Die Geschichte von Hud

Die Generationen nach Nuh kamen und vergingen. Längst hatten sich die Menschen in große Völker geteilt und waren in alle Richtungen der Erde gezogen. Sie sprachen verschiedene Sprachen und schrieben verschiedene Schriftzeichen. Sie trugen verschiedene Kleider, je nachdem, ob es in ihrer Heimat heiß oder kalt, feucht oder trocken war. Mit Schiffen und Flößen überquerten sie die Meere und besiedelten selbst ferne Inseln und Erdteile.


Und während sie dies alles taten, wuchs wieder Stolz und Übermut in ihren Seelen heran. Sie verließen Allahs Weg und folgten ihren eigenen Launen. Wieder herrschte das Recht des Stärkeren. Sie begannen, die Erde unter sich aufzuteilen, und viele Völker führten Kriege, um ihre Länder zu vergrößern oder wenigstens reich und berühmt zu werden. Ja, einige wollten sogar die ganze Welt erobern. Zu jener Zeit gab es ein Volk namens Ad. Das war ein Volk von Ackerbauern, aber es gab unter ihnen auch reiche und mächtige Fürsten, die das Volk unterdrückten. Diese wohnten in befestigten Burgen und prächtigen Schlössern, wo sie ihren Reichtum horteten, und von wo aus sie zu Kriegen gegen ihre Nachbarvölker aufbrachen. Jeder von ihnen wollte der Reichste und Mächtigste sein. Von den Bauern forderten sie Steuern und Abgaben oder zwangen sie zum Kriegsdienst, wenn aber ein feindliches Heer heranzog, verschanzten sie sich in ihren Burgen und sahen zu, wie die Felder der Bauern geplündert wurden. In ihrer Eitelkeit bauten sie auf den hohen Bergen Denkmäler für sich selbst und ihre Ahnen. Und im Laufe der Zeit wurden diese bewunderten Standbilder zu Götzen, und das Volk betete sie an und dichtete Lieder und Sagen über ihre Heldentaten.
Zu diesem Volk schickte Allah Seinen Gesandten Hud. Dieser war ein
Mann aus dem Volk, aber er war ehrlich und gerecht. Er beteiligte sich nicht an der Götzendienerei, denn er wusste, dass Allah mächtiger ist als die mächtigsten Fürsten, und dass die Götzen in Wirklichkeit leblose Figuren waren. Hud sprach: „O mein Volk, dient Allah, dem einzigen Gott, und vertreibt das Böse aus euren Herzen und aus eurem Land. Beraubt euch nicht gegenseitig, Allah verabscheut Ungerechtigkeit und Tyrannei. Zu Ihm kehrt ihr zurück, was soll es also, Burgen zu bauen und Schätze zu horten, als ob ihr ewig leben würdet? Habt ihr denn vergessen, wie es Nuh und seinem Volk ergangen ist?"
Als die Fürsten Huds Rede hörten, sagten die einen: „Das ist eine Lüge!" und die anderen sagten: „Ach was, ihn braucht man überhaupt nicht ernstzunehmen'
Hud erwiderte: „Aber sicher sollt ihr Allahs Botschaft ernstnehmen. Ihm gehört die Macht im Himmel und auf der Erde, und ohne Seinen Willen regt sich kein Lebewesen. Ich erfülle nur meine Pflicht als Gesandter, um euch vor Allahs Strafe zu warnen."
„Das kann ja gar nicht sein", entgegneten die Fürsten ungläubig, „du bist doch ein Mensch wie wir. Wir kennen dich, du bist ein Mann aus unserem eigenen Volk."
Hud sprach: „Darum hat Allah mich ausgesucht, damit ich in eurer
eigenen Sprache zu euch sprechen kann, so dass ihr Seine Botschaft versteht. Wollt ihr euch nicht an Seine Barmherzigkeit erinnern? Er ist es doch, der euch alles gibt, was ihr habt, und der euch zu einem großen Volk gemacht hat. Wendet euch zu Ihm, damit es euch wohlergeht."
