Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
Der Mensch muss, wenn er seine existenziellen Möglichkeiten erkennen und Glückseligkeit und Vervollkommnung erlangen will, seinen existenziellen Wert richtig erfassen. Dann kann er seine Talente entfalten und den Pfad der Vervollkommnung beschreiten. Vernachlässigt er jedoch die Selbsterkenntnis und entfremdet er sich von seinem eigenen Selbst, kann er in seinem Leben niemals zu Vervollkommnung und Gottseligkeit gelangen. Jeder Mensch sollte daher die vielfältigen Dimensionen seiner Existenz studieren, damit er die richtigen Entscheidungen und sich vor Schaden bewahren kann. Es ist sehr bedauernswert, dass der Mensch, statt sein Leben anhand richtiger und genauer Kenntnisse in Ordnung zu bringen, sich mit falschen und unwichtigen Dingen befasst und erst dann darauf aufmerksam wird, wenn der Großteil seines Lebens bereits verstrichen ist und ihm nicht mehr viel Zeit für seine eigene Rettung und Verbesserung bleibt.
Zweifelsohne stellt mangelnde Selbsterkenntnis die Wurzel vieler Probleme dar, mit denen der Mensch zu kämpfen hat. Versucht er nicht, sich selbst zu erkennen, vernachlässigt er auch die Selbsterziehung und kann wesentliche Faktoren nicht ordnen. Dadurch entfremdet er sich von sich selbst, von anderen und von Gott und verliert letztlich sein existenzielles Kapital. Um glückselig zu werden, muss sich der Mensch ernsthaft mit Selbsterkenntnis befassen und die Gesamtheit der ihm von Gott gegebenen Bedingungen, Möglichkeiten und Talente kennen lernen. Der Mensch muss begreifen, warum Gott ihm all diese Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hat, warum er über einen freien Willen verfügt, und warum alle andere Wesen ihm zu Diensten stehen. Wir wissen, dass Gott, der Allweise, nichts umsonst tut, und nach Antworten auf diese Fragen zu suchen wirkt positiv auf die Entfaltung und Selbsterkenntnis des Menschen und bringt ihn auf den richtigen Weg. Andernfalls verschwendet man sein gesamtes existenzielles Kapital und trägt nur Schaden davon. Es gibt viele Qur’anverse, die den Menschen davor warnen und ihn auf die Folgen der Nachlässigkeit aufmerksam machen:
Und seid nicht gleich jenen, die Gott vergaßen und die Er darum ihre eignen Seelen vergessen ließ. Das sind die Übertreter.“[1]
„Für welch üblen Preis haben sie ihre Seelen verkauft!“[2]
Gott spricht hier von denjenigen, die ungläubig sind und niemals Gottseligkeit erlebt haben. Sie verwehren sich selbst die Gelegenheit, die Wahrheiten, die Kenntnisse, den Glauben und die Offenbarung zu erlangen:
„Jene aber, die ihre Seelen verderben, die wollen nicht glauben.“[3]
Der Qur’an spricht diese Identitätslosigkeit und Entfremdung in mehreren Versen an. Ein Beispiel dafür ist, wenn man sich an andere Menschen hält und sie zum Muster macht. Es gibt Menschen, die in manchen oder gar allen Aspekten ihres Lebens anderen Menschen folgen und ihre Bewertungen, Bedürfnisse, Probleme, Lösungen und Ideale nach ihnen ausrichten. Sie verlieren ihr seelisches Gleichgewicht und können aufgrund ihrer Unausgeglichenheit keine korrekten Bewertungen mehr durchführen, was in ihrem Leben zu Verwirrung und Planlosigkeit führt. Ihnen kommen die richtigen Kriterien für das wahre Leben abhanden, und es kommt dazu, dass sie ihren Lebensweg nicht mehr abändern und korrigieren können und sich ins Unglück und Elend stürzen. Sie erachten statt der Wahrheit und der Nähe zu Gott nur noch die materiellen Dinge als echt und sehen ihr Leben allein in der irdischen Welt. Entsprechend gilt all ihr Bemühen nur dem irdischen Leben, und sie sind überzeugt, das Richtige zu tun, während sie in Wahrheit nur Verluste erleiden.
„Sprich: ‚Sollen Wir euch sagen, wer die größten Verlierer sein werden, die von ihren Werken nichts haben werden? Das sind die, deren Taten auf Erden nichtig wurden, weil sie nicht glaubten, sondern den Irrweg gingen und meinten, dass sie Gutes getan hätten.’“[4]
Wenn der Mensch also wahre Gottseligkeit erlangen will, muss er sie in seinem Inneren und in seiner Wahrheit suchen, und sein inneres, göttliches Wesen mithilfe der Offenbarung erkennen und sich anschließend mit Geistesläuterung befassen. Nutzt er diese Gelegenheit nicht und verfällt er in Selbstentfremdung, versperrt er sich damit den Zugriff auf die Instrumente der vernünftigen und geistigen Erkenntnis und blockiert für sich selbst den Weg der Kenntnis. Der Qur’an sagt diesbezüglich:
„Dies, weil sie das Leben hienieden dem Jenseits vorgezogen und weil Gott das Volk der Ungläubigen nicht leitet. Sie sind es, auf deren Herzen und Ohren und Augen Gott ein Siegel gesetzt hat. Und sie allein sind die Achtlosen.“[5]
Um sich vor dem Sog und den Gefahren der Selbstentfremdung zu schützen, muss man sich selbst richtig kritisieren und das Ziel seiner Schöpfung beachten. Man muss sich mit Gottesfurcht, Glaube, guten Taten und auch Selbstbewertung läutern und damit die Voraussetzungen für die eigene Entfaltung, Vervollkommnung und Gottseligkeit erfüllen. Es gibt keinen anderen Weg, sich vor den Klauen der Triebseele zu retten. Um ein wahrer Gottesdiener zu sein, muss man bei sich selbst anfangen und mittels Mühe und Entschlossenheit Erkenntnis und unmittelbares Wissen erlangen, für sein jenseitiges Leben vorsorgen und zum reinen Monotheismus gelangen. Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.


Fußnoten:
[1] Sure al-Hashr, Vers 19.
[2] Sure al-Baqara, Vers 90.
[3] Sure al-Anþam, Verse 12 und 20.
[4] Sure al-Kahf, Verse 103 und 104.
[5] Sure an-Nahl, Verse 107 und 108.
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