Musa und Khidhr

Wie kann man mehr Wissen erlangen als auf der Reise durch fremde Länder? Täglich sieht und hört man neue, interessante Dinge oder trifft Menschen, die Merkwürdiges zu berichten haben.
So erfuhr Musa bald von einem Diener Allahs, der uralt und weise war und irgendwo versteckt in der Nähe einer Stelle wohnte, die man den Zusammenfluss der beiden Meere nannte. Niemand
kannte genau diesen geheimnisvollen Ort, aber Musa erfuhr, dass ein Fisch ihm den Weg zeigen konnte. So machte er sich zusammen mit einem Diener und einem Fisch auf den Weg.
Musa sprach zu seinem Gefährten: „Ich will nicht eher rasten, bis ich den Zusammenfluss der beiden Meere erreicht habe, und wenn ich mein ganzes Leben lang wandern muß. Musa war, wie wir wissen, ein gelehrter Mann. Der Mann aber, den er suchte, war niemand anderes als Khidhr. Sein Name bedeutet grün, denn sein Wissen ist stets frisch und blühend wie junge Pflanzen im Frühling, nicht trocken und verstaubt wie die Bücherweisheiten in Ägypten und anderswo.

Denn sein Wissen kam direkt von Allah.
Als sie aber endlich am Zusammenfluss der beiden Meere angekommen waren, vergaßen sie den Fisch, und dieser entkam und schwamm im Meer davon.
Erschöpft hielten sie schließlich an, und Musa sprach zu seinem Diener: „Mach uns etwas zu essen. Die Reise war wirklich sehr anstrengend, und wir wollen uns ein bisschen ausruhen. Da fiel dem Diener plötzlich wieder der Fisch ein. „Hast du nicht gesehen, was mit dem Fisch geschah, als wir an jenem Felsen waren?" fragte er. „Der Fisch gelangte auf wundersame Weise ins Wasser und schwamm davon/'
„Das war dann der Ort!" rief Musa aus. Und ohne sich lange zu besinnen oder an ihre Müdigkeit zu denken, kehrten sie auf dem gleichen Weg um und suchten, bis sie endlich Khidhr trafen.
Musa grüßte ihn ehrerbietig und fragte: „Darf ich dir folgen, damit du mich etwas von dem lehren kannst, das Allah dich gelehrt hat?" Khidhr erwiderte: „Du wirst keine Geduld mit mir haben können. Denn wie kannst du Geduld mit Dingen haben, die du nicht vollständig verstehst? Musa ließ sich nicht entmutigen. „Du wirst mich geduldig finden,
wenn Allah will", sagte er, „und ich will nichts in Frage stellen, sondern dir ohne Zögern gehorchen. Khidhr sprach: „Wenn du mir also folgen willst, dann frage mich nach nichts, bevor ich dir nicht selbst die Bedeutung enthülle." Unter dieser Bedingung wurde Musa Khidhrs Schüler und folgte ihm, wohin er auch immer ging.
Bald kamen sie in eine Stadt am Meer, wo es einen Hafen gab.
Gerade waren Fischer dabei, mit ihrem Boot in See zu stechen. Da stieg Khidhr an Bord und schlug ein Loch in den Rumpf, so dass das Boot unterging.
Darüber war Musa empört. „Hast du das Schiff versenkt, um die fleißigen Fischersleute zu ertränken?" fragte er. „Das Ist-wirklich eine seltsame Tat. Khidhr erwiderte: „Hatte ich nicht gesagt, dass du mit mir keine Geduld haben kannst? Musa entschuldigte sich und sagte: „Sei mir nicht böse, ich hatte nur vergessen, dass ich nicht fragen darf. Sie wanderten weiter und trafen unterwegs einen jungen Mann. Den schlug Khidhr tot.
Darüber war Musa sehr erregt. „Hast du einen unschuldigen Menschen getötet?" fragte er. „Das ist doch entsetzlich. Khidhr erwiderte nur: „Habe ich dir nicht von Anfang an gesagt,
daß du keine Geduld mit mir haben kannst? Musa schämte sich und sagte: „Gib mir noch einmal die Gelegenheit, meine Geduld zu üben. Wenn ich dich dann noch einmal etwas frage, kannst du mich wegschicken.
