Nuh und die große Flut

Adam und Hawwa wurden alt und starben. Neue Generationen wuchsen heran und vergingen, und die Menschen wurden zu einem großen Volk auf der Erde. Sie zerstreuten sich und siedelten in allen Gegenden, wo sie fruchtbares Land fanden. Mancherlei neue Erfindungen und Entdeckungen machten sie. Sie zähmten Pferde, um darauf zu reiten, und bauten Wagen, um darin zu fahren und Lasten zu transportieren. Sie lernten, aus Ton Gefäße zu formen und diese dann zu festen Töpfen zu brennen. Sie bauten Häuser aus Holz und Stein. Aber immer weniger von ihnen erinnerten sich an ihren Stammvater Adam, an die Erschaffung der Erde und an Allahs Rechtleitung. Die meisten Menschen dachten nur an ihre eigene Macht und meinten, Kraft, Wissen und Geschicklichkeit kämen von ihnen selbst. Sie wurden sehr stolz und arrogant. Da sie Allahs Rechtleitung verlassen hatten, machten sie sich ihre eigenen Gesetze. Bei ihnen hatte das Stärkere immer Recht. Als Sinn des Lebens galt es, soviel wertvolles Gut wie möglich anzusammeln und möglichst viel im Volk zu sagen zu haben. Dass sie dabei ungerecht und grausam gegen Schwächere waren, kümmerte sie nicht. Zuletzt machten sie sogar Bilder von berühmten Leuten und beteten sie an und wurden damit zu Götzendienern. Ja, fast alle Menschen hatten Allah vergessen.


