Die Geschichte von Yunus

Niniveh war die Hauptstadt des Assyrerreiches im Zweistromland. Es war eine prächtige Stadt, aber, wie anderswo im Zweistromland und anderswo in der Welt, waren die Menschen dort stolz und hochmütig, begingen Verbrechen und Ungerechtigkeiten und beteten selbstgemachte Götzen an, mit denen sie die einfachen Menschen betrogen und von der Suche nach der Wahrheit ablenkten. Allah wollte in diese Stadt einen Gesandten schicken und beauftragte Yunus, einen ehrlichen und gottesfürchtigen Mann, die Menschen zu ermahnen und vor Allahs Strafe zu warnen.
Yunus kannte wohl die Geschichten von allen früheren Gesandten Allahs und wußte, dass die meisten Menschen nicht auf sie gehört, sondern sie verspottet und gequält hatten und oft sogar töten wollten. Was würden die hochmütigen Götzendiener in Niniveh sagen, wenn er sie ermahnte und vor der drohenden Strafe warnte?

Sicher würden sie ihn auslachen, und wer weiß, was ihnen sonst noch alles einfiel! Ja, Yunus bekam regelrecht Angst.
Zögernd fing er an, zu seinem Volk zu sprechen: „O mein Volk, dient nur Allah, denn es gibt keine wirkliche Macht außer bei Ihm, der euch erschaffen hat und am Leben erhält. Außer Allah gibt es keinen Gott."
Die Leute aber achteten nicht auf ihn, oder sie fingen an, ihn auszulachen. Yunus verlor den Mut. „Mir wird es sicher nun genauso ergehen wie den früheren Gesandten," dachte er, und vor Angst und Verzweiflung dachte er nicht daran, dass Allah Seine früheren Gesandten doch vor allem Schaden bewahrt und oft auf wundersame Weise von ihren Feinden und Verfolgern gerettet hatte. Yunus gab alle Hoffnung auf und floh aus der Stadt. Er gelangte bald zum Hafen und fand dort ein Schiff, bereit zum Auslaufen. Damit wollte er in ein fernes Land fahren, wo ihn niemand kannte und wo er in Frieden leben konnte, ohne von bösen Menschen bedroht zu werden. Er bezahlte dem Kapitän einen Preis für die Überfahrt und ging an Bord. Wenige Stunden später war das Schiff auf hoher See.
Unterwegs brach ein furchtbarer Sturm los.

Das Schiff wurde von den Wellen hinund hergeworfen und drohte unterzugehen, und die Menschen waren bleich vor Todesangst. Die Seeleute sprachen untereinander: „Das ist kein gewöhnlicher Sturm. Vielleicht gibt es an Bord jemanden, der ein Unrecht getan hat, oder einen Sklaven, der seinem Herrn entflohen ist. Wir wollen jedenfalls das Los werfen, um festzustellen, wer den Sturm verschuldet hat."
Alle waren sogleich damit einverstanden. Sie warfen das Los, und es fiel auf Yunus. Da warfen ihn die Seeleute über Bord, weil sie hofften, dass dadurch der Fluch von dem Schiff und den übrigen Menschen an Bord abgewendet würde. Bald darauf legte sich auch wirklich der Sturm. Yunus aber versank im Meer, und ein riesiger Fisch kam angeschwommen und verschlang ihn lebendig.


Da saß er nun in dem finsteren Bauch des Fisches und sah keinen Ausweg. Er sah ein, wie er sich aus Angst vor den Menschen selbst in die Gefahr gebracht hatte, bis ans Ende seines Lebens in diesem lichtlosen, ausweglosen Gefängnis verharren zu müssen und schließlich elend zu ertrinken, und er bereute, seinen Auftrag verraten und die Menschen in Niniveh verlassen zu haben. Denn vielleicht hätten doch ein paar von ihnen auf ihn gehört und wären gerettet gewesen. Er betete zu Allah: „Es gibt keinen Gott außer Dir. Preis sei Dir! Siehe, ich war einer von den Ungerechten." Allah sah, dass seine Reue aus tiefstem Herzen kam. Er befahl dem Fisch, an einen einsamen Strand zu schwimmen und Yunus auszuspucken, so dass er sicher das trockene Land erreichte.


Erschöpft lag Yunus lange Zeit am Strand und war schwach und durstig von der heißen Sonne. Da ließ Allah über ihm eine Pflanze wachsen, die ihre Blätter über ihn ausbreitete und ihn vor der Sonne schützte, und an der dann auch Früchte reiften, die seinen Hunger und Durst stillten.
Als Yunus wieder zu Kräften gekommen war, machte er sich auf den Weg nach Niniveh, um dem Volk dort Allahs Botschaft zu bringen. Er sprach zu seinem Volk: „Ich bezeuge, dass es außer Allah keinen Gott gibt. Vertraut nur auf Ihn und wendet euch zu Ihm, und Er wird euch rechtleiten und euch eure Fehler verzeihen. Er allein ist der Verzeihende und Barmherzige. Denkt daran, dass dieses Leben bald vorübergeht, und mit ihm alle Reichtümer und Vergnügen. Wer sich aber Allah hingibt und auf Ihn vertraut und Seiner Rechtleitung folgt, wird weder Furcht noch Trauer kennen, sondern ewig glücklich sein."


Mehr als hunderttausend Menschen hörten auf Yunus' Rede. Sie gaben ihr lasterhaftes Leben auf und befolgten Allahs Gesetz und ehrten Yunus als Allahs Gesandten. Die selbstgemachten Götzenbilder verbrannten sie und verjagten die betrügerischen Götzenpriester aus dem Land. Wo sie sich früher gegenseitig betrogen und beraubt hatten und hochmütig gewesen waren, halfen sie nun einander und waren ehrlich und freundlich zueinander. Lange Zeit lebten sie in Frieden und Sicherheit.

Allahs Friede sei mit Yunus.

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