Sie aber ärgerten sich über seine Worte, die klar und eindeutig und für jeden verständlich waren. Sie sagten: „Das ist unsere Lebensweise und unsere Kultur, die uns von unseren Vätern überliefert wurde. Wir lassen nicht zu, dass du sie zerstörst und einen alten Aberglauben wieder einführst. Was ist die Geschichte von der großen Flut anderes als ein altes Märchen? Die Wirklichkeit sieht anders aus. Macht und Geld sind alles, wofür es sich zu leben lohnt."
Hud entgegnete: „Eure sogenannte Kultur beruht auf der Verehrung
von Götzen, die eure Väter ausgedacht und erfunden haben. Hat sie nicht genug Krieg und Elend und Unterdrückung mitgebracht? Ihr selbst wißt das ganz genau. Was gibt es überhaupt zu diskutieren?"
Er predigte unbeirrt weiter, aber nur wenige Menschen hörten auf ihn
und folgten ihm nach. Die meisten hatten Angst vor den Fürsten und den Götzenpriestern, oder sie trugen in sich den falschen Stolz auf ihre Vorfahren und die prächtigen Standbilder und Tempel in ihrem Land, oder sie wollten einfach nicht ihre alten Gewohnheiten aufgeben. Sie verspotteten Hud und sagten: „Du hast
von deinem Gott nicht einmal einen Beweis mitgebracht. Sollen wir
dir etwa einfach auf dein Wort hin glauben? Wo bleibt außerdem deine Strafe?"
Hud sprach: „Allahs Strafe ist schon über euch." Denn in diesem Jahr war im ganzen Land der Regen ausgeblieben, so dass die Pflanzen auf den Feldern vertrockneten und eine große Hungersnot ausbrach. Die Menschen hatten nichts zu essen und kaum Wasser zum Trinken. Vergeblich beschworen sie ihre Götzen um Regen. Hud sprach zu ihnen: „Wendet euch zu Allah und bittet Ihn um Vergebung. Dann wird Er euch Seine Barmherzigkeit zeigen und Regenwolken über das Land schicken und euch neue Kraft geben." Aber dennoch glaubten
sie ihm nicht und sagten: „Unsere Götter haben wahrscheinlich deinen
Verstand austrocknen lassen." Eines Tages erschien am Horizont eine schwarze Wolke, die immer größer wurde. Als Hud diese sah, sprach er zu dem Volk: „Nun kommt Allahs endgültiges Urteil über euch."
„Aber nein", entgegneten die Ungläubigen, „die Götter haben unsere
Gebete erhört und unsere Opfer angenommen. Es wird endlich Regen geben. Wir sind gerettet." Da sah Hud, dass es keinen Zweck mehr hatte, weiter zu diesem Volk zu predigen. Er sprach: „Wenn ihr euch auch von Allah abwendet, dann habe ich doch wenigstens meinen Auftrag erfüllt und euch Allahs Botschaft gebracht. Ihr schadet niemandem außer euch selbst. Allah wird euch von der Erde verschwinden lassen und andere Völker an eure Stelle setzen." Nachdem er so gesprochen hatte, versammelte er die Gottesfürchtigen und verließ das Land. Sie wanderten lange Zeit die große
Karawanenstraße entlang, bis sie nach Mekka kamen. Dort blieben sie eine Zeitlang, aber bald zogen sie wieder weiter und siedelten in
einem anderen Land, wo sie in Frieden leben konnten. Inzwischen kam aus der schwarzen Wolke ein heißer Sandsturm von ungeahnter Stärke. Der zerstörte die Häuser des Volkes Ad und tötete alle Götzendiener und bedeckte das ganze Land mit einer Schicht Sand, so dass von dem ganzen Volk und seinen prächtigen Städten keine Spur mehr zu entdecken war. Als Hud alt wurde, kehrte er in seine einstige Heimat zurück. Dort starb er, und dort, im Wüstenland Hadramaut, findet man noch heute sein Grab. Allahs Friede sei mit Hud.

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