Lange wanderten sie weiter, bis sie endlich müde und hungrig in eine Stadt kamen. Aber als sie die Einwohner um etwas zu essen und einen Schlafplatz baten, wurden sie mit Schimpf und Schande fortgeschickt. Die Leute in jener Stadt kannten weder Gastfreundschaft noch Freigebigkeit.
In jener Stadt entdeckten die beiden Wanderer eine Mauer, die fast
zusammengebrochen war. Mit großer Mühe richtete Khidhr sie wieder auf und befestigte sie. Müde und erschöpft von der Arbeit
murrte Musa: „Du hättest von diesen herzlosen Leuten wenigstens Bezahlung annehmen können, wenn du schon ihre Mauer reparierst. „Hier trennen wir uns", erwiderte darauf Khidhr, „aber bevor wir
auseinandergehen, will ich dir erklären, was du nicht verstanden hast und worüber du keine Geduld haben konntest.
Das Schiff gehörte, wie du gesehen hast, armen Fischersleuten, die damit ihren Lebensunterhalt erwarben. Ich habe es versenkt; denn der König jenes Landes ist ein ungerechter Tyrann, der gerade dabei ist, alle Schiffe zu beschlagnahmen, um sie zu Kriegsschiffen umzubauen und zu Raubzügen gegen andere Völker zu benutzen. Wenn die Beamten des Königs dortgewesen sind und kein Schiff gefunden haben, können die Fischer es bergen und ausbessern, und so bleibt ihr Lebensunterhalt unangetastet.

Was den jungen Mann angeht, so war er der Sohn gottesfürchtiger
Eltern. Er selbst aber war dabei, ihnen durch zahlreiche Verbrechen viel Kummer zu bereiten. Vielleicht wären sie sogar mit gebrochenem Herzen gestorben. Aber nun wird Allah ihnen einen anderen Sohn geben, der ihnen Freude macht und sie liebt.
Die Mauer schließlich gehörte zwei Waisenkindern in der Stadt, die bei Pflegeeltern aufwachsen. Ihr Vater war ein guter Mann gewesen, und bevor er starb, vergrub er das Geld, das die Kinder erben sollten unter der Mauer, damit die ungerechten Menschen es nicht den wehrlosen Waisen wegnehmen konnten. Erst später,
wenn sie erwachsen werden, sollen sie das Geld finden. Wenn aber nun die Mauer eingestürzt wäre, dann hätten die gierigen Nachbarn schon jetzt den Schatz entdeckt und geraubt.
Dieses Wissen stammt aber nicht von mir, sondern von Allah. Du aber konntest deine Ungeduld darüber nicht zügeln und hattest zu wenig Vertrauen zu mir. Auch Khidhr wußte nur einen kleinen Teil von dem, was Allah weiß. Denn Allah kennt alle Menschen und weiß, was sie offen bekanntmachen und was sie verheimlichen. Vieles von dem, was in der Welt geschieht, ist schwierig zu verstehen, wenn man nicht
auf Allah vertraut und weiß, dass Er für jeden Menschen das Beste will.
