein Ort, den wir hinter uns lassen, und die Auferstehung der einer ewig währenden Residenz."

Die Auferstehung verleiht dieser Welt ihre Bedeutung, denn Bewegung und Kampf ohne Ziel wäre bedeutungsleer. Gäbe es keine Auferstehung, eine ewig währende, unvergängliche Welt, so besäße die Welt keine Endstation, die sie von einer bloßen Durchgangsstation, einer Haltestelle unterschiede. Das ganze Weltsystem wäre reine Wanderschaft, und, wie der Heilige Qur’an es ausdrückt: Die Schöpfung wäre "eitel", "zwecklos", "keiner Beachtung wert". Die Propheten (a.s.) sind dazu erschienen, uns von diesem fundamentalen Fehler abzuhalten und uns die Augen für eine Tatsache zu öffnen, die unser Leben, entgeht sie unserer Beachtung, bedeutungsleer und vergebens macht, so daß sich die Sinnlosigkeit in unseren Geist einschleicht und sich dort einnistet, die uns selbst zu unbrauchbaren, bedeutungslosen Geschöpfen ohne Lebensziel werden läßt. Eine der Wirkungen des Glauben und der Überzeugung vom Tag des Gerichts ist die, daß er uns aus dem Zustand der Nutzlosigkeit und des Nichtsseins errettet und uns, unseren Gedanken und unserem Leben Sinn verleiht.

 

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