Die Geschichte von Shuaib

Während sich Yakubs zwölf Söhne und deren Nachkommen in Ägypten ansiedelten, lebte in der Landschaft Madyan in Palästina ein Volk, das im Laufe der Zeit immer größer geworden war. Madyan lag genau an der großen Karawanenstraße, die Ägypten und das babylonische Reich miteinander verband. Diese beiden großen Weltmächte der damaligen Zeit tauschten Waren mitein- ander aus, die alle mit Kamelen über diese Straße transportiert wurden.
Zuerst gab es in Madyan Rastplätze für die Reisenden. Schon bald entstanden auch Märkte, und im Laufe der Zeit wurde das Volk von Madyan immer gieriger nach Geld und Luxuswaren. Sie fingen an, die Kaufleute zu bestehlen und zu betrügen. Da es im Land viel Wald gab, lauerten sie auch nicht selten im Hinterhalt, um eine Karawane zu überfallen und die Diebesbeute selbst weiterzuver- kaufen. Solche Lebensweise war im ganzen Volk verbreitet, und sie waren stolz auf ihren wachsenden Reichtum.

Sobald aber einer von ihnen auf den Gedanken kam, hilfsbereit und ehrlich zu sein, Gier und Neid in seinem Herzen zu bekämpfen und dadurch den Weg zu Allah zu finden, dann machten seine Landsleute ihm das Leben unerträglich schwer. Sie sprachen zu ihm: „Allah hat uns Reichtum gegeben. Warum nicht soviel davon nehmen wie mög- lich?" Damit verdrehten sie alles, was Allah jemals den Menschen hatte sagen lassen.
Dennoch gab es einige Menschen im Land, die daran dachten, dass aller Reichtum vergeht und sie einst zu Allah zurückkehren. Diese Menschen waren ehrlich und hilfsbereit zu Fremden und strebten danach, in sich selbst gute Charaktereigenschaften zu entwickeln. Unter diesen Menschen gab es einen Mann namens Shuaib, und diesen wählte Allah als Seinen Gesandten aus, um das Volk von Madyan zu ermahnen.
Shuaib sprach zu seinem Volk: „O mein Volk, dient Allah. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Jetzt ist ein klares Zeichen von eurem Herrn zu euch gekommen. Gebt den Leuten volles Maß und Ge- wicht und unterschlagt nicht, was ihnen zusteht. Und bringt kein Unrecht in die Welt, nachdem Recht geschafft worden ist. Das ist besser für euch, wenn ihr nur ein Einsehen hättet.

 

Und lauert nicht an jeder Straße, um die Menschen zu bedrohen und sie von ihrem Weg zu Allah abzubringen, wenn sie an Ihn glau- ben. Erinnert euch doch, wie ihr klein wart, und Allah hat euch
groß werden lassen. Vergeßt nicht, wie die Übeltäter enden.
Und wenn es unter euch solche gibt, die an die Botschaft glauben, mit der Allah mich gesandt hat, und solche, die nicht glauben, übt euch in Geduld und Standhaftigkeit, bis Allah zwischen uns die Entscheidung trifft. Er ist der beste Richter." Die arroganten Führer des Volkes erwiderten: „O Shuaib, wir werden ganz sicher dich und deine Nachfolger aus der Stadt verweisen, wenn ihr nicht zu unseren Traditionen zurückkehrt." Denn auf ihr Räuberhandwerk und ihren angehäuften Reichtum waren sie sehr stolz und nannten jede Schandtat ihre Tradition. Er sprach: „Eure abscheulichen Traditionen lehnen wir ab. Wir
würden tatsächlich eine Lüge gegen Allah erfinden, wenn wir eurer Lebensweise folgen würden, nachdem uns Allah davon befreit hat. Allah kennt die verborgensten Dinge, und Ihm vertrauen wir. 0
Allah, entscheide Du zwischen uns und unserem Volk, denn Du bist der beste Richter."