Da schickte Allah ihnen einen Gesandten, der sie an die Rechtleitung
erinnern sollte. Das war ein weiser und geduldiger Mann namens Nuh. Ihm gab Allah die Offenbarung und schickte ihn zu den Menschen.
Nuh sprach zu den Menschen: „O ihr Menschen, wendet euch zu Allah! Es gibt keine wirkliche Macht außer bei Ihm. Seid nicht ungerecht gegen euch selbst, sondern fürchtet den Tag, an dem ihr Allahs Gerechtigkeit gegenübersteht!" Die Würdenträger des Volkes hörten seine Rede mit Verachtung und sagten: „Kein anderer hat so merkwürdige Ideen. Du bist vielleicht nicht ganz gesund im Kopf." Aber Nuh entgegnete: „Das sind keine merkwürdigen Ideen, sondern Allah hat mich gesandt, alle Menschen öffentlich zu warnen, damit sie sich an Seine Barmherzigkeit erinnern. Und Allah hat mir offenbart, was ihr nicht wisst."
Die Anführer des Volkes lachten ihn aus und riefen: „Willst du für deine Rede etwa auch noch bezahlt werden?" Denn sie dachten hauptsächlich an Geld und Reichtum, und keiner von ihnen hätte je daran gedacht, etwas umsonst zu tun. Aber Nuh entgegnete:
„Ich vertraue allein auf Allah, der mich gesandt hat. Von euch will ich
nichts haben, denn bei ihm allein ist mein Lohn/'
Eine solche Antwort hatten die Anführer nicht erwartet. Sie ärgerten sich. „Du lügst!" Sagten sie. „Was du sagst, kann gar nicht stimmen. Du bist ein ganz normaler Mensch. Du isst, trinkst, arbeitest für deinen Lebensunterhalt und schläfst. Wenn dein Gott einen Gesandten schicken wollte, wieso hat er dann nicht einen Engel ausgesucht? Das würden wir dann vielleicht eher glauben." Aber wenn Allah einen Engel geschickt hätte, dann hätten sie sicher eine andere Ausrede ausgedacht, denn in Wirklichkeit ging es doch nur darum, dass sie die Wahrheit nicht hören wollten. Aber Allah kennt die Herzen der Menschen am besten.
Nuh sprach: „O mein Volk, seht doch, ich habe ein klares Zeichen von meinem Herrn. Seine Barmherzigkeit hat Er offenbart. Ist eure Arroganz denn so groß, dass sie Allahs Barmherzigkeit vor euren Augen verbirgt? Aber ihr müsst selbst wissen, was ihr wollt, niemand kann gezwungen werden." Jene aber sagten nur verächtlich:
„Was willst du schon Besonderes sein? Niemand hört dir überhaupt zu. Nur die Taugenichtse laufen dir nach." Und sie wandten sich ab. Tag und Nacht predigte Nuh dem Volk Allahs Botschaft; aber die meisten verspotteten und beschimpften ihn. Sie quälten ihn und die wenigen, die auf ihn hörten. Zuletzt wollten sie ihn sogar steinigen. Nuh betete zu Allah um Hilfe.
Allah wusste wohl, dass nun keiner mehr auf Nuh hören wollte. Er hatte beschlossen, die bösen Menschen zu vernichten. Er befahl Nuh, ein großes Schiff zu bauen, in dem er mit seiner Familie, den Gottesfürchtigen und vielen Tieren Platz hatte. Denn die bösen Menschen sollten in einer großen Flut untergehen, und nur Nuh mit seiner Familie, die gottesfürchtigen Menschen und die Tiere sollten gerettet werden.
Da fällte Nuh Bäume, zerschnitt sie zu Brettern und baute daraus ein
riesiges Schiff. Inzwischen kamen die Götzendiener vorbei und riefen:
„Wo bleibt denn deine Strafe? Du hast' uns lange mit Dis- kussionen aufgehalten, jetzt soll mal endlich was passieren!" Aber Nuh erwiderte sehr ernst: „In Allahs Hand liegt es, euch zu bestrafen. Er ist der Herr, und zu Ihm kehren wir zurück." Immer, wenn er mit seiner schweren Arbeit beschäftigt war, kamen seine Feinde und verspotteten ihn. „Na, gestern warst du noch ein Prophet, und heute bist du ein Schreiner geworden!" „Was wird denn das, ein Schiff? Auf dem Land?" „Seht nur, Nuh will auf dem Trockenen segeln!" So
riefen sie und lachten laut darüber, und sie machten böse Streiche, so dass Nuh kaum eine ruhige Minute hatte. Aber Nuh verlor nicht die Geduld. Er sprach zu ihnen: „Jetzt lacht ihr über uns, aber ihr wißt nicht, dass wir eigentlich Grund hätten, über euch zu lachen."
Als das Schiff endlich fertig war, sprach Allah zu Nuh: „Steigt nun ein und nehmt von allen Tieren ein Männchen und ein Weibchen mit." So geschah es. Nuh versammelte alle Tiere paarweise, Elefanten, Affen, Schafe, Hühner, Wölfe, Löwen, Adler, Spatzen und wie sie alle
heißen, große und kleine, und führte sie in das Schiff. Inzwischen sammelten sich finstere Wolken am Horizont, und es fing an zu regnen. Zuletzt stieg Nuh selbst ein mit seiner Familie und allen, die ihm nachfolgten, aber das waren nur wenige. Als der Regen schon richtig in Strömen herabstürzte, entdeckte Nuh draußen seinen Sohn. War er denn nicht mit in das Schiff eingestiegen?
„Junge", rief Nuh, „Steig schnell ein. Bleib doch nicht bei Allahs Feinden!" Dieser Sohn aber hörte weder auf seinen Vater, noch glaubte er an die Offenbarung. Hochmütig wie die anderen Feinde Allahs entgegnete er: „Ich will lieber auf einen hohen Berg steigen, da kommt das Wasser nicht hin." Nuh wollte noch etwas sagen, aber da kamen auch schon große Wellen und trennten die beiden. Nuh war sehr traurig. Er sprach zu Allah: „Er war mein Sohn und gehört doch
zu meiner Familie." Allah aber erwiderte: „Sei nicht traurig. Er gehört
nicht zu deiner Familie, weil er ein Ungerechter war. Und frag mich nicht nach Dingen, die du nicht wissen kannst." Denn sollen etwa Allahs Feinde auch noch belohnt werden, nur weil sie zufällig in der Familie eines Gottesdieners geboren sind? Nein, jeder ist für seine eigenen Taten verantwortlich. Allah aber gab Nuh viele Söhne und Töchter, die ihm Freude machten.
Draußen stieg indessen das Wasser immer weiter. Die Götzendiener, die gestern noch gelacht hatten, kletterten entsetzt auf Bäume oder auf die Dächer ihrer Häuser oder flohen auf die höchsten Berge, aber das Wasser erreichte sie auch da, und alle gingen unter. Das Schiff aber trieb sicher auf den Wellen dahin.
Nach vielen Tagen kam endlich von Allah der Befehl: „Himmel, hör auf zu regnen! Erde, verschlucke das Wasser!" Sogleich schien wieder die Sonne, und die Wassermassen verliefen sich. Das Schiff landete auf dem Berg Judi, der heute Ararat heißt. Als die Erde wieder ganz trocken war, sprach Allah zu Nuh: „Kommt nun alle heraus aus dem Schiff, mit Frieden von mir und meinem Segen auf dir und deinen Nachkommen und allen, die auf ihren Herrn vertrauen."
Da kam Nuh mit den Seinen und allen Tieren aus dem Schiff heraus.
Sie verteilten sich über das Land und bebauten es. Sie hatten Kinder und Enkelkinder und wurden zu Stämmen und Völkern. Der Berg aber, auf dem Nuhs Schiff gelandet war, ist heute mit Eis bedeckt. Wenn du heute auf einer Reise in das Land kommst, wo die Kurden wohnen, kannst du den Berg sehen. Die Hirten in der Gegend berichten, dass an heißen Sommertagen das Eis manchmal soweit schmilzt, dass man ein Stück des Schiffes sehen kann. Allahs Friede sei mit Nuh.

 

Zugriffe: 1166