Musa führt die Bani Israel aus Ägypten
Musa hatte Frau und Kinder, Diener und seine eigene Viehherde, aber er war rastlos, denn er wußte, dass Allah ihn für eine besondere Aufgabe vorgesehen hatte. Ständig war er auf der Wanderschaft, begleitet von seiner Familie, dem Gesinde und den Tieren. Als sie in der Wüste rasteten, erblickte Musa in der Ferne ein Feuer. Er sprach zu seinen Leuten: „Wartet hier einen Augenblick, ich
sehe dort ein Feuer. Vielleicht kann ich euch einen Brand mitbrin-
gen, damit ihr euch wärmen könnt, oder vielleicht kann ich dort einen neuen Weg finden." Damit machte er sich auf den Weg dorthin und gelangte bald an einen brennenden Busch. Daraus erklangen Stimmen, die sprachen: „Heilig sind diejenigen im Feuer und diejenigen in seiner Nähe, und Lob sei Allah, dem Herrn der Welten."Als er nähertrat, sprach eine Stimme zu ihm: „O Musa, ich bin wahrhaftig dein Herr! Zieh deine Schuhe aus, denn du befindest dich im heiligen Tal Tuwa! Ich habe dich auserwählt, darum höre, was ich dir sage. Wahrhaftig, ich bin Allah, außer mir gibt es keinen Gott. Darum diene nur mir und verkünde mein Lob in Wort und Tat. Wahrhaftig, die Zeit wird kommen — wann, das bleibt mein Geheimnis, aber dereinst wird jeder es deutlich sehen — wo jede Seele ihren Lohn zugemessen bekommt nach dem, was sie erstrebt hat. Darum laß dich nicht ablenken von denen, die nicht daran glauben, damit du nicht verlorengehst. Und die Stimme sprach weiter: „Was hast du da in deiner rechten
Hand? Musa erwiderte: „Das ist mein Stab. Ich stütze mich darauf, wenn ich müde bin, und ich schlage damit Blätter von den Sträuchern als Futter für die Tiere, und er dient noch vielen anderen nützlichen Zwecken. Allah sprach: „Wirf ihn auf den Boden! Musa tat, wie ihm geheißen war, und plötzlich verwandelte sich der Hirtenstab in eine lebendige Schlange, die zischend herumkroch, so dass Musa einen richtigen Schrecken bekam und ein paar Schritte zurücktrat.
Aber Allah sprach: „Hab keine Angst. Faß sie nur am Schwanz
an, dann will ich ihr wieder ihre alte Gestalt geben." Zögernd faßte Musa die Schlange an, aber da hatte er nichts anderes in der Hand als seinen Hirtenstab.
„Steck nun deine Hand in dein Gewand", sprach Allah. „Wenn du
sie herausziehst, wird sie schneeweiß aussehen, aber nicht etwa wegen einer Krankheit, wie die Leute glauben, sondern als Wunderzeichen. Denn ich will dir und den Menschen meine Macht zeigen. Reise nach Ägypten und geh zum Pharao, denn er hat alle Grenzen der Menschlichkeit überschritten. Bei dem Gedanken, dem Pharao gegenübertreten zu müssen,
fühlte sich Musa nicht wohl, denn er wußte, dass er nicht gut sprechen konnte. Wenn es nun nicht gelang, den Tyrannen zu überzeugen? Gleichzeitig wußte er, dass er sich Allahs Auftrag nicht entziehen konnte. Darum sprach er: „O mein Herr, mach meine Brust weit und löse den Knoten in meiner Zunge, damit sie verstehen, was ich sage. Und gib mir einen Helfer von meiner Familie, meinen Bruder Harun, damit er mich unterstützt und mir
bei meiner Aufgabe hilft, so dass wir Dich unablässig loben und an
Dich denken, denn Du bist der, der unser Innerstes kennt. „Deine Bitte soll gewährt sein," sprach Allah. Und Er teilte ihm nicht nur mit, wie Er ihn als kleines Kind vor den Soldaten des Pharao gerettet hatte, sondern gab ihm auch die Worte ein, die er dem Pharao und seinem Volk übermitteln sollte.
„Sprich aber sanft und freundlich zum Pharao," ermahnte Allah ihn noch, „denn vielleicht läßt er sich warnen." Denn auch auf Yusuf hatte der Pharao seinerzeit gehört und war seinem Rat gefolgt.
Unverzüglich machte sich Musa auf den Weg nach Ägypten. Unterwegs traf er seinen Bruder Harun, den er so lange Jahre hindurch nicht gesehen hatte. Sie sprachen über Musas Auftrag und über Ägypten, wo der Pharao immer grausamer die Menschen unterdrückte und immer größenwahnsinniger wurde. Wenn er sich früher noch an seine eigenen Gesetze und Regeln gehalten hatte, so kannte er jetzt nichts mehr als blinde Willkür.