Die Führer des Volkes versuchten nun, die Gottesfürchtigen von ihrem Weg abzubringen. Sie sprachen zu ihnen: „Wenn ihr Shuaib nachfolgt, habt ihr nur Nachteile davon. Ihr werdet verachtet und verfolgt, und wenn ihr nicht Geld erwerbt, wo immer ihr könnt, und ehrliche, selbstlose Menschen sein wollt, werdet ihr sicher arm, oder jedenfalls nicht so reich wie wir."
Shuaib erwiderte: „Jetzt seid ihr scheinbar reich, weil ihr glaubt, viel Geld zu haben. Aber unrecht erworbenes Gut kann auf die Dauer kein Glück bringen. Euer Reichtum kann euer Leben nicht verlängern und euch nicht von der gerechten Strafe freikaufen. Seid zufrieden mit dem, was Allah euch zugedacht hat, und be- herrscht eure Gier. Wolltet ihr doch nur die Warnung annehmen! Aber ich kann nicht mehr tun als euch ermahnen. Ich bin nicht als Wächter über euch eingesetzt. Ich bin nichts als ein Gesandter von meinem Herrn und verlange nur, dass ihr euch Ihm zuwendet."
Sie erwiderten: „Willst du uns vorschreiben, dass wir zu deinem Gott beten, statt unseren Traditionen zu folgen, und uns verbieten, mit unserem Eigentum zu machen, was wir wollen? Du bist wohl so ein Moralprediger, der langweilige Reden hält."

 

Shuaib erwiderte: „Seht doch, dass ich einen klaren Beweis von Eurem Herrn bringe. Hat Er mir nicht meinen Unterhalt gegeben? Ich will darum nicht so wie ihr Verbotenes tun und an mich rei- ßen, was mir nicht gehört. Ich will nur das Beste für euch und ver- traue allein auf Allah. Seid nicht eigensinnig und trotzig, nur weil ich euch ermahne, sondern wendet euch Allah zu, damit ihr nicht ein ähnliches Schicksal erleidet wie die Völker vor euch. Bittet um Vergebung und kehrt zu Allah zurück, denn Er ist der Vergebende und Barmherzige."
Einige sprachen: „Das meiste von dem, was du sagst, verstehen wir nicht. Wir sehen nur, dass du keine Macht hast. Nur deiner Familie zuliebe haben wir dich nicht gesteinigt, denn du versuchst, uns Vorschriften zu machen, ohne dass du dazu berechtigt bist." Shuaib antwortete: „Nehmt ihr mehr Rücksicht auf meine Familie
als auf Allah? Denn Ihn mißachtet ihr, obwohl Ihm die eigentliche Macht gehört. Er hat euch von allen Seiten eingekreist. Tut, was der Wahrheit entspricht. Seht euch vor, und ich will mich vor- sehen." Sie aber erwiderten: „Du bist ein gewöhnlicher Sterblicher wie wir, und wir sind davon überzeugt, dass du lügst, um dich wich- tig zu machen. Laß doch den Himmel auf uns herunterfallen, wenn du die Wahrheit sagst." Damit wandten sie sich ab und überlegten, ob sie den Gesandten Allahs nicht doch töten oder wenigstens aus dem Land vertreiben sollten, so waren ihre Herzen von der Gier nach Reichtum besessen. Ja, die Leute von Madyan unterschieden sich dabei nicht von anderen Völkern, die Allahs Gesandte ver- höhnten und sie sogar töten wollten.

Sie waren noch dabei, heimlich in der Nacht zu beratschlagen, wie sie Shuaib loswerden könnten, da gab Allah Seinem Gesandten den Befehl, mit den Gottesfürchtigen das Land zu verlassen. Noch in der gleichen Nacht machten sie sich auf den Weg. Kaum waren sie fortgezogen, da brach in Madyan ein gewaltiges Erdbeben los. Alle die hochmütigen Männer, deren Lebensweise aus Raub und Be- trügerei bestanden hatte und die sogar Allahs Gesandten hatten töten wollen, wurden davor überrascht, während sie noch berat- schlagten, und lagen am Morgen erschlagen unter den Trümmern ihrer Häuser.

Allahs Friede sei mit Shuaib.

 

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