Qabil und Habil

Adam und Hawwa wohnten auf der Erde und lebten von dem, was sie von ihren Feldern ernteten oder in der Wildnis sammelten. Sie hatten zahlreiche Söhne und Töchter. Ihnen erzählten sie von Allah, der die Welt erschaffen hat, und von dem schönen Garten, in dem sie einst gewohnt hatten. Adam überbrachte seiner Familie Allahs Offenbarung. Er lehrte sie zu beten und von ihrer Habe Opfer zu bringen. Er warnte sie auch vor dem Teufel, der ihr ständiger Feind war. So wuchsen die Kinder auf und hatten selbst Kinder, und sie wurden ein großes Volk.


Unter Adams Söhnen gab es einen, der hieß Qabil, und einen, der hieß
Habil. Sie bestellten den Acker und hielten Schafe. Jahr für Jahr zur Erntezeit brachten sie Allah ein Opfer. Allmählich aber sah Qabil die Arbeit als eine Art Wettstreit an und schaute mit neidischen Augen auf die Erfolge seines Bruders. Neid und Eifersucht aber sind Gedanken, die vom Teufel kommen. Sie verfinstern das Herz und vergiften die Seele, und ehe man sich’s versieht, bringen sie böse Taten mit sich.
Einst war es wieder Erntezeit, und die Brüder opferten einige Tiere und Früchte von ihren Feldern. Allah nahm Habils Opfer an, weil dieser ein reines Herz hatte. Aber Qabils Opfer nahm Er nicht an. Da verwandelte sich Qabils Neid in überschäumenden Hass, und er schrie seinen Bruder an: „Umbringen werde ich dich!" Sie waren weit draußen auf dem Feld, wo kein Mensch sie hören konnte. Habil erwiderte: „Selbst wenn du mich hier tötest, werde ich mich doch nicht wehren, damit ich nicht aus Versehen dich töte, denn ich fürchte Allah. Wenn du mich tötest, lädst du meine Fehler auf dich." Aber nicht einmal diese Worte konnten Qabil zu Verstand bringen, und er erschlug seinen eigenen Bruder.
Da lag Habil tot auf der Erde, und Qabil stand wie betäubt daneben
und begriff langsam, was geschehen war: dass sein Bruder da lag und nie wieder aufstehen und sein Gefährte bei der Arbeit sein würde, dass er selbst ihn getötet hatte. Er wusste nicht, was er tun sollte, ja nicht einmal, wie er den Leichnam seines Bruders vor den Geiern und Hyänen verstecken konnte. Da kam auch schon ein Rabe angeflogen.

 

Doch der Rabe fing nicht etwa an, von dem Leichnam zu fressen,
Wie es Raben manchmal tun, sondern scharrte mit seinen Krallen ein Loch in die Erde, wobei er immer wieder zu Qabil hinüberschaute. Endlich verstand dieser. Der Rabe war gekommen, um ihm zu zeigen, wie man ein Grab für den Toten gräbt. Qabil schämte sich sehr und rief aus: „Wie elend bin ich, dass ich dies von einem Raben lernen muss!"
Qabil begrub Habil, dann ging er fort. Die Menschen hatten Angst vor
ihm und gingen ihm aus dem Weg. Er selbst aber bereute seine Tat und wünschte, er hätte niemals die neidischen und eifersüchtigen Gedanken in seiner Seele wachsen lassen. Einen unschuldigen Menschen zu töten ist ein schweres Verbrechen. Wer einen Menschen tötet, ist wie einer, der die ganze Menschheit getötet hat. Wer aber einem Menschen das Leben rettet, ist wie einer, der der ganzen Menschheit das Leben gerettet hat.

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