Musa und Harun sprachen: „Unser Herr, wir befürchten, dass der Pharao sich an uns vergeht, wo er doch alle Grenzen der Menschlichkeit überschritten hat. Aber Allah sprach zu ihnen: „Habt keine Angst, denn ich bin bei
euch. Ich höre und sehe alles. Noch etwas anderes hatte Musa auf dem Herzen. Er sprach: „Unser Herr, ich habe vor langen Jahren in Ägypten einen Mann getötet und fürchte, dass mir der Pharao deshalb nach dem Leben trachtet. Aber Allah erwiderte: „Der Pharao wird dir nichts antun, und du
brauchst keine Angst zu haben. Nun aber geht und erfüllt euren
Auftrag."

So gingen Musa und Harun in die Hauptstadt zum königlichen
Palast, und tatsächlich wurden sie bald vor den Pharao geführt.
„Wir sind Gesandte von deinem Herrn," stellten sie sich vor,
„und wir fordern dich in Seinem Namen auf, Gerechtigkeit im Land zu üben. Die Bani Israel sollst du nicht länger unterdrücken, sondern sie mit uns aus dem Land ziehen lassen. Friede sei mit allen, die Allahs Gebote befolgen. Wahrhaftig, uns ist mitgeteilt worden, dass schwere Strafe auf alle wartet, die sich abwenden. „Was redet ihr da?" fragte der Tyrann. „Ich bin der Herr in die-
sem Land. Was meint ihr zwei denn, wer mein Herr sein sollte?" Musa und Harun sprachen: „Unser Herr ist der, der alle Dinge geformt und ihnen ihre Eigenschaften gegeben hat, und der außerdem alles lenkt und leitet. „Was soll das heißen", fuhr der Pharao ihn an, „einer, der alles lenkt und leitet? Musa erwiderte: „Der Himmel und Erde lenkt und leitet und
alles, was es zwischen ihnen gibt, wenn du es genau wissen willst. „Ihr wollt wohl die Leute von ihrer Kultur abbringen", sprach der Pharao. „Was glaubt ihr denn, was aus unseren Ahnen geworden ist, die das Land zu dem gemacht haben, was es heute ist? Ihr wollt doch nicht etwa sagen, sie wären Irrlehren gefolgt? „Das weiß nur Allah", erwiderte Musa, „Er kann sich weder irren
noch etwas vergessen. Er ist es in Wirklichkeit, der die Erde ausgebreitet und euch gelehrt hat, Straßen und Kanäle zu bauen, und der Wasser vom Himmel schickt und dadurch verschiedene Arten von Pflanzen wachsen läßt, damit ihr essen und das Vieh weiden könnt. Das sind Zeichen von Allah für Menschen mit Verstand. Von der Erde hat Allah die Menschen erschaffen, und in die Erde kehren sie zurück, und aus der Erde bringt Allah sie einst wieder hervor. Der Pharao merkte, dass seine Hofbeamten dem Gesandten Allahs gespannt zuhörten. „Ihr hört doch nicht etwa auch noch auf diesen Schwätzer!" schrie er sie an. „Er ist offensichtlich geistesgestört. Musa aber fuhr unbeirrt fort: „Es gibt keinen Gott außer Allah. Er ist unser und euer Herr von Anfang an. Er ist der Herr über
Ost und West und was dazwischen liegt. Hättet ihr doch nur Verstand! „Wenn du weiterhin von einem anderen Gott außer mir redest' sagte der Pharao, „werde ich dich auf der Stelle ins Gefängnis werfen oder töten lassen. Ein Ägypter, der Musa glaubte und die Wahrheit einsah, wider-
sprach dem Pharao: „Willst du einen Mann töten, weil er Allahs Diener ist, wo er doch klare Zeichen bringt? Wenn er ein Lügner wäre, dann würde er Schande über sich selbst bringen. Wenn er aber wirklich von Allah gesandt ist, dann wird das, wovor er warnt, eines Tages eintreffen." Und zu seinen Landsleuten sprach
er: „Seid nicht hochmütig, weil ihr heute noch ungestört in diesem Land wohnt. Wenn Allahs Strafe eintrifft, wer kann uns davor bewahren? „Ich bin derjenige, der das Volk rechtleitet", schrie der Pharao
dazwischen. „Ich sehe und verstehe alles, und entsprechend befehle ich." Aber Pharao führte sein Volk auf den falschen Weg und nicht auf Allahs Weg.
Und der Mann fuhr unbeirrt fort: „Ich fürchte, dass ein schreck-
liches Schicksal über euch alle hereinbricht, wie es mit früheren Völkern geschehen ist. Eines Tages wird euch euer Stolz verlassen, und niemand kann einem den richtigen Weg zeigen, wenn Allah ihn nicht leitet. Der Mann sprach weiter zu seinem Volk: „Folgt mir nach, dann
will ich euch den rechten Weg zeigen. Dieses Leben ist nur eine vorübergehende Sache, bis der Mensch zu seinem Schöpfer heim kehrt. Wer ungerecht ist, wird die Folgen davon sehen, und wer Gutes tut, ob Mann oder Frau, wird Gutes im Überfluss haben." So mahnte er seine Landsleute, aber die meisten von ihnen hatten doch Angst vor dem Pharao und seinen Beamten und Soldaten und hörten nicht auf ihn.
Da hielt der Pharao vor dem ägyptischen Volk eine Rede: „Bin
ich nicht der Herr in Ägypten? Seht ihr nicht, wie der Nil, der an meinem Palast vorbeifließt, meinem Befehl gehorcht und jedes Jahr Wasser und fruchtbaren Schlamm auf eure Felder trägt? Ohne mich wäret ihr längst verhungert. Bin ich nicht besser als dieser dahergelaufene Ausländer, der nicht einmal richtig Ägyptisch sprechen kann? Warum kommt er nicht mit goldenen Armreifen und einer Leibwache von Engeln?" So versuchte er, das Volk zum Narren zu halten. Tatsächlich glaubten die Ägypter, der Pharao könne dem Fluß Befehle erteilen, und ihr Lebensunterhalt hinge davon ab. Darum hörten die meisten von ihnen nicht auf Musa. Musa sprach zum Pharao: „Wehe dir. Erfinde nicht eine Lüge gegen Allah, damit Er dich nicht auf der Stelle hinwegrafft. Lügen führt zu nichts. Allah hat uns mit deutlichen Zeichen zu dir geschickt." Mit diesen Worten warf Musa seinen Stab auf den Boden, und er wurde zur Schlange. Dann steckte er seine Hand in
sein Hemd und zog sie schneeweiß wieder heraus, so dass jeder es deutlich sehen konnte.
Da sprachen die ägyptischen Würdenträger zum Pharao: „Dieser Mann scheint tatsächlich ein geschickter Zauberer zu sein. Vielleicht will er einen Aufstand entflammen und dich von deinem Thron und aus deinem Land vertreiben. Jedenfalls ist er ein gefährlicher Mann. Was sollen wir also tun? Jemand schlug vor, Musa und seinen Bruder eine Zeitlang festzu-
halten und in der Zwischenzeit alle Zauberer des Landes zusammenzurufen, damit sie bei einem Wettkampf feststellen konnten, wessen Zauber der mächtigste war. Und so geschah es dann auch. Der Pharao ließ im ganzen Land alle Zauberer zusammenrufen
und versprach ihnen eine fürstliche Belohnung, wenn sie Musa besiegen konnten. Er hoffte, Musa würde sich in aller Öffentlichkeit blamieren und von sich aus aufhören, von seinem Gott zu reden. An einem festgesetzten Tag standen Musa und Harun also den ägyptischen Zauberern gegenüber. Sie alle hatten Stäbe mitgebracht, denn sie wollten zeigen, dass sie das gleiche konnten wie Musa und noch mehr. Hinterlistig fragten sie: „Willst du deinen Stab zuerst werfen, oder sollen wir anfangen?" Musa erwiderte:
„Werft ihr nur zuerst. Da warfen die Zauberer ihre Stäbe auf den Boden, und sofort verwandelten sich alle in Schlangen und krochen wild durcheinander. Bei diesem Anblick wurden die Zuschauer von Angst und Grauen gepackt. Selbst Musa war es nicht wohl, als er das Schlangengewimmel sah. Aber Allah sprach zu ihm: „Hab keine Angst, denn das ist alles nur ein Zaubertrick. Die Schlangen sehen nur so aus als ob sie lebendig wären. Du wirst mit der Wahrheit über ihren Schwindel siegen. Wirf deinen Stab hin! Dies tat Musa, und sofort verwandelte sich der Stab in eine noch größere Schlange. Die stürzte sich fauchend auf die anderen Schlangen und verschluckte sie allesamt.
Da sahen die Zauberer, dass Musa und Harun in Allahs Namen viel mächtiger waren als sie, denn selbst konnten sie nur mit ihren
Tricks das Volk erschrecken. Sie fielen nieder und sprachen:
„Wir glauben an Allah, den Herrn der Welten, den Herrn von Musa und Harun. Es gibt keine wirkliche Macht außer bei Ihm. Das hatte der Pharao nicht erwartet. Außer sich schrie er: „Wollt
ihr etwa diesem Mann glauben, ohne dass ich euch meine Erlaubnis erteilt habe? Das ist wohl eine Verschwörung gegen mich, um mich und mein Volk aus dem Land zu vertreiben oder einen Umsturz anzuzetteln. Dieser Mann ist wahrscheinlich insgeheim euer Anführer. Aber wartet nur ab, ich lasse euch allesamt kreuzigen. Ich lasse euch die Hände und Füße wechselseitig abhauen!"

Aber die Zauberer entgegneten: „Wir haben die Wahrheit mit unseren eigenen Augen gesehen und sind zu unserem wirklichen Herrn zurückgekehrt. Du willst dich ja nur rächen, weil wir die Zeichen unseres Herrn erkannten, als sie deutlich zu uns kamen." Sie beteten: „O unser Herr, gib uns Geduld und Standhaftigkeit, und laß uns als Deine Diener zu Dir zurückkehren."
Die ägyptischen Fürsten fühlten sich betrogen und sprachen zum Pharao: „Willst du Musa und seine Leute im Land Aufruhr anstiften lassen, so dass das Volk dir und den Göttern den Rücken kehrt?" Sie waren sich einig, dass sie das nicht zulassen wollten, und der Pharao befahl erneut, alle männlichen Kinder der Bani Israel zu töten und nur die Mädchen am Leben zu lassen. „Sie sind in unserer Gewalt", sprach er.
„Für euch gibt es keinen Gott außer mir!" rief der Pharao seinen
Beamten zu, und zu seinem Minister sagte er laut und spöttisch:
„O Haman, laß Ziegelsteine brennen und einen hohen Turm bauen, damit ich zu Musas Gott hinaufsteige und ihm die Meinung sage. Aber in Wirklichkeit halte ich Musa für einen Lügner." So wollte er in seinem Spott seine Angst verbergen. Aber innerlich hoffte er immer noch, er könnte Musa auf irgendeine Weise loswerden. Unter vier Augen sprach er zu ihm: „Was fällt dir eigentlich ein? Haben wir dich deswegen am königlichen Hof aufgezogen und dir die beste Erziehung gegeben, damit du jetzt kommst und
uns Vorhaltungen machst? Jahrelang bist du einer von uns gewesen, bis du jemanden totgeschlagen hast und davongelaufen
bist."
„Damals war ich im Irrtum", erwiderte Musa, „und ich floh vor euch, weil ich Angst hatte. Aber inzwischen hat mir Allah Weisheit gegeben, dass ich klar urteilen kann, und mich zu Seinem Gesandten erwählt. Und welchen Gefallen hast du mir eigentlich getan? dass du meine Brüder, die Bani Israel, versklavt hast und ausrotten willst? Soll ich etwa dafür auch noch dankbar sein? Mich hättest du schließlich auch getötet, wenn nicht die Königin dich überredet hätte."
Denn Musa wußte sehr gut, dass nur die Überredungskunst der
Königin den Pharao dazu bewegt hatte, ihn überhaupt am Leben
zu lassen. Sie war eine liebe, gute Frau, die unter der Grausamkeit ihres Mannes viel zu leiden hatte. Als Musa mit seiner Botschaft zum Pharao kam, wußte sie gleich, dass er die Wahrheit sprach.
Sie betete zu Allah um Hilfe und sprach: „O mein Herr, laß mich
dereinst im Garten in Deiner Nähe wohnen und rette mich vor dem Pharao und seinen Plänen und vor den Ungerechten."
Allah sprach zu Musa: „ Sage den Bani Israel, dass sie ihre Wohnstätten in Ägypten zu Gebetsstätten machen sollen. Dort sollt ihr beten und die Botschaft denen weitergeben, die glauben."
Musa sprach zu seinem Volk: „Bittet Allah um Hilfe und wartet in
Standhaftigkeit und Geduld. Denn Allah gehört die ganze Erde, und Er wird Seinen Dienern einen schönen Ort geben, wo sie in Frieden leben können. Für die Gerechten wird endlich alles gut."

 

Die Bani Israel sprachen: „Wir haben nichts als Schwierigkeiten, bevor du kamst, und danach." Die meisten von ihnen weigerten sich, auf ihn zu hören, denn sie fürchteten die Rache des grausamen Herrschers. Nur einige wenige nahmen seine Botschaft an. Zusammen mit Musa beteten sie: „O unser Herr, auf Dich vertrauen wir. Laß uns nicht den Unterdrückern zum Opfer fallen, und befreie uns durch Deine Barmherzigkeit von denen, die die Wahrheit ablehnen."
Musa sprach: „O mein Volk, wenn ihr wirklich an Allah glaubt, dann vertraut nur auf Ihn. Ihr braucht euch nicht vor euren Feinden zu fürchten."
Musa betete: „O unser Herr, Du hast dem Pharao und seinen
Fürsten Pracht und Reichtum in diesem Leben gegeben. Darum verwandle den Reichtum für sie in einen Fluch, so dass dadurch ihre Herzen verhärtet werden und sie nicht umkehren, bis sie die Strafe sehen."
Und Allah antwortete ihm: „Deine Bitte ist bereits in Erfüllung gegangen. Du aber stehe aufrecht und folge nicht dem Weg der Unwissenden."
immer wieder forderte Musa den Pharao auf, die Bani Israel aus dem Land ziehen zu lassen, aber dieser weigerte sich und befahl seinen Soldaten, die Grenzen schärfer zu bewachen, damit sie nicht etwa heimlich entkommen konnten.
Da ließ Allah eine große Trockenheit über das Land kommen, so dass eine Hungersnot ausbrach. In dieser Zeit wandten sich viele Ägypter zu Allah und beteten um Hilfe. Aber als die Hungersnot zu Ende war, sprachen sie untereinander: „Wir haben selbst die schlechten Zeiten überwunden, die Musa mit seiner Zauberei über das Land gebracht hat." Und zu Musa sprachen sie: „Was auch immer für Zeichen du mit deiner Zauberei zeigst, wir werden dir doch nicht glauben."
Da ließ Allah Plagen über Ägypten hereinbrechen. Scharenweise kamen Heuschrecken, die alles Grün verschlangen und das Land verwüsteten. Frösche stiegen aus den Gewässern heraus und drangen in die Häuser ein, und allerlei Ungeziefer überfiel den Pharao und das starrsinnige Volk. Jedesmal, wenn eine Plage am schlimmsten im Lande herrschte, riefen die Ägypter: „O Musa, bitte deinen Gott für uns, dass Er sich an Sein Versprechen an Dich

 

erinnert, damit Er die Plage von uns abwendet. Wir wollen dir dann auch glauben und die Bani Israel mit dir ziehen lassen." Aber sobald die Plage vorüber war, brachen sie ihr Wort und nahmen ihren alten Hochmut und Starrsinn wieder an.
Dann wieder ließ Allah alles Wasser im Nil über Nacht zu Blut werden. Voller Entsetzen wandten sich die Ägypter an Musa und sprachen zu ihm: „Du fremder Zauberer, du hast mit deinem Gott einen Vertrag gemacht. Bitte Ihn doch, dass Er die Plage von uns nimmt, dann wollen wir auch auf dich hören."
Doch kaum war wieder Wasser im Fluß, da waren die Ägypter
hochmütig wie nie zuvor, und der Pharao sprach: „Glaubt nicht, dass ihr mit eurer Zauberei etwas erreichen könnt, du und dein Bruder."
„Du weißt sehr wohl, dass diese Dinge keine Zauberei sind, son-
dern vom Herrn der Welten kommen, damit dir die Augen geöffnet werden. Ich sehe, dass du wirklich dem Untergang entgegengehst," entgegnete Musa. Aber der Pharao tat nur, als höre er es gar nicht.
Schließlich gab Allah Musa den Befehl, mit den Bani Israel ohne die Erlaubnis des Pharao das Land zu verlassen. In jener Nacht sollten sie alle bereitsein und alle zusammen heimlich davonziehen.
„Habt keine Angst", sprach Allah zu Musa, „ich will euch den Weg zeigen, und wenn die Ägypter euch verfolgen, wirst du mit deinem Stab einen trockenen Weg durch das Meer schlagen, und nichts Böses wird euch geschehen."
Heimlich packten da die Bani Israel ihre Habe zusammen, und als die bestimmte Nacht hereinbrach, waren sie alle bereit zum Aufbruch.
Die Ägypter blieben zu Hause und weinten und klagten. Sie
wünschten, der grausame Pharao würde endlich die Bani Israel gehen lassen, wohin sie wollten, damit nur diese schrecklichen Plagen aufhörten. Da gab Musa das vereinbarte Zeichen, und die Bani Israel verließen ihre Häuser und zogen in die Wüste. Sie wanderten die ganze Nacht auf die ägyptische Grenze zu. Musa kannte wohl den Befehl des Pharao, die Grenze besonders scharf zu bewachen, und er führte die Bani Israel etwas weiter südlich an die Meeresküste.
Als der Pharao merkte, dass die Bani Israel fortgezogen waren,

packte ihn die Wut. Unverzüglich gab er seinen Soldaten den Befehl, sie zu verfolgen, und ritt selbst an der Spitze seiner Armee. Außerdem schickte er Boten in alle Dörfer und Städte mit der Nachricht, dass die Bani Israel ohne seine Erlaubnis das Land verlassen wollten. „Sie sind nur wenige, wir aber viele", ließersagen,
„darum gebt ihnen kein Obdach, sondern haltet sie fest und liefert
sie uns aus."

„Und Gott leitet das Volk der Unterdrücker nicht recht." Sure 2, Vers 258

Die ägyptische Armee verfolgte die Bani Israel die ganze Nacht durch, und als der Morgen graute, hatten sie sie schon fast eingeholt. Zudem waren die Bani Israel am Meeresufer angekommen, und als sie in der Ferne die feindlichen Soldaten heranreiten sahen,
sprachen sie zu Musa: ,,Du hast uns in eine Falle geführt. Bald werden sie uns überrumpelt haben." Denn innerlich glaubten sie ihm nicht, dass er sie in die Freiheit führen konnte.
Musa aber erwiderte: „Keineswegs. Mein Herr ist bei mir und wird
mir einen Ausweg zeigen."
Allah sprach zu Musa: „Schlage mit deinem Stab auf das Wasser!" Das tat Musa, und da teilte sich das Meer und gab einen Weg frei, so dass die Bani Israel hindurchgehen konnten, während sich links und rechts die Wassermassen auftürmten.
Doch als der Pharao mit seinem Heer den Bani Israel folgen wollte
und sich schon seines Sieges gewiß war, da kehrte das Meer zurück, und die ganze Armee ging unter. Von Todesangst gepackt rief der Pharao: „Nun sehe ich, dass es keinen Gott gibt außer dem Gott
der Bani Israel. Ich gebe meinen Machtanspruch auf." Aber da war
es für ihn schon zu spät. Nur sein Körper wurde aus den Fluten geborgen und nach ägyptischer Sitte einbalsamiert und beigesetzt. Am Tag der Auferstehung jedoch wird dem Pharao nichts von all der Pracht nützen, mit der er beigesetzt wurde. In dieser und in jener Welt folgt dem grausamen Tyrannen ein Fluch, und am Tag der Auferstehung wird er den Ungerechten aus seinem Volk vorangehen.

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